Jet Black – „L’Ère Du Vide“ (I.CORRUPT.RECORDS)

Als mich neulich eine Besprechungsanfrage zu diesem Album erreichte, musste ich erstmal die Äuglein reiben. Sind das etwa die legendären Jet Black aus Bremen, die da auf I.CORRUPT.RECORDS ein Reunion-Album am Start haben? Ha, reingefallen! Hätte rein von den bisher erschienen Releases des Labels ja schon sein können. Aber bei diesen Jet Black hier handelt es sich um ein seit 2008 bestehendes Quartett aus Québec, Kanada. Die Band ist auch in ganz anderen musikalischen Gefilden unterwegs und L’Ère du Vide ist mittlerweile das dritte Album der drei Jungs und der Frau am Bass/Mikro.

Jedenfalls packt mich das Gehörte bereits bei den ersten Klängen. Jet Black machen eine atmosphärische und verträumte Melange aus Indie-Rock, Post-Rock und Shoegaze, die starke Erinnerungen an die 90er wach werden lässt. Gerade bei den Gitarren und der Gesangsweise, sowohl bei der männlichen und ganz stark bei der weiblichen Stimme kommen mir direkt die ersten Sachen der Band Lush in den Sinn. Witzig, diese werden dann auch im Presseinfo neben den Bands Slowdive, My Bloody Valentine und Sonic Youth genannt. Die acht Songs sind liebevoll ausgearbeitet, man kann richtig in sie eintauchen und sich berieseln lassen. Die Spielzeit von etwas knapp über 37 Minuten verfliegt jedenfalls wie im Nu. Die Gitarren sind gespickt mit Ideenreichtum, sie kommen mal leicht verzerrt und dann wieder traumhaft clean um die Ecke, dazu passen die wabernden Bassmelodien und die mal kräftig und mal ruhiger gespielten Drums. Ganz stark wirken natürlich die warm klingenden Vocals! Unglaublich, wie leichtfüßig diese Songs zusammengebastelt sind, so dass das Ergebnis so stimmig wirkt. Da tauchen auf der einen Seite fast hymnische Parts mit eingängigen Refrains auf, während auf der anderen Seite komplexe und ausufernde Soundpassagen vorherrschen. Und aus allem hört man in sich eingekehrte Spielfreude und pure Leidenschaft heraus, von Langeweile keine Spur.

L’Ère Du Vide bedeutet in der Übersetzung soviel wie „Das Zeitalter der Leere“. Der Albumtitel wird auch in den Songtexten zum zentralen Thema gemacht. Obwohl in unserer kapitalistisch geprägten Zeit alles auf Knopfdruck verfügbar ist, durch Technik und Fortschritt ständig neue Gadgets entworfen werden, verblasst unsere Begeisterung darüber ziemlich rasant. Textlich beschäftigt sich die Band gerade mit solchen Themen. Wie entkommt man diesem Zeitalter, in dem alles im Überfluss vorhanden ist und alles nur auf kurzfristige Befriedigung ausgelegt ist? Was treibt die Menschen an, selbst kreativ zu sein und z.B. Musik zu erschaffen, obwohl das in der schier endlosen Angebotsflut unterzugehen droht? Wenn ihr den Antworten auf diese Fragen etwas näher kommen wollt, dann solltet ihr euch mit Haut und Haaren diesem Album verschreiben. Denn das ist mal wieder ein aus der Masse herausstechendes Release, in das man sich auf Anhieb verlieben kann.

9/10

Facebook / Bandcamp / I.CORRUPT.RECORDS


 

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Bandsalat: Cassus, Empowerment, Exploding Head Syndrome, Futbolín, Ghost Spirit & Frail Hands, Revaira, Sans Visage, Whiteriver

