Schwach – „Kälter“ (Upstartz Records u.a.)

Die Berliner Hardcoreband Schwach ist mir bis zur Besprechungsanfrage zu ihrem neuen Album tatsächlich vorher noch nie unter die Ohren gekommen, obwohl die Jungs wohl auch schon wieder fast zehn Bandjahre auf dem Buckel haben. Nun gut, veröffentlichungstechnisch ist der Output der Berliner auch nicht gerade üppig (ein Album, eine Handvoll EPs und eine Split), zudem war aus bekannten Gründen die letzten drei Jahre nicht viel mit schwitzigen Hardcore-Moshpits geboten. Mit Kälter legt das Quintett jetzt also Album Nr. zwei vor. Das Release ermöglicht haben die Labels Refuse Records und Upstartz Records, und nach kurzer Interessensbekundung an einer Besprechung des Albums kam auch schon ein paar Tage später ein liebevoll geschnürtes Paket mit dem guten Stück im 12inch-Format aus dem Hause Upstartz Records ins Haus geflattert.

Für das Albumcover wurde eine schwarz-weiß-Fotografie eines warm eingepackten Kindes gewählt. Wie man in den ausführlichen Linernotes des beigefügten und beidseitig bedruckten DIN A3-Sheets erfährt, handelt es sich bei der Fotografie um ein während der Nordirland-Unruhen aufgenommenes Foto aus dem Bildband „West Belfast 1985-1988“ von Mike Abrahams. Die angstvolle und skeptische Mimik des Kinds über die damalige Situation und den Zustand der Gesellschaft spricht Bände, übertragen in unsere derzeitige Lage rund um die Erde steht der Kummer und die Sorgen dieses Kindes stellvertretend dafür, was ja durch den Albumtitel noch verstärkt wird. Zusätzlich zu den Linernotes sind auf der Innenhülle die deutschsprachigen Texte (mit teils anderssprachigen Parts bzw. Guest-Vocals) abgedruckt. Und natürlich gibt es einen Downloadcode und ein Aufkleber mit dem Slogan Youth Crew Punk ist auch noch mit dabei. Das ist heutzutage bei den Papier- und Druckkosten nicht mehr selbstverständlich und unterstreicht deshalb nur nochmals die Wichtigkeit des Inhalts und das Herzblut der am Release beteiligten Menschen. Hardcore heißt wieder kämpfen, politische Inhalte, Gesellschaftskritik und eine optimistische Stimme gegen die Gesamtscheiße schienen in den letzten Jahren im Hardcorebereich leider immer unwichtiger zu werden und Schwach liefern durchaus reichlich klischeefreies Gedankenfutter und Kritik in diese Richtung.

Und sobald die Nadel aufsetzt, ist man dazu verdammt, den Lautstärkeregler der Anlage enorm zu erhöhen, denn das Geballer des Openers braucht Volumen! Geil, das Gebretter erinnert aufgrund der deutschen Texte mit Inhalt und natürlich aufgrund des derben Geschreis an Bands wie Hammerhead, Empowerment (bzw. Sidekick), Growing Movement oder Bombers From Burundi, die Youth Crew-Polit-Inspiration kommt dann von Bands wie Miozän, Nations On Fire oder Seein‘ Red. Energiegeladene Power, wütend und roh, super abgemischt (Tonmeisterei mal wieder), knackig und auf den Punkt! Obwohl das Ganze schön fett klingt (Gitarre, Bass, Drums und Gesang sind absolut gleichwertig abgemischt), merkt man den deutlichen Punk-Background der Berliner. Und das liegt nicht nur am Text zum Song Gedankenpalast, in dem einschlägige Bands wie Highscore, Schleim-Keim und Muff Potter Erwähnung finden, sondern durchaus auch am hardcorepunkigen Sound des Quintetts, den man im Verlauf des Albums zu hören bekommt. Außerdem wird nach dem Geknüppel des Openers gleich klar, dass die Jungs auch groovig können, zudem gefällt mir im Verlauf des Albums die Vielseitigkeit und die Fülle an Ideen, die aber nicht wild durcheinander Chaos erzeugen, sondern ausgeklügelt zusammengeschnürt ein komplexes Ganzes geben! Verdammt geil find ich z.B. das bei einigen Songs eingesetzte Saxophongedudel, das kommt ziemlich genial rum! Insgesamt sind zwölf Songs zu hören, die mit jedem Durchlauf weiter wachsen und dann auch irgendwann richtig gut ins Ohr gehen, so dass dem nächsten Circlepit mit Massenansturm auf’s Mikro eigentlich nichts mehr im Wege stehen dürfte. Und nach einem anstrengenden Tag mit viel menschlichem Müll läst es sich hierzu richtig gut abreagieren!

8/10

Facebook / Bandcamp / Upstartz Records


Cages – „Second Thoughts“ (Through Love u.a.)

Es gibt eine kleine Vorgeschichte zu diesem tollen Release…Es war noch zu Borderline Fuckup-Zeiten, als ich die Releases der aus dem Stuttgarter Großraum stammenden Band We Had A Deal gebührend abfeierte. Über die Jahre hinweg und auch schon teils auf Crossed Letters verfolgte ich die Bandmitglieder und deren neue Bandaktivitäten, Reznik Syndrom, Rêche, Mahlström und zuletzt Schönleben. Leider versäumte ich es, mir die via Through Love Rec. erschienene 12inch der Band Schönleben zu besorgen, bevor sie vergriffen war. Zum Trost erhielt ich damals, es war Ende 2020, bereits einen ersten Vorgeschmack in Form eines Songs auf die aus Mitgliedern der eben erwähnten Bands neu gegründete Band Cages. Der Song Every Dog Has Its Day hat mich damals wie heute direkt weggeblasen, so dass ich natürlich extrem gespannt auf die bald für das Jahr 2021 angekündigte Debut-EP der neu gegründeten Band Cages war. Naja, dann hat Covid19 doch noch mal dafür gesorgt, dass das Release erst Ende 2022 das Licht der Welt erblickte.

Und wow, das Warten war natürlich total doof, aber letztendlich macht sich sicher niemand mehr einen Kopf drüber, wenn die Nadel aufgesetzt hat und dieses Gewitter an Emotionen und Intensität losbrettert. Und dann ist da ja auch noch der optische Aspekt: die einseitig bespielte 12inch mit dem Siebdruck auf der B-Seite sieht so unglaublich schön aus! Die 12inch kommt mit einem siebbedruckten Cover, das Betasten und Drüberstreicheln macht echt mal gute Laune! Irgendwie denke ich beim Betrachten des Covers und des Vinyls an weißes Rauschen, Stuttgarter Innenhöfe kommen mir auch in den Sinn. Oh wie oft musste ich in solchen Innenhöfen unbedingt und absolut ohne Ausweg meine Notdurft verrichten! Lange her ist das, deshalb lieber mal Themawechsel: es gibt auch noch ein handliches DIN-A5-Textblatt, logischerweise ein bisschen kleingeraten und blöd für brillentragende Menschen. Aber wir wissen uns ja zu helfen!

Wie die Musik klingt, könnt ihr euch ja eigentlich selbst anhören. Trotzdem schildere ich mal mein Empfinden! Ich bin total glücklich mit dem Sound der Band. 90’s Emocore kann kaum besser klingen! Die Gitarren umwickeln Dich, obwohl sie gegen den Strich des Katzenfells streicheln. Dann gibt’s diese kraftvoll geknüppelten Drums, den verzweifelt und leidenschaftlich gebrüllten Gesang, der alle Emotionen umfasst. Wahnsinnig intensiv! Hier bin ich zuhause! Hier will ich immer sein! Oh ja, dann erfährst Du dieses wahnsinnig tolle Gitarrengedöns bei Someone Who’s Working Really Hard On Being Someone, und man wünscht sich direkt in den Proberaum der Band, um ein bisschen beim Falten der EP-Cover mitzuhelfen! Das gute Stück ist in Zusammenarbeit der DIY-Labels Through Love Rec., Middle-Man Records, Shove Records und Long Legs Long Arms erschienen.

9/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


V.A. – „Youth Crew 2022 7inch“ (Seven Oaks Records u.a.)

Die Youth Crew-Compilation-Reihe startete im Jahr 2008, die einzelnen Veröffentlichungen erschienen im Zwei-Jahres-Rhythmus. Somit handelt es sich bei der 2022-er Version um den mittlerweile achten Teil der Reihe. Und nachdem das Ding im wellensittichfarbenen und durchsichtigen gelben Vinyl (es gibt auch noch eine Magenta-Version) einige Runden auf dem Plattenteller hinter sich hat, würden mich natürlich die bisher erschienen Teile ebenfalls interessieren.

Denn das kleine Scheibchen hat insgesamt acht Bands aus unterschiedlichen Ländern zu bieten, neben Stations aus Deutschland sind mir dank des auf Seven Oaks Records erschienenen Split-Tapes nur Last Gasp aus Ohio bekannt und das Niveau ist ziemlich hoch, soll heißen: das Ding ballert ordentlich und man hat mit einem Schlag acht Bands entdeckt, die genauer unter die Lupe genommen werden sollten! Aber so soll es ja auch sein, das ist die Funktionsweise einer Compilation: neue, oder auch alte Bands kennenzulernen, die einen äußerst freshen Sound auffahren! Und das tun alle der acht Bands, obwohl die Beteiligten womöglich weit entfernt von ihren jugendlichen Jahren sind. Ich muss ja zugeben, dass ich aus der Youth Crew- und Posi-HC-Szene ziemlich herausgewachsen bin, dennoch gab es in meiner HC/Punk-Sozialisation eine Phase, in der ich jedes Release förmlich aufgesogen hätte, wenn es zu der Zeit schon Internet-Streaming-Plattformen gegeben hätte. Anstatt dessen wurden bei einschlägigen Mailordern eben Compilation-7inches bestellt. Okay, aber Opa erzählt vom Krieg, also wieder volle Konzentration auf die vorliegende 7inch!

Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Seven Oaks Records (D), Patient Zero Records (US) und Youth Authority Records (F) erschienen, und beim deutschen Label sind die Scheibchen auf 50 Stück (gelb/magenta) limitiert, also ist ranhalten angesagt! Ein Textblatt/Wendeposter mit Youth-Crew-typischem Artwork liegt ebenso wie ein Download-Code bei, Full Service also! Auf der A-Seite legt die argentinische Band xDistantex mit einem Smasher unter einer Minute los und ich bin direkt angefixt und finde mich Sekunden später schon auf der Bandcamp-Seite der Band wieder. Wütende female Vocals treffen auf explodierenden Oldschool-HC á la Uniform Choice, geil! Danach sind Urgent Kill aus den Niederlanden dran, der Vergleich zu Man Lifting Banner liegt nicht nur geographisch auf der Hand. VAXXX sind aus Kalifornien und auch in der Straight-Edge-Szene hat Corona Spuren hinterlassen, wie man anhand des Broken Edge-Texts erfährt. Stations beenden die A-Seite mit ihrem Highspeed-Hardcore, den Song kennt man bereits vom Split-Tape. Die B-Seite wird von Iron Deficiency aus Frankreich eröffnet. Dystopischer Hardcore, schön übersteuert, mit überschlagenden, keifenden female Vocals! One Step At A Time aus Belgien kommen dann mit melodischem US-Hardcore á la Champion, Ignite, Uniform Choice und Co um die Ecke. Ich mag den knödelnden Bass! Last Gasp aus den Staaten dann mit US-Oldschool-Sound im Stil von Count Me Out, Nerve Agents, In My Eyes oder Betrayed, da hüpft das sXe-Herz! Abschließend gibt es einen gnadenlos übersteuerten und oldschoolig anmutenden Song der österreichischen Band Alive Inside. Erinnert mich an die Proberaum-Aufnahmen und Konzerte befreundeter Bands in den frühen Neunzigern. Also, ihr seht schon, das hier ist eine äußerst gut gelungene Compilation!

Bandcamp / Seven Oaks Records


Flittern – „Album 2022“ (Unter Schafen Records u.a.)

Wenn alle um Dich herum irgendeinen seelischen Knacks und Kummer haben und sich deshalb in ihrer persönlichen Krise in Therapie begeben, dann wird es Zeit, etwas gegen die eigene Verzweiflung zu unternehmen. Was wäre besser, als sich mit Musik passiv zu berieseln lassen? Ja, genau: selbst eine Band auf die Beine stellen, kreativ werden, sich den Kummer von der Seele schreiben. Genau das hat die während der Pandemie in Köln gegründete Band Flittern unternommen. Und das Resultat klingt äußerst angenehm und ausgereift, was natürlich Fragen zur Vorgeschichte der Bandmitglieder aufwirft. Und siehe da, hier sind Leute am Werk, deren bisherige Bands natürlich auch bereits reichlich Beachtung bekamen. Das Trio setzt sich aus Seb (Gesang, Gitarre, Synthie) und Ernie (Bass, Gesang) -beide ehemals Hey Ruin – und Jan (Schlagzeug, Percussion) von KMPFSPRT zusammen. Das erklärt die Stimmigkeit dieses vielseitigen Debutalbums, das mit elf Songs und etlichen popkulturellen Zitaten keinerlei Ausfälle zu verbuchen hat.

Okay, beim Anblick des Fotos des Acrylgemäldes mit den aufgeschürften Knien schaudert man schon etwas, fühlt kurz den Schmerz vom Sturz mit dem Skateboard und der unfreiwilligen Knie-Bremse auf dem Asphalt. Dieses ungute Bauchgefühl kann aber erstmal schnell verdrängt werden, denn aus dem Inneren kommt eine mit den Texten bedruckte Innenhülle zum Vorschein, aus dieser leuchtet auch schon die durchsichtige und grellgelbe Vinylscheibe heraus. Und beim Aufsetzen der Nadel wird man direkt mit melodischem Emopunk umgarnt, so dass es problemlos gelingt, in dieses Werk mit Haut und Haaren einzudringen. Im Verlauf des Albums merkt man, wie abwechslungsreich und stimmig das Ding aufgebaut ist. Da sind diese melancholischen Gitarren, das mal treibende und groovende Zusammenspiel von Bass und Gitarre und diese zuckersweeten Synthies, die mich desöfteren an Bands wie die Get Up Kids oder The Anniversary denken lassen. Hört mal die beiden Songs Willst Du mit mir aussterben gehen und Alman Angst, das sind doch richtige Emo-Hymnen, die sich sofort im Ohr einnisten! Ach ja, und einfühlsamen und verletzlich klingenden Gesang gibt’s ja auch noch! Und Hits am laufenden Band! Aufgrund der deutschen Texte könnte man auch Bands wie Captain Planet und Love A als Referenz-Bands anbringen, was v.a. in Bezug auf die lyrische Qualität passt.

Denn nicht nur musikalisch ist ein Feuerwerk an 90’s Emo, Pop-Punk, Indie, Grunge und Post-Punk geboten. Auch mit den intelligenten Lyrics ist den Jungs genau die richtige Mischung aus Witz, Satire, Gefühl und jeder Menge Tiefgang gelungen, meilenweit entfernt von jeglichen Klischees. Hier ist oftmals auch 90er-Nostalgie und die Punk-Sozialisation in der deutschen Provinz zu spüren, womit ich ja selbst schon mitten drin im Thema stecke und mich mit solchen Gedankengängen absolut identifizieren kann. Hier bekommt ihr ein richtig gelungenes und authentisches Debutalbum zu hören, das voller Spielfreude, Herzblut und Kreativität steckt. Ich feier das Ding ab!

8/10

Facebook / Stream / Unter Schafen Records


Krav Boca – „Pirate Party“ (Santa Diabla)

Die aus Toulouse stammende Band Krav Boca kannte ich bis zum Erhalt dieses siebten Albums im 12inch-Format noch nicht. Die Band hat ihre Roots in Marokko und Griechenland, den Sound der Jungs würde ich unter Crossover verbuchen. Lasst euch aber von diesem ersten Eindruck keinesfalls abschrecken! Harte Riffs treffen auf HipHop, kennt ihr noch Such A Surge? Hihi, Schreck Nr. 2! Nur die französische Sprache und die verzerrten Gitarren haben mich zu diesem Scherz verleitet, obwohl ich Such A Surge zumindest in der Anfangsphase ganz gut fand. Aber vom Feeling her wäre eine Band wie Bérurier Noir an dieser Stelle aussagekräftiger, zumindest erinnert der blecherne Drumsound aus der Maschine und der politische Hintergrund in Verbindung mit den französischsprachigen Texten etwas an die Kultband! Oder ihr stellt euch die Frage, warum sich gleich 14 DIY-Labels an diesem Release beteiligt haben: Boca Records, Fire And Flames, MALOKA, Deviance, Santa Diabla, Radio Punk, Punk ’n‘ Loud Records, Dure Réalité, Rumagna Sgroza, DIY Koło, Up The Punx, Rebel Time Records, Krav Boca und Nothing To Harvest Records.

Zugegeben, das knallbunte Album-Artwork des Frontcovers fällt jetzt eher nicht in mein Vinyl-Beuteschema, dafür feier ich das pinkfarbene Vinyl und das stabile Textblatt ab, auf dem die französischen Texte sowie die englische Übersetzung zu lesen sind. Songtitel wie z.B. ACAB (Athens Calling Athens Burning), Nemesis, Abyss oder Control zeigen dann auch schon die Richtung, in die es geht. Es lebe die Revolution, Protest ist Pflicht! Die Band ist wohl bekannt für Piratenparties, illegale Shows gehören ins Repertoire der Formation. Auch kann es vorkommen, dass Gigs von Seiten der Band gecancelt werden, wenn Bands mit von der Partie sind, deren Werte mit den eigenen nicht vereinbar sind, hab ich mir vom Internet sagen lassen. Und natürlich schwingt in den Texten viel Wut und Ärger mit, was man – selbst wenn man die englische Übersetzung noch nicht gelesen hat – auch deutlich im aggressiven Geschrei vernehmen kann.

Neben den für Punk, Rap und Hip Hop üblichen Instrumenten kommt auch eine Mandoline zum Einsatz, was dem Sound ein gewisses Alleinstellungsmerkmal verleiht. Bei all dem wütenden Krach, den das Bandkollektiv da von der Kette lässt, schleichen sich durch die Mandoline auch immer wieder melancholische Momente ein. Es sind nicht nur die fetten Gitarren, die markanten Bässe und fieses Gebrüll, die Pirate Party zu einer spannenden Sache machen, sondern auch gerade die spürbare hibbelige Energie, die tanzwütig nach einer chaotischen Party-Meute schreit. Auch die ruhigeren Abschnitte wie beispielsweise bei Arraché wissen zu gefallen, zudem bleibt es durch die vielen Gastbeiträge immer schön spannend. Oder es kommt wie beispielsweise bei TN Punk ein rasanter Punksong mit Circlepit-Garantie oder wie bei Abyss eine absolute Mosh-Granate um die Ecke! Man merkt halt an jeder Note, dass hier Leute aus Überzeugung hinter dem stehen, was auf Pirate Party zu hören ist! Und womöglich ist es die letzte Party in einer dystopischen Apokalypse, die hier gefeiert wird! Und ich muss zugeben, dass sich das Ding hier mit jedem weiteren Durchlauf ganz schön in die Hörgänge bohrt!

8/10

Facebook / Bandcamp / Santa Diabla


No Shelter. – „Erasing Life“ (Santa Diabla u.a.)

Schön schwer in der Hand liegt die 12inch, der düstere Linolschnitt auf dem Frontcover weiß auch gut zu gefallen. Mein Besprechungsexemplar kommt in flaschengrünem Vinyl, es gibt aber wohl auch noch Exemplare mit durchsichtigem Vinyl und Orange Splatter-Vinyl. Das zweite Album der im Jahr 2017 in Emsdetten gegründeten Band ist in Zusammenarbeit der Labels Santa Diabla, Backbite Records und Crawling Chaos erschienen. Ganz froh bin ich natürlich über das Textblatt, ohne welches man wahrscheinlich Mühe hätte, die Texte zu verstehen, obwohl diese trotz des aggressiven Gesangsstils recht deutlich zu verstehen sind.

In Anlehnung an das Gewicht der LP und des düsteren Artworks klingt auch der Sound brutal schwer und mehr als dunkel. Eine Walze an tonnenschwerem Hardcore, angereichert mit doomigem Sludge und etwas Metalcore, fährt kurz mal über Dich drüber, dabei verbeißt sich ein wütend und angepisster Höllen-Kampfhund aggressiv in Deinem Bein. Der Sänger klingt brutal und erinnert an einen extrem angepissten John Joseph in der Age Of Quarrel-Phase, die stimmliche Aggressivität lässt auch an diverse Sänger der Bands Cryptic Slaughter oder Erosion denken. Die Gitarrenwände werden gnadenlos hochgezogen und von einer mächtigen Rhythmusmaschine aus Drums und Bass begleitet, die absolute Zerstörung!

