Cold Reading – „ZYT“ (KROD Records)

Nachdem die Luzerner Band Cold Reading mit ihrem Debutalbum und ihrer 2017er-EP schon einige Lorbeeren einsammeln konnte, wagen die Schweizer mit ihrem neuen Album einen weiteren Schritt in Richtung Olymp. Hinter dem mysteriösen Titel ZYT versteckt sich ein Konzeptalbum, was bei einigen Erdenbewohnern in Zeiten von Playlisten auf Streaming-Plattformen ja fast schon wieder einem Rückschritt in die Antike zugleich kommen könnte. Umso schöner, dass Cold Reading mit diesem Album ein Zeichen setzen und uns wachrütteln, damit wir uns auch mal wieder Zeit für ein Album nehmen können, die im Falle von ZYT absolut wichtig und zudem auch noch sinnvoll genutzt ist. Denn in die Platte einzutauchen, macht hier verdammt viel Laune und zeigt, dass Konzeptalben auch noch anno 2020 absolut berechtigt sind, wenn sie denn gut durchdacht sind.

Zu allererst habe ich mir Gedanken gemacht, was hinter dem Titel ZYT verborgen sein könnte. Darum muss ich jetzt einfach mal grob darauf eingehen, welches Konzept hinter dem Album steckt. Die Platte ist in drei verschiedene Zeitabschnitte gegliedert, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Zeit ist hier also zentrales Thema. Da Cold Reading ja aus der Schweiz kommen und sich die dort lebenden jungen Menschen in den sozialen Netzwerken und auch per Messenger ausschließlich auf Schwyzerdütsch austauschen, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Begriff ZYT um den schweizerdeutschen Slangausdruck für eben die bereits erwähnte Zeit handeln könnte. Da das Album in drei Zeitabschnitte geteilt ist, könnten auch die Anfangsbuchstaben für die verschiedenen Zeitabschnitte stehen, aber nur wenn deutsch und englisch abgewechselt werden darf. Z-Zukunft, Y-Yesterday, T-Today. Auch grafisch wurden die Zeitabschnitte umgesetzt. So steht für die Vergangenheit eine Fotografie auseinandergerissener Eisschollen, die Gegenwart ist durch einen Fluss durch ein Waldgebiet dargestellt und die Zukunft offenbart einen Blick ins Universum. Auf dem Cover sind diese Bilder ineinander verwoben dargestellt. Zum Besprechungszeitpunkt liegen mir zwar nur eine gebrannte CD und digitale Fotos vom aufwändig gestalteten Doppelvinyl vor, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man sich darin genauso verlieren kann, wie in der Musik des Quintetts.

Denn auch die Musik wurde auf das Thema Zeit konzipiert. Die ersten vier Songs sind an die Vergangenheit geknüpft. Dementsprechend nostalgisch klingen die Songs sehr nach dem Emo-Rock, den man so um die Jahrtausendwende herum auf die Ohren bekam. Gleich mit dem Opener Through the Woods, Pt. 1 findet man sich in einem hymnenhaften Refrain wieder, der an alte Helden wie z.B. Jimmy Eat World, Sunny Day Real Estate oder Thrice denken lässt. Zwischen glasklaren Gitarren, einfühlsamen Gesang und catchy Melodien kommen hier auch brachial auftürmende Gitarren zum Vorschein. Und genau in diesem Stil geht es bis zum Ende des Zeitabschnitts weiter, das mit einem eindrucksvollen instrumentalen Finale beendet wird. Und auch textlich spinnt sich das Konzept Zeit weiter. Wie es scheint, sind die Lyrics aus der Sicht einer einzigen Person geschrieben, die sich am Blick auf die Vergangenheit festklammert und droht, den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Schon die Beatles wussten es: Don’t Look Back! Ein guter Ratschlag! Ich hab da auch noch einen: mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur! Alles andere kann ungesund im Wehmut enden!

