Farben/Schwarz – „Zwei“ (Sportklub Rotter Damm)

Boah, da schleicht sich doch fast das zweite Release der Hamburger unbemerkt an meinem Rücken vorbei, obwohl ich im Juni letzten Jahres sogar noch das neue Video zum Song Jahr der Schlange postete…Wie konnte mir das bloß passieren, nachdem es das Debut Eins sogar in die End Of The Year-Liste 2015 schaffte? Puh, nochmals alles gut gegangen und das nur, weil ich einer Freundin den Bandcamp-Link der Jungs als Empfehlung weiterleiten wollte und dabei zufällig EP Nr. Zwei entdeckte.

Und was soll ich sagen, die fünf Songs wissen von Beginn an, in den Bann zu ziehen. Der treibend und straight nach vorne gespielte Post-Hardcore hat einiges an Power im Gepäck, dabei schwingt immer so eine gewisse Portion Verzweiflung, Harmonie und Melancholie mit, so dass man von einer gelungenen Mischung von Härte und Gefühl sprechen kann. Die Gitarren kommen messerscharf auf den Punkt, der Schlagzeuger spielt schön druckvoll, der Sänger hat es raus, wie man intensiv und emotionsgeladen ins Mikro keift, überhaupt kann man über das satte und detailgenaue Mastering nur mit heruntergeklappter Kinnlade staunen. Sehr ausgeklügelt und durchdacht, hier passt wirklich ein Stein auf den anderen, ohne dass auch nur eine Luftblase den Zement porös machen könnte.

Ergänzt wird das ganze mit intelligenten deutschen Texten, die prägnant und aussdrucksstark rüberkommen. Da kann man nur beten, dass sich irgendwer erbarmt und das Zeug auf Vinyl veröffentlicht. Am Besten Eins auf der A-Seite und Zwei auf der B-Seite, das wäre ein Traum! Das Artwork würde sich im 12inch-Format sicherlich herrlich anfühlen! Momentan gibt es sehr wenige Bands in der deutschsprachigen Szene, deren Sound so mitreißend und gleichzeitig so verletzlich klingt! Anstatt eine x-beliebige Band zu kopieren, ziehen sich die Jungs die besten Elemente verschiedener Bands heraus, dabei lassen sich Parallelen zu Bands wie Longing For Tomorrow, Adolar, Null Punkt Kelvin, The Town Of Machine, oder Fjørt auf der deutschsprachigen Seite und At The Drive In oder We Never Learned To Live auf der internationalen Seite erkennen. Und natürlich wäre das alles nicht so toll, wenn nicht noch neben der nötigen Spielfreude und massig Herzblut  auch der eigene draufgebolzte Stempel das Ding abrunden würde. Sehr schön!

8/10

Facebook / Bandcamp


Videosammlung: Dust Moth, Microwave, Die Negation, It’s Not Not, Slow Bloomer, Wake The Dead

Dust Moth hab ich neulich bei Bandcamp entdeckt. Abgesehen davon, dass das neue Album Scale durchaus seine Reize hat, solltet ihr euch erstmal von dem Video zu A Veil In Between hypnotisieren lassen.


Falls ihr das Hammeralbum Much Love der Band Microwave aus Atlanta noch nicht kennen solltet, dann wird es spätestens nach dem Genuss dieses sagenhaften Videos Zeit, endlich mal reinzuhören. Mit das beste Musikvideo, das man in letzter Zeit so sehen konnte.


Bei Die Negation musizieren ja Mitglieder der Bands Heaven Shall Burn und Zero Mentality zusammen. Der Clip zu Scheusal von Oldenburg macht jedenfalls neugierig auf das Debutalbum namens Herrschaft der Vernunft, das Mitte Mai erscheinen soll.


Wie bitte? Ganze neun Jahre nach dem letzten Release veröffentlichen It’s Not Not ein neues Album. Und die Band, die sich aus Leuten von Dies Irae, Tokyo Sex Destruction, Standstill und The Unfinished Sympathy zusammensetzt, hat es immer noch drauf!


Slow Bloomer aus Leipzig setzen sich aus Mitgliedern von Reason To Care und Continents zusammen und machen schön eingängigen Indie/Emo. Das Debut Nudity erscheint als Co-Release der Labels Miss The Stars, Through Love, Flood Floorshows, Koepfen und Midsummer.


