Duct Hearts – „Feathers“ (time as a color)

Am Anfang war diese 31 Minuten und 49 Sekunden dauernde m4a-Datei, die obendrein noch mit einem falschen Albumcover getaggt war, welches mir irgendwie bekannt vorkam. Einen Mausklick später (Vorschaubild im Vollbild) war klar, dass hier sicher ein Fehler vorlag, denn das angezeigte Cover gehörte zu einer Band aus Baltimore, die keinen mir erkennbaren Bezug zu Duct Hearts hat. Nun, das von Duct Hearts-Frontmann Daniel geschickte Sound-File ist aber zweifelsohne das richtige.  Das merkt man ziemlich bald nach dem sphärischen Reverb-Intro (mischt da etwa eine Orgel mit?), spätestens dann, wenn die markante Stimme von Daniel einsetzt.  Denn eines ist sicher: auch wenn Daniels Stimme oft mit der von Chris Higdon/Elliott verglichen wird, hat sie einen enorm eigenständigen Charakter und damit einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Generell muss ich ja anmerken, dass mir Rezensionen viel besser von der Hand gehen, wenn ich auch etwas in der Hand halte, an dem ich schnuppern, reiben oder drüber streicheln kann. Und manche Musik wirkt auf Vinyl dann nochmal eine ganze Ecke anders, als rein digital. Im Fall der sechs Songs dieses Albums kann ich mir sehr gut vorstellen, wie die Musik auf Vinyl klingen wird, soviel schon mal vorneweg. Aber kommen wir endlich mal zur Musik: denn die kann vom ersten Ton an in den Bann ziehen und obendrein merkt man ziemlich schnell, dass Feathers ein Album ist, das sehr durchdacht um die Ecke kommt, so wie man es ja auch von den Münchenern gewohnt ist. Vom Mastering her ist das Album stimmig gemischt, so dass es ein Genuss ist, die etwas länger als eine halbe Stunde andauernde Reise durch die Welt von Duct Hearts am besten mit einem Kopfhörer ausgestattet anzutreten.

Laut aufgedreht taucht man förmlich in eine vielseitige, geheimnisumwobene Unterwasser-Welt, die sich irgendwie anfühlt, als wäre man von einem von weichen Federn ausgebettetem Kissenmeer umschlossen. Von sphärischen Klangteppichen über leise, reduziert daher kommende oder nur mit Gesang hinterlegte Passagen bis hin zu bombastischen Soundausbrüchen fällt hier kein Ton unter den Tisch. Im Gegenteil, die Instrumente ergänzen sich und treten sich absolut gleichgestellt gegenüber. Die Gitarren klingen an manchen Stellen so schön glasklar und flirrig, während im Kontrast dazu auch schon mal ordentlich gebraten wird und das Schlagzeug einen verrückten Rhythmus raushaut. Und bei einigen wenigen Stellen könnte man wirklich eine Feder fallen hören, so zart und zerbrechlich sind die, bis wieder  delay-artige Klangfelder durch den Raum schwirren, die wie märchenhafte Erzählungen scheinen. Apropos Erzählungen: hinter Feathers steckt ein durchdachtes Konzept, die tiefgehenden Texte dürften reichlich zum Nachdenken anregen. Wenn ihr mehr erfahren wollt: in Kürze erscheint auf diesen Seiten ein Interview mit der Band.

