Dags! – „Flaws & Gestures“ (Dingleberry Records u.a.)

Das hier ist wieder mal so ein Vinyl-Leckerbissen, den man sich gern auf den Plattenteller legt! Dags! aus Mailand legen mit Flaws & Gestures ihr mittlerweile zweites Album vor. Ich fand ja die bisherigen Veröffentlichungen der Italiener schon äußerst gelungen. Den Wunsch, die Band endlich mal live zu erleben, konnte ich mir leider bis jetzt immer noch nicht erfüllen, aber die Songs auf diesem Album dürften live sicherlich auch wieder ordentlich was her machen. Aber kommen wir erstmal zur Verpackung! Das Albumcover wird von einem Gemälde ausgefüllt, das Weinglas wird gerade mit lecker Rotwein befüllt, auf der Rückseite ist dann noch die Weinflasche zu sehen, die auf dem Kopf stehend entgegen der Gravitation Wein über die obere Kante des Plattenkartons ins Glas gießt. Dass die Songtitel ebenfalls noch Platz auf dem Backcover finden, grenzt eigentlich an ein Wunder. Denn diese bestehen zum Großteil aus ganzen Sätzen. Und dann sind da ja noch die ganzen Labels, die ebenfalls noch mit auf den Karton müssen. Neben Dingleberry Records sind das Barely Regal Records, Pundonor Records, Neat Is Murder, Gropied Records und To Lose La Track.

Senkt man dann die Nadel auf das hellblau durchsichtige Vinyl, dann gilt es, die in kleiner Schrift auf dem Textblatt stehenden Buchstaben zu entziffern. Und dabei natürlich dem herrlich verschwurbelten Mischmasch aus Emo, Math, Post-Hardcore, Post-Rock und Indie zu lauschen. Und wie bei Dags! üblich, haben die Songs zwar einen zerfahrenen Aufbau, werden aber mit jedem weiteren Durchlauf zugänglicher. Gerade auf Vinyl hat das einen besonderen Reiz. Wenn dann zum basslastigen Sound sogar noch Bläser beim Song Gore Vidal in Form einer Trompete und eines Saxophones auftauchen, dann wirkt der Sound noch etwas wärmer. Das anschließende instrumentale Ceremonial Seating For Some New Members dient als eine Art Interlude und die Rhythmus-Spielereien gegen Ende werden zu Beginn des nachfolgenden Stücks wieder aufgegriffen.

Die Gedankensprünge und die abgefahrenen Gedankengänge in den Lyrics färben sich teils auch auf den Songaufbau ab, so bleibt das Ganze unvorhersehbar und spannend. Zudem bringen mich Textzeilen wie Adrenaline of the first quality. I brush my teeth for at least 25 minutes, 3 times a day, it is not time wasted it is money saved on medical expenses unweigerlich zum Schmunzeln. Wenn es dann mal ruhiger wird und man sogar das Knistern des Vinyls noch wahrnehmen kann, dann freut man sich an den Melodiebögen der Bassistin, die sich aus dem Nichts in den Song einschleichen. Dazu gesellt sich völlig gegensätzlich eine klimpernde Gitarre, das vertrackte Drumming gibt dem Ganzen eine dynamische Struktur. Dags! haben zwar einen großen Math-Einfluss, dennoch addieren sie ihrer Musik noch eine große Portion Charme und Harmonie. Deshalb erinnern sie mich ganz stark an Bands wie z.B. Barra Head oder Shonen Bat. Optisch wie musikalisch ein absoluter Knaller!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

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Bandsalat: Arterials, Béatrice, Dim, GR:MM, Huyghend, Пекинский Велосипед, Polaroids, The Run Up

