Bandsalat: Among Familiar Faces, AUA, Coriky, Deadly Habit, Hard Strike, Leitkegel, Owen, Pabst

Among Familiar Faces – „Blank“ (DIY) [Stream]
Auf Among Familiar Faces aus Wolfsburg bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen. Die aktuelle EP des Quintetts umfasst fünf Songs, die man zwischen den Pfeilern Melodic Hardcore, Post-Hardcore und Screamo einordnen kann. Sauber und emotive gespielte Gitarren treffen auf wuchtige Drums und leidend herausgekreischte Vocals, dabei steht die Melodie und das Drama im Vordergrund. Die Songarrangements sind jedenfalls passend aufeinander abgestimmt, hier wurde die Balance zwischen bitter, heftig und gefühlvoll gut getroffen. Die Vorbilder sind mit Bands wie Counterparts, More Than Life, Touché Amore und Landscape schnell zu verorten, Among Familiar Faces sind aber keine reine und herzlose Kopie dieser Bands. Dem Sound der Jungs merkt man das Herzblut, die Leidenschaft und die Spielfreude an, zudem suhlt man sich mit Haut und Haaren in Verzweiflung. Die Textinhalte strotzen nur so vor Verlustängsten, Auswegslosigkeit und anderen Themen aus der mentalen Befindlichkeit. Also, mir gefällt das ganz schön gut, Among Familiar Faces werde ich lieber mal im Auge behalten!


AUA – „I Don’t Want It Darker“ (Crazysane Records) [Stream]
Bei AUA handelt es sich um ein Duo, das sich aus zwei Mitgliedern der Instrumental-Band Radare zusammensetzt. Die acht Songs des Debutalbums gefallen mir ziemlich gut. Grob kann man das, was die zwei Jungs da machen, in Richtung Lo-Fi-Indietronic einordnen. Mal wabert eine Surf-Gitarre durch die Lüfte, mal kommen Synthies zum Einsatz, elektronische Beats, hypnotisch wirkende Loop–Sounds und andere Soundspielereien sind ebenfalls mit von der Partie. Dann ist da noch diese warme Stimme, die gleich so vertraut klingt. Hört euch mal nur den Song Coke Diet an, das ist doch ein richtig kleiner Hit! Und auch beim Rest kann man sich entspannt zurücklehnen und dem ausgetüftelten Sound des Duos lauschen und tief eintauchen. Auf Vinyl kommt das sicher nochmals einen Ticken intensiver um die Ecke. Wenn ihr neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so hört auch auf Zeugs wie Caribou, Air oder Autolux steht, dann lohnt es sich, AUA mal anzuchecken!


Coriky – „Selftitled“ (Dischord) [Stream]
Mit Coriky ist das in etwa so wie mit einem sehr guten Wein. Nach fünfjähriger Reifungszeit ist nun endlich der erwünschte Reifungsprozess abgeschlossen und das Debutalbum der Band aus Washington D.C. erschienen. Und weil reifer Wein nicht besser wird, sollte man mit dem Trinken nicht länger warten! Hört da also unbedingt rein, wenn ihr das nicht eh schon längst aus eigenen Stücken gemacht habt. Das Trio, das sich aus Ian MacKaye, Joe Lally und Amy Farina zusammensetzt, hat elf abwechslungsreiche Stücke eingespielt, die bei mir seit Tagen in Dauerrotation laufen und bereits jetzt andeuten, dass das Ding das Zeug zum Meilenstein hat. Dass alle drei gleichberechtigt singen, macht die Geschichte noch abwechslungsreicher. Die hypnotisch wirkende Rhythmus-Symbiose aus laid back gespielten Drums und faszinierenden Bassmelodien bildet das Grundgerüst, dazu kommen tolle Gitarren und natürlich die mehr als vertrauten Stimmen der Bandmitglieder, verkopfte Lyrics verstehen sich von selbst. Insgesamt gesehen, ist Coriky eine ruhige Angelegenheit, auch wenn hier und da mal ein paar Soundausbrüche zu vernehmen sind. Die Einflüsse aus Punk, Hardcore, Emo und Post-Hardcore sind schon noch am Rand wahrzunehmen, dennoch würde ich das hier musikalisch eher irgendwo zwischen Indie, Jazz und Rock einordnen. Könnte mir vorstellen, dass es ein aufwühlendes Erlebnis wäre, Coriky in einer schummrig beleuchteten Bar live zu erleben. Fans von Fugazi können hier blind zugreifen, wer auf Karate steht, liegt ebenfalls nicht falsch.


Deadly Habit – „The Rule Of Ignorance“ (DIY) [Stream]
Pfiffigen Hardcore-Punk gibt es von Deadly Habit aus Berlin auf die Ohren. Insgesamt drei Songs gibt es auf The Rule Of Ignorance zu hören. Und die machen echt mal Lust auf mehr. Obwohl die Band auch schon wieder sechs Jahre auf dem Buckel hat, bin ich erst neulich beim Bandcamp-Ausflug auf die Jungs gestoßen und eigentlich sofort hängen geblieben. Auf der einen Seite klingen die Songs schön melodisch, auf der anderen Seite geht es aber auch kämpferisch und mit erhobener Faust flott nach vorne. Da schwappt die Spielfreude direkt aus den Lautsprechern! Wer auf Bands wie Strike Anywhere, Good Riddance, Miozän oder Great Collapse steht, sollte hier unbedingt mal reinhören.


Hard Strike – „The Conflict“ (Backbite Records) [Name Your Price Download]
Die Geschichte von Hard Strike ist schnell erzählt: zwei langjährige Freunde, die bisher bei Bands wie z.B. Baffdecks, Bone Idles, Blank und Null Art spielten, gründeten im Jahr 2019 die Band Hard Strike, Standort Köln. Nachdem zwei Songs geschrieben waren, wurden weitere Freunde kontaktiert. So fand man mit einem weiteren Bandmitglied der Bone Idles einen Schlagzeuger, zudem konnte ein Basser aufgetrieben werden, der bisher bei Punch und I Recover tätig war/ist. Außerdem konnte als zweiter Gitarrist kein geringerer als Ken Olden (Battery, Damnation A.D., Better Than A Thousand) gewonnen werden. Diese vier ersten Songs legen jedenfalls schon mal mit ordentlich Power los, die Gitarren klingen beim Opener sehr nach Joe D. Foster (Killing Flame, Ignite, Speak 714). Die Aufnahmen sind schön rotzig gehalten und haben ordentlich wumms, dazu kommt ein Sänger der sich wie ein wild gewordener Köter im Mikrofon verbeißt, erinnert ein wenig an den Nerve Agents-Sänger auf deren ersten Sachen. Ja, so geht oldschool-HC! Der Sound klingt ebenso kämpferisch wie die Texte! Ich hab jetzt schon den Moshpit vor Augen, auch wenn das mit Sicherheit noch ein Weilchen dauern wird, bis man wieder auf Vollkontakt gehen kann! Bis dahin wird halt das Wohnzimmer zum Moshpit. Lautstärkepegel nach oben und die Bude zerlegen, das klappt mit Hard Strike hervorragend!


Leitkegel – „Bis zum Ende“ (lala Schallplatten) [Stream]
Da legen Leitkegel aber mal blitzschnell nach. Das Album Wir sind für Dich da erschien Ende des letzten Jahres, nun war die Band für ein Wochenende im Februar – noch vor dem ganzen Lockdown-Gedöns – in den lala und Echolux Studios, um diese drei Songs einzuspielen. Und ja, die Jungs halten das hohe Niveau des Albums, textlich wie musikalisch liegt alles im grünen Bereich. Beim Song Bis zum Ende wirkt dann auch noch der Sänger der Erfurter Band Cortamaro mit. Jedenfalls beweisen Leitkegel innerhalb von drei Songs, dass sie sowohl leise als auch krachig und natürlich auch sprachlich einiges zu bieten haben. Die EP erscheint erstmal nur digital, einseitig bespieltes Vinyl in Form einer 12inch soll im November nachgeschoben werden.


Owen – „The Avalanche“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Der perfekte Soundtrack für ein verregnetes Herbstwochenende mit Lockdown-Stimmung kommt dieses Mal von Mike Kinsella und dessen Soloprojekt Owen. Neun Songs haben den Weg auf ein Album geschafft, das vor Melancholie nur so überläuft. Kinsellas warme Stimme, verspielte Gitarren, kleinere Lo-Fi-Soundspielereien, trauriges Pianogeklimper, verträumte Glockenspiele und atmosphärisch eingesetzte Streicher werden eigentlich sehr harmonisch miteinander kombiniert. Bisher kam mir der Sound Owens weitaus sperriger vor, bei The Avalanche klingt alles insgesamt sehr viel flüssiger und offener als bei den bisherigen Releases. Neben der Musik sind es auch die Texte, die zur düsteren Trauerstimmung beitragen, hier werden schmerzvolle Gefühlsmomente -hervorgerufen durch eine zerbrochene Ehe – verarbeitet. Der traurige Höhepunkt wird dann mit dem Song Mom And Dad erreicht. Intimer kann es eigentlich kaum noch werden! The Avalanche ist meiner Meinung nach das bisher beste Owen-Release! Und ja, das Ding wird im Herbst sicher desöfteren laufen, das hier ist ein richtiges Kopfhörer-Album, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte!


Pabst – „Deuce Ex Machina (Ketchup Tracks) [Videos]
Letztes Jahr im Sommer kam ich erstmals mit der Band Pabst in Berührung. Das war auf dem kleinen aber feinen U&D-Obstwiesenfestival. Die Sonne blechte gnadenlos und eigentlich hätte man sich mit einem Kaltgetränk irgendwo in den Schatten setzen sollen, aber ab den ersten Klängen hatte Pabst die volle Aufmerksamkeit der kleinen Meute vor der Bühne. Mit grungig fetten Gitarren boten die drei Jungs ein überzeugendes Live-Set, das Debutalbum Chlorine konnte bei mir danach ebenfalls punkten. Nun also das zweite Album. Und das kann das Debut meiner Meinung nach nochmals toppen! Die coolsten Gitarrenriffs dieser Erde treffen auf Groove, hymnische Refrains stoßen auf fuzzy Wüstenrock, zwischendurch kommen leiernde Grunge-Gitarren zum Einsatz, poppig ist das Ding obendrein. Die Band hat ein gutes Gespür für stimmiges Songwriting, zudem hört man hier einfach raus, dass die Jungs von Spaß und Spielfreude angetrieben werden. Auch wenn die Bandmitglieder noch blutjung sind, schwingt in den Aufnahmen ein gewaltiger 90er-Vibe mit, zudem blinzeln bei manchen Songs die Hives um die Ecke, gerade in Bezug auf den Rock- und Arschtret-Faktor der Songs. Schlussendlich ist Deuce Ex Machina ein abwechslungsreiches Album mit elf Stücken geworden, die allesamt richtig gut ins Ohr gehen. Und wenn ich jetzt gerade an den schönen Sommertag auf dem Obstwiesenfestival zurückdenke, dann wäre ich gerne einer der Crowdsurfer und würde mir zu den Klängen von Ibuprofen taube Ohren holen!


 

Elm Tree Circle – „NO FOMO“ (KROD Records)

Versteht eigentlich noch irgend jemand die heutige Jugend? Man sorgt sich permanent, etwas vermeintlich wichtiges zu verpassen, dabei ist man ständig am Daddeln und vergeudet seine Zeit mit Social Media und Komaglotzen verwackelter Katzenvideos. Das im Netzjargon verwendete Akronym FOMO (Fear Of Missing Out) bezeichnet diese durch den Konsum sozialer Medien verursachte Angst, etwas zu verpassen. Elm Tree Circle lehnen sich also in ihrem Albumtitel NO FOMO bewusst ein wenig zurück und rufen in Slacker-Manier zur Entspannung auf.

Nehmt euch also gefälligst die Zeit und lasst euch während der Spielzeit von etwas knapp über einer halben Stunde nicht durch aufploppende Nachrichten ablenken. Das ist zu schaffen, ich glaube an euch! Schaltet euer bunt leuchtendes Display aus und betrachtet lieber das schlichte einfarbige Artwork der 12inch, die übrigens ebenso farblos reduziert mit durchsichtigem Vinyl punkten kann. Zwei küssende Menschen sind auf dem Cover zu sehen, dementsprechend geht es auch textlich sehr persönlich zu. Szenen aus dem alltäglichen Leben, Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und sentimentale Erinnerungen sind immer wiederkehrende Themen.

Schon beim Debutalbum der Band aus Iserlohn fiel mir auf, dass die Jungs eigentlich ziemlich amerikanisch klingen. Das ist auch auf dem zweiten Album des Trios so. Zudem sind die Jungs irgendwo im Pop-Punk und Emorock um die Jahrtausendwende herum hängen geblieben. Und das ist auch gut so! Kein überladener Schnick-Schnack, einfach nur handgemachte, ehrliche Musik. Beim Anhören der zehn Songs lassen sich Ähnlichkeiten mit Bands aus vergangenen Zeiten wie z.B. Blink 182 oder Placebo, aber auch aktuellere Bands wie Modern Baseball oder Real Friends erkennen. Die stets präsente Leadgitarre entpuppt sich übrigens als eine der größten Stärken der Band. Denn diese hat immer ein melodisches Riff am Start und entzückt durch melancholische Klänge und viel Abwechslung. Dazu gesellen sich natürlich eingängige Refrains, die sich schon nach wenigen Hörrunden tief in die Gehörgänge gebohrt haben. Der Sound klingt insgesamt sehr entspannt, ruhig und zurückgelehnt, Elm Tree Circle haben es sich im Midtempo gemütlich gemacht. Und gerade dieser Ruhepol macht den Reiz aus, sich auch selbst mal etwas zu entspannen und sich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren. Dennoch gibt es hin und wieder ein paar Ecken und Kanten zu entdecken: hört euch nur mal die dissonanten Akkorde von I Got It an, wunderbar! Wer auf Emo, Pop-Punk und gitarrenorientierten Indierock steht, sollte dieses Album unbedingt antesten. Ansonsten müsst ihr mit der Angst leben, etwas großartiges verpasst zu haben!

8/10

Facebook / Bandcamp / KROD Records


 

 

Amid The Old Wounds – „Vignette 7inch“ (time as a color)

Könnt ihr euch noch erinnern, was ihr während des Lockdowns im Frühjahr so alles gemacht habt? Also, ich war in dieser Zeit eher gelähmt und hab meine Zeit zum einen mit Komaglotzen von Videostreams verplempert, zum anderen hab ich meine nähere Umgebung zusammen mit den Kindern mit langen Spaziergängen erkundet und reichlich Bier verzehrt. Beim Versuch, mal wieder die Gitarre umzuschnallen und ein paar Riffs zu spielen, scheiterte ich kläglich und selbst das Schreiben geriet ein wenig in den Hintergrund. Glücklicherweise gibt es aber Leute, die diese Zeit sinnvoll genutzt haben. Es existieren ja etliche Belege dafür, dass der coronabedingte Lockdown richtige Kreativitätsschübe hervorgebracht hat. Einer dieser Belege ist diese 7inch!

Daniel Becker, den man von Bands wie Duct Hearts und Wishes On A Plane her kennt, schnappte sich während des Lockdowns mit ein paar Phrasen im Hinterkopf seine Gitarre und experimentierte mit ein paar Akkorden. Worte wurden hinzugefügt, Rhythmen in verschiedenen Varianten ausprobiert und plötzlich war da dieses Lied und die Idee einer Solo-Aufnahme. Vignette. Und wenn man das Endergebnis hört, dann stellen sich sofort die Nackenhärchen auf, sobald die Nadel die Rille streichelt. Es ist unglaublich, was für eine intensive Atmosphäre! Es sind eigentlich nur zwei Gitarren-Akkorde und diese warme, zerbrechliche Stimme zusammen mit den Worten, die das alles ausmachen. Ein Schlagzeug oder andere Begleitungen würden hier fehl am Platz sein. Vignette lebt von seiner unbändigen und losen Struktur und seinen unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen. Dem Song kommt auch zugute, dass er quasi live in einem Take aufgenommen wurde, damit klingt die Aufnahme noch melancholischer und durchdringender. Und auch die Bedeutung des vielseitig verwendbaren Begriffs Vignette lässt einige Interpretationen offen. Das Wort wird in verschiedenen Bereichen verwendet, so wird es u.a. in der Literatur, der Fotografie, der Malerei, als Buchschmuck, im Film und selbst im Straßenverkehr eingesetzt.  Aber kommen wir wieder zur Musik: auf der B-Seite wird rein akustisch weitergemacht, der Song Great Expectations hat auch so eine gewisse Weite. Man hat direkt endlose Landschaften im Mittleren Westen der USA vor Augen und Bands wie Elliott, Jimmy Eat World oder Christie Front Drive im Ohr. Mit Instant Stars kommt dann leider schon das Finale. Dass es sich hierbei um eine Demo-Version handelt, muss direkt betont werden. Denn der Song hat bereits eine Geschichte, die schon fast 16 Jahre zurückliegt und die irgendwann in Zukunft noch weiter ausgebaut werden soll, am liebsten mit Streichern.

Die 7inch ist über time as a color erschienen und macht auch rein optisch was her. Das schlichte Cover ist mit dem „Bandnamen“ besiebdruckt, die Texte sind in einer Art Obi-Strip gefaltet und können an der Seite eingesteckt werden. Es gibt zwei Vinyl-Farben (purpur und schwarz). Wer zu faul ist, die 7inch ständig zu drehen, kann auf Bandcamp auch vom Download Gebrauch machen. Jedem DIY-Emo-Fan lege ich nur nahe, dieses Release zu holen und damit auch die kreativen Köpfe zu unterstützen, die auch aus einer Krise das Beste machen und euch mit Musik versorgen, die absolut von Herzen kommt!