Mit dem Intro-ähnlichen Feathers beginnt das Album wie gesagt erstmal ruhig, sphärisch und behutsam. Das ändert sich abprupt mit bombastischen Doublebass-Paukenschlägen und sich auftürmenden, schweren Gitarren, die den zweiten Song Spinae einleiten. Und hier sind sie wieder, die verspielten Gitarrenklänge, die eine Melodie spielen, die aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Schon bei den ersten Durchläufen merkt man, wieviel Ideen in einem einzigen Song umgesetzt wurden. Und das ist auch der Grund dafür, dass das Album keinesfalls Langeweile verursacht, da man auch noch etliche Hörrunden später Passagen entdeckt, die bisher am Gehör vorbeigeflossen sind. Bei Piuma z.B. erwartet man zu Beginn aufgrund der eher schleppenderen Gangart nicht, dass der Song noch in einem sphärischen, fast orchestralen Chor gipfelt. Was auch spannend ist: die Songs scheinen irgendwie ineinander überzufließen, so dass es schwer fällt, einzelne Songs heraus zu picken, Shuffle-Mode mochte ich sowieso noch nie. Da ist man total versunken und wird von den Gitarren um den Finger gewickelt, bis man sich im nächsten Moment beim Song Hide in einem wunderschönen Refrain á la frühe Elliott findet. Überhaupt klingt der Sound der Münchener insgesamt nicht mehr so sehr nach Mid90’s Emo, auch wenn Christie Front Drive desöfteren um die Ecke schielen. Die Post-Rock-Anteile überwiegen deutlich auf diesem ersten Album. Da kommen dann Bands wie This Will Destroy You  oder Red Sparowes in den Sinn.  Ha, und beim letzten Song Shell erinnert mich dann das als Outro dienende Instrumental ganz entfernt an eine Michung aus einem Coldplay-Song, als diese noch nicht so richtig scheiße waren und dieser einen Boy Sets Fire-Ballade. Ach ja, am Release sind neben time as a color noch die Labels Upwind Productions, Strictly no capital letters, Friend of Mine, Middle Man Records und Pundonor Records beteiligt, wobei die CD/digital-Version nur auf time as a color erscheint und für den Vertrieb Broken Silence zuständig ist.

8.5/10

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This Too Will Pass – „Perceptions“ (lifeisafunnything)

Auch dieser Arbeitstag wird vorüber gehen. Das dachte ich mir neulich, als Anfang März nach diesem gnadenlosen Russland-Winter erstmals wohlig warm die Sonne schien und ich es nach der Mittagspause fast nicht mehr zurück zur Arbeit schaffte. An solchen Tagen ist man froh an einem satt gefüllten Überstundenkonto. Oder man macht halt miese, aber länger geht an solchen Tagen auf gar keinen Fall. Früher von der Arbeit heim fühlt sich bei diesem Wetter doppelt so geil an, wenn man zusätzlich im Briefkasten Post vorfindet, die man gleich auf dem Balkon bei einem Radler genießen kann, dabei ist es eine Freude, wenn sogar das angezogene Lieblings-T-Shirt nach dem langen Winter noch wie angegossen passt. An diesem herrlichen Tag steckte ich also meine Nase in die frisch eingetroffene neue Ausgabe der Provinzpostille. Normalerweise werde ich ranzig, wenn man mich beim Lesen stört, aber das Klingeln der Hermes-Postbotin zauberte mir beim Öffnen der Tür dann doch ein debiles Grinsen ins Gesicht, da ich ein Päckchen in Plattenformat in ihren Händen entdeckte. Beim Absender lifeisafunnything bekomme ich ja schon Gänsehaut und Schweißausbrüche, bevor ich überhaupt weiß, was genau sich im Inneren des Päckchens befindet. Ein Wunder, dass mir der Stift zum Unterschreiben des Displays bei meinen vor Aufregung verschwitzten Handflächen nicht aus der Hand geflutscht ist. Erst als die Tür wieder zu ist, komme ich langsam wieder runter und merke, dass hier einiges von der eigentlich hübschen Postbotin fehlinterpretiert werden könnte. Ich hoffe inständig, dass die Dame nicht vermutet, dass mein entrückter Blick und alle begleiteten Symptome ihr gegolten hat und mein Verhalten von triebhaften Frühlingsgefühlen beeinflusst war. Aber eigentlich ist mir auch das jetzt total wurscht, der Tag hätte sich kaum besser entwickeln können! Und als Krönung kommt auch noch die Debut-12inch der Hamburger Band This Too Will Pass zum Vorschein!

