Meijar – „Selftitled“ (lala Schallplatten)

Zwischen Interessensbekundung aufgrund einer e-Mail-Anfrage und Zusendung eines physischen Besprechungsexemplars liegt normalerweise ein wenig Zeit, aber bei diesem Release lag die 12inch nach nettem Mailkontakt tatsächlich zwei kurze Tage später vor der Wohnungstür. Wahnsinn! Da hab ich dann fast ein schlechtes Gewissen, wenn die Rezi erst ein paar Wochen/Monate danach erscheinen wird, weil noch einige andere Sachen in der Pipeline sind. Langsamer geht es kaum, da ist sogar manch Print-Magazin fixer unterwegs! Deshalb Verzeihung an dieser Stelle, aber ich feier die Entschleunigung trotzdem! Denn so hab ich Zeit, natürlich unmittelbar nach Erhalt und ausgiebigem Hörgenuss eines Releases kurz vor Veröffentlichung des Reviews nochmals reinzuhören und die bereits im Kopf stehende und teilweise auch schon niedergeschriebene Rezi eventuell noch zu überarbeiten und zu verfeinern.

Bei dem selbstbetitelten Debutalbum der Band Meijar beispielsweise ist erneutes reinhören gar nicht mehr erforderlich, denn die 12inch dreht seit ein paar Wochen eh immer wieder gern mal auf dem Plattenteller ihre Runden, ganz ohne jeglichen Zwang und Drang! Das Quartett kommt aus Dresden, die beteiligten Bandmitglieder haben zuvor bereits in anderen lokalen Bands gespielt. Hab nach kurzer, erfolgloser Internetrecherche aufgegeben, denn eigentlich ist es doch auch angesichts der Aufnahmen total egal, wo die Jungs zuvor gezockt haben. Was mir das Internet jedoch verraten hat: Meijar ist vermutlich Hindi und heißt übersetzt „Haupt“. Wenn man die 12inch in den Händen hält, dann geht erst mal ein Fragezeichen an das enorm schön hingekritzelte Albumartwork raus: Hase gräbt? Hase zermatscht/totgefahren? Immerhin erkannt, dass es ein Hase ist? Backcover: Hase hoppelt fröhlich davon? Ostern? Auferstehung? Ist das ein Schriftzug mit versteckter Botschaft? Alles sehr verwirrend, aber ein netter Zeitvertreib, daraus etwas zu deuten! Irgendwie schade, dass kein Textblatt beiliegt und die Texte trotz deutscher Sprache echt schwer rauszuhören sind. Wenn man dann doch ein paar Lyrics-Fetzen entziffert hat, kommt noch die Hürde der bildhaften Sprache dazu. Bei einer so wertigen Platte wird ein Textblatt mit zusätzlichen Infos natürlich schmerzlich vermisst!

Dieses Manko wird aber mit insgesamt acht hammerstarken Songs – darunter zwei instrumetale Zwischenspiele – ausgeglichen. Meijar haben nämlich eine richtig geil abgehende Mischung aus Post-Hardcore, etwas Noise und einem kleinen Schuss Neo-Grunge am Start. Kann sich jemand das hier in etwa vorstellen? Melancholische Fjørt mit brachialen Ausbrüchen liebäugeln mit atmosphärischen und post-rockigen Juliana Theory und einem Schuss Engine Down. Und das alles sauber und satt abgemischt! Manche Gitarrenpassagen sind so geil, dass ich meine verstaubte Gitarre rauskramen und das hier nachspielen möchte! Textlich sehe ich die Jungs auch ohne das ersehnte Textblatt bei Bands wie beispielsweise Klez.e, die sicherlich auch minimalen musikalischen Einfluss genommen haben. Und dann gibt es da auch noch diesen Refused-Groove, den man zur The Shape Of Punk To Come-Phase so sehr mochte, ein paar Deftones-mäßige Gitarren und etwas Neo-Grunge à la Citizen dürfen auch noch mit rein. Yeah! Meijar solltet ihr nach diesem tollen Debut im Auge behalten! Haltet auch mal nach den Videos der Band Ausschau, die sind auch kurzweilig anzusehen! Die Platte läuft jedenfalls nach der eingangs beschriebenen Zeit noch immer in Dauerrotation und wird das sicher auch noch eine Weile tun!

9/10

Facebook / Bandcamp / lala Schallplatten


Tape-Duo: Just Look Around, Sand And Sault


Just Look Around – „Freedom Remains“ (Modern Illusion Records) [Stream]
Was ist denn das für ein schönes Päckchen, das da im Briefkasten gelandet ist? Schön handlich verpackt, purzelt neben einem Tape ein Finger-Skateboard raus, das sich natürlich gleich der Nachwuchs unter den Nagel reißt. Den handgeschriebenen Brief darf der Papa aber selbst lesen, das Finger-Skateboard wird später unbemerkt zurückerobert. Tja, immer wieder wird man neuen Herausforderungen ausgesetzt…Ähem…und dann muss ich ja auch noch das Tapedeck der Kinder stiebitzen, aber das brauchen sie nach der Entdeckung des Internets eh kaum mehr. Tape rein, Kopfhörer auf, volle Lautstärke aufdrehen! Und dann geht es auch schon direkt los, nachdem ich beim Intro schon dachte, dass der Tonkopf mal wieder von den Kindern mit ’nem Schraubenzieher bearbeitet wurde. Das Tape kommt komplett in orange, das Tape-Cover strahlt auch einen gewissen Sommer-Touch aus, man könnte hier also durchaus sonnigen Skatepunk erwarten. Nach dem Intro trifft mich aber direkt die Breitseite! Just Look Around kommen aus Höxter und fahren voll das 90er-Hardcore-Brett ab! Leicht metallische Gitarren, moshende Parts und Chugga Chugga-Grooves. Die im Booklet abgedruckten Lyrics werden dann dem Sound angepasst ziemlich angepisst und wütend rausgebrüllt, Life Is An Endless Struggle…typisch Hardcore halt. Die Aggro-Vocals gehen für mich jedenfalls klar, textlich würde ich mir weniger stumpfes Phrasengedresche wünschen. Aber sieht man darüber hinweg, dann bekommt man insgesamt sieben fette Songs um die zwei-Minuten-Marke mit ihren jeweiligen Intros/Samples aus irgendeinem mir nicht bekanntem Film geboten, hier steht das Thema Weltfrieden und Menschlichkeit im Vordergrund. Musikalische Einflüsse kommen sowohl aus dem oldschooligen NYHC, Madball und frühe Vision Of Disorder beispielsweise, aber es geht auch etwas newschooliger in Richtung Earth Crisis oder Chokehold. Schön, um sich mal wieder etwas abzureagieren! Modern Illusion Records ist übrigens ein ziemlich neues DIY-Label aus Langenau/Ulm. Checkt auch mal die bisherigen Releases an, gerade die Bands Bent Blue und Mü klingen ganz interessant!


Sand And Salt – „Strike Two Tape“ (Seven Oaks Records) [Stream]
Auf diesem schön gestalteten Tape mit Jurassic Park-Dinozeichnung auf dem Cover sind die letzten beiden EPs einer mir bisher noch nicht bekannten spanischen Hardcoreband drauf. Drück auf Play und bekomm sofort Lust, mit ’nem Skateboard in den nächstbesten Pogo-Mob zu preschen. Sand And Salt kommen aus Tarifa, einem kleinen Städtchen in Andalusien, das auch gleichzeitig der südlichste Punkt des europäischen Festlands ist. Meerbedingt gibt’s da natürlich massig Sand und Salz! Und ich kann mir eine verschwitzte Live-Show mit dieser Band deutlich vorstellen, da rinnt der Schweiss in Strömen vom Körper! Melodisch und nach vorn gehen die sechs Songs durch die Decke, ganz schön Posi und mit geilen Youth Crew-Chören, Oldschool-Hardcore im Orange County-Stil! Wer die frühen Ignite-Sachen, Uniform Choice, Speak 714 oder anderes Zeug mit Joe D. Foster an der Gitarre vergöttert, dem wird Sand And Salt ein fettes Grinsen ins Gesicht zaubern! Das Tape kommt über Seven Oaks Records mit Download-Codes beider EPs (Embrace Life & Feet On The Ground), im aufklappbaren Cover sind alle Texte abgedruckt. Man braucht zwar fast ’ne Lupe, aber man erkennt auch ohne Vergrößerungsglas, dass die Texte voller Edge-Spirit und PMA sind! Ich feier die Jungs ab!


Neat Mentals – „Virus/It Ain`t Easy 7inch“ (DIY)

Das 7inch-Päckchen ist vielleicht vor zehn Minuten in den Briefkasten geworfen worden, da hab ich es auch schon mit zittrigen Fingern rausgefischt. Echt jetzt, das Ding war über eine Woche unterwegs, zudem hab ich kürzlich von einem räuberischen Postboten gelesen, der Ware im Wert von ca. 15000 Euro abgezwackt hat. Wenn ich mit solchen Nachrichten auf Post warte, dann werde ich zur Else Kling und schau permanent aus dem Fenster und stalke die arme Postbotin, die wahrscheinlich aufgrund meines ungewöhnlichen Verhaltens und der hysterischen Nachfragen schon Albträume von mir hat. Sie auf meine angespannte Situation anzusprechen, traue ich mich nicht, das kommt ja noch viel verschrobener rüber. Vielleicht Vorhänge besorgen, damit sie mich nicht bemerkt? Ups, ich schweife ab…

Jedenfalls purzeln aus dem lang ersehnten Päckchen einige Gimmicks mit raus, viele schicke Aufkleber sind dabei. Aber besonders geil finde ich den Bierdeckel aus Pappe mit dem Artwork der 7inch aufgedruckt (ohne die Bierpfützen). Wow, das macht mich echt mal durstig! Glücklicherweise ist der Untersetzer zwei mal dabei….einer wird sofort als Souvenir in die 7inch-Hülle gesteckt, der andere wird gleich, nachdem die 7inch auf den Plattenteller geklatscht wird, als Bieruntersetzer benutzt. Im Covid-19-Virus bedingten Home Office kann ja niemand meine Fahne riechen, also was soll’s. Dass ich dabei Musik vom Plattenspieler höre, interessiert ja auch niemanden. Sicher ist: wenn die Postfrau auch nur Sachen einschmeißt und nicht klingelt, dann muss das trotzdem hart gefeiert werden, egal wie früh oder spät es ist.

Und mit den zwei Songs dieser 7inch gelingt das Feiern recht gut! Das im Tarotkarten-Stil aufgedruckte Artwork gefällt mir schon mal sehr, das ähnlich gestaltete Textblatt kommt ebenfalls super rüber. Der Song It Ain`t Easy hat ’nen coolen Drive und die Melodie geht direkt ins Ohr! Poppig, mit markantem Bass und geilen Gitarrenriffs, dazu schön nach vorn! Die melodischen Spermbirds treffen auf 77er-Punk und wundern sich über Blink 182, die da an der Ecke stehen und noch nichts von ihrem späteren Erfolg wissen. Beim B-Seiten-Song Virus denkt man ja sofort an die aktuelle Situation und die Pandemie. Wie konnte es nur so weit kommen? Wenn man die Entwicklung der Menschheit der letzten Jahre so im Nachhinein betrachtet, dann ist es fast schon lächerlich, dass es ein unsichtbares Virus gebraucht hat, um die Welt so durchzurütteln. Jedenfalls steht der Song der B-Seite an Qualität und Catchyness dem Song auf der A-Seite in nichts nach! Diese zwei Songs schreien nach mehr! Kurz und knackig und auf den Punkt! Wirklich mal wieder ein wunderbares DIY Release der Stuttgarter Jungs, das Istanbuler Label Kafadan Kontak ist übrigens auch noch involviert. Checkt das mal, wenn ihr melodischen und authentischen Punkrock mögt!

8/10

Bandcamp / Facebook


Bandsalat: Armywives, Closer Still, Colour In The Clouds, Holy Fawn, Holy Figures, Hot Mulligan, Lang, Soul Glo

Armywives – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Hach, vom Covermotiv hätte ich gern ein schwarzes Shirt! Sieht einfach schön aus! Sicher macht sich das Motiv auch sehr schön auf eine schwarze 7inch gesiebdruckt! Armywives aus Los Angeles tummeln sich schon seit einiger Zeit in der Szene, neben der Discography von 2010-2014 ist im April letzten Jahres eine neue EP mit vier Songs erschienen. Armywives rotzen uns darauf eine intensive Mischung aus Screamo, Emo und Post-Hardcore vor den Latz, die voller Power, Verzweiflung, Schönheit und Wut steckt. Mir sind beim ersten Hördurchlauf sofort Bands wie Kidcrash, Ampere, Comadre oder Eyelet als musikalische Verwandte eingefallen. Verdammt gut!


Closer Still – „Expect Nothing“ (DIY) [Stream]
Post-Hardcore aus Hawaii? Das findet man wohl nur nach ausgiebigem Bandcamp-Surfen, so ist es mir zumindest ergangen. Closer Still sind seit 2017 unterwegs, Expect Nothing ist die dritte EP der Jungs. Und wer auf 2000er-angehauchten Post-Hardcore mit Metal-Gitarren steht, der dürfte an Closer Still seine wahre Freude haben. Da denkt man natürlich sofort an Zeugs wie Saosin, From Autumn To Ashes, Underoath, Coheed And Cambria, Poison The Well oder Circa Survive…und ist hier direkt schon am richtigen Platz. Druckvolle Gitarren, knackige Drums, tolle Melodien, wechselseitig cleane und teils hohe Vocals treffen auf bösartiges Geschrei, Myspace lässt grüßen! Mir gefällt’s!


