Lasershark – „A _________ Guide On How To Fuck Things Up“ (Midsummer Records)

Dieses Coverartwork! Front-Cover und Backcover sind wirklich phänomenal durchgeknallt! Burn The Gartenzwerg! Dann noch dieser total vermurkste Bandschriftzug, bei dem man nicht weiß, ob man von links, oben rechts oder unten lesen soll. Zu hässlich für ein Shirt, ich würd aber trotzdem eines anziehen, weil ich seit Erhalt dieser 12inch ziemlich präzise sagen kann, dass ich Fan bin! Bevor ich jetzt zuviel verrate: Es gibt da noch diese abgefahrenen Songtitel! Eigentlich würde es genügen, lediglich die Songtitel für diese Rezi hier einfach nur abzuschreiben und kommentarlos stehen zu lassen. Allein deshalb lohnt sich der Kauf dieser Platte!

Aber bevor ich es mir hier allzu leicht machen würde, muss ich lieber an den armen Nichtschwimmer Bernd denken, der zum mutigen Eintauchen ermuntert wird. Und nach zwei drei Durchläufen muss ich trotz Ertrinkungsgefahr und ernstem Hintergrund feststellen, dass man in dieses Album hier einfach gnadenlos eintauchen muss! Denn anhand der gerade beschriebenen optischen Eindrücke dürfte bereits klar sein, dass der Sound der Band aus Münster sicher auch in eine richtig fluffig-coole Richtung gehen muss. Und das wird bereits bei der ersten Hörrunde bestätigt! Und danach brennen sich die Songs auch noch richtig ins Hirn! Scheiße, ist das gut!

Nachdem man sich am Cover und Backcover satt gesehen hat, ploppt auch noch ein stabiles Textblatt aus dem Karton, das man locker lesend mit zwei Fingern halten kann. Und genau diese Textblatt-Qualität bereitet mir riesengroße Freude, ebenso wie die abgedruckten Lyrics, die mit sarkastischem Humor, Gesellschaftskritik und politischen Themen zeigen, welche Missstände man heutzutage als Band keinesfalls mehr vernachlässigen sollte. Zeig dem dummen Fascho-Zwerg, wo’s langgeht! Yeah! Ach so, die Jungs haben natürlich vorher in verschiedenen anderen Bands (Idle Class, Swan Songs und Goodbye Fairground) gezockt, das sollte auch noch erwähnt werden.

Und jetzt noch kurz zur Musik, die wahrscheinlich allen gefallen wird, die irgendwie in den Neunzigern hängen geblieben sind. Lasershark haben so ’nen geilen 90’s Groove drauf, dazu packen sie ein bisschen Metal, Hardcore, Punk, Emocore und Post-Hardcore mit rein. Wahnsinnig gut! Riffs, die von den alten Metallica stammen könnten, treffen auf Life Of Agony-Groove, dann sind da wieder Gang-Shouts und aggressive Hardcore-Riffs, bis irgendwann so Amulet-mäßige Gitarren reinschneien. Irgendwie haben die Jungs in ihrem Leben sicher auch viel Death By Stereo, Snapcase und By A Thread gehört. Und neuerdings vielleicht auch Higher Power, vermutlich auch Alice In Chains. Achtet mal auf die Gitarren und auch auf die Vocals/Gangshouts. Verdammt, ich will eigentlich gar nie so viele Referenz-Bands angeben, aber wenn ich selbst Kritiken lese, orientiere ich mich schon ein bisschen daran! Abschließend muss ich einfach sagen: Das hier? So verdammt gut!

9/10

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Buchvorstellung: Itchy – 20 Years Down The Road (How To Survive As A Rock Band II)

Ha, lustig! Vor kurzem noch die Bandbiografie der Donots gelesen/besprochen, da schneit auch schon das nächste Buch einer deutschen Punkband herein. Die Band Itchy wurde im Jahr 2000 im schwäbischen Eislingen an der Fils von drei Freunden unter dem peinlichen Namen Itchy Poopzkid gegründet. Pünktlich zum zwanzigjährigen Jubiläum haut das Trio sein mittlerweile zweites Buch raus, der peinliche Name wurde mittlerweile auch geändert. Moment mal, die Band hat soviele Geschichten parat, dass gleich zwei Bücher mit dem Stoff gefüllt werden können? Ich hab das erste Buch zwar noch nicht gelesen, aber wenn das auch nur halb so witzig wie Itchy – 20 Years Down The Road – How To Survive As A Rock Band II geschrieben sein sollte, dann muss ich das wohl oder übel irgendwann bald mal noch nachholen. Selbst wenn ich gar kein Fan der Band bin und ich auch sonst – außer einer Show im Vorprogramm von Boy Sets Fire im Universum Stuttgart anno 2003 – keinerlei Berührungspunkte mit dem Sound der Jungs habe. Abgeschreckt vom beknackten Bandnamen und den krampfhaft lustig wirkenden Ansagen auf der oben genannten Show, ging ich mit der Band erstmal auf Distanz.

Obwohl, es gab noch diese MTV-Show, bei der Itchy im Wettbewerb gegen Madsen angetreten sind. Beide Bands wurden an einem unbekannten Ort in Europa mit ihrem Equipment und einem Tour-Van mit leerem Tank ausgesetzt und mussten ohne Hilfsmittel wie z.B. Geld oder Handys den Weg zurück nach Berlin schaffen und dabei noch Live-Auftritte an Land ziehen. Die hab ich auch geguckt. Da fiel mir bereits auf, mit welcher Hingabe, mit welchem Eifer und mit welchem Spaß und großer Leidenschaft die Sache in Angriff genommen wurde. Mittlerweile haben die Schwaben im Verlauf ihres Bandlebens an die 1000 Gigs in zwanzig verschiedenen Ländern runtergerissen. Und seit dem ersten Auftritt wurde immer sorgfältig Tour-Tagebuch geführt. Aus diesem dürften auch die zahlreichen Anekdoten aus diesem Buch stammen.

Aufgelockert sind die Texte durch viele Fotos, hinzu kommen ausgeschnipselte Zeitungsartikel, Fan-Konzertbewertungen und Chatverläufe, bei welchen man die Lust an der geliebten Bandprobe zwischen den Zeilen suchen muss. Zudem kommen viele Wegbegleiter zu Wort, was auch noch zur Vielfalt beiträgt. Und was sich auch schon beim Donots-Buch bestätigt hat, der Erfolg von Itchy kommt nicht vom faul zuhause auf dem Sofa liegen. Die Jungs haben sich seit ihrer Gründung als DIY-Provinz-Jugendhaus-Band bis heute förmlich den Arsch abgespielt und sind trotz einiger Rückschläge und verkorkster Entscheidungen hartnäckig am Ball geblieben. So ergatterten sie eine Major-Plattendeal, es kam zu Charterfolgen und als Folge davon zu ausverkauften Tourneen. Irgendwann haben sie ihr eigenes Label Findaway Records ins Leben gerufen, über das Unterlabel Findaway Books ist nun dieses Buch erschienen. Und das kommt in einem schönen Format mit stabilen Seiten, das Ding liegt gut und schwer in der Hand.

Bei Fans und Nicht-Fans dürften die verfassten Zeilen gewissermaßen gleich gut ankommen. Wo sonst bekommt man so detaillierte Einblicke in das Leben einer tourenden Band? Zudem gibt es immer wieder spannende Geschichten zu anderen Promis, mit welchen die Band irgendwo zusammengetroffen ist. Das reicht von der Flipper-Party mit Slayer und Nuclear Blast-Gründer Markus Staiger über Begegnungen mit dem Papst und einer Tour mit Bad Religion bis hin zu Backstage-Star-Allüren von Billy Corgan (Smashing Pumpkins). Dass bei 20 Jahren Down The Road so einige haarsträubende Geschichten zusammengekommen sind, versteht sich ja eigentlich fast von selbst. Außerdem dürften es die Jungs nach den Schilderungen im Buch bei zukünftigen Roadtrips ziemlich schwer haben, ihrer Support-Band einen Streich zu spielen. Obwohl, sie sind ja ziemlich pfiffig, was das anbelangt! Solltet ihr also keine Angst vor schlechten Wortwitzen und schelmischen Bemerkungen haben, dann steht dem Lesevergnügen nichts im Wege. Außerdem eignet sich das Buch auch als Anreiz für Leute, die es mit ihrer Band irgendwann mal schaffen wollen und noch keinen Plan haben, wie man das umsetzen soll.

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Deep End – „Isolated Actions“ (Intersphere Records u.a.)

Ich liebe Pusteblumen und die Fallschirmchen, die beim Pusten durch die Lüfte segeln! Auch als Heuschnupfengeplagter Mensch erfreue ich mich an dem Anblick. Schön, dass die finnische Band Deep End so ’ne Pusteblume für das Frontcover ihrer zweiten (?) EP gewählt hat. Das abtrünnige Fallschirmchen erinnert irgendwie an das schwarze Schaf der Minor Threat EP. Auf dem Backcover gibt’s dann auch noch ein paar Fallschirmchen zu sehen, zudem sind da die Lyrics abgedruckt. Außerdem erfährt man hier auch, dass die 7inch als Co-Release der DIY-Labels Intersphere Records, Thug Free, Evil Corporation, Fast Decade Records und Keep It A Secret Records erschienen ist.

Die Band hat sich in Tampere aus fünf Szene-Hasen zusammen gefunden, vorherige Bands waren Abduktio, Manifesto Jukebox, One Hidden Frame, Remissions, Vapaa Maa, Armageddon Clock, Atom Notes, Kaupungin Valot und None Would Remain. Wahrscheinlich sind sich die Bandmitglieder immer wieder über den Weg gelaufen und haben darüber phantasiert, endlich mal ’ne Melody-Skatepunk-Band auf die Beine zu stellen. Die Vorbilder der vier Songs sind eindeutig im 90er Fat Wreck und Epitaph-Kosmos zu verorten. Die Gitarren hauen ein melodisches Riff nach dem anderen raus, der Schlagzeuger fährt wahrscheinlich neben seinem schnellen Getrommel in Gedanken sein Skateboard in der Half Pipe, der Bass spielt schön dagegen. Viel Harmonie entsteht zusätzlich durch die zweite melodische Gitarre und den hymnischen Gesang. Bands wie Pennywise, Down By Law, NOFX, Passage 4, Satanic Surfers, 88 Fingers Louie oder frühe Green Day dürften da große Einflüsse genommen haben. Und spätestens beim Song Worthwile klingelt NOFX dann nochmals ungeduldig an der Tür!

