Bandsalat: At The Heart Of It, Closet Witch & Euth, Khyl, Mališa Bahat, Икар, Statues On Fire, Throatpunch City, Victor Shoes

At The Heart Of It – „You Couldn’t Stay“ (Wide Eyed Noise) [Stream]
Diese fünf Jungs kommen aus Manchester/New Hampshire und auf dieser EP sind zwei starke Post-Hardcore-Songs enthalten, die nach knapp 8-minütiger Spielzeit Lust auf mehr machen. Schade, dass da nur zwei Songs drauf sind. Die Gitarren flirren gekonnt, der Sänger schreit bzw. leidet sich in dieser typischen emotive Hardcore-Tonlage á la Touche Amore/La Dispute durch die Songs, manchmal kommen dann auch weinerliche Spoken Words zum Einsatz. Zwischen Melodic HC- und Ambient-HC-Einflüssen gibt es hier und da auch Screamo-Elemente zu entdecken. Gefällt!


Closet Witch & Euth – „Split“ (Sassbologna Records) [Name Your Price Download]
Nach dem elbenartigen und mystisch anmutenden Frauenchor-Intro gibt es auch gleich die Breitseite von der Closet Witch aus Iowa, die mit giftspeiendem Gekeife und mit der Unterstützung einer ganzen Herde wilder Orks alles niedermäht, was sich ihr in den Weg stellt. Drei Songs, das absolute Powerviolence/Emocrust-Geballer mit Grindcore- und Screamoeinflüssen. Liegt irgendwo zwischen Punch und Asshole Parade und hat ordentlich Dampf im Hintern. Euth aus Wyoming dürfen danach mit zwei Songs antreten. Zuerst denkt man, ah jetzt wird es langsamer, fast schon erinnern die langsamen Passagen an Bands wie Eyehategod oder Graveyard Rodeo, aber dann kommt dieses chaotische Mathgewitter durch. Zwischen Blackmetal, Grindcore und Mathcore kommen auch Screamo und Powerviolence-Passagen zum Einsatz. Krasses Brett.


Kÿhl – „Drittweltstrauma“ (Mustard Mustache) [Name Your Price Download]
Auch mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt: diese Band aus  Dresden kannte ich bisher noch nicht, dementsprechend verblüfft war ich vom flächendeckenden Screamo-Sound der Kapelle. Das Tape ist über das sagenhafte Berliner Label Mustard Mustache erschienen, die Songs würden sich aber auch hervorragend auf Vinyl machen. Ich bin angetan, denn Kyhl bewegen sich gekonnt zwischen Screamo/Skramz, Hardcore (Bremer Schule), Crust, Post-Core und etwas Emo, dazu kommen deutsche Texte mit Botschaft und Köpfchen. Mischt Manku Kapak und Kishote mit Franzosen-Screamo á la Aussitot Mort, dann habt ihr ’ne ungefähre Vorstellung. Oder ladet euch die sechs Songs einfach zum Name Your Price Download auf eure Platte. Lohnt sich definitiv.


Mališa Bahat – „Moments We’re Lost In“ (DIY) [Name Your Price Download]
Französischer Screamo aus Kroatien, so steht es in der Bandinfo geschrieben. Braucht man dazu noch irgendwas? Eigentlich nicht, denn diese sechs Songs erfüllen genau das, was uns an Franzosen-Screamo so sehr gefällt. Hinzu kommen fette, New Day Rising-mäßige Einflüsse. Schrammelige, tiefemotional gespielte Gitarren, die obendrein sehr mächtig und unterschwellig melodiös kommen, dazu ein Schlagzeuger, der jedes Tempo kräftig und hart rannimmt. Und ein Sänger, der seine Stimmbänder herzzerreißend schwingen lässt. Intensiv as fuck! Die Band existiert erst seit 2015 und steht eigentlich erst am Anfang und dann so ’ne Bombe. Ich bin begeistert.


Икар – „\\\\\\“ (DIY) [Freier Download]
Beim Bandcampsurfen stößt man auf solche Bands wie dieser hier, ist dann verzweifelt, da die Mucke super gefällt und man aber keine weiteren Infos über die Band recherchiert bekommt, weil alle Suchanfragen mit kyrillischen Buchstaben auf zwielichtige Seiten im Internet führen, so dass man fast schon meint, sich im Darknet zu befinden. Scheiße aber auch.  Ich würd das hier mal als emotive Screamo mit ganz viel Spielfreude und Herzblut bezeichnen. Und das Beste: das Ding gibt’s for free…


