Leoniden – „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“ (Two Peace Signs)

Erschreckt durch ein paar gespaltene Albumreviews zum mittlerweile dritten Album der sympathischen und quirrligen Band aus Kiel ging ich das Doppelalbum erstmal skeptisch an, obwohl ich eigentlich doch seit langer Zeit ziemlich leidenschaftlicher Fan bin, vor allem live. Wir kennen alle diese doofen Sprüche: „Corona hat alles verändert!“ Aber hoffentlich nicht die Leoniden? Durchaus denkbar, denn der Band ist mit den fehlenden Liveshows ein wirklich starker Ast weggebrochen.

Aber keine Angst, nach ein paar Durchläufen des Promostreams war ich schon wieder so angetan von den Jungs, dass ich mir das Album direkt noch pünktlich zum Releasedatum auf Doppelvinyl bestellte. Außerdem hab ich die Band aufgrund ihrer positiven Live-Energie eh schon längst ins Herz geschlossen, obwohl mir anhand der stetig wachsenden Fanzahl und ungebetenem Körperkontakt auf vergangenen Festivals (lange vor der Pandemie) so langsam die gute Laune im Publikum abhanden kam. Olle Kamellen, heutzutage würde ich mit aufgezogener Impfspritze für genügend Abstand sorgen! Corona ist eigentlich auch eine Chance! Die liebgewonnenen Bands endlich wieder auf Abstand oder in kleiner Club-Athmosphäre sehen, vorausgesetzt die Spritze ist im Anschlag!

Aber Spaß beiseite, kommen wir endlich mal zum Doppelalbum! Das Ding liegt schön schwer in der Hand. Gatefold-Cover, simples und aussagekräftiges DIY-Design (die Erde brennt, alles on fire), die Lyrics sind schön im Inneren abgedruckt. War ja im Punk immer schon Thema, mittlerweile ist das dank Klimawandel fast schon Realität, das mit der brennenden Erde. Schade, kein Download-Code, vielleicht hab ich das aber auch übersehen. Auf den ersten Blick wirkt das Ding mit seinen 21 Songs ziemlich komplex und fast gar überladen, 52 Minuten muss man dafür einplanen. Nix für Leute, die schnell mal ’ne Playlist brauchen und nur auf der Suche nach Hit-Songs sind, die auf Anhieb alles richtig machen. Obwohl die da sicher in jeder Sekunde enorm fündig werden, denn ohrwurmträchtige Songs sind hier einige zu finden!

Auch wenn viele Songs extrem poppig rüberkommen, ist trotzdem eine große Portion Melancholie und Dramatik zu spüren. Hey, wer hätte gedacht, dass die auf der Bühne stets gutgelaunte Person Jakob Amr mit mentalen Problemen und auswegslosen Tiefs zu kämpfen hat? Nicht nur die Erde brennt lichterloh, auch die Menschen haben an Dingen zu knabbern, die im Freundeskreis als harmlos betrachtet oder heruntergespielt werden. Jeder sieht’s, aber keiner traut sich, aktiv zu werden, zu reden, vielleicht sogar mal den Küchenpsychiater zu mimen. Dabei wäre gerade das vielleicht eine erste Hilfe? Fahrt also eure Antennen aus und achtet auf eure Mitmenschen, mentale Gesundheit darf nicht mehr tabuisiert werden! Wichtiges Thema! Und auch sonst sind die Texte sehr lesenswert!

Manche Songs zünden sofort (Paranoid, L.O.V.E., die ganze A-und B-Seite und vereinzelte Songs auf der C und D-Seite), einige brauchen ein wenig, die muss man sich regelrecht erarbeiten. Aber das ist es, was die Sache ausmacht. So verdammt gut! Ich fühl mich an eine Zeit erinnert, in der man sich ’ne Platte kaufte, und die sich bis zum Erbrechen morgens mittags abends und nachts bis zum Anschlag futterte! Wenn ihr nicht so energisch oldschoolig vorgehen wollt, dann gibt es hier auch nach wenigen Durchläufen ziemlich viel zu entdecken, nicht nur die fünf Complex Happenings-Interludes sind äußerst experimentierfreudig und vielschichtig, auch wenn es so ein bisschen nach Snippets-epischem-Post-Rock-Album klingt. Und auch der Rest hat es ziemlich in sich. Da wurde sicher tage-und nächtelang getüftelt und um jeden einzelnen Ton gestritten und verhandelt. Zwischen tanzbarem 90’s-Indie-Grunge und Indie-Pop-Ohrwürmern dringen enorm dichte Post-Hardcore-Passagen an die Oberfläche, die auch von At The Drive-In stammen könnten. Einflüsse von Michael Jackson, Thrice, Parcels (dieses geniale Bass/Drums-Zusammenspiel), Röyksopp, Rage Against The Machine, Air und Two Door Cinema Club sind auch zu entdecken. Und obendrauf gibt’s einfach noch ganz viel LIEBE! Tolles Album mit Anspruch, alles andere als oberflächlich!

9/10

Leoniden / Video


Bandsalat: Assertion, Lower Automation, One Step Closer, Planet Watson, Superbloom, Tenace

Assertion – „Intermission“ (Spartan Records) [Stream]
Fast durch die Lappen gegangen wäre mir das Debutalbum dieser Band aus Tacoma, Washington. Lag wohl an der seltsam formatierten Mail im proppevollen Promo-Mail-Ordner. Nach ca. zehnjähriger musikalischer Abwesenheit kommt hier der Sunny Day Real Estate-Drummer William Goldsmith (auch bekannt als Gründungsmitglied der Bands The Fire Theft und den Foo Fighters) um die Ecke. Dementsprechend strotzen die neun Songs von einem gewissen 90’s Groove. Auf der einen Seite klingt der Sound ein bisschen düster, was auch textlich unterstrichen wird (es geht z.B. um persönliche Traumata wie missbräuchliches Verhalten in der Familie), andererseits dringen wiederholt melancholische Gitarrenmelodien mit eingängigen Refrains ans Ohr. Jedenfalls lohnt es sich, dem Album genügend Zeit zu geben, denn es wächst mit jedem weiteren Durchlauf! Wenn ihr mit 90’s-Zeugs wie Jawbox, Quicksand, Lunchbox oder Hum was anfangen könnt, dann solltet ihr hier mal ein Ohr riskieren.


Lower Automation – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Nach zwei EPs hat das Trio Lower Automation aus Illinois zehn Songs für sein Debutalbum zusammengetragen. Größtenteils sind die Songs in der Pandemie entstanden. Das erklärt vielleicht die Weirdness und das Chaos, das einem mit einer unbändigen Wucht entgegen schlägt. Die Band hat ein aufwühlendes Gebräu aus Post-Hardcore, Math, Noise, Indie, Punk und Metal geschaffen. Das klingt dann in etwa so als ob die kleinen nervösen und hibbeligen ADHS-Geschwister von Bands wie At The Drive-In, The Jesus Lizard oder Dillinger Escape Plan zusammen Musik machen würden. Die Stimme von Sänger und Gitarrist Derek ähnelt wirklich sehr der Stimme von Cedric Bixler-Zavala. Und dann sind da diese völlig kaputten Songarrangements, die wie zusammengepuzzelt ein mächtiges Gesamtwerk ergeben. Wenn ihr auch nur eine der erwähnten Bands mögt, dann werdet ihr das hier ziemlich abfeiern! Ich find’s mega!


One Step Closer – „This Place You Know“ (Run For Cover) [Stream]
Vom ersten Ton an könnte ich hier permanent mit der Faust in die Luft schlagen und dabei ein fettes Grinsen in der Fresse haben! So ein geiles Debutalbum hört man selten! Zwischen Hardcore, Melodic Hardcore, Post-Hardcore und Emo könnte man das hier irgendwo einordnen. Ha, Hardcore halt, aber so richtig unter die Haut, mit den geilsten Gitarren dieser Erde! Dazu ziemlich emotionial und mitreißend, zwischen purer Verzweiflung und herzzereißender Leidenschaft! Ich war bereits ab dem ersten Song des Albums Fan, vorher kannte ich die Band leider nicht. Die Band gibt’s seit 2016, ich werde nun ausgiebig den Backkatalog auschecken! So klingt pure Leidenschaft! Frühe Stretch Arm Strong treffen auf By A Thread, frühe Boy Sets Fire und vielleicht noch Shai Hulud? Hört da mal schleunigst selbst rein und werdet glücklich!


Planet Watson – „Time To Break It“ (Melodic Punk Records) [Stream]
Zehn Jahre gibt’s die Stuttgarter Skatepunkband Planet Watson mittlerweile, die Zeit war also reif für das dritte Album. Und dass die Jungs darauf geil waren, das lässt sich auf Time To Break It an vielen Stellen hören. Und auch diesmal wird die Szene gefeiert. Auch wenn’s im Booklet nirgends steht, verlass ich mich jetzt mal auf den selbst verfassten Promowisch. Da steht nämlich geschrieben, dass einige Gastgesänge von Leuten aus Kapellen wie Frenzal Rhomb, The Decline, Scheisse Minnelli, Straightline, Noopinion, Money Left To Burn, Antiheld und Danger Jerk zu hören sind. Naja, fällt irgendwie nicht wirklich auf! Jedenfalls eröffnet der Opener Next Episode mit purer Spielfreude und Energie, so wie auch der Rest des Albums. Die Gitarren zaubern ein melodisches Riff nach dem nächsten, der Drummer gibt Gas, mehrstimmiger Gesang und einen schmissigen Bass gibt’s obendrauf. Dazu ein Sänger, der mal schreien aber auch melodisch singen kann. Oder auch mehrere, siehe oben. Yeah! Im Verlauf der sechzehn Songs bekommt man echt Lust, sich direkt auf’s Skateboard zu schmeißen und sich einen Dreck um schlimme Verletzungen und halsbrecherische Stürze zu scheren! Wer auf Zeugs wie Pennywise, die Krombacher Kellerkinder, NOFX oder die Satanic Surfers steht, kann hier bedenkenlos zugreifen! Ich find ja auch das Artwork der CD ziemlich gelungen (Lokalkolorit: Goldmarks, Juha West, alte Hackerei Karlsruhe, Helmut Cool, Start A Fire), und wenn man dann die Shirts der Jungs im Booklet sieht, dann weiß man auch, dass der Background stimmt! Cluster Bomb Unit, daher kommt wohl also der Wumms an den Drums!