Cassus – „Separation Anxiety“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Manche Juwelen verschwinden auf der Festplatte und werden erst wieder beim lange auf die Bank geschobenen Ausmisten entdeckt. Obwohl mir die This Is Dead Art; This Is Dead Time; But We May Still Live Yet sehr gut im Gedächtnis geblieben ist und auch ’ne IFB Records-Anfrage zu diesem Release im Postfach landete, fand ich für dieses Album bisher irgendwie kein Gehör. Verdammte Hacke, das ist echt mal traurig! Da draußen sind sicher so viel geile unterstützenswerte Bands, die man leider aufgrund permanenten Zeitmangels weder selbst entdeckt noch an interessierte Leute weiterempfehlen kann. Jahre später hörte ich also erstmals in Separation Anxiety rein und war sofort hin und weg! Die Gitarren schwurbeln, plinkeln, drehen durch und schneiden scharfe Schnitte in die Landschaft, dazu gesellen sich arhythmmische Drums, wildes Geschrei und oft auch cleane, fast gesprochene Passagen. Wenn sich dann auch noch der Bass seine Bahn spurt und im nächsten Moment ein Blackmetal-Part losbricht, dann gibt es kein Halten mehr. Allerfeinster Screamo mit ’nem fetten Emocore-Touch! Ancheckpflicht, am Besten natürlich auf Vinyl (um das ich mich auch mal schnell kümmern sollte).


Empowerment – „Bengalo“ (End Hits Records) [Stream]
Falls ihr mal die Möglichkeit haben solltet, Empowerment irgendwo in Stuttgart live zu sehen, dann versteht ihr, warum die Schwabenmetropole auch vielerorts als Kessel bekannt ist. Die Live-Shows sind schweißtreibend, meistens knäueln sich mehrere verschwitzte Leiber irgendwo rund ums Mikro von Sänger Jogges, der in der durchdrehenden Meute all seine Wut und Frustration raus lässt. Was mit der Band Sidekick einst begann und wuchs, wird jetzt bei Empowerment intensiviert. Stu York-Hardcore vom Feinsten! Die Typen leben das wirklich, was sie da singen und haben über die Jahre eine feste Szene aufgebaut, die ohne Freundschaft und Zusammenhalt längst nicht mehr existieren würde. Zudem haben die Jungs ihren eigenen Kopf und sagen auch direkt raus, was ihnen gegen den Strich geht, da brauchen sie keine Social Media-Kanäle dafür. Die Message kommt auch so an! Das für kompromisslosen Hardcore-Punk unübliche Coverartwork weckt Erinnerungen an ein x-beliebiges 90er-Pop-Album. Aber Bengalo ist mit seinen 13 Songs alles andere als Pop, wenn man mal das Hip Hop-Stück Mensch ist Mensch außen vor lässt. Das Album gleicht eher einem Hass-Batzen, der direkt aus der Gosse kommt, sich brachial und ehrlich gegen alles abgrenzt, was im Hardcore und auch anderswo absolut nichts zu suchen hat. Das ist nicht nur ein allgemeines Gesellschaftsproblem, denn auch in der Hardcore-Szene ist es viel zu selten geworden, dass unmissverständlich klar gemacht wird, dass Faschismus, Rassismus, Diskriminierung oder anderweitige Ausgrenzungen nicht geduldet werden. Vom Sound her bewegen sich die Stuttgarter auf altbewährten New York-HC-Pfaden. Die Cro-Mags waren ja schon zu Sidekick-Zeiten ein großer Einfluss, Merauders Master Killer-Album scheint es den Jungs auch enorm angetan zu haben. Neben den walzenden fetten Gitarren kommen auch die manchmal eingestreuten melodischen Gitarren wie z.B. bei 161 oder Nichts als Instinkt  ziemlich geil. Ach ja, im Digipack-Textheftchen ist es ein bisschen störend, dass die Reihenfolge der Songs ein wenig durcheinander ist, aber mit ein wenig Logik packt man das schon! Übrigens: dass der Zusammenhalt und die Freundschaft unendlich groß ist, zeigen auch die vielen Gastbeiträge (z.B. Marcel/ABFUKK und Sniffing Glue, Matti/NASTY, Florian/AYS). Fettes Album, macht mal wieder Lust, die Jungs live zu sehen!


Exploding Head Syndrome – „Everyone’s A Target“ (Big Day Records) [Stream]
Hier kommt mal wieder ein Hardcore-Leckerbissen aus Norwegen, genauer gesagt aus Oslo. Wow, zwei Songs, die großen Appetit auf mehr machen! Die Gitarren kommen so scharf um die Ecke, mal dissonant, mal melodisch, die Drums prügeln sich den Weg frei und der Sänger hat genau den Dreh zwischen Wut und Melodie raus. Dazu kommen diese melodischen Momente, die man auch bei anderen norwegischen Bands wie z.B. den großartigen Amulet zu schätzen wusste. Überhaupt, Amulet dürften sicherlich zu einem der Haupteinflüsse des Quintetts zählen. Obwohl die Band schon seit 2010 unterwegs ist und bereits zwei Alben und eine EP erschienen ist, brauchte es doch den Schlag mit dem Hammer in Form einer Besprechungsanfrage, um auf die Band aufmerksam zu werden. Bumm, Exploding Head Syndrome sind ab sofort gespeichert, bin sehr gespannt, was man von den Norwegern nach dieser EP zu hören bekommt!


