Dingleberry 12-inch-Special: Bateau Noir, Cortez, Ničiteľ, Sky:Lark

Bateau Noir – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)
Guckt euch mal das Albumcover in 12inch-Größe an: ich würde hier von fälschungssicher sprechen, selbst die Chinesen haben hier keine Chance auf ein billiges Plagiat. Die fünf Kanadier aus Montreal gehen mit ihrem vielschichtigen Sound ebenfalls so vor, dass es nur auserwählte Genies geben wird, die den Sound detailgetreu kopieren werden können. Zehn instrumentale Songs sind auf dieser 12inch enthalten und ihr erahnt es schon: ich nörgel mal wieder, weil mir hier irgendwie der Gesang fehlt. Mit einem fähigen Sänger oder einer Sängerin würde das Ding hier noch mehr zünden, allerdings würden dann auch geniale Gitarrenpassagen verschluckt werden. Leidenschaftlich wird der dichte Sound vorangetrieben, zwischen Post-Hardcore, Post-Rock und Emo kommen Melodien an die Oberfläche, die ihresgleichen suchen, andererseits machen sich auch ’ne Menge Dissonanzen bemerkbar, bis dann eine kalte Post-Wave-Passage für Abwechslung sorgt. An manchen Stellen denkt man, da würde ein Orchester für den flächigen Atmosphärensound verantwortlich sein. Auf Vinyl klingt das alles natürlich sehr warm, man wird an Bands wie Appleseed Cast, Maserati oder Explosions In The Sky erinnert, manche Gitarrenparts zeigen hingegen auch Parallelen zu Bands wie At The Drive In. Als Anspieltipp würde ich mal den Song Hexagramme empfehlen, der Opener Alpha Concorde zeigt aber auch sehr schön die vielseitigen Fähigkeiten des Quintetts. Achtet mal nur auf den Schlagzeuger, der hat’s echt drauf. Dabei werdet ihr es nicht vermeiden können, auch die restlichen Musiker gebührend zu bewundern. Der Song Versus z.B. würde sich auch gut für ’nen James Bond-Streifen machen. Das hier ist eine Platte, die man zum Kochen eines anspruchsvollen Gerichts auflegen sollte. Laut aufdrehen, Zutaten schnippeln, alles in Zwiebeln andünsten, Gewürze und Kräuter dranmachen, köcheln lassen, Platte wenden usw. Nach drei Durchläufen freundet man sich mit dem Zeug an, entdeckt bei jedem weiteren Durchlauf neue Details. Ein Grower. Neben Dingleberry Records ist noch das Label L’Oeil du tigre am Release beteiligt.
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Cortez – „Initial – 10th Anniversary LP Edition“ (Dingleberry Records u.a.)
Cortez kommen aus der Schweiz und existieren auch schon eine Weile, anscheinend mit Unterbrechungen, als Gründungsjahr wird 2001 angegeben. Initial erschien ursprünglich im Jahr 2005 und nach meinen Recherchen im Netz erhielt die Scheibe damals reges Lob, ich nahm damals jedoch keine Notiz von der Band. Nun, zum zehnjährigen Jubiläum des Albums wurde das gute Stück neu aufgelegt, nun bekommen alte Fans und Unwissende wie ich eine zweite Chance, das Ding auf Vinyl zu genießen. Das Albumartwork sieht zwar düster, aber edel aus. Wie immer, wäre es natürlich ein Riesenvorteil gewesen, wenn ein Textblatt beiliegen würde. Denn durch das derbe Geschrei von Sänger JR ist es sehr schwer, die Inhalte der Songs zu enträtseln.  Jedenfalls ballern die zehn Songs heftig drauf los. Keine Ahnung, ob der Dampfwalzen-Sound auf dem ursprünglichen Album schon so fett war, auf der remasterten und remixten LP klingt das mit basslastig eingestellten Lautsprechern echt mal höllisch wuchtig. Auch die sparsam auftretenden leiseren Parts kommen schön atmosphärisch rüber. Dass ein Trio ein solches Inferno fabriziert, Wahnsinn. Erinnert etwas an eine Mischung aus Converge, Meshuggha und Botch. Fiese und extrem dreckige Sludge-Riffs treffen auf dissonanten Post-Hardcore und verstörenden Noise. Krasses Inferno, echt mal! Die beteiligten Labels: Dingleberry Records, Get A Life, WOOAAARGH, Tenacity Music und Grains Of Sand.
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Ničiteľ – „Matka“ (Dingleberry Records u.a.)
Das Linolschnitt-artige schwarz-weiß-Coverartwork auf braunen Karton gedruckt sieht schonmal vielversprechend aus, auch wenn man erst auf den zweiten Blick erkennen kann, dass hier ein Pferdegespann mit drei vermummten Männern abgebildet ist. Sind das wohl die drei Räuber? Keine Ahnung, jedenfalls bedeutet das slowakische Wort Ničiteľ soviel wie „Zerstörer“, Matka wird von der maschinellen Übersetzung als polnisch erkannt und wird mit Mutter übersetzt. Und die zwölf Songs hören sich an, als ob der Schlagzeuger ganz frisch vor den Aufnahmen zur Band gestoßen ist, vielleicht ist das aber auch so gewollt. Kann auch beides Spekulation meinerseits sein, aber durch seine monotone Spielweise angespornt, wird auch mal ein Hund zum Bellen animiert, einen Geige oder eine Motorsäge eingesetzt, die irgendeinen überflüssigen Baum zu Fall bringt. Diese Füllgeräusche kommen vielleicht deshalb zum Einsatz, weil hier nur mit Schlagzeug und Bass gearbeitet wird. So lass ich mir Drum’n’Bass eigentlich gefallen. Der Bass klingt total verstimmt, irgendwie dann doch wie etwas runtergestimmte Gitarren. Irgendwie kommt im Verlauf der Platte dann doch der Punkt, an dem man denkt: Scheiße, mich stresst das hier zwar etwas, aber eigentlich hört man sowas viel zu selten. Zudem wird bei jedem weiteren Durchlauf deutlich, dass unterschwellig doch mehr dahinter steckt. Der Sound ist sehr eigenständig und kompromisslos gestaltet, die Texte werden auf slowakisch gekrächzt. Im Textblatt liegen übrigens  englische Übersetzungen bei. Erinnert mich wegen der Geige ab und an an die Schweizer Crust-Band Cwill, aber Ničiteľ  sind noch düsterer. Hört da mal rein, wenn ihr auf schwarzen Crust, Blackened Hardcore und Sludge abfahrt und auch dem punkigen Grundgedanken nicht abgeneigt seid. Die Labels: Dingleberry Records, Haluzeum Produkt, Togue Sol Distribución, Extinction Records, Ingot – Andrejcod Records, WOOAAARGH, Skaven Records, Totalitarianism Still Continues und Different Records.
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Sky:Lark – „LP2“ (Dingleberry Records u.a.)
Hier haben wir es mit einem Trio aus England zu tun, was man aber zu keiner Zeit hört (das Trio, nicht England), da der Sound dicht und druckvoll aus den Lautsprechern wabert. Erst dachte ich aufgrund des Openers, der sich sogar mit jazzigen Passagen ins Gehör hämmert, dass hier rein instrumental abgenoist wird, aber weit gefehlt. Okay, aber von vorne: das Albumcover sieht so aus, als ob es in der Anwendung Paint von Microsoft entworfen worden wäre. Da gibt es auch dieses Airbrush-Tool, das jedes Kunstwerk aussehen lässt, als ob es von einem 12-jährigen ADHS-pubertierenden Drogenabhängigen bearbeitet wurde. Und ja, ich hab mit diesem Programm auch schon das ein oder andere Layout gemacht, haha. Jedenfalls ist das Textblatt auch geairbrushed, aber gut lesbar und auf dicken Karton gedruckt (mit vegetarischen, ölbasierten Farben). Aber nun zur Mucke: Da erwarten euch insgesamt neun Songs, sie sich zwischen Noise, Hardcore, Punk, Post-Punk und Jazz bewegen. Das hört sich jetzt geschrieben ziemlich chaotisch an, aber in Echt bekommt ihr hier schön mitreißenden Sound vor den Latz geknallt, der mit jedem weiteren Durchlauf in ungeahnte Höhen wächst. Mein absoluter Lieblingssong ist Lam Elisa. Boah, geht das gut ab, dieses Riff, dieser einfühlsame Gesang, der pumpende Bass und der Schlagzeuger, der sein Drumkit durch den Raum prügelt. Tolle Platte, solltet ihr euch unbedingt zulegen. Erscheint in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Boslevan Records, Deadwood und SuperFi Records.
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Form und Leere: Vote For Your Crushes Of The Year #2016