Der Sound klingt jedenfalls schön frisch und knackig. Und auch die Spielfreude schwappt aus jedem Ton raus. Wie gern würde ich mit dem Sound im Ohr ein paar Moves auf dem Skateboard machen! Da macht mir leider gerade mein Knie ’n Strich durch die Rechnung. Und eben jenes ist auch dafür verantwortlich, dass ich meine erste Rezi nicht am Schreibtisch in die Tastatur hacke, sondern diese Zeilen umständlich im Liegestuhl auf dem Balkon ins Smartphone tippe. Aber das ist eine andere Geschichte, will euch ja nicht mit altersbedingten Verschleißerscheinungen oder Krankengeschichten aus dem Vorrentenalter langweilen. Wenn ihr also die oben genannten Bands mögt und auch gegenüber neueren Vertretern wie z.B. Hell And Back oder Idle Class offen seid, dann bitte hier entlang! Macht ordentlich Laune!

8/10

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Fiddlehead – „Between The Richness“ (Run For Cover Records)

Das ziemlich starke Debutalbum Springtime And Blind hat mir seinerzeit den Sommer 2018 versüsst, Between The Richness macht nun dasselbe mit dem Sommer 2021, auch wenn die Inhalte der Songs wieder eher im melancholischen Bereich angesiedelt sind und die Pandemie auch immer noch im Nacken sitzt. Meine Begeisterung für dieses Album, ja diese Band, kann ich kaum in Worte fassen. Hier hat die Band, die sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammensetzt, erneut einen Meilenstein in Sachen Emocore und Post-Hardcore gesetzt! Aber sowas von! Der Opener fährt gleich mit diesem Wahnsinns-Riff auf, die Melodie ist schon beim ersten Durchlauf ins Hirn gebrannt! Ich hüpfe wie ein glückliches Blumenkind durch die Wohnung! Und genauso geht es weiter, Song für Song, insgesamt zehn an der Zahl. Und alle durchaus: Hymnisch, melodisch, melancholisch. Diese wundervollen Gitarren, die klingen, als ob sie mit viel Gefühl aus den Ärmeln geschüttelt würden, dazu der gegenspielende Bass, die Drums und die einfühlsamen Vocals. Kaum zu glauben, kaum auszuhalten! So verdammt bittersüß! Ich bin direkt bei dem ersten Durchlauf von Liebe erfüllt. So gut klingt das alles. Musikalisch ist hier ganz viel Dag Nasty, Down By Law und Hot Water Music mit an Bord, Basement (hihi), Sunny Day Real Estate und Sensefield dürften auch einflussreich gewesen sein. Ich bin von dem Album so begeistert, dass ich eigentlich keinen der Songs besonders hervorheben möchte. Das Ding hier funktioniert am Stück in Dauerschleife am Besten.

Das farbenfrohe und naturverbundene Albumartwork sticht dazu übrigens auch besonders ins Auge, meine Liebste meinte sogar, dass sie das Ding an irgend so ein Handy-Zeitvertreib-Spiel (Gardenscapes?) erinnern würde. Sachen gibt’s, mich erinnert das eher an die explodierende und fabelhafte Natur da draußen. Handy-Zeitvertreibs-Spiele sind der Teufel! Mein Vinyl ist übrigens purpur und hat auf der A-Seite geringe Weißtupfer um das Label rum. War wohl nicht so geplant, eigentlich hätte purpur mit weiß umflossen werden sollen. Tja, da scheiß ich aber kräftig drauf, wenn die Musik so geil ist, kann man auch da drüber wegsehen. Und eigentlich find ich das purpur mit den weißen Pünktchen gar nicht so übel, ist mal was anderes als dieses ineinander verschwommene Tsunami-Vinyl, bei dem nicht klar ist, welche Farbe „gewinnt“.

Textlich geht’s übrigens auch wieder richtig emotional zur Sache. Beim letzten Album war das Ableben von Sänger Patrick Flynns Vater ein Thema, das sich schmerzvoll durch das Album schlängelte. Der Tod des Vaters spielt auch auf Between The Richness wieder eine Rolle. Mittlerweile wurde Patrick Flynn selbst Vater, so dass die Lyrics diesmal das neue Leben und den Tod umfassen. Diesmal stehen aber die eigenen Gefühle und seine Sicht auf die Gesamtsituation im Vordergrund. Und so beschreibt der Albumtitel Between The Richness das seltsame Gefühl zwischen Traurigkeit und Glück. Schön, dass der Platte ein Textblatt beiliegt! Ganz große Liebe für diese exzellente Platte!

10/10

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Aloa Input – „Devil’s Diamond Memory Collection“ (Siluh Records)

Warum bin ich bisher noch nie auf die Band Aloa Input aufmerksam geworden, obwohl es die Formation mittlerweile auch schon seit über zehn Jahren gibt und bereits zwei Alben über Morr Music erschienen sind? Und hier sind dazu auch noch Leute aus dem Umfeld von The Notwist involviert. Das Trio besteht aus Cico Beck aka Joasihno (Notwist, Ms. John Soda, Spirit Fest, You + Your D. Metal Friend), Marcus Grassl (ehemals Missent To Denmark) und Florian Kreier aka Angela Aux. Hinter dem Album Devil’s Diamond Memory Collection steckt jedenfalls eine Menge Arbeit. In den letzten fünf Jahren hat die Band in zahlreichen Recording-Sessions an verschiedenen Orten und Kontinenten an die fünfzig Demo-Stücke aufgenommen, die letztlich für das Album auf zwölf Stücke und eine Spielzeit von 43 Minuten zusammengeschrumpft wurden. Angesichts der sagenhaft schönen Songs ist es eigentlich sehr belastend, dass auf irgendwelchen Bändern weitere mögliche Songperlen verstauben.

Für das Album hat sich die Band ein Konzept ausgedacht, das textlich sehr philosophische Gedanken mit im Gepäck hat. Das Thema lautet „Die gefühlte Ewigkeit“, wobei jeder Song aus einer anderen fiktiven Raum- und Zeit-Perspektive in der Zukunft erzählt wird. Hier verschwimmt Science Fiction mit der Realität, denn irgendwie sind wir bereits in der Zukunft angekommen. Das Thema spiegelt sich auch im gemalten Artwork des aufklappbaren Papp-Digipacks wider, hier gibt es ebenfalls viel zu interpretieren.

Ähnlich verkopft und weird klingt dazu die reduziert wirkende Mischung aus melancholischem und warmem Lo-Fi-Folk, Indietronic und experimentellem Pop, bei genauem Hinhören fällt dann aber schnell deutlich auf, dass hier viel am Sound getüftelt wurde. Jedenfalls erzeugen alle Songs auf Anhieb so ein extrem vertrautes Gefühl, so als ob das Album und ich schon jahrelang miteinander befreundet wären. Wenn ihr Zeugs wie Notwist, 13 & God, Why?, Kreidler, Animal Collective, Schneider TM oder Caribou mögt, dann kommt ihr an diesem exzellenten Meisterwerk nicht vorbei!

9/10

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Gomme – „Absent Healing“ (Adagio 830)

Die Band Gomme gründete sich im Jahr 2015 in Paris als ein all female-Trio, vor der EP Absent Healing wurde ein Album veröffentlicht. Mittlerweile besteht die Band nur noch als Duo, zumindest wirkt auf Absent Healing neben Betsy Roszkowiak laut Plattencover lediglich Hannah Todt mit. Ein paar Drumspuren wurden von ’nem Typ eingespielt. Egal eigentlich! Denn die Power geht eindeutig von den beiden Damen aus: Betsy stammt ursprünglich aus San Francisco, Hannah kommt aus Wien, beide leben aber in Paris. So lässt sich vielleicht erklären, dass die 6 Songs in einem Sprachmischmasch aus Deutsch, Französisch und Englisch dargeboten werden.

Das Artwork ist jedenfalls schon mal einen Hingucker wert, zudem lädt es förmlich zum Nachdenken ein. Im Zusammenhang mit dem EP-Titel und der Zeichnung des Körpers mit seinem Nervensystem plus Organen und dem mental angedeuteten Empfinden schwebt mir gleich das Krankheitsbild somatische Belastungsstörung vor dem inneren Auge. Bei näherer Betrachtung des Lyric-Sheets, auf dem zwar leider keine Texte abgedruckt sind, aber ein weiteres Kunstwerk zu sehen ist, das zweifelsfrei verschiedene oberpeinliche Arten des Mansplainings darstellt, wird diese Interpretation des Artworks immer wahrscheinlicher. Auch das von einem Mann gesprochene und fast geblökte Intro deutet darauf hin, zudem reicht mein Schulfranzösisch aus, um mir ein Bild von den feministischen Textinhalten machen zu können, die sich gegen die patriarchal strukturierte Gesellschaft richten und mit Sicherheit auch die ein oder andere persönlich schmerzhafte Erfahrung beinhaltet.

Vom Sound her geht das Duo in Richtung Post-Punk, Goth-Punk und Noise, teils wird es ganz schön düster und kalt. Das Gerüst aus hämmernden und kraftvoll gespielten Drums und polterndem Bass wird oft durch dissonanten 80er-Gitarrenkrach unterstützt, dazu gesellen sich mal wütende und mal leidende Frauenstimmen, die auf der einen Seite Resignation ausstrahlen, auf der anderen Seite aber auch mächtige Stärke zeigen. Die Vocals stecken jedenfalls voller Emotion und zusammen mit den angeschrägten und dynamischen Instrumentalbegleitungen stellen sich desöfteren mal die Nackenhärchen auf. Gerade auf Vinyl und mit basslastigen Lautsprechern zeigt die Musik von Gomme eine äußerst magische Wirkung, hört euch nur mal den Song Floss an! Auch wenn es mal punkiger und schneller wird, wie z.B. bei L’Inverse, bleibt diese Magie erhalten. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Sound auch live sehr tanzbar ist! Sehr cooles und wichtiges Release!