Und auch textlich geht es reichlich depressiv und angepisst zur Sache, der Weltschmerz trieft aus jeder Zeile. Der Blick in den Abgrund ist aber bei unserer weltlichen Gesamtsituation auch nicht abzuwenden, nebenbei bekommt all der Abschaum den Hass zu spüren, z.B. bei Nazi Scum oder dem einzigen deutschsprachigen Stück Sechs Hansa, zwei Kurze, in dem Spießer, verblödete Querdenker, die Staatsmacht und Sexisten ihr Fett wegkriegen. Für diese kaputte Menschheit gibt es auf Erasing Life jedenfalls absolut keine Sympathie. Wenn ihr also mal wieder ordentlich die Bude zerlegen wollt, dann eignet sich das hier bestens dafür! Mich hat das jedenfalls ordentlich weggeföhnt!

9/10

Facebook / Bandcamp / Santa Diabla


Bandsalat: Counterparts, Frank From Blue Velvet, Rong Kong Koma, Spite House, Stray From The Path, Thinner

Counterparts – „A Eulogy For Those Still Here“ (Pure Noise Records) [Stream]
Kleiner Spoiler vorweg: die Kanadier bleiben ihrem Sound auch auf ihrem mittlerweile siebten Studioalbum absolut treu, bieten also genau das Futter, das Fans der Band so zu lieben gelernt haben. Produktionstechnisch und vom satten Sound her könnte man gerade meinen, dass diese Songs zusammen mit dem Material der Nothing Left To Love aufgenommen wurde. Die Einflüsse der Band sind auch hier wieder deutlich zu hören: mich erinnert das von der Stimmung her an Zeugs wie frühe Stretch Arm Strong, Strongarm, More Than Life, Saving Throw und Boy Sets Fire zur After The Eulogy-Phase. Nun denn, ein instrumentales Intro und zehn Songs in etwas über einer halben Stunde Spielzeit bringen das Melodic Hardcore-Herz zum Glühen, es ist eine wahre Freude, gerade auch weil in jedem Ton leidenschaftliche Spielfreude und Herzblut steckt! Das düstere und an den Albumtitel angepasste Artwork hat apokalyptische Schwingungen. Im Digipack findet sich übrigens ein Textblatt, was bei den hohen Druck- und Papierpreisen heutzutage viel zu selten vorkommt, vielen Dank dafür. Denn dass die Texte bei Counterparts von großer Bedeutung sind, müsste mittlerweile bekannt sein. Die dramatischen, schonungslos ehrlichen und emotionsgeladenen Lyrics erzeugen wie so oft ein mulmiges Gefühl, Abschied, schwindende Freundschaften, tiefe Abgründe und Trauer sind die Themen, immer ganz nah am Ende! Und dazu kommt die wie ein Feuerwerk explodierende Musik der Jungs. Schön wuchtig und brachial kommt das intensive Gebräu aus Melodic Hardcore und Post-Hardcore daher, dort ein Breakdown, hier ein Moshpart, hymnische Passagen, unterschwellige Melodien und sauber abgestimmte Songarrangements sorgen hier für dieses kurzweilige Vergnügen, das ruhig auch mal in Heavy Rotation abgespielt werden kann, ohne zu langweilen. Spannungsgeladen, abwechslungsreich und intensiv, ein durchaus klasse Album, ich liebe es jedenfalls!


Frank From Blue Velvet – „Selftitled“ (Property Of The Lost) [Stream]
Mit Country und Americana hab ich persönlich außer mit einigen Johnny Cash-Alben keine Berührungspunkte, daher war ich über den Erhalt des Digipacks der mir gänzlich unbekannten Band Frank From Blue Velvet zuerst skeptisch. Zu Unrecht, wie sich sogar bereits bei der ersten Hörrunde herausgestellt hat. Denn die Band aus Hastings/UK bringt in ihrem Sound auch noch andere Elemente mit ein (Blues, Punk, Rockabilly, Roots-Rock, Gospel und düstere Lounge-Bar-Sounds z.B.) und schafft so einen schön eigenständigen und alles andere als angestaubten Sound. Besonders gefallen mir die weiblichen Chorbegleitungen, die glasklaren Gitarren und der verspielte und eigensinnige Bass. Hört doch mal das ruhigere Each Night an, bezaubernd! Außerdem ist das Artwork des Digipacks und des „Textheftchens“ im Tarotkartenstil äußerst gelungen. Zwar sind die Texte zugunsten des Artworks nicht abgedruckt, aber im groben und ganzen geht es schön düster zur Sache, was bereits anhand der Songtitel (The Apocalypse Nears z.B.) erahnt werden kann. Riskiert also ruhig mal ein Ohr, wenn ihr euch eine düstere Mischung aus neueren Cash-Songs und Edwyn Collins vorstellen könnt, oder euch die Gospelpassagen von Zeal & Ardor sowie das Dead Kennedys-Cover von Faith No More (Let’s Lynch The Landlord) gefallen. Die Dead Kennedys werden übrigens von der Band auch live gecovert (Police Truck).


Rong Kong Koma – „Delfine der Weide“ (Rookie Records) [Stream]
Hach, die scheiß Berliner haben ihr’n Traum gelebt und pfeffern ’n zweites Album raus, während sie mal eben kurz unsere Mütter gefickt haben? Verdammt, ganz schön umtriebig! Und sie kommen dabei ’ne ganze Ecke poppiger rum als auf dem Debut. Steht den Jungs aber ganz schön gut! Die Gitarren schrammeln zwar immer noch eher indie-mäßig, der Bass knödelt auch superschön verballert, allerdings ist alles ein bisschen gediegener geworden. Gefällt aber trotzdem, v.a. weil die Stimme von Sebastian immer noch so tief, authentisch und berührend klingt. Pop-rotzig geht das hier zur Sache, Rio Reiser schwirrt dabei immer im Hinterkopf rum. Und beim vierten Song werde ich das erste Mal überraschend hellhörig! Das ist doch Apokalypse Vega (Acht Eimer Hühnerherzen), die da Gastsängerin ist! Sehr geiles Feature! Und dann kommt ein wenig später ein Hit namens 180 Sachen mit 80 Sachen um die Ecke. Und genau das ist es, was das Album ausmacht! Entschleunigung, Rhythmus und Melancholie, dazu Bass und gechillte Drums, die aber trotzdem ordentlich wumms haben. Und natürlich diese Gitarren, die auch schon bei Sonic Youth und Dinosaur Jr. funktionierten. Ach ja, und die Stimme in Kombination mit den philosophischen Lyrics (leider kein Textblatt bei der Promo-CD), das sind eigentlich die Hauptmerkmale dieser Band! Ganz schön geile Band, Reinhard Mey wäre hingerissen, v.a. beim letzten Song!


Spite House – „Selftitled“ (New Morality Zine) [Stream]
Das New Morality Zine hat mich schon länger am Wickel, da gibt es massig Zeug, das mich total in den Bann zieht! So auch die Anfang des Jahres erschienene 3-Song-Promo der kanadischen Band Spite House (damals angepriesen), die ein paar Monate später vor kurzem ihr Debutalbum am Start hatte. Und das ist verdammt geil geworden, 90’s Emocore und Post-Hardcore gepaart mit modernerem Sound und grungigen Parts, so könnte das ungefähr umschrieben werden. Die zehn Songs sind wahnsinnig mitreißend und intensiv! Ich liebe das Ding, das Album hat das Zeug zum Meilenstein! Hört da bitte rein, falls noch nicht geschehen! Und ja, mehr muss zu diesem Album eigentlich nicht gesagt werden. Rumhüpfen und Wohlfühlen!


Stray From The Path – “ „Euthanasia“ (UNFD) [Stream]
Die Band Stray From The Path lernte ich eigentlich erst durch ihr sagenhaftes Album Internal Atomics kennen, jetzt folgt seit ihrem Bestehen im Jahr 2001 mit Euthanasia ihr mittlerweile elftes Studioalbum. Und das toppt das 2019-er Album nochmals in puncto Wucht und Intensität, das Ding tritt während der Laufzeit von knapp 39 Minuten und zehn Songs ordentlich Arsch, Verschnaufpausen braucht es da nicht! Einzig das etwas grungig angehauchte Bread & Roses hat ein paar ruhigere Töne im Gepäck, zudem ist auch hier ein Gastbeitrag von Jesse Barnett zu hören (Stick To Your Guns). Ziemlich groovend und noch einen Ticken aggressiver als auf dem Vorgänger Internal Atomics kommen die vier Jungs mit ihrem Mischmasch aus metallischem Hardcore und Hip-Hop um die Ecke, dabei helfen wuchtige Gitarrenriffs, fiese Breakdowns, mächtige Moshparts und eine dampfmachende Rhythmusmaschine, die fette Produktion bläst auch ordentlich. Dazu passt natürlich das wutschnaubende Geschrei von Sänger Drew Dijorio, der stimmlich irgendwo zwischen einem extrem wütenden Zach De La Rocha und Jason Butler (Fever 333) liegt. Musikalisch kommen mir Bands wie eben Fever 333 – aber ohne deren melodischen Mitsing-Refrains -, Converge, moshige Boy Sets Fire, RATM oder Downset in den Sinn. Jedenfalls prognostizieren Albumartwork und Albumtitel eine gewisse finstere Stimmung, das Schaubild im Textheftchen und die Lyrics unterstützen dabei die musikalische Wucht von Euthanasia, die sicher auch durch die Frustration in der Pandemie angekurbelt wurde. Diese Pandemie brachte aber auch Möglichkeiten mit sich, so hatten Fans bei Twitch das Vergnügen, beim Entstehungsprozeß der Songs zuzusehen und kreative Tipps zu geben. Werdet härter war sicher ein Tipp. Kotzt euch über die gierige und schmierige Politik aus, das muss man den Jungs sicher nicht empfehlen. Denn Stray From The Path behandeln auch auf diesem Album vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an.


Thinner – „You Don’t Want Me“ (Midsummer Records) [Stream]
Festplattenputz zum Jahresende hin gehört ja schon zu meinen weniger geliebten Gepflogenheiten, aber hin und wieder stößt man dabei auf Sachen, die eigentlich schon längst vorgestellt hätten werden müssen. So auch das mittlerweile dritte Album der Berliner Band Thinner, das bereits im Juli erschienen ist. Für neun Songs brauchen die Jungs gerade mal eine Spielzeit von knapp 17 Minuten, ihr wisst also, wie der Hase läuft! Genau, er ist rasant, schlägt Haken, wirbelt ’ne Menge Staub auf und ist kaum einzufangen! Thinner machen ihre Sache wieder mal richtig gut, die knackige Mischung aus oldschoolig und amerikanisch geprägtem Hardcore und rotzigem Hardcore-Punk geht schön nach vorne und zaubert dabei die ein und andere Melodie aus dem Hut und mir damit ein breites Grinsen ins Gesicht. Die Jungs haben ihr Handwerk ja auch schon von jung auf gelernt! Die Einflüsse von Bands wie Dag Nasty, Grey Area, Spermbirds und Minor Threat sind deutlich zu hören! Die fette und saubere Produktion klingt auch geil, Gangvocals und spannungsgeladene Songarrangements runden das Ganze ab. Habt ihr übrigens neulich mitbekommen, dass irgendwo im Norden Chinas ’ne größere Schafherde zwölf Tage lang Circle-Pit-artig im Kreis gelaufen ist? Das ganze Netz rätselte über das Phänomen, es war die Rede von Teufelsbeschwörung und Aliens. Dabei hat wohl niemand daran gedacht, dass irgendjemand Thinners You Don’t Want Me in Dauerschleife gepackt hat und die Viecher dadurch angestachelt wurden. Hier stimmt die Balance aus energiegeladenem Hardcore, Melodie und rotzigem Hardcorepunk! Check, falls nicht eh schon geschehen!