9/10

time as a color / Facebook / Bandcamp


 

BUG – „nunc finis“ (Rock Is Hell)

Seit über zwei Jahrzehnten ist die Innsbrucker Band im österreichischen DIY-Underground unterwegs, nunc finis ist mal eben die neunte Veröffentlichung der Tiroler. Albumtitel und Albumartwork kündigen bereits an, dass die Jungs es gern düster, schmutzig und schwarz haben. Nunc finis ist nämlich der lateinische Ausdruck für das Ende der Zeit. Und dementsprechend gibt es in knapp vierzig Minuten massig Endzeit-Stimmung auf die Ohren, musikalisch wie auch textlich. BUG reißen mal kurz ihren scheinheiligen Landsleuten den Tirolerhut von der Rübe und zertrampeln ihn mit schweren Stiefeln und Hochgenuß, zudem machen sie auf nunc finis auch ihrem Namen in hochdeutscher Bedeutung alle Ehre und hauen euch kräftig eine vor den Bug.

Bedrohlich zieht ein gewaltig groovendes Noise-Gewitter auf, die Endzeit war noch nie näher als jetzt! So viele Happy Pills kann man gar nicht fressen, um der Irrenanstalt Erde zu entfliehen! BUG setzen auf einen basslastigen, nervösen und etwas sperrigen Sound. Knackige, pumpende Drums und knarzende Basslines bilden die Grundlage, dazu kommen dunkel verzerrte Gitarren und leidende Massenmörder-Vocals mit Gurgeltendenz. Die Stimme und der Akzent erinnern mich ein bisschen an den Sänger der Young Gods. Nun, die Österreicher sind auf nunc finis sehr vielseitig unterwegs und haben sich eine ganz besondere Melange aus Noise, Sludge, Doom, Post-Hardcore, Punk, Metal und Freejazz zusammengebraut, die ganz schön nach 90’s klingt, natürlich im modernen Soundgewand.

Wie bereits erwähnt, handeln die mal in Englisch mal in Deutsch vorgetragenen Lyrics vom Wahnsinn, die Themen dafür werden auch in Zukunft kaum ausgehen. Der Blick fällt dabei auf rechte Verschwörungstheorien, Depressionen, Verlustängste, Kummer und Schmerz, die Abneigung gegen Rechts wird auch kundgetan. Die Produktion ist fett, die wenigen ruhigen Passagen glasklar. Fürs Mastering durfte mal wieder Brad Boatright/Audiosiege ran. Es ist eigentlich kaum möglich, die Vielseitigkeit der Band innerhalb eines oder zwei Songs zu erfassen. Am Ehesten würden sich dafür die Songs Lost Soul und Hass gegen Rechts eignen, aber besser wäre es, wenn ihr das Album in seiner Gesamtheit genießen würdet. Wenn ihr Zeugs wie Trigger Cut, Craving, Unsane oder Jesus Lizard mögt, dann könnte auch BUG was für euch sein!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: The Beautiful Mistake, Crossed, Entropy, Frail Hands, grace.will.fall, Nuvolascura, Réne Maheu, Son

The Beautiful Mistake – „You’re Not Broken. I Am“ (Disconnect Disconnect Records) [Stream]
Mehr oder weniger zufällig bin ich beim Bandcamp-Surfen über das Ding hier gestolpert. Wie bitte? The Beautiful Mistake, die Band die um Anfang bis Mitte der Nuller aktiv war und einige Post-Hardcore-Meilensteine wie z.B. das sagenhafte Light A Match, For I Deserve To Burn veröffentlicht haben, ist wieder aktiv. Von der Reunion, die im Jahr 2018 stattfand, hab ich jedenfalls nix mitbekommen. Dass sie in der Zwischenzeit ihre Fähigkeiten nicht verloren haben, liegt wohl auch daran, dass die Jungs über all die Jahre in verschiedenen anderen Bands aktiv waren. Jedenfalls dürften die fünf Songs allen Fans gefallen, die die Band auch damals schon gut fanden, einige neue werden ebenfalls dazukommen. Denn die Band aus San Diego hat ein Händchen für ausgeklügelt arrangierte Songstrukturen und emotionale Melodien. Die Songs machen durchaus neugierig, was The Beautiful Mistake in Zukunft noch bringen wird. Wer auf Zeugs wie Underoath, Silverstein oder neuere Snapcase kann, wird auch das hier lieben! Sehr schönes Comeback!


Crossed – „Barely Buried Love“ (Dingleberry Records u.a.) [Name Your Price Records]
Bei der spanischen Band Crossed prügeln sich Leute von Boneflower, Descubriendo A Mr. Mime und Eros + Massacre durch eine düstere Mischung aus Crust, Screamo, chaotischem Hardcore und Blackmetal. Der mächtige Sound walzt ordentlich, die Soundkulisse wirkt dystopisch, apokalyptisch und bedrohlich, da hat man natürlich Bands wie Converge, New Day Rising, His Hero Is Gone oder Majority Rule im Gehör. Brutal und gnadenlos klingen die messerscharfen Gitarren, dazu wildes Geballer und dreckige Vocals, die zwischen dunklen Screams und heiseren Massenmördergekreische pendeln. Das Album ist übrigens in Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, Mise-En-Scène Records, The Braves Records, Fireflies Fall, Kill Vinyl Records, Tirano Intergaláctico, Violence In The Veins, Zegema Beach Records und Bent Nail Collective erschienen. Diese 13 Songs knacken Dir innerhalb von 25 Minuten Spielzeit mal kurz die Schädeldecke!


Entropy – „Liminal“ (Crazysane Records) [Stream]
Bei Entropy handelt es sich um eine im Jahr 2016 gegründete Band aus Hamburg, die sich aus Leuten der Bands The Now-Denial, Night Slug, Hillside und EA80 zusammensetzt. Liminal ist das Debut-Album der Band. Und das Ding dürfte alle begeistern, die wie eine gut erhaltene Moorleiche im nostalgischen 90’s-Emo/Post-Hardcore/Grunge/Indie/Shoegaze-Sumpf gefangen sind. Wuchtige Gitarrenriffs treffen auf Melodie, dazu gesellt sich ein druckvolles Gerüst aus Drums und Bass. Leidenschaftlicher Gesang und tolle Melodien, die sich tief in die Gehörgänge einnisten, runden das Ganze ab. Bereits beim ersten Durchlauf weiß man, dass hier noch etliche weitere folgen werden. Mir geht es jedenfalls so, das Album macht echt süchtig! Und immer wieder gelingt es der Band, mit einem saftigen Gitarrenriff um die Ecke zu kommen und gleichzeitig eine Melancholie und tonnenstarke Schwere zu erzeugen! Bittersüß! Die gewisse Schwere lässt sich auch in den persönlichen Texten finden, hier geht es um den Umgang mit Ängsten und Depressionen, um innere Konflikte und Zerrissenheit, jedoch schwingt auch immer ein hoffnungsvoller Unterton mit. Liminalität ist ja ein Begriff, der einen Schwellenzustand beschreibt, vergleichbar mit einer Coming-of-Age-Phase. Liminal als Albumtitel passt also wie die Faust aufs Auge sowohl für die Texte als auch für den schwerelosen und schwebenden Sound der Band. Und jetzt aber schnell, hört euch das Ding im Stream an und haltet nach dem Vinyl Ausschau, denn Liminal hat das Zeug zum Meilenstein!


Frail Hands – „parted​/​departed​/​apart“ (Twelve Gauge Records) [Stream]
Die Band Frail Hands aus Neuschottland ist mir noch sehr gut mit ihrer Split mit der Band Ghost Spirit im Gedächtnis geblieben. Auf dieser Veröffentlichung sang bzw. schrie noch Sängerin Dawn Almeda, die aber leider mit der Zeit Stimmprobleme bekam und aufhören musste, so dass Frail Hands fortan zum Quartett schrumpfte. Dennoch steurte sie einen Großteil der Lyrics bei. Jedenfalls funktioniert die Musik trotzdem. In einer Spielzeit von zwanzig Minuten werden zehn Songs präsentiert, die durchschnittlichen Songlängen liegen also bei zwei Minuten. In zwei Minuten bringen die Jungs jedoch so viel Elemente rein, wie so manch eine andere Band innerhalb einer Zeitspanne von 15 Minuten. Unglaublich, was da alles passiert, zudem klingt der Sound nach wie vor nach purer Verzweiflung und intensivem Gefühlschaos. Da mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden an den Knöpfchen drehte, ist der Sound dazu noch satt. Einordnen kann man das ganze irgendwo zwischen emotive Screamo und Post-Hardcore. Wenn ihr auf Zeugs wie Kidcrash oder Loma Prieta könnt, dann bitte hier entlang!


grace.will.fall – „Barren By Design“ (midsummer records) [Stream]
Seit dem letzten Album der Band aus Jönköping/Schweden sind sechs Jahre verstrichen, Barren By Design ist das mittlerweile vierte Album der Jungs. Achtzehn Jährchen hat die Band nun schon auf dem Buckel, dennoch klingen die Schweden wie ein frischer Wirbelwind. Dass dies so ist, liegt womöglich daran, dass Barren By Design ohne Zuhilfenahme von Computern komplett analog erstellt wurde. Und irgendwie spürt man auf diesem Release die unbändige Spielfreude der Jungs mehr als deutlich. Das erinnert mich daher natürlich umso mehr an die goldene Zeit des skandinavischen Hardcores mit Bands wie beispielsweise Refused, Abhinanda, 59 Times The Pain, Section 8 oder auch Raised Fist. grace.will.fall fügen ihrem Hardcoresound einen enormen Rock’n’Roll-Anteil hinzu und verschmelzen zu einer perfekten Symbiose aus schnellem, melodischem Oldschool-Hardcore, chaotischem Hardcore-Punk und Rock’n’Roll, grooven dazu ordentlich und der Mosh-Anteil darf natürlich auch nicht fehlen. Insgesamt elf Songs werden innerhalb einer 37-minütigen Spielzeit runtergezockt. Und immer wieder überraschen die Gitarren mit einem gewitzten Riff! Auch wenn die Grundstimmung etwas düster ist, ist grace.will.fall mit Barren By Design ein tolles Album gelungen, das ihr euch wirklich mal anhören solltet, wenn ihr Bands wie die oben genannten mögt und auch dem Sound von Converge oder frühen Evergreen Terrace was abgewinnen könnt. Zudem gefällt mir das Albumartwork dieses Mal sehr viel besser als beim letzten Album No Rush!


Nuvolascura – „As We Suffer From Memory and Imagination“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Wie auch schon auf dem Debutalbum wirbeln Nuvolascura auch auf ihrem zweiten Album ordentlich Staub auf und zünden ein Feuerwerk der Verzweiflung. Hier habt ihr ein ganzes Spektrum an Eindrücken, es herrscht wildes Chaos, hibbelige Nervosität, Verzweiflung, Katharsis, die pure Angst, jede Menge Blastbeats, alles verpackt in technisch komplizierte Gitarrenriffs und vertracktes Drumming und natürlich dieses herzzerreißende Gekeife von Sängerin Erica. Zwischendurch gibt’s immer wieder Interludes, um ein wenig zu verschnaufen und noch mehr Spannung aufzubauen. An den Knöpfchen gedreht hat mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden. Screamo-Fans werden das Ding lieben!


René Maheu – „Mor“ (DIY) [Stream]
Geilen, crustig angehauchten emotive Screamo gibt es von dieser Band aus der Ukraine auf die Ohren. Die sechsköpfige Band hat auch eine Violine mit an Bord, was hervorragend passt und auch nicht gerade ein übliches Instrument für diese Art Musik ist. Klar, mir fallen natürlich ein paar Bands ein, die dieses Instrument oder ein Cello ebenfalls gut in ihren Sound einbauten, z.B. wären da Cwill, ABC Diabolo und Факел. René Maheu ist jedenfalls mit Mor ein intensives Album gelungen, die sieben Songs reißen mit, egal ob gerade draufgebolzt wird oder es auch mal ein bisschen ruhiger wird. Checkt das mal an, klingt super!


Son – „A Storm Of Soap And Other Things“ (DIY) [Stream]
Wer freut sich von euch eigentlich auf den Herbst? Wer jetzt gleich begeistert mit dem Finger schnippt, dem sei die griechische Band Son empfohlen. Emocore Midwest oder Midwest Emocore? Midwest, viel Melancholie und ganz klar Emocore! Ich find es einfach nur traumhaft, was die Jungs auf ihrem Debut da auf die Beine gestellt haben. Mannometer, die Band nahm bereits im Jahr 2005 ihren Anfang und erst im Jahr 2017 wuchs das Tüftel-Duo, das über die Jahre zu zweit rumgespielt und experimentiert hat, zum Quartett. Eigentlich auch schon wieder geil, oder? Jedenfalls sind dabei acht Songs rausgekommen, die mich absolut fesseln können. Ich kann’s mir echt vorstellen, wie die zwei Knalltüten über all die Jahre etwas bekifft im abgedunkelten Zimmer gesessen haben und plötzlich wie von Geisterhand diese hochmelancholischen Klänge aus der Gitarre hervorgekrochen kamen und dazu eine hymnische Melodie gesummt wurde. Da musste einfach was draus gemacht werden! Eher im ruhigeren Bereich verortet entwickelt sich in der Endversion der Songs eine ausgeprägte Dichte, dazu kommt diese laid back und fast im Jazz beheimatete Verpieltheit dazu. Ich bin verliebt! Müsst ihr unbedingt anchecken!


 

 

Tvivler – „EGO“ (Negativ Psykologi Records)

Nach der sagenhaften 7inch-Trilogie Negativ Psykologi hat die Band Tvivler aus Kopenhagen endlich ihr Debutalbum am Start. Wer die 7inches bereits kennt, wird diesem Album ebenso entgegengefiebert haben wie ich. Allen anderen sei empfohlen, EGO auf der Stelle anzutesten und ein wenig Zeit mitzubringen. Denn die werdet ihr für die zahlreichen zukünftigen Hörrunden brauchen!

Aber nochmals für alle kurz zusammengefasst: Tvivler setzt sich aus Mitgliedern der Bands Lack, Children Of Fall sowie Town Portal und Obstacles zusammen und machen eine nervöse Mischung aus Post-Hardcore, Screamo, Emocore, Stop And Go Hardcore/Punk und etwas Noise. Der Sound klingt teilweise, als ob er einem Irrenanstalt-Horrorfilm entsprungen wäre, diesmal haben die Dänen bei zwei Songs sogar noch ein abgedrehtes Freejazz-Saxophone mit an Bord. Insgesamt gibt es 15 Songs in knapp 40 Minuten zu hören. Und ich verspreche, dass es nicht langweilig werden wird, denn Tvivler strotzen nur so vor songwriterischem Ideenreichtum und gehen ihren Sound sehr abwechslungsreich an.

Mal ist es vertrackt und noisig, dann gibt es knallharten und schnellen Hardcorepunk auf die Mütze, selbst sphärische Klänge und experimentelle Momente sind mit eingebaut. Natürlich wird durch den Gesang ein Sammelsurium purer Emotionen dargeboten, wer die dänischen Texte nicht versteht kann auf Bandcamp die englische Übersetzung nachlesen. Die Gitarren zaubern hervorragende Gitarrenriffs aus dem Ärmel, der Bass knödelt eigenwillig vor sich hin, dazu kommt ein Drummer, der von vertrackt bis heftig und spannungsaufbauend sehr vielseitig unterwegs ist. Die Band ist übrigens ihrem Artwork-Stil mit der Vorliebe für geometrische Formen treu geblieben, diesmal ist ein Polygon zu sehen, in welchem weitere Formen für optische Täuschungen sorgen. Allein das Artwork reizt mich, das Album irgendwie auf Vinyl zu beschaffen! Meiner Meinung nach ist Tvivler mit EGO ein ganz großes Meisterwerk gelungen!

9/10

Bandcamp / Facebook


 

Bandsalat: Boneflower, Dispeller, Ich bin Vbik, Jeff Rosenstock, Kid Dad, L’Oceano Sopra, Stereolith, Stormlight

Boneflower – „Armour“ (Dog Knights Productions) [Name Your Price Download]
Die meisten von euch werden das neue Album der Band aus Madrid eh schon lange auf dem Schirm und vor allem liebgewonnen haben, aber es gibt ja immer wieder mal Leute, denen irgendwas durch die Lappen geht. Die bisherigen Veröffentlichungen des Trios feierte ich jedenfalls gnadenlos ab, bei Armour fällt mir das ebenfalls nicht schwer. Knapp 31 Minuten dauert das zweite Album der Spanier. Und in dieser Zeit gibt es einiges an Eindrücken zu verarbeiten, vom intensiven Emo zu leidendem Screamo und ausgeklügelten Post-Hardcore kann man einfach nicht perfekter hin und herschlendern, dazu besticht das Ganze durch einen satten Sound, der an den lauten Stellen fett und an den leisen Stellen glasklar rüberkommt. Chaos, Herz, Schönheit, Schmerz, Melodie und Drama, was will man mehr? Und ja, das hier sollte man keinesfalls verpassen!


Dispeller – „YT​/​OEOM“ (DIY) [Stream]
Es sind zwar nur zwei Songs, die Dispeller aus Darmstadt auf ihrer mittlerweile zweiten Studio-EP in Eigenregie veröffentlicht haben, aber als Appetitanreger für weitere Releases eignen sich diese bestens. Die fünf Jungs haben sich irgendwo zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und etwas Metalcore eingenistet. Trotz des schön nach vorne gehenden Tempos und der größtenteils gescreamten Vocals bleibt es immer schön melodisch, der Groove kommt auch nicht zu kurz, die Produktion passt auch. Man merkt dem Sound an, dass er mit viel Herzblut und Leidenschaft vorgetragen wird. Die zwei Songs begleiten Dispeller schon längere Zeit, so dass der Wunsch, sie endlich einmal zu veröffentlichen absolut nachvollziehbar ist. Leider konnte die Band wie so viele andere die dazu geplante Tour aufgrund der Corona-Krise bisher noch nicht antreten. Sobald das wieder möglich wird, bin ich mir sicher, dass dann die Band mit doppeltem Einsatz am Start ist! Hört da mal rein!