This Too Will Pass fand ich ja bereits auf der 5-way-Split total umwerfend, obwohl da nur ein einziger Song dargeboten wurde. Ist ja immer so ein Glückspiel: da gefällt mal ein Song auf einem Sampler, aber der Rest des Albums ist so farblos wie ein Chameleon vor grauem Hintergrund. This Too Will Pass gehören aber zu der Sorte von Bands, die Töne fabrizieren, die gern gehört werden, die hungrig nach mehr machen. Ihr merkt schon, ich bin mal wieder völlig aus dem Häuschen! Auf diesem Release gibt es insgesamt acht Songs zu hören, die allesamt in die gleiche Kerbe schlagen und dem Song auf oben genanntem Splitrelease in absolut nichts nachstehen. Die Gitarren zwirbeln die melancholischten Riffs dieser Erde aus dem Ärmel, der Schlagzeuger wirbelt und hämmert kraftvoll, der Sänger zwitschert eher kreischend, der Basser schwirrt oftmals flink wie ein Wiesel über seine Saiten, die sanften Töne gehen ihm aber genauso gut über die Finger. Verdammt, das ist so geil. Allein die Bands, die auf der Facebook-Seite als Einflüsse angegeben sind, lassen die Augen aufleuchten: Yage, Poison The Well, Sonic Youth, Glassjaw, This Day Forward, Thrice, Yaphet Kotto, Transistor Transistor, Wolves, These Arms Are Snakes. Übrigens sang Boris vor This Too Will Pass bei der Band Arcana Cain, falls die noch jemand auf dem Schirm hat.

Die Band schafft es gekonnt, das Feeling von 90’s  Screamo  und Jahrtausendwendenhardcore einzufangen. Dieses Feeling wird durch eine satte aber dennoch raue Produktion und durch die fett aufgestempelte eigene Note perfekt abgerundet. Ha, mal wieder hat Jack Shirley/Atomic Garden Hand an die im bandeigenen Proberaum aufgenommenen Songs angelegt. In der Plattenhülle finden sich neben dem Downloadcode und einem Infoblatt auch noch die Texte, die man auf insgesamt vier beidseitig bedruckten Lyric-Sheets mitlesen kann. Geile Idee, die Vorderseite ist mit den vier Songs der A-Seite bedruckt, die Rückseite mit den vier Songs der B-Seite, dazu sind die Dinger mit schönen schwarz-weiß-Fotos bebildert. Die nachdenklich machenden Texte runden alles gebührend ab. Yeah, so macht das Laune!

8.5/10

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Trachimbrod – „Leda“ (Through Love Records)

Seit der letzten Veröffentlichung der schwedischen Post-Hardcore-Band Trachimbrod sind nun auch schon wieder ganze vier Jahre ins Land gezogen. Das war die ebenfalls auf Through Love Rec erschienene Split mit Sore Eyelids. Meine Liebe zu Trachimbrod begann aber mit A Collection of Hidden Sketches, dieses zeitlose Meisterwerk stammt aus dem Jahr 2012. Was hab ich dieses Ding rauf und runtergehört! Shit, und ich hab es bisher auch immer noch nicht geschafft, die Band endlich mal live zu erleben, aber auch auf der aktuellen Tour sind alle Locations viel zu weit entfernt von meinem Wohnort und wenn ihr das hier lest, ist die auch schon wieder vorbei. Das ist der Preis den man zahlt, wenn man in der Provinz bleiben möchte, weil die Großstadt Angst macht, haha.

Viele denken ja, dass A Collection of Hidden Sketches das Debutalbum der Schweden wäre, aber Trachimbrod hießen früher einmal Come Across Trachimbrod und unter diesem Namen wurde bereits ein Album veröffentlicht, das ich aber bisher auch noch nicht gehört habe. Aber wenn man das aktuelle Release mit den insgesamt neun Stücken auf den Ohren hat, will man vorerst nichts anderes mehr hören, dieser Sound ist so unglaublich kraftvoll, melancholisch und steckt voller Verzweiflung, die Gänsehaut wächst stetig, sobald die Nadel die Scheibe berührt. Die Gitarren leiern herrlich schön vor sich hin, die Songs entwickeln eine eigene Dynamik, die Texte verstehe ich leider nicht, da sie auf diesem Release komplett in der Landessprache vorgetragen werden.  Es liegt zwar ein Textblatt bei, so dass man beim Hören der Stücke schon versuchen könnte, sich das ein oder andere zusammenzureimen, aber man wird vom Sound regelrecht hypnotisiert, bis man von einem Noisegewitter-Gefühlsausbruch wieder zurückgeholt wird oder sich indielastige Gitarrenmelodien wie z.B. beim Song Hjärnspöke mäandernd ins Gehör drehen. Nun, die wenigen Worte, die ich mir zusammengereimt habe, lassen auf sehr persönliche Texte schließen.

