Dingleberry Records Film-Special: Bruised Willies, John Malkovitch!, Lost Boys

Bruised Willies – „John Malkovich Was Great As John Malkovich In Being John Malkovich“ (Dingleberry Records u.a.)
Mal wieder ein Tape aus dem Hause Dingleberry Records. Bandname und EP-Titel lassen vermuten, dass wir es hier mit irgendwelchen Filmnerds zu tun haben. Die Band Bruised Willies kommt aus Singapur und wurde bereits im Jahr 2012 gegründet. Wenn mich nicht alles täuscht, dann spielt hier jemand von den neulich aufgelösten The Caulfield Cult mit. Auf dem Tape bekommt ihr fünf Songs zu hören, die nach einigen Durchläufen zu richtigen Ohrwürmern werden. Das Trio macht nämlich eingängigen Emo-Punk, der mich hin und wieder an Bands wie Brand New Unit, Jawbreaker, Iron Chic oder The Marshes erinnert. Dabei gefällt es, dass die Jungs auch hin und wieder zum dominierenden und punklastigen Emo Elemente aus dem Skate-Punk oder Melodic Hardcore einstreuen, selbst eine flirrende Post-Hardcore/Post-Rock-Gitarre schleicht sich ein. Das Tape kommt mit einem aus dickem Karton gefalteten Cover, die Texte sind in akzeptabler Schriftgröße ebenfalls enthalten. Das Tape ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records und Dangerous Goods erschienen. Da mein Tapedeck etwas eiert, habe ich nach zwei Durchläufen auf den Stream der Bandcampseite zugegriffen. Solltet ihr unbedingt anchecken!
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