8/10

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Ghost Bag – „Palindrome“ (Adagio 830)

Nach dem eindrucksvollen Debut unter dem Titel Ghost Bag & Tine Fetz hat der niederländische Nick Jongen (Sleep Kit, I Am Oak, Baby Galaxy) sieben Songs aufgenommen, die jetzt als einseitig bespielte 12inch mit dem Titel Palindrome auf Adagio 830 erschienen ist. Die Fotos auf Front und Back-Cover und auf der Innenhülle wurden von Tine Fetz geschossen, auf der Innenhülle ist auch wieder eine kleine Geschichte von ihr im Graphic Novel/Comic-Stil zu bewundern. Ich habe lange in den Songtiteln, Texten und auf den Reklametafeln des 24-Stunden-Beerdigungsinstituts nach einem Palindrom gesucht, hab aber ums Verrecken keines gefunden. Ihr wisst ja sicher alle, was ein Palindrom ist, dennoch fasse ich es kurz zusammen: das kann ein Wort oder gar ein Satz sein, der von vorn und von hinten gelesen identisch ist (z.B. Rentner, Rentner ist eines meiner Lieblingspalindrome!), es gibt aber auch Palindrome, bei denen rückwärts eine andere Bedeutung rauskommt (z.B. Gras/Sarg, um im Bestattungswesen zu bleiben, auch sehr geil!). Außerdem gibt es auch Palindrome in Musikstücken, zudem fällt mir noch die Technik des Backward-Maskings ein. Mein Plattenspieler kann das zwar, aber mehr als einen Song hab ich jetzt doch nicht durchgehalten, trotz Zwangsneurose, das Palindrom zu finden. Mein Palindrom hab ich letztlich dennoch gefunden: ich bin mir sicher, dass auf Abbildung vier der Tine Fetz-Story ein Reliefpfeiler (!) abgebildet ist!

Auf dem Backcover erfährt man, dass Tine Fetz zusammen mit Nick Jongen vom Goethe-Institut nach Salvador/Brasilien eingeladen wurde. Die sieben Songs wurden während diesen Aufenthalts aufgenommen, vermutlich wie auch schon beim Debut in traditioneller Homerecording-Atmosphäre im eigenen Schlafzimmer. Gemischt wurden die Songs dann wieder von Nick Jongen daheim in Maastricht, für’s Mastering war diesmal Christian Bethge in Mannheim zuständig. Und so klingen die Songs sehr intim und warm, über gute Kopfhörer und bei geschlossenen Augen bekommt man fast das Gefühl, dass man im selben Raum mit dem Musiker wäre. Im Singer/Songwriter-Stil sind die Songs schön lo-fi gehalten. Außer der gezupften Gitarre und der emotionsgeladenen Stimme Nicks sind nur mal leise Synthies und Backing Vocals von Tine Fetz zu hören, zirpende Grillen gibt es auch noch zwischendurch. Und trotz der Reduziertheit in den Songs entwickelt sich in jedem der Stücke eine starke Atmosphäre, die fast schon hypnotisierende Wirkung hat.

Textlich werden unter anderem die Eindrücke des Aufenthalts in Brasilien verarbeitet, es werden mitunter sehr viel persönliche Erinnerungen und Erfahrungen thematisiert, das geht natürlich direkt unter die Haut. Wie auch schon auf dem Debut scheint die eigene Vergänglichkeit ein großes Thema zu sein. Vergangenes, die Gegenwart und die Sorge um die Zukunft im Hinblick auf die Tatsache des viel zu schnellen Erwachsenwerdens bzw. Alterns unterstützt natürlich zusätzlich die melancholische Note. Leute, die Singer/Songwriter-Stuff wie z.B. Elliott Smith, Surfjan Stevens, Owen oder Troy Von Balthazar mögen, werden auch hierbei voll auf ihre Kosten kommen. Palindrome ist jedenfalls eine tolle EP, die man unbedingt auf Vinyl genießen sollte!

8/10

Bandcamp / Adagio 830


Buchvorstellung: „Die Geschichte der Donots – Heute Pläne, morgen Konfetti“ (Ingo Neumayer)

Nach einigen Band-Biographien von US-HC/Punk-Urgesteinen gibt es jetzt mit Die Geschichte der Donots auch endlich mal wieder eine Band-Bio einer deutschen Punkband zu lesen. Dass die Band in ihrer mehr als einem Vierteljahrhundert bestehenden Laufbahn bis zum Erlangen ihrer heute gefestigten Größe in der deutschen Punkrockszene einige Höhen und Tiefen zu bewältigen hatte, davon erzählt die 360 Seiten starke und mit zahlreichen Fotos ausgestattete Biografie. Verfasst wurde die Geschichte von Ingo Neumayer (ex-Visions-Chefredakteur, mittlerweile freier Autor für verschiedene Medien), der ein langjähriger Freund der Band ist.

Die Geschichte startet in den frühen Neunzigern mit den musikalischen Vorlieben der beiden Knollmann-Brüder. Über Zeugs wie Billy Idol geht es schnell Richtung Metal, Trash und Hardcore und auch Punk ist nicht weit entfernt. Nach ersten Konzertbesuchen wurde schnell klar, dass eine eigene Band gegründet werden musste, Mitstreiter wurden im ebenfalls musikbegeisterten Freundeskreis schnell gefunden. Wie wir alle wissen, legt man sich mit reichlich Leidenschaft und Herzblut besonders ins Zeug, vom DIY-Gedanken angetrieben kommt hier der erste Stein ins Rollen. Die weitere musikalische Sozialisation übernahm das Juze Scheune in Ibbenbüren, in dem am 16. April 1994 der erste offizielle Auftritt stattfand. Seit 1996 spielt die Band übrigens in der heutigen Besetzung.

Ich muss zugeben, dass sich meine Live-Erlebnisse mit den Donots hauptsächlich auf die ersten Bandjahre vor der Jahrtausendwende beschränken. Danach verfolgte ich das musikalische Schaffen der Band nur so am Rand, immer lesenswert fand ich dabei die Interviews in der einschlägigen Presse, die mir die Band als sympathische Zeitgenossen erscheinen ließ. Nach der Lektüre dieses Buchs sind mir die Jungs sogar noch sympathischer geworden. Zum Beispiel war mir total neu, dass Gitarrist Guido voll auf HC und Straight Edge abging, ein Beweisfoto des jungen Guidos mit Up Front-Shirt kann man im Buch bewundern. Ein sagenumwobener Auftritt der Band Earth Crisis in der Scheune wird auch geschildert, die aufgeführten Erlebnisse machten seinerzeit bis nach Süddeutschland die Runde, obwohl es da noch kein oder nur spärliches Internet gab. Nun, wahrscheinlich werden eingefleischte Donots-Fans die ein oder andere Geschichte kennen, jedoch wird auch sehr tiefgehend das Innenleben der Band durchleuchtet.

Persönliches Flyerarchiv Crossed Letters

Gerade Anfang der Nuller hatten die Donots einen schweren Stand in der HC/Punk-Szene, die Sellout-Rufe hallen mir noch jetzt im Ohr. Speziell die Dauerrotation auf MTV und VIVA und die Vermarktung der Band als coole Snowboard und Skate-Jungs behagte der damaligen Underground-Szene überhaupt nicht. Im Buch finden sich recht offen die Antworten auf die Frage, welche persönlichen Entscheidungen z.B. hinter dem Wechsel von der DIY-Keller-Band zu einem Majorlabel steckten, die künstlerischen Differenzen mit der Plattenfirma sind auch bis ins Detail aufgelistet. Lustig fand ich hier die Geschichten zu den Dreharbeiten der Musikvideos. Von den Schwierigkeiten und auch den gesundheitlichen Problemen, die die Band sonst noch im Laufe der Jahre bewältigen musste, wusste ich vor der Lektüre des Buchs rein gar nichts. Das reichte von musikalischen Blockaden über schwindende Fanzahlen bis hin zum finanziellen Supergau, bei dem sogar die privaten Finanzreserven der Bandmitglieder für die Band verbraten wurden. Ich hatte keinen Schimmer, dass es bei dem Album Coma Chameleon so große Geldprobleme gab, dass für den Stop The Clocks-Videodreh nur die beiden Knollmanns nach Schweden fliegen konnten und für die anderen Bandmitglieder tättowierte Statisten herhalten mussten. Und plopp, dieser Song war es dann aber, der der Band quasi durch etliche Video- und Radio-Plays den Arsch rettete. Interessant sind auch die Einblicke ins bandeigene Label Solitary Man Records.

Persönliches Flyerarchiv Crossed Letters

Die zahlreichen Schnappschüsse aus dem Privatarchiv der Donots ergänzen das geschriebene Wort dann hervorragend. Neben einigen mir bekannten Flyern und Plakaten fand ich das Foto des auf der 1999-er-Beatnots-Tour entstandenen Wand-Graffitis im Lindauer Club Vaudeville ganz berührend, das Ding existiert noch heute. Aus diesem Grund hab ich jetzt einfach mal noch ein paar Flyers aus meinem persönlichen Archiv in diesen Text mit reingepackt. Außerdem kommen zahlreiche Weggefährten zu Wort, die allesamt lobende und ehrende Anmerkungen zur Gesamtgeschichte beisteuern. Schade, dass sich die Stadt Isny nicht in der Top-5-Liste der lustigen Ortsnamen befand, denn beim Konzert damals (11 DM Eintritt, 1999 – siehe Konzertkarte aus Privatarchiv) machte sich die Band ziemlich über den Ortsnamen her. Die Geschichte liest sich dazu insgesamt sehr flüssig und spannend, so dass auch bisher Donots-fremde Menschen nach der Lektüre des Buches in Versuchung kommen werden, sich mal den einen oder anderen Song anzuhören. Zudem könnte das Buch auch für Leute interessant sein, die sich überlegen, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen, quasi als Anreiz.

