Bandsalat: Belka, Gli Altri, Hafensaengers, The History Of Colour TV, King Slender, Mira, The Smith Street Band, Time As A Color

Belka – „Ermitage“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese erste, zum Name Your Price Download bereitstehende EP der Hamburger Band Belka wird wohl im Laufe des Jahres auch noch auf Vinyl veröffentlicht. Ja, bitte doch! Denn was die vier Herren, die zuvor in Bands wie Reasonist, Snakes & Lions (bzw. jetzt Shakers), Moro und See More Glass mitwirkten da fabrizieren, hat sehr viel Potenzial. Die sieben Songs sind schön satt abgemischt, die Songstrukturen wirken ausgefeilt und abwechslungsreich und was das wichtigste ist: die Seele stimmt. Die Gitarren braten auf der einen Seite scharf nach vorn, auf der anderen Seite kommen immer wieder gewisse melancholischen Momente zur Geltung, was nicht zuletzt auch noch vom herzzerreißenden Geschrei  von Sänger Dominik und den ab und zu auftretenden Gangshouts untermalt wird. Zwischen mitreißendem Post-Hardcore und emotive Screamo fahren die Gitarren auch mal einen Gang zurück und klingen fast gar postrockig. Klar, die Vorbilder dürften mit Bands wie Touché Amore oder La Dispute schnell gefunden sein, aber hier stimmt einfach das Gefühl. Beim Song Forellenzucht zeigt das Quartett, dass der Sound auch mit deutschen Texten hervorragend klappt, überhaupt sind die persönlichen Texte alles andere als oberflächlich. Als Anspieltipps empfehle ich die Songs Needles und Tristan Da Cunha oder ganz einfach die ganze EP!


Gli Altri – „Prati, Ombre, Monoliti“ (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Diese fünf Herren kommen aus dem malerischen Städtchen Savona/Italien und machen ganz schön abgefahrene aber intensive Musik, die sich zwischen Emo, Post-Rock, Post-Hardcore und Screamo einpendelt. Gitarre & Bass + Schlagzeug, sehr geil produziert, dazu noch eindringlicher Gesang. Jetzt kommt etwas, für das ich mich absolut hasse. Ich liste im folgenden alle am Release beteiligten Labels auf, ohne dass ich sie verlinke, zudem ist dann nicht mehr viel Platz, um die geile Mucke der Italiener anzupreisen. Klickt auf Play, es lohnt sich! Also, hier mal die Labels:  Burning Bungalow, Lanterna Pirata, DreaminGorilla Records, Salterò Autoproduzioni, Scatti Vorticosi,  QSQDR, Smartz Records, Annoying Records, Taxi Driver Records, Vollmer Industries, É un Brutto Posto dove Vivere, CSA Next Emerson, Toten Schwan Records, Omoallumato Distro,  Messaggi/ERF, Strigide Records, Insonnia Lunare Records,  Greenfog Records,  Minoranza Autoproduzioni,  Screamore, Santavalvola Records, Brigante Records & Productions, Più Amici Meno Storie Records, Unbending Records,  Guglielmo Pendio Records,  Sound Town, Gustosissimo Records,  Bus Stop Press,  Mellow Club Distro, Wild Collective, Dingleberry Records , Ancient Injury Records, Rubaiyat Records,  Boripunk Asso,  Entes Anomicos, Désertion Records,  Ruffmo Records, The Screever Zine. Puh!


Hafensaengers – „Selftitled“ (DIY/Tunecore) [Video]
Als Nebenprojekt von Leuten der Bands Light Your Anchor und Coyotes wurde das gestartet, was nun den Namen Hafensaengers trägt. Auch wenn die Jungs in deutscher Sprache singen, erinnert der Sound an diesen Jahrtausendwenden-Hardcore mit Bands wie Grade oder alten Hot Water Music. Gefällt zumindest instrumental eigentlich ganz gut, allerdings ist der Gesang etwas zu sehr in den Vordergrund gemischt und an manchen Stellen klingt es, als ob ein paar Ableton-Effekte draufgeknallt wurden.


The History Of Colour TV – „Something Like Eternity“ (Cranes Records / Weird Books) [Stream]
Von manchen Bands erfährt man nur durch irgendwelche Promo-Anfragen, so auch im Falle dieses Trios aus Berlin, welches bereits seit 2010 existiert und schon zwei Alben und einige EP’s veröffentlicht hat, von denen ich bisher noch nix mitbekommen habe.  Diese elf Songs wurden irgendwann im Frühjahr 2016 mit Produzent Peter Deimel (Shellac, The Wedding Present) in Frankreich im legendären Black Box Recording Studio eingespielt und kaum ein Jahr später erscheinen die Songs sogar auf Vinyl in Form einer Doppel 12inch, die mir aber leider nur als Downloadbemusterung vorliegt. Denn der Sound der Berliner dürfte auf Vinyl seine ganze Schönheit entfalten. Zwischen gitarrenorientiertem Emocore, Post-Rock, Noise, Shoegaze, Indie und sogar etwas Drone bewegen sich die elf Stücke eher laid back, wissen aber durch entzückend gespielte Gitarren und dynamische Steigerung zu überzeugen. Dabei kommt den Songs zugute, dass sie live eingespielt wurden. In manchen Passagen kann man sich richtig verlieren, so eindringlich treten die Gitarren, das Schlagzeug, der etwas knarzende Bass und die weinerlich klingenden Vocals in Aktion. Da kommen dann so Bands wie Sunny Day Real Estate, The Close oder Pussybox in den Sinn, im Pressetext werden auch noch Radiohead und Sonic Youth als Vergleiche angeführt. Die Songs Broken Trip oder Wreck eignen sich perfekt, um vom Sound der Berliner angefixt zu werden, checkt das also an!


