Secoué – „Of Heaven“ (lifeisafunnything)

Als ich Anfang des Jahres auf die Empfehlung von Marcus/lifeisafunnything hin in dieses bislang auf Bandcamp erschienene Release reinhorchte, konnte ich auf Anhieb die Aufregung seinerseits nachvollziehen. Sehr wahrscheinlich hatte er immenses Herzklopfen, wie jemand, der völlig untrainiert und nach dem Genuss mehrerer Tassen Espresso an einem Marathon teilnimmt, als sich herauskristallisierte, dass dieses Release bei seinem Label erscheinen sollte. So erging es jedenfalls mir, als mir Marcus Anfang diesen Jahres von dieser mir bis dato unbekannten Band vorschwärmte und Andeutungen machte, dass das Teil in naher Zukunft geplant ist, obwohl das Geld dafür eigentlich gar nicht da ist.

Nun, ein paar Monate später flattert also ein kleines Plattenpaket des sympathischen DIY-Labels ins Haus, aus welchem u.a. diese 12inch zum Vorschein kommt, nach welcher ich mir seit der oben beschriebenen Sache förmlich die Finger leckte. Und ja, rein optisch ist das Ding mal wieder der totale Hingucker. Auf dem Cover selbst fehlt Bandname und Plattentitel, weshalb der Aufkleber auf der PVC-Schutzhülle ein super Einfall ist. Zudem weiß das an eine Sanduhr erinnernde Bandlogo zu gefallen. Mein Vinyl-Exemplar ist durchsichtig und mit schwarzen Rauchschwaden durchzogen und sieht einfach klasse aus. Natürlich liegt ein Textblatt und ein Downloadcode bei.

Die Musik, die die Band aus New York auf dieser 12inch verewigt hat, ist zuallererst verdammt intensiv. Ich würde das Ganze mal als Emo-Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Einflüssen umschreiben. Dabei reichen die vertonten Gefühle von Zerbrechlichkeit über Verzweiflung, Trauer, Wut, innere Leere bis hin zu Selbsthass und Aussichtslosigkeit.  Diese musikalische Intensität wird dabei doppelt durch die Texte unterstrichen, denn hinter Of Heaven scheint ein Konzept zu stecken. Im Textblatt erfährt man letztendlich auch, dass die Platte der verstorbenen Kathy DiStasi (die Person auf dem Cover?) gewidmet ist. Da meine Recherche nach den Hintergründen im Netz zu keinem Ergebnis führte, wagte ich dann doch einen kleinen Blick in das Begleitschreiben, das die Hintergründe sehr ausführlich erklärt. Bei der Verstorbenen handelt es sich nämlich um die Mutter des Sängers Christian DiStasi.

Wie hin- und hergerissen Marcus gewesen sein muss, diese 12inch zu veröffentlichen, erklären auch die weiteren Hintergründe im Leben des Sängers, auf die ich aber jetzt nicht näher eingehen werde. Nur so viel: der Kerl hat anscheinend bisher nicht alles ganz so bravourös in seinem Leben auf die Reihe bekommen, kann ja mal vorkommen. Weil bei lifeisafunnything die Bandauswahl mit viel Liebe und Bedacht erfolgt, lag es natürlich nahe, dass sich Marcus selbst ein Bild von dieser Person machte und ihn auf Mark und Knochen prüfte. Er lernte ihn als geläuterten jungen Menschen kennen, der leidet, weil er durch sein Verhalten einiges verbockt hat. Er hat ihn zudem als höflichen Menschen kennen gelernt, der versucht, zu seinem Gegenüber nett zu sein. Für mich ist es absolut nachvollziehbar, warum die Entscheidung für Marcus so schwer war, diese Platte zu machen. Ich wünsche mir dazu, dass Christian sein weiteres Leben auf die Reihe bekommt und seine Erfüllung in der Kunst und der Musik findet. Ich drücke ganz fest die Daumen und wünsche mir gleichzeitig eine weitere Veröffentlichung dieses Kalibers.