Superbloom – „Pollen“ (Thirty Something Records) [Stream]
Zwölf Songs schmücken das Debutalbum der Band Superbloom aus Brooklyn/New York. Und die dürften jedem 90’s Grunge und Indie-Rock-Fan die Tränen in die Augen treiben. Das Album kommt innerhalb von einer Spielzeit von knapp 45 Minuten mit reichlich Nostalgie um die Ecke und eigentlich kann man sagen, dass hier sich ein Hit an den nächsten reiht. Der wohl stärkste Einfluss dürfte wahrscheinlich Nirvana sein, Bands wie die frühen Smashing Pumpkins und Soundgarden lassen v.a. bei der Gitarrenarbeit und vom Groove her grüßen. Die Band beherrscht jedenfalls ihr Handwerk, neben der laut/leise-Dynamik schimmert auch viel Melancholie und Melodramatik durch. Auch dass die Produktion zeitgemäß ist und dabei aber noch genügend rotzt imponiert mir sehr. Einfach brutal gut! Dicke Empfehlung für die Dauerschleife!


Tenace – „Des Marques Sur Nos Mains“ (Itawak Records u.a.) [Stream]
Ihr seid süchtig nach französischsprachigem Screamo-Stuff? Dann kommt hier ein Leckerbissen in Form der aktuellen EP der Pariser Band Tenace. Die acht Songs strotzen vor Energie, Wut, Verzweiflung und Leidenschaft. Es geht wuchtig und emotional geradeaus, was wahrscheinlich auch dem geschuldet ist, dass die Songs live eingespielt wurden, Brad Boatright/Audiosiege sorgte fürs Mastern. Zum Song Les Souffles Et Nos Chemins wurde übrigens noch ein sehenswertes Video abgedreht. Und dass wir es hier mit einem schönen DIY-Release zu tun haben, zeigt auch die an der Vinyl und Tape-Version beteiligten zahlreichen Labels (Itawak Records, Sleepy Dog Records, Jean Scene Creamers, Nuisances Records, Smart & Confused, Yoyodyne, Les Disques Rabat Joie, Cloudsurf Records, Coeur sur toi, Callous Records, Cloudsurf Records, Missed Out Records). Sehr fein!


Nirvana – Das Sonderheft – Rock Classics

Schon länger gibt’s die Reihe Rock Classics des SLAM-Zines, aber irgendwie hab ich trotz der ganzen Promo-Mail-Attacken zu irgendwelchen Bands wie z.B. Metallica, Queen, Guns’N’Roses oder ACDC erst jetzt mal angebissen, einfach weil mich die bisherigen Bands nicht so antörnten. Eine nette Mailkonversation später lag auch schon schwupsdiwups ein Hochglanz-Magazin mit Wendeposter im Briefkasten. Toll! Thema der aktuellen Ausgabe ist Nirvana, eine Band, die eigentlich anno 2021 so ziemlich durchleuchtet sein müsste, dennoch wurde ich neugierig.

Warum mich diese Ausgabe interessierte? Irgendwann in den frühen Neunzigern entschloss ich mich dazu, ein Berufschul-Referat über die Band zu machen. Charles Bukowski wäre damals auch noch eine Option gewesen, weil Charles und Kurt eigentlich im selben Jahr (1994) innerhalb einer Zeitspanne von weniger als einem Monat verstorben waren und mich beide mit ihrer Kunst faszinierten. Klar, der Trubel um die Band aufgrund der Nevermind-Platte führte dazu, dass ich mir nach der Nevermind keine weiteren Tonträger der Band zulegte, In Utero kenn ich bis heute eigentlich gar nicht so richtig, dafür nenn ich die Bleach und die Blew mein eigen. Hab mal ein bisschen gediscoged mit dem Resultat „schwitzige Handflächen“.

Wie dem auch sei, der Trubel um die Band wurde nicht nur mir zuviel, wie wir alle wissen. Irgendwann kam dann mit dem Tod Kurt Cobains das bittere Ende. Naja, bevor ich euch mit ollen Kamellen langweile, komm ich lieber mal zu dieser Rock-Classics-Ausgabe. Ich bin ja so drauf, dass ich ein Magazin von vorn bis hinten lese, es sei denn, das Geschreibsel macht mich nicht an. Beim Anlesen des Prologs schmerzten mir wirklich die Augen, schwarzer Hintergrund und helle Schrift ist nicht optimal. Nach diesen drei Seiten wird es aber sehr viel besser und lesefreundlicher! Und inhaltlich richtig informativ. Es kommen zahlreiche enge Wegbegleiter zu Wort, darüber hinaus gibt’s nette Interviews mit Dave Grohl, Krist Novoselic und sogar mit Courtney Love, die hier sehr sensibel über Kurts Tod und den damit verbundenen Anfeindungen gegenüber ihrer Person spricht.

Darüber hinaus gibt’s tolle Fotos zu sehen, die Veröffentlichungen der Band werden auch bis ins letzte Detail unter die Lupe genommen. Ein Kapitel beschäftigt sich mit der Veröffentlichungsflut an Literatur zur Band und zur Person Kurt Cobain, logischerweise kommen auch Filme und Videos zur Sprache. Ist ganz praktisch, wenn man mit dem Gedanken spielt, irgendwas Vernünftiges über das Thema zu lesen oder anzuschauen. Selbst den Verschwörungstheorien über Kurts Tod wird Platz eingeräumt. Klar, dass die Band immer noch massig Merch-Kohle einfährt, deshalb werden auch ein paar ausgefallene Merch-Artikel vorgestellt. Ich für meinen Teil werde mir jetzt doch noch mal die In Utero genauer anhören und auf ein paar der vorgestellten Literaturtipps bin ich auch neugierig geworden. Mittlerweile dürften die Second Hand deutlich billiger sein.

Facebook / Rock Classics


Bandsalat: Akne Kid Joe, Cortarmao, Fit For Failure, Nonagon, Maffai, Oh Heaven

Akne Kid Joe – „Die Jungs von AKJ“ (Kidnap Music) [Stream]
Geschlechterspezifische Aufgabenverteilung wird bei Akne Kid Joe groß geschrieben! Am protzigen Weber-Grill-Smoker und in Punkrockbands haben Frauen und vegane Hipster-Pussies irgendwie nix zu suchen, das machen lieber mal die starken Jungs. Auf so ’ne Scene hab ich persönlich auch absolut gar keinen Bock! Nehmt euren Grill nach dem großen Fressen mit ins Schlafzimmer! Und was noch schlimmer ist: der deutsche Spießer wird diesen ironischen Wink mit dem Zaunpfahl kaum bemerken, zuviel Rauch im Kopf! Bleibt zu hoffen, dass es einige pfiffige Punks endlich mal kapieren werden, dass Punk und Hardcore not just boys fun ist! Zudem ist bei den Jungs von AKJ ja auch eine Dame mit an Bord, ich sags nur für die ganz Blöden. Nun, angefangen von den sarkastischen Texten bis hin zum knödeligen Deutschpunk mit Anarchogeschrammel rocken die zwölf Songs schön durch. Hach, wie oft musste ich bei den Textzeilen schmunzeln, laut loslachen oder mich auch verschlucken, weil das Lachen fast im Hals stecken geblieben wäre. Hier kriegen mal wieder alle ihr Fett ab, inklusive Selbstironie auf die eigene Szene-Blase! Perfekt, auch wenn’s mir vom Sound her persönlich nicht so ganz reinläuft! Sehr geil!


Cortarmao– „Sliver & Gòld EP“ (DIY) [Stream]
Nach dem starken Debutalbum kommt Cortarmao aus Thüringen mit einer 3-Song-EP um die Ecke, die Dich mit offenem Mund staunend am Schlawittchen packt und einmal kräftig durchrüttelt. Aber so richtig! Wow! Dazu wurde zum Song Sliver auch noch ein stylisches Video abgedreht. Jedenfalls zertrümmert und groovt das Quartett ordentlich! Zwischen Krach und Wahnsinn, zwischen Chaos und Abriss, zwischen schleppender Dissonanz und rasend schnellen Sounderuptionen, dazu aber äußerst stimmig und tight! Und extrem angepisst und aggro. Drei Songs in 18 Minuten. Versprochen: bei jedem neuen Durchlauf entdeckt man wieder etwas, das man zuvor nicht bemerkt hat! Irgendwo zwischen Refused zur New Noise-Phase, Converge, Loxiran, Meshuggah und Fjort. Wahnsinns EP, das hier räumt wirklich alles ab! Vergesst jetzt aber das dazwischen ganz schnell, denn hier ist jetzt und jetzt haut Dich gnadenlos um!


Fit For Failure – „Fraught“ (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Freunde aus Dortmund haben sich kurz vor Beginn der Pandemie dazu entschlossen, eine Band zu gründen. Die ersten Songs entstanden in dieser seltsamen Zeit, in der es gerade noch mit mulmigem Gefühl möglich war, gemeinsam in einem muffigen Bunkerraum ohne Fenster Musik zu machen. Klar, diese Räume sind gefährlich, man denke an die gefräßigen Ratten. Die Aufnahmen erfolgten dann erst wieder, als dies irgendwie möglich war. Eigentlich kann man sagen, dass der Bandname den Bandstart unter COVID19-Bedingungen ganz gut beschreibt. Für ihre erste EP sind hier also sechs Songs zu hören, die alles andere als zum Scheitern verurteilt sind, die Angst und Unsicherheit dieser Zeit aber sehr gut widerspiegelt. Irgendwo zwischen Emo und Post-Rock liegt der Fokus, dazu kommen Post-Punk und Indie-Einflüsse. Insgesamt schwingt eine gewisse Schwere und Resignation mit, dennoch gibt es immer wieder Lichtblicke durch im Post-Hardcore verankerte Soundausbrüche, der verzweifelte Griff nach dem Grashalm! Die Gitarren pendeln von clean bis verzerrt, Gesang gibt’s als Spoken Words, melodisch gesungen und gescreamt. Dazu gesellt sich ein abwechslungsreiches Grundgerüst aus Drums und Bass. Hört da mal rein!


Nonagon – „They Birds“ (Controlled Burn Records) [Stream]
Das Chicagoer Trio Nonagon hat sich im Jahr 2004 gegründet, bisher sind jedoch lediglich ein paar EPs erschienen, so dass es knapp über ein Viertel Jahrhundert gedauert hat, bis endlich mal das Debütalbum in Angriff genommen wurde. Und was soll man sagen? Nun, das Warten hat sich auf jeden Fall mal ausgezahlt, denn dieses Album ist ein richtig geiles Monster geworden. Mixt ein paar Dischord-Bands mit einigen Touch & Go-Acts, dann habt ihr diesen wilden und emotional aufwühlenden Sound, der euch garantiert fett grinsend dreinblicken lässt. Wenn ihr Bands wie Fugazi, Naked Raygun, Drive Like Jehu, Jawbox, frühe Hot Water Music oder Jesus Lizard vergöttert, dann solltet ihr das hier unbedingt abchecken! Richtig geiles und intensives Album mit Wahnsinns-Gitarrenriffs und einer hibbeligen Groove-Maschine aus Drums und Bass. Dazu kommen noch ins Ohr gehende Melodien. Aber jetzt, husch husch, hört hier schnell mal rein!


