Bandsalat: Chiefland, Deadbeat Fleet, Max Young, Migal, Of Grace And Hatred, Piet Onthel, Stars Hollow, Strommasten

Chiefland – „Wildflowers“ (Uncle M) [Stream]
Blumen scheinen für die Band Chiefland aus Göttingen ein zentraler Bestandteil zu sein, auch das Cover der selbstreleasten Debut-EP wurde seinerzeit von Blumen geschmückt. Schon auf ihrer EP attestierte ich der Band einen eigenständigen Sound, abwechslungsreiches Songwriting und damit einen gewissen Wiedererkennungswert in einer Masse an viel zu ähnlich klingenden Post-Hardcore-Bands. Und diesen Weg hat das Quartett weiter verfolgt, an den Songs des Debutalbums sticht als erstes die Detailverliebtheit ins Auge, da wechseln leidend gescreamte Vocals mit Spoken Words, da treffen harte und scharfe Gitarrenriffs auf melancholische Post-Rock-Gitarren. Zudem wissen die Texte zu gefallen, hier wird zum Nachdenken angeregt. Chiefland engagieren sich laut Pressemitteilung über Sea Shepherd, da wundert es nicht, dass das fahrlässige Verhalten der Menschen mit unserer Umwelt kritisiert wird, zudem sind die Lyrics sehr persönlich gehalten. Dass es auch gern mal hymnischer zugehen kann, zeigt der Song Indian Summer, der einen wunderbaren mehrstimmigen Mitsing-Refrain aufweisen kann. Das Album ist schön satt abgemischt und der Sound macht richtig Druck an den lauten Stellen und besticht durch glasklaren Klang an den leisen Stellen. Würde mal sagen, dass die Band locker mit internationalen Größen mithalten kann, dieses Album hier beweist es mehr als deutlich. Wenn ihr Bands wie La Dispute oder Touché Amore zu euren Lieblingen zählt, dann sollte euch diese Mischung aus emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore ebenfalls munden! Ein äußerst gelungenes Album, da hat sich Uncle M ’nen dicken Fisch geangelt!


Deadbeat Fleet – „III“ (DIY) [Name Your Price Download]
In den Genuss dieser selbstgebastelten CD in Vinyloptik kam ich durch den Kontakt mit der Band Agador Spartacus. Gitarrist Daens spielt eben auch noch bei Deadbeat Fleet mit. Die Band aus Recklinghausen existiert seit 2010 und bisher wurden drei EPs veröffentlicht. EP Nr. II war ebenfalls Bestandteil des Bemusterungpäckchens und man kann den Jungs attestieren, dass sie für ihre Veröffentlichungen originelle Verpackungen mit ’ner Menge DIY-Spirit angefertigt haben. Sehr schön! Musikalisch bekommt man eine Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo geboten. Auf beiden Releases merkt man, dass hier Leute am Start sind, die voll und ganz hinter dem stehen, was sie da machen. Die Soundqualität hat sich natürlich zur 2012-er EP ein wenig verbessert, dennoch kann man auch die sieben Songs der zweiten EP empfehlen, wenn ihr auf rau produzierten Post-Hardcore mit tollen Melodien steht. Die Gitarren erinnern das ein oder andere Mal an Bands wie z.B. At The Drive-In und die Songs machen nach ein paar Durchläufen richtig gute Laune, auch wenn man sich anfangs ein bisschen mit dem Gesang anfreunden muss. Checkt die Band mal an, die Releases gibt’s zum Name Your Price Download.


Max Young – „Still Getting Better!“ (Midsummer Records) [Video]
Zehn Jahre musizierte Max Young als Sänger der saarländischen Punkband Small State, bevor er nach deren Ende und nach fünfjähriger Pause endlich wieder seine Leidenschaft zur Musik aufkeimen lassen wollte. Und weil er diese Leidenschaft zusammen mit viel Herz und Seele in seine punkrockgeprägten Songs steckt, hat sich mit midsummer records auch gleich ein Label gefunden, welches ermöglicht hat, dass Still Getting Better im schicken Digipack zu haben ist. Coole Sache! Das Mützen-Foto auf dem Albumcover lässt jedenfalls keine Zweifel, dass Max Young wahrscheinlich gar nicht mehr ganz so jung ist, wie sein Name uns glauben machen will. Nun, acht Songs wurden mit einer Band im Rücken eingespielt, vier dieser acht Songs werden im Anschluss noch in reinen Solo-Versionen dargeboten. Mit Ready Again legt Max schonmal einen astreinen Ohrwurm vor, der die nötige Portion Melancholie im Gesang und im Gitarrensound in sich trägt. Das Ding hat was Get Up Kids/New Amsterdams-mäßiges und ist nach mehrmaligen Durchläufen mein persönlicher Favorit des Albums. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man die restlichen Songs getrost vergessen kann. Max Young schafft es nämlich im Verlauf des Albums immer wieder, dass aufgrund einer der vielen Hooklines ein breites Lächeln über’s Gesicht huscht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Songs live richtig gut funktionieren und äußerst charmant klingen, auch ohne begleitende Band im Rücken! Checkt das ruhig mal an, mir persönlich gefällt das tausendmal besser als aktuelles Zeug von z.B. Chuck Ragan oder Nathan Gray.