John Malkovitch! – „The Irresistible New Cult Of Selenium“ (Dingleberry Records u.a.)
Dieser schön gestaltete Digipack macht es einem rein äußerlich nicht ganz leicht, auf Anhieb Interpret und Titel zu entdecken. Auch mit den beteiligten Labels ist es nicht ganz einfach. Neben Dingleberry Records haben am Release die Labels I Dischi del Minollo, Edison Box und Mehr Licht Records mitgewirkt. Das alles sieht man erst wenn man das edle Stück aufklappt. Da entdeckt man, dass man es mit der Band John Malkovitch! aus Umbrien/Italien zu tun hat. Ganze vier Stücke sind auf The Irresistible New Cult Of Selenium enthalten. Da ich die Band bisher noch nicht auf dem Schirm hatte, dachte ich zuerst, dass es sich bei dem Tonträger aufgrund der Titelanzahl um eine EP handelt, aber John Malkovitch! machen astreinen instrumentalen Post-Rock mit ausufernden Ambient-Passagen und Stoner-Post-Metal-Elementen, so dass die vier Stücke auf eine Spielzeit von knapp 48 Minuten kommen. Die Musik ist dabei sehr vielschichtig und der Focus liegt auf sphärischen Klanglandschaften. Da kann es auch mal zwischendurch so richtig ruhig werden, so dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. V.a. die ruhigen Passagen mit den sich wiederholenden und eindrehenden Gitarren würden sich hervorragend für einen Soundtrack zu einem traurigen und tristen Film eignen. Überhaupt klingt das Ganze sehr düster und melancholisch. Hypnotisch baut sich nach einer ruhigeren Passage die Musik Schicht um Schicht wieder auf, bis eine Wand von Dampfwalze hereinbricht. Vom Ablauf her erinnert das an einen Menschen, der nach einem langen und erholsamen Schlaf langsam wach wird und sich plötzlich hellwach und voller Energie an das Tagesgeschäft macht. Die Rhythmuswechsel sind unberechenbar, so dass es spannend bleibt. Am besten, ihr hört diese Musik in einem abgedunkelten Raum mit brennender Kerze und laut aufgedreht über einen guten Kopfhörer an, dann ist die Gänsehaut garantiert. Jedenfalls hat man im halbdunklen Licht während des Hörens genügend Zeit, über das Covermotiv nachzudenken und die Schatten des schummrigen Kerzenlichts in die Phantasie mit einfließen zu lassen. Mich erinnert das irgendwie an ein Fabelwesen, ähnlich dem Drache Fuchur aus der unendlichen Geschichte. Gibt es wirklich einen unwiderstehlichen neuen Kult um Selen? Nicht zu verwechseln mit dem Seelenkult! Selen ist ein chemisches Element und wird soweit ich weiß gerne als Nahrungsergänzungsmittel verwendet, da es gut für’s Herz sein soll. Na dann, pfeift euch das hier mal rein!
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Lost Boys – „fun“ (Dingleberry Records)
Wenn man das farbenfrohe 12inch-Plattencover in der Hand hält, könnte man vermuten, dass man es hier mit einer Band aus den Achtzigern zu tun hat, die ein Aerobic-Album veröffentlicht. Da purzeln die bunten Gymnastik-Bälle neben den Fitnessstäben, durch die körpereigenen Endorphine beim Training wird alles so bunt wie auf einem LSD-Trip. Bis man die A-Seite auflegt und man binnen weniger Sekundenbruchteile nach dem Aufsetzen der Nadel merkt, dass die Rückschlüsse vom Albumartwork auf den Sound hier absolut daneben sind. Denn Lost Boys sind von sportlicher Disco-Musik so weit entfernt wie der hitzköpfige Bodybuilder von klaren Gedankengängen. Mit dem Aufsetzen der Nadel prasselt eher ein buntes Bällebad mit harten Cricketbällen auf Dich ein. Jeder Ball trifft Dich hart am Körper. Kaum zu glauben, dass dieses Brett von nur drei Menschen geschaffen ist. Da brezelt das Schlagzeug, so dass man förmlich den Wind der Crashbecken spürt. Dazu gesellen sich messerscharfe Gitarren, die an manchen Stellen durchaus melancholische Untertöne anschlagen. Aber das entdeckt man erst, wenn man sich durch das sperrige dissonante Noisegewitter wie durch dichtes Unterholz durchgeschlagen hat. Zu fasziniert ist man von dem schmerzvollen und leidgeplagten Geschrei des Sängers. Die Dissonanz nimmt an manchen Stellen gespenstische Züge an. Dieser Chor in Punk Singer z.B. kommt laut aufgedreht über Kopfhörer im dunklen Raum echt mal krass. Die Texte sind genauso angepisst wie die Musik. Da wird so manchem der Spiegel vorgehalten. Den Finger tief in die Wunde gesteckt und kräftig drin rumgebohrt wird da. In unsere technik-affinen Zeit, in der das Smartphone und Dein Status wichtiger sind als Dein gegenüber aus Fleisch und Blut, da braucht es wütende Texte wie diese, die dir direkt und unverblümt vor den Kopf geknallt werden. Erinnert gerade wegen den deutschen Lyrics stark an 90er Bremer Schule Hardcore á la Lebensreform und Loxiran, aber auch aktuelle Screamo Bands wie Masada oder Ojne oder Klassiker wie Orchid, Yage und Portaits Of Past dürften in vielen Kritiken als Referenz fallen. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, La Soj, Dont Care Records, Lost State Records, Rakkerpak Records und Désordre Ordonné.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

UNS – „Alles was wir machen ist Kunst“ (Sinnbus)

Was ist Kunst? Darüber haben sich schon etliche Leute ihr schlaues Köpfchen zerbrochen. Genau genommen gibt es auf diese Frage keine konkrete Antwort. Es gibt ja diese vielzitierte Weisheit, dass Kunst eigentlich immer im Auge des Betrachters liegen würde. Wer sich als Kulturtourist mit einem DuMont-Kunstführer auf Entdeckungsreise durch zig Museen begibt, der hat vielleicht ein anderes Auge für die Schönheit als ein Mensch, welcher in einem Graffiti in der U-Bahn das Kunstwerk des Jahrhunderts zu sehen scheint. Für den einen muss Kunst ästhetisch, fließend und harmonisch sein, der andere liebt es eher wild, chaotisch und ungestüm. Hätte irgendwer anno 1977 geglaubt, dass es gut vierzig Jahre später in den Museen dieser Welt Ausstellungen zum Thema Punk geben würde? Pfffff! Und deshalb ist es auch nicht verwerflich, wenn eine noch ziemlich neue Band ihr Debütalbum mit einer solch selbstbewussten Aussage betitelt. Dem Albumtitel nach kann man schonmal davon ausgehen, dass hinter UNS mit Sicherheit ein paar kreative Köpfe stecken, die einen gewissen Hang zur Exzentrik haben oder zumindest gerne provozieren.