Maffai – „Shiver“ (Kidnap Music) [Video]
Mit ihrem Debutalbum ZEN konnten die Jungs der Band Maffai schon einige Punkte in der Indie/Post-Punk-Szene sammeln. Das zweite Album dürfte da in die gleiche Kerbe schlagen, sowohl textlich als auch musikalisch. Auch wenn die Jungs meiner Meinung nach insgesamt deutlich poppiger als bisher unterwegs sind. Die Band setzt sich ja aus Leuten aus der Würzburger Szene zusammen (z.B. Paulinchen brennt, 52 Hertz, Godzilla Was A Friend Of Mine, Somewhere Underwater), deshalb verwundert es nicht allzusehr, dass hier so schön perfekt die Stile zwischen Post-Punk, Wave, Indie, Emo, Pop und selbst NDW zusammengemischt werden, so dass Shiver insgesamt sehr abwechslungsreich und stimmig geworden ist. Die elf Songs bringen es auf eine Spielzeit von 35 Minuten und wenn euch Zeugs wie Frittenbude, Drangsal oder Love A zuviele Teenies mit Zahnspangen anzieht und Bands wie Die Nerven, Messer oder Karies zu sperrig sein sollten, dann habt ihr mit Maffais neuem Album einen schönen Mittelweg gefunden, der dazu noch ziemlich eigenständig klingt. Ich find’s toll und dazu noch extrem tanzbar!


Oh, Heaven – „Snooze“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Jungs der Mainzer Band Oh, Heaven sind mit ihren bisherigen Bands wohl eher in härteren Gangarten unterwegs gewesen. Die Debüt-EP der Jungs klingt hingegen eher softer und hätte damit auch ganz gut um die Jahrtausendwende herum zu den ganzen Emo-Bands des Labels Defiance Records gepasst. Zwischen Bands wie Pale, Ambrose, Three Minute Poetry oder The National Anthems wären sie wirklich gut aufgehoben gewesen. Aber bei all der Nostalgie erinnert der äußerst melodisch eingängige Sound auch an Bands wie Samiam (hallo Nostalgie), Basement oder Balance And Composure. Und die Gitarre schielt auch schonmal in Richtung The Cure. Also, mir läuft das hier ganz gut rein! Ha, was für ein Namedropping!


I Feel Fine – „The Cold In Every Shelter“ (Midsummer Records u.a.)

Der erste Kontakt zur Brightoner Band wurde durch eine Besprechung zur ebenfalls aus Brighton stammenden Band Chalk Hands möglich. Deren Gitarrist wirkt auch bei I Feel Fine mit und so kam eines Tages eine Besprechungsanfrage zur 2018er EP Long Distance Celebration eingetrudelt. Das, was da damals an meine Ohren drang, schloss ich auf Anhieb tief ins Herz. Ihr könnt euch also vorstellen, wie selbiges vor Aufregung abging, als die Band ihr Debutalbum ankündigte. Fast übergeschnappt bin ich dann über die Info, dass dieses Debutalbum auch noch auf dem längst liebgewonnenen Label Midsummer Records erscheinen wird. Und ein paar Monate nach dieser Ankündigung bekomme ich auch schon schwitzige Handflächen, weil Midsummer Records ein Päckchen auf den Weg geschickt hat, welches bei Ankunft und mit zittrigen Händen ausgepacktem Inhalt zu einem Luftsprung meinerseits führte! Oh ja, dieses Release bedeutet mir sehr viel! Neben Midsummer Records sind übrigens auch noch einige andere Labels am Release beteiligt (Venn Records, Refresh Records, Friend Of Mine, Pundonor Records, Smithsfoodgroup DIY, K-Nardage Asso).

Rein optisch ist die 12inch ein richtiger Blickfang geworden. Das Coverartwork wurde von Christian Brix/kidsartworks entworfen, es erinnert vom Stil her ein bisschen an eine New Age-Tarotkarte. Jedenfalls lässt sich über die Bedeutung der dargestellten Motive ganz viel grübeln, denn im beiliegenden und liebevoll zusammengestellten Text-Heftchen sind noch mehr Zeichnungen zu bewundern, die Texte selbst regen ebenfalls zum Nachdenken an. So wie es aussieht, ist es ein sehr persönliches Album geworden. Es geht z.B. um das ständig begleitende Gefühl, immer etwas zu verpassen. Komplexe und persönliche Unsicherheiten bzw. die Angst vor’m persönlichen Scheitern machen das ganze Disaster auch nicht viel besser. Das Album wirkt wie eine Reise ins tiefe Ich, denn die beschriebenen Sorgen werden wohl viele von uns kennen. Zusammen mit den Zeichnungen ergeben sich viele Interpretationsmöglichkeiten. Mein Besprechungsexemplar schimmert übrigens in braunem Vinyl vom Plattenspieler, es gibt aber auch noch eine Variante mit drei verschiedenen Farben. Natürlich liegt auch ein Downloadkärtchen bei.

Und auch musikalisch trifft die Band bei mir genau ins Schwarze. Die Spielzeit von knapp 35 Minuten vergeht jedenfalls wie im Flug, so dass es mir problemlos gelingt, das Ding in Dauerschleife zu packen. Post-Hardcore trifft auf Emo und nicht allzu verschwurbelten Math, dazu gesellt sich noch massig Herz in Form von Jahrtausendwenden-Core. Hymnischer Gesang, verschachtelte Gitarrenmelodien, catchy Refrains, lässige Bandchöre, und ausufernde Melodien in Kombination mit stimmigen und bis ins letzte Detail ausgeklügelten Songarrangements sowie permanent spürbarer intensiver Spielfreude mit sehr viel Herzblut machen das Album zu einem wahren Goldschatz! Dazu passt dann auch die Dramatik und Melancholie, die dann wie bereits erwähnt zusätzlich auch textlich in den Vordergrund rückt. In diese sehnsüchtigen und melancholischen Gitarren verliebe ich mich bei jedem Durchlauf von neuem! Die Produktion ist auch vom Feinsten, an den lauten Stellen kommt es schön druckvoll, an den leisen Stellen klingt es glasklar, selbst ein Piano und eine Violine kommen auf dem Album mal zum Einsatz. An dieser Stelle gibt’s auch keine Playlist-Empfehlungen, weil das Album einfach von Anfang bis zum Schluss sowas von gelungen ist und das Zeug zum Meilenstein in Sachen Post-Hardcore hat. Volltreffer! I Feel Fine, yeah!

10/10

Bandcamp / Facebook / Midsummer Records


You Could Be A Cop & Amid The Old Wounds – „Split 12inch“ (Time As A Color u.a.)

Wow, was kommt da mal wieder für ein schönes und liebevolles DIY-Release ins Haus geflattert? Rundum lassen sich einige schwarz-weiße Fotografien im Kollagen-Stil aus längst vergangenen Zeiten entdecken, vermutlich aus dem persönlichen Privat-Archiv. Für’s nostalgische Artwork ist übrigens – wie auch schon bei der Debut-12inch von You Could Be A Cop und den Human Hands-Releases – Chaz Hewitt verantwortlich. Im aufklappbaren Gatefoldcover sind innen die Texte abgedruckt, schön mit Schreibmaschine abgetippt und zusammengeschnipselt. Die 12inch selbst ist in einer schwarzen, gefütterten Hülle untergebracht, die weißen Labels sind nur mit den RPM-Geschwindigkeiten bestempelt. Mein Besprechungsexemplar hat schwarzes Vinyl, es gibt aber auch noch eine blaue Variante. Ach ja, selbstverständlich liegt ein Download-Kärtchen bei. Das Schmuckstück ist übrigens ein Co-Release, neben time as a color sind noch die Labels Adagio830, strictly no capital letters, slow down records, motorpool records und friend club records mit an Bord.

Wer mit der You Could Be A Cop-Seite beginnen möchte, sollte zuerst die Seite mit der aufgedruckten 33 auflegen. Wem die exzellente Debut-12inch der Band durch die Lappen gegangen sein sollte, wird nach dem Genuss der vier Songs der Split auch diese noch aufsaugen wollen wie ein durstiger Schwamm. Alle anderen haben wahrscheinlich eh schon ungeduldig auf neuen Stoff gewartet. Die Band setzt sich ja aus den beiden norwegischen Brüdern Morten und Marius und der Londoner Sängerin Natalie zusammen, zusätzlich mischen bei zwei Songs musikalische Gäste mit. Zum einen steuert Tonje Tafjord von Avind ihre Vocals zum Song Against The Bleeding Skyline bei, zum anderen wirkt Fighterpilot-Sänger Anders Kojen bei Still The Same mit. Jedenfalls kann man in den Sound der Band richtig eintauchen, zwanzig Minuten vergehen wie im Flug. Die Gitarren schwirren schwerelos durch die Lüfte, dazu gesellen sich verträumte male/female Wechselgesänge, fluffige Basslines und entspannte Drums und natürlich jede Menge traurige Melodien und auch textlich werden melancholische Momente verarbeitet. Sehr emotional und zerbrechlich klingt das! Irgendwo zwischen Emo und Indie passt auch noch eine grungig-punkige Note. Wer Zeugs wie Boys Life, Stars, Hidalgo, 125 Rue Montmartre oder SDRE mag, wird auch mit You Could Be A Cop bald Händchen halten! Ich bin jedenfalls schwer verliebt!

Für Amid The Old Wounds müsst ihr die Seite mit der aufgedruckten 45 wählen. Duct Hearts & Wishes On A Plane-Sänger Daniel hat nach seiner Debut-7inch vier Songs eingespielt, gemischt und gemastert wurden diese bei Koenichsound/Franz Kindermann. Dass Daniel von den Solosachen des Get Up Kids-Sängers beeinflusst ist, konnte man schon anhand des The New Amsterdams-Covers vom Song Every Double Life hören. Nur die Gitarre und die warme Stimme Daniels füllt den Raum und zieht sofort in den Bann. Die emotionale Grundstimmung wird auch textlich noch unterstrichen. Bei den beiden Songs A Friend In Need und You’ve Reached The End handelt es sich um Neukompositionen, der Song Anywhere stammt ursprünglich von Wishes On A Plane. Und dann gibt’s noch eine gelungene und noch akustischere Coverversion vom No Use For A Name Akustik-Song Let It Slide. Und nach knapp 12 Minuten ist leider auch diese Seite zu Ende! Und ja, diese 12inch wärmt mein Herz aus allen Richtungen!