Ich bin Vbik – „Im Rauschen sind wir eins“ (DIY) [Video]
Im Vergleich zum 2018er-Debutalbum kommt das Artwork zur neuen EP des Quintetts aus Koblenz viel farbenfroher daher und auch beim Sound kann man leichte Veränderungen zum Album ausmachen. Zum einen ist da die sehr viel bessere und sattere Soundqualität, zum anderen klingen die fünf Songs insgesamt etwas zahmer, was wahrscheinlich am für meinen Geschmack etwas zu glatten Mastering liegt. Krachige Soundausbrüche gibt es trotzdem noch genügend. Spannend wird es, wenn wie bei Aus der Schuttablage ruhige und fast schon verträumte Passagen mit groovigem Bass/Schlagzeugzusammenspiel und eben diesen krachigen Soundausbrüchen kombiniert werden. Wie auch schon beim Debutalbum überzeugen die nachdenklichen deutschen Texte, die abwechselnd mit Klargesang und gequälten Schreien vorgetragen werden und dem ganzen noch die nötige Portion Melancholie mitgeben. Die Songs sind allesamt vielschichtig aufgebaut, bei Songlängen über der vier-Minuten-Marke bleibt ja auch ein bisschen Zeit, zudem soll es ja auch nicht langweilig werden. Zwischen Post-Hardcore, Post-Rock und Screamo passen auch immer noch ein paar Emo-Passagen, selbst rockige Stoner-Riffs sind an Bord (Aus den Fieberträumen).


Jeff Rosenstock – „No Dream“ (Specialist Subject Records) [Stream]
Ex-Bomb The Music Industry!-Bandleader Jeff Rosenstock kommt während der Corona-Pandemie quasi ohne Vorwarnung mit seinem mittlerweile vierten Album um die Ecke. Der umtriebige Kerl haut echt einen Hammer nach dem anderen raus, es ist echt der Wahnsinn. Und auch No Dream ist ein weiteres Album mit unsagbar guter Musik geworden, der Fan-Zuwachs wird damit bestimmt noch um einiges steigen. Der poppige Punkrock geht sofort ins Ohr und strahlt eine quicklebendige Frische aus. Es ist eine wahre Freude, die Leidenschaft und die unbändige Spielfreude springt förmlich aus den Lautsprechern entgegen. Wenn man während des Hörens vom Opener No Time einen Kaugummi im Mund hätte, dann wäre der sofort ausgekaut, so schnell wie man darauf rumkauen würde! Von diesem Kaliber gibt es noch mehrere Songs, immerhin bringt es das Album auf eine Spielzeit von 40 Minuten. Aber auch die Ohrwurm-Melodien kommen niemals zu kurz, an manchen Stellen hat man Weezer im Ohr, an anderen wiederum geht es ganz schön derbe zur Sache. Songs wie das melancholische The Beauty Of Breathing oder das fuzzige Scram! bleiben direkt im Ohr kleben, womit wir wieder beim vielseitig einsetzbaren Kaugummi angekommen wären. Großes Erstaunen gibt es beim Titel-Song, der mit warmen Indie-Rock-Klängen eröffnet und die Wave-Vibes völlig unerwartet in ein Hardcore-Pogo-Punk-Massaker übergehen. Schön oldschoolig, dissonant aber dennoch catchy as fuck! Geil! Insgesamt 13 Songs gibt es auf No Dream zu hören, fürs Mastern war übrigens The Almighty Jack Shirley zuständig, die Aufnahme klingt somit entsprechend lebendig, knackig und roh. Geile Sache!


Kid Dad – „In A Box“ (Long Branch Records) [Stream]
So sieht man sich wieder: mit Kid Dad aus Paderborn kam ich erstmals im Jahr 2017 im Vorprogramm von Samiam in Berührung. Nun hat das Quartett also sein Debutalbum am Start. Und das ist richtig, richtig toll geworden! Wenn ihr auf melodischen, abwechslungsreichen und pfiffigen Grunge/Emo/Indie mit satter 90er-Kante steht, dann müsst ihr hier unbedingt mal reinhören. Die musikalischen Vorbilder liegen bei Bands wie besipielsweise Pixies, Nirvana, Weezer, Thrice, den Get Up Kids, HRVRD oder Blackmail. Wie man anhand dieser Referenzbands erkennen kann, wird im Sound von Kid Dad ein weites Spektrum abgedeckt. Da entdeckt man Grunge, Emo, Indie, Alternative-Rock, Pop-Punk und gar Post-Hardcore, zusammengebraut klingt das schön eigenständig. Und genau das ist es, was das Ganze so abwechslungsreich macht. Und natürlich tragen geile Gitarrenriffs, eingängige Melodien und perfekte Songarrangements dazu bei, dass das Album so gelungen ist. Zudem legt die Band eine mitreißende Spielfreude an den Tag, hier hört man den Spaß und die Freude deutlich raus. Ach ja, die Melancholie kommt auch nicht zu kurz, dazu kommen authentische Lyrics, die die musikalische Dramatik noch zusätzlich unterstreichen. Das Ding kann man wirklich in Dauerrotation hören, ohne dass es langweilig wird! Zudem sind hier nur Hits drauf, wenn ich mich für einen einzigen Anspieltipp entscheiden müsste, dann wäre das (I Wish I Was) On Fire, aber ich empfehle, In A Box in seiner Gesamtheit zu genießen und sich am besten eine Weile lang mit dem Ding in Isolation zu begeben!


L’Oceano Sopra – „Kéreon“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Mailand kommt die im Jahr 2015 gegründete Band L’Oceano Sopra, Kéreon ist die zweite EP der Italiener. Die vier Jungs fahren ein hardcorelastiges Screamo-Brett auf, das ordentlich Wut, Schmerz und Power mit an Bord hat, zwischendurch werden aber auch mal ein paar Math-Core-Elemente und chaotische Sequenzen eingebaut. Mit Songlängen über der vier-Minuten-Marke bis hin zu über sechs Minuten muss man sich ja auch was einfallen lassen, um der Langeweile zu entkommen. Und das gelingt den Italienern ganz gut: da wird mal gescreamt, mal verzweifelt gesprochen (alles in der Landessprache), mal wird der Knüppel aus dem Sack gelassen und mal das Tempo etwas runtergefahren, mal regiert das Chaos und vereinzelt entdeckt man sogar unterschwellige Melodien. Die Jungs nennen Metalcore-Einflüsse wie Converge und Shai Hulud auf der einen Seite, auf der anderen werden auch Bands wie Envy oder La Dispute genannt. Hört man das Ergebnis, dann kommt man zum Entschluss, dass sie die Sound-Merkmale der genannten Bands eigentlich ganz gut unter einen Hut bekommen haben.


Stereolith – „Escape Velocity“ (Barhill Records) [Stream]
Beim Anblick des Artworks der Digipack-CD musste ich erstmal schmunzeln: Auf Front- und Backcover und auch im aufklappbaren Innenteil sieht man abhebende Flugzeuge, meterhohe Verstärker-Türme, einen ausgebrochenen Vulkan und die Silhouette einer leicht bekleideten Dame, das Frontcover ist zusätzlich noch mit den vier Mitgliedern der Band versehen worden, die laut der Fotografie im Innenteil nach zu urteilen aus schon etwas älteren Herrschaften zu bestehen scheint. Ach ja, ganz versteckt wurde auch noch die physikalische Formel der Fluchtgeschwindigkeit aufgeschrieben, dieser versucht man ja laut Albumtitel zu entkommen. Nun, Stereolith sind wohl bereits seit 2013 unterwegs und machen auf ihrem Debutalbum staubigen Wüstenrock, der mit einem Schuss Punkrock, etwas Grunge und fettem Stoner-Metal gewürzt ist. Dass dabei natürlich auch hohe Verstärker-Türme ganz nützlich sein können, wird ja bereits im Coverartwork doppelt unterstrichen. Und die sieben Songs wirbeln tatsächlich ordentlich Wüstenstaub auf, der Sound kommt schön satt und druckvoll aus den Lautsprechern, für die Produktion ist übrigens Kurt Ebelhäuser eingesprungen. Was mir an den Songs ganz gut gefällt, ist der melodische Anteil mit catchy Gitarrenriffs und eingängigen Refrains, was eher ein bisschen in die Punkrichtung geht, während bei den Midtempo-Songs der Groove regiert. Da kommen natürlich auf der einen Seite Bands wie Kyuss, Queens Of The Stone Age oder Fu Manchu in den Sinn, andererseits hat man auch so Sachen wie die Foo Fighters, The Hellacopters oder so Zeugs wie Oh No Not Stereo (kann sich noch jemand an den Song One More Thing I Love erinnern? So gut!) im Ohr. Also, mir gefällt’s, auch wenn das jetzt nicht die Sorte Musik ist, für die ich mein letztes Hemd hergeben würde. Hört da ruhig mal rein, Common Cause oder Chain Right empfehle ich mal als Anspieltipps.


Stormlight – „Natoma“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Meine Fresse! Stormlight zaubern mir mit ihrem Debutalbum ein fettes Grinsen in selbige! Man wird von dem Album direkt überfahren, elf Songs in 26 Minuten, eine intensive und emotionale Reise ist das. Aber von vorn: bei Stormlight wirken Sean Leary (Loma Prieta, Beau Navire, Elle) und Erik Anderson (Lord Snow, Lautrec) mit. Während Sean die Gitarren, Bass und Vocals beigesteuert hat, ist Erik für die unglaublich tight gespielten Drums verantwortlich. Der pure Wahnsinn! Gemastert hat das Ganze Jack Shirley/Atomic Garden, so dass alles schön druckvoll, rau und satt klingt. Jedenfalls werden am Sound der Jungs Fans der oben genannten Bands ihre wahre Freude haben. Man kann schon vereinzelt Parallelen erkennen, dennoch gehen Stormlight ihren eigenen Weg. Zwischen all das Chaos passen nämlich auch immer wieder mal melodische Einschübe, zudem strotzen die Aufnahmen vor bittersüßer Melancholie, gerade die Gitarren zaubern die ein oder andere Gänsehaut. Ein absoluter Leckerbissen für Screamo-Fans!


 

 

ZilpZalp & Probably Not – „Split 12inch“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Beim Betrachten des in Pinktönen gestalteten Albumcovers hatte ich ein kleines Déjà-vu-Erlebnis, irgendwie erinnert mich das Blümchen und die Schrift ganz entfernt an das Violator-Album von Depeche Mode. Ihr wisst schon, das war das erfolgreiche 90-er-Album der britischen Band, auf dem sie auch erstmals rockige Gitarren in ihren Synthie-Pop eingebaut haben. Nun, die beiden Bands ZilpZalp und Probably Not gehen musikalisch jedoch in eine ganz andere Richtung, hier werden Screamo, Emo und Post-Hardcore liebende Menschen voll auf ihre Kosten kommen, zudem werden DIY-Vinyl-Fans leuchtende Äuglein bekommen. Das weiß marmorierte Vinyl mit den pinken Sprenkeln erinnert irgendwie an eine leckere Erdbeercreme. Ein Textblatt ist übrigens auch enthalten, hier gefällt mir das gemeinsame Gruppenfoto der Bandmitglieder beider Bands, das unterstreicht auch nochmals das Gemeinschaftsgefühl. Am Split-Release sind übrigens die Labels Tanz auf Ruinen Records, Smart and Confused Records, Entes Anomicos, Schädelbruch Platten, Sunsetter Records, Callous Records, Vollmer Industries und Trace in Maze Records beteiligt.

ZilpZalp kommen aus Dortmund und entgegen dem gleichnamigen putzigen Singvögelchen macht das Quartett einen ordentlichen Krach. Die A-Seite trägt den Titel Unter dem Eis und besteht aus sieben Songs, die auch als EP angesehen werden können. Es sind zwar nur knapp fünfzehn Minuten Spielzeit, aber die haben’s absolut in sich! Die Jungs machen ziemlich punklastigen, deutschsprachigen Screamo, der auch mal einen Gang runterfährt und ein paar Emocore-Einflüsse mit an Bord hat. Der Sound steckt voller Intensität, ein ganzer Wall an Gefühlen trifft Dich mit voller Wucht! Schmerz, Verzweiflung, Wut, Resignation und pures Leiden! Das vernimmt man den gefühlvoll gespielten Gitarren, die mit so manch verzückendem Riff um die Ecke kommen. Natürlich schrammeln die Gitarren auch ordentlich, der Schlagzeuger hat ebenso einige Rhythmuswechsel zu bewältigen, der Bass poltert bedrohlich und der Gesang bewegt sich zwischen heiserem Geschrei, resigniertem Sprechgesang und wimmerndem Geheul. Dazu passen natürlich die nachdenklich machenden Texte. Die raue Produktion weiß ebenfalls zu gefallen, schließt man die Augen, dann meint man, direkt im Proberaum zu stehen und den modrigen Kellergeruch in der Nase zu haben. Fans von Bands wie Yage, Manku Kapak, Kishote oder Masada können hier blind zugreifen!

Probably Not sind in Exeter, England beheimatet und machen eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Emocore und Screamo. Bereits die Debut-EP des Trios gefiel mir außerordentlich gut. Diese Aufnahmen, die auf der B-Seite zu hören sind, schlagen in die gleiche Kerbe. Unter dem Titel Under The Skin werden zehn Songs in knapp zwanzig Minuten Spielzeit präsentiert, das hat schon fast einen gewissen Album-Charakter. Obwohl es hier nicht ganz so rasant wie bei den Kollegen von ZilpZalp zugeht, haben die Songs ordentlich Pfeffer im Arsch, selbst wenn der Sound zurückgefahren wird. Die Band schafft es mit wenigen Mitteln, Spannung aufzubauen, dennoch sind die Songs sehr vielseitig aufgebaut, so dass es verdammt abwechslungsreich bleibt. Der Sound geht buchstäblich unter die Haut! Das Wechselspiel aus laut/leise, ruhig/nervös, vertrackten, fast schon verkopften Parts und eingängigen Passagen ergibt letzlich ein schlüssiges Gesamtbild, zudem weiß die zwar raue aber gut abgemischte Soundqualität zu überzeugen. Die Aufnahmen strotzen jedenfalls vor Lebendigkeit. Mir gefällt die etwas helle Schreistimme, die sich geschlechtsmäßig nicht richtig einordnen lässt und sich dabei tief in die Gehörgänge bohrt. Hier wird gelitten, was das Zeug hält, der Sound strotzt vor Melancholie. Die in sich gekehrten Texte voller Ängste und Unsicherheiten unterstreichen dieses emotionale Grundgerüst noch doppelt, so dass sich an manchen Stellen unweigerlich die Nackenhärchen erheben. So zerbrechlich und doch so stark! So lässt sich abschließend eigentlich nur zusammenfassen, dass dieses Split-Release ein sehr gelungenes ist und die zwei Bands sich dabei gar nicht mal so unähnlich sind, und ich spreche jetzt nicht alleine von den ähnlichen Titeln der beiden Vinylseiten! Checkt das unbedingt an!

9/10

Bandcamp / Tanz auf Ruinen Records


 

Shakers – „I Need You To Know“ (Konglomerat Kollektiv) [Name Your Price Download]

Nach der sagenhaften La Petite Mort/Little Death-12inch, die dank der doofen Corona-Krise und den dadurch fehlenden Distro-Kisten leider immer noch nicht meiner bescheidenen Plattensammlung beiwohnen darf, haut das ziemlich neue DIY-Label Konglomerat Kollektiv die zweite Hammer-Veröffentlichung in Folge raus, in Zusammenarbeit der Labels I.Corrupt.Records, La Agonia de Vivir, Saltamarges, La Soja und Unlock Yourself Records! Und irgendwie hab ich gerade das Gefühl, dass hier ein neues DIY-Label mit ganz viel Liebe und Herzblut am heranwachsen ist! Shakers? Aber Hallo! Die vier Songs der Debut-7inch der Wiesbadener Band, die über mein geliebtes Herzlabel lifeisafunnything erschien, brauchten ürigens drei Jahre, bis sie auf Vinyl gepresst wurden. Ich als alter Spinnebeinzähler kann mich täuschen, aber irgendwie hab ich im Hinterkopf, dass die Band damals in der Besprechungsanfrage versprach, dass die nächste Veröffentlichung nicht allzulange auf sich warten lassen würde. Naja, drei Jahre ist das jetzt her, ist ja eigentlich schon noch so halbwegs just in time, vielleicht arbeiten die Jungs auf einen konstanten 3-er-Veröffentlichungsrhythmus hin.

Und wenn das Ergebnis diese elf Songs sind, dann hat sich das Warten absolut gelohnt! Wie kann man jemandem beschreiben, was auf diesem Album passieren wird? Nun, es hat viel mit Gefühl, intensiver Spielfreude und menschlichem Gespür für ausgeklügelte und stimmige Songstrukturen zu tun, das werdet ihr alle schon nach ein paar Minuten des Hörens merken. Dass die Wiesbadener sicher einige Touché Amoré, Loma Prieta, Comadre oder frühe Pianos Become The Teeth-Platten im Schrank stehen haben, lässt sich wohl kaum bestreiten. Dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier nur kopiert wurde. Denn Shakers reichern ihren screamolastigen Sound mit etlichen Stilelementen aus Post-Hardcore, Punk, Shoegaze und etwas Post-Rock an, zudem strotzt der Sound vor Energie und Intensität.

Wuselige Drums, knarzende Bass-Lines und locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarren bilden die Grundlage, dazu kommen schmerzerfüllte und leidende Vocals, auch die Texte mit persönlicher Note wissen zu überzeugen. Es brodelt an allen Ecken und Enden, permanent wird Spannung erzeugt, die sich in einem lauten Knall entlädt. Wunderschön gelungen sind auch die immer wieder unerwarteten Wendungen, die das Ganze noch spannender machen. Und bei all der Melancholie und den vielen Rhythmuswechseln darf natürlich auch die Melodie und die Eingängigkeit nicht fehlen. Diese elf Songs haben mein Herz im Sturm erobert! Zeitlos gut!