Statues On Fire – „No Tomorrow“ (Rookie Records) [Stream]
Das 2014-er Debutalbum Phoenix der Band aus São Paulo schlug nicht nur in Brasilien hohe Wellen. Auch hierzulande wurde die Mischung aus melodischem Punk mit metallastigen Gitarren positiv aufgenommen, nicht zuletzt, weil hier Mitglieder der in Punkkreisen beliebten Band Nitrominds mitwirken. Nun, auf No Tomorrow erwarten euch zehn Songs, die um einiges besser produziert als das Debut klingen. Zu den Texten kann ich nicht viel sagen, da diese der Promo-CD leider nicht beigelegen haben, aber laut Presseinfo geht’s um alltägliches, um zunehmende Probleme wie Korruption, einhergehende Elitenbildung und dem rasant gebremsten wirtschaftlichen Aufstieg des einstigen Schwellenlandes. Aber kommen wir zum musikalischen: Schon der Opener Lay On Others gibt die Richtung vor, in die es geht. Melodische Gitarren, pumpende Basslines und nach einem Midtempo-Auftakt wird das Melodic HC-Punk-Gaspedal durchgedrückt, die Chöre erinnern dabei an Bands wie Satanic Surfers oder Propagandhi, bevor ein Strike Anywhere-artiger Abgehpart die Sache abrundet. Und immer wieder diese melodisch gezockten Gitarren, die auch ein wenig an Bands wie Ignite erinnern. Aber auch die Metalparts und groovy Midtempozwischenspiele wie beim Titelstück wissen zu gefallen, zudem verhindern diese, dass die Band nicht ausschließlich in die Melodycore-Ecke gepackt wird. Stellt euch eine Mischung aus The Marshes, Brand New Unit, Bridge To Solace, AFI zur The Art Of Drowning-Phase und Samiam (hört mal die Chöre bei My Shoes Are Tight) vor, dann habt ihr’s ungefähr. Bevor noch mehr Namedropping folgt, solltet ihr euch von der Sache selbst ein Bild machen, denn dieses Album weiß nach einigen Durchläufen sehr zu gefallen. Sehr cool!


Throatpunch City – „Two Thousand And Punch: A Face Odyssey“ (DIY) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, aber bei der Covergestaltung der Band aus dem Süden Englands wäre es besser gewesen, mal einen anderen Stil zu wählen. Ich gebe zu, dass ich ein Albumcover-Artwork-Opfer bin. Normalerweise hätte ich in diese EP hier niemals reingehört, da sie mich optisch einfach nicht angesprochen hat. Weiß auch gar nicht, warum ich es trotzdem gemacht hab. Aber egal, denn diese drei Songs wissen schon zu gefallen, wenn man auf Bands wie Saosin, Coheed And Cambria, Circa Survive oder Q And Not U steht. Klar, die Kopfstimme des Sängers nervt ein wenig, wenn sie theatralisch wird, aber das instrumentale Geschehen macht das wieder wett. Progressiv, verschwurbelt und frickelig, aber trotzdem melodisch. Zippt euch das Ding mal schnell!


Victor Shoes – „You’ll Get Better At It“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Schönen gitarrenorientierten Emopunk/Midwest-Emo gibt es von diesem Trio aus Minnesota auf die Kopfhörer. Insgesamt vier Songs zwischen Algernon Cadwallader, I Love Your Lifestyle, Grey AM und  Mid Carson July. Genau das richtige für laue Sommernächte am Baggersee. Passt nur auf, dass ihr beim alkoholbedingten Baden nicht so endet, wie die Actionfigur auf dem Cover!


 

Kuballa – „Auf dem Weg durch die Zeit“ (KBLA RCRDS)

Irgendwann im Jahr 2014 stieß ich auf die Band Kuballa, bei einer meiner ausufernden Bandcamp-Surf-Eskapaden. Vom Sound der Ludwigsburger angetan, musste ich natürlich supporten und postete eine klitzekleine Empfehlung, damals noch auf Borderline Fuckup . Zwei Jahre später kommt nun die neue 7inch der Band auf dem Postweg eingeflattert. Wie geil ist das denn, das freut natürlich ungemein! Sympathisch.

Das Astronauten-Artwork stammt übrigens von Micha/Schwarzer Rand. Und wieder muss ich feststellen, dass man mit einfachen Mitteln große Wirkung erzeugen kann. Graphisch wie musikalisch. Sieht ansprechend aus, das Ding. Zur Musik: Nun, mein größter Kritikpunkt damals war der eine englischsprachige Song und so wie es aussieht, hat die Ludwigsburger Band meinen Rat in Taten umgesetzt. Davon bin ich überzeugt, haha. Deutsch steht Kuballa einfach besser zu Gesicht, das wird bei den teils eingesprengselten englischen Lyrics (z.B. bei Frankie) deutlich. Trotzdem, die englischen Einsprengsel gehen gerade so durch, auch deshalb, weil der treibende Punkrocksound schön nach vorne prescht und man dadurch abgelenkt wird und drüber hinweg hört.

