Oakhands – „The Shadow of Your Guard Receding“ (This Charming Man)

Die Band aus München hat nach Erscheinen ihrer Debut-EP im Jahr 2016 endlich die erste Full Length am Start. Und die ist schön abwechslungsreich und ziemlich gut geworden! Die Jungs pendeln recht elegant zwischen Post-Hardcore, Emo, Post-Rock und Indie-Rock hin und her und wie es scheint, sind sie auch gern experimentierfreudig unterwegs. Trotzdem wird keiner der elf Songs zerpflückt, das Endergebnis klingt erstaunlich stimmig, die Songarrangements sind liebevoll ausgetüftelt, Spielfreude und Enthusiasmus lassen sich durch die Bank deutlich spüren und auch die melancholische Seite kommt nicht zu kurz. Die Band hat sich sozusagen ihr eigenes Universum geschaffen!

Die Vocals pendeln zwischen zerbrechlichem Gesang, leidendem Geschrei und Spoken Words, dazu gesellen sich verspielte und lebhafte Gitarren, die sich ineinander verflechten. Der gegenspielende Bass und die auf den Punkt präzise gespielten Drums bilden das Grundgerüst. Während der über vierzig minütigen Spielzeit wird es jedenfalls nie langweilig, im Gegenteil! Das Album ist ein richtiger Grower, der mit jedem weiteren Durchlauf in ungeahnte Höhen wächst und auch international absolut mithalten kann. Beim Hören fühle ich mich jedenfalls an Bands wie At The Drive In, Touché Amore, La Dispute, Coldplay, Envy, Sometree und anderen erstklassige Jahrtausendwenden-Bands erinnert.

Ich will jetzt gar keine einzelnen Songs herausheben, denn The Shadow of Your Guard Receding ist eines dieser Alben, für die es keine Playlisten-Empfehlungen geben sollte. Dieses Kusntwerk sollte am Stück entdeckt und genossen werden! Und das immer wieder von neuem! Das Oakhands-Universum wird noch deutlicher, wenn man die sechs parallel erschienenen Musikvideos ansieht. Die Dinger haben Kurzfilm-Charakter und unterstreichen nochmals doppelt, dass die Band ihre Musik mit Haut und Haaren lebt. Textlich setzen sich die Jungs mit menschlichen Problemen in der Gesellschaft auseinander, Themen wie Mentale Gesundheit, Soziale Ängste, patriarchale Machtstrukturen und das eigene Gefühlswirrwarr werden offen gelegt. Die Vinylversion scheint anhand der Fotos zu beurteilen ebenfalls ein kleines Kunstwerk zu sein, dazu gibt es noch ein 24-seitiges Textheft. Sollten irgendwann mal wieder Live-Shows möglich sein, dann sollten wir die großen Zugpferde aus Übersee erstmal vergessen und lieber auf Bands wie Oakhands setzen!

9/10

Bandcamp Stream / Facebook


 

Bandsalat: Ànteros, Arterials, Cienfuegos, De Carne E Flor, God Program, No Man, Norse, Nowar, Record Setter

Ànteros – „.​.​.​y en paz la oscuridad“ (Aloud Music Ltd) [Name Your Price Download]
Neuen Post-Hardcore-Stoff aus Barcelona gibt’s von der Band Ànteros, die ich bisher irgendwie zwar anders aber trotzdem ziemlich heftig gut in Erinnerung hatte. Und auf diesem Release gefällt mir die Band sogar noch einen Tick besser! Beim neuen Album sind die längeren instrumentalen Passagen zugunsten von mehr Vocals und einigen melodischen Komponenten reduziert geworden, so zumindest mein Eindruck. Die in spanischer Sprache gescreamten Vocals kommen sehr emotional und intensiv rüber, dazu passen natürlich die aufgeschichteten Gitarren und die bombastisch hämmernden Drums! Die Songs sind dazu noch stimmig aufgebaut, das knallt echt alles super! Der Mischmasch aus Post-Hardcore, Screamo, Post-Metal und Post-Rock dürfte allen gefallen, die auch mit den anderen Bands (Toundra, Syberia und Viva Belgrado) der beteiligten Bandmitglieder etwas anfangen können.


Arterials – „The Spaces In Between“ (Gunner Records) [Name Your Price Download]
Einmal im Jahr wird die Festplatte geputzt und komischerweise werden dabei immer wieder Reviews oder angefangene Texte entdeckt, die aufgrund meines Versagens und meiner Trägheit leider nicht erschienen sind. Und wenn die Dateien dann noch in verschiedenen Ordnern abgelegt sind, dann gibt es ’ne Treibsand-Situation. Scheiße! Keine Chance mehr. Vielleicht erscheint das durch meine Unfähigkeit nicht Erschienene irgendwann nach einem Hacker-Angriff auf meinen Rechner irgendwo im Darknet. Wunschdenken eines erfolglosen Bloggers! Wäre ja echt charmant! Aber Spaß beiseite: angenommen, man wird auf der Festplatte doch noch fündig, dann geht das gnadenlose Aussieben los: das ellenlange Review zum neuen Release von Strike Anywhere will sicher niemand mehr lesen, meine Meinung zum genialen Coriky-Album ist auch eher nebensächlich, diese Platten habt ihr eh auf dem Schirm. Beides und noch viel mehr also ab in den Papierkorb. Und richtig tief reintreten. Hmmm…Arterials…Moment mal! Zwar keinen angefangenen Text auf der Festplatte gefunden, aber ’ne Memo…Da sollte irgendwann mal noch ’ne physische Bemusterung kommen, die ich zwecks haptischer Beschreibung abwarten wollte. Kam aber nie, wahrscheinlich Corona-bedingt. Da mich Arterials auch schon mit ihrem ersten Release mitgerissen haben und es mit diesem hier ebenfalls machen, muss ich dringend tätig werden, wenn auch verspätet! Warum? Ich selbst hab erst vor ein paar Tagen eine Band entdeckt, die mir schon nach wenigen Tagen ans Herz gewachsen ist. Genreuntypisch zwar, aber geil! Deshalb mein dringender Appell, Arterials Musik aufzusaugen! Knödelig, emotional, mitreißend, druckvoll, nach vorne, lässig, yeah! Fans von Lifetime, Audio Karate, Hell & Back oder (hüstel) Strike Anywhere werden hier leuchtende Augen bekommen! Wenn Corona für irgendwas gut sein sollte, dann für die Local Hardcore&Punkrock-Szene! Und wenn irgendwann Konzerte wieder möglich sind, dann will ich so ’ne Band wie Arterials sehen.


Cienfuegos & De Carne E Flor – „Split EP“ (No Funeral Records) [Stream]
Auf diesem Release, das als Tape und digital via No Funeral Records erschienen ist, sind zwei südamerikanische Screamo-Bands zu hören. Zum einen ist da die Band Cienfuegos aus Chile, deren Sound zwar etwas dünn produziert ist, aber dem intensiven Screamo, der auch einige ruhigere, fast post-rockige Emo-Passagen mit an Bord hat, tut das eigentlich nicht weh. Der Sänger schreit sich jedenfalls schön den Hals blutig, als Einflüsse werden Bands wie Raein, kafka und tdoafs genannt. De Carne E Flor aus Brasilien hingegen klingen fetter produziert und legen eine etwas flottere Gangart hin. Ein schönes Screamo-Gewitter á la Boneflower, Daitro oder Respire gibt es da auf die Ohren! Die Brasilianer haben übrigens schon ’ne EP am Start, die hab ich mir gleich auch noch gezogen!


God Program – „Forever Lasts Another Year“ (Wretched Records) [Stream]
Auf diese EP bin ich mal wieder beim Stöbern in Bandcamp gestoßen und irgendwie fuchst es mich, dass ich zu blöde bin, über die Internetsuche auch nur ansatzweise etwas über die Band aus Connecticut zu erfahren. Was jedoch sicher ist: diese EP hier ist wie auch die 3-Song Demo und die 2018er-EP das Beste, was ich in Sachen Emo-Metalcore in der letzten Zeit so gehört habe! Die Band scheint sich an Jahrtausendwenden-Bands wie Poison the Well, From Autumn to Ashes, New Day Rising und Underoath zu orientieren. Dissonante, aber melodische Akkordfolgen und fette Riffs bilden das Rückgrat dieser vier Songs. Und dann ist da dieser fiese und fast bösartige female Schreigesang gepaart mit den cleanen Vocals! Killer! Ich bin so glücklich, dass ich auf die Band gestoßen bin!


Nø Man – „Erase“ (Quit Life) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Washington ist so ’n richtig fieser Hardcorebatzen geworden, dem man die Wut und die pure Verzweiflung förmlich anhören kann. Das Lineup setzt sich übrigens aus drei Majority Rule-Mitgliedern plus einer Sängerin zusammen, die wie ein wilder Köter ihre Vocals rausbellt. Schön krachig und düster fließen die acht Songs in einem Rutsch vorbei und reißen wie ein wildgewordener Strom alles mit, was dabei im Weg steht. Das erinnert dann musikalisch an Bands wie z.B. Gouge Away, Punch, pg99 und eben Majority Rule. Fettes Ding! Muss man unbedingt anchecken, wenn man auch nur eine der genannten Bands schätzt.


Norse – „blu“ (Tomb Tree Tapes u.a.) [Name Your Price Download]
Das im Jahr 2018 gegründete Trio aus Biella/Italien kommt mit seiner zweiten EP um die Ecke. Vier Songs wurden eingespielt, soundtechnisch machen die Jungs eine Mischung aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Post-Punk und Noise-Rock. Durch den Einsatz eines analogen Synthesizers kommt auch noch ein bisschen Psychedelic dazu. Es herrscht insgesamt eine etwas düstere Stimmung, auch textlich wird die Schattenseite des Lebens behandelt. Ich bin des Italienischen zwar nicht mächtig, aber dank einer Online-Übersetzung vermute ich das jetzt mal. Ach ja, eine ganze Latte an DIY-Labels ist auch mit von der Partie!


Nowar – „Don’t Lie“ (Last Exit Music) [Stream]
Das Quartett Nowar kommt aus Kiel und klingt mit seinem groovenden Hardcore-Punk aber viel eher nach New York in den Neunzigern. Bands wie Snapcase, Sick Of It All, Shelter, Orange 9mm, No Warning (hihi) oder auch frühe Refused sind sicher große Einflüsse, das alles passt auch gut als Referenz. Bisher erschien ein Demo, Don’t Lie ist nun das zehn Songs starke Debutalbum der drei Jungs und dem Mädel am Bass. Jedenfalls scheinen die Bandmitglieder ’ne ordentliche Kugel an Wut und Frustration vor sich herzurollen, bei all den Missständen dieser Welt wird aber der Kampf und Optimismus nicht aufgegeben. Das schlägt sich in den Texten genauso nieder, wie in der Musik. Auf der einen Seite brezeln die Songs mit ordentlich Saft, Groove und knödelnden Basslines los, es kommen aber auch immer wieder melodische Momente an die Oberfläche, so dass genügend Abwechslung vorhanden ist. Hach, und immer wieder diese tollen gegenspielenden Basslines wie z.B. beim Song Roses. Gleich beim zweiten Song, dem Titeltrack Don’t Lie gerät man ins Staunen, dass neben englisch gesungenen Vocals auch in deutscher Sprache gesungen wird. Nach meinem Geschmack fühlen sich die deutschen Vocals irgendwie besser an, an der englischen Aussprache hört man einfach, dass hier ein deutschsprachiger Mensch singt. Durch die female/male Gangshouts wird den Songs noch ein bisschen Unity und Positive Hardcore-Feeling eingehaucht. Alle Lyrics sind übrigens in einem 24-seitigen Booklet abgedruckt, in dem man auch noch diverse Foto-Kunstwerke bewundern kann.


Record Setter – „I Owe You Nothing“ (Topshelf Records) [Stream]
Die Band Record Setter hat im Verlauf ihrer drei Alben eine hörbare Entwicklung durchgemacht. Auf dem Debut im Jahr 2014 startete die Band mit rauem Emo-Post-Hardcore. Nach und nach haben sich aber immer mehr Screamo-Elemente in den Sound der Texaner eingeschlichen, dennoch wurde die Band auch hin und wieder mal leise. Insgesamt betrachtet ist I Owe You Nothing jedenfalls ein bemerkenswert intensives Album voller Melancholie geworden, egal ob es gerade laut oder leise zugeht. So knallt der Opener schonmal ordentlich nach vorne, dissonante Gitarren, treibendes Schlagzeug und leidender Schreigesang sind hier die Merkmale. Im Verlauf des Albums kommen zu diesen Krachausbrüchen aber auch immer wieder twinklige Math-Gitarren hinzu, eine klare Linie ist nie erkennbar, so dass es unvorhersehbare Wendungen gibt und somit auch niemals Langeweile aufkommt. Die elf Songs scheinen fast so, als ob sie miteinander verwoben wären. Und gerade deshalb sollte man das Album auch in einem Stück genießen. Ein saustarkes Album, eine echte Wucht!