9/10

Facebook / Bandcamp / Konglomerat Kollektiv


 

Interview with David from „Dumange“

In the beginning of the Corona pandemic I had way too much time. During the lockdown I started to read several books I had on my to do list. I started jogging, I run 10 kilometers under 1 hour, that’s okay for me ;-). And one evening I listened to many bands on Bandcamp. There was this band „Dumange“ from Asturias, Spain. I remebered that Ictus and Ekkaia were from Spain too and a region next to Asturias. After the first seconds of listening to the album „Entre ratas“ I knew: This ist damn good stuff, it blew me away! I bought the mp3s and listende to that album a lot of times. The mix of Neocrust, D-Beat, Blackmetal was quit intense and I wanted to buy the vinyl. Luckily there was an e-mail adress (dumnagepunx@gmail.com). Short time later David (guitarist) wrote back and we had a very interesting conversation via e-mail from april to july. David had some personal issues and I am so thankful that he found the time to answer my questions. Thank you so much, dude!!! The bands he mentions in the interview below are so good. That’s musical gold!!!

Here we go:

Topic #1 coronavirus. What do you miss most in these times compared 
to pre corona virus?
A lot of things actually, practice with my bands, hanging out with friends, going to gigs and playing live. Although I kind of feel good being at home having time to read and trying to keep creative writing music and doing some art for future gig posters. I also miss my dog Faye, she died the second week of the pandemia and it’s been hard after 14 years and a half.

Please introduce yourself. What are your musical influences?
I’m David, I was born in Oviedo, Asturies, a region from the north of spain. I play guitar here in Dumange and another punk rock band called Amplify. My main musical influences when I play guitar or write music are His Hero Is Gone and all that stuff that came afterwards (Asturies is next region on the right from Galiza so we were always listening and seeing live bands as Ekkaia, Ictvs, Madame Germen, Sls3, etc) on one side and melodic death metal on the other side, I love to play At The Gates, a canorous quintet kind of riffs, they come to me naturally so I guess that’s something. Then I’m a huge fan of Per Koro records from Germany, I discovered bands like Aclys, Mörser, Forced To Decay, etc when I was 17/18 and they blew me away, they still do today and I listen to them a lot. Been twice to Bremen and Hamburg to see Mörser, those guys are COOL!!! Once they play with Disfear and they got me in, oh man, how nice is that. I also like a lot of 80s and 90s hardcore stuff in all of its styles and from everywhere american, european, japanese, etc, i grew up listening to so different bands as Bad Religion, Anti-Cimex, Undone or Minor Threat, you know, they’re all different but when I was a kid it was all hardcore to me. I’m glad I didn’t stick to 1 or 2 genres, I also like to listen to black metal, even though I spend time trying to figure out who are right wing bands and who are not. I don’t wanna mess up with that, there’s a lot of anti-fascist and anarchists black metal bands out there. Those are my main influences, I also listen to some folk from almost everywhere (bulgarian folk women voices amaze me, dark as fuck) and love listening to soundtracks as well.

What are the lyrics about you write for Dumange? How have the topics in your lyrics changed from when you started to nowadays?
The whole album is a conceptual and very clear topic (if you speak spanish, of course). It’s a statement against prison. Song is a letter where a prisoner who’s in jail for no reason writes to his loved ones what the suffering of being tortured is. I didn’t write the lyrics, Senén (our singer) did. Even though I helped him a bit reading books and zines about it, some of them got me fucked a lot cause they were really hard to read. Jail memories and the letters that never came (Rosencof), Breaking the silence organization books, Are prisons obsolete? (Angela Davis) are some to name and chapters about it from anarchists biographies (and autobiographies) as Durruti, Garcia Oliver, Emma Goldman, Lucy Parsons, Cipriano Mera, Berkman and many more. We also added a part in honor of a catalonian girl called Patricia Heras, who killed herself because she got in prison falsely accused of violent aggression against the police. There’s a documentary called „Ciutat morta“ that you can watch on internet in any platform for free, about the 4F case where they talk about Patricia and the whole police corruption involved. I also can’t forget a zine called „Punto de mira“ which did a lot for the anti prisons movement and the prisoners.

How du you get gigs? Have you played a tour/Are you planning a tour after the Corona pandemic?
We got in contact with promoters, friends, friends from another friends and schedule gigs basically, we don’t have a manager so we do all the stuff. We played in England right after releasing the album and we planned to play Europe this summer and couldn’t make it so yeah, we’re planning a tour after the corona pandemic but I’m afraid that is not gonna be possible until 2021.

Here in Germany we have a problem with the rise of right wing parties like the „AfD“ since the so called refugee crisis from 2015. They get up to 20% of the votes. So far I can see the whole world seems to turn right. How is the situation in Spain? What is the percentage of the votes?
Well, here in spain the thing is almost like that, what everyone calls far right (VOX) got a 15,1% which means 3 million people voted them. What happens is, it seems they’re an split-off from another right wing party (PP) and to respond properly to the question I gotta go back a few years back. We had a dictatorship for 40 years, and when it „finished“ they kept the same people in the same institutions for another 40 years, which is right now, everything related to politics in spain is so corrupted that it’s almost impossible to see a solution to it. The heirs of those who were in power during the dictatorship are basically the ones running the country. Even one of the supposedly left wing party (PSOE) looks to the right immensely. Fucked up stuff and I didn’t even say a thing, i’d need a 200 fanzine pages to say how fucked up spain is talking about politics and that’d be short.Even though the situation now could be worse, not saying it’s good but at least there’s a left wing parties coalition government and some of them are doing some stuff that hopefully could help some people in need (i think that’s too much expectations from a government)

Can you tell me something about the spanish music underground? What are important spanish punk, hardcore, metal bands? When did that scene start?
I think we’ve got a pretty good underground at the moment, plenty of bands, there’s a lot of fests as well, but don’t think there’s a scene anymore, there’s a lot of stuff going on but i don’t see any connections between them. What we can call „scene“ to talk about the first bands i listened to and were an influence to all of us in spain were (just gonna name a few) „Subterranean kids“ or „HHH“ who started around 1984 or 1985 and „L’odi social“ i guess they’re even from 1981, so i think they started everything in Spain talking about hardcore. I know there’s punk bands from 76/77 too but i started listening to punk with „Eskorbuto“ and they started in 1980. Metal ufff, don’t really like spanish metal bands from the 80s or 90s, too pretentious and not really underground (if there were, i’ve never been into it). Even though now there’s great bands such as „Adrift“ (check this guys out) who are one of my favourite bands since the 00s, their sound is massive. We’ve got a nice grind, crust and doom bands, „Haemorrhage“ „Looking for an answer“ „Ekkaia“ „Ictvs“ „Gruesome stuff relish“ „Moho„. Some of them split ages ago and some of them still play.  And now i don’t know, i’ll just name a few that i like and I’m friends with, there’s a lot of styles here and they’re active bands. „Sudestada“ „Laid“ „Tröpical ice land“ „Weak“ „Ulises lima“ „Tony galento“ „Accidente“ „Acid Mess“ „Sound of Silence“ (I also play with them as a replacement now and then) „Mortsubite„….etc haha all those bands play so different styles but they’re great dudes.

What are the future plans for Dumange? Are you working on new songs?
At the moment there’s no plan for Dumange until next year. I write the music and now I’m writing and planning recording with my other band. Even though I have plenty of riffs for an EP that they just need to be connected.

Would you like to tell our readers something personal, political or a rant?
Thanks a lot for having us on your zine and whoever is reading this and listening to our music, that means a lot to us. Also fuck racism, fuck fascism and fuck any other kind of oppression around the world and specially to those who don’t have any privilege and are oppressed the most.

Kontakt:
dumangepunx@gmail.com
https://dumange.bandcamp.com
www.facebook.com/dumangepunx
www.instagram.com/dumangepunx/

Mumrunner – „Valeriana“ (Through Love Rec. u.a.)

Nachdem sich die finnische Band Mumrunner v.a. mit der 2016-er EP Gentle Slopes einen festen Platz in meinem Herzen erspielt hat und auch der bis dahin erschienene Backkatalog bestehend aus einer zwei-Song und einer fünf-Song-EP bei mir auf offene Ohren stieß, war ich sehr gespannt auf das Debut-Album der Band aus Tampere. Gerade auch deshalb, weil es innerhalb der letzten zwei Jahre und dadurch auch während der Produktion des Albums mehrere Besetzungswechsel gab. Nun, so manche Band hat mit Bestzungswechseln zu kämpfen, aber wenn es sich beim neu zu besetzenden Posten um den Platz des Sängers/Gitarristen handelt und gerade diese beiden Bereiche einen markanten Wiedererkennungswert ausmachen, dann kann schon einiges in die Hose gehen. Kleiner Spoiler vorweg: alle bisherigen Fans der Band dürfen beruhigt durchatmen, am Sound der Finnen ist dieser Besetzungswechsel kaum zu merken, sogar der neue Drummer taktet mit dem von der Band gewohnten Rhythmus. Im Vergleich zu den bisher erschienenen zwei EPs fällt eigentlich nur eine kleine Veränderung auf: erschienen diese beiden EPs noch auf dem Mannheimer DIY-Label Wolves And Vibrancy Records, ist das Quartett nach Hamburg zum ebenfalls geschmackssicheren DIY-Label Through Love Rec umgezogen, das ja nicht nur in Sachen Shoegaze einen sehr guten Ruf hat. Das Album ist übrigens als Co-Release erschienen, in den USA wird über Shelflife Records veröffentlicht.

Das Frontcover ist mit einem in dunklen Purpurtönen ausgestatteten Gemälde bedruckt, das man im Verlauf der etwas über einer halben Stunde Spielzeit durchaus mehrfach anschauen kann und es sich dabei sehr gut über Hintergründe und Bedeutung sinnieren lässt. Valeriana ist übrigens der italienische Ausdruck für das pflanzliche Beruhigungsmittel Baldrian, das auch gleichzeitig eine kulturelle Bedeutung hat. Zum einen wurde die Pflanze bei nordischen Völkern abergläubisch zum Schutz vor bösen Geistern über die Eingangstür gehängt, zum anderen erscheint die Pflanze oft auf Renaissance-Gemälden mit christlichem Bezug, da aus ihr kostbares Öl gewonnen wurde, das für die Salbung benutzt wurde und dies daher symbolisch auf das Leiden und den Tod von Jesus deutete. Nach längerer Betrachtung des abstrakten Albumartworks komme ich aber zum Entschluss, dass der Albumtitel eher in Zusammenhang mit dem Beruhigungsmittel stehen muss, das man ja gerne bei Schlaflosigkeit verabreicht, um endlich ins Land der Träume abtauchen zu können. Nachdem sich bei mir die Aufregung über die schöne himmelblaue Vinylfarbe mit den sonnenblumengelben Labels gelegt hat und sich auch die in der Eingangsphase erwähnte Besetzungswechsel-Angst als unbegründet herausgestellt hat, ist nun endlich mit dem Aufsetzen der Nadel die Zeit gekommen, die große Beruhigungs-Tablette wirken zu lassen!

Da erklingen sie wieder, die Töne, die aus einer Art märchenhaften Traumwelt zu kommen scheinen! Der Opener Foe hüllt Dich gleich in einen verwunschenen Nebel ein, dem im Verlauf des Albums schwer wieder zu entkommen sein dürfte. Wirklich wie ein unrealistischer Tagtraum, aber Moment mal, wer träumt hier eigentlich die ganze Zeit? Luftige Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums fangen Dich mit ihren flotten Wirbeln ein und der wechselseitig weibliche und männliche Gesang scheint vor lauter Hall schleichend ineinanderüberzufließen. Gerade diese melodieverliebten Gitarrenklänge und das teils hektische Getrommel machen einen Großteil des Wiedererkennungswerts der Band aus. Wenn auch einige Referenzen an Bands wie The Cure, Slowdive, Turnover, Mew oder gar Depeche Mode erkennbar sind, Mumrunner klingen trotz alldem sehr eigenständig. Mir fällt auf Anhieb keine weitere Band ein, die ihren Shoegaze-Dreampop auf ähnliche Art und Weise angeht, auch die nicht von der Hand zu weisende Nähe zum Emo findet man bei anderen Acts aus dem Genre eher selten. Im Verlauf der acht Songs wird man immer wieder dazu eingeladen, die Seele baumeln zu lassen und in die mystische Welt von Mumrunner einzutauchen. Am Besten gelingt dies mithilfe eines Kopfhörers und laut aufgedreht, so dass man aus dem verwaschenen und atmosphärischen Delay-Sound dann doch zeitweise einzelne Instrumenten (Gitarre, Bass, Synthies, Drums und sonstige Klangeffekte) herausvernehmen kann. Songs wie das hymnische Mirage, das instrumentale und sich schleichend entwickelnde Titelstück oder auch das flirrende Haven zeigen, wie vielseitig und abwechslungsreich die Band unterwegs ist, auch wenn man sich gefühlsmäßig immer noch im Traumland befindet. Man wird erst wieder halbwegs wachgerüttelt, wenn die letzten Töne des Finalsongs Transient ausgeklungen sind und man augenreibend gerne noch ein wenig weitergeträumt hätte. Die kurze Spielzeit ist dann auch das einzige Manko an diesem tollen Debutalbum. Aber zum Glück kann man das Ding ja wieder umdrehen und von vorn beginnen, um sich erneut zu verlieren.

10/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Bandsalat: Augen, Dream Nails, Greet Death, Krimi, Reflection, Renàra, Tolls, The Yaupon Holly

Augen – „Winter“ (DIY) [Name Your Price Download]
Neulich bei Bandcamp hängengeblieben: Augen kommen aus Köln und klingen auf ihrer aktuellen EP aber eher nach Bremen in den späten Neunzigern. Erstaunlich oldschoolig geht das Quartett zur Sache und erinnert mit seinem derbem Bremer-Schule-Hardcore und den deutschen Texten natürlich an Bands wie Loxiran, Carol, ACME, Systral, Metöke oder Lebensreform. Roh und ungeschliffen kommt der Sound um die Ecke, das heisere Geschrei und die scharfen Gitarren erzeugen zusammen mit den wuchtig gedreschten Drums und ein paar Rückkopplungen eine schöne Angst-und Verzweiflungs-Atmosphäre. Hört da mal unbedingt rein, wenn ihr oben genannten Bands was abgewinnen könnt!


Dream Nails – „Selftitled“ (Alcopop! Records) [Stream]
Nach ein paar Single- und EP-Veröffentlichungen legen die Londoner Mädels von Dream Nails endlich ihr Debütalbum vor. Und wie man es von den Damen gewohnt ist, wird es auf der einen Seite schön schrill und schroff, auf der anderen Seite bohren sich aber die catchy Songs tief ins Gehör. Der Bass fuzzt wie blöde, dazu gesellen sich catchy Hooklines, kraftvoll gespielte Drums und lässige Chewing-Gum-Vocals. Natürlich fehlt es auch auf diesem Release nicht an queer-feministischen Inhalten, zudem wird gegen kapitalistische Ausbeutung, Dating Apps, den Umgang mit Opfern seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt und andere Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft gewettert. Die ernsten Themen sind mit reichlich Ironie und Witz gewürzt, zudem bekommt man die Songs nach ein paar Durchläufen wirklich kaum mehr aus den Ohren. Zieht man die fünf Spoken-Word-Tracks ab, dann bleiben insgesamt zehn Gassenhauer zurück, die jede Party in Gang bringen können! Zwischen poppigem Punk und etwas Post-Punk klingt der Sound der Mädels nach ’ner Mischung aus Le Tigre, Colour Me Wednesday, X-Ray-Spex, Orchards und Diet Cig. Mal sind die Damen hibbelig und aufgedreht unterwegs, dann gibt es zwischendurch aber auch durchaus wütende Ausbrüche zu hören, unterm Strich bleibt es aber hitlastig ohne Ende. Das Album macht jedenfalls tierisch gute Laune, hört einfach mal Songs wie z.B. Text Me Back, People Are Like Cities oder das mit einem groovigen Rage Against The Machine-Riff ausgestattete Payback an, dann werdet ihr leuchtende Augen bekommen!


Greet Death – „New Hell“ (Deathwish) [Stream]
Wenn ihr eure Herbstdepression noch ein bisschen in den Sommer retten wollt, dann empfehle ich wärmstens das zweite Album der Band Greet Death. Die Band aus Michigan verzaubert mit ihrem stark verzerrten Sound, der auf der einen Seite trostlos und düster rüberkommt und dabei noch tiefe Melancholie verbreitet. Hört nur mal den Song Do You Feel Nothing? an, der erklärt alles. Wenn ihr euch schon immer vorgestellt habt, wie Citizen mit stark verzerrten Gitarren klingen würden, dann solltet ihr unbedingt Greet Death antesten. Die Mischung aus langsamem Shoegaze mit Emo, Grunge, Slo-Mo-Post-Hardcore und Rock erinnert mich nämlich nicht selten an die Band aus Ohio, auch Zeugs wie HRVRD oder Sore Eyelids klingen ähnlich atmosphärisch, allerdings bei weitem nicht so distortionlastig. Irgendwie bitter, aber wunderschön!


Krimi – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ohne Krimi deht die Mimi nie ins Bett! Haha! Bin mir sicher, dass kein einziges Review über irgendwelche Releases der Band aus Bielefeld ohne diesen bescheuerten Satz auskommem werden wird! Aber eigentlich ist das ja egal, denn diese fünf Songs hindern Dich sowieso daran, ins Bett zu gehen! Deutschpunk trifft auf Hardcorepunk, basslastig, Sturm nach vorne, melodisch wie Hölle und irgendwie hat das Ganze was von As Friends Rust. Undbedingt mal antesten!