So, nun aber genug der Hintergründe, denn diese Platte ist auch ohne dieses Wissen emo as fuck, wie man so schön sagt. Secoué schaffen es gekonnt, den Spirit von Jahrtausendwenden-Emo-Bands wie z.B. On The Might Of Princes, By A Thread oder Thursday mit der Versiertheit und Intensität von neueren Bands wie Pianos Become The Teeth oder We Never Learned To Live zu kombinieren. Songs wie der gefühlvolle Opener Asphyxia, der sich obendrein noch mit gespenstisch flirrigen Gitarren  ins Gehör einbrennt oder das mit raffiniert reduzierter Gitarrenarbeit hinterlegte Divisible, das sich immer wieder fett aufbäumt, werden euch genauso faszinieren, wie das letzte Stück Endless (Dor), das neben der ganzen Traurigkeit dann doch noch einen Hauch von Hoffnung erkennen lässt. Die Songs sind spannend aufgebaut, zudem mag ich einfach die einfühlsame Stimme des Sängers, das verzweifelt klingende Geschrei bei den Ausbrüchen und die immer wiederkehrenden reduziert gehaltenen, fast schon leisen, aber atmosphärischen Einschübe. Diese fünf Songs sind die absolute Wucht!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Señor Karōshi & Außer Ich – „Split 7inch“ (Tumble Weed Records)

Zwei deutsche Bands bzw. zwei Trios, die musikalisch so ziemlich in die gleiche Kerbe schlagen und sich obendrein bei einem gemeinsamen Konzert anfreundeten, teilen sich diese schnuckelige, handnummerierte 7inch. Das Artwork mit seiner Origami-Optik gefällt mir schon recht gut, zudem freut sich der faule Vinyldreher über den beiliegenden Downloadcode.

Immer wieder macht es mich total glücklich, wenn mir plötzlich ein Release einer Band, die einst anhand eines digitalen Downloads von mir gefeatured wurde, per Post im Briefkasten landet. Señor Karōshis Debut 7inch gefiel mir damals wie heute außerordentlich gut und auch diese zwei Songs hier wickeln mich auf Anhieb um den Finger. Dieser Sound kann nur von Menschen stammen, die sich garantiert niemals totarbeiten würden (kleine Anspielung auf den Namen, könnt ihr im Borderline Fuckup-Review nachlesen). Mannometer, ich liebe diese schrammeligen Gitarren, die sich zwischen frühen Billy Talent, Knochenfabrik und Captain Planet bewegen und sich melodieverliebt aber treibend ins Gehör schrauben. Auch wenn es die Songtitel nicht verraten, Señor Karōshi singen auf deutsch und haben Punk im Blut, Melodie im Urin und Herz im Bauch. Oder so ähnlich. Und obendrein sind die Texte aus dem Leben gegriffen, die sprechen mir absolut aus der Seele. Und diese mehrstimmigen Chöre! So ’nen Sound muss man live bierspritzend und mit den Fäusten in der Luft abfeiern. Sobald die A-Seite rum ist, muss ich unweigerlich erneut die Nadel an den Anfang setzen. Ich feier das ab! Sorry an Außer Ich, aber diese Seite der Split wurde öfters von der Sonne angestrahlt (bis jetzt).

Betrachtet man aber die Außer Ich-Seite ohne den direkten Vergleich zu Señor Karōshi, dann wehen auch hier die Fahnen im Sturm. Obwohl Außer Ich im Vergleich zu Señor Karōshi eher langsamer durch die Gegend fahren, klingt das hier nicht minder intensiv. Zugegeben, die zwei Songs brauchen ein Weilchen, bis sie so richtig zünden, aber dann fühlt es sich wirklich gut an. Klar, das Simpsons-Sample zu Beginn schmiert schon ordentlich Honig ums Maul. Sympathie-Bonus-Punkte-ohne-musikalische-Vorleistung-erschleichen nennt man das wohl, haha. Geil jedenfalls, Simpsons-Samples rocken die Bude. Der Opener Eine Frage der Ähre beginnt etwas unspektakulär, kratzt dann aber ziemlich schnell die Kurve, bevor er in einem göttlichen Refrain gipfelt. Lauf lauf lauf, die ganze Nacht. Da wandert die Gänsehaut durch den Proberaumkeller. Die Gitarren gefallen mir sehr gut, gerade wenn sie flächig schrammeln und der Schlagzeuger mit viel Crashbecken spielt, das kaschiert etwas seine Rhythmusschwankungen. Und auch diese Seite des Scheibchens hat ihre Reize. Gerade textlich gehen die Deutschpunkers andere Wege, hier ist von genretypischem Bashing keine Spur.