Futbolín – „Shy Guys, Malmo Days“ (diNotte Records) [Name Your Price Download]
Das farbenfrohe Pop-Art-Cover springt direkt ins Auge und wenn man die durchdrehenden und etwas dissonanten Gitarrenläufe des Openers hört, dann glitzern erstmal die Äuglein auf. Nach den wilden Gitarren vom Anfang bleibt es spannend, ein abgedrehtes Keyboard gesellt sich zum Zappelsound, keifender Gesang und treibende Gitarren dürfen auch nicht fehlen. Ganz schön groovig und tanzbar, geht sofort ins Ohr. Obwohl die Songlängen der fünf Songs zwischen eineinhalb und zweieinhalb Minuten liegen, verwurstet die Band in einem Song mehrere Ideen, so dass es wirklich ein sehr kurzweiliger Spaß ist. Twinkle Gitarren dürfen natürlich auch nicht fehlen und dann immer wieder diese experimentellen Keyboardeinschübe. Und immer wieder regiert Noise und Chaos, trotzdem bleibt es eingängig wie Sau. Knapp zehn Minuten Spielzeit sind in diesem Fall natürlich viel zu wenig, von dieser Band will man noch viel mehr zu hören bekommen. Also, schaut mal bei Youtube ein paar Videos an, live brennt da wahrscheinlich die Bude. Kaum zu glauben, das nur drei Jungs so eine Energie freisetzen! Also erstmal vom Name Your Price Download Gebrauch machen und dann hoffen, dass man irgendwie an die sicher geil aussehende 10inch der Band aus Verona ran kommt!


Ghost Spirit & Frail Hands – „Split“ (Twelve Gauge Records & Blue Swan Records) [Name Your Price Download]
Wenn ihr mal wieder zwei interessante Bands aus dem emotive Screamo-Bereich entdecken wollt, dann solltet ihr euch dieses Split-Album hier mal reinziehen. Mir blieb jedenfalls beim Antesten des Downloadlinks der Anfragemail erstmal die Spucke weg! Beide Bands haben schon vor der Split jeweils ein Album veröffentlicht. Nun, Ghost Spirit kommen aus Los Angeles und zünden mit sechs Songs ein richtig emotionales Feuerwerk. Die Bandmitglieder haben jedenfalls schon reichlich Erfahrungen in anderen Combos gesammelt (Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More und Letters to Catalonia), das erklärt einiges. Dieses leidende und fast flehende Geschrei, dazu diese zauberhaften Gitarren, das arhythmische Getrommel und die tollen Basslines. Intensiv, melancholisch, spannungsgeladen, ein Sturm! Frail Hands aus Halifax/Kanada bringen ebenso die Äuglein zum Leuchten. Auch hier haben die Bandmitglieder schon Band-Erfahrung (King’s Girls und Heisse). Die matschigen Gitarren, das hektische Getrommel mit viel Crashbecken, die leidende Sängerin am Mikro schreit sich den Hals blutig! Heftig geil! Frail Hands sind ein wenig krasser unterwegs, kommen aber nicht minder überzeugend rüber. Ein richtiges Fest ist das hier! Eine Wucht von Split, die hätte ich gerne auf Vinyl!


Revaira – „In Between“ (Redfield Digital) [Video]
Obwohl die Band aus Hamburg auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, war mir Revaira bis zum Zeitpunkt der Redfield Digital-Besprechungsanfrage bisher kein Begriff. Also, kurz mal reingehorcht und direkt hängengeblieben. Revaira machen ziemlich fetten Metalcore, auf der einen Seite regiert das Brett, auf der anderen Seite werden immer wieder melodische Momente und atmosphärische Parts mit eingebaut. Vom Songwriting her bleibt das Ganze schön abwechslungsreich. Dort ein Break, da ein paar fette Grooves, als Kontrast zum bösen Gegrowle immer wieder cleane Vocals, die mit Leidenschaft gesungen werden. Auch textlich hat sich die Band Gedanken gemacht, es geht um die Höhen und Tiefen im Leben, wobei der erste und der letzte Song die Höhen und die Tiefen verkörpern und alle Songs dazwischen das symbolisieren, was zwischendrin läuft. Hier wären wir wieder beim Albumtitel In Between angekommen. Verschachtelt, ausgeklügelt im Sound und den Lyrics, dazu eine oberfette Produktion. Das ist so ziemlich das spannendste, was ich in dem Genre in den letzten Jahren von einer deutschen Band gehört habe, das kann locker international mithalten!


