Alienate! – „…They Said ‚No Future'“ (Schädelbruch Platten u.a.)

Es gibt bunte Hawaiihemden mit allerlei fröhlichen Aufdruckmotiven wie Ananas, Melonen, Blumen und Eulen. Hätten Alienate! solche Hemden im Merchandiseangebot, dann würden diese sicher mit Atompilzen oder schwarzen Regenbögen geschmückt sein. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus, wenn ich die Debut-12inch der Münsteraner Band so betrachte. Schwarzer, matter Karton, die gefütterte Innenhülle ist wie auch das Textblatt und das Vinyl ebenfalls schwarz. Die Welt liegt in Trümmern, die Menschen sollen mundtot gemacht werden, da wird es Zeit, sich zu wehren! Reclaim Your Streets! Und Alienate! liefern dazu den Soundtrack.

Viel zu lange wurde in der Punk-Szene gepredigt, dass es mit der Zukunft wohl nichts mehr werden wird, aber 43 Jahre später sind die Ratten immer noch im Viertel und kämpfen solidarisch gegen die Gentrifizierung, Kapitalismus, Rassismus, Homophobie, patriarchische Strukturen, autoritäre Machtverhältnisse oder Sexismus. Passend zum Albumtitel …They Said ‚No Future‘ und dem Kontra mit But Here We Are auf dem Backcover hält das Trio textlich die rote Fahne in den Wind! Bei all der Konsum- und Gesellschaftskritik richten die Jungs deshalb auch ein paar ernste Worte an die eigene Szene, in der sich viele Existenzen im Drogensumpf und Alkohol verlieren und für den Kampf auf der Straße keine Energie mehr aufbringen können. Ja doch, unter der Kuscheldecke des Kapitalismus ist es ziemlich schwer, der eigenen Hölle und dem ganzen Wahnsinn zu entfliehen.

Alienate! haben aber mit ihrer Musik ein passendes Druckventil dafür gefunden. Hört man den von Fabian Schulz im Sunsetter Studio Bremen fett produzierten und kraftvoll abgemischten Mix aus Hardcore, Streetpunk und etwas Crust aus den Lautsprechern dröhnen, dann hätte man direkt Lust, sich in den schwitzenden Pogomob eines x-beliebigen AZs zu stürzen. Wunschdenken anno 2020! Shit, dann muss halt die eigene Bude etwas zerlegt werden! Nun, obwohl hier ja nur drei Leute lärmen, klingt das Ganze ziemlich fett. Ein Vorteil ist natürlich, dass jedes Instrument seinen eigenen Freiraum bekommen hat und man dadurch auch den polternden Bass deutlich raushören kann. Das Textblatt erweist sich übrigens auch als sehr hilfreich, denn ohne selbiges wäre es sehr knifflig, die Texte zu verstehen, weil halt andauernd wütend gebrüllt oder gegrowlt wird. Auf zwei der insgesamt zwölf Kompositionen wird in deutscher Sprache gekreischt, bei den anderen Stücken spritzt das Gift und die Galle in englischer Sprache raus. Wer sich eine Mischung aus Rawside, Baffdecks, VKJ, Sheer Terror, Sick Of It All und frühen Rykers vorstellen kann, sollte hier mal ein Ohr riskieren. Als Anspieltipps empfehle ich das wütend und verbittert klingende Drown oder den Opener Haltet sie dumm. Wie viel geballte DIY-Power in der Band steckt, das könnt ihr übrigens im unten angehängten Video zum Song Mirrors sehen. Ach, fast vergessen: das Album ist in Zusammenarbeit der Labels Violent Heartbeat, Wildsau Records und Schädelbruch Platten erschienen.

8/10

 

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Käpt’n Panda – „Shanghai ist ätzend“ (Timezone Records)

Im Ruhrgebiet im Jahr 2013 gegründet, beschäftigt sich die Band Käpt’n Panda mit deutschsprachigem Emo-Punkrock, der ernste Themen zum Inhalt hat. Nach einer EP und einem Album kommen die vier Jungs mit einer weiteren EP und ihrer dritten Veröffentlichung um die Ecke. Rein optisch gefällt mir das schlichte schwarz-weiß-Artwork der 12inch ganz gut, zumal der Linolschnitt einen schönen DIY-Spirit erkennen lässt. Und irgendwie passt das Motiv mit dem verloren wirkenden Typen in der Großstadt ganz gut zur Musik und den Textinhalten, die sich hauptsächlich um den täglichen Wahnsinn drehen, dem man als Mensch unter der Kuscheldecke des Kapitalismus so ausgesetzt ist. Bordsteinkantengeschichten treffen auf Gossendrama und Bukowski-Poesie. Die Vereinsamung und Isolation funktioniert in einer anonymen Großstadt einfach wunderbar! Shanghai steht dabei symbolisch für eine der größten Industriemetropolen der Welt. Und obwohl ich selbst noch niemals in Shanghai war, kann ich die Aussage des EP-Titels nur bestätigen. Shanghai ist wirklich ätzend! New York und Hawaii wahrscheinlich auch. Und Udo Jürgens sowieso. Ups, immer diese verknoteten Gedanken…

Im Plattenkarton finden sich neben einem Downloadkärtchen übrigens noch ein besiebdruckter Käpt’n Panda-Aufnäher und ein Textblatt. Die fünf Songs passen alle auf die A-Seite, die B-Seite ist unbespielt. Das hat den Vorteil, dass man die Platte nicht ständig drehen muss. Aber leider sind die Songs auch schon nach einer kurzen Spielzeit von 15 Minuten wieder rum, so dass man mit ungestilltem Appetit auf mehr Material der Jungs zurückbleibt. Denn die Musik von Käpt’n Panda geht verdammt gut ins Ohr! Melancholisch gezockte Gitarren treffen auf eine treibende Rhythmusfraktion aus Drums und Bass, dazu gesellen sich verzweifelt vorgetragene Vocals.

Der Sound ist stets melodisch, so dass die Melange aus Punkrock und Indie auch einen gewissen Aggro-Pop-Appeal hat. Zudem gefällt die knackige Aufnahme, die in den Kaputtmacher Studios in Bochum aufgenommen wurde. Und dass Käpt’n Panda sicher auch eine gute Live-Band ist, zeigt der letzte Song Ganove Knausgard, der live eingespielt wurde und zu dem es auch ein Kaputtmacher Sessions-Video gibt. Ach ja, die Gitarren beim Opener Schnaps erinnern mich irgendwie an die Band Monochrome, ansonsten dürften an dieser EP alle einen Gefallen finden, die mit Bands wie Turbostaat, Boxhamsters, Captain Planet, Willy Fog oder Love A etwas anfangen können. Mir persönlich ist das Ding jedenfalls in letzter Zeit ziemlich ans Herz gewachsen!

8/10


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Bandsalat: Closedown, Excide, If I Die First, Mouthing, Overo, Asthenia, Solace., The Fall Of Troy, Wake The Dead

Closedown – „Bask In The Dancing Light“ (Middle Man Records) [Stream]
Was mit einem astreinen The Cure-Gitarrenriff beginnt, verwandelt sich binnen einem Bruchteil einer Sekunde in ein rasendes und chaotisches Gemisch aus Screamo und Post-Hardcore. Boah, ich brech ab! Das packt mich direkt! Die Gitarren pendeln zwischen melancholisch, brachial und dissonant, die Drums wirbeln ordentlich Staub auf und der bzw. die Sänger gurgeln sich die Seele aus dem Leib, Verzweiflung und Leiden hört man hier deutlich raus. Zwischendrin gibt’s ruhigere Passagen, wieder mit The Cure-Bässen und Gitarren, auch ein bisschen meditativ. Kurz bevor man Lust verspürt, Yoga-Übungen zu machen, wird es aber wieder brachial und intensiv. Sehr spannende Sache, diese vier Songs!