Desolat – „Elegance Is An Attitude…To Shit On“ (Santa Diabla u.a.)

Ihr könnt euch sicher noch an die geil aussehende Picture-12inch mit dem Titel Songs of Love in the Age of Anarchy der Wiener Band Desolat erinnern? Ja genau, das ist diese eine kurz vor der Pandemie gegründete Band von vielen, die nach der dritten Show gedownlockt wurde und danach aber trotz der Umstände hartnäckig zwei EPs und aktuell dieses Album hier veröffentlicht hat. Hut ab für dieses Engagement! Angetrieben von unbändiger Spielfreude und verinnerlichtem DIY-Spirit konnte jetzt durch die Unterstützung der hilfsbereiten und geilen Labels Santa Diabla und Bloodshed666 Records dieses Album erscheinen.

Und nicht nur optisch geht es hier roh und direkt back to the roots. Wer braucht schon Farbe, schwarz-weiß hat mich persönlich schon immer fasziniert! Außerdem ist das noch die klimafreundlichste Art und Weise, etwas in den Druck zu geben, vielleicht sogar selbst zu drucken. Das Albumartwork kommt jedenfalls gut rüber, die tickende Uhr, der kapitalismuskritische Albumtitel und das auf dem Backcover abgebildete Layout zwischen Schere, Klebstoff und Fotokopie gefällt mir ganz gut. Und ich lese wieder mal den Namen Lisl Matzer, die hier auch wieder ihr künstlerisches Talent eingebracht hat. Nun gut, die 12inch gleitet wie von selbst aus der gefütterten schwarzen Innenhülle. Schade ist eigentlich nur, dass kein Textblatt beigefügt ist, war ja auch schon beim letzten Release nicht dabei. Es lässt sich zwar aus den Songtiteln ableiten, in welche Richtung es wohl lyrisch geht, auch die Musik lässt Schlüsse zu, dass hier viel Wut und Aggression verarbeitet wird. Gesellschaftskritische und antikapitalistische Themen sind zweifelsfrei zentrale Themen. Angesichts des schwer verständlichen Gebrülls wäre aber ein Textblatt trotzdem sicher alles andere als verkehrt gewesen.

Okay, aber genug gemeckert. Denn sobald die Nadel das Vinyl berührt, dröhnt es bei laut aufgedrehtem Sound ordentlich satt aus den Lautsprechern. Fette Gitarren, böses Geschrei, das ziemlich nah am Death-Metal ist, hämmernde Drums und zerstörerische Noise-Attacken dominieren das Gesamtbild des Sounds, trotzdem sind aber noch melancholische Untertöne und melodische Ansätze vorhanden. Schleppender Hardcore, düsterer Anarcho-Punk, Death-Metal, Stoner, Sludge, Doom, Crust und Noise sind die Bausteine, die Geschwindigkeit braucht es gar nicht, trotzdem taucht sie an der ein oder anderen Stelle unerbittlich auf. Aber hauptsächlich sind die Songs im Midtempo angesiedelt, dabei wummern sie ordentlich und haben auch so’nen geilen oldschool-Groove, den man von Bands wie Black Sabbath, Possessed oder Venom kennt. Wer’s gern etwas derber hat, ist hier richtig gut aufgehoben!

8/10

Bandcamp / Santa Diabla / Bloodshed666 Records


Bandsalat: Buried Lights, Futbolín, Get The Shot, Plein De Vie, Pabst, RXPTRS

Buried Lights – „Modern Ruins“ (DIY) [Stream]
Schön roh und räudig, dabei aber tief emotionsgeladen kommt der Sound der Band Buried Lights aus Detroit/Michigan daher. Neulich bei Bandcamp drauf gestoßen und direkt hängen geblieben. So in etwa könnte ich mir die Promo der Band vorstellen: Der große Bruder ist ein blödes Arschloch und spielt bei einer geilen Punk/Emo-Band, die bei allen schon etabliert und beliebt ist? Scheiß drauf, wir sind viel authentischer! Und damit auch viel geiler! Und das nur mit drei Songs! Ich geb zwar nix auf Promotexte, aber das hier würde mich echt überzeugen!


Futbolín – „Moped Xperience“ (Konglomerat Kollektiv) [Name Your Price Download]
Aufmerksame Menschen kennen die Band aus Italien bereits aus einer früheren Bandsalatrunde. Was die Jungs jetzt mit ihrer dritten EP vom Zaun brechen, ist eigentlich der absolute Wahnsinn! Rumflippen! Durchdrehen! Der absolute Oberhammer! ADHS meets Melancholie & Emo. Was soll man da noch groß schreiben, hört euch das selbst an! Ich jedenfalls feier die Band und auch die Konglomerat Kollektiv-Leutz kräftig ab!


Get The Shot – „Merciless Destruction“ (Useless Pride Records) [Stream]
Die erste EP der kanadischen Band Get The Shot erschien im Jahr 2009 noch in Eigenregie, bis heute sind auf verschiedenen Labels drei Alben gefolgt, Merciless Destruction ist nun Streich Nr.4. Da mir der bisherige Output der Band gänzlich unbekannt war, hab ich mal die verschiedenen Alben kurz angetestet. Anfangs klang die Band noch nicht so metallisch und ging eher in die Youth-Crew-Ecke mit schnellerem angepissten Hardcore-Punk, dann schlichen sich immer mehr Thrash- und Metalcore-Elemente in den Sound. Was jedoch immer vorhanden war und auch ist, ist die pure Energie und die aufschäumende Wut, die man auch dem Sound des aktuellen Albums entnehmen kann. Auf Merciless Destruction gibt’s dann deftigen Walzensound auf die Ohren, massig brachiale Beatdowns, quietschende Gitarren, fette Mosh-Parts, groovende Passagen, Death-Metal-mäßige Shouts und tonnenschwere Riffs sind auch mit von der Partie. Da wird es etliche Bands geben, die den Sound beeinflusst haben, beispielsweise Earth Crisis, Machine Head, Exhorder, Morning Again oder Integrity. Die Metal-Vorliebe ist auch im blutrünstigen Artwork deutlich zu sehen. Jedenfalls sind die Jungs schön abwechslungsreich unterwegs und wagen auch das ein oder andere nicht vorhersehbare Experiment. Gastbeiträge sind dann auch noch dabei, u.a. Matthi von Nasty. Fettes Ding, gnadenlose Zerstörung! Und jetzt schnell die Bude kurz und klein hauen!


Plein De Vie – „Koltuk De​ğ​neklerinden Kanatlar Yapmak“ (I.Corrupt Records) [Name Your Price Downoad]
Es war ein paar Wochen vor 9/11 als ich das erste und bisher einzige Mal in ein Flugzeug einstieg. Der Grund war die Hochzeit meines Bruders, welche in Ankara stattfand. Warum mir das ausgerechnet jetzt in den Sinn kommt? Nun, Ankara ist die Stadt, in der sich die Band Plein De Vie gegründet hat. Und jetzt kommt mein damaliger Eindruck dazu: die Stadt war ziemlich abgefuckt, auf Punk-oder Hardcore-Venues bin ich während meines Aufenthalts und vorheriger Recherche leider nicht gestoßen, beeindruckend blieben unfallrisikoreiche Taxifahrten, teure Minibar-Hotelrechnungen und Flohmärkte mit reichlich Hehlerware. Vielleicht ist das mit der Punkszene heutzutage ja anders, denn Plein De Vie hauen ordentlich auf den Putz und klingen dabei so, als ob sie schon jahrelang der Undergroundszene angehören würden.


Pabst – „Crushed By The Weight Of The World“ (Ketchup Tracks) [Stream]
Die Fotografie, die das Albumcover ziert, strotzt vor Spannung und Energie und bereitet euch schon mal darauf vor, was ihr in den folgenden 36 Minuten und den zwölf Songs zu erwarten habt! Und das ist eine ziemlich energiegeladene Achterbahnfahrt, die Dich schwindelig und nassgeschwitzt mit vom Wind zerzausten Haaren, abgekauten Fingernägeln und klingelnden Ohrgeräuschen am Ende der Bahn wieder ausspuckt. Und obwohl es so rasant zuging und der Adrenalinkick einige Zeit ausreichen würde, stellst Du Dich gleich wieder für eine neue Runde an! Wahnsinn, wie perfekt und satt dieses Album klingt! Bereits der Opener drückt Dich mit dreckigem Sound gegen die Wand, dabei darf es aber keinesfalls an Eingängigkeit fehlen. Auf ihrer ersten Tour hatte ich mal das Vergnügen, die Band live zu erleben. War total beeindruckend, was die drei Typen da für einen Mördersound und ’ne bombastische Show abgeliefert haben! Und ja, diese Live-Energie ist auch in den Songs dieses Albums zu spüren! Natürlich ist der Sound der Jungs tief im Alternative-Universum der Neunziger verankert, dennoch klingt das hier alles andere als angestaubt. Die Gitarren hüpfen, das hier ist frisch und voller Spielfreude, Leidenschaft und Energie! Im Digipack findet sich dann auch noch ein hübsch illustriertes Textheftchen im schwarzweißen und Schere+Klebestift angefertigten Copystyle, das hätte man in dieser Form auch gut in Kultalben der Neunziger finden können. Popkultur scheint der Band also nicht nur musikalisch auf den Leib geschneidert zu sein! Ein rundum gelungenes Album, ich bitte um Beachtung und Hingebung!


