ProvinzPostille #8 – Herbst 2021

Der gute Felix hat mal wieder liebevoll eine neue Ausgabe der ProvinzPostille zusammengebastelt, ein kleiner Lichtblick in Dunkeldeutschland! Das Ding kommt wieder mit einem tollen Sampler, allein da drin steckt jede Menge Arbeit. Insgesamt gibt’s 31 Stücke zu hören, allesamt schön undergroundig. Zu den Bands gibt’s im Heft dann auch ein paar Infos.

In erster Linie ist die ProvinzPostille ein richtig cooles Ego-Zine, hier und da mit viel persönlichen Gedanken und massig DIY-Spirit. Ich frag mich, wie Felix das alles neben Label, Band und Privatleben auf die Kette kriegt. Dank Corona war ja in den letzten zwei Jahren etwas mehr Zeit zur Verfügung, das gehört wahrscheinlich in Zukunft eher der Vergangenheit an. Interessant zu lesen finde ich v.a. die Interviews. Besonders hervorheben möchte ich das unterhaltsame Gespräch mit Carlos vom DIY-Label Entes Anomicos, das Interview mit Jobst (bekannt von Bands wie PEACE OF MIND, HIGHSCORE, MÖNSTER, BLOOD ROBOTS, NOTHING, MIND TRAP oder THE FOG) und Christopher über den „Und dann kam Punk“-Podcast und die Unterhaltung mit Mo von Mo’s Plattenladen, der auch gleichzeitig noch Backbite Records und das Sublabel Hand Of Doom betreibt.

In allen Texten schwebt die Nostalgie früherer Zeiten in der Luft, da ist von längst nicht mehr stattfindenden Fanziner-Treffen die Rede, man bekommt Einblicke in die frühe peruanische Punkszene und auch sonst ist das ganze Heftchen ein kurzweiliges Lesevergnügen. Besonders geil finde ich den Umschlag des Zines, den Linoldruck hat Alex Mages aus dem Hamburger Nachladen angefertigt. Ach, und dann gibt’s noch ’nen Download-Code von Felix‘ erster Band Hünersüppchen. Sozusagen eine Discographie von 32 Songs, die zwischen 1994-1999 aufgenommen wurden. Gebt euch ’nen Ruck und bestellt das Ding, dann sind die nächsten 5-6 Klositzungen mit bester Unterhaltung gesichert!

ProvinzPostille / Bandcamp


Bandsalat: De Facto Enscripture, Hawak, Love Forty Down, Serpent, Spite House, Wristmeetrazor

De Facto Enscripture – „Sardonic Entropy Nexus“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Dieses Debutalbum ist echt mal der Hammer! Edie Quinn von Coma Regalia hat 28 Stücke geschrieben und hat diese an 30 verschiedene Sängerinnen und Sänger geschickt, von welchen letztendlich 26 Texte und Gesang beigesteuert haben. Insgesamt wirken an dem Teil 39 Musiker und Musikerinnen mit, die in der Screamo-Szene allesamt große Namen sind. Ein Mammutprojekt, in dem viel Arbeit, Herzblut und Leidenschaft steckt! Und dazu noch so verdammt intensiv! Müsst ihr unbedingt anchecken und abfeiern, falls ihr das nicht schon längst gemacht habt!


Hawak – „nước“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Fast wäre mir dieses emotive Screamo-Juwel durch die Lappen gegangen, wenn ich nicht neulich mal wieder den längst fälligen Festplattenputz durchgeführt und dabei den noch unentzippten Ordner der Band aus Kalifornien entdeckt hätte. Wow, was für ein intensives Album das doch ist, und dann auch noch ein Debut! Was nach dem sanften Intro da losbricht, ist fast nicht in Worte zu fassen! Verwinkelte Gitarren, verzweifeltes Geschrei, tightes Drumming und spannungsgeladene Songstrukturen erwarten euch. Dazu ist das Ganze top abgemischt. Das rohe und raue sticht genauso raus wie das saubere und zerbrechliche, enorm druckvoll klingt das! Wer Bands wie Loma Prieta oder Suis La Lune verehrt, dürfte hier eine neue Liebe entdecken!


Love Forty Down – „Don’t Be A Stranger“ (SBÄM Records) [Stream]
Oh yeah, das hier kommt zwar ’nur‘ aus Ulm, die Jungs könnten aber auch locker ’ne Band sein, die man beim The Fest in Gainesville gesehen hat und die durch ihren Auftritt dort als Mega-Geheimtipp in der Szene gehandelt wird. DIY, Spielfreude und Herzblut sind die Zutaten, die das hier so groß und gewaltig machen! Und spätestens beim zweiten Song – German Angst – sind alle Hände oben! Hier bekommen die Jungs gesangliche Unterstützung von Vuki/Hell And Back. Zudem auch textlich noch superstark, das Herz ist am richtigen Fleck! So ’ne geile Hymne! Sieben Songs gibt’s insgesamt zu hören, und die sind so schnell vorbei, dass man anschließend gleich wieder auf Repeat drückt. Neben Vuki gibt’s auch noch Guest Vocals von den Mädels aus Mobina Galore, was auch unheimlich spannend klingt! Melodic Hardcore-Punkrock at it’s best, dazu noch fett abgemischt, so dass jedes Instrument gut zur Geltung kommt. Bass, yeah! Verdammt geiles Ding!


Serpent – „Xoc de Mermats“ (BCore Disc) [Stream]
Aus der spanischen bzw. katalonischen Underground-Szene kommen immer wieder Bands, die man sich unbedingt anhören sollte. So auch Serpent aus Barcelona! Nach ’ner starken Demo, ’nem fetten Debut und einer tollen EP gibt’s nun weiteren Stoff der Band. Fünf Songs gibt’s auf die Ohren. Melodie, Groove und Härte sind hier vereint! Oh yeah, diese melodischen Gitarrenriffs und der gegenspielende Bass! Hört da unbedingt rein!


Spite House – „3 Song Promo“ (New Morality Zine) [Stream]
Und immer wieder stoße ich auf interessante Bands über das New Morality Zine! Diesmal sind es die kanadischen Spite House, die mich vom ersten Ton an in den Bann ziehen! Die Band ist erst kurz zusammen, drei Songs sind hier drauf zu hören und die Band hat schon ein Signal gegeben, dass im Jahr 2022 noch ein Album folgen soll. Darauf bin ich jetzt schon heiß, denn Spite House machen emotionalen und mitreißenden Emo-Core im Stil von Bands wie beispielsweise Samiam, Jawbreaker und Seaweed. So schön!


Wristmeetrazor – „Replica of a Strange Love“ (Prosthetic Records) [Stream]
Gleich bei den ersten Klängen vom dritten Album der Band Wristmeetrazor ist klar, wo die Band ihre musikalischen Vorbilder hat: Poison The Well, Hopesfall, This Day Forward, Underoath und andere Metalcore-Helden aus den guten alten Jahrtausendwenden-Zeiten. Fette Metalriffs, fieses Gekreische, wuchtiges Geballer, maximal abwechslungsreiche Songarrangements und unterschwellige Melodien! Textlich wird’s dann fast schon philosophisch, was will man mehr? Ich feier das Ding hier jedenfalls ab!


Buchvorstellung: „Rock-O-Rama – Als die Deutschen kamen“ von Björn Fischer (Hirnkost-Verlag KG)

Es war irgendwann Mitte der 80er in der tiefsten Provinz Oberschwabens. In meiner damals noch spärlichen Plattensammlung fanden sich hauptsächlich neben ein paar Metal-Klassikern (Metallica, Venom, Slayer, Anthrax, Kreator u.a.) und Crossover-Granaten (z.B. SOD, DRI, MOD, Suicidal Tendencies) eine Handvoll gängiger Punk-und Hardcore-Platten (Dead Kennedys, Discharge, Exploited, Cro-Mags, Slime, Ärzte, Tote Hosen). Der vermoderte Geruch des Undergrounds zählte zu dieser Zeit aber schon seit Längerem zu meinen Vorlieben, weshalb ich jede mir unbekannte Band entdecken wollte und oftmals sogar Platten ungehört im Kaufhaus nur aufgrund des Coverartworks kaufte. Das Internet gab es leider noch nicht, die Möglichkeit des Reinhörens nur ganz selten, meine Infos bezog ich damals aus Zeitschriften wie dem Metal Hammer oder dem Rock Hard, kleine Fanzines entdeckte ich erst später. Und dann die große Chance: ein (sitzengebliebener) Typ aus meiner Parallel-Klasse, mit dem ich schon einige Tapes getauscht hatte, wollte seine Vinylsammlung verkaufen, und das auch noch für kleines Geld. Die einzige Bedingung war, das Ding als Gesamtpaket zu kaufen. Es waren insgesamt so um die 20-25 LPs, auf den ersten Blick viel Deutsch-Punk, wie ich damals annahm. Läppische 40 D-Mark (!) wollte er für das Plattenpaket haben. Er brauchte wohl dringend Geld, denn ein paar Tage später brannte er nach Hamburg durch und heuerte minderjährig auf ’nem Schiff als Matrose an. Später kam er wieder, brachte sein Leben aber nicht auf die Kette, vor ein paar Jahren beging er dann Suizid. Schlimm eigentlich! Wie dem auch sei, ich ging den Deal ein, auch weil ich in einem schon etwas älteren Fanzine (Scritti) meines Bruders eine Werbeanzeige einer Band entdeckte, deren Platte im Paket dabei war. Im Paket waren beispielsweise mir bekannte Platten von Daily Terror, Die Ärzte, Einstürzende Neubauten oder New Model Army, es gab aber auch Bands wie OHL, Die Alliierten, Body Checks, Vortex, Springtoifel und ein paar mir nur vom Hörensagen bekannte Bands. Der überwiegende Teil der Plattensammlung bestand aus Releases des Labels Rock-O-Rama, darunter auch der Die Deutschen kommen-Sampler, von dem mir die Band Fasaga mit ihrem Hit Pogo in der Straßenbahn am Besten gefiel. Jedenfalls hatten einige der Platten einen richtig miesen Scheppersound, unprofessionell waren auch die hin und wieder auftauchenden Schreibfehler, das Artwork einiger Releases hätte auch ein unbegabtes 12-jähriges Kind hinbekommen. Provokation pur war bei allen Releases des Labels zu erkennen! Wie auch im Buch beschrieben, dachte man damals an Sid Vicious, der seinerzeit ja auch mit Hakenkreuz-Shirt abgelichtet wurde, man machte sich keine tiefergreifenden Gedanken darüber.

Dass zu dieser Zeit bereits veröffentlichte Releases des Labels indiziert waren und dem Rechtsrock bzw. der Grauzone zugeordnet wurden, wusste ich damals nicht. Einige Songs bereits indizierter und beschlagnahmter Werke wurden zu dieser Zeit sogar ganz ohne Einwände der Aufsichts-Lehrer in den SMV-Ball-Discos der Schule gespielt (z.B. Böhse Onkelz oder Endstufe). Im Rahmen eines solchen Events bekam ich dann auch das erste Mal von ’nem berüchtigten Skinhead-Schläger die Nase gebrochen. Nach einer bislang unbeschwerten Dorfpunk-Zeit ging es dann ratzfatz: an den Schulen und in der Stadt brodelte es an allen Ecken und Enden, bisherige Freunde und auch Freundinnen gerieten plötzlich in den braunen Strudel, es wurde zunehmend gefährlicher, sich als Punk zu kleiden. Das war schon krass: da gab es echt Leute, die gestern noch mit Iro oder langen Haaren auf dem Pausenhof standen und am nächsten Tag ohne Vorwarnung mit glattrasierter Rübe (mit blutend-verkrusteten Schnitten), Bomberjacke und Docs auftauchten und den alten Punk-Kumpels plötzlich Stress machten. Und ich wage zu behaupten, dass diese Verwandlung unmittelbar mit der Musik und den Texten dieser ersten indizierten Bands auf Rock-O-Rama zusammenhing.