Excide – „Actualize​/​Radiation Reel“ (New Morality Zine) [Name Your Price Download]
Nach einer supergeilen 3-Song-EP im Januar diesen Jahres schiebt die Band aus South Carolina zwei weitere Songs hinterher. Schön groovy geht es hier in Richtung der Neunziger, als Bands wie Snapcase, Quicksand oder Bad Trip diesen groovigen Post-Hardcore populär machten. Die zwei Songs machen zusammen mit den drei Songs der Debut-EP jedenfalls tierisch Lust auf ein ganzes Album! Müsst ihr unbedingt abgreifen!


If I Die First – „My Poison Arms“ (DIY) [Name Your Price Download]
Wenn man diese EP hier hört, wird man direkt in seelige Myspace-Zeiten kurz vor der Jahrtausendwende zurückgebeamt! Die Band If I Die First klingt dazu richtig frisch und man kann förmlich die Emo-Scheitel rumschleudern sehen! Die musikalischen Vorbilder sind hier eindeutig Bands wie Underoath und Saosin. Wenn man übrigens ein bisschen im Netz gräbt, dann findet man heraus, dass sich in der Band eine Menge Promis tummeln. So setzt sich das Sextett aus Leuten zusammen, die man von Bands wie From First To Last und Ghostname kennt. Und dann gibt’s da noch so ’nen Autotune-Emo-Rap-Typen namens Lil Lotus, der sogar schon mal was auf Epitaph veröffentlichen durfte. Bei Autotune-Vocals krieg ich Brechreiz, Gesichts-Tattoos sind auch irgendwie irre. Das, was Lil Lotus hier abliefert, nehme ich dem Typen eher ab. Aber wahrscheinlich wurde hier im Studio auch noch reichlich höher gepitcht, die Schreistimme kommt im Kontrast dazu deutlich besser rüber. Falls es die Band nach der Pandemie irgendwie schaffen sollte, hier in der Gegend aufzutreten, dann stehe ich wahrscheinlich mit tausend kreischenden Mädels in der ersten Reihe. Fast so wie damals, nur weniger Kajal und mehr Gesichtstattoos.


Mouthing – „Selftitled“ (The Ghost Is Clear Records) [Name Your Price Download]
Sieben Songs in fünfzehn Minuten, da bleibt nicht viel Zeit! Dementsprechend rasend sind Mouthing aus Houston, Texas unterwegs. Krachig und noisiger Screamo mit female Kreisch-Vocals, so könnte man den Sound der Band in etwa beschreiben. Dazu lassen sich Parallelen zu Black Metal, Grind, Crust und Industrial erkennen. Die Apokalypse lässt grüßen, hier bekommt man 100 Prozent Wut, Verzweiflung und Auswegslosigkeit zu spüren. Die einzig melodische Gitarre lässt sich beim Song Disorder Of Atoms vernehmen, aber auch da nur ganz entfernt und mit extrem abgehärtetem Gehör. Neben der 12inch auf The Ghost Is Clear Records gibt es übrigens auch Tapes über Zegema Beach Records.


Overo & Asthenia – „Split 7inch“ (Middle Man Records u.a.) [Name Your Price Downloads]
Eigentlich war dieses Release als Aufhänger für eine gemeinsame Japan-Tour der beiden befreundeten Bands gedacht, aber Dank der Pandemie gab es jetzt eine Planänderung. Dass die Split überhaupt erscheinen konnte, ist nur den Labels zu verdanken, die gemeinsam das Release ermöglichten. Insgesamt acht quer über die Erde verteilten Labels darf man deshalb lieb haben: Middle Man Records, Forge, Count Your Lucky Stars, Pundonor, strictly no capital letters, Lilac Sky, Polar Summer und Scully Records. Nun, Overo wurde von Mitgliedern der Bands Football, etc. und Perfect Future im Jahr 2018 ins Leben gerufen. Die Band hat sich mit Haut und Haaren dem 90’s Emocore verschrieben. Die zwei zu hörenden Stücke klingen wahnsinnig intensiv und kitzeln die Emotionen zwischen lauten und leisen Passagen nur so raus! Der wechselseitige Frau/Mann-Doppelgesang setzt dem Ganzen noch die Krone auf! Schade, dass es nur zwei Songs sind, davon könnte ich locker mehr vertragen. Aber die Entschädigung folgt mit den zwei folgenden Songs der Band Asthenia, die ja leider ihre Stücke nur tröpfchenweise unter das Emo-Volk bringt. Was war das für eine Überraschung, als mir Sänger Hiroshi Sasagawa als Dank für ein Review einst die Four Songs 10inch (die ich wie einen Goldschatz hüte) zugeschickt hat, wohlgemerkt aus Japan! Die zwei Songs der Split lassen mich logischerweise auch nach mehr lechzen. Auch wenn die Texte in japanischer Sprache vorgetragen werden, kann man hören, dass die Nerven blank liegen und Verzweiflung in der Luft liegt. Die zwei Stücke klingen jedenfalls nicht weniger intensiv und emotional wie die ihrer Split-Partner. Sollte ich irgendwann in den Genuss kommen, dieses tolle Emo/Screamo-Release zu besitzen, dann würde ich schwer vom Plattenspieler wieder wegkommen, weil ich ständig mit dem Umdrehen der 7inch beschäftigt wäre. Ein tolles Release, das man problemlos in Dauerrotation genießen kann, ohne dass je Langeweile aufkommen würde. Fans von Bands wie Yaphet Kotto, Daitro, Don Martin Three, Moss Icon oder diverser Gravity Records Releases werden das hier innig lieben!


Solace. – „I’ll Be Fine“ (Trost Records) [Stream]
Es war einmal die Band From Mountains To Stars aus Aarau in der Schweiz. Nach den für eine Band üblichen Lineup-Wechseln fühlte es sich wohl nicht mehr nach der ursprünglichen Ausgangssituation an, so dass sich ein kaum bemerkbarer Namenswechsel anbot. Solace mit Punkt am Wortende. Wahrscheinlich kam eines Tages irgendjemand aus der Band in den Proberaum und sagte: Ab heute heißen wir Solace. Punkt! Ende der Durchsage! Irgendwie eigentlich auch egal, alles Nebensache. Denn die Musik der Schweizer kann sich sehen bzw. hören lassen. Bisschen Post-Hardcore, etwas Screamo und eine kleine Portion Melodic Hardcore, alles gut ineinandergeflochten. Eine druckvolle Produktion, melancholische Passagen und nach vorne preschende Abgeh-Parts runden das Ganze ab. Für ein Debutalbum mit neun Songs mangelt es auch keineswegs an Abwechslung. Ich mag die Gitarren, die einerseits sehr verspielt und melancholisch klingen, dann aber auch wieder krass Powerchords abliefern. Hier sind Leute am Start, die mit Haut und Haaren in ihrem Sound aufgehen. Müsst ihr mal unbedingt anchecken!


The Fall Of Troy – „Mukiltearth“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Auf diesem neuen Album der Achterbahn-Band The Fall Of Troy passiert etwas Verrücktes! Hier treffen Vergangenheit und Gegenwart auf einem Tonträger zusammen. Die Songs der ersten Hälfte des Albums sind Relikte aus der Anfangszeit der Band, damals waren die Jungs noch unter dem Namen The Thirty Years War unterwegs. Natürlich wurden die Songs neu eingespielt. Und diese erste Hälfte versprüht so viel Energie, Frische und Spielfreude, natürlich schwingt auch massig Nostalgie-Bonus mit. Die Gitarren flirren, der Bass knödelt, die Drums takten präzise, es wird gescreamt und gesungen. Und immer schafft es die Band, mir ein Grinsen in die Fresse zu zaubern, indem sie diese gewisse Hookline rausballert. Auf der einen Seite emotive as fuck, auf der anderen Seite melodisch und hart! Die zweite Hälfte des Albums spiegelt die Gegenwart wider. Nachdem die Bandmitglieder in 15 Jahren einige dunkle Täler durchqueren mussten, klingen die neu geschriebenen Stücke um einiges angepisster, wütender und düsterer. Durch das Riffing bei den neuen Stücken groovt es etwas mehr, zudem braucht es ein bisschen länger, bis die Songs hängen bleiben. Mir persönlich gefällt die Vergangenheit zwar etwas besser, aber die Gegenwart ist keineswegs zu verachten! Bleibt zu hoffen, dass es mit der Band-Achterbahnfahrt in Zukunft etwas weniger turbulent wird!