RXPTRS – „Living Without Death’s Permission“ (Metal Blade Records) [Stream]
Bei den ersten Klängen dieses Debutalbums der Band RXPTRS aus Bristol/UK wurde ich direkt an einen im Gedächtnis eingebrannten Abend irgendwann kurz nach der Jahrtausendwende gebeamt. Irgendwie ging es auf irgendein Hardcorekonzert. Normalerweise fiel der Kutscherjob zu dieser Zeit entweder auf meine Liebste oder mich, daher waren wir höchst über den Fahrdienst eines Kumpels erfreut und konnten dementsprechend dem Alkohol zusprechen. SLSK sei Dank, lernten wir in dieser Zeit auch irgendwann die Band BXLLY TLNT kennen und rockten zum partybedingten Vorglühen zu den Songs des selbstbetitelten Albums so dermaßen ab, dass ich gar nicht mehr weiß, welches Konzert wir im Anschluss besuchten. Warum nimmt diese eben erzählte Story mehr als ein Drittel des Textes dieses Reviews ein? Keine Ahnung! Aber RXPTRS machen einen genauso mitreißenden Sound, wie wir das damals bei Songs wie Try Honesty oder Living In The Shadows gefühlt haben. Geile, fette Gitarrenriffs paaren sich mit kraftvoll geprügelten und groovenden Drums, tolle Melodien und catchy Refrains sind ebenfalls am Start. Und dann ist da diese Stimme und diese Melancholie, die man im Sound der Band ab dem ersten Ton wahr nimmt. Absolut erfrischend!


Soma – „If You See Me…(Let Me Be)“ (Pike Records u.a.)

Vorsicht, bei dieser Band handelt es sich nicht um die Mitte der Neunziger aktive Band gleichen Namens, die Mehr Wut-7inch kam mir direkt bei der Mailanfrage aus dem Hause Pike Records in den Sinn. Mittlerweile liegt mir die 12inch vor, zudem hab ich recherchiert, dass diese Band hier zwar in einem ähnlichen Genre unterwegs ist, aber nicht aus Deutschland sondern aus Penzance kommt, der laut Wikipedia angeblich ersten plastikfreien Stadt Englands. Im Zuge meiner Recherche habe ich in Erfahrung gebracht, dass die vier Jungs zuvor in etlichen Bands unterwegs waren, unter anderem dürften euch Bands wie beispielsweise Crows-An-Wra, Ravachol, We Came Out Like Tigers, Crocus, Goodtime Boys und No Omega mehr oder weniger bekannt sein. Also mal wieder rein Namedropping-mäßig ein richtig dickes Ding! Und bevor ihr jetzt weiter unten lest, dass musikalisch genau die Qualität zu erwarten ist, was diese Auflistung an Bands verspricht, muss ich aber erst noch das Drumherum kräftig abfeiern! Ach ja, und die Band hat übrigens erst während des ersten Lockdowns 2020 erste Schritte getätigt, umso erstaunlicher, dass trotz der Vinylkrise bereits diese acht Songs so perfekt im Endresultat vorliegen.

Ganz plastikfrei kommt eine Vinylscheibe natürlich nicht daher. Okay, der war jetzt fies, harr harr! Trotzdem ist das Albumartwork sehr naturverbunden! Auf dem kleinen Bildausschnitt sind Barfüße abgebildet, die vor einem Fenster in den Nachthimmel ragen. Die Bäume, die Kirchturmspitze und das hell leuchtende Kreuz lässt der Phantasie freien Lauf, denn bei kindlichem Betrachtungsgeist sehen die Bäume und Sträucher wie ein Ritter auf einem Pferd aus. Ich sprech diesen sicher nicht freundlich gestimmten Kerl aber lieber mal nicht an und folge der Empfehlung des Album-Titels. Viel lieber fische ich die einseitig gepresste 12inch aus der Hülle und komme dabei ins Staunen aufgrund des wunderschönen Siebdrucks auf der B-Seite der Platte. Hier sind Pflanzen/Blumen abgebildet, eine bildlichere CO₂-Kompensation könnte man kaum treffender darstellen! Ich liebe es! Auch wenn es kein Textblatt gibt, muss darauf nicht verzichtet werden, die Lyrics sind nämlich allesamt auf dem Backcover abgedruckt.

Übrigens sind an diesem DIY-Release etliche namhafte DIY-Labels beteiligt, die ich größtenteils schon seit Ewigkeiten ins Herz geschlossen habe: Pike Records, Dingleberry Records, Boslevan Records, Left Hand Label, Clever Eagle Records und Desperate Infant Records haben dieses Juwel an den Start gebracht! Danke dafür! Denn auch musikalisch lässt das Album die Synapsen tanzen! Zwischen Emotive Screamo und Post-Hardcore tobt hier der intensive Sturm der Gefühle! Verzweiflung, Wut, Trauer und Resignation. Entsetzen über unsere zum Abnippeln verdammte Welt. Einfach nur wow, man wird direkt mitgerissen von der Wucht und der Intensität! Und das ab der ersten Sekunde, ein Sturm der Gefühle! Die Gitarren fesseln von Beginn an und lassen Dich nicht mehr los, dazu dieses wilde und ungestüme Getrommel und die verzweifelt rausgebrüllten Vocals, eine wahre Freude für alle Screamofans. Warum Isolation vielleicht manchmal besser als Konfrontation ist, kann man mit diesem Ding hier einfach mal locker flockig erfahren!

9/10

Bandcamp / Pike Records


Colored Moth – „Inertia“ (Moment Of Collapse) [Stream]

Moment mal, dieses Release wurde doch bereits in einer der letzten Bandcamp-Runden vorgestellt und abgefeiert! Sind das schon erste Anzeichen von Demenz? Keinesfalls, denn damals gab es das Album nur digital, mittlerweile hat mir die Band nach sympathischer Mailkonversation ihr Meisterwerk auf Vinyl zukommen lassen. Luftsprung! Denn gerade auf Vinyl entfaltet Inertia diese extrem magische und perfekte Dichte, die wahnsinnige Intensität und Spannung der Songs ist hier noch deutlicher und lebendiger zu spüren als beim rein digitalen Genuss. Und genau darum sehe ich die Notwendigkeit, meinen damaligen Bandsalat-Text noch etwas aufzumotzen und zu verfeinern. Denn Inertia ist – wie die bisherigen Releases der Band – schon jetzt ein absoluter Meilenstein in Sachen Post-Hardcore made in Germany. Hartnäckiges Wachrütteln ist hier einfach Pflicht! Das hier ist ein echter Leckerbissen für Leute, die auf 90’s infizierten Post-Hardcore, Noise, Screamo oder Emocore stehen!

Das Coverartwork wirkt geheimnisvoll und aufgrund der kalten Farben etwas düster, ich verbinde damit Wellen, Schallwellen, Impulse oder gebrochenes Licht, das durch eine gefrorene Wasseroberfläche schimmert. Automatisch kommen dabei natürlich Gedanken auf, wie das Artwork in Verbindung mit dem Albumtitel stehen könnte. Inertia bedeutet übersetzt soviel wie Trägheit, eigentlich ein Begriff aus der Physik. Ein Objekt setzt seine aktuelle Bewegung so lange fort, bis irgendeine Kraft eine Änderung der Geschwindigkeit oder der Richtung bewirkt. Zudem beschreibt das Wort auch einen Zustand, in dem auch ich mich oft befinde, gerade aufgrund negativ einprasselnder äußerer Einflüsse, die mich lähmen. Und gibt es dann einen positiven Impuls, wie dieses Album hier, dann krieche ich aus meiner Höhle hinaus und raffe mich auf, zum Leben erweckt. Vom Sound wachgerüttelt muss ich da einfach in die Gänge kommen. Und ja, sobald die A-Seite durchgelaufen ist, wird zum Plattenspieler gerannt, Platte umdrehen! Ach ja, diese befand sich übrigens vor dem Auflegen in einer schlichten, schwarzen Innenhülle. Und dann gibt es da noch ein auf transparentes Papier gedrucktes Textblatt. Sieht klasse aus, außerdem sind die Texte ebenfalls von großer Bedeutung, siehe weiter unten. Hier lässt sich auch nachlesen, dass Nicole aka Luminescent. beim Song New Blueprint Vocals beigesteuert hat.

So, und jetzt kann ich endlich mal die Copy and Paste-Funktion beim eigenen Geschreibsel anwenden, fühle mich dabei aber alles andere als träge. Denn nach etlichen Vinyl-Hörrunden bin ich erfreut, dass dieser damalige erste Eindruck genau das wiederspiegelt, was hier in physischer Form in den Händen liegt und sich tief in die Hörgänge gefressen hat. Hier also mal ein Auszug meines damaligen Beitrags zum Bandsalat. Hätte ich zwar auch verlinken können, aber diese verdammten Klicks kosten unheimlich viel Energie: Dass Colored Moth der absolute Geheimtipp in Sachen Post-Hardcore/Noise/Screamo aus Deutschland ist, könnte mit diesem Release – dem mittlerweile dritten Album der Berliner – bald der Vergangenheit angehören. Drei Alben hintereinander auf sehr hohem Niveau abzuliefern, das muss man erst mal drauf haben. Zehn Songs voller hibbeliger Anspannung sind es diesmal geworden. Und diese kommen gewohnt dicht, druckvoll, verschachtelt, aber immer präzise durchdacht um die Ecke. Die verzweifelt gescreamten Vocals dringen direkt ans Herz, wobei das mächtig groovende Gewitter aus knarzendem Bass und wuchtig gespielten Drums immer wieder von einer einprägsamen Gitarrenmelodie oder einer auftürmenden Noise-Wand begleitet wird. Wahnsinnig intensiv! In den Texten geht es um kritische Sicht auf die Gesellschaft, es werden beispielsweise patriarchale Machtstrukturen und toxische Männlichkeit angeprangert, Entfremdung und Abhängikeit von materiellen Werten sowie Existenzängste sind ebenfalls Themen. Also durchaus auch Food for Thought neben der musikalischen Vielfalt der Songs! Mit knapp 28 Minuten Spielzeit ein weiteres Hammeralbum der DIY-Band! Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, volle Punktzahl!

10/10

Facebook / Bandcamp / Moment Of Collapse


Chivàla – „EP II“ (Pike Records u.a.)

Was kommt denn da für eine Schönheit mit dem Päckchen aus dem Hause Pike Records ins Haus geflattert? Rein optisch ist die einseitig gepresste 12inch schon ein richtiger Hingucker! Das Backcover ist rund ausgestanzt, so dass der Blick auf die mit einem Blumenartwork besiebdruckte B-Seite frei wird. Anhand eines Songtitels erfährt man dann auch, dass es sich bei den abgebildeten Blümchen um Primeln handelt. Primeln stehen ja symbolisch für die Jugend, die Unschuld und die Hoffnung, also schon einmal ein erster Hinweis, dass sich die Band hier tiefere Gedanken gemacht hat. Das Front- und Backcover-Artwork mit dem Kaninchen als wiederkehrendem Element sieht auch fantastisch aus. Auch das Kaninchen hat einen symbolischen Hintergrund, es steht für die Wiedergeburt und Auferstehung, für den Neuanfang. Und dann ist da auch noch ein aufklappbares Textblatt, hier erfährt man dann, dass neben Pike Records eine ganze Latte an DIY-Labels am Release beteiligt sind, ich zähle auf: Shove Records, Yoyodyne, Clevereagle Records, Boslevan Records, zilpzalp records, Smellycatrecords, Les Disques Rabat Joie.