Sans Visage – „Moments“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Nach zwei Demos, zwei Splits und diversen Samplerbeiträgen kommt nun das Debutalbum der Band aus Tokio. Insgesamt elf Songs hat das Trio in den letzten drei Jahren geschaffen. Und die dürften jeden Screamo-Fan begeistern, denn hier ist alles drin, was das zerbrochene Herz begehrt. Der Gitarrensound hat diese 2000-er Nostalgie und lässt an Bands wie Loma Prieta, Battle Of Wolf 359 oder La Quiete denken. Zwischen chaotischen Ausbrüchen mit wildem, arhythmischem Getrommel und gekreischten Vocals wird auch immer mal mit Cleangesang gearbeitet und das Tempo rausgenommen, so dass die Gitarren interludeartige Parts von der Rippe brechen. Das sind dann die besonderen melancholischen Momente. Wer auf intensiven, emotionsgeladenen Screamo abfährt, wird mit diesem Album glücklich werden!


Whiteriver – „Warmth“ (Redfield Digital) [Stream]
Die Band aus Siegen hatte wohl nach dem Release des 2016er Debutalbums einige Besetzungswechsel inklusive zweifachem Sängeraustausch zu verkraften. Praktisch ist es ja eigentlich schon, dass sich im Melodic Hardcore fast alle Sänger ähnlich anhören und einfach mal kurz ausgewechselt werden können. Jedenfalls ist so eine Bandlaufbahn natürlich extrem frustrierend. Wenn man das beim Anhören der insgesamt zwölf Songs im Hinterkopf behält, dann kann man sich an der Hartnäckigkeit der Jungs freuen, viele Bands werfen schon nach dem ersten Mal entnervt hin und lassen die Songs vergammeln. Whiteriver klingen auf Warmth trotz der Besetzungsprobleme erstaunlich frisch. Der Melodic Hardcore schielt auch hin und wieder Richtung Ambient, wird atmosphärisch und geht Experimente ein, wirkt fast schon progressiv. Dadurch kommt reichlich Abwechslung in die Sache. Auch textlich haben sich die Jungs Gedanken gemacht, hinter Warmth steckt eine Art Konzept. Die Songs Vesna, Lato, Fall und Hiver spiegeln die vier Jahreszeiten wieder, durch die bildhafte Sprache wird Bezug auf Gesellschaftskritik, Rache, Reue, Orientierungslosigkeit und Sehnsucht nach Freiheit hergestellt. In einer Spielzeit von 41 Minuten wird es jedenfalls selten langweilig, durch die oben beschriebenen Stilelemente sind die Songverläufe nicht vorhersehbar. Ach ja, und die Gitarren haben ein schönes Spektrum drauf, von ruhig bis episch bis hin zur zerstörenden Gitarrenwand! Hört da doch mal rein, die Band hat da viel Arbeit reingesteckt!


 

Nervöus – „Selftitled“ (Moment Of Collapse)

Mit dem Schreiben einer Rezension des 2013er-Albums Konfetti & Mutwillige Zerstörung – damals noch für Borderlinefuckup – lernte ich die Band aus Berlin einst kennen. Seitdem ist bei der 2011 gegründeten Band releasetechnisch eine EP und ein weiteres Album erschienen. Mit dem sebstbetitelten Album liegt nun Album Nummer drei vor.

Und wie bei den vorangegangenen LP’s erscheint die Vinylversion als einseitig bespielte 12inch. Was sich bei der Band ebenfalls wie ein roter Faden durch alle Releases zieht, sind die kurzen, meist nur aus einem Wort bestehenden Songtitel. Kurz, knapp und knackig auf den Punkt kommend, wie auch die Songs selbst, die sich teilweise unter zwei Minuten oder knapp darüber bewegen. Und wer jetzt denkt, in dieser kleinen Zeitspanne kann in einem Song eigentlich gar nicht allzuviel passieren, der hat sich ordentlich getäuscht. Denn Nervöus schaffen es, einen Song auch in dieser kurzen Zeit komplex klingen zu lassen, so dass es einige Durchläufe braucht, bis man sich mit dem Sound angefreundet und die zu einem auf den ersten Blick breiige Masse entschlüsselt hat. Hier hat die Tonmeisterei mal wieder ordentlich gemastert, denn bei genauerem Hinhören entdeckt man viele Details, die man oberflächlich erst mal überhört.

