Makthaverskan – „Demands​/​Onkel“ (Through Love Rec.)

Makthaverskan sind ja schon längst keine Unbekannten mehr, dennoch nahm ich mir bisher keine Zeit dafür, mich der Band zu widmen. Wenn nicht dieses kleine Scheibchen aus dem letzten Through Love Rec. Bemusterungspaket rausgepurzelt wäre, dann wäre das wahrscheinlich sogar immer noch so. Die 7inch kommt in einer oldschooligen schwarz-weiß-Verpackung mit einer kritzeligen Zeichnung und einem zackigen Bandschriftzug. Mit dem Bandnamen hab ich übrigens so meine Schwierigkeiten, eingängig ist der irgendwie nicht! Das Vinyl ist blutrot.

Rein optisch könnte man glatt meinen, dass man mit dem Aufsetzen der Nadel rumpeligen Crustpunk zu hören bekommt, aber weit gefehlt. Anstatt dessen wird man direkt in die wavigen Achtziger gebeamt. Die Gitarren klingen so verdammt nach The Cure, permanent hat man die Traurigkeit der Smiths vor Augen. Was aber den Sound der Schwedischen Band so besonders und authentisch macht, ist der weinerlich wehleidige weibliche Gesang, der sich über die permanent eigenwillige Melodien spielenden Gitarren und den knarzenden Bass legt. Makthaverskan leben in ihrem eigenen Universum und addieren ihrem Mischmasch aus Dreampop und Wave eine gehörige Portion Punk. Die zwei auf der 7inch zu hörenden Songs spiegeln das Angstgefühl der Achtziger jedenfalls problemlos in die aktuelle Zeitära rüber.

Die vorliegenden weltlichen Probleme sind für so ’nen Depri-Sound natürlich der beste Nährboden! Was ich ein bisschen schade finde, ist das fehlende Textblatt. Auch online wird man nicht fündig. Aber das ist eher meine Zwangsneurose. Ich verstehe Texte erst, wenn ich sie mitlesen kann. Gilt auch für deutsche Texte, die deutlich zu verstehen sind. Ist halt so bei mir. Außerdem lese ich auch gerne die Thankslisten durch, auch wenn ich keine der erwähnten Personen kenne. Voll der Tick! Vom Stil her gehen Makthaverskan übrigens in die Richtung der ebenfalls aus Göteborg stammenden Band Agent Blå. Eigentlich verwunderlich, dass es keinerlei Überschneidungen bei den Bandmitgliedern gibt. Das kleine Scheibchen ist als Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury erschienen.

8/10

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Fanzine-Review: Provinzpostille #5a

Im Vorwort zur Ausgabe 5a der Provinzpostille erfährt man, dass in diese für Winter 2017 geplante Ausgabe um Längen mehr Arbeit und Zeit investiert wurde, als für die bisherigen Ausgaben. Die leichte Verschiebung des Erscheinungstermins (April 2019) hatte ihre grausamen Gründe. Man kennt das ja selbst. Da hat man etwas fast schon fertig, dann tauchen technische Probleme auf: die Festplatte raucht ab, oder man ändert was am Passwort und kommt nicht mehr an die Dateien auf der Festplatte ran, so wie das bei Felix der Fall war. Passwort-Panne bei der Provinzpostille! Potzblitz, was für ’ne Headline! Im Text könnte man dann drüber sinnieren, warum Punks solche Schwierigkeiten in Sachen Sicherungskopien und Passwortvergabe haben. Jedenfalls nahm Felix die ganze Arbeit nochmals kämpferisch in Angriff, so dass man mit der Ausgabe 5a mehrere Stunden Lesevergnügen hat. Und endlich hat sich Felix auch von den nervigen Zeilenumbrüchen der vergangenen Ausgaben verabschiedet, so dass das Ganze lesefreundlicher geworden ist.