Wake The Dead – „Still Burning“ (Engineer Records) [Name Your Price Download]
Der Bandname ist bei den Franzosen Programm! Ob sich die Jungs nach dem gleichnamigen Album der Band Comeback Kid benannt haben, wird man wahrscheinlich in jedem zweiten Review lesen. Naja, passt ja auch irgendwie, denn das Quintett ist im Modern Hardcore unterwegs und macht ziemlich flotten und wütenden Hardcore mit melodischen Untertönen, da kommen natürlich Bands wie Landscapes, More Than Life, Defeater, Counterparts und eben Comeback Kid in den Sinn. Und auch beim dritten Album reißen die Jungs Mauern ein und schaffen es, bei mir mit ihrem energiegeladenen Sound Gehör zu finden! Oh Mann, da hört man die Kraft und die Spielfreude deutlich raus. Die Band sitzt bestimmt momentan hibbelig zuhause und wartet nur darauf, dass die Pandemie bald vorbei ist und man wieder on the road gehen kann, um diese Energie auf Live-Shows freizusetzen. Schön abwechslungsreich geht es obendrein zu, der Sound ist gewürzt mit Gangshouts, Beatdowns, permanenten Rhythmuswechseln und verzweifeltem Geschrei. Ein starkes und kurzweiliges Album!


 

Schönleben – „Übungen Im Positiven Denken“ (Through Love Rec.)

Ich war leider zu spät dran, mir diese einseitig bespielte und mit einem Siebdruck auf der B-Seite versehene 12inch mit Siebdruck-Hülle, Siebdruck-Poster und 28-seitigem Booklet sowie einem Sticker zu sichern. Wie blöd kann man eigentlich sein? Dabei setzt sich die Band Schönleben auch noch aus Ex-Mitgliedern der von mir geliebten Bands We Had A Deal, Reznik Syndrom, Rêche und Mahlström zusammen. Krönung des Ganzen ist, dass die 12inch bei einem meiner Lieblings-DIY-Labels Through Love Rec. erschienen ist. Ich könnte heulen! Auch gerade weil die Musik genau das ist, was mich zum brustklopfenden und knierutschenden Emo-Volldeppen macht.

Ihr kennt das vielleicht noch von früher: vielleicht zwanzig Leute im kleinen Juze…die Band geht zwar gut ab, aber alle stehen eher benommen rum und nicken mit dem Kopf im Takt. Klar, ist ja auch erst kurz nach zwanzig Uhr…Plötzlich ist da dieser grinsende Arsch in der ersten Reihe mit den komischen Klamotten, der sich ständig wie ein bekloppter Affe auf die Brust nahe der Herzgegend schlägt, todtraurig auf die Knie sinkt, nur um anschließend die dünnen Kabelarme aus seiner Jeans-Weste höchst erfreut empor zu schleudern und im nächsten Moment wie ein durchgeknalltes ADHS-Kind auf Koks total auszuflippen. Verrückt, denn plötzlich kommt Bewegung auf, das Publikum wird warm und durch die spielfreudige und energiegeladene Floorshow-Action der Band angesteckt. Ansagen, die man mit Haut und Haaren unterstützt und beklatscht! Und dann der nächste Song! Alle flippen rum und spüren, dass hier gerade etwas Großes passiert, Normalsterbliche können das hier nicht fühlen. Die Band kniet sich noch tiefer rein und gibt alles! Fuck Corona, warum hab ich Schönleben noch niemals live gesehen? Eine Show könnte sicher wie gerade geschildert so aussehen.

Übungen im positiven Denken umfasst nur sieben Songs. Wenn man das Spoken-Word-Intro abzieht, sind es eigentlich nur sechs Songs. Aber die hauen Dich echt um, wenn Du auf emotionalen, intensiven 90’s Screamo/Post-Hardcore stehst. Und klar, wie schon bei Slayers Reign In Blood macht das Intro alles nur noch intensiver. Die Gitarren drehen frei, die Drums umzingeln die Klampfen, der Bass umspielt das Szenario mal gegenspielend, mal polternd aber stets ballernd. Und dann sind da die Vocals, die so verzweifelt und verloren klingen, mal schreiend, mal verzweifelt gesprochen. Spätestens jetzt kommt die Gänsehaut ins Spiel. Die in deutscher Sprache vorgetragenen und tief berührenden Lyrics sind so unglaublich schön formuliert, die sprechen mir echt aus der Seele. Schmerz! Grob zusammengefasst geht es darin um die Entfremdung innerhalb der Gesellschaft. Und ja, das Auseinanderleben und die Kündigung von Freundschaften in Beziehungen ist auch ein zentrales Thema. Einfach zum Heulen schön!

9/10

Bandcamp / Through Love Rec.


 

Linhay – „On How To Disappear“ (Bloodstream)

Irgendwie ist für mich die Band Linhay bisher ein unbeschriebenes Blatt gewesen. Und das, obwohl die vier Freunde aus Kiel bereits Ende letzten Jahres eine Split-EP mit den Jungs von East veröffentlichten, deren Debut-Album mich ebenfalls stark beeindruckte. Und obendrein ist das damals alles auch noch über das Label Midsummer Records erschienen, mit dem ich eigentlich doch in regem Kontakt stehe. Manchmal hilft nur noch Kopfschütteln! Gut, dass ich mich jetzt mit dem Erhalt der 12inch ausgiebig mit dem Quartett beschäftigen kann, so dass die verpasste Split und auch die Demo-EP aus dem Jahr 2017 noch etwas verspätet nachgeholt werden können. Aber nun zu On How To Disappear: das Albumartwork der 12inch besteht aus Farbklecksen, die Acryl-Farbkomposition in Purpur-Tönen deutet einen fließenden Übergang an. Im Hinblick auf den Albumtitel wird hier eventuell verbildlicht, wie etwas langsam verschwinden könnte. Je mehr man der anfangs dunklen Farbe die Farbe weiß untermischt, umso mehr verblasst und verschwimmt sie. Jedenfalls verspürte ich nach dem ersten Hördurchlauf des Albums den Drang, auch mal wieder malerisch kreativ zu werden. Und zwar nicht in der Form der zahlreichen Erwachsenen, die vorgefertigte Malbücher ausmalen, sondern so richtig frei. Einfach einen Pinsel über eine Leinwand jagen und schauen, in welche Richtung sich die Farbschmiererei wohl entwickelt. Zum Sound der Kieler ginge das sicher hervorragend von der Hand.