Genau so sollte Deutschpunk anno 2016 klingen. Flott, melodisch, authentisch und mit viel Herz gespielt. Wer Slime, V-Mann Joe oder Inferno vergöttert und auch auf Melodie-Punk und ganz viel Hamburg-Mucke á la Captain Planet steht, der sollte dieses leckere Scheibchen unbedingt anchecken. Warum? Die Gitarren kommen locker aus dem Handgelenk gespielt, die Drums würden durch den Raum fliegen, wenn sie nicht mit dicken Nägeln festgetaped wären, der Bass pluckert geil und der Sänger hat’s auch drauf. Mich freuen diese vier Songs der vier Jungs und dem Mädel an der Gitarre ungemein. Scheiß Zwangsneurotik, jetzt muss ich doch glatt ’ne Rechnung aufstellen: 4 Songs * 4 Jungs + 1 Gitarristin = 17. Ja genau, da fühle ich mich echt wieder wie mit 17, die Welt ist größer als Riffs und Schnaps!  Da gibt’s nicht mehr zu sagen, nehmt euch das zu Herzen.

7/10

Facebook / Bandcamp


Tempano & Te:rs – „Split 7inch“ (lifeisafunnything/Dingleberry u.a.)

Beide Bands dürften aufmerksame Leserinnen und Lesern dieser Seite bereits auf dem Tacho haben. Sollte dies nicht der Fall sein, dann bietet diese 7inch eine erste Gelegenheit, beide Bands begeistert kennenzulernen. Und ja, dieser Einstieg lohnt sich für Unkundige ebenso wie für bereits angefixte Personen. Dieses kleine Schmuckstück hier ist in Zusammenarbeit mit mehreren Labels entstanden. Neben lifeisafunnything sind noch Dingleberry Records, Koepfen Records, Pifia Records und C.S.A. Antiguos almacenes de la mina mit an Bord.

Bevor man an das durchsichtige Kermit-grüne Vinyl dran kommt, ist es eine Freude, den dicken und schön besiebdruckten Karton zu befühlen und zu beschnuppern. Mannometer, solche DIY-Releases treffen wirklich mitten ins Herz. Was ich damit meine, werdet ihr feststellen, wenn ihr das DIY-Gatefold-Cover aufklappt und euch weitere Siebdrucke und die Texte entgegen purzeln. Und dann flattert auch noch neben dem obligatorischen Downloadcode ein weiteres besiebdrucktes Blatt mit der englischen Übersetzung des Tempano-Songs und Thankslisten von beiden Bands entgegen. Wie ich Thankslisten liebe! Früher, als es das Internet noch nicht gab, war man auf Thankslisten angewiesen. Durch diese hat man wahnsinnig viele neue und total geile Bands entdeckt, bzw. bestellte man das Zeug blind bei irgendeinem Mailorder ungehört und hatte bei zehn Bestellungen meistens ein bis zwei Treffer dabei. Sehr cool!  Auf dem Textblatt erfährt man auch, dass für die kunstvollen Siebdrucke die Menschen hinter Heartless DIY printings verantwortlich sind und dass die Tonmeisterei für den druckvollen und kernigen Sound den Kopf hinhalten muss. Großartig!

Nun denn, beginnen wir mal mit den Spaniern. Gerade mal ein Song genügt, um die Tragweite und Tiefe des Trios aufzusaugen. Tempano kommen aus Torrelavega und treiben mit ihrem tosenden Temperament die Temperatur temporär – genau für 3:49 Minuten – total in transzendente Höhen. Tausende Kilometer away from Taka Tuku Land, Tri-Tra-Tulala, Tendenz steigend. Haha. Aber mal im Ernst, dieser Song hat es in sich…Keifen, Knüppeln, Leiden…die Seele rauskotzen!  Da möchte man direkt mehr davon. Trollige Typen, geiler Song, macht Lust auf mehr!
Tempano Facebook / Tempano Bandcamp