Arterials – „Constructive Summer“ (Gunner Records) [Stream]
Aus Hamburg kommt dieses noch junge Quartett, das seit Anfang 2017 existiert. Wow, in so einer kurzen Zeit legen die Jungs mit Constructive Summer gleich mal satt vor. Nach einer kleinen Internet-Recherche ist man dann doch beruhigt, dass die Band nicht völlig aus dem Nichts auftaucht. Die Mitglieder waren zuvor in den Bands No Weather Talks und Rowan Oak tätig, sind also keine Grünschnäbel mehr. Hätte mich auch gewundert, bei dem Niveau, das die Band abliefert. Von dem knödeligen Bass über die druckvoll gespielten Drums, den lässig gezockten Gitarren und dem gefühlvollen Schreigesang passt hier einfach alles! Hymnischer Punk trifft auf Emocore, da werden Erinnerungen an Bands wie z.B. Dance Of Days (der Sänger hier klingt wie der Typ von Dance Of Days auf ihrer ersten EP) oder Audio Karate wach. Mitreißend, melodisch, mit ganz viel Seele! Die zwölf Songs lassen keine Langeweile aufkommen. Von der tollen Produktion (Tonmeisterei mal wieder) bis zum abwechslungsreichen Songwriting macht das Ding richtig gute Laune, so dass man sich mit einem Bier bewaffnet in den nächsten Pit wünscht! Tolles Debut!


Béatrice – „Diversity? I Guess“ (DIY) [Name Your Price Download]
Beim intensiven Bandcamp-Surfen stößt man doch immer wieder auf unbekannte Bands, bei denen man bereits nach den ersten paar Sekunden weiß, dass man hier richtig ist. So geschehen bei Béatrice aus Berlin, die auf dieser vier Songs starken EP bei mir die Gehirnsynapsen stimulieren und mich in eine Zeit so um die Neunziger bis zur Jahrtausendwende zurückbeamen. Die Gitarren legen melodisch los, die Drums treiben nach vorn, der Sänger hat so eine schöne kräftige Stimme, v.a. beim intensiv schreien. Dazu kommt ein eigensinniger Bass, der die tollsten Melodien einstreut und natürlich dürfen auch ein paar Chöre nicht fehlen. Hier hört man einfach die Spielfreude und das Herzblut der vier Bandmitglieder raus. Supergeile Mischung aus Post-Hardcore, Emocore und Skatepunk, kann man nur empfehlen! Bin gespannt, was wir von Béatrice in Zukunft noch zu hören bekommen.


Dim – „It Feels Like Home“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei Leute aus Athens, Georgia bilden zusammen das Screamo-Duo Dim. Die fünf Songs leben v.a. von dem intensiven Gitarrenspiel mit viel Melancholie, dazu passen natürlich die leidenden Vocals, die vornehmlich rausgeschrien werden. Die in spanisch und englisch vorgetragenen Lyrics behandeln sehr persönliche Themen und kommen enorm sehnsüchtig rüber. Da werden verbitterte Tränen über die verflossene Liebe geweint, entsprechend traurig und melancholisch klingt dann das Endergebnis. Die raue Produktion haucht dem Ganzen dann noch extra Leben ein, für’s Mastern ist mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden eingesprungen.


GR:MM – „Treibgut“ (Midsummer Records) [Video]
Ein Song reichte aus, dass ich fingerleckend auf diese Band angesprungen bin. Es war das Video zum Song Alles Gut, der mich am Nacken packte. Dazu noch die Info, dass die EP auf Midsummer Records erscheinen wird, schon war es um mich geschehen. Und nun ist es soweit, das Ding ist zumindest digital bei mir angekommen und der Anfangsmoment hat sich bestätigt. Übrigens ist Treibgut bereits die zweite EP der Band aus Braunschweig. Im Vergleich zur ersten EP sind diese Songs hier um einiges druckvoller produziert. Neben dem Stück Alles Gut gibt es vier weitere Songs, die mich absolut in den Bann ziehen können. Grob könnte man die Musik als eine Mischung aus Emopunk und Post-Hardcore mit einem Schuss Pop und viel Melancholie umschreiben. Das Titelstück Treibgut zeigt das eben beschriebene eigentlich ganz gut: tolle Midwest-Emo-Gitarren treffen auf treibende Drums, dazu ein melodieverliebter Bass und mitreißender Gesang voller Leidenschaft, manchmal auch mehrstimmig. Die persönlichen Lyrics – übrigens ausschließlich in deutscher Sprache verfasst – setzen dem Ganzen noch das Häubchen auf. Gerade die Gitarren verpulvern ein Feuerwerk nach dem anderen, da hört man richtig raus, mit wieviel Leidenschaft und Spielfreude das angepackt wird. Macht tierisch Laune, GR:MM dürften bald mehr als ein Geheimtipp sein!