Bei beiden Bands stehen in naher Zukunft Veröffentlichungen in Form eines Albums an, daher dient dieses leckere Scheibchen als Appetitanreger. Ich für meinen Teil bin jedenfalls angefixt, und zwar von beiden Bands.

7,5/10

Señor Karōshi Facebook / Außer Ich Facebook / Bandcamp [Stream]

Pacman – „Der blanke Hans“ (Spin The Black Circle Records/Pain Of Mind)

Was Computerspiele anbelangt, bin ich in meinen Kindertagen nach einer kurzen Spielphase und zwei defekten Joysticks direkt zur Erkenntnis gelangt, dass Gaming für mich nicht so geeignet ist. Ich stamme ja noch aus der C64-Ära, in der mit Spielen wie Falcon oder eben Pacman etliche Kinder davon abgehalten wurden, nach Regenwürmern zu graben oder Käfer in Pappschachteln einzusperren (Sammelwut, die sich später in Plattensammeln umwandelt). Anstatt dessen flüchtete man vor verpixelten Gespenstern, jagte das kleine gelbe Pacman-Männchen durch ein Labyrinth und fraß dabei etliche Punkte. Wenn Muttern zum Essen rief, hatte man jedoch keinen Hunger. Ergatterte man eine Kraftpille, konnte man wiederum die Gespenster für eine Zeit lang fressen, zudem gab es Bonuspunkte, wenn man nebenher noch Obst sammelte. Vitamine waren also genügend da. Keine Ahnung, ob die Mitglieder der Hannoveraner Band Pacman in ihrer Jugend ähnliche Sozialisierungen in Sachen Computerspiele erfahren haben, jedenfalls haben die Jungs vor Pacman schon in verschiedenen Bands gespielt, z.B. Hermelin, Ponto und WhiteBuzz.

Mit Der blanke Hans legen die Hannoveraner also nun das zweite Album vor. Rein optisch betrachtet sieht die 12inch sehr edel aus, die quadratische Optik zieht sich auch komplett durchs Release durch, Backcover und Textblatt sind in gleichem Stil gestaltet. Die Fotomontagen der Bandmitglieder sehen irgendwie ulkig aus, könnte man glatt als Fahndungsfotos verwenden.  Irgendeiner wird immer geschnappt, auch wenn er unschuldig ist. Ab in den Kerker, hehe. Und im Hintergrund das vom Sturm aufgewühlte schäumende Meer: der blanke Hans. Setzt man dann den Tonarm in die Rille, legt das Quartett schonmal mit dem Opener Brackwasser  laut tosend wie eine Sturmflut los. Zwischen Noise, Hardcore, Punk und doomig fetten Gitarren klatschen dabei  riesige Wellen gegen die Hafenmauer, bis sich die See wieder beruhigt und es plätschernd weitergeht, der Sturm aber plötzlich erneut aufkommt. Für die fett gemasterte Produktion ist mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich, das Spiel zwischen laut und leise ist jedenfalls supergeil herausgearbeitet. Pacman sind eher im Midtempo-Bereich unterwegs, mit reichlich Ecken und Kanten. Hin und wieder schleicht sich dann ein ruhiger und trister Emo-Part ins Noisegewitter ein, bis dann ein fettes Grungeriff, das nah am Stoner liegt, um die Ecke linst. Eingängige leichte Melodien finden sich auf diesem Album schwer. Beim Pacman-Spiel wird ja mit jedem Level die Geschwindigkeit gesteigert, auf Der blanke Hans steigert sich eher der Wahnsinn, bis nach sieben Stücken mit dem Song Neurosenträger doch noch so etwas wie eine Melodie aufkommt und neben einer genial verspielten Gitarre noch ein Horn zu hören ist.