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Schaut doch mal rüber zu den lieben Kollegen von Form und Leere, denn dort könnt ihr momentan bei einem Voting zu den zehn besten Album-Releases und den zehn besten EP’s, Demos und Split-Veröffentlichungen aus dem Jahr 2016 teilnehmen. Und da die Menschen von Form und Leere auf reichlich Input angewiesen sind, wäre es klasse, wenn ihr das Voting ein bisschen in eurem Freundeskreis verbreiten könntet. Puh, das erinnert mich jetzt zwar unangenehm an die eigene Arbeit, selbst ’ne End Of The Year-Liste zu erstellen, aber irgendwann muss man ja mal damit beginnen…Aaaaarrrggghh!

Um direkt zum Voting zu gelangen, klickt also bitte HIER.


 

Deer In The Headlights – „Mental Health“ (Dingleberry Records u.a.)

Am derzeitigen Geisteszustand der Gesellschaft kann man schon auch mal massiv zweifeln, so finden sich auf Mental Health, dem zweiten Fullength-Album der Band aus Banja Luka/ Bosnien zahlreiche Verweise auf Missstände unserer Gesellschaft. Dabei kommen Themen wie die Flüchtlingskrise, Sexismus und Unterdrückung zur Sprache. Gerade die Menschen in Bosnien können ein Lied davon singen, welch Leid Religion, Nationalismus und ethnische Konflikte auslösen können. Jahrzehnte nach den Jugoslawienkriegen leiden die Menschen dort immer noch unter den Folgen des Krieges, während die Politik unbeirrt und kapitalistisch motiviert weiter wütet.

Nun, die Jungs und das Mädel am Mikro sind ja längst keine Unbekannten in der DIY-HC/Screamo-Szene mehr, so dürfte der ein oder andere schon mal etwas von der Band gehört haben. Sei es der Beitrag zum Dog Knights Productions Tribute-Sampler an Orchid, der 2014er Auftritt auf dem Fluff, ausgiebige Touren in Europa oder einfach nur die bisher veröffentlichten Scheiben (eine Split 12inch, eine Split 7inch und das 2014er Debutalbum). Nun also neuer Stoff in Form einer 12inch.