Wer auf melodischen und energiegeladenen Hardcore steht, der sollte sich mal das neue Video der französischen Band Wake The Dead reinziehen. Geht gut ab!


 

Cavalcades – „One Down For Youth’s Ideals“ (lifeisafunnything u.a.)

Bei dieser einseitig bespielten 12inch kann man eigentlich fast von einem „Traum in grün“ sprechen. Das Cover-Foto strotzt vor idyllischer Friedhofsromantik und das grüne Vinyl ist auf der unbespielten Seite mit einem Satz besiebdruckt, den man auch gut und gerne auf einen Grabstein meißeln hätte können: What we put faith in is a construct. Apropos Grabstein: ich komme natürlich schwer drum rum, Rechenrecherche zu betreiben und wie so häufig in letzter Zeit schwirren mir Textfetzen im Gehirn umher, die auch aus dem Textaufgaben-Mathebuch meiner Tochter entstammen könnten. Wenn mich die Zahlen auf dem Grabstein schon zum Rechnen bringen (Altersunterschied/Jahre der Einsamkeit), dann könnt ihr euch sicher ausmalen, welche Geschichten in meinem Kopf rumgeistern, wenn ich mir vorstelle, wie das Leben dieser Leute wohl ausgesehen haben mag. Und wenn wir schon beim Thema Schule und Lernen sind, dann gibt’s jetzt erstmal Frontalunterricht: Cavalcades wird ins deutsche ganz unproblematisch mit Kavalkaden übersetzt. Ich hätte von der Bedeutung des Wortes keinen Schimmer, wenn ich nicht in einer Stadt wohnen würde, in welcher einmal im Jahr eine Kavalkade stattfinden würde. Eine Kavalkade bezeichnet einen feierlichen Aufzug von Reitern. Die Reiterprozession, die durch meinen Wohnort führt, lautet auf den schönen Namen „Blutritt“. Da galoppieren an einem Tag 3000 Pferde mitsamt Reitern durch die Straßen und schleifen in einer Relique das Original-Blut Jesu mit sich rum. Da es an diesem Tag obligatorisch regnet, stinkt die ganze Stadt bestialisch nach Pferdekacke. Wer keine Gummistiefel im Schrank hat, sollte an diesem Tag und den folgenden lieber zuhause bleiben, denn die Straßen gleichen nach dieser Prozession einer Güllegrube.

Nun, Cavalcades aus Aberdeen, Schottland habe ich nach dem starken 2015er Album Lights Begin To Dance irgendwie völlig aus den Augen verloren. Zwischen dieser drei Songs starken EP und dem besagten Album kam noch eine Live-EP heraus, auf welcher bereits der zweite Song A Carthorse for the Knacker vertreten war. Da ich ja kein Fan von Live-Aufnahmen bin, bin ich natürlich glücklich darüber, dass dieses Stück nochmals in brauchbarer Aufnahmequalität erscheint. Ein Hammersong. Wie übrigens die anderen zwei Stücke auch. Und mit dem Textblatt in der Hand entdeckt man dann auch den eingangs erwähnten und auf das Vinyl gedruckten Satz. Ich hatte Cavalcades insgesamt noch etwas rauher und krachiger in Erinnerung, auf diesen drei Songs rückt jedoch die melancholische Seite des Quartetts mehr in den Vordergrund.

Das Zusammenspiel von Gitarre, Bass, Schlagzeug und resigniert wirkendem Gesang könnte nicht besser sein. Was tierisch gut reinläuft sind einerseits die matschigen Gitarren, die eine gewisse Härte in die Songs bringen, auf der anderen Seite kommen aber diese glasklar und verträumten Gitarrenklänge, die mich an Zeugs wie The Cure, Mumrunner, Temperance oder neuere und sperrigere Pianos Become The Teeth erinnern und die wohlige Schauer über den Rücken jagen. Das Ganze könnte man unter schön eigenständigem Emotive Post-Hardcore mit Shoegaze und Emocore-Einflüssen einordnen. Dazu gefällt die satte und rauhe Mischung, für die mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden verantwortlich ist. Wenn ich Zombie wäre, dann wäre diese EP die Gehirnmasse, nach der ich lechzen würde. Und wie das mit leckeren Gehirnen so ist, ich bräuchte da unbedingt mehr von. Deshalb hoffe ich inständig, dass Cavalcades demnächst wieder eine Full Length am Start haben. Dieses in Zusammenarbeit der Labels lifeisafunnything, Don’t Care Records, Smithsfoodgroup, Koepfen und Through Love Records erschienene Schmankerl dürfte nicht nur Fans der im Text erwähnten Bands gefallen, denn Cavalcades zeigen auf diesem Output, dass sie momentan zu einer der spannendsten Bands der Szene gehören.