Die disharmonische Tristesse spiegelt sich auch in den symbolkräftigen deutschen Texten wider, die eine ebenso verloren-im-Raum-stehende Stimmung verbreiten, wie die Musik. In den diesmal ausschließlich auf deutsch vorgetragenen Texten kommt auch viel Gossenromantik vor, so brennen sich z.B. Zeilen wie „Der Aschenbecher ist voll, doch ich noch lange nicht“ ins Gehirn ein. Auf dem Debutalbum Girlfriends wurde ja noch hin und wieder auf Englisch gesungen. Vielleicht haben sich die Jungs ja meine Forderung nach ausschließlich deutschen Texten zu Herzen genommen. Mit vergleichbaren Bands tu ich mir hier ein wenig schwer. Geht grob in die Richtung Adolar, Антенна, Kurort, Van Pelt, Jullander (bei den ruhigeren Parts), vielleicht noch etwas ganz frühe Rinderwahnsinn. Schöne Sache.

7,5/10

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Bandsalat: Coma Commander, Driven Fear, Epona, Holler House, Karina Kvist, Libido Wins, Polyphony , Veery

Coma Commander – „Council Of The Jackalope“ [Stream]
Sperrt eure Langohr-Löffel auf, so wie es der Feldhase auf dem Albumcover macht. Coma Commander kommen aus Belgien, genauer gesagt aus Diest. Und was aber wichtiger ist: die fünf Jungs machen soliden Punkrock mit ordentlichem Emo-Einschlag. Göttlich, ohne Religiösität. Das ist Punkrock, wie ich ihn liebe. Ab auf’s Skateboard, rein in den Pit, ohne Angst vor diversen Bierduschen. Freunde von Ami-Bands wie Hot Water Music oder deutschen Bands wie Hell & Back sollten das unbedingt anchecken. Emotionaler Punkrock mit hammergeilen Gitarren, da wird man vom Commander direkt ins Coma befördert!


Driven Fear – „Freethinker“ (Pee Records) [Stream]
Ich mag solche Gitarren wie am Anfang dieses Albums…Trust haben sie benutzt, Anthrax haben sie verfeinert und auch hier rocken diese elektrischen Gitarren ungemein. Was mich an der Aufnahme trotzdem ein wenig stört, ist lediglich die Tatsache, dass die Mucke trotz Spielfreude etwas zu glatt produziert klingt. Gerade bei Fireball (Mr Sinister) fällt dies extrem auf, obwohl der Song alles niederrockt. In Care Of Pt 2 ist auch enorm mächtig. Und auch der Rest. Warum nörgel ich eigentlich rum, die 12 Songs mähen alles nieder! Melodic Hardcore mit (haha) melodischer Kante!


Epona – „II“ (DIY)  [Name Your Price Download]
Die Debut-EP der Jungs aus Margate/UK machte mich bereits hellhörig, nun folgt mit II ein weiteres Lebenszeichen, allerdings nur mit zwei Songs. Meine Liebste meinte zwar neulich, dass die Mucke total langweilig und nichtssagend wäre, aber mir persönlich gefällt dieses laid back-Geschrammel schon ganz gut. Ich geb ja zu, dass es schwer ist, an einen Hit wie Closure nochmal anzuknüpfen und irgendwie fehlt mir bei diesen zwei Songs das fröhlich melodische Gitarrengeschrammel der ersten Aufnahmen, zudem sind die beiden Songs deutlich grungelastiger aufgebaut. Trotzdem ganz nett, also saugt euch das Ding zum Name Your Price Download.


Holler House – „Lodge“ (DIY) [Stream]
Ich will mich ja nicht beschweren, aber die ganzen Anfragen mit physischer Bemusterung halten mich ganz schön auf Trab. Hier kommt mal ’ne Band, die ich schon vor ein paar Monaten entdeckt habe, bisher war aber keine Zeit übrig, das Ding mal zu besprechen. Nun, diese Band würde auf Vinyl sehr wahrscheinlich alles zerstören. Mannometer, was für ein geniales Noise-Gewitter. Für’s nächste Mixtape solltet ihr euch diesen genialen Song vormerken, der euch eure Basecap vom Kopp bläst: Please ist hammermäßig geil. Deadverse trifft auf None Left Standing und ganz viel Noise.