Migal – „Selftitled“ (DIY/HC4LZS) [Name Your Price Download]
Schön mitreißenden und nach vorne gehenden Post-Hardcore mit Screamo-Einlagen und Emocore-Referenzen bekommt ihr auf der Debut-EP der ziemlich neuen Band Migal aus Kiel zu hören. Die Gitarren wirbeln ordentlich Staub auf, kommen aber auch immer wieder schön melancholisch um die Kurve, dazu passt natürlich der leidende und heulende Schreigesang und die variiernden Drums, die zwischendurch auch mal zurückgenommen werden, nur um danach wieder umso heftiger aufzudrehen. Mir gefällt die raue Produktion, das hat irgendwas lebendiges an sich, gleichzeitig hört man hier die Spielfreude und Leidenschaft des Quartetts gut raus. Wer sich von den Livequalitäten der Jungs ein Bild machen will, kann dies übrigens auf dem im Mai stattfindenden Miss The Stars-Fest machen!


Of Grace And Hatred – „Toxic Vows“ (Loyal Blood Records) [Stream]
Also, wenn ihr das Elektro-Intro überstanden habt, dann werdet ihr mit offenen Mündern vor die Anlage knien! Warum ist mir die Band bisher noch nicht untergekommen? Die vier Jungs kommen aus Norwegen, sind bereits seit 2008 unterwegs und haben bisher zwei EP’s im Gepäck, zudem spielt irgend so’n Typ mit, der zuvor bei Social Suicide die Gitarre geschreddert hat. Nun, die zwölf Songs zwirbeln verdammt fett, da schwappt direkt die Suppe aus den Lautsprechern! Mein lieber Scholli, die Riffs erzeugen zusammen mit den straight nach vorne geknüppelten Drums, dem permanent knödelnden Bass und den aggressiven Vocals ganz schön viel Energie! Dabei ist trotzdem noch reichlich Melodie an Bord, hibbelige Chaos-Ausbrüche dürfen ebenfalls nicht fehlen! Hammeralbum, das dürft ihr euch nicht durch die Lappen gehen lassen!


Piet Onthel – „demo​(​loni​)​taksupo​(​mulo)“ (DIY) [Stream]
Hier kommt ein kleines Screamo-Massaker, das nur von einem Typ – wohnhaft in Malaysia, spielt auch noch bei Cantilever – dargeboten wird. Wahnsinn, klingt echt wie ’ne vollständige Band, wenn das nicht extra in der Besprechungsanfrage angegeben gewesen wäre, wäre ich da von allein nie drauf gekommen. Nun, die fünf Songs sind ordentlich produziert und dürften jedem Fan von Bands wie Orchid, Loma Prieta, Piri Reis und Daighila ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Es ist wohl geplant, aus dem one-man-Projekt eine vollständige Band wachsen zu lassen, so dass auch Shows gespielt werden können. Na, da drück ich mal die Daumen, dass das gelingt, denn die Songs gehen schön intensiv zur Sache!


Stars Hollow – „Happy Again“ (Head Above Water Records ) [Name Your Price Download]
Aus Iowa kommt das Trio Stars Hollow. Und wie so oft, entdeckte ich die Band bei meinen ausgiebigen Bandcamp-Ausflügen und war sofort begeistert. Die Jungs machen mitreißenden Midwest-Emo mit Screamo-Einlagen und wunderschön verträumten Twinkle-Gitarren. Sehr melancholisch und intensiv. Insgesamt bekommt man fünf Songs angeboten, die zum Name Your Price Download verfügbar sind. Wahrscheinlich, weil die auf 300 Stück begrenzte 7inch bereits ausverkauft ist. Wenn ihr euch eine Mischung aus Algernon Cadwallader und Merchant Ships vorstellen könnt, dann bitte hier entlang!


Strommasten – „Allerzweite Sahne“ (DIY) [Stream]
Auf die Dortmunder Band Strommasten wäre ich ohne die Beigaben im Bemusterungsumschlag zur dritten EP der Band Agador Spartacus womöglich nie aufmerksam geworden. Auch bei Strommasten wirkt Daens von Agador Spartacus und Deadbeat Fleet mit. Während bei den anderen beiden Bands der Fokus auf Post-Hardcore gerichtet ist, wird bei Strommasten die Vorliebe für poppigeren Sound ausgelebt. Die elf Songs des Debutalbums liegen irgendwo zwischen Elektropop, NDW und poppigem Indie, dabei kommt aber auch das ein oder andere Punk-Gitarrenriff zum Einsatz. Schön dabei sind die sarkastischen deutschen Texte, da bekommt echt jeder sein Fett weg. Die elf Songs gehen jedenfalls superschnell ins Ohr! Irgendwo zwischen Tele, Falco, UNS und Bilderbuch, hört da mal rein!


 

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TAU – „Tau And The Drones Of Praise“ (Waterfall Records)

Das Berliner Musikerkollektiv TAU war mir bis zur Besprechungsanfrage für das zweite Album namens Tau And The Drones Of Praise gänzlich unbekannt. Neugierig durch die Hörprobe geworden, konnte ich mir ganz gut vorstellen, dass diese Art Musik auf Vinyl eine besondere Kraft haben könnte. Nachdem mir nun die edel aufgemachte 12inch in den Händen liegt, kann ich nur sagen, dass sich meine Anfangsvermutung voll und ganz bestätigt hat. Bereits das Albumartwork, das mit einem Gemälde im Stil einer indianischen Tarotkarte ausgestattet ist, lässt das Gehirn auf Hochtouren laufen. Das Bild zeigt laut Backcover eine sogenannte Medicine Warrior Mama und ist ein Kunstwerk der irischen Künstlerin und Filmregisseurin Deirdre Mulrooney. Über die Symbolik des Gemäldes kann man im Verlauf des knapp vierzig Minuten dauernden Albums noch reichlich sinnieren.