King Slender – „Selftitled“ (Parking Lot Records) [Name Your Price Download]
Bisherige bzw. aktuelle Mitglieder der Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen stecken hinter King Slender. Dass die Jungs schon reichlich an Banderfahrung gesammelt haben, kann man auf diesen ersten drei Songs zweifelsohne hören. Ihr bekommt jedenfalls genial treibenden Hardcore mit einer ordentlichen Portion Dreck und mit Versatzstücken von Emocore, Indie, Noise, Punk und Post-Hardcore auf die Ohren, dabei schreit sich der angepisste Sänger wütend in Ekstase. Daran könnten Menschen eine Freude haben, die Bands wie Comadre oder Battle Of Wolf 359 zu ihren Faves zählen. Ich steh jedenfalls drauf!


Mira – „Selftitled“ (mum says: be polite rec.) [Name Your Price Download]
Es ist noch gar nicht lange her, dass They Sleep We Live und Fljora das Zeitliche gesegnet haben. Dass die Auflösung beider Bands jeweils einen sehr großen Verlust darstellt, habe sicher nicht nur ich bemerkt. Nun, jeder Verlust, jedes Ableben, so traurig es auch für Angehörige oder Freunde sein mag, schafft auch neues Leben, das wiederum das Zeug dazu haben kann, uns zu glücklichen und ausgefüllten Menschen zu machen und das den Schmerz des Verlustes langsam verblassen lassen kann. Obwohl in den drei Songs auf diesem Release die melancholische und verzweifelte Seite mehr Tragweite zu haben scheint, zaubert die Musik und das ganze Drumherum neben der Gänsehaut auch ein befreiendes Lächeln ins Gesicht, hier stimmt einfach alles. Naja, außer vielleicht die kurze Spielzeit und der blöde Gesichtsausdruck, wenn man die 7inch aus dem Karton rausfischen will und ins Leere greift und dann „nur“ eine CD zum Vorschein kommt. Mogelpackung? Nee, mit Sicherheit nicht! Denn wenn man den von allen Seiten linolbedruckten dicken Karton aus der PVC-Hülle gefriemelt hat und im Inneren noch die Texte vorfindet, die ebenfalls gesiebdruckt und wie ein kleines Büchlein reingetackert sind, dann kriegt man schier den Mund nicht mehr zu. Und dann erst fällt eigentlich erst die CD ins Auge, die ebenfalls besiebdruckt ist und sich perfekt ins restliche Sternbild-Artwork integriert und auf eine Art Filzgleiter geploppt ist. Wie das Licht eines toten Sternbilds kitzelt Dich dann diese Musik an Stellen, an die sonst niemand ran darf. So fühlt sich 90’s Emo an, yeah! Roh, intensiv, zerbrechlich! Hier sind übrigens Leute der oben bereits erwähnten Bands am Start, zudem kennt man einige Bandmitglieder von Bands wie Manku Kapak und Ilill.


The Smith Street Band – „More Scared Of You Than You Are Of Me“ (Uncle M) [Stream]
Hach, wie ich mir doch den Sommer herbeisehne, wenn ich diese herzzerreißenden zwölf Songs des mittlerweile vierten Albums der australischen Punk/Emo/Indie-Band The Smith Street Band anhöre. Kraftvoller Gesang, der sich nicht darum schert, wenn mal nicht exakt der Ton getroffen wird, dazu Gitarren, die einerseits verträumte Melodien zum Besten geben und auf der anderen Seite aber trotzdem die Beinchen rhythmisch im Takt auf den Boden tröppeln lassen. Und dieser Bass, der unabhängig vom Rest der Band zu sein scheint und unerwartet stimmig dazu beiträgt, dass der Gesamtsound so rund klingt. Jack Shirley ist mal wieder für diese satte und lebendige Produktion verantwortlich. Geil auch, dass ab und zu Frauenchöre bzw. Frauenstimmen den nöligen Gesang des Sängers etwas aufpeppen. Hach, wie soll man diesen Sound zwischen Lebensfreude, Melancholie und Energie bloß beschreiben? Stellt euch vor, die Smashing Pumpkins (zur Siamese Dreaming-Phase) covern (ohne vorher Dope geraucht zu haben) Algernon Cadwallader-Songs und haben noch dazu diesen übriggebliebenen Typen von Nirvana (jetzt Foo Fighters) am Schlagzeug. Sehr schön!


Time As A Color – „X“ (Time As A Color) [Stream]
Gleich zwei Ereignisse werden mit diesem geilen Sampler gefeiert. Zum einen ist das der zehnjährige Geburtstag des Labels, zum anderen ist dieses Release die fünfzigste Veröffentlichung! Clap Your Hands And Say Yeah! Verbeugung und Gratulation! So geht DIY! Wenn ihr euch einen Überblick von den Bands machen wollt, die bisher auf time as a color veröffentlicht haben, dann ist dieses Release eine perfekte Gelegenheit dafür, wenn es auch unter den bisherigen 49 Veröffentlichungen etliches mehr zu entdecken gibt. Jedenfalls sind alle neun Songs bisher unveröffentlicht. Und das hier ist drauf: Carson Wells, Nebraska, Bail, Coma Regalia, Lorraine, Duct Hearts, Kumulus, Terraformer und ein live dargebotener Song von Grand Détour. Und wahrscheinlich ist es für euch knauserigen Geizhälse sicher eine Freude, den Big Anniversary Sale des Labels zu nutzen und ein paar Schmankerl zu erhaschen. Schlagt zu und unterstützt lieber kleine Herzblut-Labels wie time as a color bevor ihr beim Shit-Record-Store-Day für irgendwelche billig und lieblos produzierte Grütze Unsummen an Kohle rausschleudert. In diesem Sinne, Happy Birthday!