Reflection – „Different Paths“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus irgendeinem Kaff in der Nähe von Belgrad stammt die serbische Band Reflection, auf die ich neulich beim Stöbern in Bandcamp aufmerksam wurde. Die Jungs machen schönen melodischen Hardcore, Post-Hardcore und Screamo-Einflüsse sind ebenfalls vorhanden. Mir gefällt v.a. die abgefuckt leidende Stimme des Sängers, die ziemlich viel Emotion und Schmerz in sich trägt. Dazu kommt massig Spielfreude, geile Gitarrenriffs, nach vorne gehende Drums und schön gegenspielende Basslines. Auch die Message stimmt, natürlich gibt es gesellschaftskritische Inhalte, Dinge werden hinterfragt, man gibt nicht kampflos auf. Neun Songs sind es zusammen mit dem Intro, und die machen absolut Bock, die Band irgendwann mal live zu erleben. Die Band sticht irgendwie aus der Masse an Melodic Hardcore-Bands heraus, testet die Jungs ruhig mal an!


Renàra – „Selftitled“ (dischi decenti) [Stream]
Hach, diese 5-Song-EP macht richtig Laune auf den Sommer! Renàra kommen aus dem Badeort Massa in Italien und das hier ist das erste Lebenszeichen des Quartetts. Und weil das Ding schon so in sich stimmig ist, kann auch gleich noch erwähnt werden, dass die Jungs natürlich keine lausigen Anfänger sind. Zuvor spielten die Mitglieder in Bands wie z.B. June Miller, Do Nascimiento und Son, dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass Renàra auch in Richtung Emo unterwegs sind. Und zwar in richtig schmissigem Flip-Flop-Twinkle-Emo, der gern auch mal knarzend und punkig um die Ecke linst und sich auch mal für einen Ausflug in die Neunziger durchringen kann. Auch die Herzschmerz-Fraktion wird gefüttert, dazu bringen die italienischen Texte einen gewissen Exoten-Bonus. Sehr schön!


Tolls – „Past Selves“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es sind zwar nur zwei eigene Songs und eine Jimmy Eat World-Coverversion, aber dieses Release hat definitiv mehr Pfeffer im Arsch als so manch ganzes Album! Klangen die Songs auf dem Demo noch ein bisschen schwach in Punkto Aufnahmequalität, ist hier eine deutliche Verbesserung zu hören. Laut aufdrehen bitte, dann beamt ihr euch direkt in den Proberaum des Trios aus Eugene/Oregon. Bei geschlossenen Augen meine ich echt, den Wind der Crash-Becken und den Druck der Drums in der Baseballkappe zu spüren. Tolls gehen ihren Sound mit ganz viel Leidenschaft und Spielfreude an. Wer emotive Screamo mag, kommt hier jedenfalls voll auf seine Kosten! Unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


The Yaupon Holly – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Beim Bandcamp-Ausflug neulich entdeckt: the Yaupon Holly aus Gainesville. Nach ein paar Hörrunden wollte ich etwas mehr über die Band in Erfahrung bringen, aber das Internet gibt keinerlei Informationen her, nicht mal ’ne Social Media-Seite gibt’s. Wahrscheinlich bin ich auch zu doof, ich bekomme nur Ergebnisse über Stechpalmen-Gewächse auf den Schirm. Egal, die fünf Songs dürften alle Leute bedienen, die diesen 90’s-US-Emocore der rauen Sorte mögen, der mit Elementen aus Post-Hardcore und Punk angereichert ist und stark düster und verzweifelt klingt. Ein bisschen Ebullition, ein bisschen Gravity, ein bisschen Planes Mistaken For Stars. Schönes Artwork!


 

Trainer – „Athletic Statics“ (Fidel Bastro)

Ich würde ja gern diesen Text hier mit einer Floskel im Stil von „Mein Trainer hat mich immer dazu angespornt bla bla bla“ eröffnen, aber glücklicherweise haben mich meine Eltern nie in einen dieser Sportvereine gesteckt, in denen irgendwelche fiesen und sadistisch veranlagten Möchtegern-Feldwebel ihre „Schützlinge“ fast zu Tode quälen und ihnen literweise Schweiß und Blut aus dem ästhetisch muskulösen Körper quetschen. Ihr merkt schon, Trainer – egal welcher Sportart – genießen bei mir kein hohes Ansehen und als alte Punkerseele würde es mir nie im Leben einfallen, mich von irgendeinem Trainer schinden und herumkommandieren zu lassen! Das war jedenfalls bisher meine eiserne Einstellung, momentan stehe ich aber ein wenig auf der Kippe. Hey, da braucht es doch tatsächlich fast fünf Jahrzehnte, bis ich endlich mal einen fähigen Trainer kennen lernen darf, von dem ich mich zu ein paar Leibesübungen hinreißen lassen würde.

Die Sprache ist von diesem speziellen Trainer aus Saarbrooklyn, der ketterauchend und nägelkauend und am Rand des Nervenzusammenbruchs stehend unter irrem Geschrei und in Begleitung unkontrollierbaren Krachs zum Hüpfen, Zappeln und Luft-Trommeln animiert. Boah, das war jetzt aber eine etwas ausschweifende und umständliche Einleitung…es soll hier natürlich nicht um mein verkorkstes Sportleben gehen, sondern um die ziemlich neue Band Trainer, die mit Athletic Statics ihr Debutalbum am Start hat. Die Coaches haben eine lange und eindrucksvolle Sportlerkarriere hinter sich und haben schon für solch exklusive Vereine wie z.B. 2Bad, Karcher, Chandler, Zesura, Steakknife und Ex Nerven etliche Medaillen abgestaubt.

Zur Aufwärmübung legen die Jungs mit dem Opener oh-eeh-uh los. Reduzierte Gitarre und nervöses Getakte und ein unvorhersehbarer Wutausbruch, so könnte man das Ding in etwa beschreiben. Danach geht es vertrackt mit three times slower weiter. Das Quartett verzichtet übrigens gänzlich auf den Bass, dem rhythmischen Gefühl tut das aber keinesfalls weh, im Verlauf der knapp 37-minütigen Spielzeit groovt es bei ständigen Geschwindigkeitswechseln häufiger. Kann man gut ein paar Liegestütze nebenher machen! Die teils monotonen Rhythmen wirken fast wie ein Anfeuern oder ein rituelles Stoßgebet vor einem besonders harten Wettkampf. Hört euch mal den Titeltrack an, das hat fast schon was mantraartiges, mit dieser coolen Psycho-Gitarrenmelodie. Grob eingeordnet machen die Jungs da ein ziemlich chaotisches und dissonantes Gebräu aus Noise-Rock und etwas Emocore á la Karate (gerade der Song Simple Plan!). Und immer wieder kicken Dich diese brachialen und dreckigen Soundausbrüche heftig in den Arsch! Zwischendurch wird aber auch hin und wieder mal das Tempo rausgenommen, um ein bisschen Luft zu holen. Wer auf Bands wie Melvins, Slint, The Jesus Lizard, Shellac oder auch Craving steht, könnte auch Gefallen an Trainer finden!

8/10

Facebook / Bandcamp / Fidel Bastro


 

Blackmail – „(1997-2013)“ (Unter Schafen Records)

Kleiner Zeitsprung ins Jahr 2006: keiner in der True-Hardcore-Clique hat Lust, meine Liebste und mich in die Schweiz nach St. Gallen zu begleiten, um die Indie-Band Blackmail zu sehen. Jahrzehnte später, spätestens nachdem jetzt die ganzen Re-Issues der Koblenzer erschienen sind, dürfte das die ein oder andere Person vermutlich rückblickend noch schwer bereuen. Denn kaum zwei Jahre später trennte sich die Band im Streit von Sänger Aydo Abay. Jedenfalls feierte ich damals schon seit Längerem die frühen Werke der Band, die Gelegenheit einer Live-Show ergab sich jedoch leider nie. Nachdem mit dem Album Aerial View auch noch innerhalb kürzester Zeit eine innige Liebe entstand und die Jungs im Zuge des Albums ausgiebig tourten, war dann endlich im Rahmen des kleinen Talhoffestivals der Zeitpunkt gekommen. An einem lauen Herbsttag kamen wir schon früh in St. Gallen an und parkten irgendwo im Nobelviertel, um den saftigen Parkgebühren zu entgehen. Einen zwanzigminütigen Fussmarsch nimmt man da gern in Kauf. Der Club war auch schnell gefunden, zu unserer Verwunderung war die Location in einem Hochhaus in der obersten Etage. Eine etwas seltsame Atmosphäre war zu spüren, die anwesenden Leute waren irgendwie anders, als wir es von unserem Hardcore-Punk-Kosmos gewohnt waren. Fast kamen Zweifel auf, ob die anwesenden Hippies, die Goa-Trance-Jünger mit den weiten Pupillen, die Handvoll Grufties und der bekiffte Typ mit dem Slipknot-Shirt auf der richtigen Veranstaltung waren oder ob wir uns gar verirrt hatten. Mit der Vorband Werle & Stankowski hatten wenigstens die Hippies ihren Spaß, denn die zwei Typen kamen barfuss auf die Bühne und machten so ’ne ruhige Mischung aus Indie, Singer-Songwriter, Pop und Elektronik.

Und dann kamen Blackmail und feuerten ein wuchtiges Set voller Hits ab, so dass wir im kaum gefüllten Mini-Club vor Freude grinsend, hüpfend und tanzend den Spaß unseres Lebens hatten. Diese vier verschrobenen Typen zogen professionell ihr Ding durch, witzig fand ich dabei Kurt Ebelhäuser, der zwischen den Songs immer wieder kryptische und satanische Botschaften ins Mikrofon murmelte. Außerdem griff er seine Gitarre größtenteils von oben, weiß der Teufel wie er seiner Gitarre trotzdem diesen geilen Sound entlockte. Dazu der fuzzy Bass von Carlos Ebelhäuser, der die aufgestellten Nackenhärchen zum Vibrieren brachte. Und als Krönung des Ganzen Aydo Abay, der ständig in Bewegung war und mit seiner Stimme den Songs die nötige Portion Melancholie verlieh. Hits wie Ken I Die, It Could Be Yours, Moonpigs, Everyone Safe, (Feel It) Day By Day, Same Sane und natürlich Today brachten uns dazu, am Ende des Konzerts klatschnass, verschwitzt und absolut glücklich durch die laue Herbstnacht zum Auto zu laufen und enthusiastisch darüber zu diskutieren, warum den Jungs eigentlich immer wieder Arroganz unterstellt wurde. Eher waren wir davon überzeugt, eine der intensivsten Indie-Rock-Shows auf internationalem Niveau gesehen zu haben. Dass der Club damals nicht restlos ausverkauft war und das Publikum eher teilnahmslos dem Sound der Jungs gegenüberstand, wundert mich eigentlich noch bis heute.

Nach dem Split mit Aydo Abay war ich richtig traurig. Und dann verlor ich die Band fast komplett aus den Augen. Kleiner Zeitsprung ins Jahr 2011: Blackmail spielen kaum zehn Gehminuten von meiner Wohnung entfernt auf dem U&D-Festival, und zwar mit dem neuen Sänger Mat Reetz. Im Vorfeld horchte ich nur mal so halblebig in das damals neu erschienene Album Anima Now! rein, so richtig wollte mich das nicht mehr packen. Und live sprang der Funke leider auch nicht über, selbst die altbekannten Gassenhauer wirkten nicht mehr wie damals in diesem seltsamen Hochhaus-Club. Nachdem ich jetzt aber aus der Neuphase der Band die beiden Stücke Deborah und Impact gehört habe, werde ich den Post-Aydo Abay-Veröffentlichungen doch noch mal eine Chance geben. Aber davor wird es endlich mal wieder Zeit in Nostalgie zu schwelgen. Die Doppel-LP kommt im aufklappbaren Gatefold-Cover und liegt schön schwer in der Hand. Insgesamt sind auf dieser Best-Of und Raritätensammlung 23 Songs zu hören. Kleiner Sprung in die Gegenwart: Das Doppelalbum bietet also einen hervorragenden Überblick über die Großartigkeit einer der wichtigsten Indie-Rock-Bands Deutschlands und dürfte für Fans und „Neuentdecker“ ebenso interessant sein. Und wenn ihr dann schon angefixt seid, dann holt euch auch noch gleich die lange vergriffenen Alben Friend Or Foe und Bliss Please, denn die wurden ebenfalls auf Unter Schafen Records neu aufgelegt. Vielen Dank dafür, das war längst überfällig!

10/10

Facebook / Homepage / Unter Schafen Records


 

Bandsalat: Aches, …And Its Name Was Epyon, Blackup, Cadet Carter, Dv Hvnd, The Razorblades, The Sewer Rats, Tim Vantol

Aches – „Dead Youth“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die 5-köpfige Band Aches kommt straight outta Mannheim und veröffentlicht mit Dead Youth ihre mittlerweile zweite EP in Eigenregie via Bandcamp & Co. Und ja, das was die Jungs da fabriziert haben, kann sich durchaus hören lassen! Insgesamt gibt es sieben Tracks auf die Ohren, die musikalischen Vorbilder sind mit Bands wie z.B. More Than Life, Modern Life Is War, Giver, Life Long Tragedy oder Landscapes schnell verortet. Geboten wird also melodischer Modern-Hardcore, der zudem eine emotionale Kante vorweisen kann, gleichzeitig aber auch genügend Pfeffer im Hintern hat. Auch wenn die Melodie im Vordergrund steht, ist eine düstere Grundstimmung zu erkennen, die dann im letzten und ruhigsten Stück Asleep gipfelt, hier bleiben die Jungs rein instrumental und außer ein paar Rückkopplungsgeräuschen fast schon unverzerrt. Meine beiden Songfavoriten sind das mit einem verdammt catchy Gitarrenriff ausgestattete Stuck und das nach vorne preschende Lethargy. Der Sound ist übrigens schön satt abgemischt. Aufgenommen wurde mit Christian Bethge (The Tidal Sleep, Spirit Crusher, Criminal Body), gemastert hat Lewis Johns (Canvas, Giver, Grieved, Svalbard, More Than Life). Also, schaut mal vorbei, das hier hat wirklich Potential und zudem hatten die Jungs mit ihrem Release-Termin im April 2020 nämlich wie so einige Bands vor, die EP live zu supporten, was bekanntermaßen nicht möglich war/ist.


…And Its Name Was Epyon – „Visit To A Grave“ (DIY/Larry Records) [Name Your Price Download]
Nachdem die kalifornische Screamo-Band …And Its Name Was Epyon mit ihrer Debut-EP in der einschlägigen Szene bereits etliche Lorbeeren eingesammelt hat, hat das Trio seit Herbst letzten Jahres nun die zweite EP am Start. Und ja, die ist richtig geil und intensiv geworden! Die Jungs sind total mit sich im Einklang und spielen sich innerhalb von vier Songs dermaßen in Extase, da richten sich permanent die Nackenhärchen auf! Geboten wird emotive Screamo der Extraklasse! Geheultes Herzschmerzgeschrei, melancholische Gitarren, abgefahrene Songstrukturen, vertrackte Rhythmen, unterschwellige Melodien und ein wenig Chaos machen diese EP zu einem intensiven Hörerlebnis! Hört mal in den Song Side 7 rein, da ist eigentlich die ganze Bandbreite der Band zusammengefasst!


Blackup – „Club Dorothee“ (Rookie Records) [Stream]
Da mir Blackup aus Ghent/Belgien total unbekannt waren, hab ich einfach mal geschaut, was die Jungs bisher so vorzuweisen haben. Ach herrje, ganze neun Jahre sind seit dem letzten Album vergangen! Zwischendurch erschien eine EP und eine Split. Und nun also das zweite Album. Darauf sind zwölf frisch klingende Songs enthalten, die man grob im melodischen Punkrock/Garage-Punk einordnen kann, ein paar Noise-Einflüsse schimmern auch noch durch. Wer Bands wie die Wipers, Hot Snakes oder Rocket From The Crypt verehrt, dürfte auch am knackigen Sound des Quartetts Gefallen finden. Könnte mir vorstellen, dass Blackup live sicher verdammt gut rüberkommen könnten, denn diese Aufnahmen klingen sehr lebendig und authentisch. Die Zutaten sind zwar einfach, die Wirkung aber umso größer. Hier dringen fantastisch melodische Gitarren an die Oberfläche, dort gibt es coole Refrains zu entdecken, die pumpende Rhythmusmaschine aus Bass und Drums gibt den treibenden Takt an und natürlich darf dazu der Gesang nicht fehlen, der zwischen rau, melancholisch und hymnisch pendelt. Ja, Blackup machen hier alles richtig!


Cadet Carter – „Perceptions“ (Uncle M) [Stream]
Mit ihrem Debut-Album legten die Münchener Jungs von Cadet Carter die Messlatte ziemlich hoch. Obwohl mir das Album so gut gefiel, hab ich es versäumt, die Band irgendwie über Social Media oder auf anderen Kanälen zu stalken. Mittlerweile erschien ohne mein Wissen ’ne 3-Song-EP und wenn die lieben Leute von Uncle M mich nicht regelmäßig mit physischen Releases per Post versorgen würden, hätte ich das zweite Album der Jungs vermutlich gar nie mitbekommen. Was doch echt mal extrem schade gewesen wäre! Denn Cadet Carter machen auch beim Nachfolger zum Debut alles richtig, wenn nicht gar perfekt! Fangen wir mal beim blaustichigen Albumcover an: die Fotografie könnte auch in der Corona-Krise entstanden sein, oder? Eine leere Flughafenhalle mit nur einem Typ drin, der hirnlos auf ein Handy-Display starrt. Oh Mann, ich würde mir wünschen, dass der Flugraum über Deutschland für immer so leer bleiben würde, wie er die letzten paar Monate war. Aber wahrscheinlich sind die Flughafenhallen bald wieder mit schlafenden und stümperhaften Mund-Nase-Schutz-tragenden Menschen besetzt, die unbedingt irgendwo hin wollen, wo man sie absolut nicht haben will. Okay, der Digipack lässt sich aufklappen, aber leider gibt es kein Textheftchen. Wir Neunziger-Nostalgie-Nichtsnutze können ohne solche selbstverständlichen Gimmicks mit CD-Digipacks nichts anfangen, aber eigentlich ist es nicht schlimm, man versteht die gesungenen Texte ohne Probleme. Und ich verzeihe angesichts der zwölf sagenhaft tollen Songs jeglichen anderen Fauxpas, der weitaus schlimmer wäre, wenn es ihn überhaupt gäbe. Und warum ist das Ganze hier so faszinierend? Unvorhersehbare Songstrukturen treffen auf eingängige Hooks, dazu gesellen sich Refrains, die sich erst nach mehrmaligem Hören einbrennen, aber dann für immer bleiben. Die mehrstimmigen Refrains dürften Jimmy Eat World-Fans etliche Tränen in die Augen treiben, Midwest-Emo- und 90’sEmo-Fans sollten hier auch auf ihre Kosten kommen!