Huyghend – „H1“ (Dorfjungs) [Stream]
Laut Presseinfo kann der Bandname entweder mit „Jugend“ oder „Weekend“ ausgesprochen werden. Schön, dass man sich das aussuchen kann! Die Band versteht sich als Kollektiv und setzt sich aus drei Musikern zusammen, die vorher bereits für verschiedene Filmproduktionen Musik komponiert haben und auch selbst im Horrofilmgenre Regie führten. Nun, für das erste Album wurde reichlich am Sound gefeilt, die acht Songs leben v.a. vom Homerecording-Charme und den im Schlafzimmer ausgetüftelten Sound-Spielereien. Zwischen Dream-Pop und Indietronic gerät man durch die leicht klingenden Töne in eine Art Trance-Zustand, der Sound scheint zu wabern. Der ständig präsente Chathedral-Hall-Effekt erzeugt zusätzlich dieses Space-Feeling und enorme Atmosphäre. Die acht Songs lassen Dich jedenfalls abschalten und wenn man das Ding in Dauerschleife auf den Kopfhörern hat, entdeckt man immer neue Spielereien, die zuvor noch nicht aufgefallen sind. An manchen Stellen hat man Electronic-Acts wie Air oder Naomi im Kopf, an anderen wiederum könnte das auch durchaus als Soundtrack für einen experimentellen Film dienen. Übrigens, die Vinylversion ist auf 330 Stück limitiert, wobei jedes einzelne Cover ein Unikat darstellt, weil alle Cover individuell mit Acryllack bearbeitet wurden. Falls ihr also neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so hört, ruhige Musik mit Herz und Köpfchen sucht, dann dürftet ihr mit diesem Release euer Glück finden!


Пекинский Велосипед – „Не хочу забывать“ (DIY) [Name Your Price Download]
Manchmal lohnt es sich, wenn man den Spamordner genauer unter die Lupe nimmt und sich die Rosinen rauspickt. Hier ist jetzt nicht die Rede von vielversprechenden Geldinvestitionen im Ausland, mit denen man in kürzester Zeit stinkereich wird. Vielmehr geht es um musikalische Leckerbissen wie z.B. diese EP der Band Пекинский Велосипед. Da sich einige Leute – inklusive ich – mit kyrillischer Schreibweise etwas schwer tun: Пекинский Велосипед könnte man alternativ auch mit Pekinbike übersetzen. Die Band kommt aus der russischen Stadt Jekaterinburg, welche irgendwo östlich vom Uralgebirge liegt. Und auf dieser 3-Song-EP ist wunderschön melancholischer Midwest-Emo zu hören, der dazu noch mit tollen Melodien ausgestattet ist. Mir gefallen v.a. die gefühlvoll gespielten Gitarren, die auch ab und zu mal twinkeln. Gesungen wird in russischer Sprache und dank eines Übersetzungsprogrammes weiß ich, dass die Texte persönliche Themen wie z.B. Freundschaft, Verlust derselbigen und die Sehnsucht nach wiedererlangen beinhalten. Wenn ihr auf Bands wie I Love Your Lifestyle, Van Pelt oder Algernon Cadwallader steht, dann solltet ihr das hier unbedingt anchecken!