Colour In The Clouds – „Inosculation“ (Mourning Records) [Stream]
Laut der Beschreibung auf ihrer Bandcamp-Seite machen Colour In The Clouds emo-influenced Post-Hardcore. Das trifft den Nagel eigentlich schon ganz gut auf den Kopf. Die Kanadier sind übrigens bereits seit einiger Zeit unterwegs, 2012 ist als Bandgründungsjahr angegeben. Dank einer Bandcamp-Zufallsbegegnung bin ich begeistert auf das Debutalbum (?) Inosculation gestoßen. Und ich muss sagen, dass ich erst beim wiederholten Hörgenuss vom Sound der Jungs gefangen genommen wurde. Das Ding braucht meiner Meinung nach ein zwei Runden Vorlauf, danach gibt’s nur noch Wachstum! Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, merkt man, dass hier sehr viel persönliche Traumata verarbeitet wurden. Da wird an Entscheidungen gezweifelt, schmerzhafte Erkenntnisse werden verarbeitet, Gefühlschaos extrem! Das schlägt sich in Bezug auf Emotion und Melancholie natürlich auch auf die Musik nieder. Den druckvollen Sound hat übrigens Jay Maas gemischt. Egal ob die Band straight nach vorne auf die Zwölf gibt oder es auch mal ruhiger versucht, das hier solltet ihr euch unbedingt mal anhören, wenn ihr auf Jahrtausendwenden-Post-Hardcore mit Emotendenz stehen solltet! Als Anspieltipp würde ich mal den Song Hold (Still Ill) vorschlagen, denn da bekommt man die ganze Bandbreite der Jungs in einem Song geboten. Dennoch empfehle ich, das ganze Album mal in Dauerschleife zu packen!


Holy Fawn – „The Black Moon“ (Triple Crown Records) [Stream]
Auf die Band aus Arizona stieß ich irgendwann im Herbst beim Surfausflug auf Bandcamp, der Sound passte sofort. Die EP hat jetzt zwar schon ein Jährchen auf dem Buckel, trotzdem möchte ich hier auf die Band Holy Fawn aufmerksam machen und obendrein erwähnen, dass man sich auch mal das Debutalbum aus dem Jahr 2018 reinziehen sollte, sofern man an diesen drei Songs hier Gefallen finden sollte. Holy Fawn stehen für emotionalen und verträumten Blackgaze mit Post-Rock , der auch mal ausbricht und auf Post-Metal-Pfaden wandelt. Die in Watte gebetteten Reverb- und Tremolo-Gitarren erschaffen eine dichte Atmosphäre, dazu gesellt sich weicher Gesang, die lauteren Soundausbrüche klingen fast metallisch. Muss man unbedingt über Kopfhörer genießen!


Holy Figures – „Luck Of The Draw“ (New Morality Zine) [Name Your Price Download]
Dieses Trio aus North Carolina entdeckte ich neulich, weil ich mich hin und wieder auf den Seiten vom New Morality Zine rumtreibe. Holy Figures scheint eine ziemlich neue Band zu sein, dennoch klingen die vier Songs so, als ob die Jungs schon ewig zusammen wären. Die Kombination aus Post-Hardcore und Rock geht so ein bisschen in die Deftones-Richtung, man hört dem Sound aber auch den Emo/HC-Background an, Bands wie Far und Jawbox werden als Einflüsse genannt. Mir kommt an manchen Passagen auch noch ein bisschen By A Thread in den Sinn. Auf der einen Seite sind da diese heavy Gitarrenriffs und die knackigen Drums, auf der anderen Seite dringt viel Melancholie und Melodie an die Oberfläche, was unter anderem auch am Gesang liegt. Das Ding ist in Kleinstauflage als 8inch mit Tarotkarten oder als Tape erhältlich.


Hot Mulligan – „You’ll Be Fine“ (No Sleep Records) [Stream]
Auf das zweite Album der Band aus Lansing, Michigan wollte ich offenbar auch mal noch eingehen, die Bandcamp-Seite liegt schon seit ein paar Wochen im Lesezeichen-Ordner. You’ll Be Fine ist eigentlich eher was für die warme Jahreszeit, das Album ist mit elf Songs eine richtig fluffige Emo-Pop-Punk-Platte, bei der die Melodie nicht zu kurz kommt, zudem haben die Songs allesamt einen schönen Drive. Das liegt mitunter am kräftigen Gesang, der mit vollstem Einsatz und mit purer Leidenschaft aus den Lautsprechern dringt. Saubere Gitarren zwischen twinkle und melodisch, druckvolle Drums, hymnische Refrains und das alles fett abgemischt. Da fühlt man sich auf Anhieb wie ein Teenie!


Lang – „カイエCahier“ (DIY) [Stream]
Kürzlich mal wieder ein bisschen die japanische Screamo/Post-HC-Szene gecheckt und dabei auf die aktuelle EP der Band Lang gestoßen, deren Backkatalog übrigens auch nicht zu verachten ist, falls ihr die Band noch nicht kennen solltet. Auf der neuen EP der fünf Jungs aus Tokyo/Fukushima ist der Screamo der Anfangstage jedenfalls weiter in Richtung Post-Hardcore abgedriftet, was dem Sound aber ganz gut Zunder gibt. Die in japanischer Sprache gescreamten Vocals geben dem Ganzen einen enormen Exotenbonus, auch wenn man nur vereinzelt bei den cleanen Gesangsparts mitbekommt, dass es sich um eine nicht geläufige Sprache handelt. Die satte Produktion sorgt dafür, dass die Gitarren messerscharf klingen, die Drums druckvoll wie noch was die Wände wackeln lassen und der Bass dazu ordentlich pumpt. Mir gefällt das alles supergut! Eigentlich war bereits eine Europatour mit State Faults und Boneflower geplant, diese wurde aber aufgrund Covid-19 erstmal auf Eis gelegt.


Soul Glo – „Songs to Yeet At The Sun“ (Secret Voice) [Stream]
Neulich drüben bei borderlinefckup drauf aufmerksam geworden und sofort angefixt gewesen. Soul Glo kommen aus Philadelphia und machen eine hyperventilierende Mischung aus Screamo, Chaos-Core, Hardcore-Punk, Noise und Rap. Der pure Wahnsinn! Die frühen Bad Brains sind zusammen mit The Locust, den Blood Brothers und dem Wu-Tang Clan im Ring und hauen sich gegenseitig die Fresse blutig! Immer schön aggro und angepisst bis zum Anschlag!


Lessoner – „Exzenter“ (Seven Oaks Records)

Schon geil: da stößt man beim Bandcamp-Surf-Ausflug auf ein Release, findet es klasse, entscheidet sich dazu, ein paar Zeilen drüber zu schreiben…und schwups, zwei Jahre später findet man eine 12inch besagter Band im Päckchen vom sympathischen DIY-Label Seven Oaks Records. Völlig überraschend, denn Lessoner verkündeten nach dem damals besprochenen Release, dass nach dem Weggang des Sängers Ersatz gesucht würde. Diesen Ersatz haben sie mittlerweile wohl gefunden, denn Exzenter ist mal definitiv keine Instrumental-EP geworden. Und so wie es aussieht, ist der Weg des geringsten Widerstands gegangen worden: aus dem einstigen Quartett ist ganz einfach ein Trio geworden, der Gesang wird jetzt vom Gitarrist und vom Bassist beigesteuert. Und was sich auf dem 2019er-Release schon abgezeichnet hat und der Band auch im damaligen Review ein paar Pluspunkte bescherte, war der letzte Song des Releases, der zeigte, dass die Musik von Lessoner auch mit deutschen Lyrics funktioniert.

Exzenter kommt dann gleich fast komplett deutschsprachig, lediglich beim Song La Sirima La Fronte sind ein paar Sätze in italienischer Sprache mit dabei. Insgesamt sieben Songs gibt das Trio auf der EP zum Besten. Was ähnlich zur Morgana-EP geblieben ist, sind die groovige Grundstimmung und die abwechslungsreichen und sehr lebhaften Songarrangements, die von üppigem Ideenreichtum geküsst sind. Die Jungs picken sich ihre Rosinen aus Post-Hardcore, Screamo, Noise, Punk, Emocore und etwas Melodic Hardcore heraus und basteln sich damit ein gelungenes Gebräu, das nach wenigen Durchläufen sofort im Ohr hängen bleibt. Wenn ihr alle Facetten der Band in einem Song zusammengefasst haben wollt, dann empfehle ich als Anspieltipp das vielseitige und groovende Arche, das auch die ruhige und melancholische Seite der Band gut einfängt. Hattet ihr eigentlich schonmal eine Vinylscheibe, die zu stark der Sonne ausgesetzt war und deshalb stark eierte, so Berg- und Talfahrt-mäßig? Falls ja, dann hilft dabei ein Exzenter-Gewicht, die Unwucht auszugleichen. Exzenter ist zwar ein Begriff aus der Astronomie und der Mechanik, als Exzentriker werden aber auch Leute bezeichnet, die bewusst von kulturellen und sozialen Normen abweichen. Der EP-Titel regt daher genauso wie die Texte zum Kopfkino-Grübeln an.

Die Texte sind übrigens in schöner Handschrift geschrieben auf dem aufklappbaren Textblatt abgedruckt. Aus dem Leben gegriffene Geschichten sorgen für reichlich Stoff zum Nachdenken, zudem steckt da sehr viel Intimität drin, schätzungsweise werden sogar persönliche Traumata verarbeitet. Das Lyric Sheet ist auch noch analog zum Albumcover mit Fotos aus längst vergangenen und vermeintlich glücklichen Kindheitstagen versehen, was dem ganzen noch eine persönliche Note obendraufsetzt. Anhand des Telefons auf dem Frontcover und der Blümchentapete sind diese wohl irgendwann in den 80ern entstanden. Wollte die EP ursprünglich eigentlich als Review-Duo mit der Band Schubsen online stellen, aber nur deshalb, weil auf beiden Albumcovern Fernsprechtischapparate abgebildet sind und beide Bands mit Sprache und Bildern an sich ganz gut umgehen können. Hab mich dann doch dagegen entschieden, der Entschleunigung wegen. Mein 12inch-Besprechungsexemplar schimmert übrigens in rotem, fast ins orange gehendem Vinyl, durch das man durchblicken kann. Es gibt aber auch noch eine Version in transparent-blauem Vinyl. Download-Code inklusive. Und neben Seven Oaks Records ist auch noch das DIY-Label Save The Scene Records am Release beteiligt. Geile Sache!

8/10

Bandcamp / Seven Oaks Records


Bandsalat: Carthiefschool, Citizen, Gender Roles, Hallicunation, Kali Masi, New Pagans, Surut, Svdestada

Carthiefschool – „Selftitled“ (Transduction Records) [Stream]
Was für ein gruseliges Albumcover! Hab neulich irgendwo gelesen, dass die spooky Darstellung von Kindern in der antiken Malerei daran lag, dass man die Kinder „erwachsen“ aussehen lassen wollte, obwohl Babys ja eigentlich niedlich aussehen, so wie sie sind. Nun, das können zeitgenössische Maler wie Shuzo Tajima, der für das Kunstwerk verantwortlich ist, wohl ebenfalls, auch wenn ich nicht entscheiden kann, wer von den gemalten Personen hier jetzt gruseliger rüberkommt. Es ist das Gemälde an sich, das mich etwas verstört. Dann mal zur Musik: die japanische Band Carthiefschool hat sich nach langjähriger Undergoundszene-Zugehörigkeit der drei Bandmitglieder im Jahr 2016 gegründet, vorherige Bands waren Nango und The Hatch. Vom Sound her würde ich das hier als eine ziemlich fiese Mischung aus räudigem Post-Punk, an den Nerven zehrendem Noise und durchgeknalltem Freejazz-Core beschreiben. Sehr eigenständig, originell, abgefahren mit keinerlei kommerziellen Absichten. Das Gerüst aus Bass und Drums wird mit schreddernden Gitarren unterstützt, dazu gibt’s japanischsprachige Schreivocals, die direkt aus einer illegalen Nervenheilanstalt zu kommen scheinen. Ich find’s interessant, könnte mir aber auch vorstellen, dass man damit seine Mitmenschen zum hellen Wahnsinn treiben kann.


Citizen – „Life In Your Glass World“ (Run For Cover Records) [Stream]
Man muss es sich eigentlich immer wieder ins Gedächtnis rufen: Citizen haben sich im Jahr 2009 als Schülerband gegründet! Und diese Ex-Schülerband schafft es jetzt echt seit ihrer Debut-EP aus dem Jahr 2011 (Young States), mich mit jeder neuen Veröffentlichung wieder und wieder zu verblüffen und mich am Händchen zu nehmen, so dass ich bereits nach wenigen Durchläufen total vernarrt in die neuen Songs bin. Life In Your Glass World ist das mittlerweile vierte Album der Band aus Toledo/Ohio. Die elf Songs zaubern mir auf Anhieb ein debiles Grinsen ins Gesicht, hier schwappt einem soviel Leidenschaft und Melancholie entgegen, einfach unglaublich! Dazu sind das wieder mal Hymnen für die Ewigkeit! Was total spannend ist, ist die Experimentierfreude, das Wagnis, den Sound weiterzuentwickeln und auszufeilen. Wie weit die Jungs dabei gehen, lässt sich beispielsweise an diesem ungewöhnlichen Drumcomputer-Ding Fight Beat sehen! Die stimmungsvollen Songarrangements fühlen sich im Verlauf des Albums so verdammt lebendig an! Die Mixtur aus Post-Hardcore, wütenden Grunge-Parts, noisigen Gitarren-Rockparts und bittersüßem Emo bis Indie-Pop hat genau das richtige Lot zwischen ruhigen, gefühlvollen Parts und vor Wut schnaubenden Soundausbrüchen. Schön auch zu erfahren, dass die Jungs den Entstehungsprozess wieder selbst in die Hand genommen haben und die heimische Garage zum Tonstudio umfunktioniert wurde. Aber huch, beim Song Black And Red klingt das Riff ein bisschen nach Banquet von Bloc Party. Kann man drüber weg sehen, für mich ist Life In Your Glass World schon jetzt ein weiterer Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Emo!