Hinter Tau steckt übrigens hauptsächlich der irischstämmige Berliner und der Berliner Psych-Szene angehörige Sean Mulrooney, live treten TAU als sechsköpfiges Ensemble auf. Das Album wurde nach dem Konzept der offenen Studiotür produziert, so dass letztendlich zahlreiche Kollaborationen zustande kamen und eine Menge an Gastmusikern an den zehn Tage dauernden Aufnahmen beteiligt waren. Co-Produzent war Robbie Moore (Robot, Jesper Munk), bekanntere Mitmusiker waren z.B. Jazzlegende Idris Ackamoor (The Pyramids), die indischen New-Classic-Virtuosinnen Lalitha und Nandini von The LN Sisters und Earl Harvin von den Tindersticks.

Trifft die Nadel auf’s Vinyl, empfiehlt es sich, die Anlage voll aufzudrehen und die Bässe ein wenig satter einzustellen. Denn mit It’s Already Written geht es treibend und stompend voran, der Song frisst sich mantraartig und mit einem stampfenden Beat ins Gehör und entwickelt eine ganz eigene Magie. Zwischen Post-Punk, Freejazz und elektronischen Sound-Spielereien kommen der männliche Gesang und die weiblichen Shouts wie ein in Extase versetzendes Mantra rum. Sehr tanzbar auf der einen Seite, sehr psychedelisch auf der anderen Seite, hypnotisierend, weird und ein bisschen verdrogt. Nach dieser zappeligen Eröffnung wird es mit Tonatiuh zwar etwas ruhiger, dennoch bleibt es durch die Rhythmik hypnotisch und magisch. Der fast schon beschwörende Gesang wirkt wie ein Medizinmann-Ritual, passend dazu auch die anklagenden Lyrics über Gier und die Shanti-artigen Frauen-Chöre, die übrigens in der antiken Sprache Nahuatl verfasst sind, die aber wohl heutzutage noch in manchen Gegenden in Zentralmexiko gesprochen wird. Mit Craw bleibt es ruhig, hier kommen Streicher zum Einsatz, die neben der harmonischen Grundstimmung des Songs eine bedrohliche Wirkung erzeugen, so dass das nachfolgende Indie-Stück New Medicine fast schon fröhlich und farbenfroh, aber dennoch schräg die A-Seite zum Ausklingen bringt.

Mit Erasitexnis driftet das Kollektiv in die psychedelische Worldmusik der späten Sechziger ab, auch hier brennt sich der Shanti-artige Gesang zusammen mit der hypnotisierenden Rhythmik ins Unterbewusstsein ein. Bei The Sturgeon stechen die elektronischen Soundspielereien und der eingängige Refrain besonders heraus, während Dance The Traps eher düster und bedrohlich wirkt. Beim letzten Stück The Seer wird es dann nochmals versöhnlicher. Der harmonische Gesang hat was von Damon Albarn, auch die Instrumentierung mit Akustik-Indie-Gitarre, Piano und sanften Chören wirkt fast einschläfernd und beruhigend. Wenn ihr ein bisschen offen für neue Sounds seid und neben dem Krach, den ihr sonst so hört mal wieder ein vielseitiges und (ent)spannendes Album sucht, dann könntet ihr mit Tau And The Drones Of Praise fündig werden. TAU erinnern mich desöfteren an das ebenfalls aus Berlin stammende Projekt hackedepicciott, bei dem Alexander Hacke und seine Frau Danielle de Picciotto meditative Musik darbieten. Am Besten klingt das Ding hier natürlich auf Vinyl, welches neben dem bandeigenen Label Drones Of Praise über Waterfall Records erschienen ist.

8/10

Bandcamp / Facebook / Waterfall Records


 

Dewaere – „Slot Logic“ (Phantom Records/Bigoût Records)

Aufgrund des farbig-verschwommenen Albumartworks hätte ich mit gitarrenorientiertem Indie-Rock gerechnet, auch das originell gestaltete Textblatt ließ mich selbiges vermuten. Nun, so kann man sich täuschen. Obwohl, gitarrenorientiert ist das Debutalbum der vier Jungs aus Saint-Brieuc/Frankreich auf jeden Fall, auch Indie-Rock lässt sich im Verlauf der Spielzeit von einer halben Stunde genügend entdecken. Aber da ist noch mehr, deshalb erst mal von vorn: wollte im Internet ein wenig über die Band Dewaere in Erfahrung bringen, aber gibt man Dewaere und Frankreich in eine Suchmaschine ein, dann stößt man als erstes auf einen Schauspieler des französischen Kinos der Siebziger, Patrick Dewaere. Liest man dessen Lebenslauf durch, dann liegt die Vermutung nahe, dass sich die Band Dewaere möglicherweise nach diesem Schauspieler benannt haben könnte, denn er wurde ebenfalls in Saint-Brieuc geboren. Zudem verkörperte Patrick Dewaere in seinen Rollen oftmals den rebellierenden Jugendlichen, das enfant terrible, im Privatleben wurde er durch schwerwiegende Drogenprobleme in depressive Stimmungen versetzt. Als Dewaere Anfang der Achtziger von seiner Ehefrau wegen seines besten Freundes verlassen wurde, wählte er den Freitod und erschoss sich.