Die acht Songs klingen erstmal verdammt wütend. In diese Wut schleicht sich v.a. beim Gesang aber auch immer wieder Verzweiflung und Alltagsangst ein. Die Texte schlagen in die gleiche Kerbe. Durch die Tempowechsel kommt zusätzlich Spannung mit rein, die Rhythmusmaschine aus Schlagzeug und wummerndem Bass wirbelt jedenfalls genügend Dreck auf. Dazu kommen messerscharf gespielte Gitarren, die mal rotieren oder auch mal etwas zurückgefahren werden. Das Gebräu aus Hardcore, Punk, Noise, Post-Hardcore und Screamo erinnert an Bands wie Refused oder A Case Of Grenada, bei der Instrumentierung entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie Drive Like Jehu, ganz frühe Milemarker oder Craving. Kurzweilig ist das Album ebenso, in etwas über 17 Minuten steckt jedenfalls einiges drin, wofür andere Bands doppelt so lange brauchen. Checkt das an, das ist brilliant!

8/10

Facebook / Bandcamp / Moment Of Collapse


 

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

moss rose / caton & ophélie / duct hearts / child meadow – „Split 12inch“

Hier haben wir mal wieder ein astreines DIY-Release, das obendrein auch noch richtig gut aussieht. Vier Bands, sieben Labels (time as a color, Dingleberry Records, Dreaming Gorilla Records, HC4LZS, Keep Hope Productions, Adornorecords und Friendly Otter). Das Artwork stammt von Yasmin Ensor, die auch Mitglied bei der Band Moss Rose ist. Die 12inch gibt es in zwei Ausführungen. Die einseitig bespielte 12inch ist in beiden Varianten auf der B-Seite mit einer hübschen Zeichnung besiebdruckt. Mein Besprechungsexemplar ist schwarz, es gibt jedoch auch hellbraun marmoriertes Vinyl. Der Siebdruck stammt übrigens von Blakk Meadow, einer kleinen Siebdruckwerkstatt aus Leipzig.

Den Auftakt machen Moss Rose aus dem Vereinigten Königreich. Die Band kannte ich bis dato nicht, bisher sind zwei EP’s erschienen, soweit ich das im Netz richtig recherchiert habe. Moss Rose beginnen das über fünfminütige Stück Drowning In Fire mit ruhigen Klängen, die wie durch einen Wattefilter etwas gedämpft klingen. Die Gitarren kommen gefühlvoll, dazu wird verzerrter Schreigesang und arhythmisches Getrommel beigesteuert. Das lässt eine schöne Atmosphäre entstehen, die sich fast hypnotisierend langsam steigert und nach ca. zwei Minuten in rasendes Chaos ausbricht. Hierbei sticht v.a. auch das Wechselgeschrei der zwei Bandmitglieder Yasmin und Shaun hervor. Das Stück ist jedenfalls ein richtiger Grower, der etwas Zeit braucht, bis er so richtig zündet! Sehr starker Auftakt! Wer mit einer Mischung aus Post-Hardcore, Blackened Screamo und Ambient klarkommt, sollte diese Band im Auge behalten. Moss Rose wird übrigens mit Portulakröschen übersetzt, das sind so nelkenartige bunte Blümchen, also ein zur Musik des Duos totaler Gegensatz.

Caton & Ophélie aus Kanada sind ebenso Neuland für mich. Bisher ist eine EP erschienen. Hinter dem Bandname steht auf der einen Seite Cato, der Widerstandskämpfer gegen Caesar, der den Freitod wählte, um der Gefangenschaft zu entgehen. Auf der anderen Seite wurde mit Ophelia eine Figur aus Hamlet gewählt, die am Ende in völliger Verzweiflung in den Wahnsinn verfällt. Dieses psychologische Mischungsverhältnis spiegelt sich auch im emotionalen Sound des Quartetts wider. Beim Song A Safe Place Pt. 2 sticht zuerst die etwas raue und matschige Produktion hervor. Und trotzdem lassen sich aus dem Soundbrei einzelne Instrumente wahrnehmen, hierbei gefällt mir der Gegensatz der Gitarren, die auf der einen Seite schrammeln und auf der anderen Seite aber auch immer wieder unterschwellige Melodien einstreuen. Dazu passt natürlich der verzweifelte Schreigesang, der sehnsüchtige Text und der Schlagzeuger, der mit viel Crashbecken sein Drumkit zermamlt.