 

Nametaker – „Team Up“ (Backbite Records)

Ob es sich bei Nametaker um alteingesessene, waschechte Stuttgarter Szenehasen handelt, oder ob die Jungs sogenannte „Reigschmeckte“ (so sagen die Schwaben liebevoll zu zugezogenen Menschen) sind,  hab ich jetzt nicht so richtig rausfinden können. Denn obwohl das Gründungsjahr mit 2013 angegeben ist und auch bereits eine 6-Song Demo mit einigermaßen hinnehmbarer  Soundquali veröffentlicht wurde, findet man recht wenig über die Band im Netz. Meine Vermutung geht aber dahin, dass hier ein paar ältere Semester am Start sind, die evtl. auch schon die Hochzeit von Stuttgarter Helden wie Sidekick erlebt haben könnten, was ich v.a. auf das schön oldschoolige Hardcore-Punk-Geknatter zurückführe. Jedenfalls klingen die Aufnahmen so, als ob auch schon in anderen Bands Erfahrungen gesammelt wurden. Zumindest entnehme ich dem Anschreiben der Band, dass der Basser parallel auch noch bei Minutes From Memory mitwirkt. Zwar lässt sich das Alter der Bandmitglieder nicht so deutlich schätzen, aber dem Bild im Textblatt zufolge sind die Typen sicher schon jenseits der 30er angekommen.

Was zuerst positiv ins Auge sticht, ist das mit einem hübschen Artwork auf Naturkarton gedruckte Albumcover, das der detailverliebten Feder des rumänischen Tätowieres Mate Orange entsprungen ist. Schön auch, dass ein Textblatt beiliegt, allerdings vermisse ich einen Download-Code, was aber nach dem Aufsetzen der Nadel und den ersten Paukenschlängen gleich wieder vergessen ist. Denn Nametaker bestechen von der ersten Sekunde an mit einem bombastisch druckvollen, satten und groovigen Sound mit knödelndem Bass, bei welchem man sich ziemlich genau ausmalen kann, wie eine Live-Show der Jungs wohl aussehen mag: nämlich wild und ungestüm, da wird es selbst den bewegungsfaulsten Menschen schwer fallen, nicht anerkennend rhythmisch mit dem Kopf zu nicken oder gar mit den Beinchen mitzuwippen. Und der harte Kern wird natürlich fäustereckend durch den Moshpit stampfen und bei den zahlreichen Gangshout-Passagen versuchen, sich beim wollknäuelartigen Kampf ums Mikro nicht die Zähne in selbiges zu rammen. Was auch geil kommt, ist die im Kontrast zu den bratenden Gitarren stehende melodische zweite Gitarre, wie man sie z.B. beim Song Brother zu hören bekommt.

Wie bereits erwähnt erinnert der Sound insgesamt etwas an die Stuttgarter Bands Sidekick und Empowerment oder an neueren Stuttgarter Shit wie z.B. Minus Youth , was vielleicht auch daran liegen könnte, dass Nametaker ebenfalls im Hard Drive Sounds Studio aufgenommen haben und zudem Leute von eben Minus Youth, Lion City und No End In Sight Guest Vocals beisteuern. Stu York Hardcore ist auf der Facebook-Seite der Jungs zu lesen und genau genommen lassen sich hier verdammt viele Parallelen zu dem New York Hardcore-Zeugs aus den 90ern erkennen, Madball, Sick Of It All, Life Of Agony, Biohazard oder Merauder haben im Sound der Stuttgarter deutliche Spuren hinterlassen. Und ebenso wie Empowerment oder Sidekick positionieren sich die Stuttgarter deutlich politisch, was ja heutzutage unglücklicherweise nicht mehr ganz so populär zu sein scheint. Zudem ist der Band das Thema Tierrecht ein großes Anliegen, so ist z.B. der Song Relentless der Tierschutzorganisation Sea Shepherd gewidmet. Die insgesamt 10 Songs beinhalten auch übrigens nochmals 4 Songs der Demo, die aber neu eingespielt wurden und mit neuem Drummer und mit dieser satten Produktion deutlich druckvoller und natürlich technisch besser umgesetzt klingen. Der Plattentitel Team Up ist laut Aussage der Band ein Statement gegen Rechts und ein Plädoyer für den Zusammenhalt verschiedener Subkulturen, um gemeinsam Widerstand zu leisten.

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Please Wait – „Look Around, See Inside“ (Dingleberry u.a)

Neulich entdeckte ich beim Bandcampsurfen über die oftmals angesteuerte La Agonía de Vivir-Bandcamp-Seite die katalanische Band Please Wait. Nach den ersten zwei Songs setzte ich direkt ein Lesezeichen, da ich über dieses Release unbedingt etwas schreiben wollte. Und ein paar Tage später finde ich doch tatsächlich diese tolle 12inch  im Dingleberry Records-Paket. Wie abgefahren ist das denn? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, oder? Hach, ich wiederhole mich, aber das hier ist schon wieder passiert.

Nun denn, rein optisch sieht die 12inch richtig schön aus, gerade auch wegen der farblichen Wärme. Das Cover hat ein ausgestanztes Fenster, durch das man die Frontseite des Textblatts bewundern kann. Look Around, See Inside! Sehr schöne Idee. Packt man das Scheibchen aus, dann freut man sich an den Tränen weinenden A-und B-Labels, zudem lässt das clear Vinyl mit den pinken Sprengseln das Herz höher schlagen. Kleine Recherche im Netz, bevor die Musik ans Ohr dringt: Please Wait gründeten sich vor ca. sechs Jahren. Die  Bandmitglieder kannten sich von der Schule. Das muss man sich mal reinziehen, da waren die Jungs gerade mal im zarten Alter von 12-13 Jahren. Und zwei Jahre nach Bandgründung wurde auch schon eine erste EP veröffentlicht. Vier Jahre später (nach dem Stimmbruch, hehe) folgt also mit Look Around, See Inside das erste Full-Length.