Auf der B-Seite tummeln sich Te:rs aus Göttingen, die ihre todtraurigen Melodien tief in eure tollwütigen Herzen tauchen und an einer Tour trampelnd wie ein tropfender Wasserhahn den Takt halten, eure Träume teilen und euch den Tag versüssen. Dieser eine Song hier ist eine wahre Freude.  Er beginnt tapsend, tastet sich an den Höhepunkt heran und endet tosend, zwischendurch hat man das Bild eines tollenden jungen Terrier-Welpen vor Augen, bevor man im nächsten Moment in einem tobenden Taifun tanzt, danach gleich auf einen Torpedo trifft und zum Schluss von einem Transporter überrollt wird. Sagt mal, merkt ihr das mit den vielen T’s? Tsts, also, ich hab einen im Tee.  Nur weil beide Bandnamen mit T beginnen? Ganz schön übertrieben! Tautogramm-Texte sind tatsächlich nicht ganz einfach. Ich lache gerade Tränen. Trinken tötet Gehirnzellen. Und Tingel-Tangel-Bob  trödelt beim Gang an die Tafel. Traut euch und taucht ein in die total tolle Welt von Tempano & Te:rs. Es lohnt sich, ihr Tagediebe! Tatatataaaaaaaaa!
Te:rs Facebook / Te:rs Bandcamp

8/10

Stream / lifeisafunnything / Dingleberry Records


Bandsalat: A Saving Whisper, Bymyside, Celestica, December Youth, Eleanora, Knola, Monte Ida, Tvivler

A Saving Whisper – „Neverlandscapes“  (midsummer records) [Stream]
Lange Zeit war es ruhig um die Band aus Nürnberg, die sich seit Bandgründung im Jahr 2007  schnell einen Namen in der Szene erspielte, was v.a. den zwei EPs und zahlreichen Shows geschuldet war. Kurz nach Erscheinen der zweiten EP im Jahr 2011 zogen sich die Jungs zurück, um am Material dieses Albums zu werkeln. Nun, ich würde sagen, die Arbeit hat sich gelohnt, denn Neverlandscapes ist ein intensives und gelungenes Album geworden, welches zu keiner Sekunde langweilig wird. Die Jungs gehen viel experimenteller als bisher ans Werk.  Soll heißen: die Post-Hardcore-Anteile wurden deutlich in die Höhe geschraubt, zudem wird durch die  dynamischen Wechsel mehr Spannung erzeugt. Laut Presseinfo wurden die Songs bewusst ohne Click aufgenommen, um ein Statement gegen die überproduzierten Szene-Veröffentlichungen der letzten Jahre zu setzen. Elf Songs in knapp 43 Minuten, das muss man erstmal hinbekommen, ohne gröbere Ausfälle. Das Album kommt in seiner Gesamtheit sehr sphärisch und düster daher, trotzdem stellt es einen kleinen Lichtblick dar. Wer auf Zeugs wie Being As An Ocean oder Underoath kann, sollte das mal anchecken. Als Anspieltipp empfehle ich Misled Leader. Tolle Chorgesänge sind das.


Bymyside – „Affogare, risalire, ricadere“ (entes anomicos u.a.) [Name Your Price Download]
Emotive Screamo aus Italien, genauer gesagt aus Cesena. Und ja, hier wird gelitten und gekreischt, was das Zeug hält. Freunde von klassischem italienischem und französischem Screamo dürften hier dran ihre wahre Freude haben. Die Gitarren sägen kräftig, es kommen aber immer wieder unterschwellige Melodien an die Oberfläche, die einen durchdrehen lassen. Gekreischt wird in der Landessprache. Geil kommen auch die sphärischen, ruhigeren Gitarrenklänge, die hin und wieder eingesetzt werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch das Interlude-artige Aurora. Geht ungefähr in Richtung Ojne, alle Daumen nach oben.


Celestica – „How to Speak With Gravity“ (DIY)  [Name Your Price Download]
Die Drums am Anfang des Openers und auch etliche Gitarrenpassagen im Verlauf des selbst releasten Debuts erinnern mich in irgendeiner Art und Weise an At The Drive-In. Und siehe da, in der Begleit-e-Mail werden als Einflüsse neben Bands wie Refused und Crime In Stereo eben auch ATDI erwähnt. Die Band aus Götheborg klingt auf den zehn Songs schön hektisch, hier ist vor allem das arhythmisch gespielte Schlagzeug und der knödelnde Bass zu nennen, die Gitarren rocken auch die Bude, nur beim Gesang würde ich mir etwas mehr Abwechslung wünschen. Textlich geht’s um Feminismus, Freundschaft, Veganismus und Psychische Erkrankungen in unserer kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Für das satte Mastering ist mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden verantwortlich. Für’s Mixtape empfehle ich In Lieu Of Love.