Die ersten von mir wahrgenommenen Übergriffe von Fascho-Skinheads auf Punks oder Punk-Konzerte im oberschwäbischen Raum fanden statt, auf dem Ravensburger Marienplatz wurde z.B. ein Punk von mehreren Skins fast totgeschlagen (er ist heutzutage von schlimmen äußerlichen Narben gekennzeichnet, die psychische Verletzung wird sicher immer wieder präsent sein), das Ravensburger Jugendhaus wurde später am 09. September 1989 von Nazi-Skins nach ’nem Hard-Ons-Konzert überfallen und auch beim Toy Dolls Konzert in Mengen kam es zum gewalttätigen Tumult mit Faschos. Ich hatte entgegen der schwerverletzten Opfer unheimliches Glück, gerade in Ravensburg bin ich dem Angriff knapp entkommen! Und erstmals erkannten auch der Staat, die Justiz und die Medien, dass hinter dem Skinhead-Überfall auf das Ravensburger Jugendhaus keine Streitigkeiten rivalisierender Subkulturen steckten, obwohl die Anwälte der angeklagten Skinheads immer wieder den Überfall als alkoholbedingte Randale nach einer Party der Skins abtun wollten. Diese Party fand im Vorfeld an einem abgelegenen Ort in einer Nachbargemeinde unter dem Motto Komasaufen statt. Im damaligen Prozess wurde deutlich, dass die Angeklagten allesamt waschechte Neonazis waren, der Spiegel, Monitor und das ZDF brachten damals lange Beiträge, es fiel sogar oftmals der Begriff „Rollkommando“, auch weil während des Angriffs Worte wie beispielsweise „Rotfront Verrecke“ oder „Sieg Heil“ geschrien wurden. Und nur so am Rand: es saßen auch einige Mitschüler meiner Schule und sogar Freunde des Typen auf der Anklagebank, von dem ich damals die Platten abgekauft hatte. Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger sollte es aber noch übler werden. Die Stimmung und das Wohlbefinden wurde mit immer extremeren Bands (z.B. Kahlkopf, Störkraft), die allesamt auf Rock-O-Rama veröffentlichten, deutlich ungemütlicher, nicht nur in den neuen Bundesländern.

Und das einstige Underground-Punk-Label entwickelte sich zum führenden Rechtsrocklabel in Deutschland. Wie es dazu kommen konnte, wird mit der Lektüre des via Hirnkost erschienenen Buchs Rock-O-Rama – Als die Deutschen kamen, etwas deutlicher. Und wenn ihr meine für dieses Review etwas zu lange geratene Einleitung mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse gelesen habt, lässt sich sicher herauslesen, dass ich ein starkes Interesse an der Geschichte des viel diskutierten Labels habe. Deshalb freute ich mich besonders, dass der Autor selbst eine Besprechungsanfrage schickte. Björn Fischer, der übrigens selbst in der Punk-Szene aufgewachsen ist und von Bands wie z.B. Recharge, Audio Kollaps, Combat 77 oder Tank Shot bekannt ist, bringt auf über 400 Seiten um einiges mehr an Licht ins Dunkel des Labels und gibt gleichzeitig auch Einblicke in die Entwicklung der deutschen Punkszene. Witzig auch, dass ich während der Lesezeit des Buchs den Podcast „Und dann kam Punk“ mit Tobias Scheisse hörte, der darin fast identische Eindrücke im Zusammenhang mit Rock-O-Rama-Veröffentlichungen Mitte der Achtziger schildert.

Wenn ihr also meint, dass ihr durch das Lesen des Wikipedia-Eintrags ausreichend über den Werdegang des Labels und die Person Herbert Egoldt informiert seid, oder gar selbst glaubt, Experten in Sachen Rock-O-Rama zu sein und das Buch sicher wie ein Nachschlagewerk nur trocken die Eckpfeiler auflisten oder die Kult-Releases abfeiern würde, dann seid ihr ganz gewaltig auf dem Holzweg. Denn diese Eckpfeiler und die diversen Releases werden durch eine Menge spannender Erzählungen von Zeitzeugen und Label-Bands ausgeschmückt, so dass das Ganze auch für Leute interessant wird, die neben der Entwicklung der deutschen Punk-Szene auch wissenswerte und obskure Anekdoten zu schätzen wissen. In einem Nebensatz erfährt man beispielsweise, dass sich allerlei Prominenz im Kölner Rock-O-Rama-Laden blicken ließ, sogar der junge Alfred Biolek zählte damals zu den Kunden (in dessen Sendung Boulevard Bio versuchte später Stephan Weidner von den Böhsen Onkelz, die Öffentlichkeit von der Abkehr der Onkelz von der Nazi-Szene zu überzeugen) . In einer anderen Geschichte plaudert jemand aus, dass die Dead Kennedys eine Vorliebe für Sex-Shops hegten, zudem erfährt man, dass einer der ersten Tauschpartner Egoldts der US-Amerikaner Eric Boucher war. Ihn kennt man heute unter dem Namen Jello Biafra. Haha, ich spoiler ja schon gern, aber es gibt definitiv noch besseres Insiderwissen zu entdecken!

Interessant sind auch die Kapitel über die Kooperation des Labels mit Propaganda Records, den SPV-Deal und natürlich die Zeit nach dem Richtungswechsel. In dem Buch steckt wirklich ziemlich viel Arbeit und hervorragende Recherche, das war sicher eine Heidenarbeit. Das alles zusammenzutragen und dazu gleichzeitig zu informieren und zu unterhalten, ist dem Autor bestens gelungen. Wie es sich gehört, sind natürlich auch die verschiedenen Quellen angegeben, reichlich rares Bildmaterial gibt es obendrein zu bestaunen. Zitate, Fanzineartikel, historische Zeitungsartikel, Original-Bandverträge, behördliche Dokumente und Interviews von damals und heute, da bleibt keine Info aus! Da wurde vom Autor so einiges bewegt und zusammengetragen, selbst der Kontakt mit ungemütlichen Zeitgenossen wurde nicht gescheut. Erstaunlich, dass mir das erst mit der Lektüre des Buches aufgefallen ist: in den Werbeanzeigen des Labels dominierten die Ausrufezeichen massiv, vermutlich bin ich heutzutage derart skeptisch gegenüber Leuten, die Satzzeichen wie Salz verwenden. Ach ja, die folgende Werbeanzeige hab ich aus dem Scritti-Fanzine abfotografiert, das hab ich nach stundenlanger Suche (!) im Keller gefunden. Allein diese persönliche Erfahrung übersteigt meine Vorstellungskraft, wieviel Recherche- und Detektiv-Arbeit in diesem Nachschlagewerk letztendlich stecken muss!

Werbeanzeige aus dem Fanzine Scritti, persönliches Archiv

Bei den Erzählungen sind sich viele der Befragten einig: Egoldt wird als schmieriger Rockabilly-Typ beschrieben, in vielen Texten fallen Bezeichnungen wie z.B. Zuhälter, Drogendealer, zwielichtiger Teppichverkäufer, das Adjektiv schmierig ist eigentlich stets präsent. Erstaunlich ist auch, dass er trotz allen Beschreibungen im Netz und auch den wirklich gut recherchierten Ausführungen im Buch eigentlich immer noch einen gewissen mythischen Phantom-Status inne hat. Der Typ hat wirklich niemanden an sich ran gelassen, zudem war er äußerst verschlossen. Von den einen wird Egoldt als Musikfanatiker beschrieben, andere sahen in ihm ein profitorientiertes Arschloch ohne jegliches Gewissen, viele haben ihn gar nie zu Gesicht bekommen. Er achtete peinlich darauf, dass keine Fotos von ihm kursierten, zudem verweigerte er jeglichen Kontakt mit der Presse, Anrufe landeten im Nirvana oder auf dem Anrufbeantworter, Faxe blieben unbeantwortet. Letztendlich ist zwischen den Zeilen immer wieder zu lesen, dass Egoldt einfach alles geklaut hat, wie es ihm gerade in den Kram passte, Urheberrechte waren ihm total fremd. An den zweifelhaften Geschäftsmethoden Egoldts (Nachpressungen, ohne die Bands zu informieren und finanziell zu beteiligen, Gema- und Steuertricks) war sicher etwas dran, sonst hätten das nicht so viele Bands lautstark behauptet. Viele der damals gerade noch nicht mal volljährigen Bandmitglieder waren einfach froh, eine Platte aufnehmen zu dürfen und gaben sich total blauäugig mit den ungünstigen Vertragsbedingungen zufrieden, später kam auch Scham dazu. Unglaublich naiv! Man staunt bei den geschilderten Geschichten echt mal extrem große Bauklötzchen!

Im Kapitel „Richtungswechsel“ ist dann eine ähnliche Erfahrung wie meine in der Einleitung geschilderte persönliche Geschichte beschrieben, die ich übrigens geschrieben habe, bevor ich mich an die Lektüre des dicken Wälzers gemacht habe. Hier wird nochmals deutlich, wie es zur schleichenden, aber eigentlich zur ahnenden Umorientierung kommen konnte, wenn man denn damals schon wachsam oder per Internet vernetzt gewesen wäre. Die Schilderungen der frühen 80er und der Umschwung Ende der 80er decken sich mit eigenen Erfahrungen in der tiefen Provinz als Möchtegern-Punk, auch wenn alles persönlich erlebte etwas zeitverschoben ist. Björn Fischer hat es jedenfalls super hinbekommen, die Geschichte nicht einfach an der unangenehmen Stelle abzuwürgen und die Rechtsrock-Phase einfach unter den Tisch fallen zu lassen bzw. nicht mehr anzupacken. Und das ist ihm durchaus gelungen. Ganz besonders freue ich mich, dass das Buch für die spätere Kundschaft des Labels keinesfalls von Interesse sein könnte! Aber es wäre natürlich schön, wenn diese Kundschaft durch die Lektüre geistig gefördet werden würde, für einen Ausstieg ist es doch eigentlich nie zu spät? Übrigens rüttelte mich dieser Richtungswechsel damals und auch die oben beschriebenen Erlebnisse persönlich auf, mein politisches Ich entwickelte und sensibilisierte sich, ich fand meinen festen Platz in der linksorientierten Hardcore und Punk-Szene und studierte fortan auch penibel die Texte von Bands, suspektes Gedankengut wird seitdem sofort aussortiert! Aber das nur am Rande.