Und sobald die Plattennadel das Vinyl berührt, setzt auch schon die Gänsehaut ein, denn Please Wait spielen sehr emotionalen Emocore/Midwestemo, der auch locker aus der Jahrtausendwende herum stammen könnte. Unglaublich, diese jungen Typen haben’s wirklich drauf. Lifetime, Appleseed Cast, Coach Potatoes, Audio Karate. Der Sänger hat wirklich eine ähnliche Stimme wie der Typ von Audio Karate, an manchen Stellen wird der Sound dann auch mal härter und klingt nach Bands wie Kid Dynamite oder Blue Skies Burning. Und dann sind da noch Bands am Start, deren Namen mir absolut nicht einfallen wollen, aber die eigentlich auch gar nichts zur Sache tun, denn Please Wait überzeugen mit den insgesamt acht Songs auf ganzer Linie. Klar, das Rad wird nicht neu erfunden, aber die vorgetragene Musik strotzt vor Herzblut und Intensität. Auch die Texte passen hervorragend, dort werden sehr persönliche Themen behandelt, die Verletzlichkeit und die Melancholie tropft aus allen Rillen. Das Rundum-Paket gefällt mir auch deshalb so gut, weil jedem Instrument sehr viel Platz eingeräumt wird. Die Gitarren kommen total gefühlvoll und verspielt daher und der knödelnde und gegenspielende Bass ist die Wucht, ergänzt und untermalt zugleich. Dazu gesellt sich ein Schlagzeuger der sich in Trance spielt. Und über allem dieser melancholische Gesang, der die Nackenhärchen aufstellen lässt. Das Trio kommt übrigens von der Costa Brava, genauer gesagt aus dem beschaulichen Städtchen Sant Feliu de Guíxols. Und so, wie auf den gegoogelten Landschaftsbildern rund um Sant Feliu de Guíxols die Sonne scheint, so wird mir beim Lauschen dieser Scheibe ganz warm ums Herz. Ach so, die beteiligten Labels fehlen noch: Dingleberry Records, Caleiah, Tief In Marcellos Schuld, Saltamarges, Hang The DJ, Krimskramz und La Agonia De Vivir.

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Fanzine-Review: Provinzpostille Ausgabe #4 März 2017

In dieser Ausgabe der Provinzpostille steckt im wahrsten Sinne des Wortes doppelt so viel Arbeit und Herzblut drin, als eh schon üblich. Denn kurz bevor die mühsam zusammengebastelte Datei in den Druck gehen sollte, schmierte die Festplatte von Fanzinemacher Felix ab, ohne dass es eine Sicherungsdatei gab. Wie es zu dem traumatischen Erlebnis kam und welche Probleme zu bewältigen waren, wird in einer sehr amüsant zu lesenden Schöpfungsgeschichte geschildert. Ha, dass Altpunks im Umgang mit der modernen Technik etwas schusselig und nachlässig sind, zeigt dann zusätzlich noch das tolle Interview mit lypurá, bei welchem es ebenfalls eine technische Panne bei der Aufzeichnung gab. Dieser Fauxpas  wurde aber von den neuemediengewandten lypurá souverän und menschlich einwandfrei behoben. Nun, Felix ist mir selbst sehr sympathisch, ich erkenne meine zwei linken Hände in Bezug auf Technik und moderne Medien zu hundert Prozent wieder. Chaostage hatten doch ursprünglich eine andere Bedeutung? Harr harr. Genug der Schadenfreude, ab morgen mach ich Sicherung, ich schwör! Bei der kurzweiligen Lektüre fiel mir dazu auf, dass mir auch die persönlichen Texte von Felix inhaltlich absolut aus der Seele sprechen. Die Bemühungen, vor den Kindern keine Schimpfworter zu gebrauchen, selbst wenn man sich mit dem Hammer den Daumen zerschmettert oder die Ansicht zum Thema Burnout sind nur zwei Dinge von vielen, die ich eigentlich blind unterschreiben kann.

Die bisherigen Ausgaben hatten ja alle ein Thema, u.a. wurden bisher die Bereiche Grauzone, Realität und Heute behandelt, in der aktuellen Ausgabe wird ausführlich über das „Jetzt“ sinniert. Interviewt werden übrigens neben den bereits erwähnten lypurá (<3) noch ’ne Menge interessante Bands, u.a. Minutes From Memory, Kuballa, Ein Gutes Pferd oder Schelm, um einige zu nennen. Sogar nostalgisch wird es dann im Interview mit der Schneller Autos Organisation, so dass ich mir vorstellen könnte, dass die längst aufgelöste Band aufgrund dieses Interviews noch ein paar ihrer Restbestände an Altfans und vielleicht sogar an durch das Interview interessierte neue Leute verticken werden. Auf zum Frühjahrsputz, Entrümpelung für einen guten Zweck!

Und auch sonst gibt es einiges im handlichen DIN A5-Querformat-Zine zu entdecken. Ein analoges Comic von Helmut Cool z.B. und zu meiner Ehre und Freude durfte sogar ich meinen Senf zu dieser Ausgabe beisteuern (Tausend Dank dafür), auch wenn der dargebotene Text äußerst peinliche Details über den Wahnsinn des Erwachsenwerdens enthüllt. Ehrlich gesagt ist dieser Text eigentlich das einzige Ding, das euch von der Bestellung des Zines abhalten sollte, haha. Apropos verplante Altpunks: Felix fragte nach einem Werbe-Banner. Jetzt gibt es Crossed Letters echt schon zwei Jahre lang und ich Schluffi hab noch nie Werbung für den Scheiß gemacht. Blöd eigentlich. Dabei könnte man ja auch mal ein Logo entwerfen und Flyers drucken, so wie früher. Gute Idee, das nehm ich mir gleich morgen nach der Backup-Sicherungsgeschichte vor. Nun, nicht nur unter uns Machern gibt es Schlafkappen, auch ihr Konsumenten seid aufgrund eurer Trägheit manchmal im Nachteil. Wer es z.B. versäumt hat, das Ding rechtzeitig zu bestellen, um noch einen der streng limitierten Tapesampler zu ergattern, bekommt als Trost einen Downloadcode geliefert, damit der Sampler wenigstens digital gehört werden kann und man so auch ein musikalisches Bild von den interviewten Bands vor Augen hat. Aber eigentlich braucht man den Downloadcode gar nicht, weil sich das Teil (wahrscheinlich aufgrund der technischen Unkenntnis von Felix) sowieso für lau runterladen lässt. Geile Sache! Jedenfalls zeigt auch diese Ausgabe wieder, dass man selbst in der tiefsten Provinz etwas auf die Beine stellen kann, das bundesweit in bestimmten Szenekreisen Beachtung bekommen sollte.