In den nachfolgenden vier Songs geht es um die Gegenwart. Hier steckt viel Selbsterkenntnis und der nüchterne Blick auf das Jetzt drin. Musikalisch hangelt sich das Quintett in verschachtelte Songstrukturen, die Musik wird kopflastiger und eher etwas ruhiger, die Gitarren werden etwas zurückgefahren und es kommt sogar ein Piano zum Einsatz. Trotzdem bleibt es vom Gefühl her bombastisch. Dieser Abschnitt scheint stark von Indierock-Bands wie beispielsweise Death Cab For Cutie, The Decemberists oder Modest Mouse beeinflusst zu sein. Stimmlich dominieren hier die höheren Tonlagen, zudem wird es atmosphärischer. Was eine ganz gute Überleitung zur Zukunft darstellt, in welcher die letzten vier Songs des Albums stattfinden und es in einigen Teilen längere instrumentale Phasen gibt. So bricht die Band in neue Gefilde auf, die bisher im Sound von Cold Reading noch keine große Rolle gespielt haben. Post-Rock, Electronica und Ambient können hier als deutliche Einflüsse vernommen werden. Und wenn das Album mit dem sagenhaft verträumten Through The Woods Pt. 3 schließt, dann wird klar, was für ein großartiges Album ZYT letztendlich ist. Und auch wird deutlich, dass es, obwohl es ja eigentlich um die Zeit geht, alles letztendlich recht zeitlos klingt. Ich ziehe hochachtungsvoll meinen Hut! Ganz großes Kino!

10/10

Facebook / Bandcamp / KROD Records


 

Giver – „Sculpture Of Violence“ (Holy Roar)

Wenn man sich mal die hiesige Hardcore-Szene der letzten Jahre so anschaut, dann gab es eigentlich nur wenige Bands, die es auch locker geschafft haben, auf internationaler Ebene mitzumischen. Auf Anhieb fallen mir da beispielsweise Wayste oder eben Giver ein. Gerade Giver sind so eine Band, die mit jedem weiteren Output noch einen draufsetzen und überraschen konnte. Auch auf dem mittlerweile zweiten Album der Band aus dem Raum Köln, Paderborn und Leipzig hört man zu keiner Zeit, dass man es hier mit einer Band aus Deutschland zu tun hat. Giver haben auf dem aktuellen Release den Metal-Anteil ein bisschen erhöht, was dem Sound nochmals eine Schippe Frische oben drauf packt. Bereits das Albumartwork kündigt an, dass der Sound weiterhin im düsteren Dickicht weitergeführt wird. Schlicht in schwarz-weißer Optik wirkt das Motiv gespenstisch und kalt, wie durch einen Blick durch einen Weißes-Rauschen-Filter. Der Mensch auf dem Weg in eine ungewisse und düstere Zukunft. Das geniale Cover-Foto wurde übrigens von der Fotografin Marie Laforge geknipst, für den Druck ist Druckwelle Design verantwortlich.

Analog zum Coverartwork wird auch textlich nachgebohrt. So beschäftigen sich die Texte beispielsweise mit dem Dämon der Gewalt, der in jedem Menschen schlummert, so dass die unendliche Spirale der Gewalt wahrscheinlich niemals ein Ende finden wird. In einer friedvollen Umgebung aufzuwachsen und Konflikte ohne Gewalt auszutragen wird immer mehr zur Utopie. Was mir an Giver sehr sympathisch ist, sind gerade die Inhalte, die zeigen, dass sich die Köpfe hinter der Band mit gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen, die in der Szene immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheinen. Dabei hatten gesellschaftskritische und politische Inhalte seit Entstehen der Hardcoreszene immer ein besonderes Gewicht. Ich will mich jetzt hier nicht selbst loben, aber mich hat die Sozialisation durch HC/Punk mit Inhalten wie diesen zu einem besseren Menschen gemacht. Jedenfalls freut es mich unheimlich, dass solche Themen wieder aufgegriffen werden, zudem geschieht das bei Giver, ohne peinlich oder plump zu wirken. Die Texte setzen sich kritisch mit allerlei Themen auseinander, die in der doch immer noch arg männerdominierten Hardcore-Szene ruhig öfters angesprochen werden sollten. So werden z.B. patriarchale Strukturen und sich festsetzende Mainstream-Gewohnheiten hinterfragt. Lest also alle brav die Texte mit, wenn ihr die musikalische Reise antretet. Übrigens könnt ihr das absolut augen- und lesefreundlich machen, denn das Textblatt ist mit einer gut lesbaren Schriftgröße ausgestattet.