Dv Hvnd – „Bollwerk“ (Last Exit Music) [Stream]
Meine Deutschpunk-Phase ist ja schon einige Jahrzehnte her, damals holte man sich die einschlägigen Infos aus Zines wie dem Plastic Bomb oder dem Pankerknacker. Momentan bin ich in dieser Szene nicht so wirklich verankert, daher war mir der Sound der Band aus Wiesbaden auch nicht geläufig, bis diese Digipack-CD in meinem Briefkasten landete. Dabei gibt es die Band jetzt auch schon wieder seit 2012. Nun, die abgedruckten deutschen Texte prophezeien schonmal, dass wir es hier nicht mit peinlichem Fun-Punk oder stumpfem Sauf-Punk zu tun haben. Gesellschafts- und Sozialkritik sind immer wiederkehrende Themen auf diesem Bollwerk. Melodische Gitarren an der Schwelle zum Skate-Melodypunk, treibende Drums und Hits am laufenden Band lassen die zehn Songs mit einer Spielzeit knapp über 20 Minuten verdammt kurzweilig erscheinen. Wenn ihr euch eine Mischung aus Supernichts, V-Mann Joe, But Alive, Helmut Cool, Knochenfabrik und NOFX vorstellen könnt, dann solltet ihr hier mal reinhören.


The Razorblades – „Howlin‘ At The Copycats“ (General Schallplatten) [Video]
Die etwas ungewöhnliche Aufmachung der CD passt vom Format her leider nicht in den CD-Schrank, das kleine Teil muss in die 7inch-Kiste gepackt werden. Aber vorerst wird das Album noch ein paar Runden im Player zurücklegen und dann brauch ich für unterwegs noch einen mp3-Rip. Denn The Razorblades machen arschcoolen Surf-Rock, der dazu noch super ins Ohr geht und Elemente von Punk und Powerpop mit an Bord hat. Insgesamt 16 Songs haben die Wiesbadener Urgesteine auf die CD gepackt. Die LP-Version kommt als Doppel-LP im Gatefold-Cover und ist sicher auch nicht zu verachten. Jedenfalls ist das Album mit einer Spielzeit von 47 Minuten zwar recht lang ausgefallen, dennoch kommt keinerlei Langeweile auf. Das liegt v.a. an den abwechslungsreichen Songstrukturen und den locker aus den Ärmeln gespielten Twang-Gitarren. Ein paar Lieblingssongs sind natürlich schnell gefunden, z.B. Smelling Like A Dog and Dancing Like A Chicken, I Wish You Wouldn’t Dance Away, King Of The Penguins oder Upside Down wären da zu nennen, aber auch die wenigen Songs mit Gesang sind erste Klasse! Eigentlich der perfekte Soundtrack für ein 70er-Kult-Roadmovie!


The Sewer Rats – „Magic Summer“ (Uncle M) [Stream]
Der Sommer kann kommen! Und zwar mit dem vierten Album der Kölner Jungs The Sewer Rats. Ab dem ersten Song scheint der Mucke die Sonne aus dem Arsch und man bekommt direkt Lust, das Skateboard aus dem Keller zu entstauben und die alten Knochen ernsthafter Gefahr auszusetzen. Vom Sound her wird hier dem Ami-Skate-Punk der 90er kräftig Tribut gezollt. Und das mit Leidenschaft und verdammt viel Spielfreude, so dass man gar nicht anders kann, als hibbelig im Takt mit allen Gliedmaßen mitzuwippen. Eine Hymne jagt die nächste, dazu gefällt der satte Sound, den man auf so manch einer 90er-Produktion einst vermisste. Die Jungs haben sicher einige Fat Wreck-Platten im Schrank stehen, man hat natürlich sofort Zeugs wie Satanic Surfers, Grey Area, Lagwagon, Propagandhi , Less Than Jake, Swingin‘ Utters und auch die Ramones im Ohr. Songs wie Rejuvenate, Quitting My Job oder Total Creep versprühen einfach diese jugendliche Frische, die sicher jeder Punkrockfan schon mal in irgendeiner Form erlebt hat, siehe z.B. Down For Life! Übrigens ist die Digipack-CD schön gestaltet, natürlich wieder mit den gezeichneten Ratten, die es auf die Straße zieht, um den einen, großen Magic Summer zu erleben! Also, holt euch fix den Sommer ins Haus und fahrt mit runtergekurbeltem Fenster und dem Sound der Sewer Rats voll aufgedreht durch eure Hood!


Tim Vantol – „Better Days“ (Eminor Seven Records) [Stream]
Von allen Solo-Punkrock-Singer-Songwritern ist mir neben Frank Turner Tim Vantol irgendwie der Liebste. Denn irgendwie merkt man seinen Songs die Leidenschaft und Energie an, auch das aktuelle Werk strotzt vor purer Spielfreude, zudem haben seine Songs alle eine schöne Punknote, lahmarschige Country-Lagerfeuermusik sucht man hier vergebens. Die zehn Songs strahlen eine lebensfreudige Stimmung aus, obwohl es dem gebürtigen Niederländer in den letzten Jahren mental nicht so rosig ging und sogar eine bereits aufgenommene EP mit düsterem Songmaterial wieder verworfen wurde. Den eigenen Dämonen wurde also der Kampf angesagt und Tim Vantol fand zu neuem Lebensmut, vielleicht war hier auch der liebesbedingte Umzug von der lauten Großstadt ins ländliche Berchtesgaden ein großer Pluspunkt für das Seelenleben des Musikers. Und all das ist auf Better Days wahrlich zu hören. Die Gitarren haben einige catchy Hooklines am Start, manchmal wird auch ein bisschen der Saft aufgedreht, dazu gesellen sich kräftig gespielte Drums, die Dich einmal ums Lagerfeuer jagen. Und natürlich darf Tim Vantols einfühlsame Stimme nicht fehlen, die immer den vollen Einsatz bringt und auch mal kraftvoll die Akkorde zu überschreien versucht. Die Texte behandeln logischerweise persönlichen Kram. Wenn ihr also zwischendurch mal ein rockiges Album mit Seele hören wollt, dann ist Better Days genau das richtige für euch!


 

Wishes On A Plane – „Unreleased“ (time as a colour/old kids records)

Bei Platten wie dieser hier wird mir einfach alleine vom Anschauen her warm ums Herz! Mit ein paar geschickten Handgriffen und ganz viel Herzblut ein großartiges Albumartwork zu entwerfen, das erfordert sehr viel Liebe, Geduld, Zeit und natürlich Klebstoff. Wenn man das 12inch-Release genauer unter die Lupe nimmt, dann kann man den ausgeprägten DIY-Charakter förmlich spüren. Verpackt ist die 12inch in einem hübsch bestempelten Naturkarton mit ausgestanztem Sichtfenster. Der ausgestanzte Karton wurde übrigens praktischerweise im Karton gelassen und handschriftlich mit der „Produktionsnummer“ versehen. Ein Downloadcode liegt bei, ein handliches Textblatt ist auch mit an Bord. 200 Stück wurden insgesamt angefertigt, es gibt zwei Vinylfarben (schwarz/beige), das 180g-Vinyl liegt schön schwer in der Hand. Auf der schwarzen, gefütterten 12inch-Innenhülle sind auf der Höhe des Sichtfensters auf jeder Seite zwei schwarz-weiß-Fotografien aufgeklebt. Passend zum Sichtfenster wird hier der Blick aus einem Fenster aus minimal unterschiedlichen Perspektiven preisgegeben. Allein das Foto vermittelt sehr viel Melancholie, irgendwie hat man beim Betrachten das Gefühl, dass hier verblasste Erinnerungen aus einer vergangenen Zeit abgebildet sind.

Womit wir eigentlich auch schon beim geschichtsträchtigen Hintergrund zu diesem Release angekommen wären: Unter dem Namen A Life Less Ordinary im Jahr 2002 in München als Quartett gegründet, benannte sich die Band ziemlich bald in Wishes On A Plane um, bis zum Split der Band im Jahr 2009 erschienen eine 10inch und eine Split-7inch. Sänger und Gitarrist Daniel Becker startete danach übrigens Duct Hearts, die ja bis heute aktiv sind. Woher stammen nun also die fünf Songs auf diesem Release? Nun, die Antwort findet sich kleingedruckt auf dem Textblatt: In den Jahren 2005 und 2006 wurden die Instrumente und ein paar Vocals aufgezeichnet. Diese Aufnahmen schlummerten bis ins Jahr 2019 in irgendeiner Kiste und wurden dann um einige Vocals von Daniel Becker vervollständigt, die Tonmeisterei polierte anschließend noch ein bisschen drüber, so dass man bereits beim ersten Durchlauf sentimental werden könnte und heilfroh ist, dass dieses Release posthum möglich gemacht wurde und nicht in irgendeiner Kiste verrotet ist.

Vom Sound her wird man dabei nämlich ganz schön an die Zeit zwischen den Neunzigern und der Jahrtausendwende erinnert. Bands wie Elliott, Sometree, Texas Is The Reason, Christie Front Drive, Sunny Day Real Estate, Penfold, Mineral oder Mid Carson July dürften den Sound von Wishes On A Plane gewaltig beeinflusst haben. Dementsprechend emotional geht es in einer halben Stunde Spielzeit zur Sache. Textlich wie musikalisch gibt es einiges an Herzschmerz zu fühlen, Gänsehaut-Momente sind hier häufig zu finden. Alleine der Auftakt Your Place Is Still…offenbart, dass dieses Release noch etliche Male auf meinem Plattenspieler seine Runden drehen wird. Die luftigen Gitarren und der eigenwillige Bass, der zerbrechliche Gesang und die eigentlich doch ganz raue Aufnahme, das kraftvolle Schlagzeug und die melancholische Melodie, das alles hat so viel lebendigen und intensiven Charakter! Irgendwie hab ich bei dieser Musik das Bild von unendlichen Landschaften vor Augen. Beim nachfolgenden Song Perfect kommt dieser eigenwillige Bass noch deutlicher zum Vorschein, zusammen mit diesen flächigen Gitarren, die durch unendliche Weiten schwirren und diesen mehrstimmigen Vocals ist das einfach ein Hochgenuss. Die Melancholie verstärkt sich noch beim ruhigeren .​.​. At The Heart Of My Everything, das gegen Ende doch noch aus sich herausbricht. Es gibt bis zu den letzten Tönen zum achteinhalbminütigen Finale Release so viele Momente auf dieser Platte, in denen ich ergriffen vor mich hinlächle. Und ich verspreche, dass das allen Mid-90’s-Emo-Fans ebenfalls so ergehen wird! Eine absolute Herzplatte! Wenn euch das Making Of dieses Releases interessieren sollte, empfehle ich euch, dieses Video anzusehen!

10/10

Bandcamp / time as a color


 

Bandsalat: Akne Kid Joe, The Amity Affliction, Antilope, Bad Assumption, Kramsky, Llacuna, Rotting Out, Shirley Holmes

Akne Kid Joe – „Die große Palmöllüge“ (Kidnap Music) [Stream]
Deutschpunk mit pfiffigen Texten, die in alle Richtungen Lebensweisheiten und Gemeinheiten feuern, findet man heutzutage ja eher selten. Bei Akne Kid Joe gehört das aber seit Bandgründung zum guten Ton, auch wenn die Texte im Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich-Stil vorgetragen werden. Mit permanent ironischem Unterton teilen Akne Kid Joe in alle Richtungen aus. In Sarah (Frau, auch in ’ner Band) geht es z.B. um die geringe Frauenquote in der Punk-Szene, in der Frauen nicht als Individuen, sondern vorwiegend als Freundinnen von Musikern wahrgenommen werden. Es müssen mehr Frauen den Weg aus der letzten Reihe beim Konzert auf die Bühne finden, soviel ist klar. Im Verlauf des Albums füttern uns Akne Kid Joe textlich mit Zuckerwatte, man ertappt sich desöfteren dabei, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Hach, und diese geilen Samples! Natürlich bekommen Punk-Feindbilder wie die AFD, die Polente, Spießer, der Lehrer Dr. Specht, Faschos und Bonzen ordentlich auf den Sack. Musikalisch ist das Ganze in simplen aber eingängigen Punk-Melodien verpackt, neben den typischen 3-Akkorde-Gitarren kommt auch teilweise Elektronik zum Einsatz. Ein Highlight des Albums kommt dann fast zum Schluss: der Song Zwischen Thermomix & Webergrill überrascht mit Techno und ist extrem tanzbar. Bitte in Zukunft mehr davon! Ach ja, und einen Hiddentrack gibt’s auch noch.


The Amity Affliction – „Everyone Loves You…Once You Leave Them“ (Pure Noise Records) [Stream]
Mit The Amity Affliction habe ich mich ehrlich gesagt noch nie so richtig beschäftigt. Ich weiß lediglich, dass die Band aus Australien (Brisbane) kommt und seit einigen Jahren ziemlich erfolgreich unterwegs ist. Da die CD dank Uncle M den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat, wird es also mal Zeit, sich näher mit den Jungs auseinanderzusetzen. Dass die Gesamtstreams des Quartetts weit über der 200-Millionen-Marke liegen, ist eigentlich kaum verwunderlich. Denn Amity Affliction machen auf ihrem mittlerweile siebten Album eine ziemlich gefällige Mischung aus Post-Hardcore, Metal, Rock und Pop. Auch wenn massig groovige und messerscharfe Gitarren, wummernde Drums und fette Breakdowns aus den Lautsprechern dröhnen, findet die Band immer wieder wahnsinnig eingängige und melodische Hooklines, die sofort im Ohr kleben bleiben. Die Songarrangements sind bis zur Perfektion aufeinander abgestimmt, neben Gitarre, Schlagzeug und Bass kommen auch immer wieder Synthies zum Einsatz, zudem pendelt der Sänger zwischen Screams und Cleangesang. Erinnert ein bisschen an Zeugs wie Underoath, Blessthefall, Bring Me The Horizon oder Beartooth. Textlich setzt sich die Band mit dem Thema Depression und psychische Erkrankung auseinander, was in der Gesellschaft ja gerne ignoriert bzw. tabuisiert wird. Besonders im künstlerischen Bereich wird das Thema mentale Gesundheit oft vernachlässigt und herabgespielt, Sänger Joel Birch leidet selbst unter einer bipolaren Störung und weiß deshalb, wovon er spricht. Alles in allem gefällt mir das Album eigentlich ziemlich gut, so dass ich jetzt natürlich in Versuchung gekommen bin, auch mal den Backkatalog der Jungs zu checken.


Antilope – „Woanders ist es immer besser“ (DIY) [Stream]
Ups, Review fast verballert, Anfrage irgendwie im falschen Ordner abgelegt. Aber gerade dank umfangreicher Festplattenaufräumarbeiten nochmals gutgegangen! Denn Antilope machen auf ihrer selbstreleasten EP hervorragende Musik, die ein bisschen in die Zeit vor der Jahrhundertwende schielt und die man absolut empfehlen kann. Da gab es doch irgendwann mal vorwiegend auf den Labels Defiance Records und Swing Deluxe etliche Bands, die in eine ähnliche Richtung gingen. Ich fühle mich jedenfalls stark an Zeugs wie Ambrose, Lockjaw, The Cherryville oder Three Penny Opera erinnert. So machen Antilope grob gesagt also Post-Hardcore, der gern in Richtung Emo bzw. Midwest-Emo ausschweift. Die Gitarren kommen verträumt, melodisch und melancholisch um die Ecke, dazu ein dezent gegenspielender Bass und emotionaler Gesang. Passend zur Musik gibt es deutsche Texte, die nachdenklich wirken und eher aus dem persönlichen Bereich stammen. Den stimmigen Songarrangements und dem Spiel zwischen laid back Emo und vorantreibenden Post-Hardcore-Passagen merkt man jedenfalls an, dass hier keine Neulinge am Werk sind. Bei der Band aus München wirken Leute mit, die man von Bands wie NME.MINE, Mitote, Facing the Swarm Thought, Them Bones oder Aerosole Companion her kennt. Die vier Songs sind übrigens als selbstreleaste 12inch erschienen.


Bad Assumption – „Angst“ (DIY/Dedication Records) [Video]
Irgendwo zwischen Post-Hardcore und Melodic Hardcore würde ich die Münsteraner Band Bad Assumption einordnen, ein bisschen Screamo und Emo ist auch noch mit an Bord. Bisher ist eine EP in Eigenregie erschienen, nun hat das Trio sein Debutalbum am Start. Elf Songs mit 35 Minuten Spielzeit sind es geworden. Und bereits beim ersten Hördurchlauf kann ich mich mit dem Sound der Jungs anfreunden. Zwischen brachialen Soundausbrüchen verzücken auch immer wieder melodische Gitarrenparts und machen das Ganze zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Mit Far From Home gibt es dann auch noch eine schöne Emoballade auf die Ohren, auch die moshigen Parts werden nicht vernachlässigt, siehe z.B. Masquerade oder Resurrect, selbst hymnischer Hardcore-Punk wird geboten (The Hardest Part). Schade finde ich, dass das Album nicht auf Bandcamp zu finden ist. Wer mal reinhören will, muss halt wohl oder übel zu Spotify rüber. Also, gebt euch einen Ruck und beißt in den sauren Apfel, das Album macht wirklich Spaß!