Diesmal lautet das Motto ‚Transparenz‘. Die Umschlagsgestaltung gefällt schon mal ordentlich, hier gibt’s ein Wimmelbild im Comic-Stil von Bewbyx zu bestaunen. Einen Tapesampler (auch anzuhören auf Bandcamp) gibt es auch wieder, selbst ein Gimmick in Form eines herausnehmbaren Posters, bei dem bei der Gestaltung nochmals das Thema Transparenz aufgegriffen wurde, ist vorhanden. Neben den geführten Interviews gibt es auch ein paar persönliche Stories, hier gefällt besonders der Tourbericht der Notgemeinschaft Peter Pan. Kleine Schlaumeier-Korrektur: Zürich liegt nicht am Bodensee sondern am Zürisee. Besonders gefreut hat mich hier die Erwähnung von Fire Ants From Uranus, einer Band aus meinem regionalen Bekanntenkreis. In einem anderen Beitrag geht es um das Videothekensterben. Darüber hab ich mir auch schon Gedanken gemacht, ihr wisst ja: streamen ist das neue Fliegen, so CO2-technisch gesehen. Ein weiterer Artikel hinterfragt, ob man in der heutigen Zeit überhaupt noch Rezensionen braucht. Meine Meinung dazu kennt ihr ja!

Bei den Band-Interviews freute ich mich natürlich besonders über das lockere Geplauder mit Zol von meinen Buddies Hell & Back. Bei allen interviewten Bands lässt sich übrigens ein gemeinsamer Nenner erkennen: alle machen das aus reiner Leidenschaft, aus Spaß an der Freude. Mit einer Band finanziell gerade mal so eben rauszukommen, wird immer schwieriger, dazu kommen etliche störende Faktoren wie die immer knapper werdende Zeit, familiäre und berufliche Verpflichtungen, räumliche Trennungen. Umso wichtiger ist es also, dieses Ding am Laufen zu halten! Und sowas geht z.B. bestens mit einem DIY-Printzine wie der Provinzpostille, in welchem ebenso viel Herzblut und Leidenschaft steckt. Die interviewten Bands dieser Ausgabe haben jedenfalls alle was zu sagen, ich hab mir alles durchgelesen, auch wenn mir viele der Bands bisher unbekannt waren oder der Sound einer Band von mir nicht unbedingt abgefeiert wird. Ach so, die Bands: Drunk Motorcycle Boy, Litbarski, Pascow, Notgemeinschaft Peter Pan, Herr Paulsen und das Zeitproblem, Drei Affen, Front, Hell & Back, paddelnohnekanu.

Bandcamp / ProvinzPostille


 

Agent Blå – „Morning Thoughts“ (Through Love Rec.)

Zu manchen Plattencovern fällt einem ewig nichts ein. Beim Artwork zum zweiten Album der Schwedischen Band Agent Blå fragte ich mich z.B., warum die Band überhaupt solch eine unspektakuläre Zeichnung wählte. Im CD-Format fällt das vielleicht noch nicht so richtig auf, aber die 12inch wirkt mit dieser Zeichnung etwas farblos und eigenartig. Meine Vermutung ist, dass dieser Effekt sogar gewollt ist. Die Krönung: das Textblatt kann zum Poster aufgefaltet werden, so dass man sich das blasse Cover, das auf der Rückseite aufgedruckt ist, sogar ins schwarz angestrichene Wohnzimmer hängen kann, wenn man das möchte. Da der Sound von Agent Blå einige Parallelen zu den Smiths aufweist, könnte man sich hier vielleicht fragen, ob die Zeichnung vielleicht auf Morrisseys Kindheit anspielt. Denn Morrissey hat ja auch schon in jungen Jahren viel gelesen, das hat ihn anscheinend sehr geprägt. Außerdem hegte er eine innige Beziehung zu seinem Jugendzimmer, obwohl es irgendwie dann doch ein furchteinflößender Ort war. Hab mal irgendwo gelesen, dass er ziemlich spät von zuhause ausgezogen ist, gerade auch, weil er wohl ein ziemliches Muttersöhnchen gewesen sein soll. Jedenfalls grübeln solche Gedanken in mir, während die Musik meine Sinne trifft und das Auge dieses Cover erblickt. Wenn man Morrisseys Entgleisungen der letzten Jahre mitbekommen hat und einem deshalb die Lust an der Musik der Smiths ein wenig vergangen ist, sollte man sich schleunigst Ersatz suchen. Morning Thoughts von Agent Blå wäre somit wärmstens zu empfehlen.