Aber kommen wir wieder zum Sound: Diese ganze Atmosphäre, wow! Hört das Ding unbedingt auf Vinyl! In einer füheren Plattenkritik schrieb ich mal, dass mich die cleanen Gitarrenparts irgendwie an eine abgedrehtere Version der Indie-Band Beach House im mid-90’s Screamo-Emo-Gewand erinnern würden. Das trifft es eigentlich ganz gut. Obwohl, wo Beach House aber nur langweilig vor sich hinleiern und nach zehn mal hören allmählich echt öde werden, sprudelt bei Trachimbrod unglaubliche Intensität und emotionsgeladene Energie aus allen Kanälen. Das Ding kann man mehrmals hintereinander hören und das auch noch mehrere Wochen lang, das wird nie langweilig. Ganz große Show mal wieder, diese Platte wird ebenso wie A Collection of Hidden Sketches  immer mal wieder in den nächsten Jahren auf meinem Plattenteller landen. Neben Through Love Rec. erscheint die Platte auf Zegema Beach Records und Dog Knights Productions. Haltet euch ran, das hier wird eines der spannendsten Releases 2017 sein!

9/10

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12inch-Dreier: Oaks, Prisoner, Yurodivy

Oaks – „The Sun Is Too Brilliant“ (Dingleberry u.a.)
Diese einseitig bespielte 12inch entfaltet ihre ganze Schönheit erst auf Vinyl. Ich hab im Vorfeld in die digitale Bandcamp-Version reingehorcht, da fand ich den Sound der Italiener eher ein wenig anstrengend. Sobald man das Scheibchen aber auf dem Plattenteller hat und nach dem Durchlauf der A-Seite keinen Stress mit dem Wenden empfindet, erkennt man, warum diese sechs Songs so besonders sind, auch wenn die Musik anfangs ziemlich am Nervenköstüm nagt. Emogeklimper trifft auf Noise, Freejazz küsst Mathrock, Intensität liebäugelt mit Kunst, vertracktes und rasendes Schlagzeug passt hervorragend zu psychotischen Störgeräuschen. Willkommen in so einer Art Kinsella-Universum! Oaks kommen übrigens aus Apulien. Und diese 12inch ist in Zusammenarbeit der Labels Longrail Records, New Sonic Records, Upwind, Lafine , Sciroppo Dischi, Fisherground, Astio Collettivo, Dingleberry Records , Oh!Dear Records, Dischi Decenti und Lepers Produtcions erschienen.
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Prisoner – „Beyond The Infinite“ (Dingleberry Records u.a.)
Das düstere Coverartwork prophezeit bereits, dass es auf diesem Release ziemlich crustig zugehen wird. Und ja, kaum ist die Nadel auf der Rille, dann kommen auch schon Störgeräusche und Rückkopplungen aus den Lautsprecherboxen, die zudem noch zu Beginn von heiserem Gebrüll á la Napalm Death zur Scum-Phase begleitet werden. Obwohl diese erste halbe Minute im Midtempo ohne Drums nur dazu dient, das folgende Crust-Metalcore-Gewitter gebührend anzukündigen. Denn bereits danach knüppelt es gewaltig schnell, aber es kommen auch immer wieder schleppende, im Midtempo angesiedelte Parts mit rein, die dampfwalzend und fast schon sludgeartig keine Gefangenen machen. Brutales Brett! Und nach diesen schleppenden Parts flutscht es bei den fünf Typen aus Richmond/Virginia wieder so, als ob sie sich gerade verdorbenes vegetarisches Chili einverleibt hätten und 30 Sekunden später unter höllisch derben Bauchkrämpfen leidend ihren rekordverdächtigen Sprint auf’s nächstbeste Klo antreten würden. Kennt ihr die Simpsons-Folge, in welcher Homer diesen absurden Chili-Trip durchlebt? Nun, stellt euch das mal etwas düsterer vor, so im Stil des Artworks! Insgesamt sind hier neun Songs drauf, wobei die meisten Stücke  eine für diese Musikspielart eher untypische Songlänge besitzen. Am Release sind die Labels Forcefield Records und Suspended Soul Tapes And Records beteiligt.