 

Video-Runde: Andy Shauf, Heart Attax, Kill Her First, May The Tempest, Sophia Kennedy, Starlight Circus

Über das Jahr gehen auch immer wieder mal Anfragen von Bands ein, die noch kein offizielles Release draußen haben, aber schon ein Video zu einem Song zusammengeschustert haben. In dieser Video-Runde sind ein paar davon zu sehen, zudem gibt es ein paar Videos, die mir besonders gut gefallen.

Auf den Kanadier Andy Shauf und auch seine Band Foxwarren bin ich im letzten Jahr gekommen, als ich mir im Corona-Lockdown die empfehlenswerte TV-Serie Loudermilk angeschaut habe. Der Song Early To The Party spielt in dieser Serie eine Rolle, das bereits im Jahr 2016 erschienene Album The Party ist mir seit dem ersten Durchlauf ans Herz gewachsen.



Heart Attax aus Ingolstadt machen coolen und melodischen Post-Hardcore mit einem hohen Emo-Faktor. Es gibt bereits ein paar einzelne Songs und Videos, die echt mal Appetit auf mehr machen! Unbedingt anchecken!


Kill Her First aus Berlin hätten eigentlich bereits im Herbst ihr neues Album raushauen sollen, aber Dank Corona hat sich da wohl etwas verzögert. Die Mädels haben jedenfalls schon seit längerem ein Video am Start. Mir gefällt der neue Sound richtig gut! Etwas Streetpunk, ein bisschen Hardcore und ein guter Schuss Melodie!


May The Tempest kommen aus München und haben bereits eine EP und mehrere Singles releast. Zum Song Clouds haben sie (wahrscheinlich im Lockdown, da menschenleere Straßen) ein selbstgedrehtes Video zusammengebastelt. Irgendwann im März soll das Debutalbum erscheinen. Schaut mal rein, wenn ihr auf melancholischen Post-Hardcore mit Melodic Hardcore-Einflüssen stehen solltet.


Eins meiner Lieblings-Videos aus 2020 ist das Video zum Song Orange Tic Tac von der amerikanischen und in Hamburg lebenden Künstlerin Sophia Kennedy. Einfach mal anschauen und bis zum Schluss fasziniert sein!


Starlight Circus aus Kassel sind ebenfalls im Post-Hardcore unterwegs und haben auch schon eine EP am Start. Das Video zum Song Bittersweet reicht jedenfalls als Appetit-Happen auf mehr Songs aus!


 

Bandsalat: Cause A Riot, Casket Lottery, Coconut Fudge, Fuck The Facts, Reds, Sperling, Stay Inside, Yr Poetry

Cause A Riot – „Final Broadcast“ (Stupido Records) [Stream]
Seit 2011 sind die Jungs der finnischen Band Cause A Riot unterwegs, Final Broadcast ist bereits das zweite Album. Und das geht schön flott und teilweise auch verdammt melodisch nach vorne. Melodischer Hardcore-Punk mit teils hymnenhaften und mehrstimmigen Refrains und ordentlich Power im Gepäck, so könnte man das hier kurz zusammenfassen. Die neun Songs schwappen über vor Spielfreude und zaubern direkt ein Grinsen ins Gesicht. In diese Gitarren könnte ich mich reinlegen! Das Ganze ist auch noch schön satt produziert! Als erstes kamen mir beim Hören die ebenfalls aus Finnland stammenden Endstand in den Sinn, natürlich können auch Bands wie Good Riddance, Strike Anywhere oder frühe As Friends Rust als Vergleiche herhalten. Mich überrascht es immer wieder, wenn ich auf solch gute und jahrelang aktive Bands zufällig beim Bandcamp-Surfen stoße und ich sofort nach den ersten paar Tönen absolut angefixt bin. Und das ist hier definitiv der Fall!


Casket Lottery, The – „Short Songs For End Times“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wer rastet, der rostet, heißt es in einem vielzitierten Sprichwort. Dass dieser Spruch nicht immer ganz zutrifft, beweist das mittlerweile fünfte Album der Band aus Kansas City. Die Band hatte ja nach ihrer Auflösung im Jahr 2004 einige Reunion-Lebenszeichen von sich gegeben, 2012 erschien aber mit Real Fear das letzte Album. Und jetzt, acht Jahre danach, kommen The Casket Lottery mit diesem wuchtigen und intensiven Album voller Leidenschaft um die Ecke! Bei den ersten Durchläufen fühlte ich mich tatsächlich wie mit einer Zeitkapsel in die guten alten Anfangstage der Band so um die Jahrtausendwende herum versetzt! Die Songs strotzen nur so vor Ideenreichtum und Energie, man wird ab den ersten Tönen direkt in den Bann gezogen. Die rockigen und lauten Ausbrüche rücken auf diesem Release wieder mehr in den Vordergrund, schön gitarrenlastig und wuchtig kommen sie rüber. Die melodischen Vocals passen auch hervorragend, das klingt wunderbar kräftig und frisch! Genau darum haben wir uns doch damals in Zeugs wie Thrice, Thursday, Engine Down oder eben The Casket Lottery verliebt und sind den Releases bis heute treu verfallen! Die Gitarren pendeln zwischen Dissonanz und Melodie, und auch die Wut kommt nicht zu kurz, da dürften die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt sicher einen großen Einfluss genommen haben. Alles in Allem ein großartiges Album, das man in seiner Gesamtheit genießen sollte und das allen gefallen sollte, die ausgeklügelten Post-Hardcore und Midwest-Emo zu Ihren Faves zählen. Um auch zum Abschluss nochmal ein vielzitiertes Sprichwort zu bringen, das zwar auch nicht immer zutreffend ist, aber hier absolut passt: alte Liebe rostet nicht!


Coconut Fudge – „Selftitled & Soaked“ (DIY/Sonatine Produzioni) [Free Download]
Es ist schon ein kleines Weilchen her, dass diese beiden Releases erschienen sind. Die im Jahr 2005 gegründete Band existiert (leider) auch nicht mehr, dennoch landete eine Geister-Besprechungsanfrage im Postfach. Normalerweise wäre das hier ein klarer Fall für die Mottenkiste, denn beide Alben erschienen im Jahr 2008 und die letzte Show wurde 2009 gespielt. Was jedoch sicher ist: an dieser italienischen Band werden sicher alle Neo-Grunger und Emo-Punks Gefallen finden! Die Gitarren und der Bass verknoten sich ineinander, dazu kommen druckvolle Drums, manchmal auch Keyboards, cooler Slacker-Gesang und haufenweise Melodien, die sich schön in die Gehörgänge einnisten. Beide Alben können daher nur wärmstens empfohlen werden! Also, kurbelt euch die Dinger for free, lohnt sich!


Fuck The Facts – „Pleine Noirceur“ (Noise Salvation) [Stream]
Die kanadische Band Fuck The Facts treibt seit 1997 ihr Unwesen, seither sind zahlreiche Alben, EPs und Splits erschienen, da kann man schnell mal den Überblick verlieren. Und der Bandname passt so gut in unsere aktuelle Zeit! Nach einer kleineren Veröffentlichungspause von fünf Jahren bombt sich Fuck The Facts jedenfalls wieder mit einem lauten Knall zurück! Und irgendwie haben sich zum gewohnten Grindcore-Geballer auch Elemente aus Screamo, Post-Black-Metal, Crust, Sludge und Doom hinzugesellt, so dass das Ganze deutlich abwechslungsreicher als bisher rüberkommt. Immer wieder dringen unterschwellige Melodien durch, dazu ist das Ganze fett produziert, lediglich das Gekeife der Sängerin könnte manchmal etwas lauter sein, teilweise geht das Geschrei im Instrumentenhagel etwas unter. Gekreischt wird in französischer und englischer Sprache. Wer’s also gern düster, roh und heftig hat, der sollte hier mal die Lauscher aufsperren.


Reds – „Is​:​Means​/​Lost Tapes“ (Jean Scene Creamers) [Name Your Price Download]
In dieser Bandsalat-Runde gibt’s neben Coconut Fudge noch eine weitere Antiquität. Is:Means erschien im Jahr 2005 und ist eigentlich ein richtiger Emocore-Klassiker. Bei Reds zockten Leute von Alfonsin, Moss Icon und Cornelius mit und soundtechnisch geht es in eine ähnliche Richtung, mich erinnert das hauptsächlich an die großartigen I Spy. Bei den zusätzlichen Lost-Tapes-Songs handelt es sich um das Demo, Live-Aufnahmen und andere Soundschnipsel. Wer also an die Vinylversion nicht rangekommen ist, kann sich jetzt über den Name Your Price-Download freuen!


Sperling – „Zweifel“ (Uncle M) [Stream]
Scheinbar aus dem Nichts taucht hier ein sagenhaftes Debutalbum einer mir völlig unbekannten Band aus dem Hunsrück auf. Die fünf Jungs starteten im Jahr 2013 als Rapband unter anderem Namen, vor Kurzem dann die Umbenennung in Sperling. Der Name passt irgendwie ganz gut, die Vogelfamilie Sperling steht für Singvögel, die zappelig und hurtig unterwegs sind. Sperling kombinieren auf ihrem Debut wuchtigen Post-Hardcore und flirrenden Post-Rock mit Rap-Vocals und erinnern mich damit an Bands wie z.B. Empty Guns, OK Kid, être? oder Kind Kaputt. Auch Bands wie Fjørt oder frühe Casper dürften große Einflüsse sein, musikalisch wie textlich. Die äußerst lesenswerten Lyrics werden in deutscher Sprache vorgetragen, dabei wird es oftmals persönlich, es werden aber auch gesellschaftskritische Themen behandelt. Wenn man bei Crossover all die käsigen 90er-Kapellen mit ihren schrottigen 08-15-Gitarrenriffs im Hinterkopf hat, dann wird es jetzt Zeit für ein Upgrade! Denn Sperling haben ein wuchtiges Grundgerüst mit mächtigen Gitarrenwänden und knackig gespielten Drums am Start, dazu beherrschen sie das laut/leise-Spiel perfekt, technisch kann man den Jungs nichts vormachen. Die ausgeklügelten Songarrangements lassen keine Langeweile aufkommen, ein Cello zaubert immer wieder schaurig-schöne Klänge. Und wie es bei solchen Alben ist, wachsen die Songs mit jedem weiteren Durchlauf in ungeahnte Höhen. Da vernimmt man wirklich bei jedem neuen Durchlauf neue Töne, die man bisher überhört hat, insbesondere über Kopfhörer ein wahrer Genuss! Bittersüße und melancholische Melodien treffen auf Riffgewitter, dazwischen gibts dichte Atmosphäre. Dürfte sicher einige Leute geben, die das hier abfeiern werden und in Zukunft Sperling mehr als ein Geheimtipp bleiben wird. Zwölf Songs, 45 Minuten, keine Ausfälle!


Stay Inside – „Viewing“ (No Sleep Records) [Stream]
Bis man manch geiles Release entdeckt, dauert es halt ein bisschen länger. Wieviele unentdeckte Perlen da draußen wohl schlummern mögen? Der Gedanke ist kaum auszuhalten! Auf die im Jahr 2016 gegründete New Yorker Band Stay Inside möchte ich seit der Bandcamp-Zufalls-Entdeckung des Debutalbums in Zukunft jedenfalls nicht mehr verzichten. Zehn Songs zwischen Emo, Post-Hardcore, Neo-Grunge und Screamo sind darauf zu hören. Und die sind so intensiv und reichhaltig, dass keinerlei Langeweile aufkommt. Beeinflusst wurde die Band sicher durch Zeugs wie neuere Piano Becomes The Teeth, mewithoutyou, Citizen, Turnover oder Thursday. Diese verspielten Gitarren, dieser Bass, diese male/female Vocals zwischen clean und Geschrei, diese knackigen Drums, dieses unglaublich stimmige Songwriting, dieses wahnsinnige Ideenreichtum, dieses tief emotionale Gefühlschaos! Wenn ich eine 2020-Best Of-Liste gehabt hätte, wäre dieses Album ganz vorne mit dabei gewesen! Außerdem bekommt der Bandname in Corona-Zeiten eine ganz besondere Bedeutung! Also, bleibt schön drin und hört euch dieses Album an!


Yr Poetry – „Home Movies“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mit Home Movies endet die vor drei Jahren begonnene EP-Trilogie des Duos aus Birmingham. Eigentlich eine gute Gelegenheit, sich alle drei EP’s am Stück anzuhören und so ein bisschen Album-Luft zu schnuppern. Vier Songs sind es diesmal, und wie gewohnt schaffen es die beiden Bandkumpels von Johnny Foreigner mit wenigen Mitteln, eine emotionale Stimmung herzustellen. Soundtechnisch gibt es hier warmen Indie, Emo und Pop-Punk zu hören, zudem sind auch die Texte schön formuliert. Und eigentlich ist nach ausgiebigem Genuss der EPs jetzt auch mal wieder eine gute Gelegenheit, das geile Zeugs von Johnny Foreigner hinterherzuschieben. Ich hoffe ja, dass von der Seite auch mal wieder was kommt!