Okay, wie schon erwähnt, haben Giver ihrem rohen Hardcore-Sound einen satten Metalcore-Anteil zugefügt. Bereits der Opener zeigt unmissverständlich, in welche Richtung die zehn Songs in den nächsten 35 Minuten gehen werden. Die musikalischen Vorbilder dürften schnell irgendwo Mitte der Nullerjahre lokalisisert werden. Bands wie Modern Life Is War, Have Heart, Killing The Dream oder With Honor kommen mir da sofort in den Sinn. Jedenfalls klingen die fünf Jungs ganz schön amerikanisch! Und auch ganz schön groovig! Der intensive Sound besticht durch messerscharfe Gitarren, polternde Basslines, druckvoll ballernde Drums und wie ein Damoklesschwert schwebt über allem dieses brachiale Geschrei. Verdammt geil klingen natürlich auch die immer wiederkehrenden Gangshouts! Eins meiner Lieblingsstücke zeigt das ganz eindrucksvoll, checkt mal den Song Every Age Has Its Dragons (Like An Empire) an! Was für ein Abriss! Und immer wieder dringen diese melodischen Gitarrenriffs an die Oberfläche! Wahnsinn, wie schlüssig die Songarrangements sind, die satte Produktion kann sich ebenfalls sehen lassen. Und was das beste ist: die Songs machen auch nach mehrmaligem Hörgenuss noch tierisch Laune! Verdammt geil abgeliefert! Hier stimmt einfach alles! So geht Hardcore mit Herz und Seele!

10/10

Facebook / Bandcamp / Holy Roar Records


 

Empatía – „Discography 7inch“ (Miss The Stars Records)

Irgendwann im Herbst 2019 haben sich sicher einige von euch gefreut, als das DIY-Label Miss The Stars Records über seine Facebook-Seite verlauten ließ, dass – nachdem eigentlich keine weiteren Releases über das Label hätten mehr erscheinen sollen – nun also doch wieder Veröffentlichungen in Aussicht gestellt wurden. Der gute Alex hat wohl in der Zwischenzeit gemerkt, dass ihm ohne die Labelarbeit im Leben etwas gehaltvolles abhanden gekommen war. Und warum sollte es bei den ganzen Band-Reunions auch nicht mal eine Label-Reunion geben, noch dazu wenn es sich um ein so tolles und herzbetriebenes Label wie Miss The Stars Records handelt? Welcome Back!

Und wieder merke ich mal, wie die Zeit rast! Denn als ob ich die oben beschriebene Ankündigung erst vor gefühlten vier Wochen vernommen hätte, fand ich auch schon Anfang des Jahres ein Paket mit einer 7inch der Band Empatía im Briefkasten. Als erstes sticht das kontrastreiche Artwork der aufklappbaren Hülle ins Auge. Könnt ihr euch noch an das Artwork der portrayal of guilt-7inch erinnern? Irgendwie sieht diese Zeichnung hier aus, als ob es sich dabei um die gleiche Person handeln würde, nur dass sie aus einer anderen Perspektive gezeichnet wurde. Das Artwork stammt wieder – wie auch schon bei erwähnter 7inch und diversen anderen Arbeiten für das Label – aus der Feder von Christian Brix/kids artwork. Im aufklappbaren Teil sind dann die Songtexte abgedruckt. Da diese in spanischer Sprache vorgetragen werden, ist es ganz praktisch, dass auch eine englische Übersetzung beigefügt ist, so dass man die verzweifelten und düsteren Songinhalte nicht nur erahnen kann.

Falls ihr es übrigens im Titel überlesen haben solltet, handelt es sich bei diesen 13 Songs um die bisherige Discography der Band aus Bogota/Kolumbien. Die Songs sind in den Jahren 2017-2018 digital auf Bandcamp erschienen. Nun, wie passen 13 Songs auf eine 7inch? Ganz genau, die Band kommt sofort auf den Punkt und haut euch ohne Umschweife und mit Songlängen zwischen 35 Sekunden und deutlich unter zwei Minuten eine emotionsgeladene, herzzereißende und schmerzgeplagte Mischung aus Screamo, Emoviolence, Hardcore und Punk um die Ohren! Dabei gefällt v.a. die rohe und räudige Herangehensweise. Dem ersten Anschein nach regiert hier der Lärm! Hört man aber aufmerksamer hin, dann schleichen sich immer wieder unterschwellig melodische Parts ins Chaos ein. Gerade der Song Fragmentos ist so ein Beispiel für die vertrackte und etwas ruhiger wirkende Seite der Band. V.a. der Bass trägt hier einiges dazu bei, auch die Drums variieren von unkontrollierten und arhythmischen Ausbrüchen bis hin zu dynamischen Parts, die mit flirrenden Gitarren das Herz zum Hüpfen bringen. Und immer wieder überrascht eine dissonante Gitarrenspur, wie z.B. im letzten Song La Chispa Roja. Dieses Scheibchen ist mit Sicherheit für jeden DIY-Screamo/Emoviolence-Fan ein gefundenes Fressen, denn Empatía ist diesen Aufnahmen zufolge eine Band voller Leidenschaft, die sich mit Haut und Haaren in Ekstase spielt und dieses Gefühl vermittelt, ständig außer Atem zu sein!