Denn Linhay machen eine vertäumte und äußerst melancholische Mischung aus Midwest-Emo und etwas Shoegaze, auch hier sind keine wirklichen Grenzen erkennbar, alles ist irgendwie atmosphärisch weit und ständig im Fluss. Das Vogelgezwitscher im Intro verschwimmt zusammen mit den Gitarren zu etwas, das Freiheit und Endlosigkeit symbolisiert. Und bevor man sich ganz verliert, befindet man sich plötzlich bei Cypsall in einem Refrain, der an Bands wie Jimmy Eat World, Two Line Filler oder The Juliana Theory erinnert, im Verlauf des Albums kommen auch immer wieder Referenzen wie z.B. Sunny Day Real Estate, HRVRD und Mineral an die Oberfläche. Aber eigentlich haben Linhay diese Vergleiche gar nicht nötig, das zeigt sich spätestens beim Emo-Überhit In Sunshine And In Shadow. Wahnsinn! Und beim nachfolgenden Uneasy lässt sich die ganze Bandbreite des Quartetts in einem Song beobachten: vom schrammeligen, nach vorne trabenden Emo-Pop-Punk über eine ruhige Post-Rock-Emo-Passage bis hin zum vor Drama strotzenden Schluss-Refrain mit ordentlich Hall auf dem zerbrechlich wirkenden Gesang ist hier alles dabei.

Neben den klassischen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Drums kommen im Verlauf des Albums auch desöfteren mal ein Klavier, verschiedene Percussions und ein Cello zum Einsatz, was dem Ganzen noch mehr Atmosphäre verleiht. Die melancholische Stimmung des Sounds wird übrigens durch die sehr persönlichen und sehnsüchtigen Texte zusätzlich verstärkt. Diese können auf dem beiliegenden Textblatt mitverfolgt werden. Jedenfalls wird es im gesamten Verlauf des Albums nie langweilig, die in sich stimmigen Songarrangements sind ausgeklügelt und auch beim Tempo gibt es reichlich Abwechslung. Eines der facettenreichsten Stücke ist wohl Water, die Drums im letzten Drittel sind so schön wild, dass man aus dem Freude-Grinsen kaum mehr rauskommt. Überhaupt ist On How To Disappear ein Album, das man in seiner Gesamtheit anhören sollte. Richtig eintauchen gelingt am Besten über Kopfhörer! Und wenn die letzten Töne der B-Seite erklingen und das Vogelzwitschern wieder in das Knistern des Vinyls übergeht, dann wird es Zeit, die tolle Reise erneut anzutreten! Nein, das Verschwinden machen wir euch nicht so einfach! Ein wirklich hervorragendes Debut-Album!

9.5/10

Facebook / Bandcamp / Bloodstream


 

Bandsalat: Between Bodies, Be Well, Diaz Brothers, Jamie Lenman, Lakes, Neànder, Pacifist, Winds Of Promise

Between Bodies – „On Fences“ (KROD Records) [Name Your Price Download]
Ordnung und Übersicht zu behalten, ist manchmal gar nicht so einfach in diesen schnelllebigen Zeiten. Wenn man deshalb mal wieder Jahres-Festplattenputz macht und dabei die ganzen gesetzten Lesezeichen durchackert, dann stößt man doch immer wieder auf Zeugs, auf das man eigentlich schon vor längerem hinweisen wollte. Die Kölner Band Between Bodies z.B. veröffentlichte im Dezember letzten Jahres eine tolle EP mit sechs Songs, die allen Emo-Punks die Äuglein leuchten lassen. Mir kamen beim Lauschen der Songs Bands wie Pale, By A Thread, Samiam, Flyswatter, Audio Karate oder Gameface in den Sinn. Auf der einen Seite dieses arschtretende Tempo, auf der anderen Seite diese melancholische Grundstimmung und darüber hinaus Melodien, die sich tief im Hirn einnisten. Und natürlich berührend und nachdenklich machende Lyrics, die mit klarer Stimme von Herzen vorgetragen werden. Ja, genau so muss energiegeladene und herzergreifende Gitarrenmusik abgehen! Lustig auch: vergleicht mal das EP-Cover mit dem Cover der ebenfalls in dieser Bandsalat-Runde besprochenen EP von Pacifist…

Be Well – „The Weight And The Cost“ (End Hits Records) [Stream]
Wenn sich Ex-Mitglieder von Battery, Darkest Hour, Bane und Fairweather zu einer neuen Band zusammenschließen und mit Brian McTernan auch noch gleichzeitig ein Produzent einiger wegweisenden Genre-Alben mit von der Partie ist, dann darf man schon mal hohe Erwartungen haben, was dabei raus kommt. Und ja, die hohen Erwartungen werden absolut befriedigt! Be Well haben ein intensives Album mit elf Songs abgeliefert, das sowohl musikalisch als auch mit textlichem Inhalt überzeugen kann. Hauptsätzlich werden persönliche Erfahrungen verarbeitet und letztendlich zeigt sich, dass es für die mentale Gesundheit Gift ist, alles in sich hineinzufressen und sich zu isolieren. Seine Ängste, Sorgen und Gefühle offen zu legen, kann viel mehr helfen! Und bei Brian McTernan merkt man, dass er diese Erfahrungen mit Haut und Haaren erlebt hat, die Vocals sind sehr emotional und überzeugend. Insgesamt herrscht neben der melancholischen Stimmung eine hohe Portion an Energie. Die Gitarren hauen ein Hammerchord nach dem anderen raus, dazu gesellen sich treibende Drums und gegenspielender knackiger Bass, natürlich setzt die eindringliche Stimme von Brian McTernan dem Ganzen die Krone auf. Es gibt so viel Melodie und hymnische Refrains (z.B. im Final-Stück Confessional) zu entdecken, im Prinzip wird man bereits nach dem ersten Durchlauf süchtig nach dem Sound von Be Well. Ich feier’s ab!


Diaz Brothers – „Selftitled“ (Boss Tuneage Records) [Stream]
Ich flippe aus! Wahnsinn! Das hier müsst ihr euch echt anhören, falls noch nicht bekannt. Die Band Diaz Brothers ist tief in der UK-Punkszene verwurzelt. Trotz relativ hohem Altersdurchschnitt klingt die Band wie ein frischer Wirbelwind voller Emotionen! Die Band hat sich nach dem Tod von Leatherface-Gitarrist Dickie Hammonds gegründet, mitunter sind hier Leute am Start, die man von etlichen Bands her kennt. Bisschen Name-Dropping an dieser Stelle kann nicht schaden, ich beschränke mich dabei auf ein paar der bekannteren: HDQ, Shutdown, Red Alert, Angelic Upstarts, Tied Down, Loudmouth, 36 Strategies und The Jones. Die zehn Songs haben so viel Durchschlagskraft, Wucht, Melancholie, Charisma, Spielfreude, Melodie und Energie im Gepäck, ich bin absolut begeistert und komm aus dem Grinsen nicht mehr raus! In die melancholisch gezockten Gitarren könnte man sich förmlich reinlegen! Der gegenspielende Bass und die kraftvoll gespielten Drums runden das Ganze ab und der einfühlsame Gesang klingt irgendwie so vertraut und intensiv, als würde man sich schon jahrlelang kennen. Dazu ist der Sound auch noch fett abgemischt. Fans von emotionalem Punk-Core á la HDQ, Samiam, Snuff, Leatherface oder Down By Law werden vor diesem Album niederknien!