 

Sometimes Go – „Mountains“ (Midsummer Records)

Mannometer, das letzte Release der Band aus Gießen hab ich noch für Borderline Fuckup besprochen, das war Mitte 2014. Seit damals nie wieder was von der Band gehört. Und jetzt hauen die Jungs gleich ein ganzes Album raus, ohne Vorwarnung! Und dann auch gleich noch so eine schöne Perle! Aufgrund der Maßnahmen gegen die Pandemie und der damit plötzlich gewonnenen Freizeit wurde spontan beschlossen, mal wieder neue Songs zu komponieren. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen entstanden diese Songs interaktiv, was man dem Sound aber in keiner Sekunde anmerkt. Die langjährige Erfahrung der Bandmitglieder hat sich hier definitiv bemerkbar gemacht, vergangene Bands waren übrigens z.B. Dear Diary, Shadowpainter, Colourful Grey, Amber oder The Bleech.

Und das, was da aus den Lautsprechern kommt, weiß absolut zu gefallen und zu berühren. Insgesamt sind es elf Songs geworden. Vorerst gibt es das Album erstmal digital, im Februar 2021 soll dann Vinyl folgen! Danach lechze ich jetzt schon, denn Mountains strotzt vor Nostalgie, verträumten Melodien und großartigen Momenten. Die Gitarren sind so bittersüß, die Basslines wummern mächtig und gegenspielend, die Drums kommen druckvoll und fahren auch mal etwas zurück. Manchmal gibt’s auch flirrende Post-Rock-Gitarren auf die Ohren, so dass auch die Atmosphäre stimmt. Überhaupt wurde mit verschiedenen Gitarreneffekten experimentiert, obendrein zeigt auch die glasklare Produktion ihre gewünschte Wirkung. Zu alldem gesellt sich emotional aufgeladener Gesang, der einem die Tränen in die Augen treibt.

Leute, die Herzschmerz-Emo um die Jahrtausendwende herum zu ihren Lieblings-Genres zählen, werden diesem Album mit Haut und Haaren verfallen! Hört euch nur mal das dramatische und sich langsam steigernde Promises We Made oder das den Gehörgang umspinnende Everything Was Fine an! Selbst wenn es mal etwas massiger wie z.B. bei Albanian Squares wird, bleibt es emotional. Und zum Abschluss sind bei I Won’t Hide sogar noch ein paar elektronische Spielereien eingebaut, eine Trompete gibt’s dazu bei Sound Of The Radio zu hören. Hach, einfach wunderschön! Ein wahrer Goldschatz!

9.5/10

Bandcamp / Facebook / Midsummer Records


 

Bandsalat: Donots, Eleanora, Less Than Jake, Minerva Superduty, One Dying Wish, Red City Radio, Under Glass, We Too Will Fade

Donots – „Birthday Slams Live“ (Solitary Man Records) [Video]
Live-Alben machen hin und wieder doch Sinn, ich erinnere an das letztens besprochene Live-Tape der Band Kalt, das zwar einen rauen Sound hat, aber sehr viel Emotion und Energie rüberkommen lässt. Der Sound auf dem Doppel-Live-Album der Donots kommt im Vergleich dazu natürlich um einiges fetter und sauberer abgemischt rüber, aber dennoch hört man den Aufnahmen den Schweiß, die Freude und den Spaß an dem, was vor, auf und hinter der Bühne passiert, ganz genau an. Eigentlich kaum zu glauben, dass eine der umtriebigsten Live-Bands Deutschlands erst nach 25 Jahren ein Live-Album veröffentlicht. Eigentlich auch von der Idee her absolut stimmig, wurde das Ding bewusst in einer Zeit rausgehauen, in der ungewiss ist, wann mal wieder ein echtes Konzert stattfinden kann. Parallel zum Album läuft übrigens eine Crew-Support-Aktion für die Leute hinter den Kulissen, die in diesen Zeiten um ihre Existenz bangen. Tolle Sache! Ich muss zugeben, dass sich meine Live-Erlebnisse mit den Donots auf die ersten Bandjahre beschränken. Hab gerade im persönlichen Flyer-Archiv gespickelt und dabei ein paar Shows entdeckt, die von der Größenordnung noch in einem wesentlich kleineren Rahmen stattgefunden haben. Damals spielten die Jungs im Vorprogramm von Bands wie Samiam, Beatsteaks oder Errortype:11, heutzutage füllen sie alleine ganze Hallen. Von der Soundauswahl werden hier natürlich alle großen Hits geboten. Was mir an den Donots bisher nie aufgefallen ist, ist der leicht nasale Gesang an manchen Stellen. Mir liegt die fette und signierte Digi-Pack-Doppel-CD vor, es gibt aber verschiedene Varianten, u.a. eine Dreifach-Vinyl-Box-Set. Schön wäre es natürlich gewesen, wenn man neben dem Ton noch Videomaterial mitbekommen hätte. Trotzdem ist das hier ein sympathisches Release, das nicht nur eingefleischten Fans gefallen dürfte.


Eleanora – „Mere“ (Consouling Sounds) [Stream]
Schon auf dem Debutalbum der belgischen Band attestierte ich den Jungs eine apokalyptische Brachialität, vier Jahre später schieben die Jungs das zweite Album nach. Und das passt vom düsteren Sound hervorragend in die momentan herrschende Katastrophe. Die Mischung aus Hardcore, Screamo, Post-Hardcore, Sludge und Doom hat auf der einen Seite diese unbändige Power, auf der anderen Seite ist aber eine tiefe emotionale Seite zu spüren. Das kommt zum einen von den flirrenden und unterschwellig melodischen Gitarren, zum anderen transportiert das durchdringenden Geschrei des Sängers die pure Verzweiflung und massig Seelenschmerz. Wer auf Bands wie Amenra, Converge, Children Of Fall/Serene, Envy oder Cult Of Luna abfährt, könnte auch an Eleanora Gefallen finden.


Less Tank Jake – „Silver Linings“ (Pure Noise Records) [Stream]
Obwohl ich mich nicht zu den Fans der 1992 gegründeten Band aus Gainesville zähle und auch keinen einzigen Tonträger der Jungs besitze (außer diesen hier jetzt), konnte ich mich bereits mehrfach von den hervorragenden Live-Qualitäten der Jungs überzeugen. Nun denn, auch wenn man wie ich Ska-Punk eher skeptischer gegenüber steht, sollte man Silver Linings unbedingt eine Chance geben. Mich hat das Album direkt beim ersten Durchlauf in eine sonnige Laune versetzt. Man holt sich echt den Sommer in die Bude und vergisst für 36 Minuten mal kurz den ganzen Wahnsinn da draußen, wirklich wahr! Die Band klingt auf ihre alten Tage frisch und knackig, dabei wird mit zahlreichen catchy Parts nur so um sich geschmissen. Mal geht es flott zur Sache, mal wird schön im Midtempo gegroovt und irgendwie klingt alles extrem gut durchdacht und stimmig, langweilig wird es jedenfalls nie. Und immer wieder ertappt man sich dabei, wie ein Füßchen mitwippt. Die Bläser setzen an den richtigen Stellen ein, die Refrains gehen gut ins Ohr und der neue Drummer macht seine Sache auch perfekt. Soll das Gebilde auf dem Cover eigentlich ein Komet sein? Zum Albumtitel würde es ja ganz gut passen. Naja, egal! Jedenfalls merke ich mit jedem weiteren Durchlauf, dass dieses Album immer noch ein bisschen einen drauf setzt und wächst. Und was super ist: die gute Laune geht trotzdem nicht flöten! Dieser Stimmungsaufheller wird in den nächsten Monaten sicher noch öfters seinen Weg in den CD-Schacht finden!


Minerva Superduty – „In Public“ (Yetagain u.a.) [Stream]
Seit 2011 ist die Band aus Griechenland unterwegs, mittlerweile leben die Bandmitglieder in verschiedenen Teilen Griechenlands. Das dritte Album wurde daher in Athen und Kalamata aufgenommen und erschien in Zusammenarbeit der Labels Yetagain, Body Blows records, Sweetohm recordings, Bright Future, Vault Relics und 5FeetUnder Records. Und es ist ein richtig geiles Ding geworden. Grob kann man das Album unter Post-Hardcore einordnen, dazu gesellen sich Screamo, Chaos-Core und Melodic Hardcore. Mal geht es straight nach vorne, dann gibt es pfefferscharfe Riffs zu hören, die einfach nur alles wegblasen, dissonante Gitarrenspuren sind auch zu hören, dazu gibt es eine emotionale Tiefe zu spüren. Und dann dieser Schlagzeuger, ein wilder Hund! Mich erinnert der Sound ein bisschen an eine Mischung aus At The Drive In, Converge, United Nations, Touché Amore und frühe Stretch Arm Strong. Von der Intensität und Spielfreude her ist das Album ein richtiger Kracher mit acht saustarken Songs in 22 Minuten! Nach der 12inch muss ich unbedingt Ausschau halten!


One Dying Wish – „Origami“ (I.Corrupt.Records) [Name Your Price Download]
Die aus Turin/Italien stammende Band One Dying Wish kommt mit ihrem zweiten Release um die Ecke und lässt mir die Spucke wegbleiben! Oh ja, ich könnte mich in den Sound förmlich reinsetzen! Insgesamt sechs Songs sind auf Origami enthalten und es geht in Richtung Screamo/Post-Hardcore. Wundervolle Gitarren, mal stark verzerrt, mal nicht so verzerrt, manchmal auch clean treffen auf hektisches Getrommel, dazu gibt es gescreamte und gesprochene Vocals in italienischer Sprache, alles sehr intensiv und stimmig arrangiert. Fans von Bands wie Raein, La Quite, Ojne oder Serene/Children Of Fall werden hier voll auf ihre Kosten kommen! Ich liebe das hier!


Red City Radio – „Paradise“ (Pure Noise Records) [Stream]
Den HWM-lastigen und nach vorne gehenden Punkrock der ersten Jahre hat die Band aus Oklahoma größtenteils hinter sich gelassen, das war mein erster Höreindruck des neuen und mittlerweile vierten Albums. Das Ganze ist ziemlich massentauglich geworden. Neben Punkrock gibt’s haufenweise oldschool Rock’n’Roll und sogar etwas Stadion-Rock zu hören. Vieles geht direkt ins Ohr, 100.000 Candles ist beispielsweise so ein Kandidat. Mitgröhl-Hymnen finden sich jedenfalls einige, zudem kommt die melancholische Seite auch nicht zu kurz. Irgendwie bekommt man im Verlauf des Albums den Eindruck, dass die Jungs viel leichtfüßiger und fröhlicher wirken, den Spaß an der Sache kann man jedenfalls deutlich hören. Die Palette an Bandvergleichen reicht dabei von Zeugs wie Tom Petty, Bruce Springsteen, Thin Lizzy bis hin zu Samiam oder den Beatsteaks. Textlich beschäftigen sich die Jungs mit persönlichem Seelenkram, dazu passt auch das im meditativen New Age-Stil daherkommende und äußerst symbolreiche Albumartwork. Neben dem mir vorliegenden handlichen Digipack gibt’s das Album natürlich auch auf Vinyl. Also, mir gefällt dieser neue Stil zwar nicht so gut wie das Zeug aus der Anfangsphase, aber es wirkt sehr viel lebendiger und pfiffiger als die letzten Sachen der Band und klingt dadurch einen ganzen Ticken interessanter. Also, ich mag’s!


Under Glass – „Collapse This Path Of Existence“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Sobald die dissonant angehauchten Gitarren zusammen mit dem polternden Bass und den pfeffernden Drums ertönen, werde ich hellhörig! Der ruppige und raue Sound wird durch fiese, extrem Angst machende Schrei- und Kreischvocals vervollständigt. Die Mischung aus Hardcore, Emocore, Emoviolence und Screamo klingt jedenfalls schön abgefuckt und dystopisch und dürfte Leuten gefallen, die knifflige Mathe-Aufgaben bei einer Geräuschkulisse von Bands wie Usurp Synapse, Majority Rule, Combatwoundedveteran oder Jeromes Dream mit Bravour lösen. Fünf böse Songs!


We Too, Will Fade – „Everything Falls Apart As It Should“ (Midsummer Records) [Stream]
Der Sound der Münchener Band konnte mich bereits auf ihrer im letzten Jahr erschienenen Debut-EP überzeugen. Jetzt legen die Jungs ihre zweite EP vor. Es sind zwar nur drei Songs, diese bringen es aber auf eine Spielzeit von zehn Minuten. Und sie machen extrem hungrig auf mehr Stoff. Denn geboten wird eine mitreißende Melange aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Post-Rock und gar etwas Black-Metal. Jedenfalls passiert im Verlauf der zehn Minuten so einiges, was mich zufrieden grinsen lässt. Messerscharfe Gitarren treffen auf wuchtig groovende Drums, eine gewisse Melancholie und Verzweiflung ist dem Sound ebenfalls anzuhören. Und das nicht nur in seinen ruhigen oder atmosphärischen Momenten. Die Songarrangements sind ausgeklügelt und sitzen perfekt, die unterschwelligen Melodien passen genauso wie die Vertracktheit an manchen Stellen. Und betrachtet man die drei Songs in ihrer Gesamtheit, dann klingen sie so, als ob sie miteinander verwoben wären. Vom zwischen der Debut EP und dieser hier stattfindenden Line-Up-Wechsel hätte ich jetzt gar nicht Notiz genommen, wenn ich nicht noch kurz in den Pressezettel gespickelt hätte. Fans von Bands wie We Never Learned To Live, The Tidal Sleep oder State Faults sollten We Too, Will Fade mal schleunigst anchecken!