9/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


Brandt – „Selftitled 7inch“ (Sic Life Records)

Als dieses kleine Scheibchen per Post ins Haus flatterte, war es draußen noch ungemütlich kalt, der Ostwind hatte Süddeutschland gnadenlos im Griff und kein Mensch hätte jemals auch nur ahnen können, dass sich ein paar Tage später der erbarmungslose Russenwind legte und die Sonne an einigen windstillen Ecken so warm wurde, dass man gar ohne dicken Mantel erste Getränke auf dem Balkon einnehmen konnte (ohne am Glas/Flasche festzufrieren). Und so, wie die Vögel bei den ersten Sommerstrahlen des Frühlings anfangen zu zwitschern, stellte sich bei mir aufgrund der genehmen Wetterlage und der Musik, die aus den Lautsprechern auf den Balkon schallte, ziemlich gute Laune ein. Denn genau an diesem Tag klatschte ich erstmals diese erste 7inch der Band Brandt aus Münster auf den Plattenteller. Eigentlich ziemlich ungewöhnlich für mich, zugeschicktes Vinyl so lange unbespielt neben dem Plattenspieler liegen zu lassen. Aber letztendlich denke ich, dass dieser Zeitpunkt genau der richtige war.

Obwohl die A-Seite mit einem wolkigen Wetterereignis in Bezug auf das reale Leben startet, stiehlt dieser Song direkt beim ersten Durchlauf mein Herz. Diese locker aus dem Ärmel gespielten Gitarren, das herzhaft gezockte Schlagzeug, der eigenwillige Bass, der nervös aber extrem variantenreich rauf und runter rast. Das alleine zaubert schon das erste Grinsen ins Gesicht. Wenn dann noch die Vocals einsetzen und der Refrain sich direkt beim ersten Durchlauf im Gehörgang einnistet, dann weiß man, dass der Frühling endlich da ist. Und das geschieht beim Song Cloud ebenso unerwartet wie oben beschriebene Wetterschwankung innerhalb kürzester Zeit, der Song dauert nämlich lediglich knappe zwei Minuten und bietet sich daher an, auf eurem nächsten Mixtape zu landen. Mit Area folgen zwei weitere Minuten, die positiv auf’s Gemüt schlagen. Geiler Song, ebenfalls mixtapetauglich!

Die B-Seite startet dann mit dem etwas flotter gespielten Streets, das gefühlt das schnellste Stück auf diesem Scheibchen ist. Rockt ordentlich, dabei faszinieren diese melodischen Gitarren, die zusammen mit disharmonischen Gitarrenriffs  und innovativen Bassspielereien Songs basteln, die im Gehör hängen bleiben. Beim letzten Song Wildlife kommt dann noch so eine rockige Note mit rein, die mir aber irgendwie nicht so gut wie das Zeug bei den vorherigen drei Songs gefällt. Wildlife dauert glücklicherweise nur etwas über eine Minute, daher kann man das verkraften. Das ist eigentlich aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an dieser Veröffentlichung. Obwohl, schade find ich auch, dass dem Scheibchen keine Lyrics und auch kein Downloadcode beigelegen hat. Das mit dem Textblatt ist nicht so schlimm, denn die Lyrics lassen sich aufgrund des deutlichen Gesangs gut raushören. Aber einen Download-Code wünscht man sich trotzdem spätestens nach dem vierten Gang vom Balkon zum Plattenspieler. Auch wenn die Band ihre Setlist noch per Hand aufs Papier bringt und anstelle von Vitaminwasser in Plastikflaschen den hopfigen Freund im Glasmantel bevorzugt. Den letzten Satz hab ich mir aus dem Presseinfo zusammengereimt. Wer sich eine Mischung aus indielastigeren Samiam, Van Urst und punkigeren Guided By Voices vorstellen kann, der sollte ruhig mal ein Ohr riskieren.