So, dann wollen wir mal als erstes das Coverartwork der 12inch analysieren. Obwohl dieses sehr schlicht gehalten ist, ist die Platte ein richtiger Blickfang. Das mag an der gelb-schwarzen Farbgebung liegen, die ja nicht nur im Tierreich (Salamander, Biene Maja) durch ihren Kontrast Signalwirkung hat. Zudem haben Farben ja immer auch eine Symbolik in der Kunst. Gelb wird mit Wärme in Verbindung gebracht. Es kann als heiter, erregend, extrovertiert, verschwenderisch, optimistisch und leichtsinnig ausgelegt werden. Schwarz hingegen steht im direkten Kontrast dazu und wird mit Hass, Trauer und Unglück assoziiert, aber es steht auch für Ablehnung. Schwarz wird als pessimistisch, geheimnisvoll, verschlossen und ernst empfunden. Der schwarze Anteil ist geringer, gelb überwiegt. UNS ist ein Teil von kUNSt.

Sobald man die Scheibe sich auf dem Plattenteller drehen sieht und die Nadel abrupt aufsetzt, dann durchlebt man die unfassbar aufgeladene Welt der Band UNS. Das letzte Mal hatte ich einen solchen Aha-Effekt bei einer ebenfalls aus Deutschland stammenden Band namens Fluten. UNS bewegen sich in ähnlichen Klangwelten, zumindest was die Energie und die Ohrwurm-Melodien angeht, die mit jedem Durchlauf sich noch weiter ins Gehör schrauben. Die Musik pendelt zwischen Disco, Prog-Rock, etwas Post-Hardcore, Screamo und EBM/Pop. Dann sind da noch diese 80er-Post-Punk-NDW-Keyboards, die teilweise an die österreichische Band Bilderbuch erinnern. Dazu gesellen sich abstrakte und mit viel Zynismus und Ironie gespickte Texte im Poetry Slam-Stil, die mal gekünstelt, mal durchgeknallt schreiend oder auch schnaufend und japsend vorgetragen werden. Wahnsinn. Aber passt alles perfekt zueinander. Und dann entdecke ich zu allem noch, dass hier Leute mitmischen, die mich auch schon auf anderen Sinnbus-Releases mit ihrer Musik in den Bann ziehen konnten. Die Jungs haben vorher bei Kapellen wie SDNMT, I Might Be Wrong, Kate Mosh, Siva, Petula, Nonkeen und ClickClickDecker mitgewirkt. Verrückte Welt.

Die oberste Regel von UNS scheint zu lauten, dass es keine Regeln zu geben hat. Da hat man sich an einen der vielschichtigen Songs herangetastet, so wird beim nächsten Stück alles wieder über den Haufen geworfen und von Neuem begonnen. Kennt ihr diese Folien-Maltafeln für Kinder? So ähnlich gehen UNS mit ihren Songarrangements um. Sobald sich die Band verkünstelt hat, wird die Folie auch schon wieder hochgezogen und bei Null angefangen. Beim Song Von A nach A denkt man dann z.B. nur: Nimm mich mit. Ich will unbedingt mit euch mit. Ich komm mit euch mit. Ihr braucht nicht zu betteln. Und wenn es nur von A nach A sein sollte. Ich folge blind. Bis ich bei Nackt sehen schreiend davon renne. Aua. Dieser Mix aus Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und Rio Reiser ist auf den ersten scheuen Blick echt gewöhnungsbedürftig. Aber auch das ist Kunst. Kunst kann auch schon mal weh tun. Wie der Blick auf einen alten, grauen und faltigen Körper. All das lehrt uns die kUNSt. Und selbst an einen Song wie Nackt sehen gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen. Auf der 12inch gibt’s übrigens insgesamt neun Songs zu hören, mit dem beiliegenden Downloadlink erhält man die digitale Version zusammen mit dem Bonus-Song München. Wenn ihr euch eine farbenfrohe, abgefahrene und extrovertierte Mischung aus eben Fluten, Bilderbuch, Rio Reiser und den Fehlfarben vorstellen könnt und dann noch etwas Coolness und verschiedene Musiker dazu addiert, die vollgepumpt mit unterschiedlichen Drogen oder aber auch durch das Musizieren hervorgerufene körpereigenen Endorphinen bei vollem Bewusstsein genau ausloten können, was einem Song zur Vollkommenheit noch fehlt, dann solltet ihr hier schnell zugreifen. Beeindruckendes Debut!