Ich mag ja diese schlichten Halbschnitt-Plattencover: Die Hülle besteht aus einem schwarz-weiß bedruckten naturbelassenen Karton, das Artwork stammt von einer Künstlerin namens Sanja Andjekovic und dem Künstler Ronny Bitter. Im Inneren finden sich anstelle der Texte linernotes zu den Songs. Schade, die Texte hätte ich hier auch gern gelesen, da das Gekeife von Sängerin Milica nicht immer so deutlich herausgehört werden kann. Naja, aber im Grunde erschließt sich der Textinhalt aus den Songtiteln und eben den linernotes. Und auf einem schönen Kartonstreifen erfährt man, dass neben Dingleberry Records noch die Labels Good Samaritan Records, Friendly Otter Records, Krimskramz Records, Hard Core For The Losers Records, Tadzio Records, One Wild Collective Records, Pure Heart Records, Mosh Potatoes am Release beteiligt sind.

Die insgesamt sieben Stücke kommen schön roh und räudig aus den Lautsprechern gekrochen. Mal düster, mal thrashig, dann wieder schleppend und stampfend, aber immer wütend und angepisst. Der Mischmasch aus Blackened Hardcore, Punk, Screamo, Crustcore und Powerviolence prügelt sich schnell aber sicher ins Gehör ein. Das Ganze erinnert mich an eine Mischung aus Battle of Wolf 359, Punch und Orchid. Als Anspieltipp eignet sich z.B. der Opener Ours/Theirs. Neben dem Stück King Of The Border zählt eben dieser Song zu meinen persönlichen Highlights der 12inch. Dort lässt sich nämlich die ganze Bandbreite der Band in einem Song entdecken: vertracktes Drumming, Rückkopplungsgeräusche, ein wunderbar intensiver Zwischenteil mit herzzerreißendem Geschrei und Geschluchze, rasend hektischer Crust. Die Songs machen jedenfalls Lust darauf, die Band endlich mal live irgendwo bestaunen zu können, wozu ich bisher leider noch keine Gelegenheit hatte. Ich bin mir sicher: würden mehr gefrustete Leute einfach mal eine Band gründen und ihre angestaute Wut rausrotzen, dann hätten wir eine Gesellschaft mit einem gesünderen Geisteszustand.

7,5/10

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Masada – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Das Albumcover find ich persönlich ja so genial wie einfach, dazu dieses knallige orange und das verloren wirkende Küken, das mit einem Beinchen den Schritt in die ungewisse Zukunft zu wagen scheint, in der es sowieso nur den bitteren Tod im Schredder finden wird. Na, was meint ihr wohl, was auf so einer Platte für Musik drauf sein könnte? Vielleicht ein schönes Frühlingskonzert heimischer Singvögel? Wohl kaum, aber da gibt’s wirklich ’nen riesigen Markt für! Ich weiß es aus Erfahrung: Schallplatten für natur-und vogelliebende Menschen bewundere ich von Zeit zu Zeit beim Durchstöbern von Flohmarkt-Vinyl-Kisten (neben Geräuscheplatten für Hörspiel-Macher findet man diese Art Schallplatten neben Heintje-Scheiben am Häufigsten).

Wie dem auch sei, das hier ist wieder mal eine Platte, bei der Musik und Coverartwork total im Kontrast stehen, denn Masada aus Erlangen klingen auf ihrer Debut 12inch ziemlich roh. Der Sound bewegt sich in erster Linie zwischen Screamo, Crust, schnellem Hardcore, Skramz und Punk. Wenn man die Anlage bis fast zum Anschlag aufgedreht hat, wähnt man sich sicherlich in keinem Vogelstimmen-Konzert. Nein, man fühlt sich eher wie der Zeichentrick-Kater Sylvester, der vom kleinen Küken Tweety mit ’nem überdimensional großen Vorschlaghammer einen wuchtigen Schlag auf die Rübe bekommen hat, so dass eine Vielzahl zwitschernder Vögelchen um die rosa pulsierende Beule schwirrt und die Äuglein mit etlichen roten Äderchen durchzogen sind.

Schon beim Opener uneindeutigkeiten wird es deutlich, dass die Erlanger Band seit ihrem 2014er Demo nochmals eine Schippe Dreck und Ausgereiftheit draufgelegt hat. Was für ein genialer Song, das Ding geht Dir nach ein paar Durchläufen durch Mark und Bein. Und auch der Rest (insgesamt sind es elf Songs) lässt nicht zu wünschen übrig. Die damaligen Demoaufnahmen hatten ja schon gezeigt, dass hier einiges an Potential drin steckt. Glücklicherweise wurden drei Songs vom Demo erneut eingespielt, in diesen neuen Versionen klingen die Stücke nochmals um einiges intensiver. Zum einen, weil die Abmischung um Längen tighter ist, zum anderen, weil das auf Vinyl einfach nur die totale Macht ist.

Bei Masada gefällt mir generell, dass nicht nur stur runtergeknüppelt wird, sondern dass sich auch immer wieder diese hochmelodischen Emocore-Parts in die Songs einschleichen und plötzlich die Grundstimmung von wütend nach vorne knüppelnd in emotional melancholisch umschwappt. Dieser Kontrast innerhalb eines Songs ist total spannend und kurzweilig, zudem klingt das alles so, als ob die Jungs den lieben langen Tag keiner Lohnarbeit nachgehen und nix anderes machen würden, als locker flockig ein Riff nach dem anderen runterzuzocken. Hört euch nur mal den Song Defeat an. Den kennt man zwar auch schon vom Demo, aber der zeigt ganz gut, wie vielseitig das Quartett klingen kann. Und wenn die Platte letztendlich mit diesen tollen Gitarren bei Repeat ausklingt, dann spricht absolut nichts dagegen, nochmals voller Freude die A-Seite aufzulegen.