Im Kapitel finde ich v.a. interessant, wie konspirativ Egoldt gearbeitet hat und die Behörden mit den labyrinth-artig angelegten Sublabels an der Nase herumgeführt wurden, Egoldt war bis zu seinem Tod wie ein ultra-glitschiger Aal. Für den letzten Pfennig hätte der noch seine Seele dem Teufel verkauft, auch wenn er anscheinend seine Familie aus der ganzen Misere rausgehalten hat! Obwohl Egoldt eine Nähe zur NPD oder FAP nachgesagt wurde, war er wohl kein politischer Mensch und auch kein erkennbarer Rechtsradikaler, von der NPD angefragte Freiexemplare für Pressefeste wurden beispielsweise verweigert, auch natürlich seiner Knausrigkeit wegen. Ihm ging es in erster Linie um den rohen Sound der Straße, im rechten Skinhead-Milieu sah er wohl die letzte rebellische Subkultur, zudem war er natürlich ein geldgeiles Arschloch, das förmlich über Leichen ging. Mit seiner über das Label veröffentlichten Musik im Ohr wurden etliche Leben vernichtet und zerstört, darüber hinaus wurde sehr viel unnötiger Hass verbreitet, wenn man mal die vagen Verkaufszahlen und die noch vageren Anzahlen an Kopien dieser Releases im Hinterkopf zusammenrechnet. Außerdem war das die Vorlage für all die aus dem Boden schießenden Rechtsrocklabels. Zig Jahre nach dem Tod Egoldts schlagen sich diese verbreiteten Werte auch in den Wahlen in Deutschland nieder, zudem spielte die Rechtsrock-Musik des Labels auch eine gravierende Rolle bei der Entstehung des NSU.

Laut Geschäftspartner und Funny Sounds-Betreiber Torsten Lemmer (der mittlerweile aus der rechtsradikalen Szene ausgestiegen ist und ähnlich kapitalistisch geschäftsorientiert unterwegs war), verachtete Egoldt die extremistische Szene zunehmend, das Geschäft wollte er sich aber dennoch nicht durch die Lappen gehen lassen. Auch in diesem Abschnitt wurde vom Autor hervorragend recherchiert. Jedenfalls wird im ganzen Buch deutlich, wie viel Fachwissen Björn Fischer sich nicht nur im Laufe der Zeit der Recherche sondern auch bereits im Vorfeld angeeignet haben muss! Bei einer so verschachtelten und phantomhaften Geschichte den Überblick zu behalten, ist eine respektable Fähigkeit! Zudem gefällt es mir, dass das Buch aus einer objektiven Sichtweise heraus geschrieben ist. Ach ja, und abschließend gibt es noch einige persönliche Statements von diversen Szene-Menschen! Ich bin hochauf begeistert, voll bedient und gänzlich überzeugt, dass hier alles drin steckt, was man über das Label wissen muss! Alles in Allem ist dieses Buch für alle Interessierten sehr zu empfehlen, absolute Pflichtlektüre, vielen Dank dafür!

Hirnkost Verlag KG


Whimsical – „Melt“ (Through Love Records)

Ohne Through Love Records wäre ich wahrscheinlich niemals von selbst auf die Band Whimsical aus Dyer, Indiana gestoßen, obwohl die Band seit ihrer Gründung im Jahr 1999 und einer klitzekleinen Schaffens-Pause von zehn Jahren mit Melt ihr mittlerweile viertes Album und etliche EPs am Start hat. Und ich werde direkt beim ersten Durchlauf und auch vom ersten Ton an abgeholt! Insgesamt neun Songs nehmen Dich mit auf eine nostalgische Reise durch die Indie-Shoegaze-Epoche der 90’s! Ein Trip voller bittersüßer Träumereien, immer eintauchend in mit Watte ausgestopfte Wolken, schwebend und in absoluter Rotwein-Stimmung. Und trotz des nicht von der Hand zu weisenden 90-er Einschlags klingt der Sound alles andere als angestaubt, was auch der glasklaren Produktion und der zeitgemäßen Verwendung von elektronischen Elementen geschuldet ist. Ach so, Melt ist als Co-Release erschienen, das US-Label Shelflife Records ist auch noch mit von der Partie.

Obwohl der atmosphärische Sound vorwiegend zum Träumen einlädt, sind dennoch viele energiegeladene Passagen mit drin, die fingerschnipsend wohliges Wegdämmern verhindern. Crash And Burn ist beispielsweise so ein Kandidat: lebendiges Bassspiel, grungige, an die Smashing Pumpkins erinnernde Gitarren und knackige Drums. Ach ja, wenn wir gerade bei Referenzen sind: ganz stark erinnert mich der Sound Whimsicals an die frühen Sachen der Band Lush, das liegt natürlich auch an den überirdischen Vocals. Slow Dive und Juliana Theory kommen mir v.a. wegen den Gitarrentönen von Neil Burkdoll in den Sinn. Ganz entfernt schwirrt mir sogar Zeugs von Baby Gopal, Hidalgo, Denali oder Ida im Kopp rum. Die intensive Mischung aus Shoegaze, Indie-Rock und Dream-Pop lebt neben dieser träumerischen Stimme und den melodischen und atmosphärischen Klängen auch von den abwechslungsreichen und stimmigen Songarrangements.

Jetzt noch kurz zum Artwork und den Lyrics: meinem Digi-Pack-Besprechungsexemplar liegt leider kein Textblatt bei, die glockenhelle Stimme von Sängerin Krissy Vanderwoule versteht man jedoch sehr gut, also ist das eigentlich nicht schlimm. Ob die Vinylversion mit einem Textblatt ausgestattet ist, hab ich jetzt leider nicht rausgefunden. Die Lyrics sind – genau wie der Sound vermuten lässt – sehr intim und herzgebunden, Herzschmerz und Hoffnung liegen dabei sehr nah beieinander. Das verschwommene Artwork verschmilzt analog zum Albumtitel mit dem spärlichen UV-Licht langsam aber sicher in der Dunkelheit. Vielleicht ist es aber auch andersrum. Kurz zusammengefasst: reinhören, abtauchen, wunderbar, Begeisterung!

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


Bandsalat: Brutalligators, Damokles, Dead Years, Foxtails, Ruined, Teresa Banks & Cause A Riot

Brutalliagtors – „This House Is Too Big, This House Is Too Small“ (Beth Shalom Records) [Stream]
Wer mal wieder ein richtig ergreifendes Album mit tollen Melodien, traurigen Herzschmerzmomenten und pfiffigen Songarrangements hören möchte, dürfte mit dem Debutalbum der britischen Band Brutalligators wahrlich glücklich werden. Das Quartett ist irgendwo im Dreieck Midwest-Emo, gitarrenverliebtem Indierock und Punk unterwegs, Bands wie Samiam, The Promise Ring, Algernon Cadwallader oder The Get Up Kids fallen mir als Vergleiche ein. Die zehn Stücke strotzen dazu gerade auch textlich vor Trauer, Wut, Schmerz und Verlust. Aber auf jetzt, anhören und sich direkt verlieben!


Damokles – „Nights Come Alive“ (Vinter Records) [Stream]
Bisher veröffentlichte die aus Oslo stammende und im Herbst 2019 gegründete Band Damokles sechs Singles, mit Nights Come Alive ist nun das zehn Songs umfassende Debutalbum der Band erschienen. Die Band scheint voller sprudelnder Energie und Tatendrang zu strotzen, denn momentan arbeiten die fünf Jungs schon am zweiten Album. Dass die Jungs nicht aus dem Nichts kommen, war eh klar. Die Bandmitglieder tummeln sich schon jahrelang in der Osloer Underground-Szene, bisherige Bands waren This Sect, Kite, Dunderbeist, Endtimers, Contrarian und Melkeveien. Die Band schert sich wenig um Genrezugehörigkeit und mischt unter ihren hauptsächlich im 90’s Post-Hardcore/Emocore/Indie-Sound auch Rock, Metal und Post-Punk. Mich erinnert das ein wenig an Bands wie At The Drive-In oder Glassjaw.


Dead Years – „Selftitled“ (My Ruin) [Stream]
Nach ’ner Demo kommt das Bielefelder Trio mit seinem Debutalbum um die Ecke. Die zwei Herren und die Dame waren und sind noch in anderen Bands unterwegs, Ruins, Pointed, Mayak, Gloom Sleeper, Patsy O’Hara und Shoyu Squad wären da zu nennen. Nun, Dead Years spielen eine melancholische und treibende Mischung aus Punkrock, Post-Punk und etwas Hardcore, die Spielfreude ist hier deutlich zu hören. Der Sound ist knackig und etwas räudig, mal wieder die Tonmeisterei. Durch die male/female Vocals fühle ich mich an Bands wie frühe Monochrome oder Hysterese erinnert.


Foxtails – „Fawn“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Auf dem mittlerweile vierten Longplayer der Screamo-Band aus Connecticut geht es wieder reichlich emotional zur Sache, lyrisch und soundtechnisch wird gelitten, was das Zeug hält. Vertonte Angst und Qual klangen selten so lebendig wie in diesen zwölf Songs. Der Gesang von Megan Cadena-Fernandez reicht von resignierten Spoken Words über leidendes Heulen bis hin zu verzweifeltem Geschrei. Zudem ist die Band vom Trio zum Quartett gewachsen, seit 2021 ist neben Drums, Bass und Gitarre auch eine Geige mit an Bord, welche das Drama noch größer erscheinen lässt. In die vielschichtigen und abwechslungsreichen Songarrangements kann man richtig eintauchen, knapp vierzig Minuten dauert das Kopfkino.


Ruined – „Everything Is“ (DIY) [Stream]
Die Schweizer Band Ruined startete irgendwann im Jahr 2019 als Soloprojekt, mittlerweile ist das One-Man-Band-Projekt zum Quartett angewachsen. Und das, was man auf dem 13 Songs umfassenden Debutalbum zu hören bekommt, läuft mir ziemlich gut rein. Man spürt beim emo-lastigen Sound deutlich den HC/Punk-Background der Bandmitglieder. Hier schwappt vom ersten Ton an die Spielfreude aus den Lautsprechern. Rasant und melodisch geht es zur Sache, dabei freut man sich immer wieder, wenn der Gesang zwischen clean und energisch pendelt. Als Einflüsse werden Turnover, Title Fight oder Basement genannt, ich sehe hier aber auch Parallelen zu Bands wie Lifetime, Hell & Back oder Audio Karate.


Teresa Banks & Cause A Riot – „Split EP“ (Shield Recordings) [Stream]
Hier habt ihr die Möglichkeit, mit einem Tonträger zwei fantastische finnische Bands zu entdecken, die beide ziemlich viel Pfeffer und Melodie im Gepäck haben. Das Quintett Teresa Banks kommt aus Helsinki und ist irgendwo zwischen melodischem Skatepunk und Melodycore unterwegs, dabei wird immer schön das Gaspedal gedrückt. Mehrstimmige Chöre runden das Ganze ab. Cause A Riot aus Järvenpää schlagen in die gleiche Kerbe, sind aber ein bisschen hardcorelastiger. Auch hier ist viel Melodie mit an Bord, Fans von Bands wie Good Riddance, Strike Anywhere oder As Friends Rust sollten hier mal ein Ohr riskieren.


Intergalactic Lovers – „Liquid Love“ (Grand Hotel van Cleef)

Die belgische Band Intergalactic Lovers hat mit Liquid Love nach dreizehn Bandjahren ihr mittlerweile viertes Studioalbum veröffentlicht. Das letzte Album (Exhale) liegt auch schon wieder fünf Jahre zurück, bei mir ist es jedoch immer noch sehr präsent und findet von Zeit zu Zeit den Weg in den CD-Player. Und mit Liquid Love wird es mir ähnlich ergehen!