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Yurodivy – „Aphos“ (Dingleberry u.a.)
Das Artwork dieser 12inch zeigt wieder mal sehr deutlich, warum man Musik eigentlich nur auf Vinyl genießen sollte. Das Cover sieht in der digitalen Version zwar auch gut aus, aber auf dem edel wirkenden dicken glatten Gatefold-Karton entfaltet die Zeichnung ihre volle Schönheit. Die 12inch-Hülle ist nicht nur vorne hübsch bedruckt, auch die Rückseite ist mit einer im gleichen Stil angefertigten Zeichnung verziert, dazu sind in der Innenseite die Texte zu lesen, die in elf Kapitel unterteilt sind. Für jeden Song ein Kapitel, das kürzeste dauert 1:30 Minuten, das längste fast 9 Minuten. Da kann man schon von einer Konzeptplatte sprechen, die Texte mitsamt Artwork dringen jedenfalls in die dunklen Regionen des Ozeans vor, in welchem nur noch ganz fürchterliche Monster Überlebenschancen haben. Die erzählte Geschichte lässt dabei reichlich Raum für Interpretationen, zudem birgt die musikalische Begleitung dazu die nötige Abwechslung. Yurodivy kommen übrigens aus Frankreich und haben wohl auch schon vor diesem Debutalbum zwei EP’s veröffentlicht, in die ich aber noch nicht reinhorchen konnte. Nun, falls ihr jetzt denkt, dass Yurodivy sicher französischsprachigen Screamo machen, muss ich euch leider enttäuschen. Straßburg ist aber auch nicht wirklich eine Screamo-Hochburg, trotzdem ist diese Screamo-Note im Sound der Jungs deutlich vorhanden, wenn auch nur auf den zweiten Blick. Die elf Stücke strotzen vor dissonant gezockten Gitarren, vertracktem Schlagzeug, selbstzerstörerischem Gekeife und knödeligem, wummernden Bassgefurze. Boah, was ein Gehacke! Aber bevor das Ganze in einer Lärmorgie mündet, kommen auch immer wieder leise Momente oder Passagen mit Spoken Words mit rein, die fast hypnotisch wirken und mantra-artig und kontrastreich dafür sorgen, dass der Sound aus dem üblichen Screamo-Einheitsbrei heraussticht. Stellt euch eine Mischung aus Planes Mistaken For Stars, frühen Stretch Arm Strong (Gesang), Stressball, Painted Wolves und eben minimalem Franzosen-Screamo vor, dann habt ihr ungefähr ein Bild. Aber lasst euch sagen: Das Ding auf dem Plattenteller und die Hülle in der Hand sorgt dafür, dass ihr spätestens nach dem zweiten Durchlauf nach Live-Action lechzen werdet. Vermutlich haben sich Yurodivy nach der russischen Variante des Narren in Christo (Jurodiwy) benannt. Surft doch mal bei Wikipedia und informiert euch, während ihr den Klängen von Aphos lauscht.Ach so, die Labels: WOOAAARGH, Maniyax, Skatepizza, RAD, Itawak Records, Dead Stallion & The Battalion Million, Dead Punx Records und Dingleberry Records.
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Notions – „Rorschach“ (Dingleberry Records u.a.)