9/10

Bandcamp / time as a color


Great Escapes – „Okay“ (Midsummer Records)

Bei Midsummer-Records-Releases kann man beim Abgreifen eines Tonträgers eigentlich nichts falsch machen, das ist jedenfalls mein langjähriger Eindruck. Irgendwie treffen alle Releases meinen Geschmack, und das ohne Ausfälle! Beim mittlerweile zweiten Album des Trios aus Münster erwischte mich der Sound zwar ein bisschen auf dem falschen Fuß, irgendwie war ich an dem Tag des Erstdurchlaufs noch nicht bereit für das hier. Mit ein paar Tagen Abstand und besserer Laune wundert es mich ernsthaft, warum überhaupt. Denn Great Escapes haben mit Okay ein wirklich beeindruckendes zweites Album vorgelegt. Angefangen beim nostalgisch anmutenden Coverartwork, das ja von vorn gesehen eher auf dem Kopf steht, über die auf der stabilen Innenhülle abgedruckten Texte bis hin zum druckvollen Sound, der oftmals richtig hymnisch aus den Lautsprechern von der Nadel des Plattenspielers in alle Ecken des Wohnzimmers vordringt.

Und ja, rockig gehen die Songs zwischen Emo und Punk zur Sache, dabei spielt Melancholie und Melodie eine ziemlich tragende Rolle, abwechslungsreiche Songarrangements bringen zusätzliche Spannung rein. Beim Song Phobophobie zeigt sich, dass der Sound auch mit deutschen Texten unheimlich gut funktioniert, bitte mehr davon! Beim Song You Are Welcome bin ich dann ein wenig irritiert, da mir die Singstimme im Refrain irgendwie bekannt vorkommt…und ein Blick ins Textblatt verrät, dass hier City Light Thief-Sänger Benjamin als Gast mitwirken durfte. Geil! Vom Sound her hätte die Band in den Nullern auch gut zwischen Defiance-Bands wie beispielsweise Pale oder Soulmate gepasst, Three Minute Poetry und Gaslight Anthem sind sicher auch riesige Einflüsse.

Und natürlich hört man an vielen Stellen auch Zeugs wie Samiam und Jawbreaker raus. Da fühlt man sich schnell zuhause, v.a. wenn man mit diesen Bands von kurz vor der Jahrtausendwende aufgewachsen ist. Und auch textlich gibt es eine zentrale Botschaft: in unserer Gesellschaft, in der alle perfekt sind und man rund um die Uhr das absolut glückliche und erfolgreiche Leben von den Personen im Freundeskreis unter die Nase gerieben bekommt, fühlt man sich vielleicht auch irgendwann selbst mal minderwertig und als jemanden, der nicht die Erwartungen anderer erfüllt. Und da setzen Great Escapes an: es ist okay, wenn man mal nicht die volle Leistung bringt. Und damit werde ich an einen meiner Lieblingswitze aus der Titanic! erinnert. Der Cartoon hat den Titel ‚missglücktes Spinnennetz‘. Man sieht zwei Spinnen, eine davon sitzt in einem total misslungenen Spinnennetz. Die andere Spinne meint so: ‚und damit bist du zufrieden?‘ Worauf die andere sagt: ‚also, ich find’s eigentlich ganz okay.‘ Aber bevor ich euch noch mit mehr Witzen langweile, solltet ihr lieber mal ausführlich in dieses exzellente Release reinhören!

8/10

Facebook / Bandcamp / Midsummer Records


We Bless This Mess – „Enlightened Fool“ (Gunner Records)

Wow, diese Band hier hatte ich bisher nicht so richtig auf dem Schirm, auch wenn ich das ein oder andere Release schon irgendwann mal beiläufig gehört habe. Ein Live-Erlebnis war komischerweise auch nie drin. Dank Gunner Records hatte ich jetzt aber das Vergnügen, mich anhand des Digipacks des aktuellen Albums intensiver mit der Band zu beschäftigen! Die Jungs kommen ursprünglich aus Portugal, sind inzwischen aber – warum auch immer – nach London übergesiedelt, wo das Durchsetzungsvermögen einer Band aufgrund der hohen Konkurrenz zigmal schwerer als anderswo ist, dazu gibt’s ja auch noch das bis ins letzte Detail durchdachte Konzept des Brexits, das nicht nur für kleine DIY-Bands eine riesige Hürde darstellt.

Der in gelb-roten Farbtönen daherkommende Digi-Pack sieht stylisch aus, anstelle der Texte findet sich neben der CD im Inneren ein aufklappbares DIN A4 Blatt mit dem Artwork, das man sich auch gut als Poster an die Wand hängen könnte. Sieht toll aus, gerahmt wirkt das sicher edel! Wie immer finde ich es schade, dass die Texte nirgends abgedruckt sind.

Sobald sich aber die CD im Schacht bemerkbar macht, erhellt sich meine Miene deutlich! Geiler Emo-Post-Hardcore kitzelt da mit einer immens großen Feder meine Seele. Wenn ihr mit den Emo-Bands irgendwo um die Jahrtausendwende herum glücklich wart, dann dürfte dieses Album euch die Freudentränen in die Augen treiben. Oh ja, diese sehnsüchtig dudelnden Gitarren, der gegenspielende Bass, diese mehrstimmigen Refrains mit Jimmy Eat World-Charakter und intensiv gefühlter Leidenschaft mit reichlich Herzblut und Spielfreude packen mich direkt am Schlawittchen! Zehn Songs streicheln die geplagte Seele, dabei wird man an Jahrtausendwenden-Emo-Bands wie die Get Up Kids, Pale, Three Minute Poetry, Soulmate, Favez, Sounds Like Violence und anderem hymnischen Stuff aus der Zeit erinnert, es ist wirklich eine wahre Freude! Und bei manchen Songs schwingt auch diese melancholische Seite von Bands wie beispielsweise The Cure mit (die Gitarren bei Messy Hair: Red Lipstick beispielsweise). Ich kann mir nicht erklären, warum diese Band noch nicht in aller Munde ist! Wahrscheinlich fehlt einfach das stylische Gesichtstattoo…ich find‘ das Album jedenfalls echt stark! Absolute Empfehlung für nostalgieverliebte Emo-Fans!

8/10

Facebook / Bandcamp / Gunner Records


Bandsalat: Black Ink Stain, Disillusionist, Gynoid, Jornada Del Muerto, Park Walker, Raw Grip, Watching Tides, Yon

Black Ink Stain – „Incidents“ (pogorecords u.a.) [Stream]
Aus Clermont Ferrand/Frankreich erreicht uns ein monströs wuchtiges Noise-Hardcore-Brett in Form des Debutalbums des Trios Black Ink Stain. Die Musik suppt beängstigend aus den Lautsprechern, laut aufgedreht über Kopfhörer erzeugt sie ein klaustrophobisches Gefühl. Fette Gitarren bahnen sich zusammen mit dem groovenden Grundgerüst aus wuchtigen Drums und knackigen Basslines ihren Weg durch die Apokalypse. Dreckig, knarzend und räudig! Auch wenn der Sänger größtenteils brüllt, gibt es immer wieder ein paar melodisch gesungene Stellen. Und immer wieder diese Gitarren, die ein Mörder-Riff nach dem anderen zaubern! Ob der Albumtitel im Hinblick auf die Pandemie doppeldeutig gewählt wurde? Nun denn, wenn ihr euch eine Mischung aus Jesus Lizard, Unsane, Helmet und Breach vorstellen könnt, dann seid ihr bei Black Ink Stain übrigens genau richtig!


Disillusionist – „Love Anxiety“ (Over The Under Records) [Stream]
Beim Bandcamp-Ausflug stach mir natürlich gleich das ungewöhnliche Cover ins Auge. Anhand des Bandnamens vermutete ich die Band aus Kopenhagen/Dänemark irgendwo im D-Beat, daher war ich nach den ersten Tönen direkt doppelt überrascht. Denn die Jungs machen mitreißenden Post-Hardcore mit Screamo-Einflüssen und melodischen Hardcore-Ausflügen. Mir läuft der Sound jedenfalls sehr genehm rein, gerade auch, weil er ein bisschen oldschoolig rüberkommt. Erinnert vom Sound und Feeling her sehr an die Jahrtausendwendenzeit. Ich mag auch die heisere Stimme des Sängers, zudem zwirbeln die Gitarren ein tolles Riff nach dem anderen aus dem Ärmel, auch die Drums kommen schön abwechslungsreich und druckvoll um die Ecke. Schade, dass nach sechs Songs schon wieder Schluss ist.


Gynoid – „The Hunger Artist Show“ (Kontingent Records) [Stream]
Dieses Trio aus Thessaloniki/Griechenland kommt direkt aus der DIY-Undergroundszene mit einem wuchtigen Noise-Monster von Debutalbum aus der Versenkung! Der etwas düstere Noise-Core wird mit punkig-sludge-mäßigen Gitarren und groovenden Drums gefüttert, dazu schreit sich ein manisch wirkender Typ die Seele aus dem Leib. Textlich hat sich die Band von Kafkas Kurzgeschichte „Der Hungerkünstler“ inspirieren lassen. Es geht um fadenscheinige Sensationsmedien, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, patriarchale Machtstrukturen und der Tabuisierung mentaler Krankheit. Das Album-Artwork sieht auch geil aus. Checkt das mal an!


Jornada del Muerto – „One Last Flower“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Aus Istanbul stammt die Band Jornada del Muerto, die Ende des Jahres 2020 gegründet wurde und kurze Zeit später schon ein zehn Songs starkes Debutalbum am Start hat. Geboten wird chaotischer Blackened-Screamo, der aufgrund des leidenden Geschreis des Sängers ziemlich emotional rüberkommt. Mal kommen rasend schnelle und unkontrollierte, manchmal dissonante Highspeed-Passagen auf Dich zugerast, dann wird das Tempo aber auch immer wieder mal gedrosselt und unterschwellige Melodien gibt’s obendrauf. Gesungen wird auf Englisch…wie’s mit türkischer Sprache geklungen hätte, hätte mich übrigens auch brennend interessiert. Naja, dafür kann man die langen Songtitel wie z.B. Nirvana (in a Philosophical Way) is Nothing But Bullshit gebührend abfeiern. Die Apocalypse ist nur eine Blume weit entfernt! Die Bandmitglieder kennt man übrigens von Bands wie The Ousted, Burn Her Letters, ria, Noisy Sins Of The Insect, Padme, Pourbon und Among Others. Also, heißer Scheiß jedenfalls!