Hmmm, das mit den Vergleichen fehlt noch. Vielleicht ist es hilfreich, diese Art von Musik Leuten zu empfehlen, die in ihrer Plattensammlung Bands wie Kishote, Battle Of Wolf 359 oder Ojne stehen haben und bei welchen man bei genauerem Stöbern auch Zeugs wie Queerfish, frühe Appleseed Cast oder Daitro findet. Zum Schluss verrate ich euch noch, dass ihr in der Plattenhülle einen schön bedruckten (mit den beteiligten Labels – Dingleberry Records, i.corrupt, ruined smile, Upwind, Rubaiyat, Don’t Care Recs), braunen DIN-A-5-Briefumschlag mit wunderschönem Inhalt finden werdet. Wenn ihr schon seit Ewigkeiten keine analoge Post mehr bekommen haben solltet, dann bestellt diese Platte und lasst euch vom Briefinhalt überraschen!

8/10

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Bandsalat: Antilope, Balance And Composure, Fljora, Forgive Me, Kambodsja, Lessen, Ulf, We Set Sail

Antilope – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Fünf Jungs. Augsburg und München. Südbayern. Steuert man die Bandcamp-Seite der Band ohne das entsprechende Vorwissen an, dann denkt man, dass diese fünf Songs irgendwelche wild zusammengewürfelten ersten Gehversuche wären, dabei steckt hier deutlich mehr dahinter. Kleiner Tipp an die Jungs: Seht euch mal das Bandcamp-Tutorial an, da wird erklärt, wie man die Songs eines Albums in einen Ordner reinschiebt, harr harr. In der heutigen Zeit nehmen sich die Leute leider nicht mehr die Zeit, sich aus einzeln downgeloadeten Songs eine EP zu erstellen. Das hat man noch gemacht, als man analoges Internet hatte und dieses Anwahl-Gepiepe stark am Nervenkostüm sägte. Mit WWW verband man damals World Wide Waiting. Nun, Antilope ist eine ganz neue Band. Und es würde sich lohnen, die Zeit zu investieren, um die Songs einzeln downzuloaden und sich daraus ’ne oldschool-CD zu brennen. Die Mitglieder haben schon mit Bands wie NME.MINE, Mitote, Facing the Swarm Thought, Them Bones, oder Aerosole Companion reichlich Erfahrung gesammelt. Und wenn euch die gerade erwähnten Bands zusagen, dann könnten euch Antilope vielleicht auch gefallen. Auf der einen Seite kommen Post-Hardcore-Elemente zum Zug, auf der anderen Seite fühle ich mich an manchen Stellen an Bands wie z.B. Captain Planet erinnert.  Mir läuft’s gut rein!


Balance And Composure – „Light We Made“ (Big Scary Monsters/Alive) [Stream]
Auf ihrem Debutalbum Separation gefiel/gefällt mir die Band aus Pennsylvania bis heute noch ziemlich gut. Mit dem Nachfolger The Things We Think We’re Missing hatte ich jedoch so meine Schwierigkeiten. Nachdem ich den Teaser-Song Spinning gehört hatte, war ich gespannt auf die restlichen neun Songs, da mich dieser doch etwas in der Nase kitzelte. Nun, nach ein paar Durchläufen ist es bei so einem weichgespülten Sound klar, dass ein paar Soundfetzen hängen bleiben, so läuft der Opener Midnight Zone und eben der Refrain zu Spinning ganz gut rein. Auch Afterparty gehört zu einem der herausragenderen Stücken.  Aber wenn dann z.B. dieser monotone Beat beim Song Postcard einsetzt, dann überlegt man sich zweimal, eine Postkarte zu verschicken. Das war jetzt vielleicht böse, aber irgendwie scheint dieses Schlagzeug fehl am Platz. The Things We Think We’re Missing hatte ja schon reichlich Monotonie im Gepäck und ungefähr ab der Hälfte der Songs schleicht sich auch hier etwas Eintönigkeit ein. Nun, die Mucke geht in Richtung Basement und Turnover, jedoch haben die gerade genannten Bands die schmissigeren Melodien und die emotionaleren Momente am Start. Sorry, auch, wenn Songs wie z.B. For A Walk eine gewisse Experimentierfreude a la NIN zeigen und ein paar Melodien a la Basement &Compturnover am Start sind, reicht das leider nicht ganz aus. Trotzdem freundet man sich nach ein paar Durchläufen mit dem Album an. Ganz nettes Album, mehr aber auch nicht.


Fljora – „Selftitled“ (mum says be polite/DIY) [Name Your Price Download]
Kennt jemand von euch noch den Locked Groove-Blog, den es leider seit Jahren nicht mehr gibt? Nun, über diesen Blog stieß ich einst auf eine Band namens Manku Kapak, die ich auf Anhieb sehr ins Herz geschlossen habe. Es folgte intensiver e-Mail-Kontakt, Austausch der postalischen Adressen, es wurden Päckchen hin und her geschickt. Leider ergab sich niemals die Gelegenheit für mich, die Band live zu erleben oder sonstwie zu treffen. Dafür hat meine Tochter das selbstgebastelte Armband im Marienkäfer-Look sehr liebgewonnen, das in einem dieser netten Pakete war, das wir uns gegenseitig schickten. Leider färbt es ein wenig ab, da ich, schluffig wie ich bin, den Rat mit dem „Haarspray draufsprühen“ nicht befolgt habe. Unbelehrbares Punkrock-Kid. Und nun, ein paar Jährchen später, klingelt die alte Zeit wieder an der Tür, in Form eines Albums der Band Fljora, bei welcher eben Nico von Manku Kapak am Gesang ist, Hauke Henkel ist ebenfalls mit von der Partie. Keine Ahnung, ob die Jungs uns quälen wollen, oder ob mit den anderen aktiven Bands (they sleep, we live und 勢い) bereits die Zeit genügend ausgefüllt ist, dieses erste Release ist anscheinend auch schon wieder das letzte. Leider. Man wird jedenfalls melancholisch, wenn man diese intensiv vorgetragene Musik auf die Ohren bekommt. Emo, Post-Rock, Post-Hardcore, Indie, Electro, Experimental, einfach warme, emotionale Musik, darüber die unverkennbare Stimme von Nico. Und dann das Interlude die dann doch wieder scheitern,  darin finde ich mich zu hundertzehn Prozent wieder. Ich würde ja gern noch mehr über diese Songs berichten, die mir leider nur als Download vorliegen, aber eigentlich sollte das Ding unbedingt auf Vinyl erscheinen. Hört da unbedingt rein!