8/10

Facebook / Bandcamp / Sinnbus


 

Solitone – „Lame De Fond“ (Dingleberry Records u.a.)

Beim Albumcover muss man gleich zweimal hinsehen und überlegen, ob man es hier eventuell mit einer Fotomontage zu tun hat. Im Vordergrund sieht man die schäumenden Stromschnellen eines reißenden Flusses, der wohl in einen anderen Fluss oder ein ruhigeres Gewässer mündet. Die naturgewaltige Idylle und die fließende Landschaft wird durch die im Hintergrund auftauchenden und bedrohlich wirkenden Fabrikschlote regelrecht verschandelt und gestört. Grau in Grau zeigt dieses Foto ein sehr düsteres Bild. Passend zum Foto und zum Bandname fällt mir ein, dass Soliton ein Begriff aus der Mathematik bzw. Physik ist und irgendwas mit Wellenbewegungen zu tun hat. Auf dem Backcover und dem Label der A-Seite ist obendrein eine Art Bandlogo zu sehen, das wohl eine Welle und eine Wolke darstellt. Von der B-Seite grinst ein schwarz-weißer Siebdruck, von dessen Motiv ich noch nicht ganz schlau werde. Aber je länger ich das Ding drehe und wende, umso überzeugter bin ich, dass der Druck einen mächtig riesigen Wellenbrecher darstellt. Jedenfalls sieht das alles schonmal rein optisch ziemlich gut aus. Neben Dingleberry Records sind übrigens mal wieder ein paar andere Labels am Release beteiligt, nämlich A Fond D’cale, Hardcore For The Losers, Voice Of The Unheard, Dreamingorilla Rec und Backwater Transmission.

Ich hatte die Band Solitone aus Bordeaux/Frankreich jedenfalls bisher noch nicht auf dem Schirm, so lange scheinen die vier Jungs auch noch gar nicht zusammen zu sein. Bisher erschien lediglich eine 7inch im Jahr 2017. Okay, sobald die Nadel aufsetzt, wird klar, dass die Franzosen soundtechnisch ähnlich düster unterwegs sind, wie es ja das Coverartwork bereits prophezeit hat. Die Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und etwas Blackened Hardcore bahnt sich dann auch -ähnlich wie ein reißender Fluss oder ein mächtiger Wellenbrecher – ihren Weg, dabei wird auf der einen Seite tosend gebolzt, während auf der anderen Seite auch mal wieder gemäßigterer und schleppend fließender Sound an die Ohrmuschel gespült wird. Vertrackte Rhythmen, mäandernde Bassläufe, fließende Gitarren und ein gequälter Sänger machen die Sache nicht fröhlicher, Schwermut und Tristesse stehen im Vordergrund. Und trotzdem lassen sich nach ein paar Durchläufen melodische Momente entdecken, die anfänglich verspürte Dissonanz schwindet allmählich. Es gibt jedenfalls viel zu entdecken, man muss die Lautstärkeregler nur ordentlich aufreißen! Geil find ich diesen gegenspielenden und eigenwilligen Bass, der an alte Emo-Bands erinnert.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Radium Grrrls – „Pro Choice“ (Adagio 830)

Die Schreibweise des Bandnamens gibt erste Hinweise und lässt Vermutungen aufkommen, dass die Radium Grrrls der Riot Grrrls-Bewegung neues Leben einpusten wollen. Passend dazu hat der vom Begriff Radium Girls abgewandelte Name ja auch eine historische Bedeutung mit einem politischen Hintergrund. Als Radium Girls wurden zur Zeit der Industrialisierung Fabrikarbeiterinnen bekannt, die sich aufgrund fehlender Gesundheitsbestimmungen bei der Arbeit eine Radiumvergiftung zuzogen und deshalb erkrankten. Eine Gruppe dieser Arbeiterinnen verklagte daraufhin ihren Arbeitgeber. Seither gelten die Radium Girls als Symbolfigur für die Arbeiterbewegung und auch für den Kampf um die Rechte von Frauen. Ein weiteres Indiz ist auch der EP-Titel, der auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen abzielt.