Persönliches Flyerarchiv Crossed Letters

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Slow Worries – „Careful Climb“ (Adagio 830)

Oh wie froh und dankbar bin ich, dass aus dem letzten Promo-Paket aus dem Hause Adagio 830 diese 12inch hier herausgepurzelt ist! Irgendwie wäre mir ansonsten mit höchster Wahrscheinlichkeit eine vorzügliche Band und ein sagenhaftes Release gnadenlos durch die Lappen gegangen. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir das Cover schonmal irgendwo unter die Augen gekommen sein muss. Das doch sehr ungewöhnliche Artwork vergisst man nämlich nicht so schnell wieder. Wer kleine Kinder hat, kennt die Ermahnung zum vorsichtigen Klettern ja nur zu gut, wenn die Kleinen mal wieder höher auf dem Baum rumschwingen, als man sich das selbst das mit Sicherheitsvorkehrungen wie Seilen oder Auffangmatratzen trauen würde. Jedenfalls sehe ich für mich persönlich die Bilder auf Cover, Backcover und Inlay ein bisschen im Coming Of Age-Kontext, hier ist die Entwicklung von einem kleinen Mädchen zur jungen Dame zu sehen, meiner bescheidenen Meinung nach. Und in der Tat beschäftigen sich auch die Lyrics mit den Irrungen und Wirrungen des Alltags. Der stete Kampf, das permanente Durchatmen. Und das alles zwischen Orientierungsschwierigkeiten und rasantem Auf und Ab im schnell drehenden Karussell des Lebens!

Ja, erwachsen sind die drei Damen und der Herr an der Gitarre jedenfalls schon seit längerem, Slow Worries gründeten sich nämlich irgendwann im Jahr 2014, zudem tummelten sich die Mitglieder zuvor schon in anderen Bands der Amsterdamer Squat-DIY-Szene wie z.B. New YX, Pony Pack und Dusty Blinds. Zudem gibt es mit den Bands Apneu, SOON, Alienbaby Collective, Bombay und Oust noch Parallel-Beschäftigungen, weshalb auch der Entstehungsprozess des Debutalbums ganze vier Jahre dauerte. Entschleunigung hat noch nie geschadet! Das Release ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Adagio 830, Subroutine und Breaking Records erschienen.

Sobald die Nadel auf’s Vinyl trifft, zaubern Dir Slow Worries ein hochzufriedenes und fast schon abnormales Grinsen ins Gesicht! Denn das Quartett macht wundervollen, gitarrenlastigen 90’s Indierock, Einflüsse aus Grunge, Slacker-Rock, Post-Hardcore und rockigem Emo sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Eine Hookline jagt die nächste, das klingt alles so verdammt catchy, lebendig und leichtfüßig! Die Gitarrenriffs werden locker aus dem Ärmel geschüttelt, dazu dieser genial gegenspielende Bass, die fluffig gezockten Drums und natürlich die einfühlsamen female Vocals, hier schwappt förmlich die Spielfreude aus jedem Ton! Mich erinnert der Sound ein bisschen an die leider viel zu kurzlebige deutsche Band Ohios Favourite oder ganz grob auch an Monochrome zur Eclat-Phase, natürlich dürften aber gerade Bands wie z.B. Dinosaur Jr., Yeah Yeah Yeahs, Breeders, Veruca Sault oder Ovlov große Einflüsse sein. Hört euch doch nur mal dieses Wahnsinns-Riff im Song When We Go Out an! Das klingt so vertraut! Und tief drin ist man bereits wie bei einem Deja-Vu auf Anhieb in das Ding verschossen! Ähnliche Erlebnisse verspürt man bereits beim allerersten Durchlauf an mehreren Stellen, Devil ist auch so ein Kandidat. Und mit jeder weiteren gedrehten Runde verfestigt sich die Liebe! Und während man aufgewühlt durch die heimische Bude tanzt, wünscht man sich in einen muffigen und modrigen Keller, in dem sich ein bunt gemischtes Publikum zum bittersüßen Sound schwitzend und fröhlich die Seele aus dem Leib tanzt! Diese Gerüche fehlen mir jetzt zwar nicht gerade, aber Careful Climb ist der Soundtrack zu einem duftenden Frühling, diese Platte lässt die Sonne scheinen und setzt die Aromen der Natur frei! Shit, ich klinge wie ein mit Drogen vollgepumpter Hippie!

9/10

Bandcamp / Facebook / Adagio 830


Desolat – „Songs of Love in the Age of Anarchy“ (Bloodshed666 Records)

Ein richtiger Hingucker ist die zweite EP der Wiener Band Desolat geworden. Das Ding kommt als hammergeil aussehende Picture-Vinyl 12inch. Es gibt eine bunte Seite, die im Wimmelbild-Collagen-Stil satirische Zeichnungen und reale Fotos zeigt, unter anderem sind einige österreichische Spezialitäten zu sehen, Gösser-Bierdose inklusive. Die andere Seite ist mit einem durch den Kopierer gejagten Bandfoto in schwarz-weiß-Optik gestaltet, hier erfährt man auch die Songtitel und ein paar andere Eckdaten zum Release. Fälschlicherweise wurde auf die Vinylscheibe 45rpm aufgedruckt, das Ding läuft aber am besten rund mit 33rpm. Das originelle Artwork stammt übrigens von der Allround-Künstlerin Lisl Matzer (Sängerin und Gitarristin bei der Band Face The Owl). Bei Songs of Love in the Age of Anarchy handelt es sich um das zweite Release der Band, die aus der Stoner/Sludge-Band Cyruss hervorgegangen ist. Insgesamt sind fünf Songs in einer Spielzeit von etwas knapp über zwanzig Minuten zu hören.

Entgegen des farbenfrohen Wimmelbilds ist das Trio sehr düster unterwegs. Ein Panzergeschütz aus walzenden Drums und knarzendem Bass bildet die Grundlage, dazu gesellt sich eine Gitarre, die zwischen schwermütigen Melodien und harten, groovigen Riffs pendelt. Und dann gibt’s noch dieses fiese Geschrei des Sängers, das Parallelen eines tollwütigen Straßenköters erkennen lässt. Der Typ schreit mit einer Inbrunst, die keine Zweifel aufkommen lässt, dass er im Ernstfall auch stahlhartes Eisen durchbeißen würde. Neben den zahlreichen schleppenden Passagen gibt es auch mal heftigere und schnellere Ausbrüche, die Jungs verstehen ihr Handwerk, soviel wird bereits beim ersten Durchlauf klar. Und jeder weitere zeigt, dass hier mit viel Liebe zum Detail komponiert wurde, auch die verschiedenen Filmsamples fügen sich wie für sie drum herumgespielt in den Gesamtsound mit ein. Und immer wieder dringt diese zum tonnenschweren Sludgecore äußerst kontrastreiche und fast schon harmonische Gitarre in den Vordergrund, zudem ist eine starke Noise-Kante vorhanden.

Merke also: Österreich muss man nicht automatisch mit Wiesen, Wäldern und Wandern verbinden, es gibt auch durchaus eine Schattenwelt, in der das Berggestein einmal mit der Dampfwalze überrollt wird. Da bleibt außer einer planen Fläche dampfenden Gerölls kaum etwas übrig. Die Jungs von Desolat kommen zwar aus der DIY-Anarcho-Punk-Szene, ihre Musik ist jedoch grob umschrieben ein schönes fettes Gemetzel aus Sludge, Doom, Blackened Hardcore, Crust, Noise und Stoner. Einziger Minuspunkt ist übrigens, dass kein Textblatt beiliegt. Anhand der Songtitel und des Artworks lässt sich aber erahnen, dass gesellschaftskritische und antikapitalistische Inhalte zentrale Themen sind. Und jetzt, dreht die Anlage laut auf und lasst euch vom dreckigen Sound der Jungs überrollen!

8/10

Bandcamp / Bloodshed 666 Records


Meijar – „Selftitled“ (lala Schallplatten)

Zwischen Interessensbekundung aufgrund einer e-Mail-Anfrage und Zusendung eines physischen Besprechungsexemplars liegt normalerweise ein wenig Zeit, aber bei diesem Release lag die 12inch nach nettem Mailkontakt tatsächlich zwei kurze Tage später vor der Wohnungstür. Wahnsinn! Da hab ich dann fast ein schlechtes Gewissen, wenn die Rezi erst ein paar Wochen/Monate danach erscheinen wird, weil noch einige andere Sachen in der Pipeline sind. Langsamer geht es kaum, da ist sogar manch Print-Magazin fixer unterwegs! Deshalb Verzeihung an dieser Stelle, aber ich feier die Entschleunigung trotzdem! Denn so hab ich Zeit, natürlich unmittelbar nach Erhalt und ausgiebigem Hörgenuss eines Releases kurz vor Veröffentlichung des Reviews nochmals reinzuhören und die bereits im Kopf stehende und teilweise auch schon niedergeschriebene Rezi eventuell noch zu überarbeiten und zu verfeinern.

Bei dem selbstbetitelten Debutalbum der Band Meijar beispielsweise ist erneutes reinhören gar nicht mehr erforderlich, denn die 12inch dreht seit ein paar Wochen eh immer wieder gern mal auf dem Plattenteller ihre Runden, ganz ohne jeglichen Zwang und Drang! Das Quartett kommt aus Dresden, die beteiligten Bandmitglieder haben zuvor bereits in anderen lokalen Bands gespielt. Hab nach kurzer, erfolgloser Internetrecherche aufgegeben, denn eigentlich ist es doch auch angesichts der Aufnahmen total egal, wo die Jungs zuvor gezockt haben. Was mir das Internet jedoch verraten hat: Meijar ist vermutlich Hindi und heißt übersetzt „Haupt“. Wenn man die 12inch in den Händen hält, dann geht erst mal ein Fragezeichen an das enorm schön hingekritzelte Albumartwork raus: Hase gräbt? Hase zermatscht/totgefahren? Immerhin erkannt, dass es ein Hase ist? Backcover: Hase hoppelt fröhlich davon? Ostern? Auferstehung? Ist das ein Schriftzug mit versteckter Botschaft? Alles sehr verwirrend, aber ein netter Zeitvertreib, daraus etwas zu deuten! Irgendwie schade, dass kein Textblatt beiliegt und die Texte trotz deutscher Sprache echt schwer rauszuhören sind. Wenn man dann doch ein paar Lyrics-Fetzen entziffert hat, kommt noch die Hürde der bildhaften Sprache dazu. Bei einer so wertigen Platte wird ein Textblatt mit zusätzlichen Infos natürlich schmerzlich vermisst!