Schaut man sich die grüblerischen Lyrics der eigentlich noch blutjungen Band mal genauer an, dann entdeckt man auch hier einige Parallelen zu den Smiths. Die Mitglieder sind nämlich alle erst so in den Zwanzigern, also in einem Alter, in welchem man viele Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und auch vieles hinterfragt oder einfach nur vor sich hinträumend im Bett liegt, sich selbst bemitleidet und nicht in die Gänge kommt. Tja, in dieser Zeit können die Gefühle echt mal Achterbahn fahren! Dementsprechende Themen beschäftigt die Band, es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, um verlorene Liebe, schmerzvolle Trauer, aber auch um Glücksgefühle und enthusiastische Freude. Insofern könnte das Albumcovermotiv die Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen symbolisieren. Übrigens gibt’s ’nen kleinen Fehler im Textblatt: der Text zu Something Borrowed fehlt, dafür ist der Text zu Child’s Play doppelt vorhanden. Aber man kann die Texte ja auch so gut verstehen, auch wenn die Sängerin sich bemüht, den Mund beim Singen nicht allzuweit aufzumachen. Das Album ist übrigens ein Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury Records.

Musikalisch dominiert melancholische Schwermut. Die Gitarren kreiren zusammen mit dem polternden 80er-Bass und dem langsam taktenden Schlagzeug einen wundervoll shoegazigen Soundteppich, dazu wird man vom genuschelten und fast wehleidigen Gesang von Sängerin Emelie eingelullt. Mit dem Gitarrenlauf zum Song Colors Of The Dark wird man erstmals sanft wachgerüttelt, man blinzelt etwas, um vom hell einströmenden Licht nicht geblendet zu werden. Tatsächlich war bei mir dieser Song eine Art Schlüsselreiz, der mir auch das Tor zu den restlichen Songs endgültig öffnete. Faszinierend finde ich, dass es die Band mit den einfachsten Mitteln immer wieder schafft, tief zu berühren. Das Schlagzeug taktet gemütlich vor sich hin, selten gibt es mal richtige Ausbrüche. Es sind die tollen Melodien, die sich im Verlauf der einzelnen Songs herausarbeiten und ins Gehör bohren, sanfte Gitarrenklänge wie beim Song Boys oder die nölige Gesangsmelodie bei Child’s Play z.B. Dass es auch etwas wilder gehen kann, deutet die Band mit dem Song Cambion an, hier ist ein wunderbar verzerrtes Gitarrenriff zu hören. Aufgeputscht durch die Energie dieses Songs bringt der Schlagzeuger dann bei You’ll Get It When You’re Older doch noch ein paar Trommelwirbel unter. Das Sextett bezeichnet seine Musik ja gerne mit dem selbst entworfenen Genre Death-Pop. Das trifft es eigentlich ganz gut, da die Musik sich aus gothic-wavigen Klängen und Elementen aus Dream-Pop, Indie und Shoegaze zusammensetzt. Zählt man das Intro mit, dann bekommt ihr neun Songs zu hören, die euch vor Freude das Herz springen lassen und trotz des immer gleich bleibenden Tempos nicht langweilig werden. Wer Bands wie My Bloody Valentine, Joy Division, Lush und The Cure mag und darüber hinaus noch die triste Grundstimmung der Smiths vermisst, dürfte hiermit absolut glücklich werden.