Chivàla, ein Quartett aus Bari/Italien, lernte ich erst durch diese zweite EP kennen und lieben, bisher ist mir die Band förmlich durch die Lappen gegangen, obwohl bereits zwei Split-Releases und eine EP erschienen ist und die Jungs auf dem Miss The Stars-Festival 2019 gespielt haben. Und natürlich haben die beteiligten Musiker bereits zuvor in anderen Bands gezockt (Minus Tree, Gingko Dawn Shock, Istmo). Und jetzt sind da also diese vier Songs, die zwischen Melancholie und Intensität eine äußerst spannende Stimmung erzeugen. Gesungen bzw. verzweifelt gescreamt wird in italienischer Sprache. Schön, dass im Textblatt auch eine englische Übersetzung abgedruckt wurde. Denn so erfährt man von den sehr persönlichen Themen, in denen Ängste, Sorgen und Vergänglichkeit eine zentrale Rolle spielen. Inwieweit da die schmerzhaften Erfahrungen aufgrund der Covid19-Pandemie verarbeitet wurden, kann nur vermutet werden. Jedenfalls bin ich mir spätestens beim Lesen der berührenden Lyrics sicher, dass die Eingangs beschriebene Symbolik im Artwork bewusst gewählt wurde. Sehr schön!

Wie bereits ein bisschen gespoilert, sind die vier Songs reich an Intensität und Melancholie. Hier wird extrem gelitten, die Gitarren kommen schön melodisch und verspielt, dazu passen perfekt die druckvoll gespielten Drums und das verzweifelte Geschrei. Die ruhigeren, zurückgenommeren und teils mit Spoken Words versetzten Passagen bauen diese wahnsinnige Spannung auf, dazu gibt es einen melodisch gegenspielenden Bass und in sich stimmige Songstrukturen. Und auch die aufkeimende Hoffnung ist aus manchen Passagen deutlich rauszuhören. Musikalisch ist die Band irgendwo zwischen emotive Post-Hardcore, Emocore und Screamo zu verorten, es bleibt jedoch eher im Midtempo, was zusätzlich tief berührt. Ein wahnsinnig emotionales und äußerst gelungenes Werk, das hier kommt direkt aus dem Herz, Lieblingsplatte!

10/10

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Tape-Duo: Feale & Letterbombs + Portrëit

Feale – „Cryaletti“ (Seven Oaks Records) [Stream]
Kennt ihr das Gefühl, wenn der Endless Summer plötzlich und ohne Vorwarnung abrupt endet und das Thermometer von heute auf morgen um ganze 25 Grad weniger anzeigt? Für zwei Wochen herrscht herbstlich-winterliches Wetter und plötzlich lässt sich doch noch mal der Spätsommer blicken! Genauso ein Gefühl schleicht sich bei den Klängen der Cryaletti-EP der Dresdner Band Feale ein. Mir war die Band vor dem Erhalt des bunt aufgemachten Tapes noch nicht bekannt, zuvor erschien eine erste EP. Das Tape ist der 12. Streich des DIY-Labels Seven Oaks Records. Auch das Artwork bringt mit der Orange und dem Coffee-Maker eine gewisse Urlaubs-und Sommerromantik mit. Im Tapecover finden sich alle Texte und ein handschriftlich eingetragener Downloadcode, sympathisch! Und auch ganz praktisch, wenn der Walkman mal wieder den Geist aufgegeben hat. Mit dem Opener Sun Benedetto geht zugleich auch die Sonne auf. Nach einem kleinen, etwas grungig angehauchten Intro geht es auch schon mit verträumten Gitarren und treibenden Drums melodisch nach vorne, die female Vocals gefallen mir dabei ganz besonders. Da ist insgesamt sehr viel Melancholie zu spüren, die textlich noch unterstrichen wird. Die Mischung aus Midwest-Emo und Punk lässt trotz der schmerzlichen Lyrics die Sonne scheinen, das nennt sich dann wohl bittersweet! Insgesamt fünf Songs gibt es zu hören. Neben Bands wie Tigers Jaw oder Turnover dürften auch Bands wie die Misfits oder Algernon Cadwallader große Einflüsse des Quartetts sein. Bin jedenfalls auf weiteres Material der Band sehr gespannt, das Tape solltet ihr unbedingt mal abchecken!


Letterbombs & Portrëit – „Split“ (Dingleberry Records u.a.) [Name Your Price Download]
Auf diesem Co-Release der Labels Dingleberry Records & Zegema Beach Records gibt’s gleich zwei geile Bands zu hören, die euch mit ihrem Sound ruckzuck den Kopf verdrehen, vorausgesetzt ihr mögt es etwas ruppiger Richtung Screamo & Emoviolence. Letterbombs aus Finnland sind mit vier Songs am Start. Die Gitarren drehen frei, manchmal aber auch schön melodisch, der Sänger kreischt intensiv, die Drums klingen ebenso verrückt zwischen Stop’N’Go und Highspeed-Geknüppel, der Bass knarzt wie Hölle. Gescreamt wird teils in englischer und auch in finnischer Sprache. Portrëit aus Giessen wurden ja bereits mit ihrem tollen 2017er-Demo angepriesen, jetzt gibt es endlich neuen Stoff der Band, die sich übrigens aus Leuten der Bands Faltre und Knife Trade zusammensetzt. Aus den vier eigenen Songs und einer Comadre-Coverversion hört man die langjährige Banderfahrung deutlich raus. Geboten wird intensiver emotive Screamo, der immer wieder mit stürmischen Ausbrüchen für Chaos und Gänsehaut sorgt. Diese höllisch geilen Gitarren und das leidende Geschrei in Kombination mit den unvorhersehbaren Richtungswechseln und einem Drummer, der mit Haut und Haaren mit seinem Drumkit verschmilzt, zaubern mir ein fettes Grinsen ins Gesicht. Hier spürt man die Leidenschaft und das Herzblut!


Kochkraft Durch KMA – „Alle Kinder sind tot“ (Uncle M)

Bisher hab ich wohl gepennt, denn die Band Kochkraft durch KMA lernte ich erst mit ihrem zweiten Album Alle Kinder sind tot kennen. Ein großes Versäumnis, drei EPs und ein Album gilt es nachzuholen. Und dann sind da noch die verpassten Live-Shows auf kleinen Club-Bühnen, die wohl in dieser Form zukünftig eher rar gesät sein werden und höchstens noch auf Youtube „nachgeholt“ werden können. Naja, ein kleiner Trostpreis ist mein Vinylbesprechungsexemplar aus dem Hause Uncle M. Denn das sieht erstens ganz cool aus und zweitens kommt hier ein Sound aus den Lautsprechern, der absolut originell und einzigartig ist. Aber dazu gleich mehr…Der Albumtitel ist schon mal aussagekräftig und provokant, der Sinn hinter dem Titel erschließt sich eigentlich erst, wenn während des Hörens bemerkt wird, dass die Band textlich gern auf der zynischen Seite zuhause ist. Da bleibt viel Luft zur Interpretation, auch das Foto vom Albumcover wurde sicher nicht willkürlich gewählt. Was ein bisschen schade ist, sind die fehlenden Texte. Hier wäre auf der Innenhülle doch genügend Platz gewesen, zudem sind die deutschsprachigen Lyrics sicher alles andere als nichtssagend. Nun gut, dafür gefällt das orangefarbene Vinyl, das strahlt wie eine giftige Drogenpille vom Plattenteller! Übrigens find ich die Bandbio ganz schön lustig: die zwei Damen und die zwei Herren haben ihre Band im Jahr 2014 gegründet, nachdem sie sich in einem Kochkurs für extravagante Gerichte (!) in einem Kulturzentrum in Köln kennengelernt hatten. Im Gebäude gab es auch Musik-Proberäume, hier jammten die vier so nebenbei und beschlossen ziemlich bald, eine Band zu werden. Gute Entscheidung!

Die Band umschreibt ihren Sound mit dem Label Neue Deutsche Kelle, Einflüsse aus 80er-NDW-Punk, Elektro-Punk, Industrial und Cyber-Hyper-Pop dürften in dieses von der Band selbst gewählte Genre mit eingeflossen sein. Textlich und musikalisch werden einige deftige Ohrfeigen-Schellen ausgeteilt, druckvolle Wucht und Wortwitz lädt zum hibbeligen Tanzen und Springen ein! So manches Mal sorgen die zynischen Texte dafür, dass das Lachen im Hals stecken bleibt! Dazu gibt es hämmernde Drums, knarzige Synthies, tief dröhnende Gitarren, wütenden female/male-Gesang an der Schwelle zum Keifen. Und natürlich sich ins Ohr brennende Refrains, Influencer:innen hassen diesen Trick und Schnellerer sind beispielsweise solche Hymnen. Geil sind auch die vielen Soundspielereien, da hüpfen Tischtennisbälle durch die Landschaft, Hundegebell und Autohupen werden zum treibenden Rhythmus, der chaotische Vibe ist ständiger Begleiter. Musikalisch erinnert das dann an eine wilde und dennoch tanzbare Mischung aus Atari Teenage Riot, Nina Hagen, Grossstadtgeflüster, Die Toten Crackhuren im Kofferraum, Lafftrak, Goldene Zitronen und Antitainment. Übrigens wirken einige musikalische Gäste mit, u.a. sind Grossstadtgeflüster, Leitkegel und Sperling mit von der Partie.

Ich erwähnte es bereits, dass der Wortwitz häufig zum Einsatz kommt. Treffend formuliert bekommen so ziemlich alle Arschlöcher dieser Erde ihr Fett weg. Die Texte sind zynisch und realsatirisch, legen den Finger in die offene Wunde. Vom hirntoten Raser über toxische Maskulinität und menschenfeindlicher Politik bis hin zu zerstörerischem egozentrischem Verhalten ist hier alles dabei, was unsere Welt so liebens- und lebenswert macht. Das klingt schön nach Albtraum und Apokalypse, willkommen im HERRlichen Jahr 2022! Und nach der Reise durch die Texte wird auch der Sinn hinter dem Albumtitel klarer: wir sind alle ziemlich am Arsch! Also geht raus und tanzt, lasst ein letztes Mal das Kind (Pippi Langstrumpf, yeah!) in euch raus, das kann manchmal ganz schön befreiend sein!