8/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records


 

Herr Paulsen und das Zeitproblem – „aufgewacht verlaufen“ (Tanz auf Ruinen Records u.a.)

Auf Herr Paulsen und das Zeitproblem wurde ich erstmals durch ein Interview und einen Samplerbeitrag in der letzten Provinzpostille aufmerksam. Und irgendwie hab ich es die ganze Zeit nicht geschafft, mal in die bisherigen Veröffentlichungen der Band aus Berlin reinzuhören. Da nimmt man sich beim Lesen etwas ganz stark vor und mangels Zeit und fortschreitendem Gedächtnisschwund kommt man dann doch nicht dazu. Was für ein Glück, dass einige Zeit später wie durch eine schicksalshafte Fügung eine Besprechungsanfrage im Posteingang aufploppte und ein paar Tage danach auch schon der Postbote mit dem zweiten Album der Band an der Tür klingelte. Schon verrückt! Und irgendwie bin ich jetzt ganz froh, dass ich so viel Zeit verstreichen lassen habe, um die Band endlich mal anzuchecken. Denn auf Vinyl macht so etwas einfach viel mehr Laune! Die 12inch ist als Co-Release der Labels Tanz Auf Ruinen, Elfenart Records und 30 Kilo Fieber Records erschienen, die digitale Version wurde durch Kidnap Music möglich gemacht.

Die Platte wirkt auf den ersten Blick rein äußerlich irgendwie herbstlich und trist. Das Coverartwork besteht aus einer Fotografie eines einsamen Kerls, der irgendwo in der Pampa in einer ausgestorbenen Gegend durch morgendliche, herbstliche Nebelschwaden irrt. Aufgewacht verlaufen! Aus dem Inneren kommt weißes Vinyl, ein mit Polaroids bebildertes Textblatt, ein paar Aufkleber und ein Download-Code zum Vorschein, obwohl es die Digital-Version auch bei Bandcamp zum Name Your Price Download gibt. Ein Rundum-Wohlfühlgefühl für den Vinylliebhaber! Die poetisch angehauchten und metaphorischen Lyrics drehen sich um alltägliche Dinge, die schwermütige Menschen tiefgehend beschäftigen. Ein selbstzweifelnder Blick auf das eigene Leben, auf den Verlust, man rennt permanent gegen Mauern und ständig platzen Träume, es scheint alles aussichtslos zu sein.

Mit dem Aufsetzen der Nadel wird jedenfalls schon mit den ersten Klängen des Openers Day 7 klar, dass es auf aufgewacht verlaufen auch musikalisch sehr melancholisch werden wird. Moment mal, da wird im Titel und Text doch auf den gleichnamigen Song von The Notwist angespielt? Damals waren The Notwist noch mehr Gitarre als Elektronik, aber rein musikalisch sehe ich außer ein paar schrammeligen Gitarren ansonsten keine Parallelen. Das Quartett tobt sich eher auf der Spielwiese des sentimentalen Emo-Punks aus, da kommen natürlich unweigerlich Referenzbands wie frühe Muff Potter, Colt., El Mariachi oder frühe Turbostaat in den Sinn, auch Bands wie Captain Planet oder Knochenfabrik schimmern ab und an durch. Die Gitarren kratzen schön rau und verzerrt und vor allem dissonant aus den Lautsprechern, dazu gesellt sich ein gegenspielender Bass, abwechslungsreiche und teils treibende Drums, die auch an vielen Stellen einfach mal zurückgenommen werden, bringen frischen Wind mit rein. Und natürlich sind da die Vocals, die größtenteils mehr gesungen als gebrüllt rüberkommen und dem Ganzen nochmals ’ne Schippe Melancholie und Schwere oben drauf drücken. Im Verlauf der neun Songs lassen sich jedenfalls sehr viele Highlights entdecken, dazu sind die Songs erstaunlich eingängig und live vermutlich ganz schön tanzbar. Hört doch nur mal Ebbe & Flaute, Überholt oder das tolle 300& mit diesem schönen Gitarrenintro an! Selbst schnellere Punkrocksongs wie Myosotis oder Feuerwerk lassen die Beinchen aufgeregt wippen. Der lebendige Sound rührt vermutlich auch daher, dass die Songs live eingespielt wurden. So, und jetzt kann ich mich nach ausgiebigem Hörgenuss dann endlich mal den ersten beiden Veröffentlichungen widmen und euch dieses Album nur wärmstens ans Herz legen!