Jamie Lenman – „King Of Clubs“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nach dem Coveralbum mit den eigenwilligen Coverversionen kommt der Ex-Frontmann von Reuben wieder mit eigenen Kompositionen um die Ecke. King Of Clubs besteht in seiner digitalen Form aus sieben Songs. Wer sich das Mini-Album in physischer Form zulegt, bekommt akustische Versionen der Songs als Belohnung mit dazu. Neben dem Digipack aus reiner Pappe ist das Ding als 12inch erschienen. Das dunkle Artwork lässt erst beim genaueren Hinschauen eine Art Kreuz-König aus der Dunkelheit hervortreten. Im Inneren wird das Kartenspielthema weitergeführt, denn da ist Jamie Lenman als Kreuz-Ass-König mit seiner Gitarre als Zepter abgebildet. Der Opener legt direkt mit fetten, groovenden Gitarren und wütendem Schreigesang los. The Future Is Dead klingt wie eine Mischung aus Refused und Body Count, was mitunter auch an den Guest-Vocals vom Londoner Hip-Hopper Illaman liegt. Auch im weiteren Verlauf überwiegen die wütenden und teils dissonanten Gitarren, der brachial und groovende Soundteppich aus Gitarre, fuzzy Bass und kraftvoll gespielten Drums geht dazu auch noch gut ins Ohr. Denn trotz der wütenden Grundstimmung schleichen sich immer wieder melodische Momente ein. Neben Post-Hardcore, Punk, Noise und Sludge sind auch Industrial-Einflüsse á la Ministry oder Nine Inch Nails zu vernehmen. I Don’t Wanna Be Your Friend ist z.B. ein richtig fieser und dreckiger kleiner Hardcore-Punk-Fetzer mit grungig verzerrten Gitarren und geiler Message an all die Pisser, die die Welt nicht braucht. Das Mini-Album endet mit dem instrumentalen Titelsong King Of Clubs, das sich stets steigernd den Weg breitwalzt. Und wer sich die physische Version zulegt, kann sich anhand der akustischen Versionen ein Bild machen, wie kreativ, experimentell und vielseitig Jamie Lenman unterwegs ist. Da kommen auch mal Töpfe, Pfannen, Trompeten, Handclaps, elektronische Spielereien und Posaunen zum Einsatz. Die Unplugged-Songs sind eine schöne Beigabe, die verzerrten Versionen werden aber zumindest bei mir in Zukunft häufiger ihre Runde drehen. Sehr starkes Mini-Album!


Lakes – „This World Of Ours, It Takes Apart“ (Know Hope Records) [Stream]
Ein Glockenspiel, Emo-Twinkle-Gitarren, eine Trompete, weiblicher und männlicher harmonischer Gesang kombiniert mit melancholischem Emo-Rock, kann das funktionieren? Oh ja, es kann. Schade eigentlich, dass es nur zwei Songs auf der neuen EP der Band Lakes aus Watford, UK sind, ich könnte locker mehr vertragen. Das Sextett organisiert und produziert seine Musik, Videos und Gigs selbst, DIY wird hier groß geschrieben. Als Einflüsse sind ganz klar Midwest-Emo-Bands erkennbar. Wenn ihr euch eine Mischung aus American Football, Algernon Cadwallader, Minus The Bear, Snowing und Appleseed Cast vorstellen könnt, dann solltet ihr hier mal rein hören.


Neànder – „Eremit“ (Through Love Rec.) [Stream]
Das vielgelobte Debutalbum ist noch gar nicht so lange her, da legt die Berliner Band Neànder nach anderthalb Jahren gleich das zweite Album nach. Ja, man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist! Und Neànder machen das konsequent und präzise auf den Punkt! Der rein instrumentale Sound hat auf den ersten Höreindruck ein bisschen an Tempo verloren, die Heavyness und Schwere wird dadurch aber keineswegs weniger, im Gegenteil! Mir erscheint es, dass alles noch intensiver und dichter wirkt. Die Soundscapes verflechten sich während der vierzigminütigen Spielzeit immer mehr ineinander, was natürlich insgesamt betrachtet extrem atmosphärisch und episch klingt. Zwischen den Pfeilern Doom, Black Metal, Sludge und Ambient treten die Musiker ihren Pfad weiter aus, schauen auch mal hoffnungsvoll über den Tellerrand, auch wenn größtenteils düstere Finsternis und tiefste Melancholie herrscht. Passend zum Albumtitel Eremit ist auf dem Albumfront- und Backcover jeweils ein einsamer Typ in der Landschaft abgebildet, sehnsuchtsvoll in die Landschaft bzw. auf’s Meer blickend. Und genauso in sich gekehrt wirkt die Musik des Quartetts, dessen Mitglieder natürlich auch schon vor Neànder in Bands wie z.B. And, Patsy O’Hara, Earth Ship oder Casper in Erscheinung getreten sind. Anhand der ausgetüftelten Soundarrangements merkt man, dass die Jungs eine genaue Vorstellung hatten, wie das am Ende alles klingen soll. Obwohl Instrumental-Mucke nicht gerade mein Steckenpferd ist sage ich: Äußerst gelungene Mission, Alter!


Pacifist – „Greyscale Dreams“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses Release erschien zwar schon letztes Jahr im Juni, leider stieß ich da erst neulich beim Bandcamp-Ausflug drauf und weil es so hammermäßig gut ist, muss ich da einfach was drüber schreiben. Pacifist kommen aus Mumbai in Indien und klingen eigentlich sehr nach 90’s-US-Hardcore bzw. Post-Hardcore. Auf der EP sind vier mitreißende Stücke zu hören, die ab dem ersten Ton aufhorchen lassen. Sauber gespielte Gitarren, teils höllisch groovend und dann wieder mit melancholischer Unternote, treffen auf Druck machende Drums und verzweifeltes Geschrei. Bei all der Power gibt es aber immer wieder unterschwellige Melodien zu vernehmen. Soundtechnisch dürften Bands wie Snapcase, By The Grace Of God, At The Drive-In, Inside Out oder Glassjaw Pate gestanden haben. In den Texten geht es um Alltagsängste und mentale Gesundheit in der heutigen trostlosen und düsteren Welt. Das Leben in der riesigen Metropole Mumbai gibt dem Quartett jedenfalls genügend Stoff für verzweifelte Endzeitstimmungsgefühle. Hört da unbedingt mal rein, Pacifist muss man im Auge behalten! Lustig auch: vergleicht mal das EP-Cover mit dem Cover der ebenfalls in dieser Bandsalat-Runde besprochenen EP von Between Bodies…


Winds Of Promise – „Cut. Heal. Scar“ (Coretex Records) [Stream]
Oh Yeah! Neuer Stoff in Sachen OC-Hardcore! Nach dem 2018er Debut kommt die Band mit ihrem zweiten Album um die Ecke. Und irgendwie ist das noch geiler als das Debut geworden, obwohl ein bisschen Tempo rausgenommen wurde! Die US-Hardcorelegenden Joe D. Foster, Patrick Longrie und Joe Nelson (Unity, Uniform Choice, Ignite, Triggerman u.a.) haben es immer noch raus, mitreißende Musik zu schaffen. An die Gitarrenriffs von Joe D. Foster lasse ich nichts Schlechtes kommen! Ich liebe alle Bands, bei denen er die Gitarre schwingt bzw. geschwungen hat abgöttisch. Gerade die ersten Ignite-Sachen mit Joe Nelson, der ja auch bei Winds Of Promise singt, sind einfach zeitlos geil! Gut, dass er das sinkende Schiff Ignite rechtzeitig verlassen hat und auch nie müde wird, uns mit Speak 714, The Killing Flame, Last Light, Blood Days oder eben Winds Of Promise permanent seine unerbittliche Spielfreude zu beweisen. Wenn ihr dem Sound von Bands wie 411, No For An Answer, Embrace, frühen Dag Nasty oder eben den ersten Ignite-Sachen nachtrauert, dann bitte hier entlang!


 

Narrow Head – „12th House Rock“ (Run For Cover/Holy Roar)

In der DIY-Underground-Szene von Texas im Jahr 2013 gegründet, legt die Band Narrow Head mit 12th House Rock ihr mittlerweile zweites Album vor. Und hält man die ultraschwere Doppel-12inch im Gatefold-Cover in der Hand, dann beginnen bereits die Äuglein zu leuchten. Das vom Houstoner Künstler Barry Elkanick entworfene abstrakte Gemälde hat zwar einen etwas düsteren Beigeschmack, aber dieser passt zur Musik des Quintetts wie angegossen. Die zwei Vinylscheiben des Bemusterungsexemplars sind durchsichtig, es gibt aber auch noch eine Version in Orange, was sicher auch ganz toll aussieht. Ein Textblatt liegt ebenfalls bei, es bleiben also keine Wünsche offen!