8/10

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Kind Kaputt – „Morgen ist auch noch kein Tag“ (Uncle M)

Es war im Vorprogramm von Fjort, als ich Kind Kaputt das erste Mal live sah. Ganz geschmeidig, mein erster Eindruck! Dann kam mit Zerfall ein Debutalbum, das mich richtig packte, das Ding ist damals und sogar bis heute auch öfters im Familienkreis im Auto gelaufen und positiv aufgenommen worden. Natürlich haben die Kinder aufgrund des Covers ein Faible für abgeranzte Kaugummiautomaten entwickelt. Trotzdem habe ich es irgendwie geschafft, den Kindern diese und auch andere Automaten madig zu machen. Schließlich sind solche Automaten ein erster Kontakt mit dem bösen kapitalistischen System. Oh, ich drohe abzuschweifen! Morgen ist auch noch kein Tag kam vor einiger Zeit auf Vinyl ins Haus geflattert, was natürlich hohe Luftsprünge auslöste! Geile Sache! Das Cover erinnert mich ein wenig an das Artwork von Harald Martensteins Buch „Der Titel ist die halbe Miete“. Eine Schaukel, die direkt an einer Wand steht. Da sind durchaus Parallelen zur Rutsche in den Abgrund von Martensteins Roman zu erkennen. Fehlt nur noch der Abgrund, denkst Du Dir bei der Betrachtung der Rutsche ins Nichts. Tja, den Abgrund gibt es dann in Form der Lyrics, die sich zwar echt mal auf den ersten Blick dauernd reimen, aber auf den zweiten Blick dann trotzdem irgendwie real und treffend formuliert sind. Ach ja, und dann gibt’s ja noch den Spruch, dass jemand als Kind zu nah an der Wand geschaukelt hat, der bei der Auswahl des Cover-Motivs sicher auch noch eine Rolle gespielt hat.

In deutscher Sprache erfährt man, in welchem Dilemma Mittzwanzigermenschen heutzutage in ihrer Alltagssituation so stecken. Auch wenn ich mittlerweile 50+ bin, das kommt mir alles irgendwie ganz bekannt vor. Das mit dem Reimschema fällt übrigens nur beim allerersten Durchlauf auf, denn spätestens bei der dritten Hörrunde ist man froh, dass man die Texte schon auswendig mitgröhlen könnte, falls es zu einer Liveshow kommen sollte! Ob das durchsichtige und etwas hellblau durchschimmernde Vinyl da eine Rolle bei spielte, kann ich nicht sagen. Es hat einfach Klick gemacht! Außerdem freu ich mich über die auf die Innenhülle aufgedruckten Texte! Und als Krönung fällt auch noch ein Kärtchen mit einem Download-Code aus der Hülle, hier bekommt man noch zusätzlich zu den zwölf Songs drei während der Bandproben entstandene Demo-Songs des Albums. Wahnsinn, wie professionell diese Demos schon klingen!

Kind Kaputt haben echt ’nen Sound kreiert, der einfängt und in den Bann zieht. Irgendwo zwischen Post-Hardcore, Emo und Rock würde ich den Sound einordnen, trotzdem lässt sich das nicht so festzurren. Wahnsinnig viele Soundspielereien gibt es zu entdecken, hier wurde viel getüftelt, gebastelt, umgestellt und ausprobiert, da steckt sehr viel Arbeit und Zeit drin. Mitreißend find ich die Passagen, in denen der Sänger eher mal energischer schreit und die runtergestimmten fuzzy Gitarren wild rotieren. Das klingt alles so schön eigenständig! Auch beim Gesang gibt es Abwechslung, selbst gerappte Passagen sind beim genaueren Hinhören zu entdecken. Alles in allem steckt Morgen ist auch noch kein Tag voller Hits! Und bei jedem weiteren Durchlauf entdeckt man neue Melodien, die sich aus den Soundwänden herauswinden. Die Songstrukturen sind einfach perfekt arrangiert, dazu kommt eine saubere, satte Produktion und die melancholischen Untertöne dürfen auch nicht fehlen. Einige Songs könnten es auch gut ins Radio schaffen, Stolpern wäre beispielsweise so ein Kandidat, wenn es auch gegen Ende des Songs etwas lauter wird. Starkes zweites Album!

8/10

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Luminescent. – „Collisions“ (Ladies & Ladys)

Es ist doch immer wieder schön, wenn die Vernetzung so perfekt klappt wie bei diesem Album! Auf Luminescent wäre ich wahrscheinlich ohne den Hinweis der Band Colored Moth niemals von selbst aufmerksam geworden, auch wenn die Musikerin hinter Luminescent bereits bei allen bisherigen Alben von Colored Moth Gastfeatures in Form von Lyrics und Vocals beigesteuert hat. Nun denn, der sympathische Kontakt war ruckzuck hergestellt und ein paar Tage später kam auch schon ein Päckchen mit der Collisions 12inch. Das Album wurde inmitten der Pandemie im Spätsommer 2020 aufgenommen und im Juli 2021 digital released. Dank einer Crowdfunding-Kampagne der Musikerin wurde es dann doch noch möglich, dass das Album auf Vinyl über das feministische Label Ladies & Ladys veröffentlicht werden konnte. Mit dem wunderschönen „Resultat“ in den Händen freue ich mich natürlich sehr für Luminescent und auch für ihre Fans und Unterstützer*innen, dass die Kampagne geklappt hat und dabei dieses stimmige Kunstwerk von Album geschaffen wurde.

Optisch punkten kann das farbenfrohe Artwork auf Front- und Backcover, die Malerei geht auf die Kappe von einer Künstlerin namens Frau Schlau. Aus dem Inneren purzelt neben einem Downloadkärtchen ein Textblatt und natürlich die 12inch, die in einer gefütterten schwarzen Innenhülle steckt. Wie man im wunderbar illustrierten Textblatt nachlesen kann, haben am Release viele Menschen mitgewirkt. So wurden die zehn Stücke in den Moth Cellar Studios aufgenommen, das Mastern hat die Tonmeisterei geregelt, obendrein sind noch diverse Gastmusiker der Band Colored Moth im Verlauf des Albums zu hören. Dieses sympathische DIY-Ding ist also an allen Ecken und Enden zu spüren und diese Gesamtheit macht dann auch die ‚leuchtende‘ Lebendigkeit dieses Werks aus. Eine richtige Herzensangelegenheit!

Und dann ist da ja auch noch die Musik, die mit dem Aufsetzen der Nadel sofort in den Bann zieht. So richtig eintauchen gelingt hier natürlich mit sanft ausgepolsterten Kopfhörern, die Lautstärke so weit hochgeschraubt, dass keine Störung der Außenwelt an die Ohrmuscheln dringt, das stabile Textblatt in den Händen. Kopfkino anwerfen und eine Verbindung zwischen Texten und den illustrierten Bildchen im Textblatt und zwischen Albumtitel und Front/Backcover herstellen. Aber das klappt noch nicht gleich bei der ersten Hörrunde, denn die Stimme, der Klang der Gitarre, das Auftauchen von spärlich eingesetzten Drums, Bass, Piano und Gastvocals und die Geschichten hinter den Songs, das klingt alles so wahnsinnig intim und zerbrechlich, das alles muss man erst auf sich wirken lassen. Gesungen wird in englischer und deutscher Sprache, dabei haben die Songs allesamt Seele und Tiefgang, zwischen Poesie und dunklen Gedanken kommt das alles mit einer nachdenklichen und melancholischen Grundnote. Man wird buchstäblich in diese Stimmung hineingezogen, versinkt regelrecht fast im Treibsand (neben No Robot, No Machine und Time Shackles übrigens eins meiner Lieblingsstücke).

Textlich wird viel persönliches verarbeitet, neben Kapitalismuskritik und Gedanken zur zum Überleben notwendigen aber fürs Gemüt total schädlichen Lohnarbeit gibt es auch erschütternde Erlebnisse wie die persönliche Begegnung mit Alltagsrassismus innerhalb der Familie zu verarbeiten. Jedenfalls ist die Leidenschaft, die Intensität und das Herzblut hinter Collisions in jedem Ton und Wort deutlich spürbar! Und dann gibt es noch eine Coverversion der Post-Hardcore-Band Frodus! Irgendwo zwischen Dark Pop, Indie und Singer/Songwriter würde ich das hier einordnen, passt musikalisch und künstlerisch in die Ecke von Musiker*innen wie Lisa von Billerbeck (I Might Be Wrong/Zelf), Hauke Henkel (das Klavier) oder
Moritz Gadomski (testet mal den Song Im Selben Herz an, da wird eine ähnliche Spannung aufgebaut, wie es bei Luminescent der Fall ist). Könnte mir vorstellen, dass sich bei einer Liveshow sicher das eine oder andere Nackenhärchen aufstellen wird. Bis dahin, haltet euch ran und bestellt euch ein Exemplar, sonst könnte es sein, dass die 100er-Auflage bald vergriffen ist!

8/10

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Between Bodies – „Electric Sleep“ (KROD Records, I.corrupt.records)

Dass Between Bodies aus Köln, Paderborn und Toronto kommen ist ja schonmal ziemlich originell! Globalisierung find ich ja generell nich so doll, aber wenn so ein kreatives Ergebnis daraus resultiert, will ich mal nicht so sein! Außerdem gibt es ja in der heutigen Zeit kontaktlose Zoom-Session-Proberäume. Das nehme ich mal als absolute Technik-Pfeife schwer an! Gute Sache! Man kann sich vor einer Tour ja trotzdem noch kurz in ’nem keimfreien Raum treffen, um die Songs miteinander in Echtzeit zu proben! Jedenfalls liegen zwischen Paderborn/Köln und Toronto Ozeane, das kann man im Albumartwork und im wellenbedruckten Textheftchen des Digipacks auch noch mal wahrnehmen. Sieht alles ganz stimmig aus!

Between Bodies wurden hier an anderer Stelle schon aufgrund ihrer EP On Fences positiv erwähnt. Damals brachte ich als Referenzen Bands wie Pale, By A Thread, Samiam, Flyswatter, Audio Karate oder Gameface an. Teils passt das noch immer, aber bei Electric Sleep kommen mir vor allem immer und immer wieder Death Cab For Cutie, One Man And His Droid und Stars in den Sinn. Die elf Songs werden jedenfalls zu keiner Zeit langweilig! Wenn ihr Emozeugs aus der Jahrtausendwende nicht abgeneigt seid, dann wird dieses Album eine Offenbarung für euch sein! Auch wenn da jetzt zig Referenz-Bands stehen, solltet ihr da völlig unvoreingenommen reinhören. Hier steckt nämlich viel Eigenständigkeit drin, grenzenlose Melancholie und eine Vielfalt an Emotionen werdet ihr beim Hörgenuss ebenfalls zu spüren bekommen, Spielfreude und Herzblut inklusive! Ich feier das höllisch ab!