Dann folgt mit Duct Hearts aus München der erste Act, bei dem mir der gesamte Backgroundkatalog geläufig und lieb ist. Das Stück The Sun Downed. And So Did We. (Excerpt B) hätte sich vom Stil und Feeling her auch noch gut auf dem letztjährigen Debutalbum der Münchener gemacht. Größtenteils geht das Trio hier instrumental zur Sache, in den Linernotes erfährt man, dass es sich um einen Auszug aus einem größeren Song handelt, an welchem die Band immer noch arbeitet. Geboten wird hier ausgeklügelter Post-Rock mit emotionaler Tiefe. Die Gitarren schwirren durch die Lüfte und entwickeln diese besondere Atmosphäre, zwischen laut und leise dominiert hier v.a. die Melancholie. Und dass die Band auch intensiv explodieren kann, zeigt dieses Stück mal wieder mehr als deutlich. Hier ist pure Leidenschaft zu hören.

Child Meadow aus Frankreich sind ja auch längst keine Unbekannten mehr. Zur Zeit der Aufnahmen zum Song Anders war die Band noch ein Duo, mittlerweile sind die Jungs aber zum Sextett angewachsen. Jedenfalls stimmt auch bei diesem Song das Verhältnis von rauer Härte und gefühlvoller Schwere. Zwischen Emopunk und Screamo geht es auf der einen Seite ungestüm zur Sache, auf der anderen Seite verkörpern die melancholisch gespielten Gitarren so eine gewisse Zerbrechlichkeit, die natürlich noch von den von Selbstmitleid zerfressenen Lyrics unterstrichen wird. Dieses Release eignet sich jedenfalls für Fans und Neu-Entdecker gleichermaßen. Die einen bekommen das, was sie von den Bands zu schätzen wissen und die anderen haben die Chance, gleich vier Bands kennenzulernen. Ein gelungenes Split-Release, bei dem das Herz auf der richtigen Seite schlägt!

8/10

Bandcamp / Time As A Color


 

Cavalcades – „A Small Decline Blocks Everything Out“ 7inch (Koepfen Records u.a.)

Die aus Aberdeen, Schottland stammende Band Cavalcades wirft ihr musikalisches Schaffen scheinbar häppchenweise vor die Füße ihrer Fans, da werden sicher einige mal wieder auf einen Langspieler warten. Nun, nach dem starken 2015er Album tröpfelten die Releases in Form von ein paar Samplerbeiträgen, Split-EP’s und diversen EP’s, darunter auch die sagenhafte One Down For Youth’s Ideals-EP, die schon in etwa die Richtung andeutete, in die es auf dieser 7inch geht. Alleine das Foto vom Cover lässt wieder reichlich Spielraum für Interpretationen. Da liegt jemand auf dem Balkon und genießt womöglich die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, das fehlende Laub der Bäume deutet darauf hin. Es muss ein düsterer Winter mit einigen seelischen Tiefschlägen gewesen sein, die Person seufzt ihre Erschöpfung sichtbar in Gestalt des Rauches heraus.

Die Melancholie, die schon bei der letzten EP One Down For Youth’s Ideals so stark auffiel, tritt bei diesen zwei Songs noch etwas stärker in den Vordergrund. Beide Stücke haben mit ca. 6 Minuten und 20 Sekunden eine fast identische Spielzeit. A Small Decline Blocks Everything Out beginnt leise mit Piano und einer leichten Gitarre, bis sich schleichend und fuzzend ein verzerrter Bass dazugesellt und der resigniert wirkende Gesang einsetzt. Das alles zusammen mag auf den ersten Blick etwas monoton wirken. Geht man jedoch tiefer und freundet sich nach ein paar Durchläufen mit dem Song an, dann fällt die starke hypnotisierende Wirkung auf, die durch den mantraartigen und sich wiederholenden Gesang und die sich in Trance spielende Gitarre begünstigt wird. Zum Schluss taucht dann noch eine Art Kirchenorgel auf, so dass sich trotz fehlender Tempowechsel eine gewisse Spannung aufbaut.