7.5/10

Facebook / Bandcamp / Sic Life Records


 

Heavy Weather & The Hope And The Failure – „Split 7inch“ (lifeisafunnything)

Diese Split 7inch trifft mal wieder total meinen Geschmack. Auch wenn ich nach stundenlangem Betrachten des Covers absolut keine Idee habe, was das Geschmiere auf dem Cover darstellen soll und auch im Klappcover nirgends Infos finde, wer das Cover überhaupt entworfen hat. Aber sobald das kleine Scheibchen auf dem Teller liegt und die Nadel sich den Weg durch die Rille sucht, verschwendet man auf das äußere Erscheinungsbild keinen Gedanken mehr. Man stürzt sich eher auf die Texte der beiden Bands.

Nun, den Anfang machen Heavy Weather aus Calgary/Kanada, deren 2015er Debut-EP ich schon ziemlich klasse fand. Ich war ziemlich aufgeregt, als Marcus mir kurz nach Erscheinen des Reviews zur Debut-EP damals mitteilte, dass in Zukunft etwas von Heavy Weather auf lifeisafunnything erscheinen wird. Schon lustig, dass wir die Band unabhängig voneinander entdeckt haben. Das unterstreicht einfach auch nochmals unseren doch sehr deckungsgleichen Musikgeschmack. Nun ist es also so weit und das lange angekündigte Release ist endlich da, Wahnsinn! A Slow Rant About Distance beginnt leise mit einem wundervollen Bass-Intro, welches durch total traurig und melancholisch klingende Gitarren á la Appleseed Cast zur End Of The Ring Wars-Phase und hektisches Getrommel fast abrupt durchtrennt wird. Ruckartig befindet man sich in einem Spoken-Word-Part, bis der Song auszubrechen droht und mit einer rasenden Geschwindigkeit nach vorne prescht und die nachfolgende melodische Soundwand fast schon Schwindelattacken hervorruft. Punk, Post-Hardcore, Emocore. Intensiv, emotional und abwechslungsreich. Wow. Und dann dieser wahnsinnig emotionale Text..sollte ich hier etwa die Lösung meiner eingangs erwähnten fehlenden Coverartwork-Interpretation finden? Ehe ich tiefere Gedanken hierzu fassen kann, ist auch leider schon die A-Seite vorbei. Aber bevor auf die B-Seite gedreht wird, läuft das Ding nochmals ein paar mal durch. Und nach unzähligen Wiederholungen freut man sich dann doch irgendwann an dem beiliegenden Downloadcode.

The Hope And The Failure zeigen auf der B-Seite, wie eine verdammte Reunion auszusehen hat. Elf Jahre sind seit dem Erscheinen der sagenhaften EP The lights are on but this dance never ends mittlerweile auch schon wieder vergangen. Nachdem sich Sängerin Inas andere Band Heart On My Sleeve auflöste, ist es natürlich trostspendend, dass ihre furchtbar verzweifelte Stimme weiterhin bei den wieder auferstandenen The Hope And The Failure zu hören ist. Und I Lost Myself In The Hours That I Wasted On You strotzt vor dieser unbändigen Kraft, die man eben von The Hope And The Failures Debut-EP her oder auch von Heart On My Sleeve kennt,  wirkt dabei aber so verletzlich und schmerzerfüllt, dass es fast schon weh tut. Der Song startet mit Spoken Words und langsam steigernden Drums, baut sich spannungsgeladen auf, bis erstmals diese total geilen Gitarren alles an die Wand fahren. Gänsehaut! Das hier ist emo as fuck! Da ist es schwer, passende Worte zu finden. Falls ihr mehr über The Hope And The Failure und Ina erfahren wollt, lege ich euch dringendst dieses lesenswerte Interview mit Ina auf Form und Leere ans Herz. Post-Hardcore trifft auf emotive Screamo, Zucker verbündet sich mit Salz, Schmerz und Wahnsinn liegen dicht beieinander und wenn ihr euch dieses Co-Release zwischen lifeisafunnything und Blind Eye Records durch die Lappen gehen lasst, dann seid ihr eh schon völlig weggetreten.