Okay, aber nun mal endlich zur Musik, die ab dem Aufsetzen der Nadel bedrohlich und groovig aus den Lautsprechern knarzt. Ein richtig dreckiger Bastard wurde da zusammengebraut. Laut, ungestüm, treibend, rhythmisch, bizarr, noisig, manisch, energiegeladen, groovy, heavy, drückend, intensiv und ganz schön abgefahren! Da wird Noise, räudiger Grunge, Punk, krachiger Indie-Rock und Post-Punk in einen Topf geschmissen und einmal wild und kräftig umgerührt. Wiederholt lässt sich hier der Nirvana-Gitarren-Delayeffekt raushören, die Bass-Gitarre-Schlagzeugfraktion erinnert das ein oder andere Mal an Bands wie Unsane oder Guzzard, überhaupt klingt der Sound sehr nach diversen AmRep-Bands, gleichzeitig ist das Ganze schön Neunziger-lastig, natürlich mit zeitgemäßer und fetzender Produktion. Textlich gibt man sich genauso abgefahren und pendelt zwischen kryptischen Textpassagen und irren Gedankengängen.

Wo sich die Geister etwas scheiden werden, ist der oftmals übertrieben theatralische Gesang irgendwo zwischen Ian Curtis, Iggy Pop, Devo oder Jello Biafra, an den man sich aber mit der Zeit dann doch gewöhnt, es gibt ja auch noch genügend Schrei-Ausbrüche. Ziemlich abgefahren und crazy, zwischendurch wird z.B. – wahrscheinlich um etwas abzukühlen – ein Vogelzwitscher-Interlude eingeschleust. Hilft aber kaum, den überhitzten Kessel etwas runterzukühlen. Im Verlauf des Albums fragt man sich wirklich ab und zu, ob die Jungs jetzt bald mal komplett überschnappen. Spätestens mit der rückkopplungslastigen Krachorgie October scheint dieser Punkt endlich erreicht zu sein, der Song grenzt mit seiner fast siebenminütigen Spielzeit wirklich an Folter! Danach gibt’s noch eine versöhnliche und fast schon melodische Punknummer auf die Ohren. Nach dieser Odyssee muss man sich erstmal ungläubig die Augen reiben. Echt mal ein abgefahrenes und erstaunlich gutes Debut!

8/10

Facebook / Bandcamp / Phantom Records


 

Wayste – „The Flesh And Blood“ (Through Love Rec./Day By Day Records)

Die Debut-EP der Leipziger offenbarte bereits, dass Wayste schon damals nicht allzu weit davon entfernt waren, sich in der deutschen Hardcoreszene einen großen Namen zu machen. Nun, um mal ein bisschen zu spoilern: der Geheimtipp-Status dürfte sich mit dem Erscheinen des Debutalbums des Trios nochmals kräftig verringert haben. Denn das, was auf The Flesh And Blood zu hören ist, ist ganz großes Kino, das locker auf internationaler Ebene mithalten kann! Die 12inch ist übrigens als Co-Release der Labels Through Love Rec. und Day By Day Records erschienen. Das vom Leipziger Künstler Hans Morsa entworfene Gemälde, das im 12inch-Format natürlich volle Wirkung zeigt, hat mich auf den ersten flüchtigen Blick ein wenig an Slayers Reign In Blood erinnert. Bei tieferer Betrachtung lädt das Kunstwerk mit seinen vielen Details zur gründlichen Werkanalyse und Interpretation ein. Bei den etlichen Hörrunden, die das zitronengelbe Vinyl auf dem Plattenteller bereits hinter sich hat und auch noch in Zukunft vor sich haben wird, kann man sich jedenfalls genügend Theorien zusammenspinnen. Das gut in der Hand liegende Textblatt ist übrigens auch noch mit Zeichnungen des Künstlers ausgeschmückt. Ein sehr gelungenes Artwork!

Mit dem Aufsetzen der Nadel ertönen rückkopplungsartige Geräusche aus den Lautsprechern, man bekommt fast ein schwebendes Gefühl, die Töne wirken beruhigend. Doch wie sich ziemlich schnell herausstellt, war diese Geräuschkulisse nur die vielbesagte Ruhe vor dem Sturm. Denn plötzlich befindet man sich im Auge eines mächtig tosenden Sturms! Zuerst setzen diese leidend schreiende Vocals ein, dann folgen präzise und vertrackt gehämmerte Drums und messerscharfe Gitarren, die dissonant aber groovig zusammen mit dem angefuzzten Bass einfach nur eine druckvoll brachiale Wand bilden. Das nachfolgende The Great Disguise setzt fast noch eine Schippe walzende Macht obendrauf. Was für ein grooviges Hardcore-Monster! Bereits bei diesen ersten zwei Songs fällt auf, wie ausgeklügelt und rund das alles klingt. Die Instrumente werden zugunsten des nachfolgenden Gewitters etwas zurückgefahren, so dass man sich, wenn man die Augen schließt, genau vorstellen kann, mit welcher Energie die Band wohl live unterwegs sein mag. Dass die Aufnahme so druckvoll und lebendig klingt, dürfte zum einen daran liegen, dass die Songs live eingespielt wurden, zum anderen hat mal wieder die Tonmeisterei hervorragende Arbeit geleistet. Hier bekommt jedes Instrument seinen eigenen Raum und das ist auch gut so! Hut ab jedenfalls: dieses Trio klingt auf den zwölf Songs fetter, mächtiger, vielschichtiger und zerfahrener als so manches Quintett. Die Einflüsse von Bands wie Converge, Birds In Row oder Every Time I Die sind weiterhin erkennbar, trotzdem haftet dem Sound von Wayste eine innovative Eigenständigkeit an, abgekupfert wirkt das alles jedenfalls nicht. Zudem ist im Vergleich zur EP nochmals eine enorme Steigerung zu erkennen. Textlich werden übrigens Themen rund um das Leben, den Tod, das Alter und den körperlichen Zerfall behandelt, dabei kommen sehr persönliche Gefühle in Bezug auf Glaube und Religion zur Sprache. Ein Blick ins Textblatt kann also nur empfohlen werden, denn auch hier zeigt sich Tiefe.