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Bandsalat: Admiral Phantom, Fox Wound, Insula, Perish Song, Repetitor, Slow Mass, Tano!, Trees

Admiral Phantom – „Shelter Dog“ (DIY) [Name Your Price Download]
Je umfangreicher der Lesezeichen-Ordner im Browser, umso unübersichtlicher der Inhalt. Scheiße, wie bin ich auf diese Band wohl wieder gestoßen? Eine Anfrage war es jedenfalls nicht. Direkt von den Gitarren und vom Schlagzeug des Openers It’s Dangerous To Go Alone angefixt, ist man jedenfalls bis zum Platzen gespannt, was da jetzt im Verlauf des Albums alles folgen wird. Und spätestens, wenn der Gesang einsetzt, bekommt man dieses Leuchten in den Augen. Admiral Phantom kommen aus Cleveland und bisher wurde eine EP in etwas schlechter Soundqualität veröffentlicht. Okay, im Verlauf der neun Songs merkt man zwar auch den ein oder anderen Spielfehler, aber das stört überhaupt nicht. Denn Admiral Phantom vereinen gekonnt emotive Screamo, Post-Hardcore,  Emocore und Punk zu einem Soundgemisch, das frisch und lebendig klingt. Children Of Fall treffen auf Merchant Ships oder so.


Fox Wound – „In Passing, You Too Faded“ (625846 Records DK) [Stream]
Nach zwei EP’s legt die Band aus Atlanta/Georgia ein Debut-Album vor, das unglaublich intensiv und einlullend daherkommt und Dich auf eine sagenhafte 34-minütige Reise mitnimmt. Die Gitarren schwirren Dir dabei nur so um die Ohren, die Crashbecken scheinen von weiter Ferne zu rauschen, Du driftest ab in träumerische Klangwelten, bevor ungeheuer dichte Screamo-Passagen an Dein Ohr dringen, die Dich mit rausgebrülltem und leidendem Schrei-Gesang  aus dieser geheimnisumwobenen und mit bunten Luftblasen gefüllten Traumwelt hochschrecken lassen. Fox Wound schaffen es gekonnt, melancholischen Emocore mit Shoegaze-Einflüssen, Post-Hardcore, Indie und Screamo zu einem extrem spannenden Sounderlebnis zu machen.  Die Intensität wird durch die teilweise länger andauernden Instrumental-Passagen noch weiter gesteigert, zudem handeln die Texte vom Umgang mit Verlust und Trauer. Ein Wahnsinnsalbum, hört da unbedingt rein, es wird euch warm ums Herz werden!


Insula – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zum Albumcover hab ich absolut keine Idee, echt nicht. Ich find das sogar irgendwie scheiße. Das kennt man ja: man hat fünf Songs aufgenommen und will die unbedingt unters Volk bringen. Leider fehlt ein Coverartwork. Deshalb nimmt man das nächstbeste Foto auf dem Rechner, auf welchem keine Gesichter und kein Autokennzeichen zu sehen ist. Passt doch irgendwie, also schnell mal hochladen. Gut, wenn trotz Gurken-Cover die Musik akzeptabel ist. Denn Insula macht ’ne Mucke, die mir ganz gut reinläuft. Verspielte, teils clean gespielt und teils runtergestimmte Matsch-Gitarren, Vocal-Samples, chaotische Drums, pulsierendes Geschrei und nette Rückkopplungs/Übersteuerungs-Geräusche machen diese fünf Songs zu einem kurzweiligen Gebräu aus Hardcore, Punk, emotive Skramz, Emopunk und Post-Hardcore.


Perish Song – „Where Nothing Is Born And Nothing Dies“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Perish Song handelt es sich um eine neue zwei-Mann-Band, bei der Jason Springer von Wherebirdsmeettodie mitwirkt. Geboten wird intensiver emotive Screamo, der mit wunderschöner Gitarrenarbeit für den ein oder anderen Brustklopfer sorgt. Insgesamt drei Songs in knapp sieben Minuten machen unweigerlich Appetit auf mehr. Irgendwo zwischen der Melancholie von Bands wie den frühen Appleseed Cast, den twinkle-Gitarren von Algernon Cadwallader und der Intensität von Bands wie den frühen Touché Amore, dabei bleibt alles in so einer gewissen Mid90’s Emocore-Stimmung. Zippt euch diese drei Songs mal schnell auf die Festplatte, ihr werdet sie lieben!


Repetitor – „Gde ćeš“ (Moonlee Records) [Name Your Price Download]
Mit Stoner-Rock kann ich ja absolut gar nix anfangen, keine Ahnung, warum ich trotzdem auf den Play-Button bei Bandcamp gedrückt habe. Aber, ich kann euch Stoner-abgeneigten Menschen auch sofort Entwarnung geben. Klar, es gibt Stoner-Gitarren, aber eigentlich überwiegt hier Noise und Dissonanz. Und obendrein gibt es eine Sprache auf die Ohren, die man gar nicht so gewohnt ist. Denn Repetitor kommen aus Belgrad/Serbien und singen in der Landessprache. Zwischen Post-Punk mit fetten Slap-Bässen und runtergestimmten Gitarren erinnert zumindest der Gitarrensound an Bands wie Sonic Youth, Drive Like Jehu oder Dead Kennedys. Und zwischendurch gibt es auch mal Songs, die eure Nerven strapazieren.