8/10

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Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Luciente – „Über den Abgrund geneigt“ (DIY)

Die Vorgeschichte zur Band Luciente wurde hier im Rahmen der 2015er-12inch schon breit getreten, aber ich fasse nochmals kurz zusammen: die Band aus Erfurt gründete sich bereits im Jahr 2006 unter dem Namen Failed Suicide Plan, unter welchem auch schon diverse Tonträger veröffentlicht wurden. Irgendwann gefiel der ursprünglich gewählte Bandname nicht mehr, man entschloss sich zur Namensänderung. Und wie auch bereits bei der letzten 12inch der Erfurter, scheint auch Über den Abgrund geneigt ein gewisses Konzept inne zu haben. Das künstlerische Artwork ist jedenfalls einen Hingucker wert. Von der Beschaffenheit und dem Hintergrundwissen zur 2015er-12inch her, schätze ich mal, dass das Ding wieder per Holzschnitt im Reibedruckverfahren mit vier verschiedenen Schichten handgefertigt wurde, denn es fühlt sich beim Betasten anders an, als ein gewöhnlicher Siebdruck. Während die 12inch-Hülle also in künstlerisch abstrakt bedruckter Pappkartonage daher kommt, liegt dem Release ein schön gefaltetes, glattes und samtweiches DIN-A5-Textheftchen bei. Hier sind alle in deutscher Sprache verfassten Texte abgedruckt, je Song gibt es vom wesentlichen Inhalt eine englische Übersetzung obendrauf. Ich sag es mal so: ohne dieses Textblatt wäre man ziemlich aufgeschmissen. Obwohl in deutscher Sprache gesungen wird, versteht man aufgrund der herausgeschrienen Vocals kein Wort. Im Textheftchen erfährt man auch, dass einige der Texte durch expressionistische Gedichte von Else Laske-Schüler und Johannes Becher inspiriert sind.

Nun gut, die 12inch selbst ist transparent, die eingezogenen Rauchschwaden verleihen eine düstere und schmutzige Optik, was zum apokalyptisch-wuchtigen Sound des Quartetts bestens passt. Schön doomig und basslastig wummert die Mischung aus Blackened Hardcore, Crust, Emoviolence, Punk und Screamo aus den Lautsprechern. Dazu wird gekeift, Verzweiflung und Wut schwingen in jeder einzelnen Note mit, die Gitarren rotieren wie wild. Und obwohl die rohe Brutalität im Vordergrund stehen mag, schleichen sich auch immer wieder unterschwellig melodische Momente in den druckvoll abgemischten Sound ein. Da fallen mir auf Anhieb Parallelen zu längst verblichenen Bands wie Stagnations End oder Paranoia Keeps Crawling ein, die schleppenden Passagen erinnern dann an Bands wie beispielsweise Serene oder ganz frühe Lentic Waters.

Insgesamt gibt es sieben Songs auf die Ohren, die trotz ihrer brutalen Grundstimmung erstaunlich abwechslungsreich klingen. Da denkt man an einer besonders heftigen Stelle, dass da jetzt nicht noch mehr Spannung aufgebaut werden kann, wird aber im nächsten Moment doch eines besseren belehrt. Luciente gefallen mir besonders, wenn das hektische Chaos etwas zurückgefahren wird und alles etwas schleppender und unterschwellig melodiös wird. Als Anspieltipps eignen sich z.B. Antithesis oder Acéphale, aber am besten holt ihr euch das Ding schleunigst auf Vinyl nach Hause und genießt die Breitseite mit voll aufgerissenen Lautstärkereglern in der Gesamtheit! Wirklich, das kommt einem reinigenden Gewitter nach einer lang anhaltenden Hitzeperiode gleich!

8/10

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Bandsalat: Aleska, Construct, Downward, Flèche, Marathonmann, Pamplemousse, Sunstroke, Zwist

Aleska – „Construire Ou Détruire“ (DIY) [Stream]
Der intensive Post-Hardcore der französischen Band Aleska hat mir schon auf den bisherigen Veröffentlichungen außerordentlich gut gefallen, nun ist also Album Nummer zwei erschienen. Und wie zu erwarten, liefert das All-Star-Quartett (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban) auch auf Construire Ou Détruire allerfeinste Sahne ab. Insgesamt sind hier acht Songs mit einer Spielzeit von vierzig Minuten zu hören, soundtechnisch bewegen sich die Jungs im Post-Hardcore, Einflüsse aus Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore können auch vernommen werden. Die Songs sind spannend aufgebaut, das klingt alles total ausgetüftelt, stimmig und top produziert, ohne dass dabei die Intensität flöten gehen würde. Gesungen bzw. gescreamt wird übrigens in französischer Sprache. Wer Bands wie A Case Of Grenada, Shai Hulud, Envy oder We Never Learned To Live mag, sollte hier mal seine Lauscher aufsperren. Ein tolles und gelungenes Album!