Gender Roles – „Dead or Alive // So Useless“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die Band aus Brighton, UK hat einfach ein Händchen für tolle, sofort ins Ohr gehende Songs. Es sind zwar nur zwei Stücke auf dieser Veröffentlichung drauf, aber diese haben das Zeug dazu, Dir ein breites Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Leichtfüßig weht Dir beim Hörgenuss ein laues Frühlingslüftchen mit intensiven Naturaromen um die Nase! Eigentlich sollten die kurz nach der Veröffentlichung des Debutalbums entstandenen Songs schon letztes Jahr erscheinen, aber irgendwie hat sich das verzögert. Jedenfalls arbeitet die Band bereits an einem neuen Album, auf das man nach diesem sonnigen und kurzweiligen Ausflug gespannt sein darf!


Hallucination – „Selftitled“ (Sentient Ruin) [Name Your Price Download]
Nach einem fiebertraumhaften Intro bekommt ihr von der Band Hallucination aus Philadelphia vier mal wüsten Noise-Crust-D-Beat auf die Ohren, der erstmal ziemlich unstrukturiert, wild und roh klingt. Unter all dem chaotischen Lärm dringen aber mit jeder weiteren Hörrunde ein paar unterschwellig melodische Fetzen an die Oberfläche. Hier hilft nur, die Anlage bis zum Anschlag aufzudrehen und gnadenlos die Bude zu zerlegen! Genau das Richtige, um sich ein bisschen abzureagieren! Eigentlich ziemlich oldschoolig und mit unverkennbaren Hardcore-Punk Einflüssen. Die Tape-Version hat dann passenderweise noch ’ne Poison Idea-Coverversion mit drauf. Wer Zeugs wie Crude SS, Raw Nerve oder Cult Ritual mag und auch die Power der ersten Cro-Mags-Aufnahmen schätzt, sollte hier mal reinhören.


Kali Masi – „Laughs“ (Homebound Records/Uncle M) [Stream]
Ganz schön gepackt hat mich das zweite Album der Chicago-Punks Kali Masi. Tief im 90er-Punk/Emo verwurzelt zünden die zehn Songs ein richtig intensives Emopunk-Feuerwerk! Melodisch, nach vorn gehend, tief berührend und am Rand der Verzweiflung und dennoch mit der nötigen Portion Härte. Die Musik bekommt durch die lyrisch ausgetüftelten und fast schon poetischen Texte noch ’ne Schippe an extremen Gefühlschaos mit drauf. Denn hier geht’s um schlaflose Nächte und qualvolles Leiden, psychischen Machtmissbrauch und vermeintliche Freundschaften, die vielleicht gar keine echten Freundschaften sind. Sehr trauriger und echt harter Stoff verpackt in tolle Songs mit anspruchsvollen Songarrangements und ziemlich schnell ins Ohr gehenden hymnischen Melodien! Muss man gehört haben und toll finden!


New Pagans – „The Seed, The Vessel, The Roots and All“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem ich bereits einige tolle Musikvideos der Band New Pagans aus Belfast gesehen habe, flattert nun endlich das Debutalbum der zwei Damen und der drei Herren in den CD-Player. Und ja, meinen Ohren gefällt absolut, was sie da hören. New Pagans sind irgendwo im 90’s-Indierock daheim, dazu gesellen sich Grunge, Shoegaze- und Punkeinflüsse. Durch die hauptsächlich weiblichen Vocals fühlt man sich natürlich sehr an Bands wie z.B. Sonic Youth, frühe Lush oder PJ Harvey erinnert, es kommen aber auch Bands wie The Pixies oder The Smashing Pumpkins als Einflüsse in Frage. Die elf Songs sind verdammt catchy und haben charmante Gitarrenriffs und eingängige Refrains im Gepäck, zudem sind sie in anspruchsvolle Songarrangements eingebettet. Hört euch nur mal einen meiner Lieblingssongs Yellow Room an, Harbour ist auch noch ein schöner Anspieltipp! In irgendeinem Interview mit Frontfrau Lyndsey McDougall habe ich gelesen, dass sie die Band gründete, als sie „schon“ über 30 war und dass kurze Zeit nach der Bandgründung die Nachricht von McDougalls Schwangerschaft die Zukunft von New Pagans zu zerstören drohte. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kleinkindern und hat Band und Mutterrolle unter einen Hut gebracht und damit den ganzen patriarchalen Mist, mit welchem Frauen und Mütter im Beruf wie auch in der Kunst konfrontiert werden, einfach mit starker Power vom Tisch gefegt! Textlich beschäftigt sich die Band übrigens gern mit feministischen Inhalten, Frauenrechte und der Protest gegen die Ungleichbehandlung von Geschlechtern sind zentrale Themen. Jedenfalls ist der Band ein Album gelungen, das man sich nicht entgehen lassen sollte.


Surut – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Wie bin ich nur wieder hierauf gestoßen? Das Ding hier war im Lesezeichnenordner mit einem roten Herzchen markiert. Ein schwarzes hätte besser gepasst! Hätte man mich irgendwann letztens ermordet, dann hätten die Mordermittler nach der Inspektion des Lesezeichenordners sicher einige Fährten am Start, die man nicht unbedingt verfolgen müsste. Denn, selbst wenn die Mucke ein wenig psychopathisch klingen sollte, die finnische Band Surut hat vermutlich keine mordlustigen Texte am Start und versinkt eher in der eigenen trostlosen Misere. Der Bandname bedeutet in der Landessprache soviel wie „Trauer“. Und ja, die vier Songs hier strotzen vor größtem Drama, das kaum mehr getoppt werden kann. Hier wird gelitten, dissonante Gitarrenparts treffen auf flirrende und flächige Gitarren, die Drums werden ohne Ende geprügelt, als ob der Drummer irgendwo ausbrechen wollte. Wie können vier Songs so unglaublich verloren klingen? Übrigens spielen hier auch Leute der neulich besprochenen Alas mit. Irgendwo zwischen Blackened Hardcore, Post-Hardcore, Sludge-Noise und emotive Screamo. Hört es selbst!


Svdestada – „Azabache“ (Pundonor Records u.a.) [Name Your Price Download]
Wenn man persönlich gestaltete Post von einer spanischen Band im E-Mail-Postfach findet und die Band ihren Stil kurz und knapp als Neocrust/Post-Hardcore aus Barcelona & Buenos Aires (?) umschreibt und das Ding auch noch in Zusammenarbeit von zwölf DIY-Labels erschienen ist, dann klickt man erstmal neugierig auf den beigefügten Bandcamp-Link…und wird direkt nach einem kurzen Intro mit elf hammerhart geilen Songs durchgefönt! Schnelle Gitarren mit unterschwelligen Melodien, knüppelnde Drums, gegenspielender Bass und eher im Screamo beheimatete Schrei-Vocals fegen wie ein mächtiger Sturm über Dich drüber! Verdammt, das hier wäre live sicher der volle Abriss! Textlich gibt man sich kämpferisch und rebellisch, eingeschränkte Freiheitsrechte, mangelnder Sozialzusammenhalt, Einsamkeit und Depression gilt es, zu bekämpfen. Dem Sound hört man jedenfalls die Wut, die Verzweiflung und das Leiden deutlich an. Großartiges Album, das Screamo-Fans und Neocrusten gleichermaßen anspricht!


Tape-Duo: Lhuma, Passionless Pointless

Lhuma – „Springer/Self Harm Tape“ (DIY) [Stream]
Hier hat die Vernetzung/Mundpropaganda mal wieder bestens funktioniert: Lhuma, eine Band aus Dresden ist über die aus der gleichen Ecke stammenden Band Out Of Phase (ihr erinnert euch sicher an das neulich besprochene Split-Tape mit Kalt) auf Crossed Letters aufmerksam geworden. Und schwups, flattert auch schon ein selbstgebasteltes DIY-Tape per Post ins Haus. Das Ding kommt in einer recycleten und mit einem tollen Artwork bedruckten Papphülle, die Texte sind auf einem gefalteten DIN A 4-Blatt abgedruckt, auch hier ist ein schönes Artwork zu bestaunen. Ein Downloadcode ist natürlich auch dabei und ob die beigelegten Sticker und der besiebdruckte Patch regulär Bestandteil des Releases sind oder nur als Bestechung beigefügt wurden, kann ich jetzt nicht genau sagen. Um keine Rohstoffverschwendung zu begehen, hat die Band einfach die aktuelle EP auf die A-Seite gepackt, dazu gibt es auf der B-Seite die Debut-EP aus dem Jahr 2018. Jedenfalls funktioniert der Sound der Dresdner auch gänzlich ohne Bestechung, denn die Jungs haben eine schön nach vorn gehende und ruppige Mischung aus Hardcorepunk und Screamo am Start, die dazu noch saftig und satt abgemischt ist. Die Songs der Springer-EP wurden im Proberaum live aufgenommen, hier hatte Broken Sounds aus Dresden das Vergnügen, die Self-Harm-EP wurde von Mermaids Escalate aufgenommen, hier durfte die Tonmeisterei an den Knöpfchen drehen. Die vier Songs der A-Seite wurden letztes Jahr kurz vor dem Lockdown aufgenommen. Eigentlich könnten sie inhaltlich auch locker später entstanden sein, denn die deutschen Texte klingen düster, wütend, verzweifelt, beängstigend. Da lag wohl schon so eine gewisse Endzeitstimmung in der Luft. Jedenfalls leidet der Sänger richtig fies, da wird gekreischt und gekeift, was das Zeug hält. Dazu kommen verschachtelte Drums, die ordentlich Power intus haben, messerscharfe Gitarren, ein pumpender Bass und etliche Rückkopplungen. Zudem geht es ganz schön abwechslungsreich, energiereich und leidenschaftlich zur Sache! Yeah! Macht hungrig auf Live-Shows! Die EP der B-Seite besteht aus fünf Songs, hierbei sind auch drei englischsprachige Stücke enthalten. Auch diese Songs haben ordentlich Pfeffer im Arsch und man merkt, wenn man die Band erst jetzt kennengelernt hat, dass die Songs der neuen EP ausgereifter und ausgetüftelter klingen. Jedenfalls sind Lhuma eine Band, die man im Auge behalten sollte.


Passionless Pointless – „Selftitled Tape + Zine“ (Vinyldyke Records) [Name Your Price Download]
Die Berliner Band Passionless Pointless liebt es offenbar retro, so erscheint das Debut-Album als Tape, als Dreingabe haben die drei Damen gleich ein 24-seitiges DIN A 5-Zine gestaltet. Sehr schöne Idee! Im Zine lassen sich neben den Texten verschiedene Infos finden, unter anderem erfährt man, dass sich die im Jahr 2019 gegründete Band nach einem PJ Harvey-Song benannt hat. Auch beim Sound schwappt der Retro-Style und DIY-Spirit der Neunziger aus den Lautsprechern. The Joy Of Missing Out beginnt mit einem fuzzigen und dreckigen Gitarrenriff schön grungig, so dass man sich beim Einsetzen der Drums und dem Gesang irgendwo in den Neunzigern in Seattle wähnt. Im Verlauf der acht Songs bekommt man eine ungefähre Vorstellung, von welchen Bands der Sound des Trios beeinflusst sein könnte. Ganz stark erinnert mich die Band an L7 und ganz frühe Hole, die groovige und noisige Seite geht in Richtung The Jesus Lizard und Shellac, selbst ganz frühe Nirvana, Flipper oder Unsane schweben im Raum, der Riot Grrrl-Spirit ist auch stets präsent. Unterstrichen wird dieser noch mit queer-feministischen Textinhalten gegen das Patriarchat und Homophobie! Mir gefallen die fetten Gitarrenriffs, die mal monoton und dann wieder auftürmend die Richtung vorgeben. Das Gebräu aus Grunge, Punk, Noise und Stoner ist dazu noch schön rau und dreckig abgemischt, hierfür hat mal wieder die Tonmeisterei gesorgt. Fazit: die Musik und das drumherum ist entgegen der Aussage des Bandnamens alles andere als leidenschaftslos und zwecklos! Checkt das unbedingt mal an!



Video-Runde: Limbs, LOKI, Slow Crush, Rest Easy, Sometimes Go, Timelost, Watching Tides, Zeahorse

WordPress hat mal wieder das Design und die Erstellungsmöglichkeiten geändert. Nach einer umfangreichen DIY-Schulung hab ich nach stundenlangem Rumprobieren endlich mal meinen ersten Text formatiert. Wie ich doch die Veränderung hasse! Jedenfalls gibt’s jetzt einen kleinen Sammelpost mit Musikvideos…viel Spaß beim Glotzen und Hören!


Limbs aus Tampa/Florida klingen auf ihrer aktuellen EP wie eine Mischung aus Underoath, Everytime I Die und Life In Your Way. Hier gibt’s ein Video zum Song I Used To Be You zu sehen.


Folktronica gefällig? Dann empfehle ich LOKI mit dem Song Salamano! Der Song macht jedenfalls Appetit auf die angekündigte zweite EP der Soundtüftler!


Die belgischen Shoegazer Slow Crush haben zum Anlass des Re-Releases ihres Albums Aurora ein kleines Video zum Song Aid And Abet abgedreht.


Bei Rest Easy zocken Leute von Daggermouth und Shook Ones mit, die Musik geht dann auch in Richtung Punkrock mit Melodie und etwas Hardcore und Pop-Punk. Auf der EP Sick Day gibt’s vier Songs zu hören, zum Song Bad Idea wurde dazu noch ein schönes Jackass-mäßiges Video abgedreht.


Ich hör dieses Album der Jungs von Sometimes Go einfach immer noch so gern! Jetzt haben die Jungs ein DIY-Video zum Song Hideout produziert.


Mit dem Begriff Grungegaze versucht die Band Timelost aus Philadelphia ihren Sound zu beschreiben. Die Jungs sind sehr 90’s-lastig unterwegs, checkt ruhig mal das neueste Release Gushing Interest an, wenn ihr auf Bands wie Nothing oder die Smashing Pumpkins stehen solltet.