 

Tape-Duo: Out Of Phase & Kalt Split + V. A. Ones & Twos

Out Of Phase & Kalt – „Split Tape“ (Trace In Maze Records)
An diesem Split-Tape zweier befreundeter Bands mit hohem DIY-Charakter haben neben den Bandmitgliedern die Labels Trace In Maze Records, HC4LZS und Broken Sounds gebastelt. Und das Ergebnis kann sich sehen und hören lassen. Die Tape-Hülle ist aus festem und besiebdrucktem Karton raffiniert zusammengeklebt, da hat es sicher einiges an Geduld gebraucht! Aus dem Inneren kommt dann neben dem Tape ein klein zusammengefaltetes und mit schön lesbarer Handschrift versehenes Textblatt. Legt man dann das Tape ein, empfiehlt es sich, die Anlage laut aufzudrehen. Denn Out Of Phase machen einen niederschmetternden Sound, der wie eine Dampfwalze alles platt macht. Roh und räudig, unbequem polternd und trotz krachiger Aufnahme fett und satt klingt die Band aus Dresden. Die Mischung aus Hardcore, Sludge, Grind und Crust geht in erster Linie gut nach vorne, dennoch wird häufig abgebremst und schleppend zerstört. Stellt euch vor, Tragedy, His Hero Is Gone und Man Is The Bastard wären zusammen mit Doom und Neurosis im Proberaum und addiert dem Ganzen noch eine unbändige Spielfreude. Die sieben Songs ballern echt mal schön weg! Und denkt man, auf der B-Seite würde es ähnlich heftig werden, dann liegt man zwar völlig richtig, dennoch geht es in eine komplett andere Richtung. Bei der Band Kalt handelt es sich um das Alter Ego der Band Kÿhl und es gibt einen Live-Mitschnitt einer Show im Südkiez in Dresden zu hören. Bei der englischen Ansage: Hello, we are kalt from Ruppersdorf musste ich aufgrund der Aussprache des Worts Ruppersdorf noch schmunzeln. Kaum suppen die ersten Klänge aus den Lautsprechern, verwandelt sich das Schmunzeln ruckartig in ein sehr breites Grinsen. Zur Hölle, was geschieht denn da gerade? Das muss ein Hammer-Konzert gewesen sein, wenn schon dieser Mitschnitt mit solch einer Wucht und Intensität daher kommt! Kalt machen nämlich richtig mitreißenden Screamo/Skramz, der auf der einen Seite schön chaotisch nach vorne prescht, auf der anderen Seite kommt aber auch immer wieder diese wahnsinnig intensive Emo-Kante durch. Zwischendurch gibt es auch mal längere und hypnotisierende Instrumentalpassagen zu hören, die mit spoken words vom Band unterlegt sind, diese wenigen Verschnaufpausen braucht wahrscheinlich der Sänger, um seine Stimmbänder nicht völlig zu ruinieren. Die danach stattfindenden Soundausbrüche treffen Dich fast unvorbereitet und knallen Dir ohne Vorwarnung ne Abrissbirne an die Rübe! Geil ohne Ende, da bekommt man direkt Lust auf eine Show und auch schon wieder schlechte Laune, weil das ja momentan nicht möglich ist. Hilft also nur abfrusten, dazu einfach die Tape-Seite wechseln und schon befindet man sich in einem Kreislauf, aus dem man schwer wieder rauskommt. Kleine Anmerkung zum Schluss: Obwohl ich Live-Mitschnitte eigentlich nicht so mag, das hier ist was völlig anderes! Angenehm auch, dass es zwischen den Songs keine Ansagen oder Pausen gibt. (Bandcamp / Trace In Maze)


V.A. – „Ones & Twos Tape“ (Zegema Beach Records)
Auf dieser coolen Tape-Compilation sind ausschließlich Bands zu hören, die entweder als Solo-Projekt fungieren oder aus höchstens zwei Bandmitgliedern bestehen. Das fällt aber eigentlich in keinem Fall auf, denn das Endergebnis hört sich eher an, als ob man es mit vollständigen Formationen zu tun hat. Wenn man das Ganze ohne diese Info und beiläufig anhören würde, könnte man auch annehmen, dass man es mit einem normalen Album einer abwechslungsreichen Band zu tun hat, denn die vierzehn Bands klingen ziemlich ähnlich. Das musikalische Spektrum reicht dabei von Screamo, Emocore, Punk, Emoviolence bis hin zu Post-Hardcore und Industrial. Bei genauerem Hinhören entdeckt man dann doch viele Unterschiede. Da gibt es Bands, die brachial und scheppernd zur Sache gehen. Auf der anderen Seite dringt eine dramatische Melancholie an die Oberfläche. Teilweise wird es ziemlich mathig, den ein oder anderen Breakdown gibt es auch zu hören. Das Tape selbst hat in Anlehnung an das Coverartwork eine schöne Farbpalette zu bieten und erinnert in seinen schimmernden Regenbogenfarben an einen Benzinfleck auf nasser Farbahn. Neben einem Kartonstreifen mit Kurz-Infos zu den Bands findet sich praktischerweise auch noch ein Downloadcode in der Hülle. Jedenfalls taugt mir die Zusammenstellung unheimlich gut, irgendwie klingt das alles stimmig und da ich viele der Interpreten nicht kenne, bietet der Sampler auch einen guten Einblick in den Underground der internationalen Szene. Übrigens wurden die enthaltenen Stücke zuvor noch nicht released. Und die eigentliche Überraschung kommt dann noch zum Schluss des Tapes. Denn da ist die deutsche Band Kÿhl positioniert, von der ich gar nicht wusste, dass sie nur aus einer oder zwei Personen besteht. Folgende Bands sind zu hören: Piet Onthel, Euclid C Finder, Limbs, Yubari Gogo, Entzauberung, Orphan Donor, This Place Is Actually The Worst, Dosaken Vakchi Zigok, Me The Hideous Freak, Blue Noise, Apostles Of Eris, Elyrithe, the LNG Silence und Kÿhl. (Bandcamp / Zegema Beach Records)


 

Milo Dinosaur – „Dengan Ikhlas“ (Trace In Maze, Dingleberry Records u.a.)

Es gibt sie immer wieder, diese positiven Überraschungen, die die Äuglein aufleuchten lassen. Im vorliegenden Fall ist das die hübsch aussehende Debut-12inch der malaysischen Band Milo Dinosaur, die aus dem Päckchen aus dem Hause Trace In Maze herauspurzelte. Die samtweiche Plattenhülle liegt geschmeidig in der Hand, die 12inch flutscht wie von selbst aus der schwarzen gefütterten Hülle auf den Plattenteller. Auf den Innenlabels des Vinyls ist das ursprüngliche Artwork des bereits im Jahr 2018 digital erschienenen Albums abgedruckt. Da die Band ihre Texte in ihrer Heimatsprache verfasst, ist es ganz praktisch, dass ein handliches Textblatt mit englischer Übersetzung beiliegt. Wer dennoch gern die Original-Lyrics lesen und mitverfolgen möchte, kann dies auf der Rückseite der 12inch-Plattenhülle machen. Es bleiben also absolut keine Wünsche übrig! Das Schmuckstück wurde übrigens in Zusammenarbeit der Labels Trace In Maze, Dingleberry Records, Framecode Records und Teenage Head Records ermöglicht.

Okay, ich muss zugeben, dass ich so gut wie keine Einblicke in die subkulturelle malaysische Szene habe. Außer ein paar Zufallstreffern beim ausgiebigen Stöbern auf Bandcamp sieht es da wirklich mau aus, auf Anhieb fallen mir gerade nur Piri Reis, Piet Onthel, Halal, Sjanse oder Daighila ein. Eigentlich sollte ich das mal auf meine To-Do-Liste mit aufnehmen: ausgiebig in der malaysischen Szene stöbern! Bei Milo Dinosaur zocken nämlich Leute, die sich bereits seit Jahren in der Szene tummeln und zuvor in Bands wie beispielsweise Orbit Cinta Benjamin, Man Under Zero Effort, Sweet Ass, Sphere, Epaulard, Schloka, Triste, Gasoline Grenade und vielen anderen, deren Namen mir völlig unbekannt sind, mitwirkten. Es gibt also viel zu tun, wenn dieses Review zu Ende geschrieben ist. Wenn man den Namen Milo Dinosaur im Netz recherchiert, erfährt man, dass es auch noch ein gleichnamiges malaysisches Getränk gibt.

Insgesamt acht Songs sind auf Dengan Ikhlas (übersetzt: Hochachtungsvoll) zu hören. Und die dürften alle begeistern, die auf melodischen Emopunk mit Exotikfaktor und 90’s-Einschlag stehen. Die in Kuala Lumpur beheimatete Band versteht es sehr gut, mit verschwurbelten Gitarren, tighten und kraftvoll gespielten Drums, einlullendem Bass und hymnischem Gesang eine Glocke zu schaffen, unter dieser es sich hervorragend aushalten lässt. Die Aufnahme und Produktion nahm die Band in DIY-Manier selbst in die Hand. Die etwas ruppige und dennoch satte Produktion versprüht sehr viel Charme, glattpoliert könnte ich mir das jetzt weniger vorstellen. Der Sound hat einen schönen 90’s Midwest-Emo-Touch, mir kommen beim Anhören immer wieder Bands wie Two Line Filler, Sport, Dikembe, Snowing, I Love Your Lifestyle, Braid oder gar Cyan in den Sinn. Das Album erschien ursprünglich zur friedlichen Revolution Malaysias im Jahr 2018, in welcher durch die Wahl ein Regimewechsel erfolgte und diese Wahl eine landesweite Ablehnung von Korruption und Straflosigkeit unter der fest verankerten Elite widerspiegelte. Die bis dahin herrschenden Machtverhältnisse spielen deshalb auch textlich eine größere Rolle, zudem beschäftigt sich die Band mit dem Älterwerden, der Vergänglichkeit und persönlichen Verlusten. Absolute Highlights stellen für mich die beiden Songs Tiada und Tabah dar. Aber natürlich empfehle ich, das Album in seiner Gesamtheit zu genießen! Funktioniert nämlich bestens, ich feier das Ding hart ab!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Trace In Maze


 

Tschüss 2020, Hallo 2021

Und wieder mal ist ein Jahr zu Ende gegangen, diesmal sogar ein besonders schwieriges. Und auch 2021 wird nicht einfach werden, denk ich mal…euch allen daher die besten Wünsche für 2021! Bleibt gesund, seid alle lieb zueinander, respektiert einander und hofft, dass trotz aller widriger Umstände 2021 ein schönes Jahr wird, das mit reichlich interessanter Musik und vielleicht auch wieder tollen Konzerten gefüllt werden wird.

An dieser Stelle möchte ich noch kurz all den netten Menschen, die diese Seite hier durch ihre kraftvolle Unterstützung am Laufen halten, mal wieder gebührend Danke sagen! In erster Linie geht mein unendlicher Dank natürlich raus an euch treue und geduldige Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Bücher, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid echt mal wahnsinnig! Überhaupt, wie karg und leblos wäre diese Szene doch ohne all diese von massig Herzblut und verrückten Ideen angetriebenen Bands und DIY-Labels! Eine anerkennende Verbeugung geht natürlich auch an meine Schreiber-Kolleginnen und Kollegen und an alle von der Musikbranche abhängigen Menschen raus! Haltet durch!

Und irgendwie passend zu den persönlichen Musikerlebnissen abseits von Live-Shows des letzten Jahres gibt’s als kleinen Motivationsanreiz, die eigenen vier Wände zu rocken, das Video zum Song Shine On You Lazy Liaison von Trip Fontaine.