December Youth – „Relive“ (Midsummer Records) [Stream]
Direkt beim ersten Durchlauf stampfen die Beinchen munter im Takt, das ist schonmal ein gutes Zeichen. Und das hat auch seinen Grund. Das Debutalbum von December Youth aus Düsseldorf dröhnt druckvoll und drastisch, dabei darf es dann aber auch ab und an dramatisch werden, durchdachte Melodien dürfen dabei keinesfalls fehlen, die Drums dreschen auch doll durch.  Klar, dass man bei anderen Melodic Hardcore-Bands schon ähnliches gehört hat, das ist kein Geheimnis. Und trotzdem bleibt man hängen und ist fasziniert von den ausgefeilten Post-Hardcore-Passagen, den ausgeklügelten und liebevoll gespielten Gitarren, auch der Gesang kommt ziemlich authentisch rüber, obwohl er an manchen Stellen etwas eintönig klingt und das Ganze in einem besseren Licht dastehen würde, wenn hier ein wenig Abwechslung mit drin sein würde (wie z.B. bei Night Train Talks zu Beginn oder im Mittelteil bei diesem genialen Chor). Jedenfalls steckt hier viel Liebe und Herzblut drin, das sieht man auf Anhieb, allein die lesenswerten Lyrics sollte man sich mal zu Gemüte führen. Diese elf Songs müsst ihr euch unbedingt reinziehen, wenn ihr auf Zeug wie I Saw Daylight, Rainmaker, Thursday oder Serene steht. Und ja, bei  dem bereits erwähnten Night Train Talks (The Angst In Us) kann man schonmal an manchen Stellen eine Gänsehaut bekommen.


Eleanora – „Allure“ (Consouling Sounds) [Stream]
Das Ding muss man laut aufgedreht – Kopfhörer oder Anlage, egal – anhören, dabei entfaltet der apokalyptische Sound noch mehr Tiefe und Brachialität. Die Gitarren kommen extrem fett rüber, dazu die kraftvoll gespielten Drums und der blutgurgelnde Sänger, sehr schön. Und bevor man es mit der Angst zu tun bekommt, schleichen sich längere und ruhige Parts dazwischen, die auch nicht gerade zum Schunkeln und Fröhlichsein animieren. Vier Songs in fast 45 Minuten zeigen schon, wohin diese Reise geht. Zwischen hektischem Screamo, brutalem Sludge-Hardcore bis hin zu leiseren Post-Hardcoreklängen entsteht so ein intensives Brett, das gleichzeitig hochemotional zu überzeugen weiß. Die Gitarren erinnern mich irgendwie an Serene/Children Of Fall, da sie immer schön flächige Melodiebögen transportieren. Die Belgier haben mit Allure jedenfalls ein atmosphärisches Album geschaffen das gleichzeitig ein richtig intensives Brett ist. Das Ding hätte ich gerne auf Vinyl.


Knola – „To The Rhythm“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Das Debutalbum des Trios aus den Staaten dürfte jeden begeistern, der sich auf Midwest-Emo mit leichten Indieeinflüssen einlassen kann. Die neun Songs plätschern schön slackermäßig dahin, da werden Erinnerungen an die ersten Youth Group-Sachen wach, American Football schaut um die Ecke, Dinosaur Jr. geben sich ein Duett mit Pavement, The Cherryville und Perfect Future treffen auf The City On Film. Diese Gitarren, das Drumming, der eigenwillige Bass und dazu dieser zerbrechliche, etwas nasale Gesang. Großartig! Diese intensive Platte müsst ihr euch unbedingt anhören, wie gerne würde ich mir diese Songs auf Vinyl gönnen!


Monte Ida – „Corinth“ (DIY) [Freier Download]
Mitreißenden Screamo bekommt ihr auf der zweiten EP des Trios aus Rennes/Frankreich zu hören. Die Gitarren schrauben sich flächig zwirbelnd in bester Franzosen-Screamo-Manier ins Gehör, dazu sind sie dennoch unterschwellig melodiös. Harmonisch disharmonisch sozusagen. Dazu passt dann das hektische crashbeckenbetonte Getrommel und der heiser schreiende und leidende Sänger wie die Faust auf’s Auge. Allerdings schreit dieser nicht auf Französisch sondern in Englisch. Und sieh an, die super Produktion ist mal wieder auf Jack Shirleys Mist im Atomic Garden gewachsen. Vier Songs, alle sehr intensiv und fantastisch, zieht’s euch rein.