Forgive Me – „Demo“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es gab wohl einmal selbst bemalte Demos dieser neuen Kellercombo aus Offenburg, aber die sind wohl laut e-Mail-Anfragetext längst vergriffen. Ob das nun 300 oder nur 10 waren, ist mir eigentlich schnurzwurst, denn bei diesen drei Songs hier ist eine gewisse Energie zu spüren. Das erinnert mich irgendwie an meine eigenen Bands von früher. Drauflos knüppeln, rumbrüllen, auf auf der Bühne herumliegende versiffte Perserteppiche spucken. Allerdings klingen Forgive Me erstens um Längen besser als meine lausigen Bands damals. Und das liegt nicht am technischen Fortschritt, denn die Aufnahme hört sich analog an, Vierspurgerät? Dann haben die noch  jemanden, der gut in Covergestaltung ist und obendrein scheinen die Texte mehr Tiefgang zu haben, als meine jämmerlichen Versuche, einen grammatikalisch richtigen Vers in einer mir fremden Sprache zu texten. Naja, der Schlagzeuger könnte noch ein wenig üben, aber sonst knallt das ganz gut.


Kambodsja – „Stranger“ (Mas-Kina Recordings) [Stream]
Beim Opener Guillotine kommt man sich wirklich wie jemand vor, der auf dem Marktplatz auf das scharfe Messer von oben wartet, das ihn endlich erlöst. Und nach ungefähr 3 Minuten der Qual singen dann die Engel bereits ein Liedchen, obwohl das scharfe Messer immer noch am Platz hängt. Ein Wunder, dass ich nach dieser langen Eröffnungssequenz so lange bei Kambodsja hängen geblieben bin. Dafür war hauptsächlich auch das tolle Video zum Song Name Among Dead verantwortlich. Bin froh, dass ich drangeblieben bin, denn das hier haut ordentlich auf den Matsch. Im Verlauf des Albums hat man fast den Eindruck, dass die Norweger eine gespaltene Persönlichkeit haben. Die neun Songs decken eine ganz schöne Bandbreite ab: Post-Hardcore, Noise, Metal, Klassik, Punk, Hardcore, Grunge, Shoegaze, Post-Rock und noch viel mehr. Sehr arschtretend! Alleine der Schlagzeuger bruzzelt Dir was auf die Ohren, wenn dann noch die dick abgemischten Gitarren oben drauf kommen, dann gibt es keinen Morgen mehr. Was mich dann an manchen Songs doch etwas stört, sind die langgezogenen Instrumental-Parts und die System Of A Down-mäßigen Passagen, die aber wieder mit reichlich Punk-Spirit wettgemacht werden. Eyes Ahead ist z.B. so ein richtig guter Hardcore-Song, da kriegt man richtig Lust, in die Menge zu diven.


Lessen – “A Nebulous Being“ (Send The Wood Music/Season of Mist) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Montpellier/Frankreich und macht so ’ne kuriose Mischung aus Post-Hardcore, Metal (Death/Black), Screamo und Punk, vereinzelt lassen sich auch Post-Rock-Klänge entdecken. Insgesamt erinnert das dann etwas an so Zeugs, wie man es gern um die Jahrtausendwende herum gehört hat, wenn man auf diese Mischung „hart, aber melodisch“ stand. Soll heißen: fette Gitarren, böses Gebrülle, Mosh, ab und an auch Emo-Mosh und progressiv angekokelte Passagen, mit welchen man sich bei jedem weiteren Durchlauf mehr und mehr anfreundet. Die Gitarren und das Geblöke bei Many Faced God erinnern mich irgendwie an As Friends Rust (Ruffian), während andere Passagen an Zeugs wie Arkangel, Purusam, Underoath oder Shai Hulud, manchmal auch an By A Thread denken lassen. Die Gitarren und der pumpende Bass kommen echt mal geil, der Schlagzeuger hat auch ein paar coole Moves am Start. Was auch noch von Bedeutung ist: insegsamt neun Songs sind zu hören. Und da diese sich so um die 2-9 Minuten-Marke drehen, habt ihr hier richtig Value For Money, denn die neun Songs haben eine fast einstündige Spieldauer.