Dieses Manko wird aber mit insgesamt acht hammerstarken Songs – darunter zwei instrumetale Zwischenspiele – ausgeglichen. Meijar haben nämlich eine richtig geil abgehende Mischung aus Post-Hardcore, etwas Noise und einem kleinen Schuss Neo-Grunge am Start. Kann sich jemand das hier in etwa vorstellen? Melancholische Fjørt mit brachialen Ausbrüchen liebäugeln mit atmosphärischen und post-rockigen Juliana Theory und einem Schuss Engine Down. Und das alles sauber und satt abgemischt! Manche Gitarrenpassagen sind so geil, dass ich meine verstaubte Gitarre rauskramen und das hier nachspielen möchte! Textlich sehe ich die Jungs auch ohne das ersehnte Textblatt bei Bands wie beispielsweise Klez.e, die sicherlich auch minimalen musikalischen Einfluss genommen haben. Und dann gibt es da auch noch diesen Refused-Groove, den man zur The Shape Of Punk To Come-Phase so sehr mochte, ein paar Deftones-mäßige Gitarren und etwas Neo-Grunge à la Citizen dürfen auch noch mit rein. Yeah! Meijar solltet ihr nach diesem tollen Debut im Auge behalten! Haltet auch mal nach den Videos der Band Ausschau, die sind auch kurzweilig anzusehen! Die Platte läuft jedenfalls nach der eingangs beschriebenen Zeit noch immer in Dauerrotation und wird das sicher auch noch eine Weile tun!

9/10

Facebook / Bandcamp / lala Schallplatten


Tape-Duo: Just Look Around, Sand And Sault


Just Look Around – „Freedom Remains“ (Modern Illusion Records) [Stream]
Was ist denn das für ein schönes Päckchen, das da im Briefkasten gelandet ist? Schön handlich verpackt, purzelt neben einem Tape ein Finger-Skateboard raus, das sich natürlich gleich der Nachwuchs unter den Nagel reißt. Den handgeschriebenen Brief darf der Papa aber selbst lesen, das Finger-Skateboard wird später unbemerkt zurückerobert. Tja, immer wieder wird man neuen Herausforderungen ausgesetzt…Ähem…und dann muss ich ja auch noch das Tapedeck der Kinder stiebitzen, aber das brauchen sie nach der Entdeckung des Internets eh kaum mehr. Tape rein, Kopfhörer auf, volle Lautstärke aufdrehen! Und dann geht es auch schon direkt los, nachdem ich beim Intro schon dachte, dass der Tonkopf mal wieder von den Kindern mit ’nem Schraubenzieher bearbeitet wurde. Das Tape kommt komplett in orange, das Tape-Cover strahlt auch einen gewissen Sommer-Touch aus, man könnte hier also durchaus sonnigen Skatepunk erwarten. Nach dem Intro trifft mich aber direkt die Breitseite! Just Look Around kommen aus Höxter und fahren voll das 90er-Hardcore-Brett ab! Leicht metallische Gitarren, moshende Parts und Chugga Chugga-Grooves. Die im Booklet abgedruckten Lyrics werden dann dem Sound angepasst ziemlich angepisst und wütend rausgebrüllt, Life Is An Endless Struggle…typisch Hardcore halt. Die Aggro-Vocals gehen für mich jedenfalls klar, textlich würde ich mir weniger stumpfes Phrasengedresche wünschen. Aber sieht man darüber hinweg, dann bekommt man insgesamt sieben fette Songs um die zwei-Minuten-Marke mit ihren jeweiligen Intros/Samples aus irgendeinem mir nicht bekanntem Film geboten, hier steht das Thema Weltfrieden und Menschlichkeit im Vordergrund. Musikalische Einflüsse kommen sowohl aus dem oldschooligen NYHC, Madball und frühe Vision Of Disorder beispielsweise, aber es geht auch etwas newschooliger in Richtung Earth Crisis oder Chokehold. Schön, um sich mal wieder etwas abzureagieren! Modern Illusion Records ist übrigens ein ziemlich neues DIY-Label aus Langenau/Ulm. Checkt auch mal die bisherigen Releases an, gerade die Bands Bent Blue und Mü klingen ganz interessant!


Sand And Salt – „Strike Two Tape“ (Seven Oaks Records) [Stream]
Auf diesem schön gestalteten Tape mit Jurassic Park-Dinozeichnung auf dem Cover sind die letzten beiden EPs einer mir bisher noch nicht bekannten spanischen Hardcoreband drauf. Drück auf Play und bekomm sofort Lust, mit ’nem Skateboard in den nächstbesten Pogo-Mob zu preschen. Sand And Salt kommen aus Tarifa, einem kleinen Städtchen in Andalusien, das auch gleichzeitig der südlichste Punkt des europäischen Festlands ist. Meerbedingt gibt’s da natürlich massig Sand und Salz! Und ich kann mir eine verschwitzte Live-Show mit dieser Band deutlich vorstellen, da rinnt der Schweiss in Strömen vom Körper! Melodisch und nach vorn gehen die sechs Songs durch die Decke, ganz schön Posi und mit geilen Youth Crew-Chören, Oldschool-Hardcore im Orange County-Stil! Wer die frühen Ignite-Sachen, Uniform Choice, Speak 714 oder anderes Zeug mit Joe D. Foster an der Gitarre vergöttert, dem wird Sand And Salt ein fettes Grinsen ins Gesicht zaubern! Das Tape kommt über Seven Oaks Records mit Download-Codes beider EPs (Embrace Life & Feet On The Ground), im aufklappbaren Cover sind alle Texte abgedruckt. Man braucht zwar fast ’ne Lupe, aber man erkennt auch ohne Vergrößerungsglas, dass die Texte voller Edge-Spirit und PMA sind! Ich feier die Jungs ab!


Neat Mentals – „Virus/It Ain`t Easy 7inch“ (DIY)

Das 7inch-Päckchen ist vielleicht vor zehn Minuten in den Briefkasten geworfen worden, da hab ich es auch schon mit zittrigen Fingern rausgefischt. Echt jetzt, das Ding war über eine Woche unterwegs, zudem hab ich kürzlich von einem räuberischen Postboten gelesen, der Ware im Wert von ca. 15000 Euro abgezwackt hat. Wenn ich mit solchen Nachrichten auf Post warte, dann werde ich zur Else Kling und schau permanent aus dem Fenster und stalke die arme Postbotin, die wahrscheinlich aufgrund meines ungewöhnlichen Verhaltens und der hysterischen Nachfragen schon Albträume von mir hat. Sie auf meine angespannte Situation anzusprechen, traue ich mich nicht, das kommt ja noch viel verschrobener rüber. Vielleicht Vorhänge besorgen, damit sie mich nicht bemerkt? Ups, ich schweife ab…

Jedenfalls purzeln aus dem lang ersehnten Päckchen einige Gimmicks mit raus, viele schicke Aufkleber sind dabei. Aber besonders geil finde ich den Bierdeckel aus Pappe mit dem Artwork der 7inch aufgedruckt (ohne die Bierpfützen). Wow, das macht mich echt mal durstig! Glücklicherweise ist der Untersetzer zwei mal dabei….einer wird sofort als Souvenir in die 7inch-Hülle gesteckt, der andere wird gleich, nachdem die 7inch auf den Plattenteller geklatscht wird, als Bieruntersetzer benutzt. Im Covid-19-Virus bedingten Home Office kann ja niemand meine Fahne riechen, also was soll’s. Dass ich dabei Musik vom Plattenspieler höre, interessiert ja auch niemanden. Sicher ist: wenn die Postfrau auch nur Sachen einschmeißt und nicht klingelt, dann muss das trotzdem hart gefeiert werden, egal wie früh oder spät es ist.

Und mit den zwei Songs dieser 7inch gelingt das Feiern recht gut! Das im Tarotkarten-Stil aufgedruckte Artwork gefällt mir schon mal sehr, das ähnlich gestaltete Textblatt kommt ebenfalls super rüber. Der Song It Ain`t Easy hat ’nen coolen Drive und die Melodie geht direkt ins Ohr! Poppig, mit markantem Bass und geilen Gitarrenriffs, dazu schön nach vorn! Die melodischen Spermbirds treffen auf 77er-Punk und wundern sich über Blink 182, die da an der Ecke stehen und noch nichts von ihrem späteren Erfolg wissen. Beim B-Seiten-Song Virus denkt man ja sofort an die aktuelle Situation und die Pandemie. Wie konnte es nur so weit kommen? Wenn man die Entwicklung der Menschheit der letzten Jahre so im Nachhinein betrachtet, dann ist es fast schon lächerlich, dass es ein unsichtbares Virus gebraucht hat, um die Welt so durchzurütteln. Jedenfalls steht der Song der B-Seite an Qualität und Catchyness dem Song auf der A-Seite in nichts nach! Diese zwei Songs schreien nach mehr! Kurz und knackig und auf den Punkt! Wirklich mal wieder ein wunderbares DIY Release der Stuttgarter Jungs, das Istanbuler Label Kafadan Kontak ist übrigens auch noch involviert. Checkt das mal, wenn ihr melodischen und authentischen Punkrock mögt!