Polaroids – „The Golden Age of Gloom“ (DIY) [Name Your Price Download]
Das Debutalbum I Still Have Dreams der Band aus New Jersey hat mir ja sehr zugesagt, so dass ich beim Nachfolge-Album The Sun Only Comes Out When It Feels Like Coming Out aufgrund der Soundqualität etwas betrübt war, wenn auch die Songqualität passte. Nun kommt also Album Nummer drei, und da passt wieder alles zusammen. Insgesamt sind acht Songs zu hören, die sich irgendwo zwischen Melodie und Härte tummeln. Da gibt es auf der einen Seite die Keule auf die Zwiebel, auf der anderen Seite gibt’s diese nach vorne gehenden, an Melodycore-Zeiten erinnernden schnellen Parts, dann wird es auch mal wieder ruhiger wie z.B. beim Indie-Emo-Stück Maiden Voyage, das aber gegen Ende doch auch wieder ausbricht. An manchen Stellen haben die Vocals wieder Ähnlichkeit mit Damian Moyal von As Friends Rust. Wenn ihr euch eine Mischung aus eben diesen und so Bands wie z.B. Dillinger Four oder Good Riddance vorstellen könnt, dann wäre das hier nur zu empfehlen. Schön abwechslungsreiches Album!


The Run Up – „Good Friends, Bad Luck“ (Uncle M) [Stream]
Auf die Band The Run Up aus Bristol stieß ich erstmals mit Erscheinen des selbstbetitelten 2017er Albums. Jetzt folgt also eine neue EP auf Uncle M. Und die hat fünf Songs im Gepäck, die in Sachen Melodic Punk ziemlich geil abräumt. Da will man sich direkt fett grinsend in den nächsten Punkrock-Mob stürzen, am besten mit dem Skateboard! Bands wie Blink 182, Iron Chic, Hell & Back oder schnellere Lunchbox lassen grüßen. Alles natürlich im Punkrock-Gewand abseits des Mainstreams. Schöne Gitarren, tolle Melodien, mitgröhlbare Chöre, was will man mehr.


 

Tenue – „Anábasis“ (Dingleberry Records u.a.)

Ich hatte keine Ahnung, was mich auf dieser wunderschön aussehenden Schallplatte musikalisch erwarten würde. Mintgrüner Hintergrund, dazu ist das Cover mit einem schönen Vogelmotiv bedruckt. Aber wie jetzt, der Vogel hat ein Bandana auf? Oder sind seine Augen mit einem Tuch verbunden. Die Sehkraft ist ja eine der wichtigsten Eigenschaften bei Vögeln, sonst würde die Nahrungssuche kaum klappen. Die von Victoria Fernández-Oruña entworfene Zeichnung regt jedenfalls schonmal zum Nachdenken an. Tenue kommen übrigens aus Galicien, das ist eine autonome Gemeinschaft im Nordwesten Spaniens. Auf dem Backcover entdeckt man dann neben den sieben Songtiteln noch drei vertrocknete Eichenblätter. Diese standen bereits in der Antike symbolisch für Macht, Treue und Solidität. Der Albumtitel spielt vermutlich auf die Anabasis, das bekannteste Geschichtswerk des antiken griechischen Schriftstellers Xenophon an. Ach ja, bei der 12inch handelt es sich um das Debutalbum des Trios, neben Dingleberry Records ist noch eine ganze Latte an DIY-Labels am Release beteiligt (zilzalp rec., Ojalä Me Muera Records, Theia Records, CGTH Records, Muerte A Tipo, Tirano Intergalactico, Mërda Distro, La S.O.J.A, El Fary Es Dios, Bike Punk Salamanca und La Fosa Nostra).