Tvivler – „Negativ psykologi #2“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es ist noch nicht lange her, da feierte ich im Rahmen einer Bandsalatrunde die Debut-EP dieser neuen Band aus Kopenhagen/Dänemark ab, die sich übrigens aus Mitgliedern der Bands Lack, Town Portal und Obstacles zusammensetzt. Nun ist vor Kurzem die zweite EP der insgesamt dreiteiligen EP-Reihe der Jungs erschienen, und diese hat es wie das Debut ebenfalls in sich. Vier Songs, zappelnd, wild, intensiv. Der Sound hört sich so aufgekratzt an, als ob jeder der vier Musiker mit beiden Beinen in einem Ameisenhaufen stehen würde. Die Lyrics werden in der Landessprache vorgetragen. Neben den damals bereits erwähnten Books Lie, Bear Vs Shark, Lack und Children Of Fall kommen mir diesmal auch noch At The Drive-In in den Sinn. Ich bin gespannt auf EP Nr.3.


 

Mumrunner – „Gentle Slopes“ (Wolves and Vibrancy Records)

Bevor ich zur Musik komme, kann ich nur schon mal andeuten, dass das Artwork dieses 12inch-Release gebührend abrundet. Das Ding verhält sich zur Musik wie ein guter Wein zu einem sagenhaft wohlschmeckenden Essen. Der kreisrund ausgestanzte schwarze Karton gibt den Blick auf den innenliegenden weißen Karton preis, der mit einer schönen Zeichnung bedruckt ist. Die Zeichnungen stammen von Pascal Hauer, der auch schon für Bands wie z.B. Nothing oder Trautonist arbeitete.

Nun, mir kam beim Betrachten des Albumcovers spontan das Märchen Hänsel und Gretel in den Sinn. Kleiner Exkurs für diejenigen von euch, die niemals was frei erzählt oder vorgelesen bekommen haben und deshalb das ulkige Märchen nicht kennen. Ich kann nur sagen: Kinder lieben das Zeug, die sind echt mal sadistisch. Naja, Hänsel und Gretel sind die Kinder eines armen Holzfällers. Zusammen mit der Mutter lebt die Familie nicht im Plattenbau, sondern im Wald. Eines Tages (haha, typisch Märchen) als die Hartz4-Familie nichts mehr zu essen hat, verlangt die Asi-Mutter vom Alki-Vater, dass dieser die Kinder im Wald aussetzen soll, weil nix mehr im Kühlschrank ist. Hänsel hat das Gespräch belauscht und nimmt bei der Wanderung durch den vermüllten Wald extra altes Brot mit, um  den Weg mit Brotkrumen zu markieren, so dass sie später wieder anhand der gelegten Spur zurückfinden. Als sich der Vater verkrümelt und sie alleine zurücklässt, finden sie jedoch die ausgestreuten Brotkrümel nicht mehr, da diese von einem gefräßigen Vogel aufgepickt wurden. Sie verlaufen sich tief im Wald und entdecken ein Haus aus Lebkuchen, in welchem eine kinderfressende Hexe wohnt. Knusper knusper Knäuschen, wer knabbert an meinem  Häuschen? Der Wind der Wind, das himmlische Kind. Na, rattert’s jetzt bei euch? Nun, am Ende bekommt die doofe Hexe ’nen Arschtritt von der frechen Gretel und verbrennt mitsamt ihren vergammelten Klamotten im Backofen. Die Kinder geben sich high five und treffen den vollgefressenen Vogel, der ihnen dankbar den Weg  zurück zu den Eltern zeigt, die mittlerweile beim Pfandleiher waren und wieder mehr zu essen haben. Zurück zu Muttern! Und da wären wir ja schon beim Bandnamen angekommen, Mumrunner. Ach so, es gibt übrigens mehrere Versionen des Märchens. Deshalb habe ich mich gefragt, ob hier eventuell eine neue, bisher noch unbekannte Version der Geschichte im Artwork zu sehen ist. Die Kinder nehmen das Skelett der Hexe mit, um damit zuhause ein bisschen anzugeben. Als sie auf den Vogel treffen, erwacht das Hexenskelett zombiemäßig und schnappt sich den Vogel, so dass Hänsel und Gretel  letztlich doch im Wald verrecken. Diese Idee kam mir in den Sinn, als meine erfreuten Augen die auf der unbespielten Seite der 12inch besiebdruckten und äußerst hübsch anzusehenden Zeichnungen erblickten. Potzblitz, so ein Kunstwerk. Das regt die Phantasie an, wie ihr seht. Und ja, ich bin ein wenig abgeschweift, was aber durchaus passieren kann, wenn man die Nadel nach jedem Durchlauf wieder wie hypnotisiert an den Anfang setzt.