Ulf – „Vier gute Lieder“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ich hatte mal ’nen Kumpel, der hieß wirklich Ulf. Ulf ist ja ein Name, der einem nicht sehr häufig unterkommt. Zudem litt mein Kumpel Ulf unter seinem Namen. Als in den Achtzigern dann die TV-Serie Alf Begeisterungsstürme bei Jung und Alt auslöste, wurde aus Ulf plötzlich unfreiwillig Alf.  Alle sagten nur noch, traurig aber wahr,  Alf zu ihm, selbst die verhassten Lehrer/innen. Und alle lachten. Damals kannte man das Wort Mobbing noch nicht, Internet-Trolle waren sowieso Science Fiction. Was ein Trauma! Und klar, das mit Alf war natürlich der Anfang vom Ende für Ulf. Ulf fing an…ups, ich breche an dieser Stelle lieber ab, da Ulf sicher noch von Selbstzweifel zerfressen von Zeit zu Zeit seinen Namen googelt (wenn er noch am Leben ist) und sich dann krämen würde, wenn er diese Zeilen hier zu Gesicht bekäme und genau wüsste, dass er letztendlich das jämmerliche Suchergebnis ist. Der Sündenbock Ulf war’s. Obwohl er in einem schönen Haus groß geworden ist…Ihr glaubt mir das jetzt wahrscheinlich alles nicht, aber das hier hab ich geschrieben, bevor ich das Facebook-Profil der Hamburger Punkband checkte und da wirklich Alf entdeckte.  Aber nun noch kurz zur Band Ulf aus Hamburg, die auf ihrer vorerst digital veröffentlichten EP absolut geilen Punkrock mit intelligenten deutschen Texten macht. Die vier Songs verbinden den deutschen Punkspirit á la Captain Planet und Düsenjäger mit dem frühen Emohardcore von Dag Nasty (Anfang von Handgranate), dazu kommt noch als Krönung etwas Mid-90’s -Emo á la Texas Is The Reason und Mineral. Ich mag das hier, Ulf hätte sicher auch Gefallen daran (das weiß ich, denn wir waren seelenverwand).


We Set Sail – „Feel Nothing“ (Kill The Music) [Stream]
Neulich staunte ich nicht schlecht, als eine Anfrage dieser australischen Band im Mailaccount landete. Wie zur Hölle kommt denn sowas zustande? Nun denn, wie dem auch sei, We Set Sail kommen aus Brisbane und tummeln sich auch schon wieder seit dem Jahr 2006 oder so in der Szene rum. Zudem scheint DIY bei den Jungs eine große Rolle zu spielen, sonst würde kaum so ’ne Anfrage mit persönlich geschriebenem Text hier eintrudeln. Bislang war mir die Band völlig unbekannt, aber Feel Nothing ist bereits das zweite Album der Jungs, die sich selbst als extrem faul bezeichnen. Kann man sehen, wie man will. Der Albumtitel Feel Nothing ist auf alle Fälle mal irreführend, denn die zehn Songs sind alles andere als gefühlskalt. Der dargebotene Sound, der zwischen verspieltem Post-Hardcore, Emo und Post-Rock pendelt, kommt sehr emotional und herzergreifend rüber. Wenn ihr auf Bands wie Thrice, Moving Mountains, Benton Falls, Brand New oder Moneen klar kommt, dann könntet ihr auch am Sound der Australier Gefallen finden. Das waren nun alles Bands, die die Jungs als Einflüsse aufgelistet haben, man könnte dazu natürlich noch weitere Bands wie z.B. Jimmy Eat World, Hot Water Music (wegen dem zweistimmigen Gesang) oder Sense Field hinzufügen. Übrigens hat Jay Maas (Defeater) an den Knöpfchen gedreht. Und achtet mal auf die Songtitel! Kleines Beispiel gefällig? Hört mal den Song mit dem vielversprechenden Titel Understanding This Is Not A Car Crash an, diese Gitarren sind doch traumhaft!


Show-Review: Fjørt, Lygo und Kind Kaputt im Jugendhaus Ravensburg (05.11.2016)

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Vor nicht allzu langer Zeit konntet ihr an dieser Stelle bereits ein Show-Review mit Fjørt lesen, damals von der gemeinsamen Tour mit den Jungs von We Never Learned To Live. Nun, knapp ein halbes Jahr später machten Fjørt einen Katzensprung von meinem Wohnort entfernt im Jugendhaus Ravensburg Halt auf ihrer Herbstreise, diesmal mit den Bonner Schreipunks von Lygo und Kind Kaputt aus Mannheim. Schnell aufs Fahrrad geschwungen und durch die windig-regnerische Nacht die 5 Kilometer nach Ravensburg gedüst, kam die Crossed Letters-Crew etwas durchnässt aber bereits gut vorgeglüht pünktlich zu Kind Kaputt an, die bereits mit ihrem Set begonnen hatten.

Kind Kaputt ist eine relativ neue Band, beim Abchecken des Materials im Vorfeld klang mir der Sound des Quintetts ein bisschen zu konstruiert und auf massentauglich gemacht, aber live mit ein paar Bieren im Schädel war das ganze doch eigentlich ganz nett. Vor allem war der Sound glasklar abgemischt, vielleicht profitierte da die Band von den magischen Knöpfchendreherhändchen des Soundmanns von Fjørt. Grob umschrieben machen die Jungs glattgebügelten Post-Hardcore mit sphärischen Post-Rock Parts und einem Sänger, der mich live von der Tonlage her etwas an Casper erinnerte. Trotzdem fehlte mir persönlich hier die Bewegung auf der Bühne etwas, die Band schien sich mehr auf ihre Instrumente zu verkrampfen. Mehr Punkrock-Attitude würde dem Sound der Jungs bestimmt nicht schaden.