 

Bandsalat: Audiocæneat!, Communal Violence, Daufødt, Goings, Karina Kvist, Oma Oklahoma, Other Half, Watertank

Audiocæneat! – „Red Sessions“ (DIY) [Name Your Price Download]
Wie geil ist das denn? Diese 12inch war neulich im Promo-Paket von Trace In Maze Records mit dabei, quasi als Zugabe. Mit dem Zusatz: Muss nicht besprochen werden und so, war übrig, ist auch schon älter, Lagerplatz leeren, Band existiert eh nicht mehr usw. Was soll das denn? Natürlich landete die 12inch wiederholt auf meinem Plattenteller und verweilte da sogar einige Runden, und spoiler: es werden nicht nur wahrscheinlich auch noch etliche mehr werden! Ich kannte das hier bislang nicht! Obwohl mir Post-Rock, der überwiegend instrumental unterwegs ist, nicht der beste Freund ist, werde ich bei Audiocæneat! bei den ersten Klängen direkt hellhörig. Sobald die Nadel das rote (!) Vinyl trifft, ist es um mich geschehen! Ich sitze da, mit dem aufgeklappten Gatefold-Cover, das glatt und geschmeidig in der Hand liegt. Faszinierend! Die Gitarren sind so verdammt melancholisch unterwegs! Kann man eigentlich gar nicht beschreiben, muss man hören, z.B. bei Buh!, beim mit Gesang ausgestatteten Kalypso oder beim Smashing Pumpkins-mäßigen Painting the Earth with Night Flares. So gut! Wenn irgendwer da draußen diese 12inch noch nicht haben sollte und auf 90’sMidwest-Emo gepaart mit Bands wie The Cure, Appleseed Cast, Thursday und Explosions In The Sky stehen sollte, dann lohnt es sich, sämtliche Distro-Kisten nach dieser 12inch zu durchstöbern!


Communal Violence – „Consciousness of Error“ (Time Records) [Name Your Price Download]
Kann man bei einer Spielzeit von etwas über elf Minuten und zehn Songs von einem Album sprechen? Naja, was sicher ist, bei Consciousness of Error handelt es sich um das Debut-Release der schwedischen Band Communal Violence. Wer jetzt mit Spielzeit und Songs gerechnet hat, der kommt sicher zum Entschluss, dass es bei den Songs der drei Herren und der Dame am Mikrofon kurz und knackig zur Sache geht. Die Band spielt eine wahnsinnig chaotische und hibbelige Art von Emo-Powerviolence, der auch ab und zu in noisige Screamo-Gefilde abdrifted und aber stets geschmeidig grindet. Die Bandmitglieder sind bzw. waren nebenbei in Bands wie z.B. Kid Feral und Barabbas du förtappade aktiv. Könnte Leuten gefallen, die auf Zeugs wie SeeYouSpaceCowboy oder eben grindigen Powerviolence stehen.


Daufødt – „1000 Island“ (Fysisk Format) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche auf nach vorne preschendem, frischem Hardcore mit einer satten Punkattitüde sein solltet, dann müsst ihr unbedingt mal die Band Daufødt aus Oslo anvisieren. Deren Debutalbum hat ordentlich Pfeffer im Arsch! Der rohe Sound überzeugt durch messerscharfe Gitarren, ein mächtiges Groove-Gerüst aus knödelndem Bass und kraftvoll gehackten Drums und wütenden female Schreivocals. Exoten-Bonus hat das Ganze auch noch, weil die Lyrics in der Landessprache rausgebrüllt werden, die rohe und ungeschliffene Produktion klingt auch fett. Geht live sicher schön high energy-mäßig zur Sache!


Goings – „It’s For You“ (Know Hope Records) [Stream]
So bunt blinkend wie das Albumcover lässt die Musik der Band aus Philadelphia meine Synapsen tanzen. Und zwar auf der vollen Albumlänge von etwas knapp über einer halben Stunde. It’s For You ist ein neonfarbenes Feuerwerk von Gute Laune-Emo á la Algernon Cadwallader, Sport, The Get Up Kids, Motion City Soundtrack, Dismemberment Plan oder Minus The Bear! Manchmal kommen sogar Bands wie die frühen Cardigans oder The Anniversary in den Sinn. Trotz der eingängigen Refrains und Hooklines wird viel Abwechslung geboten. Mathige Gitarren, verkopfte Frickelparts, flirrende Synths und eigensinnige Basslines werden perfekt miteinander verwoben, so dass man so manches Mal über das perfekt arrangierte Ergebnis und die glasklare Produktion ins Staunen gerät. Und obwohl ich jetzt viele Bandvergleiche angeführt habe, klingt das Ganze total eigenständig und leichtfüßig und sympathisch. Absolute Empfehlung!


Karina Kvist – „Nur was, ist die Frage“ (zilpzalp rec.) [Name Your Price Download]
Wie auch schon auf den bisherigen Releases packen mich die fünf Songs der Bamberger DIY-Band auf Anhieb am Schlawittchen. Diesmal werden alle Songs in deutscher Sprache vorgetragen, die persönlichen Lyrics zeigen in intelligenter Art und Weise, was dem Trio in der Seele brennt. Die Vocals pendeln zwischen leidend/verzweifelt und angepisst/wütend , dazwischen schimmert auch ab und an Resignation durch, die Hoffnung wird aber trotzdem nie aufgegeben. Unterstrichen werden die emotionalen Achterbahnfahrten mit einer intensiven Mischung aus Screamo, Emo, Punk und Post-Hardcore. Perfekt gehen leise Passagen in laute und wütende Parts über, dabei bleibt es immer schön unterschwellig melodisch. Mehrmals erwische ich mich dabei, dass sich aufgrund der intensiven Stimmung die Nackenhärchen aufrichten. Die raue Produktion, die an den lauten Stellen trotzdem ordentlich wumms in den Knochen hat und an den leisen Passagen klar und deutlich kommt, steht dem Sound der Bamberger auch gut zu Gesicht. Hier hat mal wieder die Tonmeisterei die Knöpfchen gedreht. Die einseitig bespielte 12inch-EP ist anscheinend ganz schön schick geworden, die freie B-Seite kommt mit einem Siebdruck. Nur was, ist die Frage ist in Zusammenarbeit der DIY-Labels zilpzalp records, Tanz auf Ruinen, Non Ti Seguo Records und AUF LYNX records erschienen.


Oma Oklahoma – „Normalnull“ (Kidnap Music/No Spirit) [Stream]
Hinter dem Namen Oma Oklahoma steckt ein Trio aus Hamburg, Normalnull ist die Debut-EP. Und die hat es in sich und hat mich ab dem ersten Ton am Wickel, lässt mich hungrig auf mehr Stoff zurück. Bei deutschsprachigem Emopunk aus Hamburg denkt man natürlich sofort an Zeugs wie Turbostaat oder Captain Planet, mich erinnert der Sound der Band aber eher an Sachen wie frühe Monochrome oder Dawnbreed, gerade bei den Gitarren. Milemarker, Fluten und Trip Fontaine wären auch noch gute Referenz-Bands. Und dann diese prägnanten Bassläufe und die wuchtigen Drums, einfach wunderbar! Der Gesang kommt nachdenklich und zerbrechlich rüber, was natürlich auch an den persönlichen aber auch politischen Textinhalten liegt. Mal ist die Marschrichtung straff nach vorn, dann wird wieder inne gehalten und mit angezogener Handbremse gefahren. An den lauteren Stellen wird dann hin und wieder mal gescreamt, so dass auch noch ein wenig Escapado durchschimmert. Es ist einfach diese Soundvielfalt, die scheinbar ganz locker aus dem Ärmel geschüttelt wird, hier schwappt massig Herzblut aus den Lautsprechern. Elemente aus Punk, Emo, Post-Punk, Post-Hardcore, Grunge und Noise werden geschickt miteinander verwoben, dazu sind die Songs richtig gut, stimmig und spannend aufgebaut, selbst das Klavier im Song Lichtlos wirkt nicht fehlplaziert. Verdammt, das hier würde ich zu gern mal live erleben! Wahrscheinlich muss man sich ranhalten, wenn man noch eine der in einer 100er-Auflage erschienenen Vinyls abgreifen möchte. Wenn die Musik mich bereits digital so berührt, dann wird das auf Vinyl noch stärker der Fall sein, das handgemalte Cover sieht jedenfalls toll aus!

Other Half – „Big Twenty“ (Venn Records) [Stream]
Bei dem aus der UK-Underground-Szene stammenden Norwicher Trio Other Half wirken Leute mit, die man aus Bands wie Maths, Ducking Punches und Manbearpig her kennt. Auf Other Halfs Debutalbum Big Twenty gibt es daher eine sehr tight gespielte Mischung aus Post-Hardcore, 90’s Emocore und Post-Punk zu hören. Etwas düster klingen die vierzehn Songs, auch wenn unterschwellige Melodien hinter den dissonanten Gitarren mit einer gewissen Noise-Verliebtheit entdeckt werden können. Insgesamt geht es treibend, nervös und groovend voran, die oft auftauchenden male/female Doppelvocals kommen auch sehr gut rüber. Textlich wird übrigens auch eher die dunkle Seite der menschlichen Natur ausgeleuchtet. Exzellentes Album, das nicht nur nostalgieverliebte Menschen ausgiebig antesten sollten!


Watertank – „Silent Running“ (Atypeek Music) [Stream]
Melodischen Post-Hardcore mit etwas Grunge, Shoegaze und Alternative vermischt gibt es auf dem mittlerweile dritten Album von der französischen Band Watertank auf die Ohren. Die zehn Songs zünden ein Feuerwerk an Melodien, dabei klingen sie ganz schön nach 90’s, Bands wie die Deftones, frühe Foo Fighters, Helmet, Jimmy Eat World oder Smashing Pumpkins kommen dabei in den Sinn, die Gitarren wabern auch mal in Alice In Chains-Gefilden. Jedenfalls hat sich der Sound der Anfangstage schon etwas mehr in Richtung Neo-Grunge und Shoegaze verlagert, was wahrscheinlich auch einigen Besetzungswechseln zu verdanken ist. Mir gefällt das gerade auch, weil die Songlängen im Durchschnitt auf drei Minuten kommen und es durch abwechslungsreiche und stimmige Arrangements nicht langweilig wird. Manchmal kommt auch die Experimentierfreude der Jungs durch und es sind flirrende Post-Rock-Gitarren oder auch ein Saxophon zu hören, was erstaunlicherweise ganz gut reinpasst.


 

Citizen Tim – „C Is For Chaos / Control“ (Midsummer Records)

Die Fotocollage, die auf dem Front- und Backcover in dunklen purpur-Farbtönen zu sehen ist, vermittelt mit ihren kahlen Bäumen und den kalten, vom Zerfall gezeichneten Wohnblöcken eine herbstliche und fast trostlose Atmosphäre. Schnappt man sich dann das Textblatt, sind darauf neben den Texten weitere Fotografien mit menschenleeren Plätzen einer ausgestorbenen Geisterstadt abgedruckt. Die Fotografien fangen diese durch Menschenhand geschaffene Tristesse sehr gut ein. Übrigens sind nicht alle Bilder verwaist, auf einem der Fotos ist nämlich Marco Kallenborn a.k.a. Citizen Tim abgebildet. Die Bildaufnahmen sind vermutlich in Saarbrücken entstanden, denn da ist Citizen Tim zuhause. Und wer weiß, vielleicht wurden die menschenleeren Plätze sogar inmitten der Pandemie während des (ersten) Lockdowns aufgenommen. C steht sozusagen auch für Corona/Covid19?

Jedenfalls ertönen beim Aufsetzen der Nadel auf das türkis schimmernde Vinyl meines Besprechungsexemplars sehr ruhige und nachdenklich machende Soundscapes, die diese Stimmung des Artworks treffend auffassen. Citizen Tim kehrt auch auf dem zweiten Album sein Seelenleben nach außen und erzählt seine Geschichten sehr offen und wehmütig. Seiner zerbrechlichen Stimme merkt man an, dass hier echte Gefühle mitschwingen und es da draußen jeden Tag von Neuem widrige Umstände gibt, die es zu bewältigen gilt. Der Albumname ist also Programm, auf C Is For Chaos / Control lässt sich jede Menge Trübsinn und Herbsttristesse finden. Es ist ja auch nicht einfach, wenn man sich einem künstlerischen und karrierefreien Leben verschrieben hat. Und da ist ja auch noch diese verheerende Pandemie, mit der wir alle irgendwie zu kämpfen haben und die uns immer weiter in die Isolation treibt. Der Ex-Frontmann der Band Road To Kansas beschäftigt sich neben diversen Gewissensbissen und inneren Dämonen u.a. auch mit dem Älterwerden, permanentes Scheitern ist auch ein immer wiederkehrendes Thema.

Musikalisch hat Citizen Tim seinen folkigen Gitarren diesmal auch ein bisschen lo-fi-Elektronik á la Notwist, The Stars, Bibio oder Postal Service spendiert. Auch wenn diese Elektroniksequencen nicht flächendeckend auftauchen, finde ich, dass diese experimentelle neue Seite Citizen Tim ziemlich gut zu Gesicht steht! Die zehn Songs wurden in DIY-Eigenregie im Heimstudio eingespielt und abgemischt. Da gibt es neben der leise gespielten Gitarre und der an Mike Kinsella erinnernden Stimme sphärische Töne, Klaviergeklimper, ein paar elektronische Beats, Synthie-Streicher, Vocal-Samples, lo-fi-cineastische Sequenzen zu hören. Das alles verschmilzt zu einem Album voller ergreifender Songs. Für mich absolute Highlights stellen Songs wie They Are Coming Closer, Sad Barrista Patterns, Harvest Season und das sich langsam entfaltende finale The Eight Color Of This Land. Wenn ihr also nach einer traurigen und tristen Herbst/Winterplatte gesucht habt, die dazu noch bittersüße Melodien und ergreifende Momente mit an Bord hat, dann ist C Is For Chaos / Control genau das Richtige für Euch!