Construct – „3 Song Promo“ (Plead Your Case Records) [Stream]
Hach, das hier erinnert mich so sehr an den Sound Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger! Construct kommen aus Phoenix, Arizona und machen schön schnörkellosen und nach vorne gehenden 90’s Hardcore mit moshenden und melodischen Gitarren, da denkt man sofort an Bands wie Strife, By The Grace Of God oder Verbal Assault. Passenderweise gibt es neben den zwei Eigenkompositionen eine Coverversion der Band Shield. Da wünscht man sich gern in den nächsten Moshpit! Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort hängengeblieben!


Downward – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Downwards Debutalbum bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen, dem Sound des Quartetts geschuldet war ich sofort angefixt. Die Band aus Tulsa, Oklahoma hat sich dem atmosphärischen Post-Hardcore verschrieben, Einflüsse aus Emo, Shoegaze, Dream-Pop, Post-Rock und Indie sind ebenfalls zu finden. An den neun Songs gefallen mir neben der ausgewogenen Mischung aus lauten, krachigen Passagen und leisen, verträumten und melancholischen Momenten v.a. die raue Produktion mit fuzzigen Basslines, noisigen Gitarren und diesem über den Wolken schwebenden Gesang. Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach einem Album seid, das euch auf eine intensive Klangreise mitnimmt, dann solltet ihr das hier mal gründlich auschecken. Und beim Recherchieren über den Bandbackground der Jungs bin ich doch auch gleich noch auf das New Morality Zine und dadurch auf die Band Sunstroke aufmerksam geworden, zu der ihr weiter unten was zu lesen bekommt.


Flèche – „Do Not Return Fire“ (Krod Records) [Stream]
Die Band Flèche stammt aus Paris, Do Not Return Fire ist der zweite Longplayer der vier Franzosen. Musikalisch bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Emo und Indierock, ein bisschen mathig wird es auch hin und wieder. Stellt euch vor, die Get Up Kids musizieren mit Favez, dazu gesellen sich frühe Minus The Bear, The Receiving End Of Sirens und The Sound Of Animals Fighting. Von den Gitarren her ist es schön variantenreich, der Bass hält gut dagegen, der Gesang kommt hymnisch und mit französischem Akzent, zudem gehen die Refrains ziemlich schnell ins Ohr. Insgesamt sind auf dieser soliden Emorock-Platte zwölf Songs zu hören, die v.a. Leuten gefallen wird, die schon in den Neunzigern auf der Jagd nach solchen Kapellen waren.


Marathonmann – „Die Angst sitzt neben Dir“ (Redfield Records) [Video]
Die Münchener haben in der Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, mit dem mittlerweile vierten Album wird diese Fangemeinde sicher nochmals wachsen. Mich kriegen die Jungs aber auch mit diesem Album nicht zu fassen, auch wenn sie nachhörbar all ihre Leidenschaft in die Band stecken und mit Herzblut bei der Sache sind. Vom Instrumentalen her bin ich ja gar nicht so abgeneigt, es ist der Gesang, der mich etwas blockiert. Wenn man aber mal die persönlichen Vorlieben ausblendet und die Musik nüchtern betrachtet, dann kann man durchaus drauf kommen, was den Fans am Sound von Marathonmann so gefällt. Auf dem neuen Album werden persönliche Dinge angesprochen, so dass man sich beim Lesen der Texte oftmals selbst darin findet, mitsamt den begleitenden Ängsten und Sorgen. Die Musik selbst bewegt sich zwischen Alternative Rock und Pop-Punk, die Songarrangements klingen sehr durchdacht und vielschichtig. Es gibt durchaus auch mal etwas härtere Passagen, Marathonmann sind aber größtenteils melodisch unterwegs, die Gitarrenriffs kommen sauber um die Ecke. Ich persönlich würde mir ein paar mehr härtere Songs im Stil von Schachmatt wünschen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Meute durch die Bank alle Songs abfeiern wird, was hauptsächlich an den hymnenhaften und mitgröhltauglichen Refrains liegt. Und wer weiß, live würd‘ ich wahrscheinlich ebenfalls mit erhobener Faust ein paar der Refrains mitgröhlen, auch wenn ich nicht direkt zur Zielgruppe gehöre.