Wie eine Show mit hohem Punkrock-Faktor aussehen kann, demonstrierten dann eindrucksvoll die Punks von Lygo, die von der Pike auf in die Punkrock- Schule des Lebens gegangen zu sein scheinen. Aber von vorne: Worauf ich mich im Vorfeld wirklich freute, war der Auftritt von Lygo, die ich ja auch schon in der Vergangenheit abgefeiert habe, damals noch auf Borderline Fuckup. Habe die Lygo-Rezi zu Sturzflug gerade nochmals gelesen, manchmal ist es ja verrückt, dass man beim Lesen des eigenen Geschreibsels Jahre später schmunzeln muss. Gute Idee, das mit den Greifautomaten auf Livegigs. Vielleicht sollte ich das als Geschäftsidee patentieren lassen, wie der eine Typ, der Telefonzellen zu Ein-Raum-Diskos umfunktioniert. Da kann man 2 € reinwerfen und einen beliebigen Song auswählen, wird dann eingenebelt und darf unter einer Diskokugel mit Lichtshow abhotten. Vielleicht hätte man ein paar dieser Ein-Raum-Diskos aufstellen sollen, um die Leute im Publikum zum Tanzen zu animieren, denn außer Kopfnicken war keine Bewegung zu verzeichnen, was ich mir angesichts des Einsatzes der drei Herren auf der Bühne eigentlich nicht erklären kann. Hier bekam man ein äußerst energiereiches Set geboten, das zudem noch von Hits gespickt war, die man eigentlich lauthals und Bier verschüttend mitgrölen hätte sollen. Wenn ich mir vorstelle, wie vor einigen Jahrzehnten bei einer Show der Spermbirds in diesen Räumen das Kondenswasser von der Decke tropfte, dann wage ich zu behaupten, dass die Jugend früher etwas mehr Einsatz zu zeigen pflegte. Keine Ahnung, es machte trotzdem Freude, die Energie und den Spaß der Jungs an der eigenen Musik aufzusaugen. Live gefällt mir das ganze noch einen Ticken besser als auf Konserve. Da die Stimmen der beiden Sänger sehr ähnlich sind, bringt es nochmals etwas Schwung in die Sache, die zwei Sänger vor sich zu sehen. Und während Lygo mit den Zeilen wieder einen Winter überstanden  aus dem  Song Störche bei mir noch etwas die Nackenhärchen aufstellen lassen, setzt auch schon einen Tag nach der Show im ländlichen Oberschwaben der Winter in vollen Zügen ein.

Die Zeit zwischen den Bands konnte man dann gemütlich plaudernd verbringen. Es ist immer wieder schön, in einer solch entspannten Atmosphäre abzuhängen. Mittlerweile füllte sich das Jugendhaus zwar, aber dass Fjørt andererorts schon mal vor weitaus größerem Publikum in riesigen Clubs auftreten, merkte man an diesem Abend nicht. Obwohl, gleich zu Beginn der Show ist erstmal der Strom ausgefallen, wahrscheinlich aufgrund der Überlastung durch den vielen elektronischen Schnickschnack, den die Jungs bei sich haben. Schon die Auftritte im Frühjahr in Lindau und Lustenau waren ähnlich dünn besiedelt. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass Fjørt in diesem Landstrich bisher noch nicht ausgiebig genug Präsenz gezeigt haben. Jedenfalls war die Technik ruckzuck wieder hergestellt, so dass der in kühles blaues Licht getauchten Show nichts mehr im Wege stand. Die dunkle Optik und der aufsteigende Nebel transportierten einen Hauch von nordischer Hafenromantik. Die Atmosphäre wurde durch den hervorragend abgemischten Sound noch verstärkt. Fjørt meisterten ihre Sache dann mit Bravour, da merkt man einfach, dass die Jungs auf der Bühne zu Hause sind und sich ihr Können mühsam und ehrlich erarbeitet haben. Dass man es mit einer sympathischen Band zu tun hat, die weiß woher sie kommt, merkt man auch bei den Ansagen, die so viel menschlicher sind und auf hohle Phrasen gänzlich verzichten. Hier erfährt man dann auch ein paar Hintergründe zur Show und den Leuten dahinter, die solche Konzerte mit Leidenschaft und Herzblut ermöglichen. Normalerweise hätte das Tour-Ende schon einen Tag früher in Würzburg stattfinden sollen, aber dann erhielt die Band eine Mail-Anfrage von Yvie. Und Fjørt sagten einfach zu, obwohl solch kleine Locations in der Provinz eher nicht auf dem Tagesprogramm der Aachener steht. Da zeigt sich mal wieder, dass sich mit DIY Sachen erreichen lassen, die man eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Einfach mal machen! Nun, mir gefiel dieser Auftritt der Band sehr viel besser als damals in Lindau. Das lag vor allem an der heimeligen und familiären Atmosphäre, gerade mal 73 Leute hatten den Weg ins Jugendhaus gefunden. Zwar fehlte auch hier die Bewegung im Publikum, dafür sogen die anwesenden Leute die Magie der Show förmlich ein. Neben aktuellen Hits wie Kontakt, Lichterloh und Anthrazit wurden auch ein paar Songs vom Vorgängeralbum D’Accord zum Besten gegeben. Klar, ich habe schon Bands gesehen, die ohne Lightshow und sogar noch bei eingeschalteten Licht die Bude zum Einstürzen brachten, so dass überall Körper durch die Luft flogen, aber das wäre hier ehrlich gesagt etwas fehl am Platze gewesen. Fjørt lieferten jedenfalls super ab, so dass man am Ende in zufriedene Gesichter blickte. Und wie das in der Provinz so üblich ist, verschwanden die Leute auch ziemlich schnell nach dem Abklingen der letzten Töne. Ach so, da ich mal wieder bei den Foto-Aufnahmen mit schlechter Ausrüstung und Pfuscherei nix auf die Reihe bekommen habe und die meisten Bilder absolut verwackelt waren (ich hätte ja beim Knipsen nur mal mein Bier abstellen müssen…), verweise ich an dieser Stelle auf die Fotogalerie vom Jugendhaus Ravensburg, auf der ihr ein paar gelungenere Bilder bestaunen könnt.