8/10

Bandcamp / Facebook


Bandsalat: Armywives, Closer Still, Colour In The Clouds, Holy Fawn, Holy Figures, Hot Mulligan, Lang, Soul Glo

Armywives – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Hach, vom Covermotiv hätte ich gern ein schwarzes Shirt! Sieht einfach schön aus! Sicher macht sich das Motiv auch sehr schön auf eine schwarze 7inch gesiebdruckt! Armywives aus Los Angeles tummeln sich schon seit einiger Zeit in der Szene, neben der Discography von 2010-2014 ist im April letzten Jahres eine neue EP mit vier Songs erschienen. Armywives rotzen uns darauf eine intensive Mischung aus Screamo, Emo und Post-Hardcore vor den Latz, die voller Power, Verzweiflung, Schönheit und Wut steckt. Mir sind beim ersten Hördurchlauf sofort Bands wie Kidcrash, Ampere, Comadre oder Eyelet als musikalische Verwandte eingefallen. Verdammt gut!


Closer Still – „Expect Nothing“ (DIY) [Stream]
Post-Hardcore aus Hawaii? Das findet man wohl nur nach ausgiebigem Bandcamp-Surfen, so ist es mir zumindest ergangen. Closer Still sind seit 2017 unterwegs, Expect Nothing ist die dritte EP der Jungs. Und wer auf 2000er-angehauchten Post-Hardcore mit Metal-Gitarren steht, der dürfte an Closer Still seine wahre Freude haben. Da denkt man natürlich sofort an Zeugs wie Saosin, From Autumn To Ashes, Underoath, Coheed And Cambria, Poison The Well oder Circa Survive…und ist hier direkt schon am richtigen Platz. Druckvolle Gitarren, knackige Drums, tolle Melodien, wechselseitig cleane und teils hohe Vocals treffen auf bösartiges Geschrei, Myspace lässt grüßen! Mir gefällt’s!


Colour In The Clouds – „Inosculation“ (Mourning Records) [Stream]
Laut der Beschreibung auf ihrer Bandcamp-Seite machen Colour In The Clouds emo-influenced Post-Hardcore. Das trifft den Nagel eigentlich schon ganz gut auf den Kopf. Die Kanadier sind übrigens bereits seit einiger Zeit unterwegs, 2012 ist als Bandgründungsjahr angegeben. Dank einer Bandcamp-Zufallsbegegnung bin ich begeistert auf das Debutalbum (?) Inosculation gestoßen. Und ich muss sagen, dass ich erst beim wiederholten Hörgenuss vom Sound der Jungs gefangen genommen wurde. Das Ding braucht meiner Meinung nach ein zwei Runden Vorlauf, danach gibt’s nur noch Wachstum! Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, merkt man, dass hier sehr viel persönliche Traumata verarbeitet wurden. Da wird an Entscheidungen gezweifelt, schmerzhafte Erkenntnisse werden verarbeitet, Gefühlschaos extrem! Das schlägt sich in Bezug auf Emotion und Melancholie natürlich auch auf die Musik nieder. Den druckvollen Sound hat übrigens Jay Maas gemischt. Egal ob die Band straight nach vorne auf die Zwölf gibt oder es auch mal ruhiger versucht, das hier solltet ihr euch unbedingt mal anhören, wenn ihr auf Jahrtausendwenden-Post-Hardcore mit Emotendenz stehen solltet! Als Anspieltipp würde ich mal den Song Hold (Still Ill) vorschlagen, denn da bekommt man die ganze Bandbreite der Jungs in einem Song geboten. Dennoch empfehle ich, das ganze Album mal in Dauerschleife zu packen!


Holy Fawn – „The Black Moon“ (Triple Crown Records) [Stream]
Auf die Band aus Arizona stieß ich irgendwann im Herbst beim Surfausflug auf Bandcamp, der Sound passte sofort. Die EP hat jetzt zwar schon ein Jährchen auf dem Buckel, trotzdem möchte ich hier auf die Band Holy Fawn aufmerksam machen und obendrein erwähnen, dass man sich auch mal das Debutalbum aus dem Jahr 2018 reinziehen sollte, sofern man an diesen drei Songs hier Gefallen finden sollte. Holy Fawn stehen für emotionalen und verträumten Blackgaze mit Post-Rock , der auch mal ausbricht und auf Post-Metal-Pfaden wandelt. Die in Watte gebetteten Reverb- und Tremolo-Gitarren erschaffen eine dichte Atmosphäre, dazu gesellt sich weicher Gesang, die lauteren Soundausbrüche klingen fast metallisch. Muss man unbedingt über Kopfhörer genießen!


Holy Figures – „Luck Of The Draw“ (New Morality Zine) [Name Your Price Download]
Dieses Trio aus North Carolina entdeckte ich neulich, weil ich mich hin und wieder auf den Seiten vom New Morality Zine rumtreibe. Holy Figures scheint eine ziemlich neue Band zu sein, dennoch klingen die vier Songs so, als ob die Jungs schon ewig zusammen wären. Die Kombination aus Post-Hardcore und Rock geht so ein bisschen in die Deftones-Richtung, man hört dem Sound aber auch den Emo/HC-Background an, Bands wie Far und Jawbox werden als Einflüsse genannt. Mir kommt an manchen Passagen auch noch ein bisschen By A Thread in den Sinn. Auf der einen Seite sind da diese heavy Gitarrenriffs und die knackigen Drums, auf der anderen Seite dringt viel Melancholie und Melodie an die Oberfläche, was unter anderem auch am Gesang liegt. Das Ding ist in Kleinstauflage als 8inch mit Tarotkarten oder als Tape erhältlich.


Hot Mulligan – „You’ll Be Fine“ (No Sleep Records) [Stream]
Auf das zweite Album der Band aus Lansing, Michigan wollte ich offenbar auch mal noch eingehen, die Bandcamp-Seite liegt schon seit ein paar Wochen im Lesezeichen-Ordner. You’ll Be Fine ist eigentlich eher was für die warme Jahreszeit, das Album ist mit elf Songs eine richtig fluffige Emo-Pop-Punk-Platte, bei der die Melodie nicht zu kurz kommt, zudem haben die Songs allesamt einen schönen Drive. Das liegt mitunter am kräftigen Gesang, der mit vollstem Einsatz und mit purer Leidenschaft aus den Lautsprechern dringt. Saubere Gitarren zwischen twinkle und melodisch, druckvolle Drums, hymnische Refrains und das alles fett abgemischt. Da fühlt man sich auf Anhieb wie ein Teenie!


Lang – „カイエCahier“ (DIY) [Stream]
Kürzlich mal wieder ein bisschen die japanische Screamo/Post-HC-Szene gecheckt und dabei auf die aktuelle EP der Band Lang gestoßen, deren Backkatalog übrigens auch nicht zu verachten ist, falls ihr die Band noch nicht kennen solltet. Auf der neuen EP der fünf Jungs aus Tokyo/Fukushima ist der Screamo der Anfangstage jedenfalls weiter in Richtung Post-Hardcore abgedriftet, was dem Sound aber ganz gut Zunder gibt. Die in japanischer Sprache gescreamten Vocals geben dem Ganzen einen enormen Exotenbonus, auch wenn man nur vereinzelt bei den cleanen Gesangsparts mitbekommt, dass es sich um eine nicht geläufige Sprache handelt. Die satte Produktion sorgt dafür, dass die Gitarren messerscharf klingen, die Drums druckvoll wie noch was die Wände wackeln lassen und der Bass dazu ordentlich pumpt. Mir gefällt das alles supergut! Eigentlich war bereits eine Europatour mit State Faults und Boneflower geplant, diese wurde aber aufgrund Covid-19 erstmal auf Eis gelegt.


Soul Glo – „Songs to Yeet At The Sun“ (Secret Voice) [Stream]
Neulich drüben bei borderlinefckup drauf aufmerksam geworden und sofort angefixt gewesen. Soul Glo kommen aus Philadelphia und machen eine hyperventilierende Mischung aus Screamo, Chaos-Core, Hardcore-Punk, Noise und Rap. Der pure Wahnsinn! Die frühen Bad Brains sind zusammen mit The Locust, den Blood Brothers und dem Wu-Tang Clan im Ring und hauen sich gegenseitig die Fresse blutig! Immer schön aggro und angepisst bis zum Anschlag!


Lessoner – „Exzenter“ (Seven Oaks Records)

Schon geil: da stößt man beim Bandcamp-Surf-Ausflug auf ein Release, findet es klasse, entscheidet sich dazu, ein paar Zeilen drüber zu schreiben…und schwups, zwei Jahre später findet man eine 12inch besagter Band im Päckchen vom sympathischen DIY-Label Seven Oaks Records. Völlig überraschend, denn Lessoner verkündeten nach dem damals besprochenen Release, dass nach dem Weggang des Sängers Ersatz gesucht würde. Diesen Ersatz haben sie mittlerweile wohl gefunden, denn Exzenter ist mal definitiv keine Instrumental-EP geworden. Und so wie es aussieht, ist der Weg des geringsten Widerstands gegangen worden: aus dem einstigen Quartett ist ganz einfach ein Trio geworden, der Gesang wird jetzt vom Gitarrist und vom Bassist beigesteuert. Und was sich auf dem 2019er-Release schon abgezeichnet hat und der Band auch im damaligen Review ein paar Pluspunkte bescherte, war der letzte Song des Releases, der zeigte, dass die Musik von Lessoner auch mit deutschen Lyrics funktioniert.

Exzenter kommt dann gleich fast komplett deutschsprachig, lediglich beim Song La Sirima La Fronte sind ein paar Sätze in italienischer Sprache mit dabei. Insgesamt sieben Songs gibt das Trio auf der EP zum Besten. Was ähnlich zur Morgana-EP geblieben ist, sind die groovige Grundstimmung und die abwechslungsreichen und sehr lebhaften Songarrangements, die von üppigem Ideenreichtum geküsst sind. Die Jungs picken sich ihre Rosinen aus Post-Hardcore, Screamo, Noise, Punk, Emocore und etwas Melodic Hardcore heraus und basteln sich damit ein gelungenes Gebräu, das nach wenigen Durchläufen sofort im Ohr hängen bleibt. Wenn ihr alle Facetten der Band in einem Song zusammengefasst haben wollt, dann empfehle ich als Anspieltipp das vielseitige und groovende Arche, das auch die ruhige und melancholische Seite der Band gut einfängt. Hattet ihr eigentlich schonmal eine Vinylscheibe, die zu stark der Sonne ausgesetzt war und deshalb stark eierte, so Berg- und Talfahrt-mäßig? Falls ja, dann hilft dabei ein Exzenter-Gewicht, die Unwucht auszugleichen. Exzenter ist zwar ein Begriff aus der Astronomie und der Mechanik, als Exzentriker werden aber auch Leute bezeichnet, die bewusst von kulturellen und sozialen Normen abweichen. Der EP-Titel regt daher genauso wie die Texte zum Kopfkino-Grübeln an.