8/10

Facebook / Bandcamp / Midsummer Records


 

To Languish – „Sown“ (Trace In Maze Records u.a.)

Die schwedische Band To Languish ist mir bereits auf diversen Compilations positiv aufgefallen, nun liegt das erste Album des Duos auf dem Plattenteller, das Vinyl schimmert transparent purpurfarben, so dass die Optik schon mal stimmt. Auch das Albumcover gefällt mir ganz gut. Das etwas gruselige Bild mit dem ausgebrannten Gesicht beschert ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Das Artwork wie auch das ans Artwork angelehnte und ebenfalls gruselige Musikvideo zum Song Transfever stammt vom Londoner Filmemacher und Künstler Autojektor. Am Release sind übrigens eine Menge an DIY-Labels beteiligt, neben Trace In Maze sind das die Labels Dingleberry Records, Middle Man Records, Listen To Aylin Records, HC4LZS, Pundonor Records, Longtrail Records und Àfond d’Cale. Die Instrumente wurden von Jonna unter der Betreuung von Fabian Schulz in den Sunsetter Studios in Bremen eingespielt, die Vocals wurden in in der Heimat in Stockholm aufgenommen. Bei insgesamt drei Songs gibt’s Guest-Vocals von Ren Aldrige (Petrol Girls), Yasmin Lauren (Kodos) und Elsa Lezzagon (Drei Affen) zu hören. Schon beim ersten Durchlauf merkt man, dass hier ’ne Menge Arbeit und Herzblut drinsteckt!

Schnappt man sich zur zehn Songs umfassenden Platte das Textblatt, dann wird auch ziemlich schnell klar, dass Jonna und Cauli die Seele brennt und es ein zentrales Thema gibt, das den beiden sehr am Herzen liegt. Die Texte sind ultra-persönlich und beschäftigen sich mit der eigenen Selbstfindung und drehen sich um den steten Kampf der Transgender bzw. LGBT-Gemeinschaft gegen Diskriminierung und Sexismus und patriarchale Machtstrukturen. Auch neurodivergierende mentale Erkrankungen werden angesprochen. Dass es in unserer Gesellschaft mehr Mitgefühl, Liebe und Akzeptanz geben sollte, sollte langsam mal allen klar werden! Nur so wäre eine freie Entfaltung und Selbst-Identifikation möglich! Und danach sehnt sich To Languish und sät mit diesem Album und ihrer Musik den ersten Kern dafür, was eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Unterstrichen werden diese Schlüssel-Themen mit verzweifeltem Screamo/Post-Hardcore, der auf der einen Seite kämpferisch stark wirkt, der andererseits aber auch seine melancholischen und nachdenklichen Momente hat. Die Gitarrenriffs kommen dann auch mal schön mathig, dissonant und chaotisch um die Ecke, das hektische Getrommel verdeutlicht zusammen mit dem verzweifelten und wütenden Geschrei die innere Zerissenheit und das Gefühlschaos. Vom Sound her wird man an eine Mischung aus Bands wie z.B. La Luna, Born Against, I Hate Sex, Plague Walker, Heart On My Sleeve und 70 cm³ of Your Chest erinnert. Und so ist Sown eine total wichtige Platte mit einem ernsten Thema, über die bzw. deren Botschaft man eigentlich auch außerhalb der Screamo-Subkultur berichten sollte.

8/10

Facebook / Bandcamp / Trace In Maze


 

Six Days Of Calm – „The Ocean’s Lullaby“ (Midsummer Records)

Ich muss sagen, dass mich das Albumartwork direkt gefangen genommen hat, als ich die 12inch dem Plattenpaket aus dem Hause Midsummer Records entnommen habe. Ich hab selten so ein bewegendes Motiv in schwarz-weiß-Optik gesehen, das dreidimensionale visonelle Wahrnehmung so extrem lebendig und lebhaft macht. Die Eindrücke reichen dabei von absoluter Schwerelosigkeit über die treibende und besänftigende Stille des Meeres bis hin zur ausgelieferten Hilflosigkeit. Wahnsinn! Und Spoiler…das Erlebnis zieht sich im Inneren weiter! Checkt mal Oliver Hummels Seite Hummelgrafik, ein Fest für die Augen! Aber zurück zur Platte: Das Release liegt so schwer in der Hand, als ob da zwei Vinyls drin wären…was sich bei weiterem Unboxing bestätigt. Aus dem Plattenkarton flutschen mir dann tatsächlich zwei Innenhüllen mit zwei Vinylscheiben in zuchtkaninchenleichenaugenblauer Farbe entgegen. Daneben gibt es noch den obligatorischen Download-Code und eine Art Textblatt, das (hihi) leider ohne Texte auskommen muss, dafür aber eine lesenswerte Thanks-List zeigt (und die bereits erwähnte Hummelgrafik). Ich mag Thanks-Lists sehr, gerade auch, weil da Leute auftauchen, die die Szene und den ganzen Scheiß hier am Laufen halten, den ich so liebe und mit dem die Welt um so einiges erträglicher auszuhalten ist. Ich danke daher allen Leuten, die auf irgendwelchen Thanks-Lists stehen, inklusive Verfasser selbiger! Ich liebe euch von ganzem Herzen!

Wer mich kennt, weiß, wie kritisch ungerecht ich zu mancher instrumentaler Musik stehe…meistens kommt sie nicht allzu gut weg, auch wenn sie eigentlich völlig okay ist! Die maximale Melancholie, Intensität oder Power wird bei manchen Bands meiner Meinung nach ganz klar durch den Gesang beigesteuert, die Instrumente arbeiten darauf hin und unterstützen das Ganze nur minimal. So grob könnte man meine Arschloch-Haltung gegen Instrumentalmusik beschreiben…Aber hey, ich gebe kleinlaut zu: vegresst das alles, am besten sofort! Denn sobald die Nadel das Vinyl der A-Seite trifft, ist man gebannt. Wie beschreibt man dieses Hörerlebnis? Epische Soundscapes, vielschichtige und mehrdimensionale Klänge fließen ineinander über. Klar, emotional, man wird vom Sound durchflutet, es gibt nichts anderes, was man in diesem Moment erleben möchte! Auf keinen Fall würde man dieses intensive Gefühl freiwillig wieder hergeben wollen!

Kaum zu glauben, dass hinter Six Days Of Calm eigentlich nur eine einzige Person steht, die die Fäden wie ein unsichtbarer Puppenspieler in der Hand hat! Marc Fischer war zuvor in der Metalcore-Band Watch Them Fade tätig. Hach, und bei dem Name musste ich unweigerlich an einen Roman denken, den ich von einem gleichnamigem und leider bereits verstorbenen Autor vor langer Zeit gelesen habe und an das ich immer wieder denken muss. Das Buch trägt den Titel Eine Art Idol! Und irgendwie spinne ich beim Hören des Albums Parallelen zu der Geschichte des Buchs. Der Protagonist im Roman macht eine Japanreise, in der Hoffnung, dass sich nach dieser Reise zuhause etwas zum Positiven verändert hat. Leider treten diese Veränderungen nicht ein, weshalb er beschließt, einfach weiter in der japanischen Zeitzone zu leben und dadurch in eine mystische Parallelwelt gerät. Diese Geschichte lässt sich hervorragend auf das Soundschema von The Ocean’s Lullaby übertragen, finde ich. Irgendwo im Post-Rock würde ich das hier einordnen, manchmal kommen aber auch ein paar Post-Metal-Elemente oder elektronische Spielereien zum Einsatz. Breathe beginnt wie ein Sonnenaufgang mit beruhigenden und entschleunigenden Soundscapes, ein Piano und sphärische Synths übertönen eine Alltagsgeräuschkulisse, bis dann nach über drei Minuten erstmals flirrende Gitarren und dezentes Schlagzeug einsetzen und es nach reichlich Spannungsaufbau etwas lauter wird. Ist das ein Flügelhorn? Klingt jedenfalls bombastisch gut! Auch das nachfolgende Light zieht in den Bann, bevor es dann erstmals beim zwölfminütigen Loss, das sich immer weiter fortspinnt und gegen Ende an Tempo gewinnt, richtig episch wird. Insgesamt fällt auf, dass die Songarrangements schön durchdacht sind, so dass ein abwechslungsreiches, cineastisch anmutendes Hörerlebnis garantiert ist. Eines der experimentellsten und schaurig-schönsten Stücke kommt übrigens mit Gloom, in dem dann die bereits erwähnten elektronischen Spielereien zum Einsatz kommen und dem Song eine gewisse Trip-Hop-Atmosphäre verleihen. Marc Fischer ist mit The Ocean’s Lullaby ein Album gelungen, mit dem man locker für etwas über 50 Minuten eine erholsame Auszeit vom turbulenten Alltagsgeschehen nehmen kann. Ich empfehle, das Ding über Kopfhörer in Dauerschleife zu genießen und dazu ein gutes Buch zu lesen, vielleicht sogar Eine Art Idol von Marc Fischer!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Midsummer Records


 

Forkupines – „Islands“ (Midsummer Records)

Schon beim 2017-er Debut-Album hat die Braunschweiger Band Forkupines bewiesen, dass handgemachte Musik keinen großen technischen Schnickschnack nötig hat. Leichtfüßig schüttelten die Jungs eine melodische Punkrockhymne nach der anderen aus dem Ärmel, so dass über allem der Duft von Sommer, Sonne und Skateboards schwebte. Immer wieder schimmerten dabei auch Elemente von Post-Hardcore und Emo-Pop-Punk durch. Auf dem aktuellen zweiten Album Islands habe ich den Eindruck, dass diese Elemente noch stärker in den Vordergrund gerückt wurden, was dem Sound hervorragend gut zu Gesicht steht. Forkupines klingen dadurch etwas ernster, was auch noch durch die nachdenklichen Texte angekurbelt wird. Auf Islands geht es thematisch um Zukunftsängste, Depressionen und deren Auswirkung auf die Psyche. Leidet man unter solchen Problemen, dann gerät man schnell aufs Abstellgleis, Einsamkeit und Isolation sind die Folge, man flüchtet auf die im Albumtitel angedeutete einsame Insel. Dadurch wird es viel schwerer, sich aus dem Sumpf überhaupt wieder herauszukämpfen. Es ist daher immer hilfreich, ein Druckventil zu öffnen und Musik funktioniert dazu irgendwie recht gut, siehe auch beim mit ähnlichen Themen gespickten und neulich besprochenen Be Well-Album.

Passend zu den düsteren Textinhalten, die aufgrund der momentanen Geschehnisse wirken, als ob sie genau auf dieses Szenario hin geschrieben wurden (sind sie übrigens nicht, sie sind allesamt vor der Pandemie entstanden), kommt die 12inch in einem matten schwarzen Plattenkarton, der mit einer weißen symbolartigen Form bedruckt ist. Die gleiche Form findet sich auch auf den Labels am Vinyl wieder. Selbstverständlich liegt ein Download-Code bei und das Textblatt lässt ebenfalls keine Wünsche über. Hier erfährt man dann auch, dass in den Tiny Pond Studios aufgenommen wurde und dafür Sänger und Gitarrist Simon Skott sowie Produzent Till Westphal verantwortlich sind. Dass der Sound so druckvoll und fett klingt, ist das Werk von Ex-Defeater-Sänger Jay Maas.

Tatsächlich erinnern mich viele Passagen der zwölf Stücke an den Sound von Bands wie beispielsweise Thrice, Boy Sets Fire, Title Fight, Citizen und auch die Labelkollegen For Them All kommen in den Sinn. Bei all den dunklen Themen des Albums ist der Sound insgesamt deutlich optimistischer ausgefallen, auch wenn an manchen Stellen melancholische Emo-Parts durch die Lüfte schwingen. Mit dem Opener Waves und diesem vorzüglichen Gitarrenriff wird man jedenfalls erstmal gründlich angefixt. Dann setzt die klare Stimme von Sänger Skotty ein und arbeitet sich zu einem catchy Refrain vor bis es am Ende des Songs etwas wilder wird und es zu einem Schrei-Ausbruch kommt. Mit Envy geht es direkt treibend weiter und schwups, schon wieder dieser Ohrwurmvibe, zudem gibt’s noch Gangshouts und andere Chöre! Das nachfolgende Lie To My Face hat auf der einen Seite diesen Emo-Touch, auf der anderen Seite dringt dieser verdammte Groove und dunkel klingende Gitarren ins Ohr, natürlich gibt es zu all dem noch einen hymnischen Refrain, der schwer wieder aus dem Hirn zu bringen ist. Ich könnte jetzt eigentlich so weiter machen, denn im Verlauf der Spielzeit von knapp 44 Minuten merkt man allen Songs deutlich an, dass sehr viel Arbeit, Herzblut und Spielfreude reingepackt wurde. Und das hat sich ohne Zweifel mehr als gelohnt! Auf der B-Seite stechen für mich persönlich noch der Song Letters und das wehmütige Roads besonders heraus, aber wie immer gilt, das Album in seiner Gesamtheit zu genießen! Und da eignet sich Vinyl nach wie vor am Besten dazu.