8,5/10

Stream / lifeisafunnything


Bandsalat: Anchoress, Bad Future, Fire At Will, Lambda, Lowest Priority, Old Gray, Open City, Petrol Girls

Anchoress – „Anchoress is Ruining My Life“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Jungs aus Vancouver dürften die ein oder anderen von euch vielleicht schon kennen, denn die bisherigen Veröffentlichungen deuteten bereits an, dass hier viel Potential schlummert. Und das wird auf dem neuen Album eindrucksvoll präsentiert. Geile Gitarren, verspielte und durchdachte Songstrukturen, fette Produktion, schön unterschwellige Melodien, noisige Ausbrüche, post-rockige Ausflüge, polterndes Bassspiel und ein Sänger, der zwischen Gesang und Gekeife alles draufhat. Ach ja, nicht zu vergessen, die Drums ballern auch kraftvoll. Perfekte Mischung aus Post-Hardcore, Punk, Melodic Hardcore und Screamo.


Bad Future – „Selftitled“ (Phobiact Records) [Stream]
Bereits nach den ersten zwei Songs hat man diesen Drang, sich diesem Sound live in einer Meute von bierspritzenden feierwütigen Skate-Punks hinzugeben. Die Gitarren flutschen schön oldschoolig rüber, dabei kommen immer wieder geile Melodien durch die raue Decke ans Tageslicht, die rotzige Kante bleibt ebenfalls immer in greifbarer Nähe. Vom Sound her erinnert das dann an eine Mischung aus den Spermbirds, Deadverse und Jawbreaker. Ach so, die Band kommt aus Seattle, Dirk.


Fire At Will – „Life Goes On“ (KROD Rec.) [Stream]
Das Label trat eigentlich in Kontakt, damit unsere in Japan beheimateten Leser/innen  auf die bevorstehende Frühjahrstour der französischen Melodic HC/Punk-Band rechtzeitig hingewiesen werden. Und vielleicht gibt es ja auch ein paar einheimische Leute aus dem deutschsprachigen Raum, die zu der Zeit einen Urlaub dort planen. Nun denn, das dem Infotext angehängte Album ist bereits im April letzten Jahres erschienen, aber die vier Jungs aus Toulouse klingen auf diesen zehn Songs so unverbraucht und frisch, dass die Spielfreude nur so aus den Lautsprechern spritzt. Klar, die Suppe ist aus den gewohnten Zutaten gekocht, aber die Würze bekommt nicht jede Band so gut hin. Der Sound geht schön nach vorne, ist melodisch und emotionsgeladen und klingt dazu noch abwechslungsreich. Mixt etwas Strike Anywhere, Good Riddance und melodischere As Friends Rust zusammen, dann wisst ihr ungefähr, was euch erwartet. Ach ja, die Japan-Tour findet vom 5.-10.April statt.


Lambda – „Im Schatten“ (Sooder Records) [Stream]
Auf diese schon seit 2007 existierende Punk-Band aus Graz  bin ich neulich auf Bandcamp gestoßen. Ich war sofort von den verspielten Gitarren und dem teils polternden, teils gefühlvoll gespieltem Bass angetan. Als dann auch noch der Gesang wie ein Dartpfeil ins Schwarze traf, freute ich mich, dass Lambda nicht aus Hamburg kommen, denn dann würden wieder Vergleiche hageln, die absolut unangemessen wären. Klar, die deutschen Texte verleiten dazu, den Bezug  zu diversen Punk-Bands aus Hamburg herzustellen, aber Lambda gehen noch ein paar Schritte weiter und experimentieren mit Post-Hardcore, Post-Punk, Noise und Indie-Rock. Dass die Instrumente under control sind, zeigen auch die zwei Instrumental-Stücke. Und bevor der Sound zu verkopft wird, besinnt sich das Quartett auf seine Punkwurzeln. Das Wort Lambda erfreut sich ja vielseitiger Bedeutung, deshalb passt das so gut zur Band, da diese ebenfalls sehr vielseitig unterwegs ist.


Lowest Priority – „Demo 2016“ (DIY) [Name Your Price Download]
Schön angepissten Youth-Crew-HC/Straight Edge-HC bekommt ihr auf dem vier Songs starken Demo dieser vier Mädels aus Seattle auf die Ohren. Und obendrein gibt es mit dem Song Not Just Boys Fun (Eigenkomposition, kein 7 Seconds-Cover) einen verbalen Arschtritt in die verschwitzten und stinkenden Ärsche der Macho-Deppen auf HC-Shows. Ganz recht so, denn die nerven mich auch ziemlich. Roh und punkig, das fetzt! Ich persönlich ziehe jedenfalls eine Dag Nasty-Liveshow einer Nasty-Klopperei vor.