Nach einem atmosphärischen Intro, das v.a. durch den dunklen Bass und die hellen Gitarren getragen wird, findet man sich schnell in einem schönen Wirbelsturm aus Screamo, Emoviolence und Emocrust wieder. Die Vocals gehen richtig intensiv zur Sache, hier wird gelitten, die Stimme transportiert Verzweiflung und Wut. Die in galizischer Sprache gekeiften Vocals lassen sich glücklicherweise auf einem schön gestalteten DIN A 4-Beiblatt in der englischen Übersetzung nachlesen. Selbst in der Übersetzung lesen sich die Inhalte fast poetisch, die Jungs scheinen politisch sehr belesen zu sein. Düstere Inhalte wie Entfremdung, Unterdrückung, Angst, Selbstzweifel und Knechtschaft sind allgegenwärtig. Der innere Kampf dagegen, bestehende Machtstrukturen zu zerschlagen und sein Schicksal nicht einfach so hinzunehmen werden ebenso angesprochen.

Dazu passt dann der Sound des Trios wie die Faust auf’s Auge. Die Gitarren zwirbeln schön matschig, hört nur mal den genialen Anfang von Carne an. Zusammen mit den druckvollen Drums und dem bösen Gekeife entsteht da ein dichter Soundbrei, der vor Intensität fast zu zerspringen droht. Und dann dringen doch immer wieder unterschwellige Melodien an die Oberfläche, zudem sind die Songarrangements alles andere als vorhersehbar. Auf der einen Seite ist diese unbändige Wut mit rasend schnellen und chaotischen Parts und arhythmischem Drumming, auf der anderen Seite kommen immer wieder diese mächtig walzenden und langsameren Abschnitte zum Zug, bei denen es auch mal melodischer zugehen kann. Hört mal in das Album rein, danach werdet ihr euch das Ding sowieso schleunigst zulegen! Wenn ihr auf Zeugs wie Drei Affen, Ostraca oder Gattaca abfahrt, dann ist Anábasis mit Sicherheit ebenfalls euer Ding! Eine Wucht von Album!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

 

Highlights des Jahres 2018

Wie jedes Jahr zum Jahreswechsel frag ich mich auf’s Neue, ob eine End-Of-The-Year-Liste überhaupt in Angriff genommen werden soll. Warum? Manche der 2018 besprochenen Releases erschienen ja bereits im Jahr 2017, die dürften ja eigentlich nicht in einer 2018er-Liste auftauchen. Die würden dann unberechtigterweise unter den Tisch fallen. Zudem liegen hier noch einige Hammerreleases aus 2018 auf dem Schreibtisch, zu welchen die Kritiken zwar längst geschrieben sind, die aber erst in 2019 häppchenweise online gestellt werden. Das geschieht hauptsächlich deshalb, um die Seite nicht allzusehr zu überladen und natürlich auch, um den Releases in dieser schnelllebigen Zeit einen gebührenden Raum zu geben. Tja, diese Releases würden dann in der Liste ebenso fehlen. Also, lieber keine Liste! Die schlecht fotografierte Collage, mit der dieser Text illustriert ist, zeigt trotzdem ein paar liebgewonnene physische Releases, die dieses Jahr besprochen wurden. Dennoch kann es da sein, dass da auch ein 2017er-Release mit reingerutscht ist, hab das jetzt nicht extra geprüft.

Okay, aber jetzt genug geschwafelt. Der einzige Grund, warum dieser Text erscheint, ist eigentlich viel wichtiger: Ich möchte nämlich all den netten Menschen, die diese Seite hier durch ihre kraftvolle Unterstützung am Laufen halten, mal wieder gebührend Danke sagen! In erster Linie geht mein unendlicher Dank natürlich raus an euch treue und geduldige Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Bücher, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid echt mal wahnsinnig! Überhaupt, wie karg und leblos wäre diese Szene doch ohne all diese von massig Herzblut und verrückten Ideen angetriebenen Bands und DIY-Labels! Eine anerkennende Verbeugung geht natürlich auch an meine Schreiber-Kolleginnen und Kollegen raus! 2018 war immerhin auch ein Jahr, in welchem einige Musik-Print-Magazine eingestellt wurden. Sehr schade, denn im Internet geht ein gut geschriebener Text schneller verloren als in Druckform!