Die Texte sind übrigens in schöner Handschrift geschrieben auf dem aufklappbaren Textblatt abgedruckt. Aus dem Leben gegriffene Geschichten sorgen für reichlich Stoff zum Nachdenken, zudem steckt da sehr viel Intimität drin, schätzungsweise werden sogar persönliche Traumata verarbeitet. Das Lyric Sheet ist auch noch analog zum Albumcover mit Fotos aus längst vergangenen und vermeintlich glücklichen Kindheitstagen versehen, was dem ganzen noch eine persönliche Note obendraufsetzt. Anhand des Telefons auf dem Frontcover und der Blümchentapete sind diese wohl irgendwann in den 80ern entstanden. Wollte die EP ursprünglich eigentlich als Review-Duo mit der Band Schubsen online stellen, aber nur deshalb, weil auf beiden Albumcovern Fernsprechtischapparate abgebildet sind und beide Bands mit Sprache und Bildern an sich ganz gut umgehen können. Hab mich dann doch dagegen entschieden, der Entschleunigung wegen. Mein 12inch-Besprechungsexemplar schimmert übrigens in rotem, fast ins orange gehendem Vinyl, durch das man durchblicken kann. Es gibt aber auch noch eine Version in transparent-blauem Vinyl. Download-Code inklusive. Und neben Seven Oaks Records ist auch noch das DIY-Label Save The Scene Records am Release beteiligt. Geile Sache!

8/10

Bandcamp / Seven Oaks Records


Bandsalat: Carthiefschool, Citizen, Gender Roles, Hallicunation, Kali Masi, New Pagans, Surut, Svdestada

Carthiefschool – „Selftitled“ (Transduction Records) [Stream]
Was für ein gruseliges Albumcover! Hab neulich irgendwo gelesen, dass die spooky Darstellung von Kindern in der antiken Malerei daran lag, dass man die Kinder „erwachsen“ aussehen lassen wollte, obwohl Babys ja eigentlich niedlich aussehen, so wie sie sind. Nun, das können zeitgenössische Maler wie Shuzo Tajima, der für das Kunstwerk verantwortlich ist, wohl ebenfalls, auch wenn ich nicht entscheiden kann, wer von den gemalten Personen hier jetzt gruseliger rüberkommt. Es ist das Gemälde an sich, das mich etwas verstört. Dann mal zur Musik: die japanische Band Carthiefschool hat sich nach langjähriger Undergoundszene-Zugehörigkeit der drei Bandmitglieder im Jahr 2016 gegründet, vorherige Bands waren Nango und The Hatch. Vom Sound her würde ich das hier als eine ziemlich fiese Mischung aus räudigem Post-Punk, an den Nerven zehrendem Noise und durchgeknalltem Freejazz-Core beschreiben. Sehr eigenständig, originell, abgefahren mit keinerlei kommerziellen Absichten. Das Gerüst aus Bass und Drums wird mit schreddernden Gitarren unterstützt, dazu gibt’s japanischsprachige Schreivocals, die direkt aus einer illegalen Nervenheilanstalt zu kommen scheinen. Ich find’s interessant, könnte mir aber auch vorstellen, dass man damit seine Mitmenschen zum hellen Wahnsinn treiben kann.


Citizen – „Life In Your Glass World“ (Run For Cover Records) [Stream]
Man muss es sich eigentlich immer wieder ins Gedächtnis rufen: Citizen haben sich im Jahr 2009 als Schülerband gegründet! Und diese Ex-Schülerband schafft es jetzt echt seit ihrer Debut-EP aus dem Jahr 2011 (Young States), mich mit jeder neuen Veröffentlichung wieder und wieder zu verblüffen und mich am Händchen zu nehmen, so dass ich bereits nach wenigen Durchläufen total vernarrt in die neuen Songs bin. Life In Your Glass World ist das mittlerweile vierte Album der Band aus Toledo/Ohio. Die elf Songs zaubern mir auf Anhieb ein debiles Grinsen ins Gesicht, hier schwappt einem soviel Leidenschaft und Melancholie entgegen, einfach unglaublich! Dazu sind das wieder mal Hymnen für die Ewigkeit! Was total spannend ist, ist die Experimentierfreude, das Wagnis, den Sound weiterzuentwickeln und auszufeilen. Wie weit die Jungs dabei gehen, lässt sich beispielsweise an diesem ungewöhnlichen Drumcomputer-Ding Fight Beat sehen! Die stimmungsvollen Songarrangements fühlen sich im Verlauf des Albums so verdammt lebendig an! Die Mixtur aus Post-Hardcore, wütenden Grunge-Parts, noisigen Gitarren-Rockparts und bittersüßem Emo bis Indie-Pop hat genau das richtige Lot zwischen ruhigen, gefühlvollen Parts und vor Wut schnaubenden Soundausbrüchen. Schön auch zu erfahren, dass die Jungs den Entstehungsprozess wieder selbst in die Hand genommen haben und die heimische Garage zum Tonstudio umfunktioniert wurde. Aber huch, beim Song Black And Red klingt das Riff ein bisschen nach Banquet von Bloc Party. Kann man drüber weg sehen, für mich ist Life In Your Glass World schon jetzt ein weiterer Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Emo!


Gender Roles – „Dead or Alive // So Useless“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die Band aus Brighton, UK hat einfach ein Händchen für tolle, sofort ins Ohr gehende Songs. Es sind zwar nur zwei Stücke auf dieser Veröffentlichung drauf, aber diese haben das Zeug dazu, Dir ein breites Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Leichtfüßig weht Dir beim Hörgenuss ein laues Frühlingslüftchen mit intensiven Naturaromen um die Nase! Eigentlich sollten die kurz nach der Veröffentlichung des Debutalbums entstandenen Songs schon letztes Jahr erscheinen, aber irgendwie hat sich das verzögert. Jedenfalls arbeitet die Band bereits an einem neuen Album, auf das man nach diesem sonnigen und kurzweiligen Ausflug gespannt sein darf!


Hallucination – „Selftitled“ (Sentient Ruin) [Name Your Price Download]
Nach einem fiebertraumhaften Intro bekommt ihr von der Band Hallucination aus Philadelphia vier mal wüsten Noise-Crust-D-Beat auf die Ohren, der erstmal ziemlich unstrukturiert, wild und roh klingt. Unter all dem chaotischen Lärm dringen aber mit jeder weiteren Hörrunde ein paar unterschwellig melodische Fetzen an die Oberfläche. Hier hilft nur, die Anlage bis zum Anschlag aufzudrehen und gnadenlos die Bude zu zerlegen! Genau das Richtige, um sich ein bisschen abzureagieren! Eigentlich ziemlich oldschoolig und mit unverkennbaren Hardcore-Punk Einflüssen. Die Tape-Version hat dann passenderweise noch ’ne Poison Idea-Coverversion mit drauf. Wer Zeugs wie Crude SS, Raw Nerve oder Cult Ritual mag und auch die Power der ersten Cro-Mags-Aufnahmen schätzt, sollte hier mal reinhören.


Kali Masi – „Laughs“ (Homebound Records/Uncle M) [Stream]
Ganz schön gepackt hat mich das zweite Album der Chicago-Punks Kali Masi. Tief im 90er-Punk/Emo verwurzelt zünden die zehn Songs ein richtig intensives Emopunk-Feuerwerk! Melodisch, nach vorn gehend, tief berührend und am Rand der Verzweiflung und dennoch mit der nötigen Portion Härte. Die Musik bekommt durch die lyrisch ausgetüftelten und fast schon poetischen Texte noch ’ne Schippe an extremen Gefühlschaos mit drauf. Denn hier geht’s um schlaflose Nächte und qualvolles Leiden, psychischen Machtmissbrauch und vermeintliche Freundschaften, die vielleicht gar keine echten Freundschaften sind. Sehr trauriger und echt harter Stoff verpackt in tolle Songs mit anspruchsvollen Songarrangements und ziemlich schnell ins Ohr gehenden hymnischen Melodien! Muss man gehört haben und toll finden!


New Pagans – „The Seed, The Vessel, The Roots and All“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem ich bereits einige tolle Musikvideos der Band New Pagans aus Belfast gesehen habe, flattert nun endlich das Debutalbum der zwei Damen und der drei Herren in den CD-Player. Und ja, meinen Ohren gefällt absolut, was sie da hören. New Pagans sind irgendwo im 90’s-Indierock daheim, dazu gesellen sich Grunge, Shoegaze- und Punkeinflüsse. Durch die hauptsächlich weiblichen Vocals fühlt man sich natürlich sehr an Bands wie z.B. Sonic Youth, frühe Lush oder PJ Harvey erinnert, es kommen aber auch Bands wie The Pixies oder The Smashing Pumpkins als Einflüsse in Frage. Die elf Songs sind verdammt catchy und haben charmante Gitarrenriffs und eingängige Refrains im Gepäck, zudem sind sie in anspruchsvolle Songarrangements eingebettet. Hört euch nur mal einen meiner Lieblingssongs Yellow Room an, Harbour ist auch noch ein schöner Anspieltipp! In irgendeinem Interview mit Frontfrau Lyndsey McDougall habe ich gelesen, dass sie die Band gründete, als sie „schon“ über 30 war und dass kurze Zeit nach der Bandgründung die Nachricht von McDougalls Schwangerschaft die Zukunft von New Pagans zu zerstören drohte. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kleinkindern und hat Band und Mutterrolle unter einen Hut gebracht und damit den ganzen patriarchalen Mist, mit welchem Frauen und Mütter im Beruf wie auch in der Kunst konfrontiert werden, einfach mit starker Power vom Tisch gefegt! Textlich beschäftigt sich die Band übrigens gern mit feministischen Inhalten, Frauenrechte und der Protest gegen die Ungleichbehandlung von Geschlechtern sind zentrale Themen. Jedenfalls ist der Band ein Album gelungen, das man sich nicht entgehen lassen sollte.