Sobald die Nadel aufs Vinyl setzt, wird man von einer Rückkopplung und einem fetten Riff abgeholt und macht eine kleine Zeitreise in die gitarrenlastigen Neunziger, als Bands wie die Smashing Pumpkins, Alice In Chains, Helmet, Guided By Voices oder die Deftones ihre Hochzeit hatten. Diesen Sound muss man einfach auf Vinyl genießen! Die dreizehn Songs bringen es auf eine Spielzeit von knapp 52 Minuten und ich kann verprechen, dass trotz der langen Spielzeit keine Langeweile aufkommen wird, vorausgesetzt man kann mit dem Sound der oben genannten Bands oder auch aktuelleren 90’s-Nostalgie-Bands wie z.B. Higher Power, Hum oder Superheaven etwas anfangen. Dem Sound von Narrow Head kommen die vielen Hammerriffs, der kantig klingende Bass, das knackig gespielte Schlagzeug und der verträumte und mit reichlich Hall ausgestattete Gesang zugute. Ein weiterer Pluspunkt ist die sehr lebendig wirkende Produktion, die die Band selbst in die Hand genommen hat, auf moderne Studiotechnik wurde gänzlich verzichtet. Diese Riffs sind einfach Gold! Mal zutiefst melancholisch, mal aufbruchswillig und treibend, mal heavy groovend, aber immer spielfreudig dargeboten sind sie für die emotionale Grundstimmung des Albums der Fels in der Brandung. Nicht, dass die anderen Instrumente überflüssig wären. Da braucht man sich nur mal das tolle Bassriff und die mit viel Drive gespielten Drums beim Song Night Tryst anhören! Aber bevor ihr euch jetzt nur einzelne Stücke reinpfeifen wollt, empfehle ich den Genuss des ganzen Albums am Stück. Das hat man doch damals in den Neunzigern auch immer so gemacht. Platte gekauft und wochenlang immer wieder angehört! Und mit 12th House Rock kann man dieses Neunziger-Gefühl ohne Ende nochmals erleben, klappt ohne Probleme!

Noch ein kleiner Ausflug zum Albumtitel und den Texten: das zwölfte Haus ist ja ein Begriff aus der Astrologie, in dessen unsichtbaren und mystischen Bereich es ziemlich turbulent und chaotisch zugehen kann. Visionen, Verdrängungen, Sucht, Flucht und Rückzug, Täuschungen, Enttäuschungen, Verzweiflung, Verwirrung, Gut und Böse, Hoffnung auf Erlösung. Das alles sind Inhalte vom zwölften Haus, die ganz eng beieinander liegen. Und Narrow Head versuchen, die Erlösung in ihrer Musik zu finden! Sänger Jacob Duarte machte wohl eine ziemlich schwere Zeit durch, die zumindest momentan mithilfe der Songs des Albums überwunden werden konnte. So widmen sich mit Hard To Swallow und Emmadazey sogar gleich zwei Songs dem Thema Medikamentensucht. Obwohl man aus diesem tiefen und dunklen Strudel schwer rauskommt, strömt das Licht am Ende des Tunnels entgegen und es finden sich genügend optimistischere Momente auf dem Album wieder. Das Album erschien als Co-Release der Labels Run For Cover und Holy Roar übrigens kurz vor bekanntwerden der schweren Anschuldigungen gegen den Holy Roar-Labelboss Alex Fitzpatrick.

9/10

Facebook / Bandcamp / Run For Cover


 

 

Bushpilot – „23“ (God Unknown Records)

Premiere bei Crossed Letters: da schickt mir doch tatsächlich jemand eine Testpressungs-12inch zu, noch dazu aus dem Herzen Englands, aus London! Und wohlgemerkt, das alles nach dem Brexit und während der beschissesten Pandemie des letzten Jahrhunderts! (Ich hab echt die Zellophanhülle mit Desinfektionsmittel abgewischt und mir danach fast eine Minute die Pfoten gewaschen, natürlich erst, nachdem ich den Pappkarton wie Sondermüll entsorgt habe). Krass, oder? Und eigentlich ist das alles eh schon recht kurios, aber die Geschichte steigert sich nochmals in Sachen Skurrilität.

Zum einen sind die Songs auf 23 in den Wintermonaten zwischen den Jahren 1994 und 1995 aufgenommen worden (in der Zeit hab ich erstmals nach einer wilden Punk/HC/Grind/Crust und Metal-Phase von Emocore Notiz genommen), und jetzt, 25 Jahre später, erscheinen sie – glücklicherweise – auf Vinyl. Zum anderen trägt der Titel des Albums die symbolträchtige Zahl 23, die auch gleichzeitig identisch mit meiner Hausnummer ist und auch sonst eine ziemlich große Rolle in meinem bisherigen Leben gespielt hat. Ich hoffe, ihr haltet mich jetzt nicht für einen dieser Aluhut-Träger, davon bin ich meilenweit entfernt. Der Kreis schließt sich, sobald die Nadel aufs Vinyl trifft und man vom Sound direkt in eine hypnotische Stimmung versetzt wird, aus der man erst wieder befreit wird, wenn sich die Nadel im Leerlauf befindet. Wie in Trance vernimmt man die Klänge, die sich langsam in die Hirnrinde reinfressen. Wie ein Pendel, auf das man zu lange gestarrt hat, arbeiten Bass und Schlagzeug Hand in Hand und kreieren eine nervöse Grundstimmung, die durch die unvorhersehbaren dissonanten Gitarrenklänge und den weirden Gesang noch an Intensität gewinnen. Der Aufnahme kommt auch zugute, dass alles komplett live eingespielt wurde und auf sonstigen technischen Schnickschnack verzichtet wurde.

Monoton auf der einen Seite und vielfältig auf der anderen Seite. Eigentlich komplett widersprüchlich, aber das ist der erste Eindruck. Es bleibt nach etlichen Hörrunden auch der letzte. Ach ja, Noise und Post-Punk sind auch noch am Start, die Band selbst nennt auch Stile wie Techno und Avantgarde als Einflüsse. Der Opener zeigt gleich auf, dass es neben den ‚ruhigeren‘ Momenten auch mal krachiger werden kann. Und ja, natürlich wirkt die Musik von Bushpilot auf Vinyl äußerst spirituell. Echt mal, wenn ich jetzt noch ein Textblatt oder das Artwork vor Augen gehabt hätte, dann wäre das Festmahl perfekt gewesen. Eigentlich kann nur empfohlen werden, das Album in seiner Gesamtheit auf sich wirken zu lassen. Wenn ihr aber dennoch Anspieltipps haben wollt, dann eignen sich das noisige I Have The Egg oder das hypnotisierende Caught In A Memory Of Love. Für den Song 23 solltet ihr dann knapp zwanzig Minuten einplanen, denn der überdauert die komplette B-Seite. Warum dann nicht einfach gleich nochmals zwanzig Minuten draufpacken und das ganze Album hören? Stellt euch eine krachige Mischung aus Fugazi, Can, Karate, Slint, Jesus Lizard und City Of Caterpillar vor oder hört wie gesagt einfach selbst mal rein. Übrigens sind auf God Unknown Records im Laufe dieses Jahrs auch schon das Debutalbum Already und eine 7inch erschienen. Ein kleiner Nachtrag ist jetzt, zwei Wochen nach Erscheinen des Reviews doch noch nötig. Denn die Band hat mir aktuell die fertige Version des Albums zugeschickt, einfach unglaublich! Das Artwork hat was stylisch-modernes an sich, zudem gefällt mir der Obi-Strip und v.a. das zehnseitige Hochglanz-Textheft im LP-Format. Vom Layout her ist das Textheft interessant und kunstvoll gestaltet, auch das königsblaue Vinyl ist ein absoluter Hingucker!