Dass Wayste mit Köpfchen an die Sache rangehen und nach allen Seiten grenzenlos offen sind, macht das Album so abwechslungsreich und spannend. Hier wird nicht einfach nur wild drauflos gemosht, es schleichen sich auch immer wieder ruhige Passagen ein, auch kommen mal gesungene Parts und cleane Abschnitte zum Zug. Mourn z.B. beginnt mit einer Twang-Gitarre, die auch für einen Showdown eines Western-Films herhalten könnte, geht dann in einen Thrice-ähnlichen hymnischen Refrain über und gipfelt in einem noisigen Midtempo-Groove, auch ganz sanfte und melancholische Einsprengsel sind noch mit dabei. Mit Chosen gibt’s dann einen schönen Hardcore-Smasher mit melodischem Gesang, bevor die A-Seite mit dem Song Killing Place nochmals so richtig dissonant, noisig und nach vorn treibend endet. Auf der B-Seite geht es genauso wild und intensiv weiter, so dass einem gerade die Spucke wegbleibt. Die an Thrice erinnernden Anteile werden hier noch weiter ausgebaut (siehe beispielsweise Elder), dennoch bleibt es dissonant und heftig. Ein paar groovige und schnellere Songs mit New York-Hardcore-Referenzen später wird das Album mit dem grandiosen Stück Losing Touch beendet. Wahnsinn, da ist man direkt gespannt, was man von der Band in Zukunft noch zu hören bekommt. Vorerst genügt es aber, in dieses knapp vierzigminütige Werk der Leipziger einzutauchen, denn das Ding ist echt mal der Hammer!

9/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec. / Day By Day Records


 

Agador Spartacus – „Agastonishing“ (DIY)

Mit minimalen Materialkosten etwas basteln, das obendrein richtig schön und edel aussieht, dafür haben nicht mehr allzu viele Bands ein Händchen oder die notwendige Energie. Schließlich ist man mit der Band auch so schon voll ausgelastet. Nachdem man schon genügend Zeit in Proben, Aufnahmen, Produktion und das Schreiben von Texten investiert hat, geben viele Bands lieber ein bisschen Kohle aus, um einen lieblos bedruckten 0815-Pappschuber für ihre neue EP anfertigen zu lassen. Das fertige Objekt hat letztendlich aber null Charakter, weshalb es sich als Ladenhüter entpuppt und die CD’s nach unsachgemäßer Lagerung im Proberaum irgendwann anfangen zu schimmeln. Glücklicherweise gibt es aber trotzdem immer wieder Bands, die sich Gedanken über alternative und originelle Verpackungen machen und dabei mit ein paar Handgriffen aus dem DIY-Lehrbuch souverän abliefern.

Die Band Agador Spartacus gehört zur letztgenannten Spezies, dementsprechend ist die in Vinyloptik und mit bestempeltem Label versehene CD in eine raffinierte Falt- und Steck-Kartonage eingehüllt. Die Frontseite der Kartonage ist mit einem Aufkleber mit Albumartwork verziert, auf der Rückseite sind mit einem kleinen weißen und aufgeklebten Zettelchen die Songtitel angebracht, ein Sticker und ein Einsteckkärtchen mit einem Bandfoto purzelt auch noch raus. Diese liebevoll zusammengebastelte CD gibt es übrigens in einer 100er-Auflage. Da haben die Jungs sicher mehrere Abende bei flüssiger Verpflegung dran gesessen und gewissenhaft gefaltet und geklebt. Nachdem ich auf die nette Email-Anfrage Interesse an einer Besprechung signalisierte, lag auch schon am nächsten Tag ein kleiner Umschlag mit eben dem Besprechungsexemplar und weiteren Releases anderer Bands, bei welchen Agador Spartacus-Mitglieder mitwirken im Briefkasten. Das zeigt ebenso, dass die Jungs mit Haut und Haaren dabei sind und auch organisatorisch auf Zack sind. Wenn man eine Internetsuchmaschine mit dem Bandnamen füttert, stößt man zuerst auf den Schauspieler Hank Azaria, der im US-Remake zum Film Ein Käfig voller Narren (The Birdcage) den fiktiven Charakter Agador Spartacus verkörpert. Nebenbei erfährt man, dass dieser Schauspieler auch etlichen Simpsons-Figuren im Original seine Stimme verleiht. Schon wieder was gelernt!