Pamplemousse – „High Strung“ (A Tant Rêver du Roi) [Stream]
Die Band Pamplemousse ist auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean beheimatet. High Strung, das zweite Album des Trios, besteht aus zehn Smashern, die sich irgendwo zwischen Noise, Rock, Garage, Punk und rotzigem Indierock bewegen. Schön dreckig und rau suppen die Gitarren aus den Lautsprechern, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug hat auch viel Wumms mit an Bord, an manchen Stellen wird es sogar mal etwas ruhiger. Irgendwie fühlt man sich an so 90er Zeugs erinnert, das auf Labels wie Touch & Go oder AmRep veröffentlicht wurde. Die Jungs haben sicher ’ne Menge Shellac, Fugazi, Girls vs Boys oder Unsane-Platten im Schrank stehen. Als Anspieltipps eignen sich das mit einem Hammerriff ausgestattete High Strung oder das etwas ruhigere und daher an Fugazi erinnernde Porcelain.


Sunstroke – „Second Floor/Seven“ (Cointoss Records) [Stream]
Oh Mann, das hier hat mich vom ersten Ton an echt mal aus den Socken gehauen! Wie bereits oben erwähnt, bin ich auf Sunstroke durch meine Recherche zur Band Downward und der Online-Seite des New Morality Zines gestoßen. Sunstroke kommen aus Philadelphia, Pennsylvania und machen mitreißenden Oldschool-Emocore und dürften etliche Dischord-Platten aus der Revolution Summer-Phase im Plattenschrank stehen haben. Geile, mit viel Gefühl gespielte Gitarren treffen auf gegenspielende Basslines, treibendes Drumming und leidenschaftlichen Gesang. Da kommen natürlich sofort Bands wie Embrace, Dag Nasty, One Last Wish oder Rain in den Sinn, auch Bands wie Bread And Circuits oder Reason To Believe sind nicht weit. Zehn Songs beamen Dich direkt zurück in die Zeit zwischen 1985 bis 1989. Sehr geil!


Zwist – „Gesammelte Werke“ (DIY) [Name Your Price Download]
Obwohl das Berliner Duo Zwist personell ein wenig unterbesetzt ist, klingt das Ergebnis aus Gitarre, Schlagzeug und Spoken Words/Geschrei eigentlich sehr vollständig. Das Duo ist im punkigen 90’s Emo/Screamo/Post-Punk unterwegs und die fehlenden Instrumente werden durch Melancholie und unvorhersehbare Songstrukturen wettgemacht. Die Gitarre kann mal wild und verzerrt matschig drauflos kreisen, aber dann kommen auch immer wieder cleane Gitarrenparts zum Zug, die sich mäandernd ins Gehör drehen. Dazu gibt es tiefgründige deutsche Texte an der Schwelle zur Poesie. Als Anspieltipp würde ich das eher eingängigere Teilnehmerurkunde oder das vielseitige Sonderbonbon empfehlen.


 

Антенна – „II“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Schon die Debut-LP der Dortmunder Band war ein richtiger Hingucker, das zweite Release des Quartetts setzt optisch nochmals ’ne Schippe drauf! Das Artwork stammt wieder – wie schon beim Debut – aus der Feder von Sven Gackoski/zohophyton.de. Die Illustration kommt im Graphic Novel-Stil daher und ist sehr detailverliebt gezeichnet, auf dem Backcover geht das Kunstwerk nahtlos weiter. Das wimmelbildähnliche Ding eignet sich jedenfalls hervorragend zum Betrachten und während des Hörgenusses gibt es genügend Gelegenheiten, über die verschiedenen Szenen zu sinnieren. Gibt es Verbindungen zwischen den sehr persönlichen, hinterfragenden und intelligenten deutschen Texten und den einzelnen abgebildeten Szenen? Und wer von euch entdeckt als erster den Bandschriftzug? Was man eigentlich auf den ersten Blick sofort erkennen kann, sind die Logos der am Release beteiligten Labels, die auf dem Backcover schön in das Artwork eingearbeitet sind: neben Tanz auf Ruinen sind Elfenart Records, Trace In Maze ‎und Chopped Off Records mit von der Partie. Das sieht alles echt verdammt gut aus!