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Unbite – „Fang“ (Antena Krzyku)

Die Stuttgarter Band Unbite wurde im Jahr 2019 gegründet, offenbar steckt die Band voller Tatendrang. Denn nach einer ersten EP mit sechs Songs legt die Band bereits das Debutalbum mit weiteren zehn Songs vor. Und wenn man die schwere 12inch so in der Hand hat, dann beginnen bereits durch die physischen Eindrücke die Äuglein zu funkeln. Der dicke Plattenkarton fühlt sich so samtig weich wie die makellose Haut einer gepflegten Dame an, zudem gibt’s ’nen Prägedruck und das kontrastreiche Artwork macht auch was her. Das stammt übrigens von der Londoner Künstlerin Joni Belaruski. Der Albumtitel Fang lässt dann auch einige Spekulationen wach werden. Im Zusammenhang mit dem Artwork könnte damit die Aufforderung an den Hund gemeint sein, der doch bitteschön die Handgranate fangen soll, zudem kann das englische Wort Fang auch mit „Reißzahn“ übersetzt werden, was ja beim Anblick des zähnefletschenden Hundegebisses auch ganz gut passen würde. Das weiße Vinyl selbst ist dann mit seinen schwarzen Sprenkeln ebenfalls ein Hingucker und natürlich gibt es auch ein Textblatt. Unbite setzen sich übrigens aus Daniela Schübel (Bass, Gesang), Basti Stich (Gitarre) und Helge Gumpert (Drums, Gesang) zusammen. Und natürlich gibt es bei den Beteiligten Szene-Vorgeschichten, da wären z.B. Buzz Rodeo, Craving und Are We Electric?, nur um ein paar zu nennen.

Bevor die Nadel aufsetzt, empfehle ich am Bass- und Lautstärkeregler aufzudrehen, denn dann ist der Vinylgenuss perfekt. Das Trio ist nämlich sehr auf das Zusammenspiel von wuchtigen, fast übersteuert klingenden Drums und polterndem Bass konzentriert, die dissonant sägenden Gitarren bringen dann noch etwas mehr Noise ins Spiel, könnten aber nach meinem Geschmack noch etwas präsenter sein. Im Kontrast zu dieser mächtigen Soundwand wirkt der Gesang von Daniela Schübel nahezu lieblich, auch die immer mal wieder eingestreuten männlichen Vocals sind eher ruhig gehalten. Überhaupt klingt der satte und dreckige Sound ganz schön nach nostalgischem Neunziger-Noise, ein gewisser Grunge-Anteil ist ebenfalls mit von der Partie. Dass es ganz praktisch ist, wenn ein Bandmitglied ein eigenes Tonstudio betreibt, zeigt sich auch mal wieder. Die Aufnahme und Produktion übernahm Daniela Schübel im eigenen Tonstudio Frau Schübel, das Mastering erfolgte in Chicago bei Carl Saff (Saff Mastering).

Die zehn Songs entwickeln jedenfalls eine hypnotische Atmosphäre, immer wieder ist man von den komplexen Songstrukturen fasziniert. Vertrackt und hibbelig geht es z.B. bei File No 66x zur Sache, Babydragon hat von Bass und Rhythmik her irgendwie was von Fugazi, natürlich wird man unterwegs auch oftmals an 90er-Bands wie Unsane, The Jesus Lizard, Flipper, NoMeansNo oder Saccharine Trust erinnert. Mit Wrested Tracks wird man in eine Zeit gebeamt, als aus Punk plötzlich Grunge wurde, Attention Economy und Enigma Machine verbreiten eine ähnliche Stimmung. Und ehe man es sich versieht, endet das Album mit dem sagenhaften Windshield, das sich langsam auf einem tollen Basslauf aufbaut und bei dem man schon erahnt, dass die fuzzigen Soundausbrüche bereits im Hintergrund lauern. Wenn ihr euren Noise-Rock auf der einen Seite gern verspielt und auf der anderen Seite gern brachial und etwas sperrig liebt, dann kann ich euch dieses Album hier nur ans Herz legen!

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Bandsalat: Among Familiar Faces, AUA, Coriky, Deadly Habit, Hard Strike, Leitkegel, Owen, Pabst

Among Familiar Faces – „Blank“ (DIY) [Stream]
Auf Among Familiar Faces aus Wolfsburg bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen. Die aktuelle EP des Quintetts umfasst fünf Songs, die man zwischen den Pfeilern Melodic Hardcore, Post-Hardcore und Screamo einordnen kann. Sauber und emotive gespielte Gitarren treffen auf wuchtige Drums und leidend herausgekreischte Vocals, dabei steht die Melodie und das Drama im Vordergrund. Die Songarrangements sind jedenfalls passend aufeinander abgestimmt, hier wurde die Balance zwischen bitter, heftig und gefühlvoll gut getroffen. Die Vorbilder sind mit Bands wie Counterparts, More Than Life, Touché Amore und Landscape schnell zu verorten, Among Familiar Faces sind aber keine reine und herzlose Kopie dieser Bands. Dem Sound der Jungs merkt man das Herzblut, die Leidenschaft und die Spielfreude an, zudem suhlt man sich mit Haut und Haaren in Verzweiflung. Die Textinhalte strotzen nur so vor Verlustängsten, Auswegslosigkeit und anderen Themen aus der mentalen Befindlichkeit. Also, mir gefällt das ganz schön gut, Among Familiar Faces werde ich lieber mal im Auge behalten!


AUA – „I Don’t Want It Darker“ (Crazysane Records) [Stream]
Bei AUA handelt es sich um ein Duo, das sich aus zwei Mitgliedern der Instrumental-Band Radare zusammensetzt. Die acht Songs des Debutalbums gefallen mir ziemlich gut. Grob kann man das, was die zwei Jungs da machen, in Richtung Lo-Fi-Indietronic einordnen. Mal wabert eine Surf-Gitarre durch die Lüfte, mal kommen Synthies zum Einsatz, elektronische Beats, hypnotisch wirkende Loop–Sounds und andere Soundspielereien sind ebenfalls mit von der Partie. Dann ist da noch diese warme Stimme, die gleich so vertraut klingt. Hört euch mal nur den Song Coke Diet an, das ist doch ein richtig kleiner Hit! Und auch beim Rest kann man sich entspannt zurücklehnen und dem ausgetüftelten Sound des Duos lauschen und tief eintauchen. Auf Vinyl kommt das sicher nochmals einen Ticken intensiver um die Ecke. Wenn ihr neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so hört auch auf Zeugs wie Caribou, Air oder Autolux steht, dann lohnt es sich, AUA mal anzuchecken!


Coriky – „Selftitled“ (Dischord) [Stream]
Mit Coriky ist das in etwa so wie mit einem sehr guten Wein. Nach fünfjähriger Reifungszeit ist nun endlich der erwünschte Reifungsprozess abgeschlossen und das Debutalbum der Band aus Washington D.C. erschienen. Und weil reifer Wein nicht besser wird, sollte man mit dem Trinken nicht länger warten! Hört da also unbedingt rein, wenn ihr das nicht eh schon längst aus eigenen Stücken gemacht habt. Das Trio, das sich aus Ian MacKaye, Joe Lally und Amy Farina zusammensetzt, hat elf abwechslungsreiche Stücke eingespielt, die bei mir seit Tagen in Dauerrotation laufen und bereits jetzt andeuten, dass das Ding das Zeug zum Meilenstein hat. Dass alle drei gleichberechtigt singen, macht die Geschichte noch abwechslungsreicher. Die hypnotisch wirkende Rhythmus-Symbiose aus laid back gespielten Drums und faszinierenden Bassmelodien bildet das Grundgerüst, dazu kommen tolle Gitarren und natürlich die mehr als vertrauten Stimmen der Bandmitglieder, verkopfte Lyrics verstehen sich von selbst. Insgesamt gesehen, ist Coriky eine ruhige Angelegenheit, auch wenn hier und da mal ein paar Soundausbrüche zu vernehmen sind. Die Einflüsse aus Punk, Hardcore, Emo und Post-Hardcore sind schon noch am Rand wahrzunehmen, dennoch würde ich das hier musikalisch eher irgendwo zwischen Indie, Jazz und Rock einordnen. Könnte mir vorstellen, dass es ein aufwühlendes Erlebnis wäre, Coriky in einer schummrig beleuchteten Bar live zu erleben. Fans von Fugazi können hier blind zugreifen, wer auf Karate steht, liegt ebenfalls nicht falsch.