Da ich in unmittelbarer Nähe zum schönen Bodensee wohne, besuchte ich schon in meiner frühen Kindheit das malerische Bodenseeörtchen Rorschach, welches auf der schweizerischen Seite des Schwäbischen Meeres liegt. Auch später machte ich in diesem schmucken Örtchen Halt, hin und wieder sogar in Sachen Hardcore und Emo, da in einem ortsansässigen alten Bahnhofsgebäude mit Seeblick öfters Konzerte stattfanden, u.a. ist mir bis heute eine unvergesslich intensive Gänsehaut-Show der großartigen Elliott in der Seele eingebrannt. Aber ich schweife ab…in meiner Jugend wunderte ich mich dann über diese US-Hardcore-Band, die sich offenbar nach diesem Örtchen in der Schweiz benannt hatte, so zumindest nahm ich das damals an. Bis ich irgendwo etwas über den Rorschach-Test las, einem von einem Schweizer entwickelten Testverfahren der psychologischen Diagnostik, welches das Ziel hat, die gesamte Persönlichkeit einer Person durch die Deutung von Klecksographien – sogenannten Faltbildern – zu erfassen. Ihr könnt euch unter Klecksographie nix vorstellen? Nun, im Prinzip hat jeder von euch schonmal eine Klecksographie erstellt. Und zwar immer dann, wenn man erkältet ist, dabei genüßlich ins Taschentuch rotzt und das Ding anschließend kurz auffaltet, um den suppigen Inhalt zu begutachten.

Und eine ebensolche Klecksographie ziert das 12inch-Cover des ersten Albums Rorschach der Münsteraner Band Notions. Der Test besteht übrigens aus insgesamt zehn solcher Bilder und die Aufgabe besteht darin, zu erkennen, was das Bild wohl darstellen könnte. Dabei darf es auch gedreht und gewendet werden, zudem gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Nun, nachdem man vom flaschengrünen Vinyl angestrahlt wird und den ersten Durchlauf mit dem Textblatt im handlichen Streifenformat in den Griffeln  begeistert aufgesogen und durchstöbert hat, bleibt bei den weiteren zehn Durchläufen also genügend Zeit, die Klecksographie von allen Seiten in Augenschein zu nehmen. Unendlich geil sind übrigens die vier T-Shirt-Schweißflecken-Klecksographien der Bandmitglieder. Vielleicht interessiert euch ja meine Interpretation: 1. Grimson Ghost, 2. Daisy und Donald Duck beim sich küssen, 3. Raucherlunge im Röntgenbild, 4. Lucy van Pelt von den Peanuts beim Stagediven. Na, habt ihr schon eure Analyse? Ach so, einen Download-Code findet ihr nicht in der Hülle, das Release ist nämlich auf Bandcamp zum Name Your Price-Download zu haben.

Im Gegensatz zur 2013er Debut-EP fällt auf, dass sich die Münsteraner auf Rorschach vom melodischen Hardcore-Punk-Sound der Anfangstage ganz verstohlen in Richtung Post-Hardcore, etwas Stop’N’Go-Noise und Screamo verbeugen. Klar, die melodische Hardcore-Punk-Kante kriecht trotzdem an manchen Stellen an die Oberfläche und ist auch permanent im Hintergrund präsent, aber insgesamt sind die neun Songs deutlich dissonanter ausgefallen. Mir gefällt dieses neue Element im Sound der vier Jungs, zudem bombt das Mastering der Tonmeisterei enorm (hört doch nur mal das kurz in den Vordergrund tretende Bassgeknödel bei Carry My Name). Und trotz der satten Produktion strotzen die Aufnahmen vor Spielfreude und haben obendrein reichlich emotionale Momente im Gepäck, welchen durch die bildhaften Texte und den leidend herausgepressten Vocals vom Sänger Leben eingehaucht wird. Geil kommt übrigens auch der deutsch gesungene Part bei Wires. Ich bitte hiermit die Band ganz offiziell, öfters was in diese Richtung zu machen. Pfiffiger Songaufbau, spannungssteigernd, abwechslungsreich, an den richtigen Stellen das Tempo etwas rausgenommen und ab und an aufs Gaspedal gedrückt, dazu noch ein wenig Rotz, Schmerz und Wut, den DIY-Spirit immer über allem schwebend, so und nicht anders! Stellt euch eine noisig groovende Mischung aus Deadverse, La Dispute und Touché Amore vor, denkt euch dabei einen stets keifenden Dennis Lyxzén dazu und addiert obendrein noch ein paar emotional abgehende Passagen á la None Left Standing, Frana oder Drive Like Jehu. Neben Dingleberry Records sind noch Shove Records, Summercide und Santa Diabla beteiligt. Ziemlich geile Platte, die ihr euch schleunigst mal zulegen solltet!