Slow Mass – „Treasure Pains“ (Landland Is Not A Record Label) [Stream]
Das Coverartwork war es mal wieder, was mich bei Bandcamp auf die Play-Taste drücken ließ. Slow Mass kommen aus Chicago und das hier ist die Debut-EP der Band. Und wow, Treasure Pains hat sechs Songs im Gepäck, die mich absolut fesseln können. Die Gitarren schrammeln, das Schlagzeug klingt dreckig und der Bass vibriert gewaltig, genial auch die abwechselnd weiblichen und männlichen Vocals. Post-Hardcore, Emo, Indie, Grunge, Punk, Pop und Noise, von Melodie bis Dissonanz ist alles enthalten. Das dürfte euch gefallen, hört da unbedingt rein!  Dark Dark Energy  kommt auf’s nächste Mixtape!


Tano! – „Selftitled“ (Krimskramz u.a.) [Name Your Price Download]
Unglaublich, mit welcher Wucht dieses Duo aus Girona/Spanien auf seinem Debut nach vorne prescht. Bei Tano! handelt es sich um das neue Baby von Oskar Garcia, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der Band Hurricäde und Víctor Álvarez, welchen man als Bassisten und Sänger der Band Anchord kennt. Die zehn Songs werden in katalanischer Sprache vorgetragen und besitzen so unglaublich viel Power, dass man kaum still sitzen kann. Stop’N’Go-Hardcore, Noise, Screamo, Emoviolence, Post-Hardcore und Math-Core verschmelzen zu einem derart dichten Soundgebräu, welches Dir bereits beim passiv hören den Schweiß auf die Stirn treibt. Ob die zwei Typen sich live bei diesem dichten und satten Sound noch jemanden dazuholen müssen, ist gar nicht mal so sicher, wenn man nur mal das kurze Live-Video auf der Facebook-Seite betrachtet.  Krasse Live-Action! Refused treffen auf The Locust, Hurricäde verbünden sich mit Drive Like Jehu und bleiben dabei aber so düster und bedrohend wie Converge oder Botch. Ein monströses Wahnsinnsalbum! Erscheint neben Krimskramz noch auf den DIY-Labels La Agonia De Vivir und Saltamarges.


Trees – „Selftitled“ (midsummer records) [Name Your Price Download]
Das Albumcover würde als Siebdruck auf ’nem braunen Naturkarton sicher sehr schön rauskommen, zumindest hat mich das Artwork so angesprochen, dass ich den Play-Button auf der Bandcamp-Seite gierig betätigte. Und siehe da, die Musik kann vom ersten Ton an überzeugen und reißt mich direkt mit. Zwischen Post-Hardcore, etwas Ambient, Emo und Post-Rock klingt das hier nach ziemlich ausgeklügeltem Jahrtausendwendenposthardcore. Das erinnert dann an Bands wie Thursday oder Thrice auf der US-Seite oder an Sachen wie Three Minute Poetry, Lockjaw, Treadmill oder  Ambrose auf der deutschen Seite. Warum diese ollen deutschen Emocore-Bands als Vergleich herhalten müssen? Nun, Trees kommen erstens auch aus Deutschland, genauer gesagt aus Saarbrücken und zweitens hätten sie in die damalige Szene mit diesen genannten Bands hervorragend reingepasst. Die sechs Songs gefallen jedenfalls außerordentlich gut und nachdem die Band das Release für lau auf die Bandcamp-Seite gestellt hat, ist die EP mittlerweile auch digital über midsummer records erhältlich. Wobei das auch wieder wie die Faust auf’s Auge passt, denn da gibt’s mit City Light Thief, A Saving Whisper oder This April Scenery ähnlich gestrickte Bands in der Nachbarschaft.


 

Doppel-Review: Alter Egon! & Das Neue Nichts

Alter Egon! – „Stahlbeton EP“ (Twisted Chords)
Wenn man selbst in den 80ern groß geworden ist und die gruseligen Fotos vergangener Tage in gut abgeschlossenen Kisten im dunklen Keller aufbewahrt (der dazu noch doppelt abgeschlossen ist), dann fragt man sich schon, warum Jahre später Bands dieses trostlose Leben zwischen Pershing, Kohl und Kaltem Krieg  fast gar nostalgisch wieder aufgreifen. Wahrscheinlich liegt das an der momentanen Untergangsstimmung, die der Hölle in den 80ern nochmals ’ne Schippe draufsetzt. Boah, wir dachten damals im zarten Alter von zwölf, dass wir alle ziemlich bald den bitteren Atomtod sterben müssten. Mit wehenden Fahnen dem Untergang entgegen! Naja…Ronald Reagan ist mittlerweile Geschichte. Kommt sicher nichts schlimmeres nach, man lernt doch aus der Vergangenheit. Und ich glaube fest und innig daran, dass die NATO bald Geschichte ist und die dadurch gesparte Kohle sinnvoll verprasst werden kann! NATO-Abwrackprämie für das Volk! Yeah, ich bin dafür! Nun, die NDW bekam ich erst mit, als sie eigentlich schon wieder im Sterben lag. Mein Bruder nahm mich kleinen Stöpsel damals auf Konzerte von Ideal (1982?), Spliff, Trio und zum Schluss dann Nena mit, die Fehlfarben schafften es leider nie in die Nähe von Ravensburg, Peter Hein wäre zu dieser Zeit eh nicht mehr dabei gewesen. Wie dem auch sei, vom jetzigen Zeitpunkt aus betrachtet ist mir das, was nach der ersten Welle als NDW verkauft wurde, irgendwie sehr suspekt. Oh mein Gott, jetzt hör ich mich schon an wie einer dieser C-Promis, die im Nostalgie-Modus auf RTL irgendwie verlauten lassen, dass sie beim Song Major Tom von Peter Schilling das erste Mal ins neongelbe Netzhemd ejakuliert haben und dieses verwichste Netzhemd dann einen ganzen Sommer lang ohne zu waschen getragen haben, so dass die Haut durch Ozon-Sonnenstrahleinwirkung ein schlangenhautartiges Muster annahm. Brrrr, die Achtziger waren so kalt, selbst im Sommer. Die gleichen Typen behaupten dann in der Show, die eine Woche später gesendet wird, dass sie derbe Nieten-Punks waren, die sich Sicherheitsnadeln durch die Augäpfel oder noch unwichtigere Körperteile stachen. Naja, auch wenn Nena und Trio auf jedem NDW-Sampler vertreten sind, gehörten die genauso wenig zur eigentlichen NDW, wie diese doofen C-Promis. Das war eher Mainstream-Mucke. Und jetzt kommt aber das spannende: denn eines Tages gab es noch diese Bands, die sich parallel zu Ideal und Fehlfarben gründeten und die dazu auch noch schrammelige Punk-Gitarren in ihren Sound einbauten. Canalterror, Chaos Z, Hans-A-Plast und wie sie alle heißen.  Womit wir endlich bei Alter Egon! angekommen wären. Denn diese schaffen es gekonnt, zwischen der NDW der ersten Stunde und frühem Deutschpunk irre rumzuzappeln. Was mir am Sound der Ravensburger Punks gefällt, ist diese unbeschwerte rohe Energie, das permanente Schrammeln, die etwas dünne Aufnahme, das nervös und piepsig überschlagende Gören-Geschrei der Sängerin, zudem rockt das Foto auf dem Cover. So einen Roller hatte ich auch mal, leider brach er in der Mitte durch, als ich damit eine Baugrube runterraste, in der heute ein grau gemauertes Hochhaus steht.  Als Anspieltipp empfehle ich mal den Song Stahlbeton, da gefällt mir die Bassline ganz gut. Und das Musikvideo zum Song ist eigentlich jetzt schon ein Klassiker, schaut ruhig mal rein und bleibt bis zum göttlichen Abspann dran.