Auf der B-Seite wird es dann mit dem Song The Body Is There, Above My Head etwas zugänglicher. Dennoch ist auch hier die Melancholie der tragende Grundstein. Der wummernde, etwas verzerrte und matschige Bass taucht auch hier wieder auf, die Gitarren spielen sich erneut in tiefgründige Gefühlswelten. Dadurch entwickelt sich eine dichte Atmosphäre, Spannung wird ebenfalls aufgebaut. Man kann es eigentlich kaum beschreiben, was den Sound der Schotten so einzigartig macht, das muss man sich eigentlich selbst regelrecht erarbeiten, am Besten auf Vinyl und über Kopfhörer. Da kann man richtig abtauchen und in die Klangwelt von Cavalcades gleiten. Übrigens wurden die Songs erneut von Jack Shirley/Atomic Garden gemastert. Und neben Koepfen sind noch die Labels zilpzalp rec., Don’t Care Recs, Pundonor Records und Dasein Records mit von der Partie. Wenn ihr euch ein Mischmasch aus Post-Hardcore, Emocore und Shoegaze vorstellen könnt und auch Bands wie Mumrunner und The Cure nicht abgeneigt seid, dann ist dieses Release ein gefundenes Fressen für euch!

8.5/10

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Quiet Slang – „Everything Matters But No One Is Listening“ (Big Scary Monsters)

Wenn alte Helden neue Bands am Start haben, dann ist man in der Regel erstmal neugierig und skeptisch zugleich. Im Fall von Alex James, der mir bis heute mit seinen Gitarrenläufen und den beigesteuerten Background-Vocals der vor einem Jahrzehnt aufgelösten Band Weston immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert, folgte mit Beach Slang eine Band, die ebenfalls bei mir Anklang fand, wenn auch nicht in dem Ausmaß von Weston. Dennoch kann dem Sound von Beach Slang das gewisse etwas nicht abgesprochen werden, v.a. wenn man auf 90’s Gitarrenmucke mit Emo-Collegerock-Tendenzen hängen geblieben ist, sind die bisher erschienenen EP’s und die zwei Alben sehr zu empfehlen.

Unter dem Namen Quiet Slang erschien jetzt also ein Album, auf welchem insgesamt zehn Stücke aus den bisher veröffentlichten Beach Slang-Tonträgern gecovert werden. Wer zur Hölle braucht anno 2018 noch ein Coveralbum? Nun, wenn man es genau nimmt, dann ist das hier auch gar kein Coveralbum, bei dem eins zu eins gecovert wurde, vielmehr kann man von Neuinterpretationen sprechen. Bei dem Typen auf dem 12inch-Cover, dessen Gesicht von ein paar Blümchen verdeckt wird, handelt es sich nämlich um Beach Slang-Kopf Alex James selbst, der seine bisher krachig bis punkig klingenden Songs in ruhigem Gewand präsentiert und daher auch selbst die volle Verantwortung trägt, ob die neuen Versionen ihre Daseinsberechtigung haben.

Die bisher prägenden Gitarrenverstärker wurden auf diesem Album durch kammermusikartige Instrumente wie z.B. Streicher, Klavier und sonstigem akustischem Krimskrams ersetzt. Den Senioren unter uns dürften solche Soundexperimente alles andere als neu sein, mit Schrecken denkt man dabei an Formate wie MTV Unplugged zurück. Das wohl bekannteste Unplugged Konzert ist bis heute das von Nirvana, vielleicht auch gerade deshalb, weil unter den dargebotenen Stücken lediglich eine Eigenkomposition (Come As You Are) war, der Rest bestand aus Coverversionen anderer Bands. Jedenfalls funktionieren die zehn Stücke auch in diesem reduzierten Gewand hervorragend. Den Songs wurde sozusagen frisches Leben eingehaucht, Piano und Streicher triefen vor Herzschmerz, dazu gesellen sich an manchen Stellen zum eindringlichen Gesang noch schöne Chorgesänge, die richtig unter die Haut gehen. Wenn man es also mal etwas ruhiger angehen möchte, kann man hier sehr schön eintauchen. Bockt natürlich so richtig auf Vinyl, zudem liegt die stabile Plattenhülle aus dickem Pappkarton schön in der Hand, trotzdem find ich die Originalversionen ’nen ganzen Ticken besser.

7.5/10

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