Nach ihrer starken EP hat die Berliner Post-Hardcore-Band Watching Tides bald ihr Debut-Album am Start. Zum Song Stranger Friend gibt’s schonmal ein schönes Video zu sehen!


Die australischen Noise/Shoegazer Zeahorse haben ihr drittes Album Let s Not And Say We Did draußen, zum Song 20 Nothing gibt’s schon seit längerem ein Video zu bestaunen.


Schubsen – „Sprachfetzen“ (Swing Deluxe)

Nach zwei Alben legt die Nürnberger Formation aus Ex-Mitgliedern der Bands The Robocop Kraus, Reflekta Reflekta, For Arkadia, Klondike Derby und Wings of Love zur Abwechslung mal eine EP vor. Die 12inch ist – wie auch schon das 2016er-Debut – auf einem meiner Nostalgie-Lieblingslabels erschienen: schade, dass auf Swing Deluxe nicht mehr so viel los ist, wie um die Jahrtausendwende rum. Jedenfalls passen Schubsen musikalisch hervorragend zu den Bands, die für mich Ende der Neunziger das Label so wichtig und zeitlos gemacht haben: Maggat, Cyan, The Cherryville, Soave, Klondike Derby und Robocop Kraus, nur um ein paar davon zu nennen. Schubsen hätten auch super auf die sagenhafte Swing Deluxe-Compilation „Achtung Autobahn“ gepasst!

Das symbolträchtige Artwork (konstruiert von Künstlerin Lisa Closer, drüben bei vinyl-keks gibt’s ein lesenswertes Interview mit ihr zu lesen) regt jedenfalls ordentlich zum Grübeln nach. Was hört dieses überdimensional große Ohr in seinem abgeschnittenen Ohrensessel wohl an Sprachfetzen und Signalen? Das daneben stehende Tastentelefon, auch bekannt als der heilige Fernsprechtischapparat, ist jedenfalls ein Kommunikationsmittel zur Übermittlung von Tönen und natürlich werden dabei auch Sprache und Schall mittels elektrischer Signale durch die Kanäle gejagt. Da hat man sofort eine riesige Schaltzentrale vor Augen, in welcher emsige Mitarbeiter Stecker umstöpseln und Schalter umknipsen. Wer mit Wählscheibentelefonen und myspace großgeworden ist, hat diese Schaltzentrale sicher noch groß vor Augen! Und wenn man die Entwicklung der Telefonie so weiterspinnt, ist man gleich bei internetfähigen Geräten, bei denen auch Dritte Gespräche mithören können. Der große Lauschangriff war noch nie einfacher. Eines ist auch sicher: Sprache und Macht sind eng miteinander verknüpft und Schubsen legen zudem auf Sprache enorm viel Wert. Und da wären wir bereits auch beim Thema der EP, das sich wie ein roter Faden durch die sechs Songs spinnt. Sprache ist auch gerade während der Pandemie – beispielsweise in virtuellen Sitzungen – immer bedeutender geworden, zudem wird der Ton innerhalb der Gesellschaft immer rauer, wobei Sprache und Kommunikation ebenfalls eine Rolle spielt. Ein topaktuelles wie auch zeitloses Thema also, das hier zum Konzept gemacht wurde.

Musikalisch präsentieren uns die vier Jungs einen nervösen Mix aus deutschsprachigem Post-Punk, etwas kopflastigem Emopunk und einer Prise Noiserock. Erstmal klingt das alles schön sperrig, die Gitarren rotieren dissonant, die Drums gehen zielstrebig nach vorn, der Bass knarzt ordentlich, z.B. beim treibenden Marode Silben. Und dann sind da diese bildhaften und fast abstrakten Worte, die viel Deutungsfreiheit besitzen und die mal gesungen, mal gesprochen, mal geflüstert oder auch mal hysterisch gerufen werden. Singen ist auch Sprache! Beim ersten Hördurchgang bleibt wirklich noch nicht so viel hängen, lediglich der Song Aroma hat ein paar melodische Harmonien an Bord, die sich gleich in die Gehörgänge bohren. Oder diese schrammelnden Gitarren beim Song Zwingende Aussicht zusammen mit dem gegenspielenden Bass. Der Song Der Akzeptanz hat noch ein bisschen Percussions dabei, da entsteht langsam aber sicher ein schönes Spannungsfeld! Mit jeder weiteren Hörrunde entdeckt man dann wirklich immer mehr Fetzen und Passagen, die komplexen Songarrangements muss man sich förmlich nach und nach erarbeiten. Aber hat man das erstmal geschafft, dann zündet die EP richtig gut, ein Grower sozusagen. Wer Bands wie Sog, Maggat oder Klondike Derby mag, der ist bei Schubsen gut aufgehoben!

8/10

Facebook / Bandcamp / Swing Deluxe


 

 

Bandsalat: Alas, Altair, Culk, Enemy Alliance, Eut, Regrowth, This Calling, Trigger Cut

Alas – „Selftitled EP“ (DIY) [Name Your Price Download]
Hört bitte als erstes den Song Pohjasakkaa der finnischen Band Alas an. Wenn ihr emotive Screamo nicht abgeneigt seid, dann werdet ihr danach unbedingt mehr davon wollen. Und dann, unbedingt von vorn und in Dauerschleife! Oh ja, diese Gitarren zwischen Himmel und Hölle, diese herzzerreißenden Vocals, dieses weirde und doch auf den Punkt geballerte Schlagzeug! Ich brech ab! Dass es hier um irgendwas ganz hochemotionales gehen muss, kann ich nur anhand der auf die Seele intensiv einwirkenden Musik vermuten, denn die Lyrics werden in der Landessprache vorgetragen. Die schlechte Internetübersetzung bestätigt das auch in etwa. Das allmächtige Internet weiß auch nicht wirklich viel über die Band, oder aber ich bin zu blöd dafür. Ich brenne jedenfalls lichterloh! Ihr traut euch nicht, da mal reinzuhören? Nehmt ein paar Through Love Records-Bands der früheren Tage, addiert ein wenig Children Of Fall/Serene und etwas shoegazigen Emocore…ach was…zieht euch die EP einfach und werdet glücklich! Hoffentlich erbarmt sich jemand, das hier auf Vinyl rauszubringen! Heftig geil!


Altair – „Nuestro Enemigo“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Melodischen Screamo-Stoff mit Post-Hardcore-Einflüssen gibt es auf dem Debutalbum der Band Altair zu hören. Die Madrider Band erzeugt darauf in insgesamt neun Songs eine ziemlich intensive Stimmung, die an Verzweiflung, Zerrissenheit und Melancholie fast erstickt. Die Gitarren schütteln emotionsgeladene Riffs am Schnürchen aus dem Ärmel, dazu gesellen sich wuchtig gespielte Drums, ein gegenspielender Bass und heftig leidender Schreigesang. Zwischendurch schleichen sich auch immer wieder ruhigere, fast hypnotische Post-Rock und Emo-Passagen ein, so dass daraus genügend eruptive Spannung hervor geht. Die Songarrangements sind somit alles andere als langweilig gestaltet, hinzu kommt noch der Exoten-Bonus, denn die Vocals werden in Spanischer Sprache herausgekreischt. Sehr intensiv und geil! Am Release sind übrigens neben zilpzalp auch noch Dingleberry Records, Pundonor Records, Tirano Intergalactico, Inhumano und La Ermita beteiligt. Hört da unbedingt mal rein, wenn euch Bands wie Daïtro, Mihai Edrisch, Boneflower oder Viva Belgrado gefallen sollten.


Culk – „Zerstreuen über euch“ (Siluh) [Stream]
Ein ziemlich beeindruckendes zweites Album legt die Wiener Band Culk vor. Von Beginn bis zum Schluss strotzt das Ding vor tiefster Melancholie und bittersüßer Poesie. Thematisch werden Geschlechterverhältnisse, patriarchale Strukturen und Machthierarchien hinterfragt. Die Band um Sängerin & Multiinstrumentalistin Sophie Löw verpackt die deutschsprachigen Texte in eine düstere und melancholische Melange aus Shoegaze, Post-Rock, Post-Punk und etwas New Wave. Da wabern glockenhelle Gitarren und Synthies durch die Lüfte, dazu gibt es eine dynamische Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug. Über alldem schwebt die hypnotisierende Stimme von Sophie Löw. Textlich wie musikalisch könnte das hier sowas wie die Schwesterband der Schweizer Band Anoraque sein, nur dass die in englischer Sprache textet. Müsst ihr euch unbedingt anhören! Die Songs Nacht oder Dichterin eignen sich zwar als Anspieltipps, aber besser hört ihr das Album in einem Rutsch durch und lasst euch von den Klängen in den Bann ziehen.


Enemy Alliance – „Damnation Dawning“ (blackstarfoundation) [Stream]
Dieses Release hat lange auf sich warten lassen. Die dreizehn Songs wurden im Jahr 2008 eingespielt und schlummerten bis zum Release im Sommer in irgendeinem Kämmerchen. Gut, dass die Songs doch noch erschienen sind, denn das hier ist einfach zu gut, um es unter den Tisch fallen zu lassen. Die beteiligten Mitglieder tummeln sich schon jahrzehntelang in der schwedischen HC/Punk-Szene und man kennt sie von Bands wie Atlas Losing Grip, Satanic Surfers, Intensity und No Fun At All. Von den genannten Bands ist mir bis heute vor allem Intensity in sehr guter Erinnerung geblieben, deshalb feier ich Enemy Alliance besonders hart ab. Damnation Dawning geht nämlich sehr in die Richtung des Intensity-Debuts Bought And Sold, Rodrigo Alfaros Stimme gepaart mit den sauber gezockten Gitarren und der treibenden Rhythmusmaschine aus Bass und Drums geht einfach runter wie Öl. Und dann sind da diese mitgröhlkompatiblen melodischen Refrains! Hymnischen Melodic Hardcore-Punk mit leichtem Metaleinschlag auf den Gitarren kann man kaum besser machen!


Eut – „Party Time“ (Euphorie/V2 Records) [Video]
Irgendwie finde ich das Cover gruselig! Herpes? Was stimmt denn mit diesen Zähnen nicht? Jedenfalls ein richtiger Hingucker, auch wenn man gar nicht will, quasi Roadkill-Situation. Also, lieber mal schnell die CD in den Schacht klopfen, Play drücken und sich das Booklet schnappen. Damit kommt man schnell auf andere Gedanken. Denn die niederländische Band verzückt auf ihrem zweiten Album mit Popmusik, wie man sie schon länger nicht mehr gehört hat. Übrigens, den Bandnamen spricht man „Üt“, kommt wohl aus dem Französischen und wird mit „hätten“ übersetzt. Großes Fragezeichen. Die Band wurde im Jahr 2016 von zwei Mädels und drei Typen gegründet, die sich an der Amsterdamer Musikhochschule kennengelernt haben. Trotz dieser Tatsache klingt die Band für mich recht spannend, da hier sehr viel 90er-Charme mitschwingt! Da sind diese prägnanten Basslines, die knackig gespielten Drums, die abgedrehten Synthies und die recht biegsamen Math-Gitarren, die ein abwechslungsreiches und durchdachtes Grundgerüst zaubern. Dazu gesellt sich lieblicher Frauengesang, so dass man sich vom ersten bis zum letzten Ton in einer tanzbaren Bubblegum-Blase wieder findet, die saubere Produktion hat auch ihren Reize. Der Albumtitel hält jedenfalls, was er verspricht! Das Gebräu aus Pop, Grunge, Rock und Indie ist mir so sympathisch, weil es doch recht verschwurbelt, ziemlich bunt und ein bisschen schizo zugeht, so dass trotz Catchyness noch genügend Ecken und Kanten vorhanden sind. Die Lyrics erzählen Geschichten aus dem täglichen Leben, Herzschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album. Immer wieder fühlt man sich an 90er-Acts wie The Cardigans, Natalie Imbruglia, Gwen Stefani oder Blur erinnert, aktuellere Bands mit ähnlicher Herangehensweise wären z.B. Kids N Cats, Crumb oder Orchards. Jetzt aber genug geschwafelt, ab auf den heimischen Dancefloor!


Regrowth – „Lungs“ (Goldmine Records u.a.) [Stream]
Ob die Band aus Sardinien ihr Artwork und den Titel ihres Debutalbums bedingt durch die Pandemie gewählt hat? Möglich, denn auch die Insel war und ist stark betroffen. Was sicher ist: die Jungs haben mit Lungs ein intensives und emotionales Album geschaffen, das eine perfekte Melange aus Melodic Hardcore, Post-Hardcore, Screamo und etwas Crust ist. Geile und scharf schneidende Gitarrenriffs sind zusammen mit Bass und Schlagzeug ein mächtiges Grundgerüst, dazu gesellen sich noch heisere Vocals, die verzweifelt und traumatisiert klingen, zwischendurch gibt es auch mal cleane Vocals. Vom Songwriting her ist viel Abwechslung geboten, im Laufe der zwölf Songs kommt keinerlei Langeweile auf. Aggro trifft auf Melodie, ab und an gibt’s heftige Beatdowns und permanente Rhythmuswechsel. Hier wird mit Haut und Haaren und ganz viel Herzblut musiziert, da bekommt man direkt Lust auf ’ne Liveshow. Ich feier das Album jedenfalls hart ab!


This Calling – „Methods Of Protest“ (blackstarfoundation) [Stream]
Alte Szene-Hasen die nächste: Bei This Calling sind in der ungarischen Szene tief verwurzelte Bandmitglieder am Start, die Jungs kennt man von Bands wie Bridge To Solace, Poison Alley oder The Idoru. Dementsprechend oldschoolig und tight geht es auf dem Debutalbum der Band zur Sache. Melodischen Hardcore-Punkrock mit leicht metallischen Gitarren gibt’s auf die Ohren, immer schön nach vorne preschend. Da kann man schon mal leuchtende Augen bekommen, wenn eine Hookline die nächste jagt. Die Jungs haben’s jedenfalls immer noch drauf, die elf Songs sind verdammt explosiv und verlocken zu einem imaginären Moshpit! Wem die neueren Ignite mit Zoli irgendwann zu käsig geworden sind, dürfte hiervon schwer begeistert sein!