Nun, Agastonishing ist die mittlerweile dritte EP der Band aus Dortmund und Hamburg. Und betrachtet man die Titel der beiden bisher erschienenen EPs, dann wird man das Gefühl nicht los, dass hier irgendein Konzept dahinter steckt. Alle drei Titel beginnen mit dem Buchstaben A und bilden ein Wortspiel, zudem lässt sich eine ähnliche Struktur im Artwork erkennen. Zieht man das Intro ab, dann bringt es die CD auf insgesamt sechs Songs in einer Spielzeit von 20 Minuten. Zu hören bekommt ihr allerfeinsten Post-Hardcore, der mit Elementen aus Hardcore, Punk, Emo, Post-Rock und etwas Alternative-Rock bzw. Grunge angereichert ist. Dadurch entstehen natürlich vielseitige Möglichkeiten, so dass die Songarrangements schön abwechslungsreich bleiben und alles permanent in Bewegung bleibt. Auf der einen Seite klingt das dann richtig kraftvoll und arschtretend intensiv, auf der anderen Seite kommen aber auch immer wieder diese melancholischen Momente zum Vorschein. Man hört hier einfach an jedem Gitarrenriff, jedem Basslauf, bei den Drums und dem Gesang die unbändige Spielfreude und Leidenschaft der Band heraus. Darüber hinaus sind die Songs druckvoll produziert. Wenn man mal nur auf die Instrumente achtet, dann wundert man sich über die vielen unterschiedlichen Bauteile eines Songs, gerade die Gitarren wirbeln einigen Staub auf. Mal gibt’s dissonante Gitarrenläufe, dann wird wieder ein hochmelodisches Riff aus dem Ärmel geschüttelt, zwischendurch gibts groovige Rock-Riffs auf die Ohren. Dass das Ganze einen hohen Wiedererkennungswert hat, liegt auch am Sänger, der mal kräftig die Stimmbänder vibrieren lässt, aber auch einfühlsam und sensibel seine Gesangsmelodien über die Stücke legt. Als Anspieltipp würde ich mal den Song Escape Artist’s Son empfehlen, danach wollt ihr eh die ganze EP hören. Und wenn ihr damit einigermaßen fertig seid und die Band wie ich auch noch nicht kanntet, dann gilt es, die ersten beiden EPs anzuchecken.

8,5/10

Bandcamp / Facebook


 

Infant Island – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Mal wieder reibe ich meine Äuglein und wundere mich, warum manche Bands erst meine Aufmerksamkeit bekommen, wenn analoge Post ins Haus flattert. Im Fall von Infant Island reibe ich gleich doppelt, denn die 12inch blendet fast. Der strahlend weiße Karton ist auf der Frontseite mit einem schwarzen Siebdruck verziert, kaum größer als ein gewöhnliches Foto. Die Zeichnung zeigt zwei Menschen (vermutlich Kinder), die auf einem Fels sitzen. Auf der Rückseite, dem Textblatt und den Labels sind Zeichnungen von Vögeln zu sehen, womöglich sind das Kolibris. Ach ja, Infant Island kommen übrigens aus dem lustig klingenden Fredericksburg, das ist eine Stadt im US-Bundesstaat Virginia. Und ich vermute mal, dass der Bnadname irgendwas mit dem japanischen Filmmonster Godzilla zu tun hat, denn da gibt es in irgendeinem Film eine fiktive Insel gleichen Namens. Die 12inch ist übrigens mal wieder ein Co-Release, neben Dingleberry Records sind noch Middle-Man Records und Conditions Records mit im Boot.

Mit dem Aufsetzen der Nadel kommen Geräusche aus den Lautsprechern, die durch die Lüfte zu schweben scheinen, bis dann dieser durchtriebene und distortionlastige Sound einsetzt. Leiernde Gitarren, ein wabernder und matschiger Delay-Soundbrei, abgehacktes Drumming und ein schreiender Sänger, dem nach den persönlichen Lyrics nach zu urteilen eine Unmenge an Angst und Verzweiflung im Nacken zu sitzen scheint. Im zweiten Song geht es vermeintlich flott weiter, die hektischen Drums und die wild gezockten Gitarren werden abermals mit derben Vocals und reichlich Krach ausgeschmückt. Irgendwie kann man das alles noch nicht so recht einordnen. Und wenn man meint, dass es endlich geklickt hat und man das Bandschema so halbwegs durchschaut hat, dann kommt doch noch die unvorhersehbare Kehrtwende. Und diese Kehrtwende macht die Band erst richtig interessant.

Das dritte Stück Broken Pieces strotzt nämlich nur so vor Melancholie, das ist der helle Wahnsinn. Man hat das Gefühl, als ob man alles durch einen extrem flauschigen Wattefilter wahrnehmen würde. Die eiernden Gitarren, der fuzzige Bass und die präzise gespielten Drums, dazu heulendes Geschrei am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was auf den ersten Blick so undefinierbar erscheint, nimmt nun langsam Form an. Denn die nachfolgenden Songs bringen nach und nach diese emotionale Seite ans Licht, obendrein kommen ein paar Überraschungen in Form von klassischen Instrumenten wie einem Cello, einer Violine und einem Klavier dazu. Und dann ist da dieses Slow-Motion-Midtempo, das einen mit jedem weiteren Durchlauf so richtig einfängt. So einen atmosphärischen Sound ist man sonst eher von skandinavischen Bands gewohnt. Gerade bei den melancholischeren Stücken denkt man z.B. an Kapellen wie Trachimbrod oder Sore Eyelids. Und wenn man beim ersten Durchlauf noch meint, dass hier mal wieder eine weitere Combo einen durchschnittlichen Mischmasch aus Screamo, Post-Hardcore, Emo, Shoegaze und atmosphärischen Tunes zusammengebastelt hat, dann wird man nach ein paar weiteren Hörrunden eines besseren belehrt. Und man reibt sich dabei ungläubig die Augen!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Eilean Mòr, Erida’s Garden, Fakeholder, Ksilema, Full Lungs, Mad Pilot, Pale Hands, Palisade, Soft Harm, Summer Wars

Aesthetics Across The Color Line – „Selftitled EP“ (Polar Summer) [Name Your Price Download]
Eine wunderschönen Mischung aus Twinkle-Emo und 90’s-Midwest-Emo machen Aesthetics Across The Color Line aus der Stadt Omsk/Sibirien auf ihrer Debut-EP. Der Sound dockt sofort an Ohr und Herz an, gerade weil die Gitarren so gefühlvoll aus dem Ärmel gespielt kommen. Hier stimmt einfach das Gesamtbild. Ausgeklügelte Songarrangements treffen auf überschlagenden Gesang und mehrstimmige Chöre, dabei gibt es auch laid back gespielte Wohlfühl-Gitarrenparts und treibende Momente. Wer Bands wie Sport, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle zu seinen Faves zählt, sollte hier mal ein Ohr riskieren und die EP schnell mal zum Name Your Price Download auf die Festplatte zippen!