Old Gray – „Slow Burn“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Seit dem Hammer-Release An Autobiography sind auch schon wieder so in etwa drei Jährchen ins Land gezogen, in welchen ich die Band etwas aus den Augen verloren habe. Erst neulich stieß ich per Zufall beim Bandcamp-Surfen auf das neue, elf Songs umfassende Werk der Band aus New Hampshire. Und irgendwie hat es mich auf Anhieb fasziniert. Die brennende Hütte auf dem Cover kann problemlos auf die Musik übertragen werden. Da sind auf der einen Seite diese gefühlvoll, fast zerbrechlich daher kommenden Passagen, die an Bands wie Explosions In The Sky oder GYBE erinnern, die dazu noch mit poetisch vorgetragenen Spoken Words untermalt sind, u.a. beim vertonten Gedicht Like Blood From A Stone (William James). Alleine das würde ausreichen, um die Band in der Post-Rock-Szene groß rauskommen zu lassen. Aber dann kommen auf der anderen Seite diese wahnsinnig intensiven Screamo-Ausbrüche zum Vorschein, die mit wuchtig gespielten Drums und matschigen Gitarren auf lautstark machen, obwohl im Hintergrund flirrige Post-Rock-Gitarren stur und eigensinnig vor sich hinflirren. Verdammt gute Platte!


Open City – „Selftitled“ (End Hits Records) [Stream]
Selbst wenn ich nicht durch den Pressewisch erfahren hätte, welche Szenegrößen sich bei Open City die Finger wund spielen und den Hals blutig schreien, wäre ich schon bei den ersten Klängen dieser zehn Songs starken Debutscheibe hellhörig geworden. Boah, endlich mal wieder eine Band, die ohne groß rumzulabern direkt loslegt und bereit dazu ist, die Bude kurz und klein zu hacken. Genau so sollte energiegeladener Hardcore klingen. Vergrabt eure Metal-Gitarren tief in der Erde, die richtige Power gibt’s mit melodischem oldschool Hardcore. Dazu noch ’ne ordentlichen Portion Melancholie und  Melodie, dann grinse ich zufrieden wie ’ne Fliege, die auf ’nem fett stinkenden Scheißhaufen sitzt. Zehn Songs in 23 Minuten sind ja auch ’ne Ansage. Das hier würde ich gern live bewundern, das hat sicher ’ne Menge Pfeffer im Arsch.


Petrol Girls – „Talk Of Violence“ (Bombermusic) [Stream]
Wenn eine Band was zu sagen hat, dann stürzt sich die Musikpresse ja immer besonders gern auf sie. Im Fall von Petrol Girls konnte man in den letzten Wochen und Monaten bereits einige interessante Interviews/Beiträge und sonstigen Kram lesen. Bei dem Quartett handelt es sich um ein gemischtes Doppel und wo andere Bands durch belanglose Texte glänzen,  fallen die Petrol Girls durch intelligente und hochpolitische Lyrics auf, die sich gegen Sexismus und andere machtdominierte Strukturen stellen. Dabei behält die Band immer eine ordentliche Portion Dreck in der Hand bereit, um die „Dirtbomb“ potentiellen Gegnern bei Bedarf mit voller Wucht in die Augen zu schleudern. Feminist Post-Hardcore, so steht es auf der Facebook-Seite geschrieben. Und ja, man muss froh sein, dass es diese Berichterstattung in der einschlägigen Musikpresse überhaupt gibt, denn gerade in der aktuellen HC-Szene ist diese Macho-Attitude zum meterweit kotzen vertreten. Ach, und bevor ihr Beatdown-Clowns mir jetzt Prügel androhen wollt: Touch me again and I’ll fucking kill you, röchel, haha. Logischerweise passt sich die Musik den genialen Texten an. Bei der ganzen Berichterstattung ums drumherum kommt leider die Musik viel zu kurz, obwohl die echt mal fetzt. Da müsst ihr unbedingt reinhorchen, falls ihr das eh nicht schon getan habt. Kleiner Anreiz: die Anfangspassage von Restless müsst ihr mal mit dem Song You Did It To Yourself  von der Band Life In Vacuum vergleichen. Krass, wa?