Trigger Cut – „Rogo“ (DIY) [Stream]
Das zweite Album des Trios aus Stuttgart/München knallt schonmal ordentlich mit dem Song Solid State los! Da leuchten auf Anhieb die Äuglein, wenn man auf brezligen Noise-Rock mit emotionaler Kante steht. Wow! Und es geht in dieser Art im Verlauf der zehn Songs ohne auch nur den geringsten Ausfall weiter: nervös, knackig, am Rande des Nervenzusammenbruchs! Das Album ist während der Pandemie entstanden und irgendwie meint man aufgrund des intensiven Sounds und der unbändigen Spielfreude, die an allen Enden und Ecken entgegenschwappt, deutlich herauszuhören, dass diesen Jungs die fehlenden Möglichkeiten einer Live-Show tief in den Knochen sitzt. Die Energie muss ja irgendwo raus! Eine Herzensangelegenheit! Man kann förmlich den Wind spüren, der vom pumpenden und groovenden Gerüst aus Bass und Schlagzeug um die Nase weht! Dazu gesellen sich irrwitzige Gitarrenriffs und manisches Geschrei mit viel Aerosol-Ausstoß. Trigger Cut sind ja aus den Bands Buzz Rodeo und Haikkonen hervorgegangen, wobei sich das natürlich auch im Sound hören lässt. Fans von 90’s-Noise-Bands wie z.B. The Jesus Lizard, Shellac, Drive Like Jehu, Kurt, frühe Lack oder Craving werden das hier mit Haut und Haaren fressen, zudem sieht das aufwendig gestaltete Cover der Vinylversion den Fotos nach zu urteilen wie der feuchte Traum eines Vinyljunkies aus. Das Ding hier toppt meiner Meinung nach sogar noch das echt starke Debut der Band!

 

Buchvorstellung: Blut & Schweiß – Sick Of It All – Die Geschichte der Koller Brüder (Iron Pages Books)

 

Nach der Agnostic Front/Roger Miret-Biografie ist aktuell beim Iron Pages-Verlag die Geschichte eines weiteren NYHC-Urgesteins in der deutschen Übersetzung erschienen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1986 befindet sich die Band Sick Of It All aktuell im 35. Bandjahr. Das muss man erstmal schaffen! Und im Gegensatz zu anderen HC-Legenden, die nur noch zu besonderen Anlässen aufspielen bzw. nach der x-ten Reunion das große Geld wittern, blieb die Band stets leidenschaftlich und mit vollem Einsatz ohne Unterbrechung bis heute am Ball. Seit 1992 haben sich keine Besetzungswechsel im Lineup mehr ereignet, neben den Brüdern Lou und Pete Koller ist nach einer kurzzeitigen Abwesenheit des Originaldrummers Armand Majidi (1989-1992) noch Craig Setari am Bass fester Bestandteil der Band, sozusagen eine fest zusammengeschweißte Familie. Dass Sick Of It All so groß wurden, ist mit einem harten Kampf verbunden, der auch heute noch fortwährt. Wer nach der Lektüre dieses Buches immer noch vom großen Hardcore-Sellout spricht, wohnt wahrscheinlich immer noch bei Muttern im Keller.

Die 272-seitige Autobiografie wird hauptsächlich aus der Sicht der beiden Koller-Brüder dargestellt, es fließen aber auch Kommentare von ehemaligen oder aktuellen Bandmitgliedern ein, zudem kommen Familienangehörige, Freunde, Musiker anderer Bands (DRI, Napalm Death, Slayer, Sepultura, Exodus u.a.) zu Wort, Chris Carraba (Dashboard Confessional) durfte ein Vorwort beisteuern. Howie Abrams (In-Effect Records) verfasste das Buch gemeinsam mit den Brüdern, für die treffende deutsche Übersetzung ist Andreas Diesel verantwortlich. Was mich anfangs etwas skeptisch machte, ist die Gliederung im Interview-Stil. Diese Skepsis erwies sich jedoch beim Lesen als unbegründet. Der Lesefluss wird dadurch nicht beeinträchtigt, im Gegenteil. Die Geschichten lesen sich spannend, zudem ergänzen sich die Aussagen perfekt, auch die Bemerkungen von Dritten machen das Ganze lebendig. Jedenfalls musste ich mehrmals laut auflachen und schmunzeln, zudem habe ich das Buch förmlich verschlungen. Den Blick auf die HC-Szene nahm ich im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte ähnlich wahr. Und dass der eigene Nachwuchs anstelle sich für Musik zu interessieren lieber stundenlang einem Youtuber beim Minecraft-Spielen zusieht und dieser sich dadurch mehrere Lamborghinis leisten kann, ist echt ein hartes Los, das auch ich teilen kann. Auch wenn ich die neueren Releases – genauer gesagt ab dem Wechsel zu Fat Wreck- nicht mehr so ganz aufmerksam verfolgte, so habe ich mir vorgenommen, dies nach der Lektüre des Buches doch noch genauer unter die Lupe zu nehmen. Dank Streaming kostet das ja heutzutage nicht mal mehr was. Wenn aber SOIA in der Nähe spielt, dann geh ich da nach wie vor hin!

persönliches Flyer-Archiv

In den Neunzigern fuhr man auch schonmal etwas weiter, um sich bei den stets energiegeladenen und äußerst unterhaltsamen Shows der New Yorker ein paar blaue Flecken oder Schlimmeres zu holen. Und dennoch war man hinterher aufgeputscht, glücklich und zufrieden. Und wenn man Glück hatte, konnte man sich auch noch mit diesen sympathischen und freundlichen Typen unterhalten. Jedenfalls kann ich die Aussage bestätigen, dass die Jungs auf der Bühne immer den vollen Einsatz geben und die perfekten Entertainer sind. Auch wenn mir die kleineren Gigs aus der Anfangszeit mehr gaben, habe ich bis zum heutigen Tag keine einzige schlechte Show der Jungs gesehen. Und meine Anfangszeit mit SOIA begann irgendwann Anfang der Neunziger. Es gab bei uns am Ort einen gut sortierten Plattenladen, der eine große Punk/HC/Metal-Abteilung hatte. Da konnte man auch in die Releases reinhören, quasi unser Bandcamp/Spotify damals. Jedenfalls kaufte ich da die Blood Sweat & No Tears und auch etwas später die nachfolgende Just Look Around, klar ging ich auch gerade Anfang bis Ende der Neunziger oft auf Shows. Als mein absolutes Lieblingsalbum Scratch The Surface erschien, war der Plattenladen leider Geschichte. Was war das gerade zur Just Look Around damals für ein Ding, SOIA liefen plötzlich auf MTV und gefühlt bei jeder Umbaupause in den einschlägigen Show-Locations. Ich hab mir sogar mal so ’n Hockey-Shirt rausgelassen, das hab ich immer noch, dient mittlerweile als ausgeleierter Schlafpulli! Nachdem ich in meinem Flyerarchiv ein bisschen gekramt hab, fand ich lustigerweise auf Youtube sogar eine vor 26 Jahren stattfindende komplette Show, auf der ich zugegen war.

Jedenfalls wird im Buch gerade die Anfangsphase von SOIA stärker ins Auge gefasst. Viele Bands aus der HC-Punk-Szene protzen gern mit ihrer Street-Credibility und der harten Neighborhood, aus der sie sich nach oben gekämpft haben. Bei SOIA ist das Gegenteil der Fall. Die Koller-Brüder wuchsen in geregelten Familienverhältnissen und in einer bunt gemischten Nachbarschaft in Queens auf, dazu genossen sie eine gute Erziehung ohne Vorurteile und wurden von ihren Eltern und Brüdern bei dem unterstützt, was ihnen Freude bereitete. Ziemlich früh erkannten beide, dass sie äußerst begeisterungsfähig für Musik waren, Reisen gefiel ihnen ebenfalls. Der Schritt von der Plattensammlung des Vaters bis zur ersten Gitarre und dem selbstständigen Erkunden eines Plattenladens bis hin zu ersten Besuchen von Shows war dann wohl auch der Knackpunkt der Kurve vom Fanboy zur Gründung einer eigenen Band, logischerweise mit ordentlich Krach im Keller des Elternhauses. Interessant dabei zu lesen ist auch, welch vielseitige Musik bei der Gründung eine Rolle spielte und wie das Gemeinschaftsgefühl im CBGB in diesen Tagen einen bleibenden Eindruck hinterließ. Auch die Unsicherheit, das erste Mal mit der Band vor Publikum zu spielen, wird treffend geschildert. Trotz guter Erziehung musste sich die Band übrigens auch immer mal wieder behaupten. Bekanntlich ging es gerade in der Anfangszeit in der HC-Szene ziemlich ruppig und gewalttätig zur Sache und gerade Mitte der Neunziger gab es auf vielen Shows Stunk mit Nazis. Nicht nur hier gab es einige brenzlige Situationen, in denen auch mal die Fäuste flogen. Viel gibt es auch über den Zeitvertreib auf Tour zu lesen, bei dem Crew und Bandmitglieder einige Späße ertragen mussten und neben Sight-Seeing-Touren und lebensbedrohlichen Badeausflügen reichlich Klassenfahrts-Abenteuer geschildert werden. Zudem ziehen die Jungs auch ein bisschen über andere Bands wie z.B. Biohazard oder Hatebreed her und sind dabei erstaunlich redselig und offen.

Das Buch kann eigentlich nur jeder Band empfohlen werden, um sich Input zu holen, wie man die Sache angehen sollte. Zudem dürfte das Buch auch Leuten gefallen, die mit Sick Of It All rein gar nichts am Hut haben. Denn das hier ist ein Lehrbuch in Sachen Leidenschaft, Spaß und dem Willen, Herzensangelegenheiten und Träume zu verwirklichen und dabei mit der Unterstützung der Familie glücklich und ausgeglichen zu sein, nicht nur als Band.

Video: amid the old wounds – „every double life“ (the new amsterdams cover)

Den Corona-Lockdown kann man entweder als lästig empfinden, oder man macht das beste draus und ist ein bisschen kreativ. Touren ist nicht möglich, verpassen tut man eigentlich auch gar nichts – weil ja auch niemand tourt – warum also nicht mal in sich kehren und ein bisschen für sich musizieren? Duct Hearts-Frontmann Daniel Becker hat ja schon im ersten Lockdown unter dem Namen Amid The Old Wounds eine 7inch rausgehauen, jetzt folgt ein Video zum Song Every Double Life, der im Rahmen einer Aufnahme von vier Songs für ein zukünftiges Split-Release mit den sagenhaften You Could Be A Cop zusätzlich spontan eingespielt wurde.

Und weil viele der Amid The Old Wounds Songs vor 18-20 Jahren entstanden und gerade zu der Zeit Matt Pryor mit The New Amsterdams einen bleibenden Eindruck hinterließ, kombinierte Daniel den eingespielten Song mit zu dieser Zeit persönlich entstandenen Video-Erinnerungsschnipseln. Ein echt gelungenes Video mit warmem Nostalgiefilter! Nostalgie-Fun Fact: diese Windmühle weckt irgendwie meine Kindheitserinnerungen im elterlichen Garten, wir hatten eine ähnliche, wenn nicht gar die gleiche.

Krasser-Fahrstil & Ennolicious & pADDELNoHNEkANU – „Mit Abstand Am Besten“ (30 Kilo Fieber Records u.a.)

Drei befreundete Bands aus dem Schwarzwald – genauer gesagt zwischen Baden-Baden und Rastatt – teilen sich eine 12inch. Die Idee zum Split-Release einiger Bands zwischen Karlsruhe und Baden-Baden wurde Anfang 2019 geboren, dann kam die Pandemie. Und irgendwie wollten sich dann doch nur drei Bands finden lassen, die jeweils unveröffentlichte Songs am Start hatten. Diese wurden dann im März live eingespielt, jede Band erledigte das an einem Tag, erschwerte Bedingungen wie Abstand halten kamen hinzu. Und schwups, hatte man auch schon einen Albumtitel. Dem Schwarzwaldmädel mit dem traditionellen Bollenhut hat man auf dem Frontcover gleich dazu noch einen Mundschutz verpasst. Ob der medizinische Mundschutz die gewünschte Wirkung hatte, erfährt man dann auf dem Backcover. Ach ja, zudem gibt es zwischendurch lustige Sprachsamples zu hören. Sind die wirklich alle echt? Die 12inch ist in schöner DIY-Manier produziert, neben einem Downloadkärtchen liegt ein kopiertes A4-Textheftchen im Fanzine-Stil mit allerlei Infos zum Release, Linernotes und Texten bei, so dass man neben dem Hörerlebnis auch noch was zum Lesen und gucken hat. Das Release ist in Zusammenarbeit der Labels 30 Kilo Fieber Records, Elfenart Records und Krachige Platten erschienen. Ich frag mich gerade, ob es Bands gibt, die extra in ’ne WG gezogen sind, um legal im Lockdown zusammen Mucke machen zu können…

Nun denn, den Anfang machen die mir bereits bekannten Krasser-Fahrstil mit ihrem Düster-Punk, der ordentlich rumpelt und schön rau aus den Boxen suppt. Die Aufnahme ist schön dreckig und krachig, so dass man einen gewissen Proberaum-Live-Spirit im Wohnzimmer hat, wenn man die Lautstärkeregler ordentlich aufreißt. Zu einem der vier Songs gibt’s ein Kinski-Live-Ausraster-Sample, das passt dann eigentlich bestens zum ruppigen Punksound der Band aus Rastatt. Vom Stil her dürften Krasser-Fahrstil von Deutschpunk-Bands wie Muff Potter, Razzia, EA80 oder Boxhamsters beeinflusst sein. Gitarrenlastiger und mit persönlichen Texten ausgestatteter Punkrock , der einfach gut nach vorne brezelt.