Ich fand ja die Debut-EP Full Blossom schon äußerst gelungen. Kein Wunder, dass diese vielerseits hochgelobt und angepriesen wurde. Nun folgt also die zweite EP der finnischen Band aus Tampere mit insgesamt fünf Songs, die es absolut in sich haben. Und ja, die Band hat ein Händchen dafür, die Songs weiterhin himmlisch magisch klingen zu lassen. Hier werden verträumte Shoegaze-Gitarren mit ebenso verträumtem Gesang kombiniert, dass man sich irgendwo im sounddurchfluteten Traumland wähnt, in dem die umschmeichelnden Melodien niemals ausgehen. Plätschernd, fließend, mit wavigen Bassläufen und ’ner Menge wohlklingendem Hall auf dem Gesang und nachklingendem Echo aus einer Paradies-Welt, in der es keine Kriege und kein menschliches Leid gibt.  Sanft klingt das, aber trotzdem spannend. Sanftes Gefälle, sanfte Steigung, eine hügelreiche Traumlandschaft, wie schon gesagt. Wem Bands wie The Cure, Lush oder ruhigere Sore Eyelids zusagen, sollte das hier absolut nicht verpassen. Der Sänger erinnert von der Tonlage her etwas an den Typen der Band Freewill/Stone Telling. Wenn ihr z.B. das Stück Cascais auf eines eurer nächsten Mixtapes packt, dann könnt ihr euch sicher sein, dass etliche Nachfragen kommen werden, was das jetzt schon wieder für ’ne geile Band sein soll…Absolute Schönheit, das hier!

9/10

Facebook / Bandcamp / Stream / Wolves And Vibrancy Records


Past – „Cliffhanger“ (Dingleberry Records u.a.)

Diese Wellenoptik auf Albumcovern ist mir in letzter Zeit ähnlich häufig unter die Augen gekommen, wie einst die Totenschädel-Thematik bei Metalbands. Naja, im Falle von Past muss man sagen, dass der Kontrast der düster wirkenden Fotoaufnahme der Wellen auch ein paar helle Einblicke preis gibt. Zudem erinnert mich das Ding auch ein wenig an eine Ultraschall-Aufnahme, wie man sie von auf Facebook geposteten Fotos frisch entstandener Embryonen her kennt. Ich komme aber nochmal auf die Wellenoptik zurück, denn dieses Wellending passt bildlich hervorragend zum Sound des Trios aus Bordeaux. Denn dieser kommt unberechenbar, wie die See mal tobend, mal bedächtig und dann wieder stürmisch aus den Lautsprechern gekrochen. Krass, wenn man die Nadel aufgelegt und das Zeug auf den Ohren hat, dann würde man eher annehmen, dass man es mindestens mit fünf Leuten in der Band zu tun hätte. Denn Past lassen keinen Stein auf dem anderen und zerlegen die Bude mit ihrem mächtigen Sound in Nullkommanix.

Und falls ihr jetzt diesen typischen Franzosen-Screamo erwartet, dann muss ich euch enttäuschen. Denn die Jungs machen einen ziemlich spannungsgeladenen Mischmasch aus Screamo, Post-Hardcore, Post-Rock und düsterem Hardcore, dazu gesellt sich etwas emotional Hardcore. Dass die Energie hörbar aus den Lautsprechern hüpft, ist sicher auch der Liveaufnahme und der fetten Produktion der elf Songs zu verdanken. Zudem legen die Franzosen eine Spielfreude an den Tag, die ich mir unbedingt mal gern live anschauen würde. Supergenial finde ich, dass jeder in der Band mal ins Mikro schreien darf, so dass es nicht nur vom Gesang her schön abwechslungsreich bleibt. Auch die Gitarren zaubern das ein oder andere geniale Riff aus dem Ärmel, dazu passt natürlich der gegenspielende und satt abgemischte Bass genauso ins Bild wie die druckvoll gespielten Drums. Die raffinierten Songarrangements sorgen ebenso für Spannung, zudem strotzen die Songs vor Dynamik. An einigen wenigen Stellen wird auch mal das Tempo gedrosselt, was natürlich die nachfolgenden Passagen noch mächtiger erscheinen lassen.