Karina Kvist – „EP ’16“ (DIY) [Freier Download]
Bamberg hab ich bisher eher mit schlechter fränkischer Mundart als mit geilem deutschen Screamo/Skramz/Emo in Verbindung gebracht. Tja, man lernt nie aus, zudem zeigt das wieder, dass jegliche Vorurteile total käsig sind.  Beim ersten Stück namens Hakan rattert erstmal das Gehirn, da mir das Riff am Anfang ziemlich bekannt vorkommt, aber mir weder Band noch Lied einfallen will. Ist das Coldplay? Scheiß drauf, denn was darauf folgt, hat dieses gewisse Etwas, das mir schon an Bands wie Manku Kapak oder Kishote gefallen hat. Tief emotional, Punkeinflüsse hört man hier ebenso mit raus, da die unpolierten Kanten  dringelassen wurden. Hört euch nur mal den Bass an, der immer wieder durchsickert. Neben schrammeligen Gitarren und hektischem Getrommel kommen auch melodische Gitarren zum Einsatz und dazu noch dieser zerbrechlich-wütende Gesang. Neben oben genannten Bands kommt auch Zeugs wie Soul Structure oder halt so 90’s Emo-mäßiges in den Sinn. Checkt das unbedingt mal an. Ich bin gespannt, was da noch folgen wird!


Libido Wins – „Anhedonia“ (DIY) [Stream]
Naja, der Bandname und dann noch der Albumtitel und das Albumcover…aber irgendwie ist da ja schon hin und wieder was dran. Nun, die Band aus Ungarn möchte vieles: zum einen klingen die vier Jungs so, als ob der Spaß im Vordergrund stehen würde, dann kommen experimentelle Einschübe durch, die an Beethoven & Co erinnern. Live ist das sicher ganz genehm, aber auf Konserve spricht mich das hier absolut nicht an, auch wenn manche Ansätze stimmen und die ein oder ander Gitarren-Line Dir ein Lächeln in die Augen zaubert.


Polyphony – „Simple Math“ (DIY) [Name Your Price Download]
Seit 2010 ist dieses gemischte Quartett hier unterwegs, aber erst jetzt bin ich bei meinen selten gewordenen Bandcamp-Ausflügen auf diese vier-Song-EP gestoßen und irgendwie hängen geblieben. Ziemlich zappelige Zukunftsmusik, sehr mathig, vertrackt, hektisch, chaotisch und verrückt. Cooles Artwork obendrein. Live sicher total abgehend.


Veery – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, warum ich in diese sechs-Song-starke EP reingehört habe. War’s ’ne Empfehlung von irgendwem, ’ne Anfrage oder einfach nur ’ne Selbstentdeckung? Egal, was auch immer, diese EP kesselt Dich demomäßig ein, wenn Du auf so ’ne Mischung aus 90er-Grunge und Hardcore-Gitarren á la Snapcase und Helmet abfährst. Kommt mächtig, Grunge meets Post-Hardcore, ordentliches Bassgewummer mit Störgeräuschen und Rückkopplungen, die Dich in den Wahnsinn treiben. Wer das Ding nicht zumindest zum Name Your Price-Download auf die Festplatte zippt, ist selbst Schuld.


 