Ennolicious aus Durmersheim geben danach ihre Debut-Aufnahmen zum Besten. Sechs Songs zockt das Quartett runter, entgegen der anderen beiden Bands wird hier in englischer Sprache gesungen. Die Textinhalte sind gesellschaftskritischer Natur, der Sound kommt schön roh und oldschoolig daher. Die Songs sind kurz und gehen verdammt straight nach vorne. Hier sind die Vorbilder eher im US-Hardcore-Skatepunk zu finden, Minor Threat, frühe Pennywise, frühe NOFX oder deutsche Kapellen wie Ladget, Skeezicks oder Spermbirds dürften für die Bandmitglieder keine Unbekannten sein. Macht Bock auf eine Live-Show mit jeder Menge verschüttetem Dosenbier!

pADDELNoHNEkANU sind zweifelsohne die Opas auf diesem Release, die Jungs lärmen nun auch schon 19 Jahre rum. Die drei beigesteuerten Songs hätten vom Sound her auch gut auf das letzte Album gepasst. Parmesanpolitik schrammelt was das Zeug hält, dazu kommen supergeile deutsche Texte. Ich tret Dir gern genderfrei in Deinen Arsch! Dissonante Gitarren und ein poltender Bass zaubern schaurig-schöne Melodien, so muss emotionaler Deutschpunk anno 2021 klingen! Auch das nachfolgende Tag an der Sonne strotzt vor wütender Energie und tiefer Melancholie/Tristesse, auch wenn der Refrain mit diesen mehrstimmigen Chören so schön sonnig klingt. Das ruhige Schlussstück Buchstaben geht dann eher in die Schrammel-Emo-Richtung. Schade, dass nach drei Songs schon wieder Schluss ist, davon hätte ich auch noch mehr vertragen. Ach ja, und ihr wisst ja: sollten irgendwann mal wieder Live-Shows im kleinen Rahmen möglich sein, dann werden wir an solch kleinen heimischen Punk-Kapellen wie diesen hier unsere Freude haben! Deshalb, schenkt diesem Release mit seinen drei Bands euer Ohr!

Bandcamp Stream


 

Oakhands – „The Shadow of Your Guard Receding“ (This Charming Man)

Die Band aus München hat nach Erscheinen ihrer Debut-EP im Jahr 2016 endlich die erste Full Length am Start. Und die ist schön abwechslungsreich und ziemlich gut geworden! Die Jungs pendeln recht elegant zwischen Post-Hardcore, Emo, Post-Rock und Indie-Rock hin und her und wie es scheint, sind sie auch gern experimentierfreudig unterwegs. Trotzdem wird keiner der elf Songs zerpflückt, das Endergebnis klingt erstaunlich stimmig, die Songarrangements sind liebevoll ausgetüftelt, Spielfreude und Enthusiasmus lassen sich durch die Bank deutlich spüren und auch die melancholische Seite kommt nicht zu kurz. Die Band hat sich sozusagen ihr eigenes Universum geschaffen!

Die Vocals pendeln zwischen zerbrechlichem Gesang, leidendem Geschrei und Spoken Words, dazu gesellen sich verspielte und lebhafte Gitarren, die sich ineinander verflechten. Der gegenspielende Bass und die auf den Punkt präzise gespielten Drums bilden das Grundgerüst. Während der über vierzig minütigen Spielzeit wird es jedenfalls nie langweilig, im Gegenteil! Das Album ist ein richtiger Grower, der mit jedem weiteren Durchlauf in ungeahnte Höhen wächst und auch international absolut mithalten kann. Beim Hören fühle ich mich jedenfalls an Bands wie At The Drive In, Touché Amore, La Dispute, Coldplay, Envy, Sometree und anderen erstklassige Jahrtausendwenden-Bands erinnert.

Ich will jetzt gar keine einzelnen Songs herausheben, denn The Shadow of Your Guard Receding ist eines dieser Alben, für die es keine Playlisten-Empfehlungen geben sollte. Dieses Kusntwerk sollte am Stück entdeckt und genossen werden! Und das immer wieder von neuem! Das Oakhands-Universum wird noch deutlicher, wenn man die sechs parallel erschienenen Musikvideos ansieht. Die Dinger haben Kurzfilm-Charakter und unterstreichen nochmals doppelt, dass die Band ihre Musik mit Haut und Haaren lebt. Textlich setzen sich die Jungs mit menschlichen Problemen in der Gesellschaft auseinander, Themen wie Mentale Gesundheit, Soziale Ängste, patriarchale Machtstrukturen und das eigene Gefühlswirrwarr werden offen gelegt. Die Vinylversion scheint anhand der Fotos zu beurteilen ebenfalls ein kleines Kunstwerk zu sein, dazu gibt es noch ein 24-seitiges Textheft. Sollten irgendwann mal wieder Live-Shows möglich sein, dann sollten wir die großen Zugpferde aus Übersee erstmal vergessen und lieber auf Bands wie Oakhands setzen!

9/10

Bandcamp Stream / Facebook


 

Bandsalat: Ànteros, Arterials, Cienfuegos, De Carne E Flor, God Program, No Man, Norse, Nowar, Record Setter

Ànteros – „.​.​.​y en paz la oscuridad“ (Aloud Music Ltd) [Name Your Price Download]
Neuen Post-Hardcore-Stoff aus Barcelona gibt’s von der Band Ànteros, die ich bisher irgendwie zwar anders aber trotzdem ziemlich heftig gut in Erinnerung hatte. Und auf diesem Release gefällt mir die Band sogar noch einen Tick besser! Beim neuen Album sind die längeren instrumentalen Passagen zugunsten von mehr Vocals und einigen melodischen Komponenten reduziert geworden, so zumindest mein Eindruck. Die in spanischer Sprache gescreamten Vocals kommen sehr emotional und intensiv rüber, dazu passen natürlich die aufgeschichteten Gitarren und die bombastisch hämmernden Drums! Die Songs sind dazu noch stimmig aufgebaut, das knallt echt alles super! Der Mischmasch aus Post-Hardcore, Screamo, Post-Metal und Post-Rock dürfte allen gefallen, die auch mit den anderen Bands (Toundra, Syberia und Viva Belgrado) der beteiligten Bandmitglieder etwas anfangen können.


Arterials – „The Spaces In Between“ (Gunner Records) [Name Your Price Download]
Einmal im Jahr wird die Festplatte geputzt und komischerweise werden dabei immer wieder Reviews oder angefangene Texte entdeckt, die aufgrund meines Versagens und meiner Trägheit leider nicht erschienen sind. Und wenn die Dateien dann noch in verschiedenen Ordnern abgelegt sind, dann gibt es ’ne Treibsand-Situation. Scheiße! Keine Chance mehr. Vielleicht erscheint das durch meine Unfähigkeit nicht Erschienene irgendwann nach einem Hacker-Angriff auf meinen Rechner irgendwo im Darknet. Wunschdenken eines erfolglosen Bloggers! Wäre ja echt charmant! Aber Spaß beiseite: angenommen, man wird auf der Festplatte doch noch fündig, dann geht das gnadenlose Aussieben los: das ellenlange Review zum neuen Release von Strike Anywhere will sicher niemand mehr lesen, meine Meinung zum genialen Coriky-Album ist auch eher nebensächlich, diese Platten habt ihr eh auf dem Schirm. Beides und noch viel mehr also ab in den Papierkorb. Und richtig tief reintreten. Hmmm…Arterials…Moment mal! Zwar keinen angefangenen Text auf der Festplatte gefunden, aber ’ne Memo…Da sollte irgendwann mal noch ’ne physische Bemusterung kommen, die ich zwecks haptischer Beschreibung abwarten wollte. Kam aber nie, wahrscheinlich Corona-bedingt. Da mich Arterials auch schon mit ihrem ersten Release mitgerissen haben und es mit diesem hier ebenfalls machen, muss ich dringend tätig werden, wenn auch verspätet! Warum? Ich selbst hab erst vor ein paar Tagen eine Band entdeckt, die mir schon nach wenigen Tagen ans Herz gewachsen ist. Genreuntypisch zwar, aber geil! Deshalb mein dringender Appell, Arterials Musik aufzusaugen! Knödelig, emotional, mitreißend, druckvoll, nach vorne, lässig, yeah! Fans von Lifetime, Audio Karate, Hell & Back oder (hüstel) Strike Anywhere werden hier leuchtende Augen bekommen! Wenn Corona für irgendwas gut sein sollte, dann für die Local Hardcore&Punkrock-Szene! Und wenn irgendwann Konzerte wieder möglich sind, dann will ich so ’ne Band wie Arterials sehen.


Cienfuegos & De Carne E Flor – „Split EP“ (No Funeral Records) [Stream]
Auf diesem Release, das als Tape und digital via No Funeral Records erschienen ist, sind zwei südamerikanische Screamo-Bands zu hören. Zum einen ist da die Band Cienfuegos aus Chile, deren Sound zwar etwas dünn produziert ist, aber dem intensiven Screamo, der auch einige ruhigere, fast post-rockige Emo-Passagen mit an Bord hat, tut das eigentlich nicht weh. Der Sänger schreit sich jedenfalls schön den Hals blutig, als Einflüsse werden Bands wie Raein, kafka und tdoafs genannt. De Carne E Flor aus Brasilien hingegen klingen fetter produziert und legen eine etwas flottere Gangart hin. Ein schönes Screamo-Gewitter á la Boneflower, Daitro oder Respire gibt es da auf die Ohren! Die Brasilianer haben übrigens schon ’ne EP am Start, die hab ich mir gleich auch noch gezogen!


God Program – „Forever Lasts Another Year“ (Wretched Records) [Stream]
Auf diese EP bin ich mal wieder beim Stöbern in Bandcamp gestoßen und irgendwie fuchst es mich, dass ich zu blöde bin, über die Internetsuche auch nur ansatzweise etwas über die Band aus Connecticut zu erfahren. Was jedoch sicher ist: diese EP hier ist wie auch die 3-Song Demo und die 2018er-EP das Beste, was ich in Sachen Emo-Metalcore in der letzten Zeit so gehört habe! Die Band scheint sich an Jahrtausendwenden-Bands wie Poison the Well, From Autumn to Ashes, New Day Rising und Underoath zu orientieren. Dissonante, aber melodische Akkordfolgen und fette Riffs bilden das Rückgrat dieser vier Songs. Und dann ist da dieser fiese und fast bösartige female Schreigesang gepaart mit den cleanen Vocals! Killer! Ich bin so glücklich, dass ich auf die Band gestoßen bin!


Nø Man – „Erase“ (Quit Life) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Washington ist so ’n richtig fieser Hardcorebatzen geworden, dem man die Wut und die pure Verzweiflung förmlich anhören kann. Das Lineup setzt sich übrigens aus drei Majority Rule-Mitgliedern plus einer Sängerin zusammen, die wie ein wilder Köter ihre Vocals rausbellt. Schön krachig und düster fließen die acht Songs in einem Rutsch vorbei und reißen wie ein wildgewordener Strom alles mit, was dabei im Weg steht. Das erinnert dann musikalisch an Bands wie z.B. Gouge Away, Punch, pg99 und eben Majority Rule. Fettes Ding! Muss man unbedingt anchecken, wenn man auch nur eine der genannten Bands schätzt.


Norse – „blu“ (Tomb Tree Tapes u.a.) [Name Your Price Download]
Das im Jahr 2018 gegründete Trio aus Biella/Italien kommt mit seiner zweiten EP um die Ecke. Vier Songs wurden eingespielt, soundtechnisch machen die Jungs eine Mischung aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Post-Punk und Noise-Rock. Durch den Einsatz eines analogen Synthesizers kommt auch noch ein bisschen Psychedelic dazu. Es herrscht insgesamt eine etwas düstere Stimmung, auch textlich wird die Schattenseite des Lebens behandelt. Ich bin des Italienischen zwar nicht mächtig, aber dank einer Online-Übersetzung vermute ich das jetzt mal. Ach ja, eine ganze Latte an DIY-Labels ist auch mit von der Partie!


Nowar – „Don’t Lie“ (Last Exit Music) [Stream]
Das Quartett Nowar kommt aus Kiel und klingt mit seinem groovenden Hardcore-Punk aber viel eher nach New York in den Neunzigern. Bands wie Snapcase, Sick Of It All, Shelter, Orange 9mm, No Warning (hihi) oder auch frühe Refused sind sicher große Einflüsse, das alles passt auch gut als Referenz. Bisher erschien ein Demo, Don’t Lie ist nun das zehn Songs starke Debutalbum der drei Jungs und dem Mädel am Bass. Jedenfalls scheinen die Bandmitglieder ’ne ordentliche Kugel an Wut und Frustration vor sich herzurollen, bei all den Missständen dieser Welt wird aber der Kampf und Optimismus nicht aufgegeben. Das schlägt sich in den Texten genauso nieder, wie in der Musik. Auf der einen Seite brezeln die Songs mit ordentlich Saft, Groove und knödelnden Basslines los, es kommen aber auch immer wieder melodische Momente an die Oberfläche, so dass genügend Abwechslung vorhanden ist. Hach, und immer wieder diese tollen gegenspielenden Basslines wie z.B. beim Song Roses. Gleich beim zweiten Song, dem Titeltrack Don’t Lie gerät man ins Staunen, dass neben englisch gesungenen Vocals auch in deutscher Sprache gesungen wird. Nach meinem Geschmack fühlen sich die deutschen Vocals irgendwie besser an, an der englischen Aussprache hört man einfach, dass hier ein deutschsprachiger Mensch singt. Durch die female/male Gangshouts wird den Songs noch ein bisschen Unity und Positive Hardcore-Feeling eingehaucht. Alle Lyrics sind übrigens in einem 24-seitigen Booklet abgedruckt, in dem man auch noch diverse Foto-Kunstwerke bewundern kann.