Übrigens: fast wäre ich drauf reingefallen! Bei der 12inch handelt es sich um einseitig ‎gepresstes Vinyl. Weil aber auf dem Label der B-Seite auch fünf vermeintliche Songtitel aufgedruckt sind, dachte ich erst, dass das irgendwelche Bonussongs wären, die im stabilen Textblatt halt nirgends aufgelistet sind. Tja, dann wünsch ich euch allen viel Freude mit den Songs 0 min, Spurlos, Leere, Schwarze Stille und Nichts! Okay, ich hab’s jetzt kapiert, die Rille sucht man auf der B-Seite vergebens! Wenn man jedoch die richtige Seite auflegt, dann ertönt doch noch Musik. Und zwar in dem Stil, den man bereits auf dem Debut kennen und schätzen gelernt hat. Антенна sind weiterhin unbequem und fast schon freejazzig und sehr Math-orientiert unterwegs, so dass es einige Durchläufe braucht, bis sich die fünf Songs einigermaßen festsetzen. So ’nen verschwurbelten Sound bekommt man vermutlich nur auf die Kette, wenn man sich zuvor in anderen Bands schon reichlich ausgetobt hat und mit dem normalen Soundbrei nix mehr zu tun haben will. Im Falle von Антенна haben die Bandmitglieder ihre einschlägigen Band-Erfahrungen bereits gesammelt, zuvor zockten die Jungs in Kapellen wie Willy Fog, Favorit Parker und Dead Flesh Fashion.

4cl beginnt mit diesem nervösen Soundgemisch aus Gitarre, Bass, vertrackten Drums und Vocals, die zwischen Geschrei und Spoken Words pendeln. Mit ganz viel Phantasie lassen sich hier Parallelen zu sperrigeren At The Drive-In entdecken, im Verlauf der fünf Songs fühle ich mich noch einige Male an die Band aus El Paso erinnert. Es kommen aber auch so Emo-Frickel-Bands wie Sog, Jullander, Dawnbreed, Reiziger oder Milemarker in den Sinn. Dennoch klingt das trotz der vielen Eindrücke alles sehr eigenständig. Eben auch, weil es einfach unvorhersehbar ist, wie der Songverlauf nun von Statten gehen soll. Im einen Moment wird das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, es wird geschrammelt was das Zeug hält. Im nächsten Augenblick findet man sich in einem total entspannten und entschleunigten Gebilde aus abstrakten Tönen wieder. Bis der Bass wieder ordentlich zu knödeln beginnt und Schlagzeug, Gitarre und Gesang mächtig an Drive zulegen. Zwischen den ganzen Richtungswechseln lassen sich jedoch bei genauerem Hinhören immer wieder unterschwellig melodische Momente entdecken. Zum hyperventilierenden Sound gibt es Vocals vor den Latz, die sich zwischen wütendem Geschrei und manisch gesprochenen Passagen bewegen. Stop’n’Go, Noise, Jazz, Post-Hardcore…was weiß ich, den richtigen Ausdruck für den nervösen Sound des Quartetts muss man wahrscheinlich erst noch erfinden. Und ihr merkt schon: den eigenwilligen Stil der Dortmunder zu beschreiben, ist gar nicht so einfach! Die Band bezeichnet daher ihre Musik selbst als Pöbeljazz, das passt irgendwie ganz gut! Emo-Punk, Post-Hardcore, Noise und Freejazz verschmelzen hier jedenfalls zu einem pulsierenden Gebräu, welches auf Vinyl gehört einfach großartig klingt.

8/10

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