Dingleberry Records LP-Special: Bennasr Alghandour, Istmo, Verbal Razors

Bennasr Alghandour – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)
Puh, das was die zwei Franzosen da machen, ist irgendwie schwer zugänglich, verschroben, experimentell, an den Nerven sägend und zugegeben etwas anstrengend. Das fängt bereits beim Albumartwork an, zu welchem mir rein gar nix einfallen will. Höchstens vielleicht ein mit Photoshop zusammengebasteltes Phantasiewesen aus mehreren Tieren. Das Ding auf der Vorderseite ist ein Hund plus Muschel, die Kreatur auf dem Backcover sieht nach Zebra-Bär-Rind aus. Die einzelnen Teile zerfließen zu etwas Neuem. Ähnliche Elemente findet man bei der Musik der beiden Pariser, die noch bei manchen Songs von Gastmusikern unterstützt werden. Ich werd bei so ’nem verschwurbelten und vertrackten Sound ziemlich schnell nervös und hibbelig, zudem kommen mehrere Instrumente zum Einsatz, man vernimmt schonmal eine Geige, Orgeln oder Synthesizer, das wirkt hektisch. Am nervenaufreibendsten wird es jedoch, wenn wie bei Fade To White oder Le Respect (c’est toujours) Gesang mit dabei ist. Dann lieber instrumental, der Gesang klingt einfach zu lustlos. Rein instrumental kommt das ganze nämlich schön sägend und hämmernd daher, überwiegend mit viel Druck, das Getrommel hat jedenfalls ordentlich Pfeffer. Die sieben Songs wurden live aufgenommen, was wohl auch zum intensiven Feeling beiträgt. Die Jungs geben live sicher ein interessantes Bild ab. Und zugegeben, je mehr Durchläufe man der Platte gönnt, umso mehr erwischt Dich der Noise/Math/Punk/Hardcore/Rock-Klotz an der Birne, aber bis dahin ist es eine Herausforderung. Neben Dingleberry Records erscheint das Ding auf En veux tu? En v’là!, Jungle Khôl, MisèRecords, Hell Vice i Vicious, Gurdulu und Clac Records.
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Istmo – „Selftitled 12inch“ (Dingleberry Records)
Das Wort Istmo kommt laut meiner Recherche über einen Online-Übersetzungsdienst aus dem Spanischen und hat seinen Ursprung aus der griechischen Geographie. Isthmus kann mit „Landenge“ übersetzt werden, also der engste Punkt einer Landbrücke zwischen zwei Festlandpunkten, die von Unmengen an Wasser umgeben sind. Solche Stellen eignen sich für den Bau von Kanälen, ein berühmtes geographisches Beispiel ist z.B. der Panama-Kanal. Schon wieder was gelernt! Und jetzt erklärt sich auch das Albumcover, das auf einen schwarzen Karton gesiebdruckt ist. Wieder mal das schäumende Meer, das man in letzter Zeit auf so einigen Albumcovern findet. Nun, auch bei Istmo hat man die schäumende Gischt und das unvorhersehbare Wellengang-Spiel auf dem Schirm, welches von ruhiger See bis tobender Sturmfront mit 8m hohen Wellen reicht. Mir persönlich würde dieses schicke Scheibchen, das im durchsichtigen Vinyl einen schönen Kontrast zur schwarzen Ummantelung bildet, noch besser reinlaufen, wenn etwas Geschrei/Gesang dabei wäre. Rein digital bemustert hätte ich das Zeug der Band aus Bari/Italien eher etwas langweilig gefunden, aber auf Vinyl entwickeln die zwei Songs schon einen gewissen Reiz. Da werden vertrackte Passagen und dynamische Parts entdeckt, da wickelt sich ein mächtiges Riff um Deinen Hals und zieht langsam die Schlinge zu. Nach einigen Durchläufen freundet man sich letztendlich mit dem herbstlich angehauchten Post-Hardcore an, der mit langgezogenen Ambient/Post-Rock-Passagen ausgeschmückt ist. Abwechslung bringen auch ein paar Post-Metal-Parts. Ach so, wiedermal wirken bei diesem Release etliche Labels mit: bookhouse records, Forever True Records, Monte Calvario, Controcanti, Ruffmo Records, Rubaiyat Records, Same Grey Records, Blessed Hands Records, Suspended Soul Tapes And Records, Insonnia Lunare Records und Dingleberry Records.
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Verbal Razors – „Misleading Innocence“ (Dingleberry Records u.a.)
Der Nuclear-Assault-mäßige Schriftzug  und das farbenfrohe, fast strahlende Albumcover versetzt mich in eine Zeit zurück, in der man blaues Vinyl nur von den Dimple Minds gewohnt war (Schaut mal wieder das Blau auf’m Bau-Video an, das ist ein Klassiker) und jedes Wochenende ’nen ordentlichen Genickmuskelkater vom Moshen vorweisen konnte. Verdammt, was hab ich die Helmpflicht für Mofas damals verflucht. Fahren mit Helm war sowas von anstrengend, wenn einem die Genickmuskeln wie ausgeleierte Gummibänder vorkamen. Nun, das königsblaue Vinyl kommt natürlich sehr geil, v.a. wenn die schwache Abendsonne auf den Plattenteller scheint. Die mit den Texten bedruckte Innenhülle erinnert mich an diese eine Roxette-Platte (ich glaube „The Look“). Naja, wenn man die Nadel aufsetzt, dann freut man sich an den trashigen Gitarren, den hyperschnellen Drums, die auch mal Doublebass draufhaben und dem oldschooligen Metalgeshoute. Kommt nach dem Emo-Revival endlich das Skate/Thrash/Crossover-Revival an? Wär geil. Zwischen Tankard, Suicidal Tendencies, DRI, Biohazard (die Gangshouts) und Nuclear Assault kommen auch „neuere“ Bands wie Municipal Waste oder Death By Stereo in den Sinn. Erscheint in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Dirty Guys Rock Records, Blodd & Döner und Exu Rei Records.
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Noir Reva – „Nuance“ (Miss The Stars Records u.a.)