Park Walker – „Distant Phenomena “ (This Charming Man Records) [Stream]
Ha, bei Park Walker aus Stuttgart/Karlsruhe tummeln sich mal wieder alte Bekannte, deren musikalische Outputs auch heute noch zeitlos schön sind. The Tidal Sleep, Secretos Del Corazon, Costas Cake House, endeoktober, Post War Depression, Cruel Friends und A Thin Red Line z.B. Nun denn, das Debütalbum von Park Walker überzeugt mit 90’s influenced Emocore, der ein paar Indierock-Momente mit an Bord hat. Die unverzerrten Gitarren bringen Sehnsucht und Wehmut ans Ohr, die laid back gespielten Drums und der gegenspielende Bass schlägt zusammen mit der warmen Stimme in die gleiche Kerbe. Im Plattenregal könnte man das Release zwischen Zeugs wie The Van Pelt, The Cherryville, American Football oder The Promise Ring einordnen. Distance Phenomena ist jedenfalls ein schönes Album, in das man mit Haut und Haaren eintauchen kann, schade ist nur, dass das Ding nach sieben Songs viel zu schnell durchgelaufen ist.


Raw Grip – „Kaleidoscope“ (No Funeral Records u.a.) [Stream]
Die aus der Ukraine stammende Band Raw Grip beschert uns mit ihrer neulich erschienenen EP mit fünf Songs, die man zwar unter der Schublade Screamo ablegen könnte, bei der aber auch noch andere Stile wie Math-Core und Emo mit einfließen. Ziemlich ungewöhnlich für die Screamo-Richtung ist die stark verzerrte Bass-Gitarre, die fast schon ein bisschen heavy groovend und Stoner-mäßig klingt. Die Aufnahmen wurden live im Proberaum eingespielt und anschließend gemastert, das alles klingt jedenfalls echt fett und hat eine eigene Note. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Watching Tides – „We’ve Been So Close, Yet So Alone“ (This Charming Man) [Stream]
Hochlobende Worte gab es von mir zur 2018 erschienenen EP, damals bat ich um Unterstützung für eine „kleinere“ Band, wie das Trio Watching Tides aus Berlin. Mittlerweile sind ein paar Jahre ins Land gezogen, davon eine größere Durststrecke ohne Konzerte und wahrscheinlich auch mit seltenen Bandproben. Und trotzdem haben es die Jungs immer noch drauf, ein solch stimmiges und emotionales Debutalbum wie We’ve Been So Close, Yet So Alone abzuliefern! Der Stein zum Aufstieg der kleineren zu einer etwas größeren Band ist mit diesem Album quasi gelegt. Die Band schafft es mit ihrer Mischung aus Emo, Neo-Grunge, Post-Hardcore und etwas Screamo direkt in den Bann zu ziehen. Die Balance zwischen druckvoll, laut und leise, nach vorne gehend und emotionaler Tiefe macht den Charme dieses Albums aus. Insgesamt gibt es bei einer Spielzeit von knapp einer halben Stunde neun Songs zu hören, die jede Menge Herzblut und Spielfreude an Bord haben. Mit abwechslungsreichem Songwriting und stimmingen Arrangements loten die Jungs den richtigen Weg aus, da geht es auf der einen Seite leise und bedächtig zur Sache, auf der anderen Seite machen die verzerrten Gitarren mitsamt den kraftvoll gespielten Drums und den vereinzelt eingesetzten Screams ordentlich Druck. Das hier dürfte Fans des Jahrtausendwenden-US-Emocores runtergehen wie Öl!


Yon – „Order Of Violence“ (Dingleberry Records u.a) [Name Your Price Download]
Covid19 hat vieles verändert, es kommen längst nicht mehr so viele physische Releases reingeschneit wie früher :(. Das bedeutet u.a. auch, dass man etliches geiles Zeugs verpasst, wenn man nicht aufmerksam durch die einschlägigen Blogs, Zines & Labels scrollt. Mangels Zeit passiert das sicher öfters, mir jedenfalls wiederholt. Eigentlich auch total scheiße, zumal man ja auch keine neuen geilen Bands live entdecken kann. Umso erstaunlicher, wenn man nach längeren Bandcamp-Ausflügen wieder mal eine Band auf den Schirm bekommt, die total flasht! Yon sind aus Deutschland und erinnern aufgrund der vorwiegend deutschen Texte und des Anfangsbuchstabens an Bands wie Yage oder auch Yacopsae. Scheiße, mir gehen aufgrund Covid19 so langsam die Ideen aus. Wenn man dann aber eine Band wie Yon am Start hat, dann bekommt man absolut Bock auf ein illegales Konzert, für das man sich anschließend sicher schämt. Also, Yon kommen wohl aus der Dresdner Ecke, textlich werden deutsche und englische Vocals dargeboten. Soundtechnisch geht es wie bereits angedeutet in Richtung Screamo und Post-Hardcore, es schimmern aber auch immer wieder andere Stilrichtungen durch (Punk, Post-Rock, Hardcore, Metal). Das Geschrei sowie der Sound kommt sehr leidend und melancholisch aus den Lautsprechern. Zwischendurch regiert pure Verzweiflung und hibbeliges Chaos. Das Album bietet auch reichlich Abwechslung, so dass man das Ding lieber am Stück genießen sollte. Deshalb auch keine Playlist-Empfehlung an dieser Stelle! Auf Vinyl sicher noch beeindruckender!


Ghost Of A Chance – „And Miles To Go Before I Sleep“ (Midsummer Records)

Yeah! Zum zehnjährigen Jubiläum des Debütalbums von Ghost Of A Chance hat sich Midsummer Records dazu entschlossen, das Ding endlich mal auf Vinyl zu pressen, nachdem die CD-Version mittlerweile auch vergriffen ist. Wer sich ein Exemplar sichern möchte, sollte sich ranhalten, denn das schicke Teil ist auf 100 Stück limitiert. Und wie zu erwarten war, ist das Album in der Vinylversion richtig, richtig schön geworden. Der warme Farbton des Albumartworks spiegelt sich im transparent gelben und schweren Vinyl wider, ein stabiles Textblatt ist auch mit von der Partie. Dazu klingt der Sound auf Vinyl natürlich noch ’nen Ticken intimer, als er es bisher ohnehin schon tat.

Falls ihr mit Ghost Of A Chance bisher noch keine Berührungspunkte gehabt haben solltet, dann solltet ihr folgendes erfahren: Hinter Ghost Of A Chance steckt der Mainzer Tobias Heiland, der eigentlich aus dem Hardcore kommt (A Saylor’s Grave und Proud Youth), hier aber sehr melancholischen Folk und Singer/Songwriter abliefert. Der Sound klingt dabei ziemlich amerikanisch. Wenn ihr eine Beschallung für eine romantische und laue Sommernacht bei klarem Sternenhimmel und ein paar Flaschen fruchtigen Rotweins sucht, dann solltet ihr And Miles To Go Before I Sleep in Dauerschleife packen. Mich kann man ja mit dem Solozeugs von HC-Frontmännern wie Chuck Ragan oder Nathan Gray jagen, aber es gibt immer wieder Singer/Songwriter mit Hardcorebackground, deren Musik mir runterläuft wie Öl. Frank Turner, City And Colour, Kristoffer Aström z.B. gehören da zu meinen Lieblingen.

Und Ghost Of A Chance schlagen in die gleiche Kerbe, zudem erinnert mich der Sound auch noch ein bisschen an Bands wie Pearl Jam oder Last Days Of April. Obwohl hier Minimalismus vorherrscht, entfalten die Songs eine ganz besondere Atmosphäre, Abwechslung wird durch die zart gezupfte Gitarre, hier und da eingesetztes Glockenspiel, ein Duett mit einer weiblichen Stimme (Anja Troschau) bei Hideout und sogar gescreamten Backgroundvocals bei Sleeping With The Lights Out geboten. Also, dieses Album kann man wirklich nur wärmstens ans Herz legen!

9/10

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Tape-Duo: Joe Astray & V.A. – Play Fast Ride Easy

Joe Astray – „Reconstruction“ (Intersphere Records)
Nach etlichen Umzügen ist Joe Astray vor einiger Zeit in Hamburg gestrandet, vorherige Stationen waren Sydney, Karlsruhe und Freiburg. Was bei all den Umzügen immer geblieben ist und ein fester Anker im Leben von Joe Astray ist, ist die Musik. Was im Punk mit DIY-Spirit begonnen hat, hat sich nun zum Indie-Singer-Songwriter-Sound gewandelt. Nach zwei EPs hat er zusammen mit den Produzenten Gregor Henning (Studio Nord Bremen) und Valentin Hebel (Monako) insgesamt neun Songs für sein Debutalbum eingespielt. Und das Ergebnis ist wirklich sehr schön geworden, die Songs besitzen allesamt eine melancholische Ader, zudem klingen die Songs sehr intim. Dadurch, dass nicht immer die Folk-Gitarre und der Gesang im Vordergrund steht und auch öfters mal Elektronik und Keyboards zum Einsatz kommen, entstehen oftmals atmosphärische Momente. Dass eine Punk-Vergangenheit besteht, merkt man höchstens im letzten Song At The River By The Bridge, bei dem es auch mal etwas wilder wird. Bei den Songs Pirate und Sleepless Nights kam mir sofort die Band Athlete in den Sinn, ich sehe auch Parallelen zu Zeugs wie Bright Eyes, Death Cab For Cutie, Damien Jurado oder Surfjan Stevens. Ach ja, Reconstruction gibt’s neben der Tapeversion auf Intersphere Records auch noch in Vinylform bei Bekassine Records.