Past machen auch textlich ihrem Namen alle Ehre. Die Lyrics kommen rückschauend und ultra-persönlich daher und behandeln Themen aus dem alltäglichen Leben, der emotionale Blick auf das menschliche Dasein steht im Vordergrund. Dabei überwiegen die traurigen Ereignissen wie z.B. das Ende einer Beziehung oder der Tod einer geliebten Person, auch Verzweiflung, Wut und Angst sind Inhalte. Sehr aufwühlend und nachvollziehbar das Ganze, keine Frage. Seinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden, ist gar nicht so einfach. 35 Minuten geht die spannende Reise, dabei gibt es insgesamt elf Songs (darunter zwei instrumentale Interludes) auf die Ohren. Wer sich eine Mischung aus Birds In Row, We Never Learned To Live, State Faults und Cult Of Luna vorstellen kann, sollte das Ding hier unbedingt antesten. Erscheint als Co-Release, neben Dingleberry Records sind noch die Labels Unlock Yourself, Voice Of The Unheard und Desertion Records beteiligt. Eine Hammerplatte, die mit jedem weitern Durchlauf noch mehr wächst! Zulegen, Leute!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Kepler – „Selftitled Tape“ (DIY)

Diese Band dürft ihr nicht mit der kanadischen Indierock-Band gleichen Namens verwechseln. Denn diese Kepler hier kommen aus dem Ruhrpott, genauer gesagt aus Mühlheim und das  hier ist die erste Veröffentlichung der vier Jungs. Offenbar stand für die Namensgebung das Weltraumteleskop Pate, mit welchem im unendlichen Kosmos nach erdähnlichen Planeten gesucht wird. Nun, In diesem blaufarbigen Tape steckt sehr viel DIY-Spirit drin. Das handbeschriftete Tape sieht knallig aus, dazu kommt noch ein liebevoll gefaltetes Textblatt. Um dieses raffiniert gefaltete Textblatt wieder in den Originalzustand zurückzufalten, musste ich dann tatsächlich die Hilfe meiner Liebsten in Anspruch nehmen, die mich in solchen Fällen immer sehr entgeistert mustert und mir einen sehr geringen IQ unterstellt. Ich gebe es ungern zu, aber in Bastel-Aktionen stink ich total ab. Nach ein paar Mal Üben mit der Kindergartentante hab ich’s dann sogar ganz alleine geschafft! Jubel! Jedenfalls gefällt das Textblatt auch deshalb, weil sich da die Band handschriftlich für den Erwerb des Tapes bedankt. Sehr persönlich, so gehört das!

Auf insgesamt vier Songs in knapp 15 Minuten, zeigen Kepler, dass sie sowohl die leisen, bedächtigen Passagen, als auch die lauten Screamo-Ausbrüche und melodieverliebten Emoparts beherrschen. Und da es massig Bands gibt, die diese Sache bis zur Perfektion ausreizen, erzähl ich euch mal folgendes: was diese Aufnahme so sympathisch macht, ist der roh gelassene Sound des Quartetts. Das sagt mir einfach mehr zu, als diese auf dicke Hose gemachten Überproduktionen. Was allerdings ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, ist die Stimme des Sängers, der teilweise ziemlich hoch gröhlt, was manchmal etwas deplaziert wirkt, aber andererseits wird der Musik dadurch ein enormes Wiedererkennungsmerkmal gegeben. Nach etlichen Durchläufen bin ich sogar der Überzeugung, dass dies als Stilelement extra so gewählt wurde, um sich aus der Masse etwas herauszuheben. Aber bevor ich mich jetzt zu sehr auf den Gesang einschieße, kommen wir lieber mal zum instrumentalen Grundgerüst. Naja, eines muss ich zum Gesang noch loswerden: obwohl dieser ziemlich eigenständig ist, kommen an manchen clean gesungenen Stellen Erinnerungen an Sänger wie Geoff Rickly von Thursday, Brian Molko von Placebo oder Cedric Bixler von At The Drive-In in den Sinn.

So, nun aber wirklich zum instrumentalen Geschehen. Das bockt nämlich ungemein und hat seine Vorbilder im Post-Hardcore/Emo Ende der Neunziger. Hört euch nur mal den Opener Invisible an. Der Song fängt leise und bedächtig an, geht in vertracktes Chaos über, wird von crashbeckenverliebtem Drumming begleitet, bis das Tempo rausgenommen und anschließend wieder angezogen wird. Und dann kommt ein absolut emotionales Zwischenspiel ab der zweiten Spielminute um die Ecke, das mit genialen mehrstimmigen Chören begleitet wird. Gerade da schleicht sich das Geschrei des Sängers so intensiv rüber, dass die Gänsehaut nicht lang auf sich warten lässt. Und auch die restlichen drei Songs brennen sich ins Gehirn. Ein weiteres Highlight stellt der Song September dar. Aber bevor ich noch weitere Buchstaben aneinanderreihe, solltet ihr lieber mal selbst reinhören.  Eigentlich solltet ihr euch die EP zum Name Your Price Download holen und nach ein paar Durchläufen schnell bestellen, da es nur 50 Tapes gibt. Also, ranhalten, so eine Band sollte unterstützt werden!

7,5/10

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