Surut – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Wie bin ich nur wieder hierauf gestoßen? Das Ding hier war im Lesezeichnenordner mit einem roten Herzchen markiert. Ein schwarzes hätte besser gepasst! Hätte man mich irgendwann letztens ermordet, dann hätten die Mordermittler nach der Inspektion des Lesezeichenordners sicher einige Fährten am Start, die man nicht unbedingt verfolgen müsste. Denn, selbst wenn die Mucke ein wenig psychopathisch klingen sollte, die finnische Band Surut hat vermutlich keine mordlustigen Texte am Start und versinkt eher in der eigenen trostlosen Misere. Der Bandname bedeutet in der Landessprache soviel wie „Trauer“. Und ja, die vier Songs hier strotzen vor größtem Drama, das kaum mehr getoppt werden kann. Hier wird gelitten, dissonante Gitarrenparts treffen auf flirrende und flächige Gitarren, die Drums werden ohne Ende geprügelt, als ob der Drummer irgendwo ausbrechen wollte. Wie können vier Songs so unglaublich verloren klingen? Übrigens spielen hier auch Leute der neulich besprochenen Alas mit. Irgendwo zwischen Blackened Hardcore, Post-Hardcore, Sludge-Noise und emotive Screamo. Hört es selbst!


Svdestada – „Azabache“ (Pundonor Records u.a.) [Name Your Price Download]
Wenn man persönlich gestaltete Post von einer spanischen Band im E-Mail-Postfach findet und die Band ihren Stil kurz und knapp als Neocrust/Post-Hardcore aus Barcelona & Buenos Aires (?) umschreibt und das Ding auch noch in Zusammenarbeit von zwölf DIY-Labels erschienen ist, dann klickt man erstmal neugierig auf den beigefügten Bandcamp-Link…und wird direkt nach einem kurzen Intro mit elf hammerhart geilen Songs durchgefönt! Schnelle Gitarren mit unterschwelligen Melodien, knüppelnde Drums, gegenspielender Bass und eher im Screamo beheimatete Schrei-Vocals fegen wie ein mächtiger Sturm über Dich drüber! Verdammt, das hier wäre live sicher der volle Abriss! Textlich gibt man sich kämpferisch und rebellisch, eingeschränkte Freiheitsrechte, mangelnder Sozialzusammenhalt, Einsamkeit und Depression gilt es, zu bekämpfen. Dem Sound hört man jedenfalls die Wut, die Verzweiflung und das Leiden deutlich an. Großartiges Album, das Screamo-Fans und Neocrusten gleichermaßen anspricht!


Tape-Duo: Lhuma, Passionless Pointless

Lhuma – „Springer/Self Harm Tape“ (DIY) [Stream]
Hier hat die Vernetzung/Mundpropaganda mal wieder bestens funktioniert: Lhuma, eine Band aus Dresden ist über die aus der gleichen Ecke stammenden Band Out Of Phase (ihr erinnert euch sicher an das neulich besprochene Split-Tape mit Kalt) auf Crossed Letters aufmerksam geworden. Und schwups, flattert auch schon ein selbstgebasteltes DIY-Tape per Post ins Haus. Das Ding kommt in einer recycleten und mit einem tollen Artwork bedruckten Papphülle, die Texte sind auf einem gefalteten DIN A 4-Blatt abgedruckt, auch hier ist ein schönes Artwork zu bestaunen. Ein Downloadcode ist natürlich auch dabei und ob die beigelegten Sticker und der besiebdruckte Patch regulär Bestandteil des Releases sind oder nur als Bestechung beigefügt wurden, kann ich jetzt nicht genau sagen. Um keine Rohstoffverschwendung zu begehen, hat die Band einfach die aktuelle EP auf die A-Seite gepackt, dazu gibt es auf der B-Seite die Debut-EP aus dem Jahr 2018. Jedenfalls funktioniert der Sound der Dresdner auch gänzlich ohne Bestechung, denn die Jungs haben eine schön nach vorn gehende und ruppige Mischung aus Hardcorepunk und Screamo am Start, die dazu noch saftig und satt abgemischt ist. Die Songs der Springer-EP wurden im Proberaum live aufgenommen, hier hatte Broken Sounds aus Dresden das Vergnügen, die Self-Harm-EP wurde von Mermaids Escalate aufgenommen, hier durfte die Tonmeisterei an den Knöpfchen drehen. Die vier Songs der A-Seite wurden letztes Jahr kurz vor dem Lockdown aufgenommen. Eigentlich könnten sie inhaltlich auch locker später entstanden sein, denn die deutschen Texte klingen düster, wütend, verzweifelt, beängstigend. Da lag wohl schon so eine gewisse Endzeitstimmung in der Luft. Jedenfalls leidet der Sänger richtig fies, da wird gekreischt und gekeift, was das Zeug hält. Dazu kommen verschachtelte Drums, die ordentlich Power intus haben, messerscharfe Gitarren, ein pumpender Bass und etliche Rückkopplungen. Zudem geht es ganz schön abwechslungsreich, energiereich und leidenschaftlich zur Sache! Yeah! Macht hungrig auf Live-Shows! Die EP der B-Seite besteht aus fünf Songs, hierbei sind auch drei englischsprachige Stücke enthalten. Auch diese Songs haben ordentlich Pfeffer im Arsch und man merkt, wenn man die Band erst jetzt kennengelernt hat, dass die Songs der neuen EP ausgereifter und ausgetüftelter klingen. Jedenfalls sind Lhuma eine Band, die man im Auge behalten sollte.


Passionless Pointless – „Selftitled Tape + Zine“ (Vinyldyke Records) [Name Your Price Download]
Die Berliner Band Passionless Pointless liebt es offenbar retro, so erscheint das Debut-Album als Tape, als Dreingabe haben die drei Damen gleich ein 24-seitiges DIN A 5-Zine gestaltet. Sehr schöne Idee! Im Zine lassen sich neben den Texten verschiedene Infos finden, unter anderem erfährt man, dass sich die im Jahr 2019 gegründete Band nach einem PJ Harvey-Song benannt hat. Auch beim Sound schwappt der Retro-Style und DIY-Spirit der Neunziger aus den Lautsprechern. The Joy Of Missing Out beginnt mit einem fuzzigen und dreckigen Gitarrenriff schön grungig, so dass man sich beim Einsetzen der Drums und dem Gesang irgendwo in den Neunzigern in Seattle wähnt. Im Verlauf der acht Songs bekommt man eine ungefähre Vorstellung, von welchen Bands der Sound des Trios beeinflusst sein könnte. Ganz stark erinnert mich die Band an L7 und ganz frühe Hole, die groovige und noisige Seite geht in Richtung The Jesus Lizard und Shellac, selbst ganz frühe Nirvana, Flipper oder Unsane schweben im Raum, der Riot Grrrl-Spirit ist auch stets präsent. Unterstrichen wird dieser noch mit queer-feministischen Textinhalten gegen das Patriarchat und Homophobie! Mir gefallen die fetten Gitarrenriffs, die mal monoton und dann wieder auftürmend die Richtung vorgeben. Das Gebräu aus Grunge, Punk, Noise und Stoner ist dazu noch schön rau und dreckig abgemischt, hierfür hat mal wieder die Tonmeisterei gesorgt. Fazit: die Musik und das drumherum ist entgegen der Aussage des Bandnamens alles andere als leidenschaftslos und zwecklos! Checkt das unbedingt mal an!



Video-Runde: Limbs, LOKI, Slow Crush, Rest Easy, Sometimes Go, Timelost, Watching Tides, Zeahorse

WordPress hat mal wieder das Design und die Erstellungsmöglichkeiten geändert. Nach einer umfangreichen DIY-Schulung hab ich nach stundenlangem Rumprobieren endlich mal meinen ersten Text formatiert. Wie ich doch die Veränderung hasse! Jedenfalls gibt’s jetzt einen kleinen Sammelpost mit Musikvideos…viel Spaß beim Glotzen und Hören!


Limbs aus Tampa/Florida klingen auf ihrer aktuellen EP wie eine Mischung aus Underoath, Everytime I Die und Life In Your Way. Hier gibt’s ein Video zum Song I Used To Be You zu sehen.


Folktronica gefällig? Dann empfehle ich LOKI mit dem Song Salamano! Der Song macht jedenfalls Appetit auf die angekündigte zweite EP der Soundtüftler!


Die belgischen Shoegazer Slow Crush haben zum Anlass des Re-Releases ihres Albums Aurora ein kleines Video zum Song Aid And Abet abgedreht.


Bei Rest Easy zocken Leute von Daggermouth und Shook Ones mit, die Musik geht dann auch in Richtung Punkrock mit Melodie und etwas Hardcore und Pop-Punk. Auf der EP Sick Day gibt’s vier Songs zu hören, zum Song Bad Idea wurde dazu noch ein schönes Jackass-mäßiges Video abgedreht.


Ich hör dieses Album der Jungs von Sometimes Go einfach immer noch so gern! Jetzt haben die Jungs ein DIY-Video zum Song Hideout produziert.


Mit dem Begriff Grungegaze versucht die Band Timelost aus Philadelphia ihren Sound zu beschreiben. Die Jungs sind sehr 90’s-lastig unterwegs, checkt ruhig mal das neueste Release Gushing Interest an, wenn ihr auf Bands wie Nothing oder die Smashing Pumpkins stehen solltet.


Nach ihrer starken EP hat die Berliner Post-Hardcore-Band Watching Tides bald ihr Debut-Album am Start. Zum Song Stranger Friend gibt’s schonmal ein schönes Video zu sehen!


Die australischen Noise/Shoegazer Zeahorse haben ihr drittes Album Let s Not And Say We Did draußen, zum Song 20 Nothing gibt’s schon seit längerem ein Video zu bestaunen.