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V.A. – Play Fast Ride Easy (Seven Oak Records)
Wenn man ohne die leiseste Ahnung zum Briefkasten schlendert und dort ein putzig kleines Umschlägchen entdeckt, dann weiß man eigentlich schon anhand der Form, dass da sicher ein Tape rauspurzeln wird. Und so ist es auch dann. Seven Oaks Records schickt das farbenfroh aufgemachte Tape mit dem radelnden Bike-Punk auf dem Frontcover. Faltet man das Tapecover auf, dann sieht man, wie sich der thrashige Bike-Punk schön fies auf die Fresse legt. Alk und Bike endet auf der Street…jedenfalls wird schon anhand der Zeichnungen und der Optik der Bandschriftzüge klar, in welche musikalische Richtung es gehen wird. Legt man das rote Tape mit den schwarzen Labels ins Tapedeck, wird man direkt bestätigt. Oldschooliger Crossover zwischen Thrash, Metal, Punk und Hardcore scheppert aus den Lautsprechern. Da wird man direkt in die Achtziger gebeamt. Übrigens haben wir es mit einem Split-Tape zu tun. Insgesamt gibt’s vier Bands aus Brasilien zu hören, jede Band steuert 3-4 Songs bei. Den Auftakt macht N.W.77, die mich ein bisschen an eine Mischung aus Ratos de Porao und frühen Sepultura erinnern. Geht gut nach vorn, ein paar Gitarrensolis lassen aufhorchen. Kommt jedenfalls schön satt abgemischt. HCG sind dann deutlich punkiger und krachiger unterwegs, klingt nach Proberaum-Mitschnitt mit ’nem billigen Kasi. D.F.C. kommen dann wieder etwas besser abgemischt rüber, sie sind auch etwas schneller unterwegs, es geht in Richtung Union13 und frühe Agnostic Front, die Gitarren moshen dabei in ähnlichen Sphären wie die frühen Anthrax. Zum Schluss kommen noch Life In Grave mit Thrash-Metal-lastigem Crust-Punk-Crossover dran. Ach ja, die Lyrics dieses Releases werden zum Teil in der Landessprache vorgetragen. Für Fans des Genres lohnt sich das Tape jedenfalls, denn man lernt vier Underground-Bands mit Exotenbonus auf einen Streich kennen! Ranhalten: die Auflage ist auf 50 Stück limitiert!

Stream / Seven Oaks Records


Lasershark – „A _________ Guide On How To Fuck Things Up“ (Midsummer Records)

Dieses Coverartwork! Front-Cover und Backcover sind wirklich phänomenal durchgeknallt! Burn The Gartenzwerg! Dann noch dieser total vermurkste Bandschriftzug, bei dem man nicht weiß, ob man von links, oben rechts oder unten lesen soll. Zu hässlich für ein Shirt, ich würd aber trotzdem eines anziehen, weil ich seit Erhalt dieser 12inch ziemlich präzise sagen kann, dass ich Fan bin! Bevor ich jetzt zuviel verrate: Es gibt da noch diese abgefahrenen Songtitel! Eigentlich würde es genügen, lediglich die Songtitel für diese Rezi hier einfach nur abzuschreiben und kommentarlos stehen zu lassen. Allein deshalb lohnt sich der Kauf dieser Platte!

Aber bevor ich es mir hier allzu leicht machen würde, muss ich lieber an den armen Nichtschwimmer Bernd denken, der zum mutigen Eintauchen ermuntert wird. Und nach zwei drei Durchläufen muss ich trotz Ertrinkungsgefahr und ernstem Hintergrund feststellen, dass man in dieses Album hier einfach gnadenlos eintauchen muss! Denn anhand der gerade beschriebenen optischen Eindrücke dürfte bereits klar sein, dass der Sound der Band aus Münster sicher auch in eine richtig fluffig-coole Richtung gehen muss. Und das wird bereits bei der ersten Hörrunde bestätigt! Und danach brennen sich die Songs auch noch richtig ins Hirn! Scheiße, ist das gut!

Nachdem man sich am Cover und Backcover satt gesehen hat, ploppt auch noch ein stabiles Textblatt aus dem Karton, das man locker lesend mit zwei Fingern halten kann. Und genau diese Textblatt-Qualität bereitet mir riesengroße Freude, ebenso wie die abgedruckten Lyrics, die mit sarkastischem Humor, Gesellschaftskritik und politischen Themen zeigen, welche Missstände man heutzutage als Band keinesfalls mehr vernachlässigen sollte. Zeig dem dummen Fascho-Zwerg, wo’s langgeht! Yeah! Ach so, die Jungs haben natürlich vorher in verschiedenen anderen Bands (Idle Class, Swan Songs und Goodbye Fairground) gezockt, das sollte auch noch erwähnt werden.

Und jetzt noch kurz zur Musik, die wahrscheinlich allen gefallen wird, die irgendwie in den Neunzigern hängen geblieben sind. Lasershark haben so ’nen geilen 90’s Groove drauf, dazu packen sie ein bisschen Metal, Hardcore, Punk, Emocore und Post-Hardcore mit rein. Wahnsinnig gut! Riffs, die von den alten Metallica stammen könnten, treffen auf Life Of Agony-Groove, dann sind da wieder Gang-Shouts und aggressive Hardcore-Riffs, bis irgendwann so Amulet-mäßige Gitarren reinschneien. Irgendwie haben die Jungs in ihrem Leben sicher auch viel Death By Stereo, Snapcase und By A Thread gehört. Und neuerdings vielleicht auch Higher Power, vermutlich auch Alice In Chains. Achtet mal auf die Gitarren und auch auf die Vocals/Gangshouts. Verdammt, ich will eigentlich gar nie so viele Referenz-Bands angeben, aber wenn ich selbst Kritiken lese, orientiere ich mich schon ein bisschen daran! Abschließend muss ich einfach sagen: Das hier? So verdammt gut!

9/10

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Buchvorstellung: Itchy – 20 Years Down The Road (How To Survive As A Rock Band II)

Ha, lustig! Vor kurzem noch die Bandbiografie der Donots gelesen/besprochen, da schneit auch schon das nächste Buch einer deutschen Punkband herein. Die Band Itchy wurde im Jahr 2000 im schwäbischen Eislingen an der Fils von drei Freunden unter dem peinlichen Namen Itchy Poopzkid gegründet. Pünktlich zum zwanzigjährigen Jubiläum haut das Trio sein mittlerweile zweites Buch raus, der peinliche Name wurde mittlerweile auch geändert. Moment mal, die Band hat soviele Geschichten parat, dass gleich zwei Bücher mit dem Stoff gefüllt werden können? Ich hab das erste Buch zwar noch nicht gelesen, aber wenn das auch nur halb so witzig wie Itchy – 20 Years Down The Road – How To Survive As A Rock Band II geschrieben sein sollte, dann muss ich das wohl oder übel irgendwann bald mal noch nachholen. Selbst wenn ich gar kein Fan der Band bin und ich auch sonst – außer einer Show im Vorprogramm von Boy Sets Fire im Universum Stuttgart anno 2003 – keinerlei Berührungspunkte mit dem Sound der Jungs habe. Abgeschreckt vom beknackten Bandnamen und den krampfhaft lustig wirkenden Ansagen auf der oben genannten Show, ging ich mit der Band erstmal auf Distanz.

Obwohl, es gab noch diese MTV-Show, bei der Itchy im Wettbewerb gegen Madsen angetreten sind. Beide Bands wurden an einem unbekannten Ort in Europa mit ihrem Equipment und einem Tour-Van mit leerem Tank ausgesetzt und mussten ohne Hilfsmittel wie z.B. Geld oder Handys den Weg zurück nach Berlin schaffen und dabei noch Live-Auftritte an Land ziehen. Die hab ich auch geguckt. Da fiel mir bereits auf, mit welcher Hingabe, mit welchem Eifer und mit welchem Spaß und großer Leidenschaft die Sache in Angriff genommen wurde. Mittlerweile haben die Schwaben im Verlauf ihres Bandlebens an die 1000 Gigs in zwanzig verschiedenen Ländern runtergerissen. Und seit dem ersten Auftritt wurde immer sorgfältig Tour-Tagebuch geführt. Aus diesem dürften auch die zahlreichen Anekdoten aus diesem Buch stammen.

Aufgelockert sind die Texte durch viele Fotos, hinzu kommen ausgeschnipselte Zeitungsartikel, Fan-Konzertbewertungen und Chatverläufe, bei welchen man die Lust an der geliebten Bandprobe zwischen den Zeilen suchen muss. Zudem kommen viele Wegbegleiter zu Wort, was auch noch zur Vielfalt beiträgt. Und was sich auch schon beim Donots-Buch bestätigt hat, der Erfolg von Itchy kommt nicht vom faul zuhause auf dem Sofa liegen. Die Jungs haben sich seit ihrer Gründung als DIY-Provinz-Jugendhaus-Band bis heute förmlich den Arsch abgespielt und sind trotz einiger Rückschläge und verkorkster Entscheidungen hartnäckig am Ball geblieben. So ergatterten sie eine Major-Plattendeal, es kam zu Charterfolgen und als Folge davon zu ausverkauften Tourneen. Irgendwann haben sie ihr eigenes Label Findaway Records ins Leben gerufen, über das Unterlabel Findaway Books ist nun dieses Buch erschienen. Und das kommt in einem schönen Format mit stabilen Seiten, das Ding liegt gut und schwer in der Hand.

Bei Fans und Nicht-Fans dürften die verfassten Zeilen gewissermaßen gleich gut ankommen. Wo sonst bekommt man so detaillierte Einblicke in das Leben einer tourenden Band? Zudem gibt es immer wieder spannende Geschichten zu anderen Promis, mit welchen die Band irgendwo zusammengetroffen ist. Das reicht von der Flipper-Party mit Slayer und Nuclear Blast-Gründer Markus Staiger über Begegnungen mit dem Papst und einer Tour mit Bad Religion bis hin zu Backstage-Star-Allüren von Billy Corgan (Smashing Pumpkins). Dass bei 20 Jahren Down The Road so einige haarsträubende Geschichten zusammengekommen sind, versteht sich ja eigentlich fast von selbst. Außerdem dürften es die Jungs nach den Schilderungen im Buch bei zukünftigen Roadtrips ziemlich schwer haben, ihrer Support-Band einen Streich zu spielen. Obwohl, sie sind ja ziemlich pfiffig, was das anbelangt! Solltet ihr also keine Angst vor schlechten Wortwitzen und schelmischen Bemerkungen haben, dann steht dem Lesevergnügen nichts im Wege. Außerdem eignet sich das Buch auch als Anreiz für Leute, die es mit ihrer Band irgendwann mal schaffen wollen und noch keinen Plan haben, wie man das umsetzen soll.

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Deep End – „Isolated Actions“ (Intersphere Records u.a.)

Ich liebe Pusteblumen und die Fallschirmchen, die beim Pusten durch die Lüfte segeln! Auch als Heuschnupfengeplagter Mensch erfreue ich mich an dem Anblick. Schön, dass die finnische Band Deep End so ’ne Pusteblume für das Frontcover ihrer zweiten (?) EP gewählt hat. Das abtrünnige Fallschirmchen erinnert irgendwie an das schwarze Schaf der Minor Threat EP. Auf dem Backcover gibt’s dann auch noch ein paar Fallschirmchen zu sehen, zudem sind da die Lyrics abgedruckt. Außerdem erfährt man hier auch, dass die 7inch als Co-Release der DIY-Labels Intersphere Records, Thug Free, Evil Corporation, Fast Decade Records und Keep It A Secret Records erschienen ist.