Record Setter – „I Owe You Nothing“ (Topshelf Records) [Stream]
Die Band Record Setter hat im Verlauf ihrer drei Alben eine hörbare Entwicklung durchgemacht. Auf dem Debut im Jahr 2014 startete die Band mit rauem Emo-Post-Hardcore. Nach und nach haben sich aber immer mehr Screamo-Elemente in den Sound der Texaner eingeschlichen, dennoch wurde die Band auch hin und wieder mal leise. Insgesamt betrachtet ist I Owe You Nothing jedenfalls ein bemerkenswert intensives Album voller Melancholie geworden, egal ob es gerade laut oder leise zugeht. So knallt der Opener schonmal ordentlich nach vorne, dissonante Gitarren, treibendes Schlagzeug und leidender Schreigesang sind hier die Merkmale. Im Verlauf des Albums kommen zu diesen Krachausbrüchen aber auch immer wieder twinklige Math-Gitarren hinzu, eine klare Linie ist nie erkennbar, so dass es unvorhersehbare Wendungen gibt und somit auch niemals Langeweile aufkommt. Die elf Songs scheinen fast so, als ob sie miteinander verwoben wären. Und gerade deshalb sollte man das Album auch in einem Stück genießen. Ein saustarkes Album, eine echte Wucht!


 

Video-Runde: Andy Shauf, Heart Attax, Kill Her First, May The Tempest, Sophia Kennedy, Starlight Circus

Über das Jahr gehen auch immer wieder mal Anfragen von Bands ein, die noch kein offizielles Release draußen haben, aber schon ein Video zu einem Song zusammengeschustert haben. In dieser Video-Runde sind ein paar davon zu sehen, zudem gibt es ein paar Videos, die mir besonders gut gefallen.

Auf den Kanadier Andy Shauf und auch seine Band Foxwarren bin ich im letzten Jahr gekommen, als ich mir im Corona-Lockdown die empfehlenswerte TV-Serie Loudermilk angeschaut habe. Der Song Early To The Party spielt in dieser Serie eine Rolle, das bereits im Jahr 2016 erschienene Album The Party ist mir seit dem ersten Durchlauf ans Herz gewachsen.



Heart Attax aus Ingolstadt machen coolen und melodischen Post-Hardcore mit einem hohen Emo-Faktor. Es gibt bereits ein paar einzelne Songs und Videos, die echt mal Appetit auf mehr machen! Unbedingt anchecken!


Kill Her First aus Berlin hätten eigentlich bereits im Herbst ihr neues Album raushauen sollen, aber Dank Corona hat sich da wohl etwas verzögert. Die Mädels haben jedenfalls schon seit längerem ein Video am Start. Mir gefällt der neue Sound richtig gut! Etwas Streetpunk, ein bisschen Hardcore und ein guter Schuss Melodie!


May The Tempest kommen aus München und haben bereits eine EP und mehrere Singles releast. Zum Song Clouds haben sie (wahrscheinlich im Lockdown, da menschenleere Straßen) ein selbstgedrehtes Video zusammengebastelt. Irgendwann im März soll das Debutalbum erscheinen. Schaut mal rein, wenn ihr auf melancholischen Post-Hardcore mit Melodic Hardcore-Einflüssen stehen solltet.


Eins meiner Lieblings-Videos aus 2020 ist das Video zum Song Orange Tic Tac von der amerikanischen und in Hamburg lebenden Künstlerin Sophia Kennedy. Einfach mal anschauen und bis zum Schluss fasziniert sein!


Starlight Circus aus Kassel sind ebenfalls im Post-Hardcore unterwegs und haben auch schon eine EP am Start. Das Video zum Song Bittersweet reicht jedenfalls als Appetit-Happen auf mehr Songs aus!


 

Bandsalat: Cause A Riot, Casket Lottery, Coconut Fudge, Fuck The Facts, Reds, Sperling, Stay Inside, Yr Poetry

Cause A Riot – „Final Broadcast“ (Stupido Records) [Stream]
Seit 2011 sind die Jungs der finnischen Band Cause A Riot unterwegs, Final Broadcast ist bereits das zweite Album. Und das geht schön flott und teilweise auch verdammt melodisch nach vorne. Melodischer Hardcore-Punk mit teils hymnenhaften und mehrstimmigen Refrains und ordentlich Power im Gepäck, so könnte man das hier kurz zusammenfassen. Die neun Songs schwappen über vor Spielfreude und zaubern direkt ein Grinsen ins Gesicht. In diese Gitarren könnte ich mich reinlegen! Das Ganze ist auch noch schön satt produziert! Als erstes kamen mir beim Hören die ebenfalls aus Finnland stammenden Endstand in den Sinn, natürlich können auch Bands wie Good Riddance, Strike Anywhere oder frühe As Friends Rust als Vergleiche herhalten. Mich überrascht es immer wieder, wenn ich auf solch gute und jahrelang aktive Bands zufällig beim Bandcamp-Surfen stoße und ich sofort nach den ersten paar Tönen absolut angefixt bin. Und das ist hier definitiv der Fall!


Casket Lottery, The – „Short Songs For End Times“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wer rastet, der rostet, heißt es in einem vielzitierten Sprichwort. Dass dieser Spruch nicht immer ganz zutrifft, beweist das mittlerweile fünfte Album der Band aus Kansas City. Die Band hatte ja nach ihrer Auflösung im Jahr 2004 einige Reunion-Lebenszeichen von sich gegeben, 2012 erschien aber mit Real Fear das letzte Album. Und jetzt, acht Jahre danach, kommen The Casket Lottery mit diesem wuchtigen und intensiven Album voller Leidenschaft um die Ecke! Bei den ersten Durchläufen fühlte ich mich tatsächlich wie mit einer Zeitkapsel in die guten alten Anfangstage der Band so um die Jahrtausendwende herum versetzt! Die Songs strotzen nur so vor Ideenreichtum und Energie, man wird ab den ersten Tönen direkt in den Bann gezogen. Die rockigen und lauten Ausbrüche rücken auf diesem Release wieder mehr in den Vordergrund, schön gitarrenlastig und wuchtig kommen sie rüber. Die melodischen Vocals passen auch hervorragend, das klingt wunderbar kräftig und frisch! Genau darum haben wir uns doch damals in Zeugs wie Thrice, Thursday, Engine Down oder eben The Casket Lottery verliebt und sind den Releases bis heute treu verfallen! Die Gitarren pendeln zwischen Dissonanz und Melodie, und auch die Wut kommt nicht zu kurz, da dürften die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt sicher einen großen Einfluss genommen haben. Alles in Allem ein großartiges Album, das man in seiner Gesamtheit genießen sollte und das allen gefallen sollte, die ausgeklügelten Post-Hardcore und Midwest-Emo zu Ihren Faves zählen. Um auch zum Abschluss nochmal ein vielzitiertes Sprichwort zu bringen, das zwar auch nicht immer zutreffend ist, aber hier absolut passt: alte Liebe rostet nicht!


Coconut Fudge – „Selftitled & Soaked“ (DIY/Sonatine Produzioni) [Free Download]
Es ist schon ein kleines Weilchen her, dass diese beiden Releases erschienen sind. Die im Jahr 2005 gegründete Band existiert (leider) auch nicht mehr, dennoch landete eine Geister-Besprechungsanfrage im Postfach. Normalerweise wäre das hier ein klarer Fall für die Mottenkiste, denn beide Alben erschienen im Jahr 2008 und die letzte Show wurde 2009 gespielt. Was jedoch sicher ist: an dieser italienischen Band werden sicher alle Neo-Grunger und Emo-Punks Gefallen finden! Die Gitarren und der Bass verknoten sich ineinander, dazu kommen druckvolle Drums, manchmal auch Keyboards, cooler Slacker-Gesang und haufenweise Melodien, die sich schön in die Gehörgänge einnisten. Beide Alben können daher nur wärmstens empfohlen werden! Also, kurbelt euch die Dinger for free, lohnt sich!


Fuck The Facts – „Pleine Noirceur“ (Noise Salvation) [Stream]
Die kanadische Band Fuck The Facts treibt seit 1997 ihr Unwesen, seither sind zahlreiche Alben, EPs und Splits erschienen, da kann man schnell mal den Überblick verlieren. Und der Bandname passt so gut in unsere aktuelle Zeit! Nach einer kleineren Veröffentlichungspause von fünf Jahren bombt sich Fuck The Facts jedenfalls wieder mit einem lauten Knall zurück! Und irgendwie haben sich zum gewohnten Grindcore-Geballer auch Elemente aus Screamo, Post-Black-Metal, Crust, Sludge und Doom hinzugesellt, so dass das Ganze deutlich abwechslungsreicher als bisher rüberkommt. Immer wieder dringen unterschwellige Melodien durch, dazu ist das Ganze fett produziert, lediglich das Gekeife der Sängerin könnte manchmal etwas lauter sein, teilweise geht das Geschrei im Instrumentenhagel etwas unter. Gekreischt wird in französischer und englischer Sprache. Wer’s also gern düster, roh und heftig hat, der sollte hier mal die Lauscher aufsperren.


Reds – „Is​:​Means​/​Lost Tapes“ (Jean Scene Creamers) [Name Your Price Download]
In dieser Bandsalat-Runde gibt’s neben Coconut Fudge noch eine weitere Antiquität. Is:Means erschien im Jahr 2005 und ist eigentlich ein richtiger Emocore-Klassiker. Bei Reds zockten Leute von Alfonsin, Moss Icon und Cornelius mit und soundtechnisch geht es in eine ähnliche Richtung, mich erinnert das hauptsächlich an die großartigen I Spy. Bei den zusätzlichen Lost-Tapes-Songs handelt es sich um das Demo, Live-Aufnahmen und andere Soundschnipsel. Wer also an die Vinylversion nicht rangekommen ist, kann sich jetzt über den Name Your Price-Download freuen!


Sperling – „Zweifel“ (Uncle M) [Stream]
Scheinbar aus dem Nichts taucht hier ein sagenhaftes Debutalbum einer mir völlig unbekannten Band aus dem Hunsrück auf. Die fünf Jungs starteten im Jahr 2013 als Rapband unter anderem Namen, vor Kurzem dann die Umbenennung in Sperling. Der Name passt irgendwie ganz gut, die Vogelfamilie Sperling steht für Singvögel, die zappelig und hurtig unterwegs sind. Sperling kombinieren auf ihrem Debut wuchtigen Post-Hardcore und flirrenden Post-Rock mit Rap-Vocals und erinnern mich damit an Bands wie z.B. Empty Guns, OK Kid, être? oder Kind Kaputt. Auch Bands wie Fjørt oder frühe Casper dürften große Einflüsse sein, musikalisch wie textlich. Die äußerst lesenswerten Lyrics werden in deutscher Sprache vorgetragen, dabei wird es oftmals persönlich, es werden aber auch gesellschaftskritische Themen behandelt. Wenn man bei Crossover all die käsigen 90er-Kapellen mit ihren schrottigen 08-15-Gitarrenriffs im Hinterkopf hat, dann wird es jetzt Zeit für ein Upgrade! Denn Sperling haben ein wuchtiges Grundgerüst mit mächtigen Gitarrenwänden und knackig gespielten Drums am Start, dazu beherrschen sie das laut/leise-Spiel perfekt, technisch kann man den Jungs nichts vormachen. Die ausgeklügelten Songarrangements lassen keine Langeweile aufkommen, ein Cello zaubert immer wieder schaurig-schöne Klänge. Und wie es bei solchen Alben ist, wachsen die Songs mit jedem weiteren Durchlauf in ungeahnte Höhen. Da vernimmt man wirklich bei jedem neuen Durchlauf neue Töne, die man bisher überhört hat, insbesondere über Kopfhörer ein wahrer Genuss! Bittersüße und melancholische Melodien treffen auf Riffgewitter, dazwischen gibts dichte Atmosphäre. Dürfte sicher einige Leute geben, die das hier abfeiern werden und in Zukunft Sperling mehr als ein Geheimtipp bleiben wird. Zwölf Songs, 45 Minuten, keine Ausfälle!


Stay Inside – „Viewing“ (No Sleep Records) [Stream]
Bis man manch geiles Release entdeckt, dauert es halt ein bisschen länger. Wieviele unentdeckte Perlen da draußen wohl schlummern mögen? Der Gedanke ist kaum auszuhalten! Auf die im Jahr 2016 gegründete New Yorker Band Stay Inside möchte ich seit der Bandcamp-Zufalls-Entdeckung des Debutalbums in Zukunft jedenfalls nicht mehr verzichten. Zehn Songs zwischen Emo, Post-Hardcore, Neo-Grunge und Screamo sind darauf zu hören. Und die sind so intensiv und reichhaltig, dass keinerlei Langeweile aufkommt. Beeinflusst wurde die Band sicher durch Zeugs wie neuere Piano Becomes The Teeth, mewithoutyou, Citizen, Turnover oder Thursday. Diese verspielten Gitarren, dieser Bass, diese male/female Vocals zwischen clean und Geschrei, diese knackigen Drums, dieses unglaublich stimmige Songwriting, dieses wahnsinnige Ideenreichtum, dieses tief emotionale Gefühlschaos! Wenn ich eine 2020-Best Of-Liste gehabt hätte, wäre dieses Album ganz vorne mit dabei gewesen! Außerdem bekommt der Bandname in Corona-Zeiten eine ganz besondere Bedeutung! Also, bleibt schön drin und hört euch dieses Album an!


Yr Poetry – „Home Movies“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mit Home Movies endet die vor drei Jahren begonnene EP-Trilogie des Duos aus Birmingham. Eigentlich eine gute Gelegenheit, sich alle drei EP’s am Stück anzuhören und so ein bisschen Album-Luft zu schnuppern. Vier Songs sind es diesmal, und wie gewohnt schaffen es die beiden Bandkumpels von Johnny Foreigner mit wenigen Mitteln, eine emotionale Stimmung herzustellen. Soundtechnisch gibt es hier warmen Indie, Emo und Pop-Punk zu hören, zudem sind auch die Texte schön formuliert. Und eigentlich ist nach ausgiebigem Genuss der EPs jetzt auch mal wieder eine gute Gelegenheit, das geile Zeugs von Johnny Foreigner hinterherzuschieben. Ich hoffe ja, dass von der Seite auch mal wieder was kommt!