Ihr habt es hier schon öfters lesen können, dass ich reinen Instrumetal-Bands gegenüber nicht unbedingt so positiv gestimmt bin, weil mir Gesang eigentlich total wichtig ist. Und immer wieder muss ich entdecken, dass ich viel zu engstirnig bin und erst auf die Schönheit einer Platte aufmerksam werde, wenn mir diese auf Vinyl ins Gehör fährt. Da werd ich schonmal von so Instrumental-Zeugs aus dem Winterschlaf gekitzelt und reibe mir ungläubig die Äuglein, weil ich soetwas in der Art nie und nimmer erwartet hätte. Rein digital hätte ich die Band wahrscheinlich in nullkommanichts weggezippt, aber wenn sich die Nadel ihre Bahn durch die Rille auf dem grau marmorierten Vinyl sucht, dann wird der Sound lebendig. Ich bin der Überzeugung, dass man so einen Sound unbedingt auf Vinyl erleben muss. Ach so, das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Miss The Stars Records, Koepfen und Hackebeil Records erschienen.

Noir Reva kommen aus Koblenz, einer der ältesten Städte Deutschlands. Witzigerweise bedeutet der ursprüngliche und lateinische Name dieser Stadt soviel wie „die Zusammenfließenden“. …und ja, neben Albumtitel und dem Albumartwork, das irgendwie ineinander übergehend aussieht und mit reichlichen Farbnuancen die Optik täuscht, besitzt auch die Musik von Noir Reva diese fließende Kraft, die Dir die Sinne vernebelt. Da passt auch das grau marmorierte Vinyl hervorragend ins Konzept. Wie sanfte Wellen, die Deine Füße streicheln, kommt der Sound aus den Lautsprechern geplätschert. Da linsen unverzerrte Gitarren um die Ecke, die sich im Verlauf eines mehrminütigen Songs flächig ausbreiten, um dann von treibendem Schlagzeug angestachelt zu werden, bis sie sich zu dichten Soundwänden und flirrigen Post-Rock-Konstruktionen hochtürmen.  Und immer wieder tritt diese melancholisch gespielte Emo-Gitarre in den Vordergrund, verträumte Melodien entfalten sich und explodieren feuerwerksartig, spielen sich in Extase.

Diese Platte wächst mit jedem Durchlauf in ungeahnte Höhen. Wo Bands mit Gesang bei den Songarrangements manches kaschieren können, bringen Noir Reva einfach wundervolle Melodien ins Spiel, die einem Schmetterlingstanz gleich kommen. Magische Momente laden zum Träumen ein und bevor man abzudriften droht, wird man vom kraftvoll gespielten Schlagzeug und schraubenden Gitarren wieder wachgerüttelt. Es sind zwar nur fünf Songs drauf, aber diese dauern dafür zusammen etwas über eine halbe Stunde.  Das Label nennt Bands wie z.B. This Will Destroy You, Kokomo oder Explosions In The Sky, ich sehe noch Parallelen zu Lunar, Maserati oder Amanita.