Und ein Blick ins Innere bestätigt auch schon die eingangs erwähnte Vermutung. Das vermeintliche Bandfoto gaugelt zwar vor, dass hier ausschließlich vier Frauen für den Krach auf der 7inch verantwortlich wären. Spitzfindige Leute entdecken aber gleich anhand der Vornamen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die Radium Grrrls setzen sich aus drei Männern plus einer Frau am Mikro zusammen, die Mitglieder kennt man aus Bands wie z.B. Totem Skin und Livet Som Insats. Die Band mag zwar vorwiegend aus Männern bestehen, dennoch stimmen die im Feminismus verwurzelten Inhalte, die uns von Sängerin Emilia voller Wut und Selbstsicherheit um die Ohren geschmettert werden. Am Beispiel der ganzen MeToo-Debatte freut man sich natürlich, dass es Bands wie die Petrol Girls oder eben die Radium Grrrls gibt, die diese feministischen Themen in die HC-Szene holen und den teils abgestumpften Macho-Hohlbirnen gehörig was auf’s Fressbrett geben. Hey, rafft das endlich mal: es fühlt sich doch schon immer befremdlich an, wenn ganz normale Spießer anzügliche Bemerkungen schmettern, warum müsst ihr dann verdammt nochmal sowas auch tun? Auch ist es schön zu sehen, dass sich immer mehr Frauen in dieser sehr männerdominierten Szene Gehör verschaffen, sei es passiv durch den Besuch oder aktiv durch das Veranstalten von Shows, als Label- oder Fanzine-Macherinnen bis hin zum Mitwirken in einer Band. Wie sangen die 7Seconds einst: Not Just Boys Fun! Das ist auch schon immer absolut meine Meinung! Es sollte definitiv mehr Bands mit politischen und/oder feministischen Inhalten geben. Ein bisschen macht das die Welt besser. Meiner Meinung nach rüttelte die Riot Grrrls-Bewegung damals schon ein paar Leute wach, sie brachte auch teilweise ein Umdenken, weg vom Schönheitswahn. Und dennoch ist alles im Sand verlaufen. Deshalb finde ich es super, dass momentan wieder ein Wendepunkt zu kommen scheint. Gibt’s eigentlich bereits ’ne Allgirl-Beatdown-Band, die das bullenhafte Machogehabe auf HC-Shows auf den Arm nimmt? Es wäre an der Zeit dafür.

Nun, jetzt bin ich aber abgeschweift. Die Texte kommen jedenfalls ohne bildhafte Schnörkel sehr direkt um die Ecke, so dass erst gar keine Missverständnisse aufflackern. Deutlicher geht es kaum. Da wird ordentlich auf den Putz gehauen und kein Blatt vor den Mund genommen. Der Sound bewegt sich dann dementsprechend ruppig zwischen knüppeligem Oldschool Hardcore und etwas Powerviolence. Yeah, das geht voll gut nach vorne, das bockt live sicher ordentlich! Die verstrahlten Mutanten vom Cover hacken mit allen verfügbaren Extremitäten auf ihre Instrumente ein! Da kommen alte Polit-HC-Bands wie Infest, Nations On Fire oder auch die brasilianische All-Girl-Band Infect in den Sinn. Die Gitarren drehen am Rad, der Bass wirbelt wie ein aufgedrehter Derwisch, der Drummer knüppelt auch präzise wie ein Zweitakt-Motor mit Stotter-Defekt. Und die Sängerin speit ihren ganzen Hass gegen das Patriarchat ins Mikro. Und ja, dem Patriarchat müssen noch einige Zähne gezogen werden (kleine Anspielung auf das nette Backcover und die bedruckten 7inch-Labels).