Kramsky – „Metaego“ (Barhill Records) [Video]
Beim Anblick des CD-Covers dachte ich zuerst, dass Kramsky sicher so Zuckerwatten-Pop-Punk mit deutschen Texten machen würden. Deshalb war ich ziemlich überrascht, dass eher das Gegenteil der Fall ist, außer das mit den deutschen Texten. Kramsky machen hibbeligen und noisigen Post-Punk mit einer dissonanten Unternote, zudem sind Einflüsse aus Indierock und Post-Rock erkennbar. Fuzzy Basslines treffen auf groovige Gitarrenriffs, Rückkopplungen und noisige Gitarren verbinden sich mit einer mächtig treibenden Rhythmusmaschine aus Drums und Bass. Zusammen mit den das eigene Ich hinterfragenden Texten entwickelt sich eine magische Stimmung, Kramsky ist mit Metaego wirklich ein sehr vielseitiges Album gelungen, das darüber hinaus auch noch schön rau und erstaunlich amerikanisch klingt und an diverse AmRep, Dischord oder Touch And Go-Bands erinnert. Im Verlauf der zehn Songs gibt es trotz der vorherrschenden Dissonanz hin und wieder auch mal Melodie zu entdecken, gerade Unter Brücken ist so ein Kandidat. Kramsky kommen übrigens aus Trier und sind seit 2013 unterwegs, zuerst unter dem Namen Herr Berlin und seit 2016 als Kramsky. Den Fotos auf der Internetseite nach sind die vier Herren schon etwas ältere Semester, hier hört man die Punk-Sozialisation rund um das Ex-Haus deutlich heraus! Hört da unbedingt mal rein!


Llacuna – „Incendis“ (Bcore Disc) [Name Your Price Download]
Irgendwie hatte ich die katalanische Band Llacuna bisher gar nicht auf dem Schirm, obwohl da einige Leute von mir geschätzten Bands wie z.B. Hurricäde, Föbia, Turnstile (Spanien) und I’m mitwirken. Mit Incendis erscheint nun nach einer im Jahr 2017 releasten EP das erste Album des Quintetts. Die Band macht herrlich altmodischen Emocore, der irgendwo vor der Jahrtausendwende hängen geblieben ist. Rauer Gesang in katalanischer Sprache trifft auf melancholische Gitarrenmelodien, verknotete Basslines und locker aus dem Ärmel gespielte Drums werden mit mehrstimmigen Chören angereichert, oftmals kommt auch eine Trompete zum Einsatz. Es lassen sich im Sound der Spanier auch Parallelen zu Bands wie Algernon Cadwallader, Sport oder I Love Your Lifestyle erkennen, gerade die verspielten Twinkle-Gitarren erinnern oftmals an diese Bands. Die LP ist übrigens als Co-Release der Labels BCore Disc, La Agonía de Vivir, Pundonor Records, CGTH Records und Saltamarges erschienen.


Rotting Out – „Ronin“ (Pure Noise Records) [Stream]
Wer hätte gedacht, dass es Rotting Out nach längerer Pause nochmal wissen wollen? Ich war jedenfalls ziemlich überrascht, als ein neues Album der Band aus Los Angeles bei mir im Briefkasten lag. Nachdem sich die Band 2015 auflöste und kurz danach Sänger Walter Delgado in die Schlagzeilen geriet, weil er mit über 30 kg Marihuana und etlichen Behältern mit Hasch-Öl erwischt wurde, wanderte er erstmal für längere Zeit in den Bau. Und dort scheint er seine Vergangenheit und vor allem seine schlimmen Erfahrungen aus seiner Kindheit aufgearbeitet zu haben. Dies spiegelt sich auch in den Texten der zehn Songs auf Ronin wider. Die inneren sowie die äußerlich sichtbaren Narben werden schonungslos freigelegt. Delgado schreit sich quasi den Schmerz von der Seele, so handeln die Lyrics beispielsweise vom mentalen und körperlichen Mißbrauch als Kind und dem harten Überlebenskampf in den Armenvierteln von Los Angeles. Neben den Texten sind im Booklet passend dazu ein paar Bilder aus der Kindheit der Musiker abgedruckt. Musikalisch ist alles in ziemlich angepissten Hardcore-Punk verpackt, der in 25 Minuten ganz schön wild und hyperaktiv auf der Brust rumtrommelt. Immer schön nach vorne treibend, mit keifenden Vocals und prägnanten Basslines klingt das Ganze schön rotzig und roh. Erinnert mich irgendwie ein bisschen an die Cro-Mags. Jedenfalls taugt das Album gewaltig, gerade auch weil es so kraftvoll und ehrlich klingt und voller Energie steckt. Wer auf oldschooligen Hardcore-Punk steht, wird Ronin lieben!


Shirley Holmes – „Die Krone der Erschöpfung“ (Rookie Records) [Stream]
Gab es nicht mal eine Kinderserie, die Shirley Holmes hieß? Kurze Internetrecherche und siehe da: Ha, Volltreffer! Die Band Shirley Holmes hat sich nach der zwölfjährigen Urgroßnichte des Meisterdetektivs Sherlock Holmes benannt. Und wie die Spürnase aus der TV-Serie zerpflückt und analysiert das Trio in seinen pfiffigen Texten große und kleine Alltagsthemen. Und zu meiner Überraschung haut mich die dazugehörige Musik völlig vom Hocker. Ich kannte die Band bisher nicht, Die Krone der Eschöpfung ist bereits das dritte Album der Berliner*innen und wenn nicht neulich diese CD im Briefkasten gelandet wäre, wäre dies vermutlich auch so geblieben. Bereits beim ersten Song Binichbinich werde ich hellhörig. Knackige Drums, fuzzy Basstunes, gesprochene Worte, bunte Synthies und verzerrte Gitarren: da kann man so viel raushören, man hat irgendwelche Dischord-Bands vor Augen, dann kommt so Electro-Punk-Sound á la Le Tigre in den Sinn, Sonic Youth, Offspring und Grungegitarren im Nirvanastil sind auch nicht weit. Im Verlauf des Albums wird dann klar, dass Shirley Holmes keine Probleme damit haben, verschiedene Experimente in ihren Sound einzubauen. Bei in nervigem Kindergesang vorgetragenen Kinderreimen, NDW-Synthies und Blockflöten rollen sich bei mir normalerweise die Zehnägel auf, aber hier wurde alles stimmig zusammengepuzzelt. Shirley Holmes lassen sich nicht in Schubladen stecken und wenn man die zehn Songs so hört, dann wird auch klar, dass hier ganz viel Spielfreude und Herz drin steckt. Neben den bereits erwähnten Referenz-Bands kommen auch immer wieder Sachen wie frühe Wir sind Helden oder 100 Blumen in den Sinn. Dazu gehen die Songs direkt ins Ohr und sind extrem tanzbar, hört doch nur mal Das Licht oder Wieder sehen an! Aber hört einfach selbst mal rein und lasst euch überraschen!


 

Caspian – „On Circles“ (Triple Crown Records)

Für Vinylliebhaber dürfte das neue Album von Caspian der absolute Oberhammer sein. Ich habe mich in das Ding auf Anhieb verliebt. Die Doppel-12inch liegt zentnerschwer in der Hand und das Gatefold-Cover ist aus dickem Plattenkarton gefertigt, ins Frontcoverartwork sind die Songtitel kreisförmig eingestanzt. Auch auf dem Backcover wurde diese Technik angewandt, hier kann man Kreise und Quadrate erfühlen. Und im kontrastreichen Gegensatz zum warmfarbigen Frontcover sieht auch das Backcover im schwarz-weiß-Druck fantastisch aus. Klappt man das Gatefold-Cover auf, so findet man im Inneren die Treppe, die auch schon auf dem Frontcover angedeutet ist. Mir kommt das Artwork so vor, als ob die Band dazu auffordern würde, endlich einzutreten, die Treppe runterzugehen und dabei festzustellen, dass es weder einen Anfang noch ein Ende geben wird (No Beginning And No End ist groß auf dem Backcover zu lesen). Um das Artwork außen noch vollständig zu beschreiben: es gibt noch einen Obi-Strip, auf welchem Bandname, Albumtitel und Songtitel zu lesen sind. Na gut, dann komme ich mal der Aufforderung der Band nach und schaue ins Innere: da warten bereits zwei transparente Vinylscheiben mit grünen Sprenkeln darauf, endlich auf den Plattenteller zu dürfen. Zwei mit verschiedenen schwarz-weiß-Fotografien bedruckte Plattenhüllen purzeln auch noch aus dem Inneren, dazu gibt es zwei zusätzliche „Textblätter“ auf Fotopapier, hier sind verschiedene Formen und Muster abgedruckt, ein Unendlichkeitssymbol ist auch noch irgendwo zu sehen. Die Muster erinnern mich irgendwie an die verschwurbelten Tanzmuster aus dem mystischen Film Suspiria.

Nach so viel Optik wird es jetzt aber endlich mal Zeit für die Musik, zu der man immer wieder dazu verleitet wird, den Plattenkarton zu streicheln, am Fotopapier zu schnuppern und das Ding hin und herzuwenden. Sobald das cineastisch anmutende Intro zum Song Wildblood ertönt, spitzt man sofort verzückt die Ohren. Ich empfehle es, dieses Album über Kopfhörer zu genießen, denn erst da kann man mit Haut und Haaren die Musik von Caspian erfahren und begreifen. Bereits dieses Intro schafft es ohne Probleme, die Neugier zu wecken und den Treppenstufen zu folgen, um in die schillernde Welt Caspians einzutauchen. Der Song beginnt mit leichten Pianoklängen und pulsierendem Bass, nach und nach kommen weitere Instrumente wie ein Flügelhorn und ein Saxophon dazu, bis man von ersten Drum-Donnerschlägen und verzerrten Distortion-Gitarren überrascht wird. Ausgedehnte Gitarrenspuren verdichten sich hypnotisch, alles wächst zu einem dichten Klangteppich heran. Es ist wie bei einer Welle, die sich langsam aufbaut, immer größer wird und dann tosend zusammenbricht, bevor nochmals einer kleinere, auslaufende Welle hinterherkommt. Auch das nachfolgende Flowers Of Delight verzaubert auf ähnliche Weise, hier schwingt ein fast schon enthusiastischer Unterton mit. Verglichen mit den Aufnahmen zum letzten Album Dust And Disquiet, das ja mit reichlich schmerzvollen und traurigen Kompositionen und Untertönen ausgestattet war, klingt On Circles insgesamt viel freundlicher und leichtfüßiger. Dass Caspian Meister im vertonen von Gefühlen sind, hört man jedenfalls auf all ihren bisherigen Releases, so ist auch On Circles wieder ein Album, das direkt aus dem Herzen zu kommen scheint. Spätestens beim Song Nostalgist merke ich persönlich, dass der Zugang zum Song noch besser funktioniert, wenn Gesang mit an Bord ist. Hier ist zudem auch noch ein Sänger zu hören, dessen Stimme ich sehr gerne höre. Caspian haben sich hierfür Kyle Durfey, den Sänger von Pianos Become The Teeth ausgeliehen, so dass zur emotionalen Instrumentierung auch noch eine reichliche Portion Melancholie beim Gesang dazu kommt. Ja, das hier sollten die Jungs ruhig häufiger machen!

Caspian waren auch auf On Circles wieder sehr experimentierfreudig, so kommen immer wieder Instrumente wie z.B. ein Cello, eine Violine und zahlreiche andere Percussions zum Einsatz. Natürlich muss hier auch die hervorragende Produktion erwähnt werden. Hört euch doch nur mal den Song Division Blues an, auch der Hall und die leiernden Töne bei Onsra faszinieren ungemein. An den leisen Stellen hört man hier jede Stecknadel fallen, auch bei den lauteren, auftürmenden und atmosphärischen Passagen kann man noch alle Instrumente vernehmen. Und wenn es knallen soll, dann aber gewaltig! Bei fast allen Songs fällt auf, dass sich die Band viel Zeit lässt, den Song aufzubauen und wieder in sich einfallen zu lassen, so dass eine Art unendliche Soundschleife entsteht, wenn man jeden Song für sich in Dauerschleife packen würde. Einzig beim Song Collapser fällt man gleich die Kellertreppe runter und wird von tosenden Gitarrenwänden und hämmernden Drums an die Wand gedrückt. Ach ja, und zum Abschluss der bezaubernden Klangreise kommt bei Circles on Circles nochmals Gesang zum Einsatz, hier erinnert mich die Stimme ein wenig an diesen Typen von Alice in Chains. Wer auf ausgefeilten Post-Rock steht, dürfte an diesem Album kaum vorbeikommen. Abschließend würde ich mir für weitere Releases wünschen, dass das Thema Gesang in Zukunft noch eine größere Rolle spielen würde.

8/10

Facebook / Bandcamp / Triple Crown Records


 

Bandsalat: Audio Karate, Constante, Counsels, Decacy, Knope, Nathan Aeli, Orchards, Radio Havanna

Audio Karate – „Malo“ (SBÄM Records) [Stream]
Was hab ich doch die Space Camp und v.a. die Lady Melody rauf und runter gehört, von Zeit zu Zeit rauschen die Songs beider Alben bis heute immer wieder mal durch die Anlage. Jetzt ist also mit Malo fünfzehn Jahre später und nach der 2018er-Reunion Album Nummer drei der Band aus Los Angeles erschienen. Klar, zwischendurch gab es ja immer mal wieder Lebenszeichen, Teile der Band haben z.B. unter dem Namen Indian School ein Album veröffentlicht, ganz von der Bildfläche waren die Jungs eigentlich nicht. So finden sich auf dem Album die zwei Songs der 2018-er-EP, zwei weitere kennt man als Fan der Band möglicherweise ebenfalls und der Rest ist irgendwie aus alten Demos mit ungenutzten Songs entstanden. So erhält man zwar ein paar neue Songs, aber wie zu erwarten war, ist hier auch etwas Bodensatz dabei, das Album heißt nicht umsonst Malo, was ja im Spanischen soviel wie „schlecht“ bedeutet. Dies wird von der Band ja auch so kommuniziert. Jedenfalls dürften Fans der Band trotzdem ganz gebannt dieser einzigartigen Stimme lauschen, gerade Songs wie Bounce, Sin Cuchillo, Get…Mendoza…,Saturday Night oder das poppige Good Loving Man gehen eigentlich doch ganz klar. Naja, über den Rest reden wir lieber mal nicht und warten gespannt, ob die Band weitermacht und es bald ein richtiges Album zu hören gibt.


Constante – „Selftitled“ (Saka Čost) [Name Your Price Records)
Aus Rennes, Frankreich kommt diese ziemlich neue Screamo-Band namens Constante. Auf ihrer selbstbetitelten Debut-EP gibt es zwar nur zwei Songs zu hören, die haben es aber gewaltig drauf und bringen es auf eine Spielzeit von knapp unter 20 Minuten. Der Song À marée basse, les angoisses legt schonmal düster und fuzzy dissonant los, in elf Minuten baut das Trio vielschichtige Soundpassagen mit fast schon ritueller Wirkung auf und schafft dadurch eine ganz eigenwillige Atmosphäre. Manchmal werden die Gitarren ein bisschen ruhiger und melancholischer, so dass der polternde Bass noch besser zur Geltung kommt. Der Sänger leidet in französischer Sprache, die Texte verarbeiten Ängste, es geht um Selbstfindung, bis man resigniert und erkennt, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, der man schwer entkommen kann. Das zweite Stück Du plomb dans l’aile wird soundtechnisch ein bisschen freundlicher, hier kommen teils ein paar unterschwellige Melodien zum Vorschein. Bis man hier alles erfasst hat, braucht es zwar ein bisschen Zeit, aber dranbleiben wird belohnt. Wenn ihr Bands wie Birds in Row, Daïtro oder Aussitôt Mort mögt, dann solltet ihr das hier mal antesten!


Counsels – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Bei Counsels handelt es sich um eine ganz junge Band aus Leipzig. Seit Mai 2019 spielt das Quartett zusammen, so dass jetzt wenige Zeit später eine ganz ordentlich aufgenommene EP mit fünf Songs erschienen ist, natürlich komplett in Eigenregie. Die Musik der Jungs geht grob in Richtung Midwest-Emo, ein paar Indie-Einflüsse können auch vernommen werden. Wenn man die melancholisch flirrenden Gitarren, den sehnsüchtigen Gesang und die laid back gespielten Drums so hört, dann flackern einige musikalischen Vorbilder vor dem inneren Auge auf. Die Band selbst gibt Bands wie die Mom Jeans, American Football oder Tiny Moving Parts als große Einflüsse an, irgendwie höre ich auch noch ein bisschen Pale oder Jank raus. In Anlehnung an den Bandnamen gebe ich an dieser Stelle den Ratschlag, einfach mal ein bisschen reinzuhören.


Decacy – „Non Cambierà“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Decacy hat sich im Jahr 2019 in Vicenza/Italien gegründet. Mit Non Cambierà hat das Trio jetzt ein erstes Lebenszeichen in Form einer selbstreleasten EP gegeben. Und die darauf enthaltenen sechs Songs können sich absolut hören lassen. Die Jungs machen eine intensive Melange aus Emo, Punk, Screamo, Post-Hardcore, Math und etwas Emoviolence. Dabei geht es treibend und dissonant zu, dennoch schleichen immer wieder tolle Melodien an die Oberfläche, so dass sich tieftraurige Melancholie breit macht. Dazu kommt noch ’ne satte Portion Stop And Go und etwas laut/leise, so dass es schön abwechslungsreich und spannend bleibt und man nach einer 18-minütigen Spielzeit gern noch mal ’ne Runde dranhängt! Geiles Debut, die Band sollte man genau im Auge behalten!