Dem Quartett ist ein berührendes und tiefgründiges Album mit insgesamt vierzehn Songs gelungen, das man nicht mal nur so nebenbei hören sollte. Der von der Band gewohnte harmonische Indie-Pop-Sound lebt in erster Linie vom abwechslungsreichen und unter die Haut gehenden Gesang von Sängerin Lara, dazu lassen die verträumten Gitarrenklänge, der markante Bass und sauber taktende Drums die Synapsen hüpfen. Und ja, auch bei den Intergalactic Lovers gibt es leichte Veränderungen im Gesamtklang: An allen Ecken schleichen sich dream-poppige Electro-Elemente ein, was dem Sound ganz gut zu Gesicht steht! Gerade über Kopfhörer wird man bei jedem weiteren Durchlauf auf neue Soundscapes aufmerksam. Hier wurde viel getüftelt und experimentiert, und überhaupt steckt sehr viel Liebe und Gefühl in den Kompositionen. Zahlreiche catchy und hymnenhafte Refrains lassen die über 50-minütige Reise dazu noch verdammt kurzweilig erscheinen.

Und wie der Albumtitel schon spoilert, geht es textlich um die gute alte Liebe, die in einer sich ständig verändernden Umgebung ebenso in Bewegung ist und sich damit auch stets verändern kann. Die Zerbrechlichkeit von Beziehungen ist dazu passend auf dem Digipack mit einem fließenden Gewässer illustriert. Endlich mal wieder ein Digipack mit einem dicken Textheftchen in der Hand zu haben ist ja leider aufgrund der hohen Papier- und Druck-Kosten ein bisschen aus der Mode gekommen, hier wurde glücklicherweise nicht gespart. Wenn ihr auch gern mal anspruchsvollen Dream-Pop in Richtung Dido, The Cardigans, Lush oder Marbert Rocel hört, dann dürfte das neue Album von Intergalactic Lovers ein neuer Goldschatz sein!

8/10

Bandcamp / Facebook / Grand Hotel van Cleef


Bandsalat: Dying Wish, Johnny Football Hero, Kaonashi, Raccoon City, Really From, This Too Will Pass

Dying Wish – „Fragments of a Bitter Memory“ (Sharp Tone) [Stream]
Auf die kalifornische Band Dying Wish bin ich irgendwann mal in der konzertlosen Zeit über hate5six aufmerksam geworden. Ganz schön bissig, dachte ich mir damals. Und wie’s der Zufall will, bin ich beim Bandcampen auf das Debutalbum der Band gestoßen. Und das ballert ordentlich! Die Frau am Mikro hat diesen fiesen Hass in ihrer Stimme, den man ihr zu jeder Zeit absolut abnimmt! Die Gitarren sind schön metallig, die guten alten Slayer lassen desöfteren grüßen. Blastbeats, Deathmetal-Riffs und Mega-Mosh-Parts mit wuchtigen Doublebass-Drums stampfen und walzen alles nieder! Walls Of Jericho, Killswitch Engage oder aber auch ClearXCut dienen als Referenzen. Laut aufdrehen und abgehen!


Johnny Football Hero – „Complacency“ (DIY) [Name Your Price Download]
Huch, was ist das bitteschön für eine wundervolle EP? Das Trio Johnny Football Hero kommt aus Philadelphia, Pennsylvania und macht einen fantastischen Mischmasch aus Midwest-Emo, gitarrenorientiertem fuzzy Shredder-Grunge, Post-Hardcore und Twinkle-Emo und klingt dabei sehr nostalgisch und melancholisch, aber auch sensationell einfallsreich. Schön kommen neben den fuzzy Gitarren auch die mehrstimmigen Vocal-Chöre. Gefühlvoll und glasklar bei den ruhigen Passagen, druckvoll und stürmisch bei den ruppigen Parts. Irgendwo zwischen SDRE, Joshua, Thursday, Algernon Cadwallader und den Couch Potatoes. Gleich noch die Debut-EP auf die Festplatte gezippt und ab geht die Post! Ich bin Fan!


Kaonashi – „Dear Lemon House, You Ruined Me: Senior Year“ (Equal Vision) [Stream]
Irgendwie war ich beim Bandcamp-Ausflug immer vom blutigen Coverartwork mit den gerupften Federn abgeschreckt, so dass ich nie den Play Button drückte und eigentlich eher zufällig mal reinhörte. Hab eigentlich Death-Metal erwartet, aber wenn erstmal der Play-Button gedrückt ist, dann gibt es kein Zurück mehr. Man wird in den Strudel eingezogen. Das Quintett kommt aus Philadelphia und mischt die Genres Post-Hardcore, Math, Metal, Screamo und etliches mehr. Das Resultat: hyperventilierende Vocals paaren sich mit psychotischem Sound, dabei klingt das alles darüber hinaus ziemlich geil, was auch an den RATM-mäßigen groovigen Parts und den melodischen Einschüben liegt. Intensiv anhören und vielleicht lieber mal dranbleiben! Geht nach einer sperrigen Abneigungsphase wirklich richtig gut ab!


Raccoon City – „For Nobody, Nowhere“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Da taucht ’ne echt mal phänomenale Platte in etlichen End-Jahreslisten auf. Das hier haben eh alle auf dem Schirm, dachte ich. Im Freundeskreis dann ungläubige Gesichter anlässlich eines geposteten Videos von einer im Freundeskreis total unbekannter Band. Irgendwie wollte ich dieses herzzerreißende Album-Juwel viel früher über den Klee loben, aber da hat mein Feature-System auf ganzer Linie versagt. Emotional bis in die Haarspitze aufgeladen, melancholisch bis zum Anschlag! Friedlich, ruhig und traurig geht es los, brachial, lebhaft, chaotisch und immer mit 100 Volt auf der Batterie geht es weiter!


Really From – „Selftitled“ (Topshelf Records) [Stream]
Irgendwann im Herbst bin ich beim Bandcamp-Browsen auf die Band Really From aus Boston, Massachusetts und ihr selbstbetiteltes Album gestoßen. Was da aus den Kopfhörern an meine Ohren drang, nahm mich sofort in Beschlag. Auch wenn es sich ein bisschen verrückt anhört, die Band macht eine Mischung aus Jazz, Emo, Indie, Math und Punk. Was unter einen Hut gebracht jedoch erstaunlich rund klingt! Die etwas sperrigen Songarrangements muss man sich langsam erarbeiten, dabei hilft die warme Gesangsstimme der Sängerin. American Football, Joan Of Arc und Fugazi dürften jedenfalls große Einflüsse sein!


This Too Will Pass – „Effects On Perception“ (DIY) [Stream]
Nach fünf Jahren releastechnischer Pause und einem Besetzungswechsel am Bass gibt es neuen Stoff aus dem Hause This Too Will Pass aus Hamburg. Es sind zwar nur drei Songs, aber die reißen mich genauso mit, wie der bisherige Output der Hamburger. Schade, lifeisafunnything hätte da sicher eine schnuckelige 7inch draus gemacht, so muss man sich halt erstmal digital vergnügen. Hab die Hoffnung allerdings aufgegeben, dass sich in der von der Vinylkrise geplagten Labelszene irgendein DIY-Label findet, das aufopferungsbereit Vinyls von Bands wie This Too Will Pass pressen würde. Verzweifelt klingt das hier, ohne jede Hoffnung, das ganz große Drama! Exzellenter Post-Hardcore mit Screamo-Einlagen, Herzblut und Spielfreude permanent mit an Bord!


Bandsalat: Black Square, Einseinseins, No God Only Teeth, Piranoid, Shoreline, Singles

Black Square – „Blumen am Abgrund“ (Plastic Bomb & Keep it a Secret Records) [Name Your Price Download]
Das hier ist einfach mal geil! Die Band Black Square wurde inmitten der Corona-Pandemie gegründet. Innerhalb von neun Monaten wie ein kleines und unschuldiges Menschenleben gereift, erblickt das Debut-Baby nun die Welt. Vielleicht macht dieser kleine Messias die am Abgrund stehende Welt etwas besser! Es wäre wünschenswert! Aber zurück zum Release! Hab jetzt zwar kein physisches Exemplar vorliegen, aber die Vinylversion sieht auf den Fotos ganz schön pfiffig aus! Allein der Sound haut ganz geil rein, zusammen mit den Texten kommt das verdammt emotional rüber! Deutschpunk trifft auf Screamo, würd ich mal für euch Schubladenleutchen mit den wedelnden Fahnen in den Raum stellen. Deutschpunk mit Message, also abseits von Saufgelagen und arbeitlosem Rumasseln. Ein bisschen Meditations-Esoterik-New Age-Verarsche dazu, und Hip Hop für die Crew (z.B. im Outro bei Hagazussa)! Dichte Gitarren, wildes Getrommel und hyperventilierende female Vocals, that’s it! Und natürlich DIY as fuck! Da kriegste echt mal Hummeln in den Arsch! Da hat man keinen Bock sich zu beruhigen, ohne Scheiß! Hier regiert die Wut, und zwar auf die Gesamtscheiße aka Rassismus, Ausgrenzung und partiarchale Machtstrukturen. Und ja, eigentlich muss man sich nicht groß fragen, woher all der verdammte Hass kommt.


Einseinseins – „Zwei“ (Tonzonen Records) [Stream]
Ist das jetzt Post-Punk mit Elektro gekreuzt? Oder eher NDW mit Krautrock? Ach Scheiß drauf, ich find es echt mal geil, was die Berliner da auf ihrem (zweiten?) Album machen. Das Trio versteht es perfekt, in seine elektronische und von pumpenden Bass & Drumbeats begleitende Musik eine dezente Pop-Note reinzubringen, dazu ist das Ganze ziemlich tanzbar. !!! trifft auf Air dazu helfen Notwist und AUA ein bisschen aus. Cooler Sound, zwischen verkopft, groovy, hibbelig, tanzbar und eingängig!


No God Only Teeth – „Placenta“ (Narshardaa Records) [Stream]
Ziemlich dunkel, düster, dreckig und emotional kommt das Debutalbum der Hamburger Band No God Only Teeth rüber. Irgendwo im Crust und Doom zuhause, kommen auch noch Einflüsse aus Screamo und Black Metal zum Einsatz, das alles schön basslastig. Die Gitarren drehen frei und zaubern aber immer wieder unterschwellige Melodien in den vernichtenden Wirbelsturm. Zwei der fünf Songs haben englische Lyrics, beim Rest wird in deutscher Sprache gescreamt. Die weiblichen Vocals jagen die ein oder andere Gänsehaut über’n Rücken. Wahnsinnig emotional, hier wird amtlich gelitten! Dazu lassen sich die Songs einiges an Zeit, bei Songlängen über fünf bis hin zu neun Minuten muss sich eine Band auch einiges einfallen lassen, um nicht in die Langeweile abzudriften! Absoluter Tipp für kellerliebende Menschen!


Piranoid – „Verirrte Projektionen“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die ziemlich neue Band Piranoid kommt aus Stuttgart, hat Ex-Leute aus Bands wie beispielsweise Reznik Syndrom, Loose Suspense, Ruthless, Dead Wrong und Discommand mit an Bord und pfeffert uns als erstes Lebenszeichen gleich mal ein neun Songs starkes Album um die Ohren. Gescreamt wird dazu in deutscher Sprache, Klischees haben in den stark formulierten Lyrics aber keinen Platz. Soundtechnisch ist die Band tief im Dampfwalzen-Hardcore verankert, Metal-Einflüsse sind auch mit von der Partie. Klar, die großen Brüder Sidekick und Empowerment haben auf die Jungs sicher ein bisschen Einfluss geübt. Sicher sind aber auch Bands wie die metallischeren Earth Crisis oder Strife Vorbilder der Stuttgarter. Gibt live sicher ordentlich auf’s Maul, wenn das dann mal wieder möglich ist. Checkt das mal an, ziemlich starkes Debut!