8/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records


Colored Moth – „Fragmenting Tensions“ (Twisted Chords)

Letztes Jahr gab’s schon ein kleines Feature zur Ever Deared To Dream Before-EP, aufmerksamen Leserinnen und Lesern dürfte die Band aus Berlin also bereits ein Begriff sein. Nun, damals anhand eines Promo-Downloads besprochen, freut es natürlich ungemein, dass sich eine Band an sowas erinnert und man als popeliges Onlinezine in der nächsten Runde mit lecker Vinyl bemustert wird. Wow! Und was soll ich sagen, in dem Fall freu ich mich doppelt drüber, weil dieses Release von vorn bis hinten einfach nur der Wahnsinns-Hammer ist. Angefangen beim bunt besiebdruckten und kräftigen Naturkarton bis hin zum schön gestalteten Textblatt, dem Downloadcode und natürlich dem musikalischen Inhalt, der einen nicht mehr so schnell los lässt, wenn sich erst mal die Nadel ins schwere Vinyl gebohrt hat: das Ding nimmt gefangen, zieht in den Bann und hypnotisiert ohne Zweifel.

Schon der Opener Decay Accelerating Factor lässt Dich wahnsinnig werden: Störgeräusche, Rückkopplung…und dann folgt ein göttliches At The Drive-In mässiges Gitarrenintro, das sich schön frickelig ins Gehör zwirbelt, bevor mächtige Gitarrenwände mit Schreigesang hinterlegt werden und der Schlagzeuger mit viel Crashbecken ordentlich Wind macht. Dieser Mischmasch aus Hardcore, Punk, Noise, Post-Hardcore und Post-Rock gefällt mir außerordentlich gut, das wird bereits vor Beginn des zweiten Songs klar und auch der Rest überzeugt auf ganzer Linie, so dass diese Platte nach etlichen Durchläufen in ungeahnte Höhen wächst. Beim Hören kommen einem immer wieder Bands wie Refused in der Mid90’s-Phase oder Jesus Lizard in den Sinn, dann eiern Craving oder Drive Like Jehu an einem vorbei. Der Sound macht nervös, macht hibbelig, bietet reichlich Abwechslung, ist spannungsgeladen. Die Bassläufe verknoten Dir die Gedärme, dann überraschen Dich die verzerrten Surfgitarren beim B-Seiten Intro Void, bei denen Du denkst, dass es jetzt vielleicht im Gegensatz zur Brachialität der A-Seite ein wenig gediegener wird…aber weit gefehlt, auch hier Dissonanz und vertracktes Inferno pur.

Gerade nach den Interludes Dystopian und Reminiscence trifft Dich der Sound um so härter. Das scheppert natürlich auf Vinyl mit basslastig eingestelltem Equalizer und den entsprechenden Lautsprechern um Längen besser, als auf den billigen PC-Lautsprechern. Eigentlich sollte man sich nichts anderes als Vinyl antun. Die Gitarren klingen an manchen Stellen sogar etwas wüstenrock-mässig, bis sie dann wieder von schnellfeuernden und scheinbar unkontrollierbar gespielten Frickel-Riffs wie eine weich gewordene Stulle durchschnitten werden. Ausgefeiltes Songwriting trifft dabei auf noisig bis dissonante Ausbrüche und fast schon experimentelle und nah am Free-Jazz liegende Passagen, dabei bleibt das ganze aber trotzdem erstaunlich eingängig. Ich bin immer wieder überrascht, was für tolle und spannende Bands hierzulande auf hohem Niveau abliefern. Einer der spannendsten Songs ist übrigens der letzte Song auf der A-Seite: Second Sight – Craving Of The ID hat alles, was ein guter Song haben muss…langsamer Beginn, fast schon Monochrome-artig, gerade auch wegen dem weiblichen Gesang am Anfang und den deutschen Lyrics, dann die genialen postrockigen Gitarren und der pumpende Bass plus Gitarrengefiepe und Geschrei. Sehr geil. Colored Moth solltet ihr definitiv im Auge behalten. Von dieser Motte lass ich mir gern Löcher ins T-Shirt fressen!

8,5/10

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