8/10

 

Facebook / Midsummer Records


 

Robot – „Wedding Address“ (Impression Records)

Nachdem mich das 2017er-Album Vedgdbol immer noch nachhaltig begeistert, freut es mich umso mehr, dass mir das mittlerweile dritte Album von Robbie Moore aka Robot im leckeren 12inch-Format zugespielt wurde. Wie schon beim Artwork des Vorgängers setzt der Londoner Künstler mit Wahlheimat Berlin erneut auf einfache aber wirkungsvolle Lo-Fi-Optik. Diesmal ist kein kindliches Gekritzel zu sehen, dafür wurde ein Foto, das Herrn Moore im Brautkleid zeigt, durch einen schwarz-weiß-Kopierer gejagt. Das Brautkleid ist mit Fetzen aus verschiedenen Rechnungen, Quittungen und sogar einem Bußgeldbescheid aufgrund einer Geschwindigkeitsüberschreitung bedruckt. Ja, so eine Hochzeit kann richtig ins Geld gehen. Im Zusammenhang mit dem Albumtitel kann man während des Lauschens jedenfalls schön das Kopfkino anwerfen. Beim Coverartwork erhielt Robbie Moore wieder von seinem Sohn Unterstützung, der Siebdruck kommt ein bisschen Banksy-mässig rüber. Was ich diesmal ein wenig vermisse, ist ein Textblatt, dafür sieht die schwarze Innenhülle und das hochzeitsweiße Vinyl ganz edel aus.

Wie auch schon beim Vorgänger entstand das grobe Gerüst des Albums wieder mit etlichen skizzenhaften Ideen und kreativen Einfällen. Hört man das Ergebnis, dann kann man sich richtig vorstellen, wie die einzelnen Soundideen flutartig aus Robbies Innerstem Ich wie ein lebhafter Bergquell herausgesprudelt sein müssen. Mit diesen Ideen im Gepäck ging es dann zusammen mit einigen hervorragenden Berliner Studiomusikern ins eigene Tonstudio, um am Sound zu basteln und das ursprüngliche Gerüst mit kreativen und teils auch spontanen Einfällen weiter zu umspinnen. Mit von der Partie sind neben Robbie Moore Gitarrist Knox Chandler (Psychedelic Furs, Siouxsie & The Banshees, Cindy Lauper), Bassist Taylor Savvy (Gonzales, Bonaparte) und Drummer Michael Fromme (Jesper Munk, Iris Romen). Zudem sind auf dem Album noch weitere Musiker und Musikerinnen mit an Bord, da gibt es eine Harfe , ein Cello, eine Violine und sogar ein Saxophonsolo zu hören, nicht zu vergessen die weiblichen Backvocals, die in einigen Songs mitschwingen.

Jedenfalls weiß das Endergebnis absolut zu gefallen! Das Album zieht mich vom Aufsetzen der Nadel an in den Bann und lässt während der Spielzeit von knappen 45 Minuten und insgesamt zehn Songs keinerlei Langeweile aufkommen. Die A-Seite eröffnet mit Left Hand Man sehr ruhig und melancholisch, mich erinnert der warme Indie-Sound entfernt an so Zeugs wie beispielsweise Masha Qrella, die Beatles dürften auch ein großer musikalischer Einfluss für Robot darstellen. Robot mischen Indie mit Pop und Artrock und verleihen ihrem Sound eine gewisse spacy 70’s-Psychedelik, dabei gehen sie aber nicht im arty-farty Schwurbelsumpf unter. Viel eher sind hier zehn Songs zu hören, die sich absolut ins Ohr einnisten und die man unbedingt bei den ersten Hörrunden auf Vinyl und über Kopfhörer genießen sollte, denn da entfaltet sich der Sound am besten, zudem gibt es viele Schichten und Töne zu entdecken, die man so gar nicht mitbekommen würde, wenn man sich nicht voll und ganz auf die Musik konzentrieren kann und durch Umgebungsgeräusche abgelenkt ist. Nach diesen ersten Hörrunden wird es wirklich schwer, sich wieder von dem Album zu trennen. Seit das Album mit der Post eingetrudelt ist, ist wirklich kein einziger Tag vergangen, an dem nicht mindestens eine Seite des Albums im Wohnzimmer ihre Runde drehte. Noch besser ist, dass kein Familienmitglied bisher an der Platte etwas auszusetzen gehabt hätte. Während die A-Seite mit Songs wie eben dem Opener oder Horror etwas düster und traurig-melancholisch fast resignierend klingt, geht es auf der B-Seite ein bisschen fröhlicher zur Sache, dennoch sind auch hier die Emotionen außer Rand und Band. Flott und tanzbar ist z.B. Allergic To Love, ein richtig kleiner Indie-Hit. Mit schaurig-schönen Tönen wartet z.B. der Song Jasmine auf, hier ist ein ziemlich breites Tonspektrum am Start, der geisterhafte Gesang lässt die Nackenhärchen aufstehen. Wenn ihr also mal wieder ein tolles Indie-Pop-Album mit Drama, Harmonie und puren Emotionen hören wollt, dann seid ihr mit Wedding Address bestens bedient!

8/10


Impression Records / Robot Spotify / Facebook


 

Alienate! – „…They Said ‚No Future'“ (Schädelbruch Platten u.a.)

Es gibt bunte Hawaiihemden mit allerlei fröhlichen Aufdruckmotiven wie Ananas, Melonen, Blumen und Eulen. Hätten Alienate! solche Hemden im Merchandiseangebot, dann würden diese sicher mit Atompilzen oder schwarzen Regenbögen geschmückt sein. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus, wenn ich die Debut-12inch der Münsteraner Band so betrachte. Schwarzer, matter Karton, die gefütterte Innenhülle ist wie auch das Textblatt und das Vinyl ebenfalls schwarz. Die Welt liegt in Trümmern, die Menschen sollen mundtot gemacht werden, da wird es Zeit, sich zu wehren! Reclaim Your Streets! Und Alienate! liefern dazu den Soundtrack.

Viel zu lange wurde in der Punk-Szene gepredigt, dass es mit der Zukunft wohl nichts mehr werden wird, aber 43 Jahre später sind die Ratten immer noch im Viertel und kämpfen solidarisch gegen die Gentrifizierung, Kapitalismus, Rassismus, Homophobie, patriarchische Strukturen, autoritäre Machtverhältnisse oder Sexismus. Passend zum Albumtitel …They Said ‚No Future‘ und dem Kontra mit But Here We Are auf dem Backcover hält das Trio textlich die rote Fahne in den Wind! Bei all der Konsum- und Gesellschaftskritik richten die Jungs deshalb auch ein paar ernste Worte an die eigene Szene, in der sich viele Existenzen im Drogensumpf und Alkohol verlieren und für den Kampf auf der Straße keine Energie mehr aufbringen können. Ja doch, unter der Kuscheldecke des Kapitalismus ist es ziemlich schwer, der eigenen Hölle und dem ganzen Wahnsinn zu entfliehen.

Alienate! haben aber mit ihrer Musik ein passendes Druckventil dafür gefunden. Hört man den von Fabian Schulz im Sunsetter Studio Bremen fett produzierten und kraftvoll abgemischten Mix aus Hardcore, Streetpunk und etwas Crust aus den Lautsprechern dröhnen, dann hätte man direkt Lust, sich in den schwitzenden Pogomob eines x-beliebigen AZs zu stürzen. Wunschdenken anno 2020! Shit, dann muss halt die eigene Bude etwas zerlegt werden! Nun, obwohl hier ja nur drei Leute lärmen, klingt das Ganze ziemlich fett. Ein Vorteil ist natürlich, dass jedes Instrument seinen eigenen Freiraum bekommen hat und man dadurch auch den polternden Bass deutlich raushören kann. Das Textblatt erweist sich übrigens auch als sehr hilfreich, denn ohne selbiges wäre es sehr knifflig, die Texte zu verstehen, weil halt andauernd wütend gebrüllt oder gegrowlt wird. Auf zwei der insgesamt zwölf Kompositionen wird in deutscher Sprache gekreischt, bei den anderen Stücken spritzt das Gift und die Galle in englischer Sprache raus. Wer sich eine Mischung aus Rawside, Baffdecks, VKJ, Sheer Terror, Sick Of It All und frühen Rykers vorstellen kann, sollte hier mal ein Ohr riskieren. Als Anspieltipps empfehle ich das wütend und verbittert klingende Drown oder den Opener Haltet sie dumm. Wie viel geballte DIY-Power in der Band steckt, das könnt ihr übrigens im unten angehängten Video zum Song Mirrors sehen. Ach, fast vergessen: das Album ist in Zusammenarbeit der Labels Violent Heartbeat, Wildsau Records und Schädelbruch Platten erschienen.

8/10

 

Bandcamp / Facebook / Schädelbruch Platten


 

Käpt’n Panda – „Shanghai ist ätzend“ (Timezone Records)

Im Ruhrgebiet im Jahr 2013 gegründet, beschäftigt sich die Band Käpt’n Panda mit deutschsprachigem Emo-Punkrock, der ernste Themen zum Inhalt hat. Nach einer EP und einem Album kommen die vier Jungs mit einer weiteren EP und ihrer dritten Veröffentlichung um die Ecke. Rein optisch gefällt mir das schlichte schwarz-weiß-Artwork der 12inch ganz gut, zumal der Linolschnitt einen schönen DIY-Spirit erkennen lässt. Und irgendwie passt das Motiv mit dem verloren wirkenden Typen in der Großstadt ganz gut zur Musik und den Textinhalten, die sich hauptsächlich um den täglichen Wahnsinn drehen, dem man als Mensch unter der Kuscheldecke des Kapitalismus so ausgesetzt ist. Bordsteinkantengeschichten treffen auf Gossendrama und Bukowski-Poesie. Die Vereinsamung und Isolation funktioniert in einer anonymen Großstadt einfach wunderbar! Shanghai steht dabei symbolisch für eine der größten Industriemetropolen der Welt. Und obwohl ich selbst noch niemals in Shanghai war, kann ich die Aussage des EP-Titels nur bestätigen. Shanghai ist wirklich ätzend! New York und Hawaii wahrscheinlich auch. Und Udo Jürgens sowieso. Ups, immer diese verknoteten Gedanken…

Im Plattenkarton finden sich neben einem Downloadkärtchen übrigens noch ein besiebdruckter Käpt’n Panda-Aufnäher und ein Textblatt. Die fünf Songs passen alle auf die A-Seite, die B-Seite ist unbespielt. Das hat den Vorteil, dass man die Platte nicht ständig drehen muss. Aber leider sind die Songs auch schon nach einer kurzen Spielzeit von 15 Minuten wieder rum, so dass man mit ungestilltem Appetit auf mehr Material der Jungs zurückbleibt. Denn die Musik von Käpt’n Panda geht verdammt gut ins Ohr! Melancholisch gezockte Gitarren treffen auf eine treibende Rhythmusfraktion aus Drums und Bass, dazu gesellen sich verzweifelt vorgetragene Vocals.

Der Sound ist stets melodisch, so dass die Melange aus Punkrock und Indie auch einen gewissen Aggro-Pop-Appeal hat. Zudem gefällt die knackige Aufnahme, die in den Kaputtmacher Studios in Bochum aufgenommen wurde. Und dass Käpt’n Panda sicher auch eine gute Live-Band ist, zeigt der letzte Song Ganove Knausgard, der live eingespielt wurde und zu dem es auch ein Kaputtmacher Sessions-Video gibt. Ach ja, die Gitarren beim Opener Schnaps erinnern mich irgendwie an die Band Monochrome, ansonsten dürften an dieser EP alle einen Gefallen finden, die mit Bands wie Turbostaat, Boxhamsters, Captain Planet, Willy Fog oder Love A etwas anfangen können. Mir persönlich ist das Ding jedenfalls in letzter Zeit ziemlich ans Herz gewachsen!

8/10


Bandcamp / Facebook / Homepage


 

Bandsalat: Closedown, Excide, If I Die First, Mouthing, Overo, Asthenia, Solace., The Fall Of Troy, Wake The Dead

Closedown – „Bask In The Dancing Light“ (Middle Man Records) [Stream]
Was mit einem astreinen The Cure-Gitarrenriff beginnt, verwandelt sich binnen einem Bruchteil einer Sekunde in ein rasendes und chaotisches Gemisch aus Screamo und Post-Hardcore. Boah, ich brech ab! Das packt mich direkt! Die Gitarren pendeln zwischen melancholisch, brachial und dissonant, die Drums wirbeln ordentlich Staub auf und der bzw. die Sänger gurgeln sich die Seele aus dem Leib, Verzweiflung und Leiden hört man hier deutlich raus. Zwischendrin gibt’s ruhigere Passagen, wieder mit The Cure-Bässen und Gitarren, auch ein bisschen meditativ. Kurz bevor man Lust verspürt, Yoga-Übungen zu machen, wird es aber wieder brachial und intensiv. Sehr spannende Sache, diese vier Songs!