Andalucía – „Stuck“ (Sic Life Records)

Vom 2014-er Debutalbum There Are Two Of Us bin ich immer noch sehr begeistert, die Scheibe dreht bis heute von Zeit zu Zeit ihre Runden auf dem heimischen Plattenspieler. Und der Song Anonymous God fand und findet immer noch den Weg auf etliche Mixtapes, was wiederum etliche Rückfragen der Mixtape-Beschenkten bezüglich der Band Andalucía nach sich zieht. Ihr könnt euch denken, dass ich ziemlich aus dem Häuschen war, als ich  ’ne Anfrage des Münsteraner Duos zwecks Besprechung ihres zweiten Albums Stuck im e-Mail-Postfach fand. Ein paar Wochen später flatterte dann auch schon die 12inch per Analog-Post ins Haus. Okay, rein optisch hat sich zum Vorgänger nicht viel verändert, das Artwork bleibt schlicht, einen Bandnamen sucht man auf dem Frontcover vergebens. Anstatt dessen sieht man eine schwarz-weiß-Fotografie von zwei Klötzen, die durch irgendwelche Stromkabel miteinander verbunden sind. Das ist wahrscheinlich das Promo-Bandfoto, das die zwei Slacker-Typen an die ganzen Jugendzentren verschicken, in denen sie spielen wollen, nehm ich mal an, haha.

Vom Frontcover zur Platteninnenhülle: hier findet man neben einem Download-Code und den Texten ein Grusel-Foto, das direkt aus einem Retro-Horrorstreifen stammen könnte. Alleine dieses Foto ist es wert, die Platte zu besitzen. Das X auf dem Baum hinter dem dritten Typen von links…boah, ich krieg ’ne Stoppelhaut…Sehr, sehr, wirklich sehr gruselig. Einrahmen und übers Bett hängen. Schön, was man als DIY-Band mit eigenem Label (Sic Life Records) im Rücken alles schaffen kann. Aber nun zur Musik.

Als ich die Platte erstmals auflegte, bekam ich einen wirklichen Schock. Die Gitarren klangen irgendwie zu hell, der Gesang war etwas schwach und leise, das Schlagzeug rumpelte blechern vor sich hin…aber im nächsten Moment Entwarnung: die Kinder waren mal wieder in der Zwischenzeit an der Anlage und haben Knöpfchen verdreht. Da schwillt mir ja jedes mal die Zornesader an der Schläfe an, aber eigentlich ist es ja lustig, wie man den doofen Papa mit so ein paar Knöpfchendrehungen auf die Palme bringen kann. Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, startete ich die Platte erneut. Wie zu erwarten auch mit einem sehr viel satteren Sound, auch wenn der Gesang etwas in den Hintergrund gemischt ist. Trotzdem musste ich beim allerersten Durchlauf der kompletten Scheibe feststellen, dass hier ein sofort ins Ohr gehender Song vom Kaliber Anonymous God nicht auf Anhieb zu erkennen ist. Einen weiteren Schock bekam ich, als ich beim Song Ordinary Daze meinte, dass der Plattenspieler ’nen Motorschaden hätte und ich kurz davor war, die Kinder rund zu machen. Aber, das gehört anscheinend so. Der Song leiert technisch defekt, das kann man nicht mehr Shoegaze nennen, das zehrt dann eher am Nervenkostüm. Sind das rückwärts abgespielte Spuren? Teufelszeug, haha. Aber im Grunde find ich das schon wieder cool, auch wenn ich die A-Seite nach dem dritten Song in Zukunft wahrscheinlich abwürgen werde. Sorry, das Ding eignet sich als Rausschmeißer auf ’ner Party mit nervigen Gästen.

Okay, seit ich obige Zeilen geschrieben habe, sind ein paar Wochen und einige Durchläufe der LP vergangen. Und wie so oft stellt sich heraus, dass man einer Platte immer eine zweite Chance geben sollte. Denn mittlerweile habe ich unter den acht Stücken Songs gefunden, die mir ziemlich gut reinlaufen. Und hat man erst den Zugang zu den Songs gefunden, dann kann man bei Stuck  im wahrsten Sinne des Wortes richtig kleben bleiben. Über den Sound kann man mehr als erstaunt sein, das hört sich eher nach vollständiger Band als nach Duo an. Da werden echt mal Riffs gezaubert, die sich nach mehrmaligem Hören richtig ins Gehör schrauben. Dazu passt natürlich das auf den ersten Blick stur gebolzte Schlagzeug, das sich auf den zweiten Blick als ziemlich genial und ausgetüftelt rausstellt. Dieses Phänomen lässt sich bei Bands wie Sea And The Cake ebenfalls sehr schön beobachten. Wobei Andalucía eher um einiges dissonanter unterwegs sind, aber auch hier kommen immer wieder nette Gitarrenmelodien zum Vorschein, in die man sich reinsetzen könnte. Auch wenn die Grundstimmung eher düster und ein wenig trostlos rüberkommt, können Songs wie das geniale Slack Off, das mit jedem Durchlauf mehr von seinem Hitpotential preisgibt, oder das im Dischord-Stil vorgetragene I Can I.D ein Lächeln auf die Gesichter zahlreicher Slacker zaubern. Und welch Erlösung, als man nach dem bereits erwähnten schrecklichen Ordinary Daze auf der B-Seite bei Ode De Coy mit einem wundervollen Riff wieder milde gestimmt wird. Die Jungs waren erst vor kurzem auf Tour, vielleicht hat sie ja jemand von euch sehen können. Ich würde mir das jedenfalls sehr gern mal live anschauen, ist sicher beeindruckend.

8/10

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