Bandcamp / Twisted Chords


Das Neue Nichts – „Die Hölle ist unter uns“ (schalltraeger recordings)
In meiner Kindheit gab es nix Langweiligeres, als von den Eltern zum sonntäglichen Schaufensterbummel in die Fußgängerzone der heimischen Kleinstadt geschleift zu werden, in welcher sich noch nicht mal zehn Geschäfte angesiedelt hatten. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie grauenvoll diese Schaufenster damals gestaltet waren, schließlich sind die Achtziger nicht umsonst eine Art Grauzone, wenn es um Geschmack und Stilsicherheit geht. Manchmal findet man diese Art Gestaltung heutzutage vereinzelt noch in ganz ländlichen Gegenden: graue, engmaschige Vorhänge, seitlich in ekligem grün oder orange ein weiterer Vorhang, irgendwo noch eine Orchidee und fertig ist das wunderschöne Ambiente, da glänzen die ausgestellten Produkte umso schillernder. Ja, in den Achtzigern war die Globalisierung  weit entfernt, da erfreute man sich noch an Kleinigkeiten, die man heutzutage mit Langeweile, Leere oder dem absoluten Nichts gleichsetzt. Wer hätte damals gedacht, dass die Entwicklung unseres Weltgeschehens schon 35 Jahre später die Spekulationen verschiedener Science Fiction-Romane der Achtziger weit überschritten hat?  Alles ist in dieser sterilen Zeit auf Fortschritt und Leistung getrimmt, da tut es gut, hin und wieder auf echte Menschen zu treffen, die noch nicht glattgebügelt die immer gleichen Phrasen von sich geben (z.B. Von nichts kommt nichts) und sich zudem Entschleunigung und Rückschritt auf den Leib geschrieben haben.  Jetzt kommt endlich mal die Kurve zur Ravensburger Band Das Neue Nichts, die sich aus Leuten zusammensetzt, die alle schon irgendwie musikalisch und künstlerisch positiv in Erscheinung getreten sind. Hoffmann, Harder, Hartmann. Erinnert sich jemand an Tikitaka (absoluter Lieblingssong: The Sinner)? Und hat irgendwer noch Blindspot A.D. (grunz, knüppel) auf dem Schirm? IRA?  Na dann habt ihr den Intro und Spex-Lesern was voraus. Denn die werden bald erfahren, dass der heiße Post-Punk-Scheiß nicht nur in Metropolen wie Stuttgart, sondern auch in schwäbischen Kleinstädten wie z.B. Ravensburg vor sich hin dampft. Denn: Die Hölle ist unter uns, die Hölle kann nicht lokalisiert werden. Deshalb gründen Leute einfach ein eigenes Digital-Label namens schalltraeger recordings. Und dass die Hölle unter uns ist, wirst Du spätestens nach dem ersten Hörgenuss des Debutalbums des Trios erkennen. Beim primären Durchlauf hat man dann schon irgendwie diese karg geschmückten Schaufenster im Hinterkopf, da der Sound auf den ersten Blick wirklich sehr reduziert klingt. Aber schon nach ein paar weiteren Runden lohnt es sich, hartnäckig am Ball geblieben zu sein. Denn nachdem man fasziniert von den Texten Notiz genommen hat, merkt man, dass sich die Songs trotz der düsteren Ausstrahlung allmählich im Gehörgang einnisten. Sänger Toby Hoffmann kennt man nämlich nicht nur als Kaffeemensch aus dem Ravensburger Balthes, Toby wird auch in der europäischen Poetry Slam-Szene sehr geschätzt, weil er diese in den letzten zwanzig Jahren entscheidend geprägt hat. Die phrasenhaft vorgertagenen deutschen Texte hören sich jedenfalls zusammen mit den harten E-Beats sehr psychotisch an, da hat man dann Bands wie die Einstürzenden Neubauten, The Young Gods, neuere Goldene Zitronen oder DAF im Ohr, auf der anderen Seite kommen aber auch Elektronikspielereien vor, die an Bands wie The Notwist erinnern.  Deshalb sei Dir gesagt: zappe nicht weg, denn die acht Songs entwickeln erst nach mehrmaligem Hörgenuss ihre ganze Kälte.  Am besten gefällt mir der Sound der Ravensburger, wenn es wie bei Wir haben es uns in einer dunklen Ecke schön gemacht ein wenig harmonischer wird oder sich der reine Irrsinn des Songs 99 Plagen ins Gehör hämmert und man nachts anstelle einschlafen zu können immer wieder diese Zeilen in Dauerschleife im Ohr hat. Und auch hier eine Video-Empfehlung: 99 Plagen.