8/10

Facebook / Bandcamp / Adagio 830


 

The Dry Mouths – „When The Water Smells Of Sweat“ (Tim Tam Records u.a.)

Einige von euch werden es vermutlich bereits wissen, dass Tim Tam Records eine Art Sublabel von Dingleberry Records ist. Bei Zeugs, das u.a. über Dingleberry Records erscheint, kann man sich niemals sicher sein, ob jetzt ultraheftiges Emoviolence-Geballer, Posthardcore, Instrumental-Math, Punk oder Screamo an die lärmgeplagten Ohren dringt. Dieses vom Betreiber des Labels offene Ohr behagt mir sehr, denn es gibt immer wieder Bands, die mir bisher unbekannt waren und die mich direkt aber auch indirekt angesprochen haben. Gerade beim Abspielen auf Vinyl ergeben sich neue Freundschaften mit Bands, die man sich eventuell per Digitalstream nie und nimmer angehört hätte. Und beim Sublabel Tim Tam Records ist es ähnlich. Hier ist das musikalische Spektrum auch sehr breit gefächert, da gibt es mal Emo, melancholischen Folk oder Neo-Klassik-Screamo. In welche Kategorie jetzt The Dry Mouths letztendlich fallen? Ich kann mich irgendwie nicht direkt festlegen. Jedenfalls wäre ich rein digital aufgrund der aufgelisteten Tags wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, die Band mal anzutesten, denn Desert Rock ist nicht unbedingt meine erste Wahl. Dieses doofe Schubladendenken sollte ich mir langsam aber sicher endlich mal ablegen, sonst gehen mir noch mehr gute Bands durch die Lappen.

Okay, ich hab also ’ne 12inch in der Hand, die schön farbenfroh im Konfetti-Look daherkommt. Ob der weiße Fleck ’ne Friedenstaube darstellen soll? Keine Ahnung. Aber wenn man näher hinschaut, dann erkennt man zwischen all den Farbklecksen ein Gesicht. The Dry Mouths sind jedenfalls sehr psychedelisch unterwegs, die vielen Farben im Coverartwork haben dabei sicher irgend eine Bedeutung. Aber erstmal die Basics: Das Trio The Dry Mouths wurde im Jahr 2006 gegründet und kommt aus Almeria, das liegt irgendwo in Spanien/Andalusien. When The Water Smells Of Sweat ist neben einer EP und einer Split EP bereits Album Nummer drei. An diesem Release sind die Labels Tim Tam Records, Aneurisma Records, Cosmic Tentacles, RadiX Records, Surnia Records, Spinda Records und Zona Rock Productions beteiligt.

Der Opener geht jedenfalls schonmal richtig gut ins Ohr und ja, die Gitarren klingen teilweise schon sehr nach Stoner, Grunge und Wüste. Dennoch meine ich, auch eine satte Prise Emo herauszuhören. Gerade der Gesang, die melodischen Momente und die Bandchöre sind untypisch für eine reine Stoner-Band. Beim zweiten Song Catalonian Cream kommen dann sogar entfernt Bands wie Juliana Theory, Duct Hearts, Penfold, Madee oder Mineral in den Sinn und spätestens beim melancholischen The Whip, das mit diesem gefühlvollen Gitarrenriff, unglaublich tollen Basslines und intensivem Gesang ausgestattet ist, hat mich die Band am Wickel. Die B-Seite beginnt dann etwas gediegener mit dem Titelstück, das irgendwas von ’nem Showdown aus ’nem Western hat und als Intro für die nachfolgenden zwei Stücke dient. Man fühlt sich wie auf einer Wolke, wenn man die Musik laut aufgedreht über Kopfhörer aufsaugt. Die Gitarren lullen Dich ein und bereiten Dich auf das Finale vor, das mit Beginn des sechseinhalb minütigen Instrumentals Doomental VI: Law Far Low Par eingeläutet wird. Hier wird es dann richtig experimentell, es kommen sogar Synthesizers zum Einsatz. Kann man ruhig mal antesten!

8/10

Facebook / Bandcamp / Tim Tam Records


 

CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records