Shoreline – „Growth“ (End Hits Records) [Stream]
Bisher hat mich die Band Shoreline noch nicht packen können, keine Ahnung, warum. Mit Growth, dem zweiten Studio-Album ist es aber so weit, dass ich nach ausgiebigem Genuss auch noch die pre-Releases genauer angehört habe und gar nicht mal mehr so abgeneigt bin. Irgendwie mag ich es, was die Band aus Münster da so macht. Bands wie die Pixies, Jimmy Eat World, Basement oder Billy Talent dürften sicher große Einflüsse sein. Jedenfalls hat es irgendwann mal klick gemacht, außerdem können die Lyrics auch noch was!


Singles – „You told us not to worry but life is fucking hard, mum.“ (DIY) [Stream]
Ach du grüne Neune, das hier ist ja fast mal untergegangen! Hab die drei Songs damals im Frühjahr 2021 aufgrund der Anfrage gleich gezippt und auf’n USB-Stick zusammen mit etlichem anderen Zeugs mit ins Auto genommen. Leider hat es ein bisschen gedauert, bis der Ordner endlich mal an der Reihe war. Dieser Moment, als mir die bereits gehörten Gitarren-Tunes vom Opener Trouble Sleeping in die Gehörgänge krochen! Wahnsinn! Hab das Ding gleich mal auf Auto-Repeat gelegt! Diese drei Songs machen so Spaß, leider sind sie nach einer kurzen Spielzeit von knapp sieben Minuten auch schon wieder vorbei. Schade, dass da keine 7inch draus gemacht wurde, das hat nämlich wirklich mal Charakter und Seele, was das Duo hier gezaubert hat. Emo mit Indie-Slacker-Gitarrenkante, schön in den Nullern verankert und nostalgisch. The Daydream Fit treffen auf European Translation Of und The Van Pelt. Sehr geil! Darüber hinaus auch noch textlich sehr gefühlvoll. Ach ja, Frank Mertens war früher bei Adolar, nur mal so nebenbei erwähnt.


Starships – „Demo-Tape“ (DIY)

Die Band Starships wurde im April 2020 in Berlin gegründet. Natürlich mal wieder von Leuten, die man von anderen Bands her kennt und die sich höchstwahrscheinlich schon vorher durch die Präsenz der anderen Bands her untereinander kannten. Wie hätte man sonst inmitten einer Pandemie wohl ’ne Band gründen können? Per Inserat (2g sucht immune Personen +) oder durch ’ne Band-Dating-App (biontech-Leutz only bitte melden)? Vielleicht sogar statt in der Kneipe im Impfzentrum kennengelernt? Crossover: Astrazeneca Biontech, und kreuzgeimpft mit Moderna! Könnte alles Risiken mit sich ziehen, heutzutage weiß man nie, ob man sich durch sowas Schwurbler in die Band holt! Wenn man früher Leute beim Proberaum-Vorspiel belächelte, die bei 30 Grad Außentemperatur mit einer Gasmaske auf der Rübe vortanzten, wär man heutzutage echt mal froh über diese Freaks. Also lieber auf gefestigte Leute aus dem Umfeld zählen! Bands wie z.B. Ashtray Monument, Blue Screen Of Death und Slug And Snails, denn genau da zockten die Jungs, die sich zur Band Starships zusammengetan haben.

Und das hier ist das erste Demo-Tape, fünf Songs sind darauf zu hören. Auf dem Tape-Cover ist ein verratztes Smartphonedisplay abgebildet. Hinter den tieferen Sinn des Coverartworks bin ich nicht gekommen, aber das Tape könnte locker als Smartphone-Attrappe durchgehen. Aber tut lieber nicht so, als ob ihr mit dem Tape telefonieren würdet, ihr Psychos. Legt lieber das fast nackte und mit Edding beschriftete Tape in euren Walkman ein und drückt auf Play. Und fühlt euch direkt im Proberaum der Band, alles live eingespielt.

Auch wenn die Aufnahme rau, scheppernd und vielleicht etwas dünn ist, spürt man hier eine enorme Emotionalität. Wie in eine Kuscheldecke eingewickelt machen sich hier unterschwellige Melodien breit, gerade der markante Bass, die übersteuerten Crashbecken und die kantigen Gitarren reißen hier einiges, dazu kommen die Vocals, die mich an so manche Band aus den Neunzigern erinnert (z.B. Couch Potatoes). Ein paar Parts des Opener-Songs Big Sleep erinnern mich dann sogar an einen Song einer meiner eigenen früheren Bands. Für ’ne Plagiatsklage reicht’s aber dann doch nicht, das hier klingt definitiv besser! Geld wäre da sicher eh nicht zu holen. Hach,der Sound läuft einfach gut rein! Für’s Mischen und Mastern war übrigens Peter Nowak (erai.) zuständig.

8/10

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Bandsalat: Idyll, Pinkshift, Polaroit, Snag, Soft Harm, Static Dress

Idyll – „Selftitled“ (Midsummer Records) [Name Your Price Download]
Man nehme drei Teile Akela/Meraine und ein Teil Circlesquaretriangle, jede Menge Wut und Verzweiflung, eine ordentliche Schippe Frust über die Gesamtscheiße mit Pandemie und Zustand der Gesellschaft und addiere noch die Wut über nicht stattfindende Record-Release-Shows und überlastete Vinyl-Presswerke, dann bekommt man ungefähr eine Ahnung, in welche Richtung der Sound der Band Idyll wohl gehen mag. Ganz genau, die Band aus Lüdenscheid lässt einen rohen und extrem angepissten Bastard aus druckvollem Hardcore, Punk und Screamo von der Kette. Der Sound drückt Dich ordentlich an die Wand, dazu gibt’s durchdachte Texte in deutscher Sprache und gekeifte Vocals mit viel Schmerz, Wut und Verzweiflung auf die Ohren. Ein richtig schöner Brocken, wieder mal perfekt von der Tonmeisterei gemastert. Genau die richtige Mucke, um nach einem mißglückten Tag die Bude zu zerlegen!


Pinkshift – „Saccharine“ (DIY) [Stream]
Per Zufall drauf gestoßen, direkt hängen geblieben! Pinkshift ist ein Trio aus Baltimore, Maryland und entzückt auf seiner Debut-EP mit fünf Songs, die auf Anhieb im Ohr hängen bleiben. Herausstechend sind die melodischen Gitarren und der hymnische Gesang von Sängerin Ashrita. My Chemical Romance trifft auf Paramore oder so ähnlich. Hat richtig Power, lebt von Leidenschaft und Herzblut, dazu gibt’s noch gute Lyrics auf die Mütze! Bin richtig gespannt, was man von dieser Band noch in Zukunft zu hören bekommt!


Polaroit – „Hole In Your Heart“ (Midsummer Records) [Stream]
Anfangs tingelte Sänger Paul mit einer Akustikgitarre bewaffnet ein bisschen durch die Gegend, dann bekam er aus dem Freundeskreis ein bisschen Unterstützung, so dass das Quartett Polaroit – stationiert in Hildesheim – geschaffen war. Die Debut-EP überzeugt mit leidenschaftlichem Emopunk, der dazu noch schön tanzbar klingt. Manchmal gesellt sich zum melodischen Punkrock neben der melancholischen Emo-Kante ein kleiner Schuss Pop-Punk. Sechs Songs sind zu hören, die sich mit jeder weiteren Hörrunde direkt in den Hörgängen einnisten. Die Songs hätten auch gut um die Jahrtausendwende zu den ganzen Defiance Records-Bands gepasst, denn der Sound von Polaroit trägt diese gewisse Nuller-Nostalgie im Herzen, Leidenschaft spielt dabei auch eine wesentliche Rolle.


Snag – „Death Douala“ (Zegema Beach Records u.a.) [Name Your Price Download]
Wut, Verzweiflung, Intensität und unkontrollierbares Chaos und trotzdem unterschwellig melodisch, wenn auch mit einer bombastischen Durchschlagskraft. So ist der erste Eindruck, den man bei weiteren Hörrunden bestätigt sieht und in den man immer weiter eintauchen möchte. Vom Sound eingelullt lässt man sich treiben und wird in einen Strudel gezogen, weitere Hörrunden später ist man Death Douala völlig verfallen! Das hier ist Screamo gemischt mit Post Hardcore vom Feinsten! Spannende Songarrangements, neben den üblichen Instrumenten kommen auch Dinge wie Trompeten oder Violinen zum Einsatz. Und natürlich ist alles fett geil gemastert, Jack Shirley/Atomic Garden sei Dank. Schmettert echt geil!


Soft Harm – „Пять обстоятельств, сформировавших мою личность“ (DIY) [Name Your Price Download]
Soft Harm aus Bryansk in Russland wurden hier im Rahmen einer Bandsalat-Runde schonmal vorgestellt, jetzt gibt es neuen Stoff in Form einer 5-Song EP. Der Titel ist wahrscheinlich in Anlehnung an die fünf Songs entstanden, übersetzt heißt das in etwa: Fünf Umstände, die meine Persönlichkeit geprägt haben. Der Sound von Soft Harm pendelt irgendwo zwischen Screamo und Post Hardcore, gesungen bzw, gescreamt wird in der Landessprache. Mir gefällt dabei der prägnante Bass, die glasklaren aber fetten Gitarren, das dynamische Drumming und natürlich der verzweifelte Schreigesang, zudem kann die Band auch leise überzeugen! Hört da unbedingt mal rein und zippt euch das Ding auf die Festplatte!


Static Dress – „Prologue​.​.​.“ (DIY) [Stream]
Neulich bin ich zufällig auf den zweiten (?) Longplayer der britischen Band Static Dress gestoßen und bin direkt hängen geblieben. Eigentlich könnte das Ding aufgrund der Spielzeit von etwas über fünfzehn Minuten auch noch als EP durchgehen, zudem sind unter den neun Tracks einige Zwischenspiele enthalten. Jedenfalls knallt der Sound des Quartetts ordentlich. Geboten wird eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Screamo, Emo und Metalcore. Vom Stil her dürfte sich die Band am Post-Hardcore-Sound der Jahrtausendwende orientiert haben, Bands wie z.B. Thursday und Underoath können als Referenzbands genannt werden. Die Gitarren zwirbeln fett und verdrehen Dir den Hals, der Sänger pendelt zwischen sehnsüchtigem Cleangesang und schmerzvollem Geschrei, dazu kommen tight gespielte Drums und eine 1a-Produktion. Ich steh drauf und bin echt mal gespannt, was noch in Zukunft aus dem Hause Static Dress noch zu erwarten ist.


Anxious – „Little Green House“ (Run For Cover)

Die Band Anxious kommt aus Connecticut, ist seit 2016 – in der Highschool gegründet – unterwegs, hat einige Lineup-Überschneidungen mit der ebenfalls grandiosen Band One Step Closer und haut jetzt endlich mal das lange erwartete Debutalbum raus. Wäre ich auf die Band jemals von allein gestoßen? Höchst unwahrscheinlich! Wenn aber eine dem DIY-Spirit zugeneigte Band Einflüsse wie beispielsweise Texas Is The Reason, Lifetime, Sense Field, Turning Point oder Samiam nennt, dann bin ich eh schon irgendwie angefixt, auch wenn der Sound der Band produktionstechnisch deutlich mehr im Mainstream angekommen ist und nur noch entfernt Einflüsse der genannten Bands erkennen lässt. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat leider kein Textblatt und der Text in der Innenklappe (vermutlich Infos zur Produktion des Albums) läßt sich wahrscheinlich nicht mal mit einer stabilen Vergrößerungslupe lesen. Wenn ihr aber Strom und Internet habt, dann könnt ihr die Texte auf der Bandcamp-Seite der Jungs nachlesen.