Also, ich mach’s kurz: euch allen die besten Wünsche für 2019! Bleibt gesund, seid alle lieb zueinander und hofft, dass auch 2019 ein schönes Jahr wird, das mit reichlich interessanter Musik und tollen Konzerten gefüllt werden wird.


 

Crowning & Swallows Nest – „Split“ (Dingleberry Records, Time As A Color u.a)

Wenn Schlichtheit bildlich dargestellt werden sollte, dann wäre diese 7inch sicher ein gutes Beispiel dafür. Natürlich nur rein äußerlich gesehen. Und das auch nur ohne jegliches Hintergrundwissen, was letztendlich zu diesem Artwork samt spärlicher Aufmachung geführt hat. Denn da steckt bekanntlich entweder gar nichts (wir hatten gerade dieses eine Foto auf der Festplatte, ein anderes hatten wir einfach nicht zur Hand) bis hin zur unglaublichen Story (ein Freund von uns erstickte fast an dieser Schnake, er hustete wie verrückt und auf einmal lag da dieses eklige Insekt vor uns auf dem Tisch. Irgendjemand hat das dann fotografiert und liebevoll die üblen Kotzflecken vom Original wegretuschiert. Und weil gerade niemand ’ne andere Coveridee am Start hatte, waren alle so yeah) dahinter. Nun, die offensichtlich umgekommene und künstlerisch in Szene gesetzte Schnake wird die wahre Geschichte hinter dem Cover auch nicht mehr ausplaudern können, soviel ist sicher.

Okay, kommen wir lieber mal zum Scheibchen selber, das in meinem Fall ungewöhnlicherweise mit unbedruckten, blanken Labels auf dem Plattenteller landet. Crowning ist eine ziemlich neue Band aus Chicago, die aus der Asche der Band Pregnancy Pact hervorgegangen ist. Bisher ist eine EP der vier Jungs und der Frau am Bass erschienen. Und ich verspreche euch, nachdem ihr diese drei Songs hier gehört habt, werdet ihr auch die EP gierig auf eure Festplatte zippen. Nach einer kurzen Rückkopplung geht es direkt mit chaotischem Screamo im Stil von Bands wie Loma Prieta oder Dangers los. Die Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums sind unberechenbar und wechseln spielerisch von rasend schnell zu walzenden Midtempo-Moshparts. Und dann der Bass, hört mal nur den Anfang vom Song Old References, zu dem wurde übrigens auch noch ein abgefahrenes Video mit Hunden abgedreht. Ich liebe dieses Zusammenspiel der melancholisch gespielten Instrumente, dazu der verzweifelte Schreigesang und die immer spürbare Energie. Nach dem letzten Song Nerves setzt man wie in Trance die Nadel an den Anfang zurück, gerade auch deshalb, weil die drei Songs nur eine Gesamtspielzeit von etwas über viereinhalb Minuten haben. Wahnsinn, diese Band sollte man im Auge behalten.

Auf der B-Seite sind Swallows Nest mit dem Song A Subtle Knife for New Doors vertreten. Die wohl relativ neue Band aus Dunedin/Neuseeland hat einige Mitglieder an Bord, die man bereits aus Bands wie Machine Rex, Yung Nat$, мятеж, The World That Summer und Gali Ma kennt. Nun, Swallows Nest gehen die Sache etwas entschleunigter an und lassen sich innerhalb des über vier Minuten dauernden Stücks genügend Zeit. Die Gitarren schwurbeln und drehen sich langsam und doomig vor, der wechselseitige Frau/Mann-Gesang bringt Abwechslung in die Sache. Nach der Hälfte des Songs zieht das Tempo ein wenig an und es bricht ein bisschen Chaos aus, trotzdem schlittert die Band im letzten Drittel wieder in dieses groovig doomige und verdammt heavy klingende Massaker. Schon anhand der am Release beteiligten Labels (Dingleberry Records, Time As A Color, Zegema Beach Records und IFB Records) erkennt man, dass hier Qualität drin steckt. Checkt das Scheibchen unbedingt mal an!