Die Band hat sich in Tampere aus fünf Szene-Hasen zusammen gefunden, vorherige Bands waren Abduktio, Manifesto Jukebox, One Hidden Frame, Remissions, Vapaa Maa, Armageddon Clock, Atom Notes, Kaupungin Valot und None Would Remain. Wahrscheinlich sind sich die Bandmitglieder immer wieder über den Weg gelaufen und haben darüber phantasiert, endlich mal ’ne Melody-Skatepunk-Band auf die Beine zu stellen. Die Vorbilder der vier Songs sind eindeutig im 90er Fat Wreck und Epitaph-Kosmos zu verorten. Die Gitarren hauen ein melodisches Riff nach dem anderen raus, der Schlagzeuger fährt wahrscheinlich neben seinem schnellen Getrommel in Gedanken sein Skateboard in der Half Pipe, der Bass spielt schön dagegen. Viel Harmonie entsteht zusätzlich durch die zweite melodische Gitarre und den hymnischen Gesang. Bands wie Pennywise, Down By Law, NOFX, Passage 4, Satanic Surfers, 88 Fingers Louie oder frühe Green Day dürften da große Einflüsse genommen haben. Und spätestens beim Song Worthwile klingelt NOFX dann nochmals ungeduldig an der Tür!

Der Sound klingt jedenfalls schön frisch und knackig. Und auch die Spielfreude schwappt aus jedem Ton raus. Wie gern würde ich mit dem Sound im Ohr ein paar Moves auf dem Skateboard machen! Da macht mir leider gerade mein Knie ’n Strich durch die Rechnung. Und eben jenes ist auch dafür verantwortlich, dass ich meine erste Rezi nicht am Schreibtisch in die Tastatur hacke, sondern diese Zeilen umständlich im Liegestuhl auf dem Balkon ins Smartphone tippe. Aber das ist eine andere Geschichte, will euch ja nicht mit altersbedingten Verschleißerscheinungen oder Krankengeschichten aus dem Vorrentenalter langweilen. Wenn ihr also die oben genannten Bands mögt und auch gegenüber neueren Vertretern wie z.B. Hell And Back oder Idle Class offen seid, dann bitte hier entlang! Macht ordentlich Laune!

8/10

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Fiddlehead – „Between The Richness“ (Run For Cover Records)

Das ziemlich starke Debutalbum Springtime And Blind hat mir seinerzeit den Sommer 2018 versüsst, Between The Richness macht nun dasselbe mit dem Sommer 2021, auch wenn die Inhalte der Songs wieder eher im melancholischen Bereich angesiedelt sind und die Pandemie auch immer noch im Nacken sitzt. Meine Begeisterung für dieses Album, ja diese Band, kann ich kaum in Worte fassen. Hier hat die Band, die sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammensetzt, erneut einen Meilenstein in Sachen Emocore und Post-Hardcore gesetzt! Aber sowas von! Der Opener fährt gleich mit diesem Wahnsinns-Riff auf, die Melodie ist schon beim ersten Durchlauf ins Hirn gebrannt! Ich hüpfe wie ein glückliches Blumenkind durch die Wohnung! Und genauso geht es weiter, Song für Song, insgesamt zehn an der Zahl. Und alle durchaus: Hymnisch, melodisch, melancholisch. Diese wundervollen Gitarren, die klingen, als ob sie mit viel Gefühl aus den Ärmeln geschüttelt würden, dazu der gegenspielende Bass, die Drums und die einfühlsamen Vocals. Kaum zu glauben, kaum auszuhalten! So verdammt bittersüß! Ich bin direkt bei dem ersten Durchlauf von Liebe erfüllt. So gut klingt das alles. Musikalisch ist hier ganz viel Dag Nasty, Down By Law und Hot Water Music mit an Bord, Basement (hihi), Sunny Day Real Estate und Sensefield dürften auch einflussreich gewesen sein. Ich bin von dem Album so begeistert, dass ich eigentlich keinen der Songs besonders hervorheben möchte. Das Ding hier funktioniert am Stück in Dauerschleife am Besten.

Das farbenfrohe und naturverbundene Albumartwork sticht dazu übrigens auch besonders ins Auge, meine Liebste meinte sogar, dass sie das Ding an irgend so ein Handy-Zeitvertreib-Spiel (Gardenscapes?) erinnern würde. Sachen gibt’s, mich erinnert das eher an die explodierende und fabelhafte Natur da draußen. Handy-Zeitvertreibs-Spiele sind der Teufel! Mein Vinyl ist übrigens purpur und hat auf der A-Seite geringe Weißtupfer um das Label rum. War wohl nicht so geplant, eigentlich hätte purpur mit weiß umflossen werden sollen. Tja, da scheiß ich aber kräftig drauf, wenn die Musik so geil ist, kann man auch da drüber wegsehen. Und eigentlich find ich das purpur mit den weißen Pünktchen gar nicht so übel, ist mal was anderes als dieses ineinander verschwommene Tsunami-Vinyl, bei dem nicht klar ist, welche Farbe „gewinnt“.

Textlich geht’s übrigens auch wieder richtig emotional zur Sache. Beim letzten Album war das Ableben von Sänger Patrick Flynns Vater ein Thema, das sich schmerzvoll durch das Album schlängelte. Der Tod des Vaters spielt auch auf Between The Richness wieder eine Rolle. Mittlerweile wurde Patrick Flynn selbst Vater, so dass die Lyrics diesmal das neue Leben und den Tod umfassen. Diesmal stehen aber die eigenen Gefühle und seine Sicht auf die Gesamtsituation im Vordergrund. Und so beschreibt der Albumtitel Between The Richness das seltsame Gefühl zwischen Traurigkeit und Glück. Schön, dass der Platte ein Textblatt beiliegt! Ganz große Liebe für diese exzellente Platte!

10/10

Facebook / Bandcamp / Run For Cover Records


Aloa Input – „Devil’s Diamond Memory Collection“ (Siluh Records)

Warum bin ich bisher noch nie auf die Band Aloa Input aufmerksam geworden, obwohl es die Formation mittlerweile auch schon seit über zehn Jahren gibt und bereits zwei Alben über Morr Music erschienen sind? Und hier sind dazu auch noch Leute aus dem Umfeld von The Notwist involviert. Das Trio besteht aus Cico Beck aka Joasihno (Notwist, Ms. John Soda, Spirit Fest, You + Your D. Metal Friend), Marcus Grassl (ehemals Missent To Denmark) und Florian Kreier aka Angela Aux. Hinter dem Album Devil’s Diamond Memory Collection steckt jedenfalls eine Menge Arbeit. In den letzten fünf Jahren hat die Band in zahlreichen Recording-Sessions an verschiedenen Orten und Kontinenten an die fünfzig Demo-Stücke aufgenommen, die letztlich für das Album auf zwölf Stücke und eine Spielzeit von 43 Minuten zusammengeschrumpft wurden. Angesichts der sagenhaft schönen Songs ist es eigentlich sehr belastend, dass auf irgendwelchen Bändern weitere mögliche Songperlen verstauben.

Für das Album hat sich die Band ein Konzept ausgedacht, das textlich sehr philosophische Gedanken mit im Gepäck hat. Das Thema lautet „Die gefühlte Ewigkeit“, wobei jeder Song aus einer anderen fiktiven Raum- und Zeit-Perspektive in der Zukunft erzählt wird. Hier verschwimmt Science Fiction mit der Realität, denn irgendwie sind wir bereits in der Zukunft angekommen. Das Thema spiegelt sich auch im gemalten Artwork des aufklappbaren Papp-Digipacks wider, hier gibt es ebenfalls viel zu interpretieren.

Ähnlich verkopft und weird klingt dazu die reduziert wirkende Mischung aus melancholischem und warmem Lo-Fi-Folk, Indietronic und experimentellem Pop, bei genauem Hinhören fällt dann aber schnell deutlich auf, dass hier viel am Sound getüftelt wurde. Jedenfalls erzeugen alle Songs auf Anhieb so ein extrem vertrautes Gefühl, so als ob das Album und ich schon jahrelang miteinander befreundet wären. Wenn ihr Zeugs wie Notwist, 13 & God, Why?, Kreidler, Animal Collective, Schneider TM oder Caribou mögt, dann kommt ihr an diesem exzellenten Meisterwerk nicht vorbei!

9/10

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Gomme – „Absent Healing“ (Adagio 830)

Die Band Gomme gründete sich im Jahr 2015 in Paris als ein all female-Trio, vor der EP Absent Healing wurde ein Album veröffentlicht. Mittlerweile besteht die Band nur noch als Duo, zumindest wirkt auf Absent Healing neben Betsy Roszkowiak laut Plattencover lediglich Hannah Todt mit. Ein paar Drumspuren wurden von ’nem Typ eingespielt. Egal eigentlich! Denn die Power geht eindeutig von den beiden Damen aus: Betsy stammt ursprünglich aus San Francisco, Hannah kommt aus Wien, beide leben aber in Paris. So lässt sich vielleicht erklären, dass die 6 Songs in einem Sprachmischmasch aus Deutsch, Französisch und Englisch dargeboten werden.

Das Artwork ist jedenfalls schon mal einen Hingucker wert, zudem lädt es förmlich zum Nachdenken ein. Im Zusammenhang mit dem EP-Titel und der Zeichnung des Körpers mit seinem Nervensystem plus Organen und dem mental angedeuteten Empfinden schwebt mir gleich das Krankheitsbild somatische Belastungsstörung vor dem inneren Auge. Bei näherer Betrachtung des Lyric-Sheets, auf dem zwar leider keine Texte abgedruckt sind, aber ein weiteres Kunstwerk zu sehen ist, das zweifelsfrei verschiedene oberpeinliche Arten des Mansplainings darstellt, wird diese Interpretation des Artworks immer wahrscheinlicher. Auch das von einem Mann gesprochene und fast geblökte Intro deutet darauf hin, zudem reicht mein Schulfranzösisch aus, um mir ein Bild von den feministischen Textinhalten machen zu können, die sich gegen die patriarchal strukturierte Gesellschaft richten und mit Sicherheit auch die ein oder andere persönlich schmerzhafte Erfahrung beinhaltet.