Und das lohnt sich dann auch, denn hier bekommt ihr den Überblick, warum man sich eigentlich mit dem Wechsel in die Erwachsenenwelt lieber etwas Zeit lassen sollte. Es wird ziemlich persönlich und die Texte beschäftigen sich tiefgehend und sehr emotional mit dem Erwachsenwerden und den damit verbundenen Problemen. Die Band nutzte die tourlose Pandemie-Zeit ausgiebig, um an den Songs des Albums zu basteln und zu feilen. Und das taten die Jungs mit großer Hingabe und Leidenschaft im Keller des Elternhauses von Sänger Grady Allen, so dass dieses Häuschen auch gleich für den Albumtitel herhalten musste. Ob das Little Green House wirklich so idyllisch wie auf dem fabelhaften Cover und Backcover dargestellt liegt? Jedenfalls sind die Lyrics schön in sich gekehrt, was vermutlich auch an dieser merkwürdigen Zeit der Ereignislosigkeit liegen mag, in der viel Zeit zum Grübeln übrig war bzw. immer noch ist.

Jedenfalls dauert es nur ganz wenige Sekunden, bis man von diesem bittersüßen Album nicht mehr loskommt. Der Sound sprudelt frisch und spielfreudig aus den Lautsprechern, da wird man direkt abgeholt. Frei drehende, auf den Punkt gespielte Gitarren treffen auf tightes Drumming, hymnischer Gesang und ’ne Menge Melodie nisten sich tief in den Hörgängen ein. Hier kann man wahnsinnig gut eintauchen, mir kommt auch immer wieder neben den bereits erwähnten Bands Zeugs wie Juliana Theory oder As Friends Rust in den Sinn. Nach zehn Songs in 32 Minuten ist man direkt süchtig nach einem weiteren Durchlauf. Bei den letzten zwei Songs wird man zudem noch von weiblichen Guest-Vocals überrascht, die von der New Yorker Musikerin Stella Branstool beigesteuert werden. Gerade das shoegazige und fast schon in Dreampop-Gefilde abdriftende You When You’re Gone zeigt nochmal eine ganz andere und noch zerbrechlichere Seite der Band und rundet das Album gebührend ab. Starkes Ding!

9/10

Bandcamp / Run For Cover


Video-Runde mit All Of Mine, Atlas For Home, Bad Assumption, Basement Gary, Heavyseas, Kevlar Bikini, NOFNOG, Love Forty Down, Lhuma und 4Fliegen

Die saarländische Band All Of Mine arbeitet konstant auf die Veröffentlichung ihres Debutalbums Zerfall hin und hat nun nach und nach ein paar Songs als Videos online gestellt. Das Album soll Mitte des Jahres erscheinen und man darf sich auf knackigen Post-Hardcore freuen, aber hört und seht selbst!


Die Pariser Pop-Punk/Emo-Rock-Band Atlas For Home hat auch ein schönes DIY-Video abgedreht. Wenn ihr euch eine Mischung aus Bands wie Blink182, The Starting Line und Jimmy Eat World vorstellen könnt, dann wäre das hier sicher was für euch.


Eine geil gemachte Mischung aus Melodic Hardcore und Post-Hardcore gibt’s von der Münsteraner Band Bad Assumption mit dem neuen Song Loyal Freedom Dogs und einem Video dazu zu hören/sehen. Geil, mir gefällt auch der in deutscher Sprache eingebaute Teil ganz gut!


Ein witziges Tennis-Video hat die französische Pop-Punk-Band Basement Gary (mit Mitgliedern von Can’t Bear This Party!, South Berkeley und Freygolo) abgedreht. Zum schmissigen Sound der Jungs lässt es sich mit einem in eine Gitarre umfunktionierten Tennisschläger zum Workout schön durch die Bude flitzen!


Die Post-Hardcore-Band Heavyseas aus Dresden hatte in den letzten Jahren mit etlichen Besetzungswechseln zu kämpfen, hat aber jetzt wohl diese Zeit überwunden und wird auch bald eine 4-Song-EP veröffentlichen. Hier schon mal ein erstes Musikvideo.


Kevlar Bikini aus Kroatien haben ein schönes DIY-Video am Start, dazu wird man zum Harcore/Noise/Punk und Metal-Gebräu ganz schön zappelig und aufgedreht.


Die Schweizer Buddies von NOFNOG haben ein schönes Video zu einem Song vom kommenden Album online gestellt. Hach, die Live-Shows der Band waren bisher einfach immer schön anzusehen, diese unbeschwerten Live-Erlebnisse werden hoffentlich irgendwann mal wieder kommen…


Die Ulmer Jungs von Love Forty Down haben auch ’ne neue EP am Start, dazu gibt es zum Song German Angst auch ein tolles Video zu sehen. Als Gast ist bei diesem Song mit wichtiger Message übrigens Vuki von Hell & Back mit dabei!


Lhuma aus Dresden haben gleich ein Video zu ihrer ganzen EP abgedreht. Hier bekommt man die Live-Energie sehr schön zu spüren, zudem klingt das Ganze schön emotional!


Die Band 4Fliegen kommt aus Saarbrücken und ist mit ihrem neuen Song Hotel viel kantiger und rotziger als gewohnt unterwegs. Wer bei Strobo-Feuerblitzen epileptische Anfälle bekommt, sollte um dieses Video aber lieber ’nen großen Bogen machen oder einfach mal die Augen zuhalten bzw. nur die Musik auf sich wirken lassen.


Tape-Duo: Last Gasp & Stations (Seven Oaks Records)

Last Gasp – „The Storied Weight of it All“ (Seven Oaks Records) [Stream]
Hach, das Paket aus dem Hause Seven Oaks Records kam gerade richtig kurz vor Weihnachten! Und das auch noch unangekündigt und völlig überraschend! Sehr geil, zwei Tapes von mir bisher unbekannten Bands. Die eine hier ist Last Gasp aus Cleveland, Ohio. Und die blasen mich mit zwar altbekanntem oldschooligen, aber sehr frischem und nach vorne gehenden Hardcore fast vom Stuhl! Das Tape-Cover erinnert mich schonmal irgendwie an alte HC-Artworks wie z.B. Uniform Choice, Circle Jerks oder Black Flag. Musikalisch gibt’s dann 88er-Posi-Youth-Crew-HC auf die Ohren. Vom Spirit her sind das dann so Bands wie Count Me Out, Nerve Agents, In My Eyes, Betrayed, Bane, Ensign, Champion oder Eyeball, vom Groove her geht es auch mal Richtung Shutdown oder frühe Snapcase, aber eher mit durchgedrücktem Gaspedal. Ich spür den Druck der Holzperlenkette förmlich am Hals! Ich war übrigens in meiner Jugend auch mal ein wie im Opener beschriebener Teenage Maniac, manchmal bin ich das auch noch heute! So treffend und zusammen mit der Musik auf den Punkt kann man diesen Zustand wohl kaum besser beschreiben! Zwar bin ich mit mittlerweile knapp 50 echt zu alt für den Scheiß, aber hier hätte ich – wenn es Covid19 nicht gäbe – tierisch Bock auf ’nen schwitzigen HC-Pit, bei dem sich alle auf den Sänger stürzen und sich die Zähne am Mikro ausschlagen wollen. Der hyperventilierende Sänger hat ’ne richtige Emo-Power, da spritzt das Herzblut förmlich raus! Und wäre jeder Bass so gut abgemischt, wie der Rest der Instrumente, dann würde es niemals wieder unzufriedene Bassist*innen geben! Auch wenn mein altes Tape-Deck wieder funzt und ich das Format Tape echt gern habe, hab ich letztendlich vom beiliegenden Download-Code Gebrauch gemacht. Und bei der Gelegenheit hab ich mir auf der Bandcamp-Seite der Jungs auch gleich die Textpassagen reingezogen, die ich aufgrund des Geschreis und der leider unleserlichen Schrift der Lyrics im Booklet nicht entziffern konnte. Und jetzt hüpf ich bei laut aufgedrehter Anlage rum und hoffe, dass ich mich nicht an irgendeiner Möbelkante verletze.


Stations – „Livewire“ (Seven Oaks Records) [Name Your Price Download]
Oh wie lang ist’s her, als ich mal in Dresden war…Definitiv war das vor der Geburt der Band Stations, die irgendwann im Jahr 2016 gegründet wurde. Bisher gab es ’ne EP und ’ne Split. Und jetzt bekomm ich völlig überraschend, siehe oben, ein Tape zugeschickt! Die Farbe des Tapes: grün. Das erinnert mich an mein erstes AC/DC-Tape (Hells Bells), das mir mein großer Bruder auf ein eben grünes BASF-Tape aufgenommen hat. Naja, AC/DC waren zwar damals die Einstiegsdroge für mich, aber das ist ewig lang her (1980?). Und eigentlich tut das hier echt mal gar nichts zur Sache. Obendrein will ich lieber darüber sinnieren, warum mir der Sound von Stations ganz gut reinläuft. Deshalb wieder zurück zum Tape, das auch optisch mit diesem Labyrinth-Artwork gewaltig rockt! Super auch, dass alle Texte abgedruckt sind! Und dann schließt sich der Kreis, als ich im schön gefalteten Tape-Booklet lese, dass beim Song Potato Stomp Daniel von 20 Liter Joghurt mit an Bord ist. Übrigens ist auch noch ein Download-Code handschriftlich beigefügt, ganz große Liebe! Musikalisch gibt’s dazu auch noch schön auf die Fresse: Rotzigen Highspeed-Hardcore mit Biss im Stil von Obtrusive, Krombacher Kellerkinder, Miozän oder Highscore. Wahrscheinlich sind die Vorbilder aber auch ganz frühe Agnostic Front, DRI, Chronical Diarrhoea und Madball mit dem damals noch kleinen Buben mit den abstehenden Ohren am Mikro. Und natürlich auch noch The First Step, die auch gleich noch gecovert werden. Ach ja, trotz der Schnelligkeit ist hier ’ne große Portion Melodie mit an Bord, dazu stimmt auch noch die Message! Oh wie gern würd ich die mal im Proberaum besuchen! Mit Gasmaske? Oder im kleinen Gewölbekeller mit der Birne an die Decke klatschen!


Bandsalat: Biliardo, Ezinegon, Graceful, Hauke Henkel, I Saw Daylight, Jeanny

Biliardo – „Demo#1“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über diese neue Band aus Tokio /Japan konnte ich leider nicht sehr viel in Erfahrung bringen, es ist ja schon erstaunlich, dass ich auf das erste 3-Song-Demo beim Bandcamp-Ausflug aufmerksam wurde und direkt angefixt war. Messerscharfe Gitarren, vezweifelter Schreigesang mit ständig überschlagender Stimme, dazu diese melancholischen Melodien. Manchmal wird der Krach auch zurückgefahren und es gibt Math-Einlagen. Bass und Gitarre wissen auch hier, wie man ordentlich Emotion in die Sache bekommt. Ach ja, japanische Vocals sind das wohl und neben Screamo gibt’s auch ein paar Post-Hardcore-Elemente. Zieht euch das Teil zum Name Your Price-Tarif!