8/10

Facebook / Bandcamp / Tanz Auf Ruinen


 

20 Liter Yoghurt – „Always Trying To Fit “ (Seven Oaks Records/Underdog Records)

Dass Hardcore More Than Music ist, gerät in den letzten Jahren bei vielen Bands leider ein bisschen in den Hintergrund. Deshalb ist es immer wieder schön, auf Bands zu treffen, die dem ganzen Ding mit Haut und Haaren verfallen sind. Dieser erste Eindruck, der bereits bei der Mailkonversation im Zuge der Besprechungsanfrage entstand, bestätigte sich dann auch prompt beim Eintreffen des liebevoll geschnürten Plattenpakets mitsamt dem darin enthaltenen persönlichen Begleitbrief. Da wird mir persönlich immer ganz warm ums Herz! Nun, 20 Liter Yoghurt kommen aus der sächsischen Provinz – genauer gesagt aus Grimma, der Partnerstadt meines ebenfalls provinziellen schwäbischen Heimatorts – und existieren seit dem Jahr 2015. In dieser Zeit haben die vier Jungs zwei EP’s in Eigenregie veröffentlicht und natürlich etliche Konzerte gezockt. Mit der Unterstützung der beiden DIY-Labels Seven Oaks Records und Underdog Records hatten die Jungs jetzt also die Möglichkeit, ihr Debutalbum auf Vinyl zu veröffentlichen. Und das Resultat kann sich mehr als sehen lassen!

Auf dem hübsch anzusehenden Cover stelzt ein Flamingo majestätisch durch flaches, seichtes Wasser. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte ich dank Klimawandel Flamingos in freier Wildbahn beobachten, diese koloniebildenden Tiere sind einfach faszinierend! Und irgendwie könnte man es fast schon als Tick bezeichnen: denn immer, wenn mir Flamingos vor Augen kommen, muss ich mit einer Mischung aus Entsetzen und Belustigung an John Waters kontroversen Film Pink Flamingos denken. Es ist jetzt vielleicht weit hergeholt, aber John Waters und auch speziell sein Charakterdarsteller Divine sind – beziehungsweise waren – Leute, die dem ständigen Versuch, sich der Gesellschaft anzupassen, ordentlich Paroli geboten haben. Ob hinter dem eigentlich schlichten aber wirkungsstarken Coverartwork von Druckwelle Design irgendeine Geschichte steckt? Dass 20 Liter Yoghurt eine Band ist, die sich sehr viele Gedanken macht, zeigt alleine das vierseitige Textblatt. Hier sind neben den englischen Texten zu jedem Song auch ausführliche Linernotes in deutscher und englischer Sprache enthalten. Sehr schön! Das findet man heutzutage wirklich selten! Dass die Texte sich dann im politischen und gesellschaftskritischen Bereich bewegen und auch mal ins persönliche gehen, rundet die ganze Sache ab! Die ganzen Hintergründe, Texte und linernotes sind auch für Leute ohne Plattenspieler  auf dieser Seite im Netz nachzulesen.

Und dann ist da ja auch noch die Musik, die vom ersten Ton an absolut mitreißen kann! 20 Liter Yoghurt vermischen Hardcore, Punk, Post-Hardcore, Melodic Hardcore und etwas Screamo und sogar Noise-Einflüsse zu einem stimmigen und lebhaften Gebräu, bei dem man merkt, dass es straight from the heart kommt. Und genau da trifft es mich dann auch gewaltig! Die Songs leben von unbändiger Spielfreude, man kann sich bildlich vorstellen, wie so ’ne 20 Lite Yoghurt-Bandprobe aussieht! Einer bringt völlig aus dem Häuschen ein Riff mit, das er schon seit Tagen in Dauerschleife spielt, die anderen stimmen drauf ein und bauen was drum herum, der Schlagzeuger haut auf die Felle und die Crashbecken, dass die Schädeldecke vibriert, alle grinsen wie blöde vor sich hin und am Ende kommt ein grooviger Song wie z.B. Everyone heraus. Diese Wildheit und das Kämpferische spürt man an allen Ecken und Enden, Glass Jars z.B. ist auch so eine Granate! Die Faust geht bei Songs wie beim nachfolgende Contradictions oder beim Tapping Your Shoulders automatisch in die Höhe, genial auch die immer wieder einsetzenden Background-Gangshouts! Was mir an den Aufnahmen gefällt, ist der raue Unterton und das energiegeladene Live-Feeling, das aus den Lautsprechern suppt. Für’s Mastering war mal wieder die Tonmeisterei zuständig. Always Trying To Fit wird auch nach mehrmaligen Durchläufen nicht langweilig, im Gegenteil! Das Album wächst jedesmal noch ein bisschen und der Appetit, die Band mal live zu sehen, wird mit jeder weiteren Runde größer. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!

8/10

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