Knope – „Picture Perfect“ (DIY) [Stream]
Die Band Knope kommt aus Fairfax, Virginia und Picture Perfect ist die mittlerweile zweite EP der vier Jungs. Knope machen ziemlich geilen Twinkle-Emo und erinnern daher natürlich sofort an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle. Der erste Song dient als eine Art Intro und es bleibt vorerst rein instrumental. Danach folgen sechs Songs mit Gesang. Die gefühlvoll gespielten Gitarren kommen immer wieder mit tollen Melodien um die Ecke, dazu wird der melancholische Midwest-Emo mit diesem typischen nöligem Gesang/Geschrei dargeboten. Die Melodien gehen gut ins Ohr, so dass nur empfohlen werden kann, sich die Band mal vorzuknüpfen. Als Anspieltipp eignet sich z.B. That’s Not Dinner Talk.


Nathan Aeli – „Katja“ (Middle Man Records) [Stream]
Bei Nathan Aeli handelt es sich um das Solo-Projekt des Gitarristen der schwedischen Screamo-Band Young Mountain. Solo-Projekt heißt, dass er hier fast alles selbst gebastelt und eingespielt hat, zumindest was Gitarre, Gesang, Synthies und sonstigen Krach betrifft. Ganz ohne Unterstützung hat er es aber dann doch nicht hinbekommen, so hilft an den Drums John Andersson von Grace Will Fall, den Bass hat Felix Byström eingespielt. Musikalisch gefällt mir ganz gut, was Nathan Aeli da geschaffen hat. Grob kann man die sieben Songs unter Emo mit leichter Post-Hardcore-Tendenz einordnen. Teilweise wird geschichtet, was das Zeug hält, so dass ein flächiger, mit Watte ausgestopfter Soundbrei entsteht, der eine ganz wirksame Atmosphäre schafft. Das klingt dann im Endergebnis irgendwie verträumt und spacy. Der Gesang ist sehr kopfstimmenlastig, manchmal gar glockenhell, was im Kontrast zum melodischen Soundteppich eigentlich ganz gut passt. Als Anspieltipps empfehle ich jetzt einfach mal Left Behind Along Persiusstr. oder Low, Low, Low. Das hier könnte Menschen zusagen, die auch auf Bands wie Last Days Of April, Jimmy Eat World, Minus The Bear oder Coheed And Cambria stehen.


Orchards – „Lovecore“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche nach eingängigem und charmant klingendem Pop mit weirden Math-Rock-Verweisen seid, dann dürfte die Band Orchards mit ihrem Debutalbum namens Lovecore ein gefundenes Fressen für euch sein. Das Album klingt so frisch und spritzig, da bekommt man gerade Lust, an einem sonnigen Tag mit offenem Verdeck durch frühlingserwachende Landschaften zu brausen und dabei die Songs laut aufgedreht auf sich wirken zu lassen. Schon nach ein paar Durchläufen bleiben die elf Songs im Ohr kleben! Hymnen wie z.B. Burn Alive, Luv You 2 oder History (hier klingt das geloopte Sample irgendwie nach ’nem Sound von irgend ’nem neueren Bring Me The Horizons-Album) wickeln Dich ruckzuck um den Finger! Die angeschrägten Math-Gitarren zünden im Verlauf des Albums eine Hookline nach der anderen, manchmal kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Die Band kommt übrigens aus Brighton/UK und irgendwie fehlen mir gerade die Vergleiche, denn das hier klingt ziemlich einzigartig. Am ehesten fallen mir noch Bands wie beispielsweise The Cardigans oder No Doubt gepaart mit neueren Q And Not U oder Minus The Bear ein, aber das auch nur, weil die Stimme von Sängerin Lucy Evers in ähnlichen Tonlagen unterwegs ist. Auch geil: die bisherigen Videos der Band, allen voran die Pop-Hymne Honey (ist schon länger mal erschienen). Müsst ihr unbedingt anchecken!


Radio Havanna – „Veto & Gossenhauer“ (Dynamit Records) [Video]
Auch mal wieder so eine Band, mit der ich mich noch nie so richtig beschäftigt habe. Ob sich das mit dem vorliegenden Digipack ändern wird? Mal sehen…Bevor ich das Ding in den Player bugsiert hab, rutschte das rote Booklet mit dem schwarzen Kreis (mit Strich durch) in meine Pfoten. Boah, ich dachte schon, da kommt die Neon Golden von Notwist zum Vorschein! Und dann purzelt zu alldem auch noch ’ne Bonus-CD mit dem Titel Gossenhauer raus. Aber hier ist nix mit nerdigem Indierock á la Notwist, Radio Havanna sind eher im melodischen und poppigen Deutschpunk zu Hause. Veto hat 13 Songs am Start, positiv auffallend sind die aussagekräftigen Texte, die eine klare Position gegen ungesunde politische Entwicklungen der Gesellschaft beziehen (z.B. Antifaschisten). Gerade Kids, die gerne angepunkten Deutschrock hören, sollten sich Radio Havanna in die Dauerschleife packen. Die Songs haben neben ihrer positiven Message allesamt ordentlich Ohrwurmcharakter. Eigentlich clever gemacht, denn wer gern Coversongs hört, dürfte mit der Bonus-CD absolut glücklich werden. Da werden nämlich einige olle Kamellen im Punkrock-Mantel verwurstet. Mich packt das alles jetzt zugegeben echt mal eher weniger. Wenn ich aber zurückblicke auf meine musikalische UND politische Sozialisation, dann haben mir in den Achtzigern Radio Havannah-ähnliche Bands wie Die Ärzte und die Toten Hosen die Augen und den Weg in eine Subkultur geöffnet, der ich bis heute mit Haut und Haaren verfallen bin! Wenn ihr Zeugs wie Turbobier, Alex Mofa Gang, Dritte Wahl oder Montreal mögt…dann bitte hier entlang!


 

Midsummer Records-Special: December Youth, Noir Reva, Rivers & Tides, Tides!

December Youth – „How Are You“ (Midsummer Records)
Alles neu bei December Youth: Zwei der ursprünglichen Mitglieder wurden ausgetauscht (Sänger und Schlagzeuger), dazu erfolgte ein Umzug von Düsseldorf nach Essen. Dass gerade ein Sängerwechsel auch mit musikalischen Veränderungen verbunden ist, das lässt sich eigentlich mehr als erahnen. Nicht, dass December Youth auf ihrem zweiten Album komplett anders klingen würden, wie noch auf dem 2016er Debutalbum, aber die Veränderung lässt sich trotzdem irgendwie spüren. Der Sound des Quintetts klingt weit ausgereifter als noch auf dem Debut, was v.a. daran liegt, dass December Youth den dargebotenen Post-Hardcore-Sound geschickt mit Elementen aus Grunge, Emorock, Post-Rock und poppigen Gitarrenmelodien angereichert haben. Und auch beim Gesang wurde mehr auf Abwechslung gesetzt: auf der einen Seite wird leidend gescreamt, zudem kommen auch immer wieder melodisch und clean gesungene Vocals zum Einsatz. In beiden Varianten schwingt sehr viel Melancholie mit, was durch die gefühlvoll gezockten Gitarren und den gegenspielenden Bass noch unterstrichen wird. Und auch in den sehr persönlichen Texten finden sich nachdenklich machende Inhalte. Dass hinter dem Albumtitel kein Fragezeichen steht, hat wohl tiefere Gründe, wie man im beiliegenden Textblatt nachlesen kann. So wird die eigentliche Frage nach dem Wohlbefinden selten aus wahrem Interesse heraus gestellt sondern eher als Floskel benutzt und dementsprechend ungenau fällt auch die Antwort der befragten Person aus. Passend zum Thema wurde wahrscheinlich auch das Coverartwork entworfen. Es zeigt einen bedrohlichen Felsbrocken, der symbolisch wie die seelische Last über einer aufs Meer blickenden Person schwebt. Durchaus ein ernstes Thema, gerade auch in Bezug auf mentale Gesundheit. Jedenfalls schaffen es December Youth in vierzig Minuten Spielzeit und insgesamt zehn Songs, mich total in den Bann zu ziehen. Songs wie das sagenhaft verträumte Pixie Dust, das eindringliche Rain, das mantraartige Sway oder das flirrende Vergissmeinnicht muss man einfach ins Herz schließen! Teilweise erinnert der Sound an Bands wie Thursday oder Touché Amore, dann kommen aber auch Sachen wie Citizen, Basement oder Balance And Composure in den Sinn. Das Album dreht jedenfalls schon einige Zeit seine Runden auf dem Teller und es werden in Zukunft noch etliche folgen, zudem schimmert das Vinyl in silber/grau so schön, wenn das Licht drauf fällt, vermutlich ist das bei der purple marbled-Version ebenso. Jedenfalls ein tolles Album!

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Noir Reva – „Continuance“ (Midsummer Records)
Schon das 2016er-Debut der Band Noir Reva aus Koblenz stieß bei mir seinerzeit auf helle Ohren, obwohl instrumentaler Post-Rock normalerweise nicht so zu meinen musikalischen Vorlieben zählt. Und auch der Nachfolger Continuance führt das konsequent und konstant fort, was mir schon auf dem Debut so gut gefiel. In einer Spielzeit von vierzig Minuten umwickelt das Quartett die Hörer*innen mit einem Konstrukt aus mächtigen Songstrukturen und atmosphärischen Klangfeldern. Das sichtbeschränkte Motiv auf dem Cover der 12inch will zum vielschichtigen Kosmos des Sounds eher nicht so recht passen, denn taucht man in die Musik der Koblenzer ein, dann eröffnet sich ein weitsichtiger Rundumblick in eine geheimnisvolle Sagenwelt. Sobald die Nadel in das in meinem Fall blau schimmernde und mit ein paar Rauchschwaden durchzogene Vinyl eintaucht, empfiehlt es sich, sich voll und ganz auf die Musik einzulassen. Bei mir gelingt das tatsächlich am Besten mit Kopfhörern. Dadurch saugt man jeden noch so winzigen Ton ein, den man womöglich sonst gar nie wahrgenommen hätte, in sich auf. Und von diesen unscheinbaren winzigen Tönen entdeckt man bei jedem weiteren Durchlauf noch weitere. Von ihnen geht eine unglaubliche Intimität und Wärme aus, dazu sorgt die glasklare Produktion für manches Staunen. Flirrende Tremolo-Gitarren schwirren wie Schmetterlinge durch die Lüfte, die Töne umkreisen Dich von allen Seiten, so dass man sich in manchen Momenten wie jemand fühlt, der drei Ohren hat. Im Vergleich zum Debut meine ich, dass Noir Reva ihrem Sound noch einiges an Elektronik-Spielereien hinzugefügt haben. Wieviel Zeit und Arbeit wohl in dem Ding steckt? Sicher ist, dass die Musik mit viel Herzblut, Leidenschaft und Spielfreude ausgestattet ist. Ein ausgeklügeltes Soundspektrum zwischen laut und leise baut sich schichtweise auf, die Instrumente scheinen sich ineinander zu verweben, gerade die beiden Gitarren lassen immer neue Gitarrenmelodien entstehen. Schlagzeug und Bass gehen dynamisch zur Sache, begleiten die Schmetterlingsgitarren wie kleine Marienkäfer im Windschatten und sorgen an den lauten Stellen für reichlich Druck. Dass es dabei auch mal etwas galoppierender zugehen kann, zeigen Songs wie z.B. Skyward oder Goraiko, bei denen auch schonmal eine Double-Bass zum Einsatz kommt. Die atmosphärische Dichte wird an vielen Stellen durch die Verwendung von Synthesizern verstärkt, hört mal diesen wimmernden Geigenton im Song Come Back Apollo! Überhaupt klingen manche der gefühlvoll gespielten Töne nach purer Melancholie. Selbst, wenn nur Piano und Synths wie z.B. beim Beginn von They Do Exist erklingen, strotzt die Musik nur so vor Atmosphäre. Und wenn dann mit Phobia das Grand Finale über die Bühne gegangen ist, dann reibt man sich die Augen, wie wenn man gerade aus einem schönen Traum erwacht ist und man sich umdreht und gleich versucht, nochmals einzuschlafen, um die Traumsequenz zu wiederholen. Meistens gelingt das ja nicht, bei Continuance aber hat man die Möglichkeit, die Platte nochmal umzudrehen und die Reise von vorn zu beginnen! Sehr geile Post-Rock-Platte, kann nur wärmstens empfohlen werden!

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Rivers & Tides – „Sincere Uncertainty“ (Midsummer Records)
Nach zahlreichen EP’s (wenn ich richtig gezählt hab, dann sind es insgesamt vier Stück) und einer knapp achtjährigen Bandlebenszeit wird es endlich mal Zeit für das erste Album. Und das hauen die Regensburger auf leckerem 12inch-Vinyl über Midsummer Records raus. Ob der Albumtitel wohl auch im Zusammenhang mit der langen Wartephase auf das Debutalbum so gewählt wurde? Möglich wäre es. Das Cover zeigt einen Blick mit verschwommener Optik in ein fremdes Wohnzimmer, zusammen mit der Erklärung der Band auf der Rückseite des Textblatts und den Texten kommt langsam Licht in die Sache. Die Band geht auf die lange und beschwerliche Suche nach dem eigenen Ich. Der Selbstfindungstrip wird durch allerlei positive und negative Einflüsse bestimmt, man hat Verantwortung zu übernehmen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Es herrscht Ratlosigkeit, Verlustängste bedrohen das Gemüt genauso wie die Angst vor dem eigenen Versagen. Ein ständiger Balanceakt inklusive Gefühlschaos ist die Folge! Und davon erzählen die 12 Songs. Wie ihr euch vorstellen könnt, wird es im Verlauf des Albums sehr emotional, was sich natürlich auch auf die Musik des Quintetts niederschlägt. Die Regensburger bewegten sich mit den letzten EP’s immer mehr weg vom emotionalen Punk ihrer Anfangsjahre und drifteten immer weiter in Richtung Grunge und Shoegaze ab. Und diese Marschrichtung wurde bei Sincere Uncertainty weiter fortgeführt. Emo und Punk trifft auf Grunge, Post-Hardcore, Indie und Shoegaze, dabei schleichen sich bei jeder Gelegenheit melancholische Momente ein. Natürlich wird man beim Hören an Bands wie Basement, Balance And Composure, Citizen, New Native und Turnover erinnert, dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier einfach nur die musikalischen Vorbilder kopiert wurden. Denn die Songs haben großes Potential, die Songstrukturen sind spannend aufgebaut, nebenbei besitzen sie allesamt einen schön groovigen Drive und strotzen vor Spielfreude. Die Stärke liegt hier ganz klar bei den catchy Refrains und den gefühlvoll wabernden Gitarren, die eine Hookline nach der anderen raushauen. Songs wie z.B. Forever, das sagenhaft verträumte Progress, das etwas flottere Crush oder das kraftvoll gesungene Getting Better Takes Forever stechen hier besonders hervor. Insgesamt bewegt sich Sincere Uncertainty im ausgeklügelten Spiel zwischen laut und leise, gefühlvoll und wütend, verbittert und optimistisch. Und wenn das Album mit Yours To Keep tosend zum Finale kommt, weiß man, dass noch viele weitere Hörrunden folgen werden. Sehr starkes Debutalbum, auch wenn es so lange gedauert hat!

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Tides! – „I’m Not Afraid Of The Dark“ (Midsummer Records)
Drei Jahre nach ihrem Debutalbum Celebrating A Mess legt die Band Tides! aus Saarbrooklyn mit I’m Not Afraid Of The Dark ein weiteres Release mit sechs neuen Songs vor. Das Coverartwork der 12inch zeigt in Anlehnung an den EP-Titel einen ängstlich dreinblickenden Jungen, der sich mit einer Taschenlampe bewaffnet aufmacht, den dunklen Keller zu erkunden und dort die Kiste mit Papas Zeug finden wird, das von Mama aus den bewohnbaren Räumen verbannt wurde, inklusive Rockstar-Poster. Das gemalte Bild lässt jedenfalls schon mal viel Spielraum zur Interpretation zu, zusammen mit den Texten hat man während der zahlreichen Hörrunden sicher noch reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein Textblatt liegt bei, diesmal wurden auch brav alle Texte abgedruckt. Auf der Rückseite des Textblatts sieht man noch ein paar Wimmelbilder der Band, schade dass hier die Bilder ein wenig verpixelt/verschwommen sind. Dafür kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, sobald man das in meinem Fall bierfarbene Vinyl aus der Hülle fischt. Da bekommt man doch sofort Durst auf ein hopfiges Getränk! Vor allem, wenn man dazu noch den melodischen Punkrock im Gehör hat, der nach einem kurzen Spoken Word-Intro trabend aus den Lautsprechern ertönt. Irgendwie erscheint es mir bereits beim ersten Song, dass die Band ihren Sound im Vergleich zum Debut weiter verfeinert hat. Die Songstrukturen sind schön abwechslungsreich gestaltet, Gitarre und Bass scheinen gegeneinander anzutreten, während alles zusammen verdammt catchy um die Ecke kommt. Hierfür sind natürlich die ins Ohr gehende Singalongs und die stets vorhandene Melancholie in den heulenden Gitarren und im wehmütigen Gesang tragende Eckpfeiler. Wie man ja bereits auf den Bildern im Textblatt und dem Video zu 9000 Miles sehen kann, touren die Jungs für ihr Leben gern und mit Leib und Seele, was natürlich auch erklärt, warum der Sound des Quartetts so aufeinander eingespielt wirkt. Wenn ich Songs wie eben 9000 Miles oder den meiner Meinung nach alles übertreffenden Song Icarus höre, dann wünsche ich mich direkt in einen kleinen Punkrock-Moshpit, um mit einem Bier bewaffnet und erhobener Faust die Refrains mitzugröhlen. Falls ihr in den Nullern so ziemlich alles aus Gainesville abgefeiert habt und auch Bands wie Pennywise, The Wonder Years, Hell & Back oder Resolutions mögt, dann wären auch Tides! eine gute Wahl für euch!

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