Ezinegon – „Mastak Erorita Daudenean“ (DIY) [Name Your Price Download]
Schön krachig aufgenommenen und straight nach vorne gehenden Screamo gibt es von dieser neuen baskischen Band aus Donostia-San Sebastián auf die Ohren. Dort scheint es eine rege Szene zu geben, das fiel mir vor kurzem schon beim Stöbern zu Informationen des neulich besprochenen Comic Sans-Albums auf. Nun, Ezinegon schleudern uns ihren wilden Skramz-Sturm mit leidendem und verzweifeltem Geschrei in baskischer Sprache entgegen. Gut, dass es Internetübersetzungsprogramme gibt, die da Ergebnisse liefern können. Jedenfalls klingt das hier trotz der Dissonanz schön intensiv und unterschwellig auch melodisch, was sicher auch an der live eingespielten Aufnahme liegt. Bin gespannt, was es von dieser Band noch zu hören gibt.


Graceful – „Demiurgia“ (Vlad Productions) [Stream]
Ist das wie ein Intro wirkende The Passage mal durchgelaufen, dann legt die Band Graceful aus Nantes, Frankreich mit Enemy ein zappeliges und groovig-basslastiges Gebräu aus Noise, Punk und Mathcore auf’s Parkett, das an manchen Stellen auch an Bands wie At The Drive-In oder Drive Like Jehu erinnert. So hätte es meiner Meinung nach gern für den Rest des Albums weitergehen können, aber Graceful machen es einem im Verlauf der zehn Songs alles andere als leicht, die Songs sind teilweise richtig sperrig aufgebaut, auf eingängige Melodien wurde großzügig verzichtet. Mal wird es etwas ruhiger, mal kommen auch noch Erinnerungsfetzen an Faith No More und Mike Patton hoch, gerade beim Clean-Gesang. Und dann gibt es auch noch Ausflüge in Richtung Stoner/Metal mit musical-ähnlichen Vocals, die schon mal an den Nerven zehren können. Aber sobald wieder dieser fuzzy Sound aus den Lautsprechern wummert, ist das auch schon wieder vergessen.


Hauke Henkel – „Elbe“ (stereo dasein) [Stream]
Der ehemalige Schlagzeuger von Manku Kapak und Fljora kommt wieder mit seinem Piano um die Ecke und hat ein neues Album aufgenommen, diesmal ein rein instrumentales. Eingespielt wurden die Kompositionen auf dem über 100 Jahre alten Klavier der ehemaligen Pianomanufaktur „Knauss Coblenz“, das in einem unbeheizten Proberaum in Mainz steht. Unbedingt sollte man die acht Stücke laut aufgedreht auf guten Kopfhörern lauschen! Denn da spiegeln sich die verschiedenen Stimmungen am eindruckvollsten. Häufig dominiert eine schwere Melancholie, dennoch dringen immer wieder beschwingte, leichtfüssige und gar sehnsüchtige Melodien an die Oberfläche. Die vom Klavier erzeugten Töne klingen dabei manchmal auch etwas unsauber, kratzig und kantig, was aber gerade der leidenschaftlichen Stimmung zugute kommt. Diese instrumentalen Songs wirken ohne den oftmals schrägen Gesang von Hauke Henkel sehr viel harmonischer und intimer. Auf Vinyl wird Elbe durch das warme Knistern vermutlich ganz toll klingen. Wenn ihr also mal auf der Suche nach etwas ruhigem und besänftigenden seid und euch Piano-Zeugs wie Yann Tiersen zu Mainstream ist, dann bitte hier entlang!


I Saw Daylight – „όνειρο“ (DIY) [Stream]
Die Ulmer Band kloppt nach vier EP’s und zwei Split-EP’s endlich mal ein Debut-Album raus, das wurde aber auch langsam mal Zeit! Und das lässt natürlich den Wunsch anschwellen, die Band endlich mal wieder live zu erleben. Da die Jungs und das Mädel an den Drums ganz aus meiner Nähe kommen, hatte ich schon wiederholt das Vergnügen, die Band seit Gründung und auch noch mit ihrer alten Gitarristin Jessica Svartvit zu sehen. Die ist mittlerweile eine gefragte Tätowiererin und ist auch diesmal zumindest wieder künstlerisch mit von der Partie, das Artwork stammt aus ihrer Feder. Musikalisch bolzen die Ulmer ein sattes Brett raus, die Songs sind sauber und druckvoll produziert. Und natürlich merkt man der nach Live-Shows süchtigen Band die jahrelange Erfahrung trotz der mangelnden Auftrittsmöglichkeiten in den letzten zwei Jahren aus jedem Ton dieses Albums an! Sänger Eugen quält sich leidenschaftlich und leidend mit schön emotional klingenden gescreamten Vocals durch, manchmal kommt auch Cleangesang zum Einsatz, natürlich dürfen auch Gangshouts nicht fehlen. όνειρο ist übrigens Griechisch und bedeutet „Traum“. Und dieses Album dürfte der Traum zahlreicher Post-Hardcore-Fans sein, das hier lässt mal locker das Herzchen hüpfen!


Jeanny – „Selftitled“ (Laserlife Records) [Stream]
Wenn eine Band aus Wien kommt, darf sie sich schonmal nach einem Falco-Song benennen, ja selbst die etwas abgewandelte Melodie des Songs beim Opener Pt.1 und auch ein paar geklaute Textzeilen gehen klar. Aber nur, weil die Band das mit so einer enormen Intensität vertont hat, dass die Nackenhärchen zum Stehen kommen, die analoge Aufnahmetechnik trägt ebenfalls zu einem authentischen Sound bei. Musikalisch lassen sich die vier Österreicher irgendwo im deutschsprachigen Post-Punk/Indie-Bereich einordnen, die teils gesprochenen, teils gesungenen und oft gescreamten Vocals strotzen jedenfalls vor Melancholie. Ganz geil passen jedenfalls die oft zum Einsatz kommenden melodischen und emotionalen Trompeten, die meilenweit entfernt von irgendwelchen 08/15-Ska-Bands liegen. Ich würde sogar soweit gehen, dass diese Trompeten eines der markantesten und eigenständigsten Erkennungsmerkmale der Band sind. Okay, und auch textlich geht es ziemlich tragisch und emotional zur Sache. Das sechs Songs starke Album behandelt textlich die verheerenden und zerstörerischen Auswirkungen einer exzessiven Alkoholsucht. Wenn ihr euch eine Mischung aus Bands wie Touché Amore, La Dispute, Empty Guns und OK Kid vorstellen könnt und auch Zeugs wie frühe Moop Mama mögt, dann solltet ihr hier unbedingt mal reinhören!


Buchvorstellung: Marco Pogo – „Gschichtn“ (Seifert Verlag GmbH)

Marco Pogo dürfte einigen von euch als Gitarrist und Sänger der Wiener Band Turbobier bekannt sein. Gschichtn ist sein erstes Werk als Autor. Als ich mein Besprechungsexemplar auspackte, dachte ich zuerst, dass mir fälschlicherweise anstelle des Buchs eine DVD zugesandt wurde. Das liegt an der Haptik des Buches, der Buchschnitt ist schwarz eingefärbt, das Hardcover ist mit knapp 3 Millimetern Stärke buchstäblich mal ein Hardcover, und der Bucheinband fühlt sich unglaublich glatt und weich an, so dass man das Buch wirklich gerne in die Hand nimmt.

Wie der Buchtitel schon verrät, gibt’s in dem Buch Geschichten zu lesen, insgesamt fünfzehn an der Zahl. Begleitend zu den Texten wird das Ganze durch vom Autor selbst liebevoll gestaltete Illustrationen aufgelockert. Für alle, die am Wahrheitsgehalt der Geschichten Zweifel hegen, gibt’s im Mittelteil des Buches noch ein paar Beweis-Fotos, die einige der haarsträubenden Erlebnisse belegen können. Wer dem Klappentext in Bezug auf die Angaben zur Person Marco Pogo nicht glauben will, kann dies gerne im Internet recherchieren. Denn Marco Pogo stand bisher neben seines Musikerdaseins auch noch als Arzt, Politiker und Bierbrauer in der Öffentlichkeit, so dass schon mal klar ist, dass er einiges zu erzählen hat. Da der Autor selbst vorgibt, eigentlich wenig bis keine Bücher zu lesen, gestaltete er sein eigenes Buch so lesefreundlich wie möglich. Die Geschichten eignen sich daher perfekt dazu, einzeln gelesen z.B. beim Toilettengang, beim Warten auf die Öffis oder aber auch in einem Rutsch komplett gelesen zu werden. Bei mir war’s zeitbedingt in zwei sehr kurzweiligen Etappen an zwei hintereinander folgenden Tagen.

Natürlich fließen einige Tour-Erlebnisse mit in die Texte ein, darunter vorwiegend lustiges, unterhaltsames und äußerst skurriles. Gut, dass diese Geschichten aufgeschrieben wurden, bevor sie in Vergessenheit geraten konnten, was aber angesichts der haarsträubenden Ereignisse höchst unwahrscheinlich wäre. Dass man als Punk gern mal provoziert, versteht sich ja von selbst. Dabei sollte man sich aber auch immer über die Konsequenzen im Klaren sein. Z.B. empfiehlt es sich nicht sonderlich, auf einer China-Tour mit ein paar warmen Hopfengetränken im Schädel und fehlenden Sprachkenntnissen, die auf einer Show anwesende mongolische Mafia mit aufgeschnappten Wörtern der chinesischen Sprache zu provozieren, deren Bedeutung einem nicht klar ist. Aber wir wissen ja, der Protagonist hat es zum Glück überlebt. Wie auch die abenteuerliche Busfahrt in Kambodscha, den unbewussten Genuß bewusstseinsbeeinträchtigender Kekse, eine Begegnung mit blutverschmierten Zombie-Russen, haufenweise knisternden Stromschläge übers Mikrofon oder dem Zusammentreffen eines in einem verratzten US-Punk-Club lebenden Drei-Finger-Joes. Wenn ihr darüber hinaus euch noch die von Lebensweisheit des Autors strotzenden Ratschläge zu Herzen nehmt und auch gern mal neuen Wiener Schmäh-Slang wie beispielsweise „Fett wie a Heisltschick“, postprandial, Hatzerl, Grantscherben oder Hundstrümmerl aneignen wollt, dann dürfte dieses Büchlein genau das Richtige für euch sein.

Ach ja, lustig auch die Anekdoten aus der Jugend auf dem Land, die erstmals mit Clubbing in der Landwirtschaftlichen Mehrzweckhalle und damit zwangsläufig auch mit Alkohol in Club-Getränken mit exquisiten Namen wie beispielsweise Ferrari, Klopfer oder Zuckergoschl in Berührung kommt. Ich kann mich an ähnliche Events meiner Jugend erinnern (Beach- oder Bad Taste-Parties), dabei wichen nur die seltsamen Getränkebezeichnungen ab. Kennt in diesem Zusammenhang eigentlich noch irgendjemand das ekelhafte Gesöff Korea? Halb Cola, halb Rotwein, Kater-Garantie vorprogrammiert, oftmals wurde man damit auch angespeibt? Klar, dass man sich, wenn man diesem Treiben der Mainstream-Jugend entfliehen will, ziemlich schnell in Punk-Kreisen und DIY-Gedanken wiederfindet. Obwohl ich mit der Musik Turbobiers nicht so richtig warm bin, hatte ich bei einem ihrer Konzerte doch eigentlich recht viel Spaß, was natürlich durch den Genuss einiger hopfiger Getränke unterstützt wurde. Und ebenso ging es mir mit der kurzweiligen Lektüre von Gschichtn, hier wird man bestens unterhalten.