Excide – „Actualize​/​Radiation Reel“ (New Morality Zine) [Name Your Price Download]
Nach einer supergeilen 3-Song-EP im Januar diesen Jahres schiebt die Band aus South Carolina zwei weitere Songs hinterher. Schön groovy geht es hier in Richtung der Neunziger, als Bands wie Snapcase, Quicksand oder Bad Trip diesen groovigen Post-Hardcore populär machten. Die zwei Songs machen zusammen mit den drei Songs der Debut-EP jedenfalls tierisch Lust auf ein ganzes Album! Müsst ihr unbedingt abgreifen!


If I Die First – „My Poison Arms“ (DIY) [Name Your Price Download]
Wenn man diese EP hier hört, wird man direkt in seelige Myspace-Zeiten kurz vor der Jahrtausendwende zurückgebeamt! Die Band If I Die First klingt dazu richtig frisch und man kann förmlich die Emo-Scheitel rumschleudern sehen! Die musikalischen Vorbilder sind hier eindeutig Bands wie Underoath und Saosin. Wenn man übrigens ein bisschen im Netz gräbt, dann findet man heraus, dass sich in der Band eine Menge Promis tummeln. So setzt sich das Sextett aus Leuten zusammen, die man von Bands wie From First To Last und Ghostname kennt. Und dann gibt’s da noch so ’nen Autotune-Emo-Rap-Typen namens Lil Lotus, der sogar schon mal was auf Epitaph veröffentlichen durfte. Bei Autotune-Vocals krieg ich Brechreiz, Gesichts-Tattoos sind auch irgendwie irre. Das, was Lil Lotus hier abliefert, nehme ich dem Typen eher ab. Aber wahrscheinlich wurde hier im Studio auch noch reichlich höher gepitcht, die Schreistimme kommt im Kontrast dazu deutlich besser rüber. Falls es die Band nach der Pandemie irgendwie schaffen sollte, hier in der Gegend aufzutreten, dann stehe ich wahrscheinlich mit tausend kreischenden Mädels in der ersten Reihe. Fast so wie damals, nur weniger Kajal und mehr Gesichtstattoos.


Mouthing – „Selftitled“ (The Ghost Is Clear Records) [Name Your Price Download]
Sieben Songs in fünfzehn Minuten, da bleibt nicht viel Zeit! Dementsprechend rasend sind Mouthing aus Houston, Texas unterwegs. Krachig und noisiger Screamo mit female Kreisch-Vocals, so könnte man den Sound der Band in etwa beschreiben. Dazu lassen sich Parallelen zu Black Metal, Grind, Crust und Industrial erkennen. Die Apokalypse lässt grüßen, hier bekommt man 100 Prozent Wut, Verzweiflung und Auswegslosigkeit zu spüren. Die einzig melodische Gitarre lässt sich beim Song Disorder Of Atoms vernehmen, aber auch da nur ganz entfernt und mit extrem abgehärtetem Gehör. Neben der 12inch auf The Ghost Is Clear Records gibt es übrigens auch Tapes über Zegema Beach Records.


Overo & Asthenia – „Split 7inch“ (Middle Man Records u.a.) [Name Your Price Downloads]
Eigentlich war dieses Release als Aufhänger für eine gemeinsame Japan-Tour der beiden befreundeten Bands gedacht, aber Dank der Pandemie gab es jetzt eine Planänderung. Dass die Split überhaupt erscheinen konnte, ist nur den Labels zu verdanken, die gemeinsam das Release ermöglichten. Insgesamt acht quer über die Erde verteilten Labels darf man deshalb lieb haben: Middle Man Records, Forge, Count Your Lucky Stars, Pundonor, strictly no capital letters, Lilac Sky, Polar Summer und Scully Records. Nun, Overo wurde von Mitgliedern der Bands Football, etc. und Perfect Future im Jahr 2018 ins Leben gerufen. Die Band hat sich mit Haut und Haaren dem 90’s Emocore verschrieben. Die zwei zu hörenden Stücke klingen wahnsinnig intensiv und kitzeln die Emotionen zwischen lauten und leisen Passagen nur so raus! Der wechselseitige Frau/Mann-Doppelgesang setzt dem Ganzen noch die Krone auf! Schade, dass es nur zwei Songs sind, davon könnte ich locker mehr vertragen. Aber die Entschädigung folgt mit den zwei folgenden Songs der Band Asthenia, die ja leider ihre Stücke nur tröpfchenweise unter das Emo-Volk bringt. Was war das für eine Überraschung, als mir Sänger Hiroshi Sasagawa als Dank für ein Review einst die Four Songs 10inch (die ich wie einen Goldschatz hüte) zugeschickt hat, wohlgemerkt aus Japan! Die zwei Songs der Split lassen mich logischerweise auch nach mehr lechzen. Auch wenn die Texte in japanischer Sprache vorgetragen werden, kann man hören, dass die Nerven blank liegen und Verzweiflung in der Luft liegt. Die zwei Stücke klingen jedenfalls nicht weniger intensiv und emotional wie die ihrer Split-Partner. Sollte ich irgendwann in den Genuss kommen, dieses tolle Emo/Screamo-Release zu besitzen, dann würde ich schwer vom Plattenspieler wieder wegkommen, weil ich ständig mit dem Umdrehen der 7inch beschäftigt wäre. Ein tolles Release, das man problemlos in Dauerrotation genießen kann, ohne dass je Langeweile aufkommen würde. Fans von Bands wie Yaphet Kotto, Daitro, Don Martin Three, Moss Icon oder diverser Gravity Records Releases werden das hier innig lieben!


Solace. – „I’ll Be Fine“ (Trost Records) [Stream]
Es war einmal die Band From Mountains To Stars aus Aarau in der Schweiz. Nach den für eine Band üblichen Lineup-Wechseln fühlte es sich wohl nicht mehr nach der ursprünglichen Ausgangssituation an, so dass sich ein kaum bemerkbarer Namenswechsel anbot. Solace mit Punkt am Wortende. Wahrscheinlich kam eines Tages irgendjemand aus der Band in den Proberaum und sagte: Ab heute heißen wir Solace. Punkt! Ende der Durchsage! Irgendwie eigentlich auch egal, alles Nebensache. Denn die Musik der Schweizer kann sich sehen bzw. hören lassen. Bisschen Post-Hardcore, etwas Screamo und eine kleine Portion Melodic Hardcore, alles gut ineinandergeflochten. Eine druckvolle Produktion, melancholische Passagen und nach vorne preschende Abgeh-Parts runden das Ganze ab. Für ein Debutalbum mit neun Songs mangelt es auch keineswegs an Abwechslung. Ich mag die Gitarren, die einerseits sehr verspielt und melancholisch klingen, dann aber auch wieder krass Powerchords abliefern. Hier sind Leute am Start, die mit Haut und Haaren in ihrem Sound aufgehen. Müsst ihr mal unbedingt anchecken!


The Fall Of Troy – „Mukiltearth“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Auf diesem neuen Album der Achterbahn-Band The Fall Of Troy passiert etwas Verrücktes! Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart auf einem Tonträger zusammen. Die Songs der ersten Hälfte des Albums sind Relikte aus der Anfangszeit der Band, damals waren die Jungs noch unter dem Namen The Thirty Years War unterwegs. Natürlich wurden die Songs neu eingespielt. Und diese erste Hälfte versprüht so viel Energie, Frische und Spielfreude, natürlich schwingt auch massig Nostalgie-Bonus mit. Die Gitarren flirren, der Bass knödelt, die Drums takten präzise, es wird gescreamt und gesungen. Und immer schafft es die Band, mir ein Grinsen in die Fresse zu zaubern, indem sie diese gewisse Hookline rausballert. Auf der einen Seite emotive as fuck, auf der anderen Seite melodisch und hart! Die zweite Hälfte des Albums spiegelt die Gegenwart wider. Nachdem die Bandmitglieder in 15 Jahren einige dunkle Täler durchqueren mussten, klingen die neu geschriebenen Stücke um einiges angepisster, wütender und düsterer. Durch das Riffing bei den neuen Stücken groovt es etwas mehr, zudem braucht es ein bisschen länger, bis die Songs hängen bleiben. Mir persönlich gefällt die Vergangenheit zwar etwas besser, aber die Gegenwart ist keineswegs zu verachten! Bleibt zu hoffen, dass es mit der Band-Achterbahnfahrt in Zukunft etwas weniger turbulent wird!


Wake The Dead – „Still Burning“ (Engineer Records) [Name Your Price Download]
Der Bandname ist bei den Franzosen Programm! Ob sich die Jungs nach dem gleichnamigen Album der Band Comeback Kid benannt haben, wird man wahrscheinlich in jedem zweiten Review lesen. Naja, passt ja auch irgendwie, denn das Quintett ist im Modern Hardcore unterwegs und macht ziemlich flotten und wütenden Hardcore mit melodischen Untertönen, da kommen natürlich Bands wie Landscapes, More Than Life, Defeater, Counterparts und eben Comeback Kid in den Sinn. Und auch beim dritten Album reißen die Jungs Mauern ein und schaffen es, bei mir mit ihrem energiegeladenen Sound Gehör zu finden! Oh Mann, da hört man die Kraft und die Spielfreude deutlich raus. Die Band sitzt bestimmt momentan hibbelig zuhause und wartet nur darauf, dass die Pandemie bald vorbei ist und man wieder on the road gehen kann, um diese Energie auf Live-Shows freizusetzen. Schön abwechslungsreich geht es obendrein zu, der Sound ist gewürzt mit Gangshouts, Beatdowns, permanenten Rhythmuswechseln und verzweifeltem Geschrei. Ein starkes und kurzweiliges Album!


 

Schönleben – „Übungen Im Positiven Denken“ (Through Love Rec.)

Ich war leider zu spät dran, mir diese einseitig bespielte und mit einem Siebdruck auf der B-Seite versehene 12inch mit Siebdruck-Hülle, Siebdruck-Poster und 28-seitigem Booklet sowie einem Sticker zu sichern. Wie blöd kann man eigentlich sein? Dabei setzt sich die Band Schönleben auch noch aus Ex-Mitgliedern der von mir geliebten Bands We Had A Deal, Reznik Syndrom, Rêche und Mahlström zusammen. Krönung des Ganzen ist, dass die 12inch bei einem meiner Lieblings-DIY-Labels Through Love Rec. erschienen ist. Ich könnte heulen! Auch gerade weil die Musik genau das ist, was mich zum brustklopfenden und knierutschenden Emo-Volldeppen macht.

Ihr kennt das vielleicht noch von früher: vielleicht zwanzig Leute im kleinen Juze…die Band geht zwar gut ab, aber alle stehen eher benommen rum und nicken mit dem Kopf im Takt. Klar, ist ja auch erst kurz nach zwanzig Uhr…Plötzlich ist da dieser grinsende Arsch in der ersten Reihe mit den komischen Klamotten, der sich ständig wie ein bekloppter Affe auf die Brust nahe der Herzgegend schlägt, todtraurig auf die Knie sinkt, nur um anschließend die dünnen Kabelarme aus seiner Jeans-Weste höchst erfreut empor zu schleudern und im nächsten Moment wie ein durchgeknalltes ADHS-Kind auf Koks total auszuflippen. Verrückt, denn plötzlich kommt Bewegung auf, das Publikum wird warm und durch die spielfreudige und energiegeladene Floorshow-Action der Band angesteckt. Ansagen, die man mit Haut und Haaren unterstützt und beklatscht! Und dann der nächste Song! Alle flippen rum und spüren, dass hier gerade etwas Großes passiert, Normalsterbliche können das hier nicht fühlen. Die Band kniet sich noch tiefer rein und gibt alles! Fuck Corona, warum hab ich Schönleben noch niemals live gesehen? Eine Show könnte sicher wie gerade geschildert so aussehen.

Übungen im positiven Denken umfasst nur sieben Songs. Wenn man das Spoken-Word-Intro abzieht, sind es eigentlich nur sechs Songs. Aber die hauen Dich echt um, wenn Du auf emotionalen, intensiven 90’s Screamo/Post-Hardcore stehst. Und klar, wie schon bei Slayers Reign In Blood macht das Intro alles nur noch intensiver. Die Gitarren drehen frei, die Drums umzingeln die Klampfen, der Bass umspielt das Szenario mal gegenspielend, mal polternd aber stets ballernd. Und dann sind da die Vocals, die so verzweifelt und verloren klingen, mal schreiend, mal verzweifelt gesprochen. Spätestens jetzt kommt die Gänsehaut ins Spiel. Die in deutscher Sprache vorgetragenen und tief berührenden Lyrics sind so unglaublich schön formuliert, die sprechen mir echt aus der Seele. Schmerz! Grob zusammengefasst geht es darin um die Entfremdung innerhalb der Gesellschaft. Und ja, das Auseinanderleben und die Kündigung von Freundschaften in Beziehungen ist auch ein zentrales Thema. Einfach zum Heulen schön!

9/10

Bandcamp / Through Love Rec.