Vom Sound her geht das Duo in Richtung Post-Punk, Goth-Punk und Noise, teils wird es ganz schön düster und kalt. Das Gerüst aus hämmernden und kraftvoll gespielten Drums und polterndem Bass wird oft durch dissonanten 80er-Gitarrenkrach unterstützt, dazu gesellen sich mal wütende und mal leidende Frauenstimmen, die auf der einen Seite Resignation ausstrahlen, auf der anderen Seite aber auch mächtige Stärke zeigen. Die Vocals stecken jedenfalls voller Emotion und zusammen mit den angeschrägten und dynamischen Instrumentalbegleitungen stellen sich desöfteren mal die Nackenhärchen auf. Gerade auf Vinyl und mit basslastigen Lautsprechern zeigt die Musik von Gomme eine äußerst magische Wirkung, hört euch nur mal den Song Floss an! Auch wenn es mal punkiger und schneller wird, wie z.B. bei L’Inverse, bleibt diese Magie erhalten. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Sound auch live sehr tanzbar ist! Sehr cooles und wichtiges Release!

8/10

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Ghost Bag – „Palindrome“ (Adagio 830)

Nach dem eindrucksvollen Debut unter dem Titel Ghost Bag & Tine Fetz hat der niederländische Nick Jongen (Sleep Kit, I Am Oak, Baby Galaxy) sieben Songs aufgenommen, die jetzt als einseitig bespielte 12inch mit dem Titel Palindrome auf Adagio 830 erschienen ist. Die Fotos auf Front und Back-Cover und auf der Innenhülle wurden von Tine Fetz geschossen, auf der Innenhülle ist auch wieder eine kleine Geschichte von ihr im Graphic Novel/Comic-Stil zu bewundern. Ich habe lange in den Songtiteln, Texten und auf den Reklametafeln des 24-Stunden-Beerdigungsinstituts nach einem Palindrom gesucht, hab aber ums Verrecken keines gefunden. Ihr wisst ja sicher alle, was ein Palindrom ist, dennoch fasse ich es kurz zusammen: das kann ein Wort oder gar ein Satz sein, der von vorn und von hinten gelesen identisch ist (z.B. Rentner, Rentner ist eines meiner Lieblingspalindrome!), es gibt aber auch Palindrome, bei denen rückwärts eine andere Bedeutung rauskommt (z.B. Gras/Sarg, um im Bestattungswesen zu bleiben, auch sehr geil!). Außerdem gibt es auch Palindrome in Musikstücken, zudem fällt mir noch die Technik des Backward-Maskings ein. Mein Plattenspieler kann das zwar, aber mehr als einen Song hab ich jetzt doch nicht durchgehalten, trotz Zwangsneurose, das Palindrom zu finden. Mein Palindrom hab ich letztlich dennoch gefunden: ich bin mir sicher, dass auf Abbildung vier der Tine Fetz-Story ein Reliefpfeiler (!) abgebildet ist!

Auf dem Backcover erfährt man, dass Tine Fetz zusammen mit Nick Jongen vom Goethe-Institut nach Salvador/Brasilien eingeladen wurde. Die sieben Songs wurden während diesen Aufenthalts aufgenommen, vermutlich wie auch schon beim Debut in traditioneller Homerecording-Atmosphäre im eigenen Schlafzimmer. Gemischt wurden die Songs dann wieder von Nick Jongen daheim in Maastricht, für’s Mastering war diesmal Christian Bethge in Mannheim zuständig. Und so klingen die Songs sehr intim und warm, über gute Kopfhörer und bei geschlossenen Augen bekommt man fast das Gefühl, dass man im selben Raum mit dem Musiker wäre. Im Singer/Songwriter-Stil sind die Songs schön lo-fi gehalten. Außer der gezupften Gitarre und der emotionsgeladenen Stimme Nicks sind nur mal leise Synthies und Backing Vocals von Tine Fetz zu hören, zirpende Grillen gibt es auch noch zwischendurch. Und trotz der Reduziertheit in den Songs entwickelt sich in jedem der Stücke eine starke Atmosphäre, die fast schon hypnotisierende Wirkung hat.

Textlich werden unter anderem die Eindrücke des Aufenthalts in Brasilien verarbeitet, es werden mitunter sehr viel persönliche Erinnerungen und Erfahrungen thematisiert, das geht natürlich direkt unter die Haut. Wie auch schon auf dem Debut scheint die eigene Vergänglichkeit ein großes Thema zu sein. Vergangenes, die Gegenwart und die Sorge um die Zukunft im Hinblick auf die Tatsache des viel zu schnellen Erwachsenwerdens bzw. Alterns unterstützt natürlich zusätzlich die melancholische Note. Leute, die Singer/Songwriter-Stuff wie z.B. Elliott Smith, Surfjan Stevens, Owen oder Troy Von Balthazar mögen, werden auch hierbei voll auf ihre Kosten kommen. Palindrome ist jedenfalls eine tolle EP, die man unbedingt auf Vinyl genießen sollte!

8/10

Bandcamp / Adagio 830


Buchvorstellung: „Die Geschichte der Donots – Heute Pläne, morgen Konfetti“ (Ingo Neumayer)

Nach einigen Band-Biographien von US-HC/Punk-Urgesteinen gibt es jetzt mit Die Geschichte der Donots auch endlich mal wieder eine Band-Bio einer deutschen Punkband zu lesen. Dass die Band in ihrer mehr als einem Vierteljahrhundert bestehenden Laufbahn bis zum Erlangen ihrer heute gefestigten Größe in der deutschen Punkrockszene einige Höhen und Tiefen zu bewältigen hatte, davon erzählt die 360 Seiten starke und mit zahlreichen Fotos ausgestattete Biografie. Verfasst wurde die Geschichte von Ingo Neumayer (ex-Visions-Chefredakteur, mittlerweile freier Autor für verschiedene Medien), der ein langjähriger Freund der Band ist.

Die Geschichte startet in den frühen Neunzigern mit den musikalischen Vorlieben der beiden Knollmann-Brüder. Über Zeugs wie Billy Idol geht es schnell Richtung Metal, Trash und Hardcore und auch Punk ist nicht weit entfernt. Nach ersten Konzertbesuchen wurde schnell klar, dass eine eigene Band gegründet werden musste, Mitstreiter wurden im ebenfalls musikbegeisterten Freundeskreis schnell gefunden. Wie wir alle wissen, legt man sich mit reichlich Leidenschaft und Herzblut besonders ins Zeug, vom DIY-Gedanken angetrieben kommt hier der erste Stein ins Rollen. Die weitere musikalische Sozialisation übernahm das Juze Scheune in Ibbenbüren, in dem am 16. April 1994 der erste offizielle Auftritt stattfand. Seit 1996 spielt die Band übrigens in der heutigen Besetzung.

Ich muss zugeben, dass sich meine Live-Erlebnisse mit den Donots hauptsächlich auf die ersten Bandjahre vor der Jahrtausendwende beschränken. Danach verfolgte ich das musikalische Schaffen der Band nur so am Rand, immer lesenswert fand ich dabei die Interviews in der einschlägigen Presse, die mir die Band als sympathische Zeitgenossen erscheinen ließ. Nach der Lektüre dieses Buchs sind mir die Jungs sogar noch sympathischer geworden. Zum Beispiel war mir total neu, dass Gitarrist Guido voll auf HC und Straight Edge abging, ein Beweisfoto des jungen Guidos mit Up Front-Shirt kann man im Buch bewundern. Ein sagenumwobener Auftritt der Band Earth Crisis in der Scheune wird auch geschildert, die aufgeführten Erlebnisse machten seinerzeit bis nach Süddeutschland die Runde, obwohl es da noch kein oder nur spärliches Internet gab. Nun, wahrscheinlich werden eingefleischte Donots-Fans die ein oder andere Geschichte kennen, jedoch wird auch sehr tiefgehend das Innenleben der Band durchleuchtet.

Persönliches Flyerarchiv Crossed Letters

Gerade Anfang der Nuller hatten die Donots einen schweren Stand in der HC/Punk-Szene, die Sellout-Rufe hallen mir noch jetzt im Ohr. Speziell die Dauerrotation auf MTV und VIVA und die Vermarktung der Band als coole Snowboard und Skate-Jungs behagte der damaligen Underground-Szene überhaupt nicht. Im Buch finden sich recht offen die Antworten auf die Frage, welche persönlichen Entscheidungen z.B. hinter dem Wechsel von der DIY-Keller-Band zu einem Majorlabel steckten, die künstlerischen Differenzen mit der Plattenfirma sind auch bis ins Detail aufgelistet. Lustig fand ich hier die Geschichten zu den Dreharbeiten der Musikvideos. Von den Schwierigkeiten und auch den gesundheitlichen Problemen, die die Band sonst noch im Laufe der Jahre bewältigen musste, wusste ich vor der Lektüre des Buchs rein gar nichts. Das reichte von musikalischen Blockaden über schwindende Fanzahlen bis hin zum finanziellen Supergau, bei dem sogar die privaten Finanzreserven der Bandmitglieder für die Band verbraten wurden. Ich hatte keinen Schimmer, dass es bei dem Album Coma Chameleon so große Geldprobleme gab, dass für den Stop The Clocks-Videodreh nur die beiden Knollmanns nach Schweden fliegen konnten und für die anderen Bandmitglieder tättowierte Statisten herhalten mussten. Und plopp, dieser Song war es dann aber, der der Band quasi durch etliche Video- und Radio-Plays den Arsch rettete. Interessant sind auch die Einblicke ins bandeigene Label Solitary Man Records.

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Die zahlreichen Schnappschüsse aus dem Privatarchiv der Donots ergänzen das geschriebene Wort dann hervorragend. Neben einigen mir bekannten Flyern und Plakaten fand ich das Foto des auf der 1999-er-Beatnots-Tour entstandenen Wand-Graffitis im Lindauer Club Vaudeville ganz berührend, das Ding existiert noch heute. Aus diesem Grund hab ich jetzt einfach mal noch ein paar Flyers aus meinem persönlichen Archiv in diesen Text mit reingepackt. Außerdem kommen zahlreiche Weggefährten zu Wort, die allesamt lobende und ehrende Anmerkungen zur Gesamtgeschichte beisteuern. Schade, dass sich die Stadt Isny nicht in der Top-5-Liste der lustigen Ortsnamen befand, denn beim Konzert damals (11 DM Eintritt, 1999 – siehe Konzertkarte aus Privatarchiv) machte sich die Band ziemlich über den Ortsnamen her. Die Geschichte liest sich dazu insgesamt sehr flüssig und spannend, so dass auch bisher Donots-fremde Menschen nach der Lektüre des Buches in Versuchung kommen werden, sich mal den einen oder anderen Song anzuhören. Zudem könnte das Buch auch für Leute interessant sein, die sich überlegen, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen, quasi als Anreiz.

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