 

Sometimes Go – „Mountains“ (Midsummer Records)

Mannometer, das letzte Release der Band aus Gießen hab ich noch für Borderline Fuckup besprochen, das war Mitte 2014. Seit damals nie wieder was von der Band gehört. Und jetzt hauen die Jungs gleich ein ganzes Album raus, ohne Vorwarnung! Und dann auch gleich noch so eine schöne Perle! Aufgrund der Maßnahmen gegen die Pandemie und der damit plötzlich gewonnenen Freizeit wurde spontan beschlossen, mal wieder neue Songs zu komponieren. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen entstanden diese Songs interaktiv, was man dem Sound aber in keiner Sekunde anmerkt. Die langjährige Erfahrung der Bandmitglieder hat sich hier definitiv bemerkbar gemacht, vergangene Bands waren übrigens z.B. Dear Diary, Shadowpainter, Colourful Grey, Amber oder The Bleech.

Und das, was da aus den Lautsprechern kommt, weiß absolut zu gefallen und zu berühren. Insgesamt sind es elf Songs geworden. Vorerst gibt es das Album erstmal digital, im Februar 2021 soll dann Vinyl folgen! Danach lechze ich jetzt schon, denn Mountains strotzt vor Nostalgie, verträumten Melodien und großartigen Momenten. Die Gitarren sind so bittersüß, die Basslines wummern mächtig und gegenspielend, die Drums kommen druckvoll und fahren auch mal etwas zurück. Manchmal gibt’s auch flirrende Post-Rock-Gitarren auf die Ohren, so dass auch die Atmosphäre stimmt. Überhaupt wurde mit verschiedenen Gitarreneffekten experimentiert, obendrein zeigt auch die glasklare Produktion ihre gewünschte Wirkung. Zu alldem gesellt sich emotional aufgeladener Gesang, der einem die Tränen in die Augen treibt.

Leute, die Herzschmerz-Emo um die Jahrtausendwende herum zu ihren Lieblings-Genres zählen, werden diesem Album mit Haut und Haaren verfallen! Hört euch nur mal das dramatische und sich langsam steigernde Promises We Made oder das den Gehörgang umspinnende Everything Was Fine an! Selbst wenn es mal etwas massiger wie z.B. bei Albanian Squares wird, bleibt es emotional. Und zum Abschluss sind bei I Won’t Hide sogar noch ein paar elektronische Spielereien eingebaut, eine Trompete gibt’s dazu bei Sound Of The Radio zu hören. Hach, einfach wunderschön! Ein wahrer Goldschatz!

9.5/10

Bandcamp / Facebook / Midsummer Records


 

Bandsalat: Donots, Eleanora, Less Than Jake, Minerva Superduty, One Dying Wish, Red City Radio, Under Glass, We Too Will Fade

Donots – „Birthday Slams Live“ (Solitary Man Records) [Video]
Live-Alben machen hin und wieder doch Sinn, ich erinnere an das letztens besprochene Live-Tape der Band Kalt, das zwar einen rauen Sound hat, aber sehr viel Emotion und Energie rüberkommen lässt. Der Sound auf dem Doppel-Live-Album der Donots kommt im Vergleich dazu natürlich um einiges fetter und sauberer abgemischt rüber, aber dennoch hört man den Aufnahmen den Schweiß, die Freude und den Spaß an dem, was vor, auf und hinter der Bühne passiert, ganz genau an. Eigentlich kaum zu glauben, dass eine der umtriebigsten Live-Bands Deutschlands erst nach 25 Jahren ein Live-Album veröffentlicht. Eigentlich auch von der Idee her absolut stimmig, wurde das Ding bewusst in einer Zeit rausgehauen, in der ungewiss ist, wann mal wieder ein echtes Konzert stattfinden kann. Parallel zum Album läuft übrigens eine Crew-Support-Aktion für die Leute hinter den Kulissen, die in diesen Zeiten um ihre Existenz bangen. Tolle Sache! Ich muss zugeben, dass sich meine Live-Erlebnisse mit den Donots auf die ersten Bandjahre beschränken. Hab gerade im persönlichen Flyer-Archiv gespickelt und dabei ein paar Shows entdeckt, die von der Größenordnung noch in einem wesentlich kleineren Rahmen stattgefunden haben. Damals spielten die Jungs im Vorprogramm von Bands wie Samiam, Beatsteaks oder Errortype:11, heutzutage füllen sie alleine ganze Hallen. Von der Soundauswahl werden hier natürlich alle großen Hits geboten. Was mir an den Donots bisher nie aufgefallen ist, ist der leicht nasale Gesang an manchen Stellen. Mir liegt die fette und signierte Digi-Pack-Doppel-CD vor, es gibt aber verschiedene Varianten, u.a. eine Dreifach-Vinyl-Box-Set. Schön wäre es natürlich gewesen, wenn man neben dem Ton noch Videomaterial mitbekommen hätte. Trotzdem ist das hier ein sympathisches Release, das nicht nur eingefleischten Fans gefallen dürfte.


Eleanora – „Mere“ (Consouling Sounds) [Stream]
Schon auf dem Debutalbum der belgischen Band attestierte ich den Jungs eine apokalyptische Brachialität, vier Jahre später schieben die Jungs das zweite Album nach. Und das passt vom düsteren Sound hervorragend in die momentan herrschende Katastrophe. Die Mischung aus Hardcore, Screamo, Post-Hardcore, Sludge und Doom hat auf der einen Seite diese unbändige Power, auf der anderen Seite ist aber eine tiefe emotionale Seite zu spüren. Das kommt zum einen von den flirrenden und unterschwellig melodischen Gitarren, zum anderen transportiert das durchdringenden Geschrei des Sängers die pure Verzweiflung und massig Seelenschmerz. Wer auf Bands wie Amenra, Converge, Children Of Fall/Serene, Envy oder Cult Of Luna abfährt, könnte auch an Eleanora Gefallen finden.


Less Tank Jake – „Silver Linings“ (Pure Noise Records) [Stream]
Obwohl ich mich nicht zu den Fans der 1992 gegründeten Band aus Gainesville zähle und auch keinen einzigen Tonträger der Jungs besitze (außer diesen hier jetzt), konnte ich mich bereits mehrfach von den hervorragenden Live-Qualitäten der Jungs überzeugen. Nun denn, auch wenn man wie ich Ska-Punk eher skeptischer gegenüber steht, sollte man Silver Linings unbedingt eine Chance geben. Mich hat das Album direkt beim ersten Durchlauf in eine sonnige Laune versetzt. Man holt sich echt den Sommer in die Bude und vergisst für 36 Minuten mal kurz den ganzen Wahnsinn da draußen, wirklich wahr! Die Band klingt auf ihre alten Tage frisch und knackig, dabei wird mit zahlreichen catchy Parts nur so um sich geschmissen. Mal geht es flott zur Sache, mal wird schön im Midtempo gegroovt und irgendwie klingt alles extrem gut durchdacht und stimmig, langweilig wird es jedenfalls nie. Und immer wieder ertappt man sich dabei, wie ein Füßchen mitwippt. Die Bläser setzen an den richtigen Stellen ein, die Refrains gehen gut ins Ohr und der neue Drummer macht seine Sache auch perfekt. Soll das Gebilde auf dem Cover eigentlich ein Komet sein? Zum Albumtitel würde es ja ganz gut passen. Naja, egal! Jedenfalls merke ich mit jedem weiteren Durchlauf, dass dieses Album immer noch ein bisschen einen drauf setzt und wächst. Und was super ist: die gute Laune geht trotzdem nicht flöten! Dieser Stimmungsaufheller wird in den nächsten Monaten sicher noch öfters seinen Weg in den CD-Schacht finden!


Minerva Superduty – „In Public“ (Yetagain u.a.) [Stream]
Seit 2011 ist die Band aus Griechenland unterwegs, mittlerweile leben die Bandmitglieder in verschiedenen Teilen Griechenlands. Das dritte Album wurde daher in Athen und Kalamata aufgenommen und erschien in Zusammenarbeit der Labels Yetagain, Body Blows records, Sweetohm recordings, Bright Future, Vault Relics und 5FeetUnder Records. Und es ist ein richtig geiles Ding geworden. Grob kann man das Album unter Post-Hardcore einordnen, dazu gesellen sich Screamo, Chaos-Core und Melodic Hardcore. Mal geht es straight nach vorne, dann gibt es pfefferscharfe Riffs zu hören, die einfach nur alles wegblasen, dissonante Gitarrenspuren sind auch zu hören, dazu gibt es eine emotionale Tiefe zu spüren. Und dann dieser Schlagzeuger, ein wilder Hund! Mich erinnert der Sound ein bisschen an eine Mischung aus At The Drive In, Converge, United Nations, Touché Amore und frühe Stretch Arm Strong. Von der Intensität und Spielfreude her ist das Album ein richtiger Kracher mit acht saustarken Songs in 22 Minuten! Nach der 12inch muss ich unbedingt Ausschau halten!


One Dying Wish – „Origami“ (I.Corrupt.Records) [Name Your Price Download]
Die aus Turin/Italien stammende Band One Dying Wish kommt mit ihrem zweiten Release um die Ecke und lässt mir die Spucke wegbleiben! Oh ja, ich könnte mich in den Sound förmlich reinsetzen! Insgesamt sechs Songs sind auf Origami enthalten und es geht in Richtung Screamo/Post-Hardcore. Wundervolle Gitarren, mal stark verzerrt, mal nicht so verzerrt, manchmal auch clean treffen auf hektisches Getrommel, dazu gibt es gescreamte und gesprochene Vocals in italienischer Sprache, alles sehr intensiv und stimmig arrangiert. Fans von Bands wie Raein, La Quite, Ojne oder Serene/Children Of Fall werden hier voll auf ihre Kosten kommen! Ich liebe das hier!


Red City Radio – „Paradise“ (Pure Noise Records) [Stream]
Den HWM-lastigen und nach vorne gehenden Punkrock der ersten Jahre hat die Band aus Oklahoma größtenteils hinter sich gelassen, das war mein erster Höreindruck des neuen und mittlerweile vierten Albums. Das Ganze ist ziemlich massentauglich geworden. Neben Punkrock gibt’s haufenweise oldschool Rock’n’Roll und sogar etwas Stadion-Rock zu hören. Vieles geht direkt ins Ohr, 100.000 Candles ist beispielsweise so ein Kandidat. Mitgröhl-Hymnen finden sich jedenfalls einige, zudem kommt die melancholische Seite auch nicht zu kurz. Irgendwie bekommt man im Verlauf des Albums den Eindruck, dass die Jungs viel leichtfüßiger und fröhlicher wirken, den Spaß an der Sache kann man jedenfalls deutlich hören. Die Palette an Bandvergleichen reicht dabei von Zeugs wie Tom Petty, Bruce Springsteen, Thin Lizzy bis hin zu Samiam oder den Beatsteaks. Textlich beschäftigen sich die Jungs mit persönlichem Seelenkram, dazu passt auch das im meditativen New Age-Stil daherkommende und äußerst symbolreiche Albumartwork. Neben dem mir vorliegenden handlichen Digipack gibt’s das Album natürlich auch auf Vinyl. Also, mir gefällt dieser neue Stil zwar nicht so gut wie das Zeug aus der Anfangsphase, aber es wirkt sehr viel lebendiger und pfiffiger als die letzten Sachen der Band und klingt dadurch einen ganzen Ticken interessanter. Also, ich mag’s!


Under Glass – „Collapse This Path Of Existence“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Sobald die dissonant angehauchten Gitarren zusammen mit dem polternden Bass und den pfeffernden Drums ertönen, werde ich hellhörig! Der ruppige und raue Sound wird durch fiese, extrem Angst machende Schrei- und Kreischvocals vervollständigt. Die Mischung aus Hardcore, Emocore, Emoviolence und Screamo klingt jedenfalls schön abgefuckt und dystopisch und dürfte Leuten gefallen, die knifflige Mathe-Aufgaben bei einer Geräuschkulisse von Bands wie Usurp Synapse, Majority Rule, Combatwoundedveteran oder Jeromes Dream mit Bravour lösen. Fünf böse Songs!


We Too, Will Fade – „Everything Falls Apart As It Should“ (Midsummer Records) [Stream]
Der Sound der Münchener Band konnte mich bereits auf ihrer im letzten Jahr erschienenen Debut-EP überzeugen. Jetzt legen die Jungs ihre zweite EP vor. Es sind zwar nur drei Songs, diese bringen es aber auf eine Spielzeit von zehn Minuten. Und sie machen extrem hungrig auf mehr Stoff. Denn geboten wird eine mitreißende Melange aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Post-Rock und gar etwas Black-Metal. Jedenfalls passiert im Verlauf der zehn Minuten so einiges, was mich zufrieden grinsen lässt. Messerscharfe Gitarren treffen auf wuchtig groovende Drums, eine gewisse Melancholie und Verzweiflung ist dem Sound ebenfalls anzuhören. Und das nicht nur in seinen ruhigen oder atmosphärischen Momenten. Die Songarrangements sind ausgeklügelt und sitzen perfekt, die unterschwelligen Melodien passen genauso wie die Vertracktheit an manchen Stellen. Und betrachtet man die drei Songs in ihrer Gesamtheit, dann klingen sie so, als ob sie miteinander verwoben wären. Vom zwischen der Debut EP und dieser hier stattfindenden Line-Up-Wechsel hätte ich jetzt gar nicht Notiz genommen, wenn ich nicht noch kurz in den Pressezettel gespickelt hätte. Fans von Bands wie We Never Learned To Live, The Tidal Sleep oder State Faults sollten We Too, Will Fade mal schleunigst anchecken!