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Lingua Nada & Paan – „Split 12inch“ (lala Schallplatten/Kapitän)

Wie geil es sich doch immer wieder anfühlt, frisch produziertes Vinyl im Hausflur vorzufinden! Und dabei hätte ich nicht dran geglaubt, dass es mit einem physischen Vinylexemplar überhaupt noch klappen würde, da ich ziemlich spät auf die Promo-Anfrage von Fleet Union antwortete. Offenbar hatte ich den richtigen Riecher, denn die Scheibe fand wohl wenige Tage nach meiner Willensbekundung den Weg zu mir, und zwar in der grau-blau marmorierten  Vinyl-Version. Direkt und fast noch warm aus dem Presswerk mit kurzem Zwischenstopp bei Fleet Union, bei wechem Benjamin noch kurz einen Viel-Spaß-Post-It auf die Stirn der büstenartigen Person auf dem Albumcover geklebt hat (der pappt jetzt am Textblatt, so schöne persönliche Schnipsel bewahre ich natürlich auf). Ach ja, bevor ihr verwirrt seid und euch fragt, welche büstenartige Person denn wohl gemeint ist, könnte das daran liegen, dass ihr ein anderes Coverartwork vor dem Auge habt, denn die zwei am Release beteiligten Labels lala Schallplatten und Kapitän Platte bieten jeweils ein alternatives Cover für die Split an. Wenn ich mich nicht täusche, dann zeigt die beiliegende Postkarte das Cover der anderen 12inch an. Ha, lustig wäre natürlich auch gewesen, wenn beide Bands jeweils ein ganzes Album aufgenommen hätten und es auch musikalisch auf zwei alternative Split-Versionen aufgeteilt hätten. Vielleicht beim nächsten Mal? Verrückt genug scheinen mir beide Bands zumindest zu sein. Sowohl Paan als auch Lingua Nada kommen aus Leipzig, allerdings klingt die Musik der beiden Kapellen alles andere als ähnlich, gemeinsam ist nur der Punk-Background und die Vorliebe beider Bands für abgedrehte Musikvideos, so dass man hier ohne rot zu werden von Leipziger Allerlei sprechen kann.

Eröffnen dürfen Lingua Nada, die ich bisher so gar nicht auf dem Schirm hatte. Beim ersten Durchlauf der fünf Songs musste ich erstmal prüfen, ob vielleicht mal wieder irgendein Kind an den Equalizer-Knöpfchen der Anlage rumgedreht hat. Fehlanzeige, der Sound gehört wohl so. Teilweise total übersteuert, beängstigend psychedelisch, als ob man am Rechner sitzt, einen Song startet und im Hintergrund irgendwo ein Fenster aufgeht, in welchem ebenfalls unbemerkt Musik gestreamt wird. Und im nächsten Moment packen Dich enorm geile Shoegaze-Parts wie z.B. im Song Franca am Schlawittchen. Die Leipziger passen eigentlich in keine Schublade, obwohl sie sich natürlich gnadenlos aus allen Genres bedienen: Post-Rock, Shoegaze, Math-Rock, irrwitzigem Elektro á la Lafftrak, Indie, Garage-Rock, Noise, Techno, Prog-Rock und Emo. Und was sich anfangs beim ersten Durchlauf etwas gewöhnungsbedürftig anhört, entwickelt bereits nach dem dritten Durchlauf gewisse Ohrwurmqualitäten. Dass die Jungs ordentlich einen an der Waffel haben dürften, zeigt auch das Textblatt, auf dem die Texte in codierter Form abgedruckt sind. Das ist doch so ’ne Windings-Schrift? Da stehen sicher verschlüsselte Botschaften drin, die geheim bleiben sollen. Wahnsinn!

Eher geläufig sind mir dann Paan, die mich mit ihrem vorwiegend deutschsprachigen Screamo bereits in der Vergangenheit gehörig um den Finger gewickelt haben. Die drei Songs dauern auch insgesamt so ca. 15 Minuten, so dass die Gesamtspielzeit der 12inch so etwas über 31 Minuten kommt. Die Texte von Paan sind übrigens nicht codiert. Wie dem auch sei, von der ersten Sekunde an merkt man, dass hier massig Herzblut drin steckt. Gerade der Gesang! Der kommt total authentisch und emotional rüber. Bei den Schreiparts ohne Rücksicht auf die Stimmbänder, bei den Spoken Words hoch emotional. Erinnert zumindest bei den leisen Passagen an Bands wie Manku Kapak oder Sog. Und dann wickeln natürlich die Gitarren ordentlich Wolle um den Finger. Auf der einen Seite schön verspielt, auf der anderen Seite kommen sogar runtergestimmte Gitarren mit Stoner-Einflüssen zum Zug. Und bevor es droht, zu langsam zu werden, galoppieren diese Gitarren hochmelodisch und begleitet von dynamischen Getrommel der Sonne entgegen. Dazwischen auch mal Spoken Words, mehrstimmiges Screamo-Zeugs und Bassläufe, die Dir zusammen mit den aufbauenden Gitarren und den steigernd gespielten Drums schwitzende Hände machen können. Sehr starkes Release!

8/10

Lingua Nada Bandcamp / Paan Bandcamp / lala Schallplatten / Kapitän Platte