Eilean Mòr – „Горизонт“ (DIY) [Stream]
Nach einer Demo-EP und drei weiteren EPs hat Eilean Mòr aus Jekaterinburg/Russland endlich ein ganzes Album mit zwölf Songs am Start, die Spielzeit kommt auf knappe 23 Minuten. Aufmerksamen Lesern dürfte die Band ja bereits ein Begriff sein, an anderer Stelle wurde schon mal auf eine EP hingewiesen. Nun, Eilean Mòr haben ihren emotive 90’s Screamo weiter verfeinert, zwischen laut und leise kommen verstärkt auch viele Post-Hardcore und Emocore-Einflüsse an die Oberfläche. Diese melancholisch gezockten Gitarren jagen zusammen mit dem eigenwilligen Bass die ein oder andere Gänsehaut über den Rücken, die gefühlvollen Vocals tun ihr übriges. Hab mal die russischen Lyrics per Internet-Übersetzung gecheckt und würde sagen, dass sich diese sehr persönlich und poetisch lesen. Nur mal wieder schade, dass ich aufgrund der Sprachbarriere nicht mehr Infos über die Band in Erfahrung bringen konnte.


Erida’s Garden – „Альбом“ (DIY) [Stream]
Rein optisch sticht die aktuelle EP der Band Erida’s Garden eigentlich kaum ins Auge. Nach einem kurzen Hörtest sieht es aber ganz anders aus und man bleibt direkt hängen. Fünf Songs später hat man das Bedürfnis, das Ding nochmals von vorn zu hören. Das Quintett aus Ischewsk hat sich im Jahr 2010 gegründet, es sind bisher zwei EP’s und eine Demo erschienen. Zwischenzeitlich scheint die Band eine längere Pause eingelegt zu haben, der Vorgänger zu Альбом erschien im Jahr 2013. Erida’s Garden sind im melancholischen Post-Hardcore unterwegs, die Eckpfeiler Emocore, Screamo und Post-Rock runden das Ganze ab. Wunderschöne Gitarren treffen auf dynamisches Drumming, leidenschaftlicher Gesang in russischer Sprache und laut/leise-Passagen sorgen für die nötige Spannung. Die Textinhalte sind auch mit reichlich Melancholie angehäuft, soweit ich das Dank der Internet-Übersetzung beurteilen kann. Die ausgeklügelten Songarrangements wurden ebenso mit viel Gefühl und Atmosphäre ausgestattet. Als Anspieltipp empfehle ich einfach mal den Song Запахи Манят, danach wollt ihr eh die ganze EP hören!


Fakeholder – „Прощание“ (DIY) [Name Your Price Download]
Rückwärts aufgenommene Gitarren im Intro, dazu noch ein paar dezente Frickle-Emo-Gitarren! Fakeholder aus Moskau machen tollen Midwest-Emo, zu dem man bei einer Live-Show in der ersten Reihe mit geschlossenen Augen ganz gern ab und zu mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Brust klopft. Zur kurzen Erklärung dieses ungewöhnlichen Gefühlsausbruchs: Im ersten „richtigen“ Song kommt zu den wahnsinnig emotionalen Gitarrenklängen auch noch leidend trauriger Gesang dazu. Ach ja, ein deeper Bass darf natürlich ebenso wenig fehlen wie das abwechslungsreiche Drumming, das von treibend über weird bis melancholisch so ziemlich alles draufhat. Und dann schleichen sich noch pianoartige Klänge und ein Glockenspiel in den Sound ein. Das alles klingt dann wie eine Mischung aus Appleseed Cast, American Football, Maple und Algernon Cadwallader. Sehr schön!


Ksilema & Full Lungs – „Split“ (Polar Summer) [Stream]
Schade, dass es bei Bandcamp nicht möglich ist, gleichzeitig nach Post-Hardcore und Herkunftsland zu filtern. Denn irgendwie hab ich dass Gefühl, dass durch diese fehlende Möglichkeit eine Menge an hervorragender Bands in der Versenkung verschwinden. Nun, hin und wieder landet man dann doch einen Treffer, so wie im Fall der beiden Minsker (Weißrussland) Bands Ksilema und Full Lungs. Ksilema steuern drei Songs bei, die irgendwo im emotive Screamo zu verorten sind, aber auch einen schönen Punk/Hardcore-Einfluss haben. Die in russischer Sprache vorgetragenen Lyrics sind sehr persönlich gehalten, wodurch die emotionale Seite auch nochmals schön hervorgehoben wird. Ich kann nur empfehlen, den Backkatalog der Band anzutesten. Full Lungs schlagen musikalisch in eine ähnliche Kerbe, allerdings besitzen die zwei Songs englische Lyrics. Gerade weil die Soundqualität ein bisschen rauer klingt, wirkt das ganze schön intensiv. Trotzdem besitzen die zwei Songs eine bessere Soundqualität als die bisherigen Veröffentlichungen der Band.