Turbobier / Seifert Verlag


Bandsalat: Abraham, AUA, Sad Park, Frost & Frust, Overo, Zochor, Punch On!, Coma Regalia, Who Put Bella In The Witch Elm, long.way.down.

Abraham – „Débris de mondes perdus“ (Pelagic Records) [Stream]
Elf Jahre tummelt sich die Schweizer Band Abraham aus Lausanne in der heimischen und internationalen Szene. Und irgendwie liebt die Band wohl das Albumkonzept. Denn Débris de mondes perdus ist wohl die Fortführung des im Jahr 2018 erschienenen und 19 Songs umfassenden epischen und auf einem Konzept basierenden Monster-Albums Look, Here Comes The Dark! Und ja, diese acht Songs hier bringen es auf eine durchschnittliche Spielzeit von zwischen dreieinhalb und siebeneinhalb Minuten. Und sie knüpfen am Vorgänger-Album an. Klingt irgendwo klaustrophobisch zwischen dystopischer Apokalypse, psychadelischer Experimentierfreudigkeit und permanentem Angstzustand. Persönlich kann ich mir das nicht den lieben langen Tag anhören, aber in der richtigen Stimmung zur richtigen Zeit über gute Kopfhörer laut aufgedreht läuft das hier richtig geil und übel rein!


AUA – „“The Damaged Organ“ (Crazysane Records) [Stream]
Schon das Debutalbum hat mich in den Bann gezogen, jetzt steht das zweite Album des Duos an. Und ja, diese neun Songs schlagen in die gleiche Kerbe des Debuts. Spooky Electro-Sounds treffen auf sich einbrennende Keyboard-Melodien, die Vocals singen was melodisches drüber, dazu monotones Schlagzeug, zwischendurch female Vocals. Was hier so beschrieben ziemlich kalt klingt, strahlt doch sehr viel Wärme aus. Man muss es einfach hören, nach ein paar Durchläufen ist man automatisch angefixt. Klingt letztendlich wie eine Kollaboration aus deutschen Indie-Electronic Bands wie beispielsweise The Forest, Naomi, The Notwist, The Whitest Boy Alive und Bands/Acts wie Air, Röyksopp, Depeche Mode, Mew oder Caribou. Auf Vinyl sicher sehr sehr geil!


Sad Park – „It’s All Over“ (Lauren Records) [Stream]
Ohne Borderline Fuckup-Freund Alessandro wäre ich hierauf wahrscheinlich niemals gestoßen! Lest hier ein ausführliches und tolles Review dazu, hier ist eigentlich alles gesagt! Wahnsinns-Emo-Band, wirklich phänomenal! Ich schreib aber auch noch ein paar Zeilen: Sad Park kommen aus Kalifornien und streicheln Deine Seele mit sonnenverliebten Melodien, die an der Gänsehaut schaben! Klingt jetzt echt mal schleimig, dabei sind die drei Jungs aber ziemlich schräg und auch mal dissonant unterwegs. Trotzdem klingt alles extrem eingängig und poppig, die Jungs bewegen sich definitiv jenseits des Mainstream-Kosmos, könnten aber trotzdem einiges reißen, wenn das hier bekannter werden würde. Zwei EPs und ein Album ist vor It’s All Over erschienen, also habt ihr und ich eine Aufgabe, das zu checken! Stellt euch vor, die Misfits würden mit Weezer, den Pixies, Algernon Cadwallader, NOFX, den Get Up Kids und den Hard-Ons im Proberaum stehen und hätten noch jemanden dabei, der diese groovigen, aus dem Ärmel geschüttelten und melodischen Gitarren im Schlafen spielen kann. Und dann gibt’s noch eine Person, die diesen fluffigen Bass hüpfen lässt. Hört mal Nothing Ever! Hört mal I Should. Hört mal alle Songs am Stück! Göttlich! Verdammt, ich bin verliebt!


V.A. – „Frost und Frust“ (Uncle M) [Video]
Die Idee hinter diesem 22 Songs starken Tapesampler war, eine Symbiose aus noisigem Punk, Post-Hardcore und stilleren Pop- und Indie-Rapsongs einzugehen. Die darauf vertretenen Bands und Künstler reichen dabei von absolut unbekannt bis zu alten Szene-Hasen wie z.B. Nathan Gray, Blackout Problems, Van Holzen, Devil May Care, Lessoner oder Sperling (deren Schlagzeuger Josh ist übrigens für die Bandauswahl verantwortlich). Wer es gern schmalzig und poppig mag, wird hier einiges entdecken. Für mich interessant und bisher unbekannt waren Bands wie Kaak, The Intersphere und Flimmer, der Solosong von Heisskalt-Sänger Mathias Bloech läuft mir ebenso gut rein, wie das Zeugs von den oben erwähnten Szene-Hasen.


V.A. 4-Way-Split: Overo, Zochor, Punch On!, Coma Regalia – „Another Year In Hell“ (zilpzalp records u.a.) [Name Your Price Download]
Ein ziemlich cooles 4-Way-Split-Release mit massig DIY-Spirit! Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Middleman Records, Pundonor Records, LilacSky Records, Boslevan Records, zilpzalp records, Sad React Records, Scully Records und Shove erschienen. Overo (Houston, Texas) kommen mit zwei krachigeren und nach vorne gehenden Stücken um die Ecke. Mir gefällt die Band ja ganz gut, wenn sie zwischendurch diese zurückgenommeren Passagen einbaut, das vermisse ich hier ein bisschen, aber trotzdem geil! Dann sind drei Songs von Punch On! (Bristol) an der Reihe. Die Band kannte ich bisher nicht, geht so in Richtung Neo-Crust & Screamo. Scheppernd! Zochor (Nottingham) verblüffen dann mit coolem Emo/Post-Hardcore, leider nur zwei Songs. Hier sind Leute von Algae Bloom, What Price Wonderland und Plaids am Start, was man auch ganz gut hören kann. Behalte ich definitiv im Auge! Coma Regalia steuern dann zum Schluss noch drei Songs bei. Wie immer, sauber abgeliefert, hochemotional und mit purer Leidenschaft angereichert. Auch genial finde ich, dass alle Bands gleich roh , scheppernd und räudig klingen. High End-Studioaufnahmen machen noch lange kein geniales Release!


Who Put Bella In The Witch Elm & long.way.down. – „Split EP“ (Larry Records) [Name Your Price Download]
Oh yeah, hier bleibt mir erst mal die Spucke weg! Zwei neue Bands sind auf dieser Split-EP mit jeweils zwei Songs zu hören. Und beide Bands sind dermaßen geil, dass ich bereits nach neuem Zeug lechze! Wahnsinn! Zu Who Put Bella In The Witch Elm finden sich noch nicht allzuviel Informationen, zuvor wurde auf dem an dieser EP ebenfalls beteiligten US-Label Jean Scene Creamers eine 7inch mit dem Song Lullaby veröffentlicht. Die Band bewegt sich irgendwo zwischen Screamo und Post-Hardcore, geile Gitarren, gänsehauterzeugende Melodien und fettes Drum-Geballer. Dazu diese verzweifelt und heiser gescreamten Vocals, melodische und mehrstimmig gesungene Cleans ergänzen den Sound. Schön intensiv und emotive! Erinnert ein bisschen an das erste Zeugs von As Friends Rust und State Faults, ich könnte mich jedenfalls reinlegen! long.way.down. kommen aus Savannah, Georgia und haben zuvor schon ’ne geile 3-Song-EP veröffentlicht. Die Band schlägt musikalisch in die gleiche Kerbe. Fette und melodische Gitarren, kraftvoll gebolzte Drums und emotionales Verzweiflungs-Geschrei, was will man mehr. Natürlich alles stimmig zusammengepuzzelt. long.way.down. fügt dem Sound noch eine Schippe Dissonanz und Chaos zu. Ich bin begeistert!


LYGO – „Lygophobie“ (Kidnap Music)

Wer hätte gedacht, dass der Begriff Lygophobie nicht nur in Anlehnung an den Bandnamen ausgedacht ist? Diese Angststörung existiert tatsächlich. Unter Achluophobie oder eben auch Lygophobie versteht man die panische Angst vor Dunkelheit. Ha, witzig! Obwohl ich zum noch für Borderline Fuckup verfassten Review zur Debutscheibe Sturzflug das Internet nach der Bedeutung des Namens Lygo auf Teufel komm raus durchsucht habe und nicht fündig wurde, kommt nun nach all den Jahren die Erleuchtung! Sehr schön. Passend zum Albumtitel ist auch das ganze Albumartwork dunkel und zwielichtig gehalten und auch die wieder hervorragenden und intelligenten Texte suchen in der Dunkelheit nach dem rettenden Licht. Zwischen persönlichen Grübeleien und treffender Gesellschaftskritik darf auch ein guter Schuß Politik nicht fehlen. So geht intelligenter und emotionaler Deutschpunk anno 2021!

Seit der letzten Tour im September 2019 war es etwas still um die Jungs geworden, das Trio verkündete eine Pause auf unbestimmte Zeit und dann war da ja auch noch die Pandemie, die alles stillstehen ließ. Ursprünglich in Bonn beheimatet, wohnen alle Bandmitglieder mittlerweile in Köln und speziell Drummer Daniel nutzte seine Zeit für das Thema Musikproduktion. Sehr praktisch, denn mittlerweile können sich die Jungs im Proberaum selbst aufnehmen, so geht DIY! Und das haben sie dann auch gemacht, die zwölf Songs sind alle im Jahr 2020 im Proberaum entstanden und aufgenommen worden, ohne Zeitverzögerungen und ohne äußere Einflüsse. Und hört man sich das Album am Stück an, dann merkt man, dass die Jungs schön in Bewegung geblieben sind, denn wir wissen ja, dass Bewegung das beste Schmerzmittel ist!

Die Songs zünden alle auf Anhieb und reißen Dich mit ihrer Energie und den melodischen Momenten förmlich mit! Die satte und druckvolle Produktion darf an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden, wirklich ein hervorragender Job. Wer die bisherigen Releases der Band gut fand, wird Lygophobie ganz doll abfeiern! Vieles ist beim altbewährten geblieben, es gibt jedoch auch ein paar Neuerungen und Experimente wie z.B. ein Piano bei 13 Stunden Schlaf. Ist man von den Jungs hauptsächlich das Gaspedal gewohnt, drosseln Lygo auch mal das Tempo und es wird gesungen statt gebrüllt (Kommentarspalte). Wer die Band schon mal live gesehen hat, wird aber lieber die Hau-Drauf-Nummer bevorzugen, denn dafür ist die Musik von Lygo wie gemacht. Und gerade der Song Uwe, Erdgeschoss links wird auch live schonmal die Nackenhärchen aufstellen lassen, wenn das schon beim Lauf über die Anlage so doll gelingt! Jedenfalls ist die Band perfekt auf sich eingespielt, die Songarrangements sind spannend und stimmig gehalten, hier merkt man einfach den Kampfgeist und das Feuer, das in den Dreien brennt. Knapp 42 Minuten dauert der Zauber, der mich fast schon hibbelig durchs Wohnzimmer hüpfen lässt. Ja, die kleine Pause hat der Band hörbar gut getan, die Störche flattern wieder!

9/10

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