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records / Time As A Color


 

As We Go & Team Stereo – „Split 7inch“ (Redfield Records)

Diese Split 7inch kommt schon mal optisch richtig geil rüber. Der Siebdruck mit der aufgeschnittenen Zitrusfrucht in schwarz-weiss-Optik steht in einem schönen Kontrast zum pinken Backcover, hierbei sticht sofort das Messer ins Auge, das die Scheibe zu zerschneiden scheint. Da fließt grafisch schon mal jede menge Herzblut. Und dann erst das 7inch-Scheibchen! Pink schimmert das Vinyl vom Plattenteller! Klappt man das Cover auf, erscheinen im Inneren die Texte beider Bands, das Messer trifft in die Mitte der Zitrusfrucht, sozusagen ins Herz. Die Split 7inch ist übrigens – wie so oft – das Ergebnis einer langjährigen Freundschaft der beiden Bands, deren Mitglieder sich teilweise untereinander bereits mehr als zwanzig Jahre kennen.

As We Go dürfen dann als erste ran. Das Kölner Quintett hat mittlerweile auch schon fünf Jahre auf dem Buckel, dabei wurden neben zahlreichen Konzerten bereits eine EP und ein Album veröffentlicht. Der Song City kann als eine Liebeshymne an die Heimatstadt Köln verstanden werden. Vom Sound her wird hymnischer Punkrock geboten, der mit schön melodischen Gitarren, treibenden Drums und kraftvollem Gesang ausgestattet ist, ein Mitgröhl-Refrain ist innerhalb einer Spielzeit von etwas knapp über zwei Minuten auch noch untergebracht. Geht schon mal gut los, zumal der Sound auch gut produziert und druckvoll aus den Lautsprechern dröhnt. Auch beim Song Brothers bleibt es hymnisch, Freundschaft und Zusammenhalt scheint der Band am Herzen zu liegen, das hört man deutlich aus den Texten heraus. Und auch hier macht sich viel Spielfreude bemerkbar. Beide Songs erinnern an eine Zeit kurz vor der Jahrtausendwende, als deutsche Bands wie z.B. Lockjaw oder Sunbeam Rocket Punkrock á la Down By Law mit Emocore im Stil von Hot Water Music kombinierten.

Team Stereo aus Düsseldorf sind auch schon ein Weilchen unterwegs, neben einer EP ist es v.a. das 2016er Debutalbum, das den Bekanntheitsgrad der Band um einiges steigerte. Das Quintett setzt sich übrigens zur Hälfte aus der Redfield Records-Belegschaft zusammen. Team Stereo steuern zwei Songs bei, die etwas ruhiger ausgefallen sind und nicht sofort in die Vollen preschen. Not Loving You eröffnet mit einer schön schrammeligen Gitarre, nach und nach kommen Bass, Schlagzeug und cleane Gitarren dazu, plötzlich steht man mitten im Song. Es passiert einiges, in diesen dreieinhalb Minuten, die Songarrangements sind ausgefeilt, der Gesang kommt klar und emotional rüber und ein eingängiger Refrain darf ebenfalls nicht fehlen. Textlich beschäftigt man sich mit der Tatsache, dass man sich der Zuneigung seiner Mitmenschen niemals sicher sein kann. Das darauffolgende Standards beschreibt textlich einige Unsicherheiten beim Erwachsenwerden. Und auch hier wird die Einheit der Band schön demonstriert. Der Song beginnt mit einer mäandernden Gitarre und steigert sich langsam, ein Trommelwirbel leitet in einen schönen Refrain über, leidenschaftlicher Gesang inklusive. Da hört man den Spaß und die Freude förmlich heraus. Und wie auch bei As We Go lassen diese zwei Songs der Split 7inch Erinnerungen an eine Zeit kurz vor der Jahrtausendwende aufleben, als deutsche Emo-Bands wie One Man And His Droid, Ambrose, Pale oder Three Minute Poetry unterwegs waren. Eine rundum gelungene Split!

8/10

Bandcamp / Redfield Records