Mad Pilot – „Russia Today“ (Ionoff Music) [Name Your Price Download]
Das aus Moskau stammende Trio namens Mad Pilot hatte wahrscheinlich bei der Bandnamenstaufe den deutschen Psycho-Pilot Mathias Rust im Hinterkopf, aber das ist reine Vermutung. Dieser durchgeknallte Typ wagte es doch tatsächlich ohne Genehmigung mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau zu landen. Das war damals Sensation und Skandal zugleich. Leider folgten dieser verrückten Aktion einige unschöne Dinge, ich empfehle allen Unwissenden zur Allgemeinbildung den umfassenden Wikipedia-Artikel zur Person. Nun, Mad Pilot existieren schon eine ganze Weile, die bisherigen und auch das aktuelle Release kann man sich zum Name Your Price Download zippen. Mad Pilot sind kein ohrenbetäubender Düsenjet und bewegen sich eher zwischen Post-Hardcore, Grunge und Emo, der zwischen laut und leise pendelt. An manchen Stellen kommen sogar Streicher zum Einsatz. Geil auch, dass jedes Instrument seinen Raum bekommt. Hört mal das polternde Bassgetöse! Klar, zuerst vernimmt man diese fuzzenden Gitarren, dann diese The Cure-mäßigen Tunes und schließlich den krächzenden Gesang…aber irgendwann kommt man an diesem extremen Bass nicht mehr vorbei! Auf den ersten Blick unscheinbar, bei weiteren Hörrunden brennt sich der Sound tief ein!


Pale Hands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Seit 2012 ist die Sankt Petersburger Band Pale Hands unterwegs, in der Szene sind sie längst keine Unbekannten mehr. Nach zwei EPs ist aktuell das selbstbetitelte Debutalbum erschienen. Insgesamt sind sieben Songs zu hören, darunter zwei instrumentale, die etwas ruhiger ausfallen als die restlichen Stücke, so dass zwischendurch auch mal eine Verschnaufpause eingelegt wird. Pale Hands machen grob gesagt intensiven Emotive Screamo, dabei wird auf russisch gelitten und geheult. Ab und zu schleichen sich heftige Knüppelausbrüche und düstere Passagen mit ein. Screamo-Fans werden leuchtende Augen bekommen angesichts des geilen Sounds des Quintetts. Neben all den heftigen Ausbrüchen stehen dem Ganzen auch die unterschwelligen Melodien hervorragend zu Gesicht. Durch die Tempowechsel bleibt es jedenfalls spannend, so dass Pale Hands auf ganzer Linie schwer begeistern!


Палисад (Palisade) – „Куда ведет дорога“ (DIY) [Stream]
Tollen Midwest-Emo gibt’s von Палисад aus Sankt Petersburg/Russland zu hören. Auf das 2016-er Debut stieß ich irgendwann mal beim ausgiebigen Bandcampsurfen, nun ist vor einiger Zeit eine 3-Song-EP erschienen. Und auch diese kann sich wieder hören lassen! Die Gitarren pendeln zwischen verträumt und melancholisch, manchmal mit bittersüßer Note. Die Lyrics werden in russischer Sprache vorgetragen, soweit ich es dank der Internetübersetzung verstanden habe, geht es um Themen wie Selbstfindung, Vergänglichkeit und Sehnsucht, dabei kommen auch immer längere instrumentale Passagen zum Zug. Insgesamt wirken die drei Songs sehr melancholisch und irgendwie wünscht man sich nach der etwas knapp über zwölf Minuten dauernden Spielzeit, dass da noch mehr kommt. Nun, da bleibt vorerst leider nur der Klick auf Repeat, hoffentlich kommt bald mal ein ganzes Album. Fans von Mineral, SDRE und Penfold sollten hier mal reinhören!


Soft Harm – „Тебя никогда здесь не было“ (DIY) [Name Your Price Download]
Alles was ich über diese Band in Erfahrung bringen konnte, ist folgendes: die Band kommt aus Bryansk, das liegt irgendwo in Russland ca. 380 km südwestlich von Moskau, das Ding ist das Debut der Band und der EP-Titel bedeutet übersetzt soviel wie „Du warst noch nie hier“. In der Tat, in Bryansk war ich tatsächlich noch nie und auf die Bandcamp-Seite der Band Soft Harm bin ich auch eher zufällig beim Bandcamp-Surfen geraten. Und natürlich bin ich aufgrund des mitreißenden Sounds sofort kleben geblieben. Die Band spielt eine intensive Mischung aus Emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore, die Gitarren kommen schön melancholisch um die Ecke, der leidende Gesang tut sein übriges, auch wenn man der russischen Sprache nicht mächtig ist. Sechs wahnsinnig gute Songs, das müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Летние войны (Summer Wars) – „О врагах / On foes“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Moskau kommt das Quartett Summer Wars, das sich irgendwann im Jahr 2011 zusammengefunden hat, um ausgeklügelten Post-Hardcore mit Emocore, Screamo und Post-Rock anzureichern. Auf der aktuellen EP gibt es vier Songs zu hören, die mit jedem weiteren Durchlauf etwas mehr wachsen. Mich erinnert der Sound stark an die späteren Sachen der spanischen Band Standstill, man kann aber auch Parallelen zu Bands wie z.B. Amanda Woodward, Loma Prieta oder Raein ausmachen. Die Jungs gehen sehr progressiv an die Sache ran, trotzdem haftet den vier Songs eine gewisse Melancholie an, was vor allem an den sich in Trance spielenden Gitarren und dem einfühlsamen Gesang liegt. Die russischen Lyrics der vier Songs, die alle nach Städten benannt sind, können auf der Bandcampseite auch in der englischen Übersetzung nachgelesen werden. Ich empfehle euch dringend, die nötige Zeit zu nehmen um in diese vier Songs einzutauchen, ihr werdet es nicht bereuen!