Und auch textlich hat das Album einiges an Emotionen zu bieten! Die Begegnung mit dem Tod? Scheiße, das will man so gut wie’s geht verdrängen und ausblenden! Wenn im Sterbefall auch noch andere Tragödien ans Tageslicht kommen, die bisher unter dem Mantel des Schweigens schwelbrandartig vor sich hingelodert haben und womöglich erst auf dem Sterbebett von allen Beteiligten realisiert werden, dann ist das echt mal bitter! Um so etwas zu verdauen, braucht es schon ein extrem dickes Fell. Am besten taucht ihr selbst in dieses sensible und intime Thema ein! Verdammt gut, unglaublich intensiv! Tolles Album!

8/10

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Kratzen – „Zwei“ (DIY)

Die Kölner Band Kratzen war mir bis auf den Erhalt einer E-Mail-Besprechungsanfrage bisher gänzlich unbekannt. Zwei ist logischerweise das zweite Album des Trios, das Debut-Album ist im Jahr 2020 in DIY-Manier in einer 150er-Vinylauflage erschienen. Und auch bei Zwei schwingt dieser DIY-Grundsatz auf allen Ebenen mit! Auf mein Interesse an der Musik Kratzens kam ein paar Tage später auch schon eine 12inch mit handschriftlichem Briefchen ins Haus geflattert! So muss das! Aber erst mal ein paar Infos zur Band: Kratzen hat sich im Jahr 2017 zuerst als Duo gegründet. Das jetzige Trio setzt sich aus Melanie Graf (Bass, Orgel, Gitarre, Percussion, Gesang, vormals Velochrome), Stefanie Staub (Schlagzeug, Gesang) und Thomas Mersch (Gitarre, Gesang, Bass, Orgel, vormals Monostadt und Salvage Art) zusammen und vor den beiden Alben erschien eine Split 7inch mit der Band Klauen.

Nun denn, Zwei kommt in einer schlichten blauen Papphülle, der Karton ist vorne mit Bandname und Albumtitel handgestempelt, auf der Rückseite ist lediglich eine handschriftliche Nummerierung angebracht. Diesmal wurde die Stückzahl auf 300 angehoben, denn die 150 Exemplare des Debuts und die 55 Nachpressungen sind mittlerweile vergriffen. Ich denke, dass die Nachfrage des zweiten Albums ähnlich stark sein wird. Denn DIY-Vinylfans wissen so einen Aufwand sehr zu schätzen! Handgestempelte Vinyllabels, ein liebevoll gestaltetes Textblatt mit allen Infos zum Release sowie ein stabiles Downloadkärtchen und mit Tesafilm befestigtem Downloadcode rundet das Beiwerk zur Vinylscheibe ab. Und auch bei der Schublade, in die die Band ihre Musik stecken möchte, steckt viel Kreativität: Krautwave also!

Setzt die Nadel in die Rille, dann ist man sofort vom Sound der Band gefangen, die scheinbare Monotonie hypnotisiert erstmal so richtig. Dann umschwebt der pumpende Bass das Gehör, der groovende Takt der Drums bohrt sich immer weiter ins Unterbewusstsein und dann setzen diese eigenwilligen, desöfteren minimalistischen Gitarren und auch der female/male Gesang ein. Und man denkt so, das ist eigentlich alles ganz schön lo-fi, nur um wenig später zu merken, dass da ja plötzlich schon eine gewisse Soundwand hochgezogen wird, wahrscheinlich spielen dabei die immer wieder auftauchenden Orgeltöne eine gewisse Rolle. Gesungen wird übrigens vorwiegend in deutscher Sprache, ein französischsprachiger Song ist ebenfalls mit von der Partie. Bei den Texten kommt sofort dieses Hamburger-Schule-Feeling durch. Die Kreativität, die Leidenschaft und das Herzblut der Band ist an allen Ecken und Enden zu spüren! Stellt euch mal vor, Bands wie Contriva, Die Sterne, Notwist, Fugazi oder Sog würden in ihren Sound wavige, psychedelische, Shoegaze- und Post-Punk-Elemente á la Joy Division, CAN oder Spacemen 3 einbauen, dann kommt das ungefähr hin. Jedenfalls ist Zwei eine dieser Platten, die mit jedem weiteren Durchgang wachsen und sich fast schon magisch in den Gehörgängen ausbreiten. Und das Resultat ist sehr originell und auf Vinyl auf einer Anlage mit basslastigen Lautsprechern ein absolutes Erlebnis! Mir taugt das hier absolut!

9/10

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Bandsalat: …And Then I Feel Nothing, Easy Prey, Fenris Fuzz, Hippie Trim, Meißel, Shooting Daggers

…And Then I Feel Nothing – „5 Songs“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ein ziemlich geiles Brett irgendwo zwischen düsterem und dissonantem Screamo, Emoviolence, Post-Hardcore, Hardcore, Post-Punk, Metal und Noise liefert das Trio …And Then I Feel Nothing auf seiner aktuellen und fünf Songs starken EP ab! Rotzig, wütend, roh! Und verdammt fett und basslastig gemischt, wieder mal die Tonmeisterei! Da zittern die Wände, wenn man die Anlage voll aufdreht. Und live bringt das sicher die ein oder andere Baseballcap zum vibrieren, eure H&M-Fischerhüte werden euch bereits beim Auftakt sowas von der Rübe geblasen! Geil kommen auch die recht unterschwelligen Melodien, die kaum aus dem ganzen Noisegewitter auszumachen sind! Checkt das mal zum Frühstück aus, da werden die Müsli-Körner wie von selbst im Gebiss zu Brei gemahlen!


Easy Prey – „Unrest“ (Hell Minded Records) [Stream]
Wenn ihr mal wieder ein richtig fettes Post-Hardcore-Brett mit mehr Nähe zum Hardcore und Post-Noise hören wollt, dann empfehle ich euch das zweite Album der texanischen Band Easy Prey. Hier bekommt ihr zehn fette und teils groovy Smasher auf die Ohren, die vor Chaos, Brutalität und purer Emotion und einer wuchtigen Produktion nur so strotzen. Stellt euch ’ne wilde Prügelei zwischen Bands wie The Hope Conspiracy, Starkweather, Bloodlet oder Kiss It Goodbye mit Noise-Krawallmachern wie Unwound, Helmet, Unsane oder weirderen Slint vor, addiert noch ’ne Portion glaubwürdige Trueness und pure Leidenschaft, dann kommt das so ungefähr hin. Instensiv, dicht, wahnsinnig emotional, authentisch!


Fenris Fuzz – „Freaky Stories Of Daily Life“ (Eternalis Records) [Stream]
Die französische Band Fenris Fuzz hat sich aus Leuten der Modern-Hardcore-Band Fire At Will im Jahr 2020 zusammengetan. Auf der ersten EP sind insgesamt sechs Songs zu hören, die dem Fuzz im Bandnamen alle Ehre machen, obwohl der Hauptstil der Jungs im Post-Hardcore verortet ist, Nebenschauplätze sind Post-Rock, Sludge, Screamo und Stoner-Elemente. Heavy Gitarrenriffs und fuzziger Bass treffen dabei auf sehr gut ausgetüftelte Songarrangements, wuchtige Drums und emotionale Vocals, die am Rand der Verzweiflung zu stehen scheinen. Und neben den tonnenschweren Gitarren schleichen sich natürlich auch noch hervorragende Melodien in den Sound mit ein. Bittersweet! Klingt ziemlich spannend und eigenständig, was die Jungs da zusammengeschustert haben, müsst ihr unbedingt anchecken!


Hippie Trim – „What Consumes Me“ (Supervillain) [Stream]
Die Band aus Nordrhein-Westfalen konnte bereits mit dem Debutalbum Cult nicht nur bei mir einige Szenepunkte sammeln, mit dem Nachfolger What Consumes Me dürften noch etliche mehr dazukommen, soviel schonmal vorneweg! In der Pandemie scheint die Kreativität ein willkommener Rettungsanker gewesen zu sein, denn What Consumes Me hat elf Songs an Bord, die nur so vor pfiffigem und sprudelnden Ideenreichtum, Leidenschaft, Wut, tiefgreifenden Emotionen und herzzerreißenden Momenten strotzen, Langeweile ist hier Fehlanzeige. Gekonnt wird ein impulsiver Mischmasch aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Indie, Pop, Shoegaze und Grunge gezaubert, eine wahre Freude! Hinter Bands wie Turnstile, Citizen, Turnover & co brauchen sich die fünf Jungs jedenfalls wahrlich nicht verstecken! Einflüsse dieser Bands kann man ebenso raushören wie z.B. Zeugs wie As Friends Rust, Grade, Alexisonfire, Title Fight, Such Gold oder The Story So Far. Auf der einen Seite sticht diese Catchyness hervor, wundervolle Gitarrenriffs treffen auf Doppelgesang und shoegazige Passagen, energiegeladene Ausbrüche sind ebenso mit von der Partie. Textlich lohnt es auch, mal genauer hinzuhören, u.a. geht es um gesellschaftliche und menschliche Dinge. Und die satte Produktion zeigt auch ihre Wirkung, ein rundum gelungenes Album!


Meißel – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bereits vor der Covid19-Geschichte hat sich dieses Duo (Meißel/Meizsel) aus Karlsruhe aus Mitgliedern der Band Lypurá zusammengefunden. Als Duo hatte man es mit den ganzen Auflagen sicher besser, wenn man mal wieder auf eine Face To Face-Probe heiß war, außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, dass ’ne Duo-Band auch sehr gut online was auf die Reihe bringen kann. Jedenfalls gibt es acht Songs auf die Ohren. Bei einer Spielzeit von knapp zwölf Minuten wisst ihr sicher schon, wo die Reise hingehen könnte. Screamo, Emoviolence, Bremer Schule-Mosh, Hardcore, Skramz und natürlich einiges an Emocore. Selbstverständlich mit viel Wut und Verzweiflung im Bauch, daher sehr intensiv und emotional. Sturm und Drang, erinnert sehr an Emocore/Screamo-Perlen á la Yage, June Paik, Orchid, Indian Summer oder Louise Cyphre. Kurze, aussagekräftige, in deutscher Sprache auf den Punkt gebrachte Texte runden das ganze ab! Geil, oder?


Shooting Daggers – „Athames“ (New Heavy Sounds) [Stream]
Geballte Girl-Power gefällig? Dann solltet ihr die neue EP des Trios aus London anchecken! Die sechs Songs machen ordentlich Wind, hier steckt Radau drin, die Mädels scheinen auf Krawall gebürstet zu sein und spucken dem patriarchalen Machtsystem direkt in die picklige Fresse! Geboten wird wütender und angespisster Hardcore-Punk, das erinnert an die Washington DC-Hardcore-Frühzeit. Roh, wutschnaubend und böse! Und wie es sich gehört, gibt es hier Punk mit Message auf die Ohren, was natürlich auch an die großartige Riot Grrrl-Zeit erinnert! Ich bin jedenfalls schwer begeistert!