8.5/10

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A Hurricane’s Revenge – „Stumbling“ (Homebound Records)

Den ersten Durchlauf dieser CD gönnte ich mir am Morgen nach einem miefigen Neo-Crust-Konzert mit reichlich Öttinger-Bier und einer viel zu kurzen Nacht und einem ziemlich dicken Schädel. Erstaunlicherweise blieb einiges von der Mucke im Gehör hängen, obwohl ich noch extrem verkatert war und mir die Musik für meinen Geisteszustand zugegeben eigentlich etwas zu stressy war, zumal auch noch die Kinder ständig ihre Geschwisterkämpfe vor der Anlage austragen mussten. Das Ding lief dann trotzdem durch, weil ich zu faul war, zur Anlage zu gehen und die CD zu wechseln. Dass sich die Musik trotzdem im Gehör Zugang verschafft hat, merkte ich dann bei meinem zweiten Durchlauf, der ein paar Tage später im nüchternen Zustand erfolgte. Die vier Herren aus Trier sind nämlich ziemlich eingängig unterwegs und überzeugen mit mitreißenden Punkrock, der ab und an auch ein paar Hardcore- und Metal-Einflüsse vorweisen kann.

Nach zwei EP’s und dem Debutalbum Partially Ordered Relations folgt nun fünf Jahre nach dem Debut der Zweitling, der mit einer Spielzeit von 41 Minuten insgesamt zwölf Songs beinhaltet, die neben dem bereits erwähnten Ohrwurmpotential zudem noch schön abwechslungsreich und verdammt energiegeladen unterwegs sind. Wer die bisherigen Releases der Band schon auf dem Schirm hatte, wird sich auch mit der musikalischen Weiterentwicklung der Jungs anfreunden können. Wie schon erwähnt, sind die neuen Songs stellenweise härter ausgefallen, wie man es bisher von den Trierern gewohnt war, zudem merkt man, dass Abmischung und Technik im Jahr 2017 um einiges professioneller und ausgereifter klingen. Das bockt, das klingt schön druckvoll! Meiner Meinung nach steht der Band diese neue Seite außerordentlich gut zu Gesicht, auch wenn man in der Musik natürlich Parallelen zu Bands wie z.B. Hot Water Music, Brand New Unit oder neueren Boy Sets Fire ausmachen kann. Die Spielfreude, die man auf diesen Aufnahmen spürt, ist mal wieder ausschlaggebend, dass A Hurricane’s Revenge authentisch und sympathisch rüberkommen, so dass sich nach weiteren Hörrunden unweigerlich das Verlangen einstellt, die Band irgendwann demnächst mal live auf der Bühne zu sehen zu wollen.

Und jetzt wird es noch Zeit, diese Sache rumzutratschen, die ich eigentlich nur zum Besten geben kann, weil mich nach dem Stöbern in den lesenswerten Texten im CD-Booklet noch interessierte, was eigentlich im Pressewisch steht. Da erfährt man nämlich, dass Sänger Johannes seine kräftige Stimme u.a. mit Liveauftritten seines Soloprojekts Jawknee Music trainiert, mit welchem er bereits seit zwei Jahren quer durch Deutschlands Clubs tingelt. Könnt ihr ruhig auch mal antesten, wenn ihr schon dabei seid!

7.5/10

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