Deadly Habit – „The Rule Of Ignorance“ (DIY) [Stream]
Pfiffigen Hardcore-Punk gibt es von Deadly Habit aus Berlin auf die Ohren. Insgesamt drei Songs gibt es auf The Rule Of Ignorance zu hören. Und die machen echt mal Lust auf mehr. Obwohl die Band auch schon wieder sechs Jahre auf dem Buckel hat, bin ich erst neulich beim Bandcamp-Ausflug auf die Jungs gestoßen und eigentlich sofort hängen geblieben. Auf der einen Seite klingen die Songs schön melodisch, auf der anderen Seite geht es aber auch kämpferisch und mit erhobener Faust flott nach vorne. Da schwappt die Spielfreude direkt aus den Lautsprechern! Wer auf Bands wie Strike Anywhere, Good Riddance, Miozän oder Great Collapse steht, sollte hier unbedingt mal reinhören.


Hard Strike – „The Conflict“ (Backbite Records) [Name Your Price Download]
Die Geschichte von Hard Strike ist schnell erzählt: zwei langjährige Freunde, die bisher bei Bands wie z.B. Baffdecks, Bone Idles, Blank und Null Art spielten, gründeten im Jahr 2019 die Band Hard Strike, Standort Köln. Nachdem zwei Songs geschrieben waren, wurden weitere Freunde kontaktiert. So fand man mit einem weiteren Bandmitglied der Bone Idles einen Schlagzeuger, zudem konnte ein Basser aufgetrieben werden, der bisher bei Punch und I Recover tätig war/ist. Außerdem konnte als zweiter Gitarrist kein geringerer als Ken Olden (Battery, Damnation A.D., Better Than A Thousand) gewonnen werden. Diese vier ersten Songs legen jedenfalls schon mal mit ordentlich Power los, die Gitarren klingen beim Opener sehr nach Joe D. Foster (Killing Flame, Ignite, Speak 714). Die Aufnahmen sind schön rotzig gehalten und haben ordentlich wumms, dazu kommt ein Sänger der sich wie ein wild gewordener Köter im Mikrofon verbeißt, erinnert ein wenig an den Nerve Agents-Sänger auf deren ersten Sachen. Ja, so geht oldschool-HC! Der Sound klingt ebenso kämpferisch wie die Texte! Ich hab jetzt schon den Moshpit vor Augen, auch wenn das mit Sicherheit noch ein Weilchen dauern wird, bis man wieder auf Vollkontakt gehen kann! Bis dahin wird halt das Wohnzimmer zum Moshpit. Lautstärkepegel nach oben und die Bude zerlegen, das klappt mit Hard Strike hervorragend!


Leitkegel – „Bis zum Ende“ (lala Schallplatten) [Stream]
Da legen Leitkegel aber mal blitzschnell nach. Das Album Wir sind für Dich da erschien Ende des letzten Jahres, nun war die Band für ein Wochenende im Februar – noch vor dem ganzen Lockdown-Gedöns – in den lala und Echolux Studios, um diese drei Songs einzuspielen. Und ja, die Jungs halten das hohe Niveau des Albums, textlich wie musikalisch liegt alles im grünen Bereich. Beim Song Bis zum Ende wirkt dann auch noch der Sänger der Erfurter Band Cortamaro mit. Jedenfalls beweisen Leitkegel innerhalb von drei Songs, dass sie sowohl leise als auch krachig und natürlich auch sprachlich einiges zu bieten haben. Die EP erscheint erstmal nur digital, einseitig bespieltes Vinyl in Form einer 12inch soll im November nachgeschoben werden.


Owen – „The Avalanche“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Der perfekte Soundtrack für ein verregnetes Herbstwochenende mit Lockdown-Stimmung kommt dieses Mal von Mike Kinsella und dessen Soloprojekt Owen. Neun Songs haben den Weg auf ein Album geschafft, das vor Melancholie nur so überläuft. Kinsellas warme Stimme, verspielte Gitarren, kleinere Lo-Fi-Soundspielereien, trauriges Pianogeklimper, verträumte Glockenspiele und atmosphärisch eingesetzte Streicher werden eigentlich sehr harmonisch miteinander kombiniert. Bisher kam mir der Sound Owens weitaus sperriger vor, bei The Avalanche klingt alles insgesamt sehr viel flüssiger und offener als bei den bisherigen Releases. Neben der Musik sind es auch die Texte, die zur düsteren Trauerstimmung beitragen, hier werden schmerzvolle Gefühlsmomente -hervorgerufen durch eine zerbrochene Ehe – verarbeitet. Der traurige Höhepunkt wird dann mit dem Song Mom And Dad erreicht. Intimer kann es eigentlich kaum noch werden! The Avalanche ist meiner Meinung nach das bisher beste Owen-Release! Und ja, das Ding wird im Herbst sicher desöfteren laufen, das hier ist ein richtiges Kopfhörer-Album, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte!


Pabst – „Deuce Ex Machina (Ketchup Tracks) [Videos]
Letztes Jahr im Sommer kam ich erstmals mit der Band Pabst in Berührung. Das war auf dem kleinen aber feinen U&D-Obstwiesenfestival. Die Sonne blechte gnadenlos und eigentlich hätte man sich mit einem Kaltgetränk irgendwo in den Schatten setzen sollen, aber ab den ersten Klängen hatte Pabst die volle Aufmerksamkeit der kleinen Meute vor der Bühne. Mit grungig fetten Gitarren boten die drei Jungs ein überzeugendes Live-Set, das Debutalbum Chlorine konnte bei mir danach ebenfalls punkten. Nun also das zweite Album. Und das kann das Debut meiner Meinung nach nochmals toppen! Die coolsten Gitarrenriffs dieser Erde treffen auf Groove, hymnische Refrains stoßen auf fuzzy Wüstenrock, zwischendurch kommen leiernde Grunge-Gitarren zum Einsatz, poppig ist das Ding obendrein. Die Band hat ein gutes Gespür für stimmiges Songwriting, zudem hört man hier einfach raus, dass die Jungs von Spaß und Spielfreude angetrieben werden. Auch wenn die Bandmitglieder noch blutjung sind, schwingt in den Aufnahmen ein gewaltiger 90er-Vibe mit, zudem blinzeln bei manchen Songs die Hives um die Ecke, gerade in Bezug auf den Rock- und Arschtret-Faktor der Songs. Schlussendlich ist Deuce Ex Machina ein abwechslungsreiches Album mit elf Stücken geworden, die allesamt richtig gut ins Ohr gehen. Und wenn ich jetzt gerade an den schönen Sommertag auf dem Obstwiesenfestival zurückdenke, dann wäre ich gerne einer der Crowdsurfer und würde mir zu den Klängen von Ibuprofen taube Ohren holen!


 

Elm Tree Circle – „NO FOMO“ (KROD Records)

Versteht eigentlich noch irgend jemand die heutige Jugend? Man sorgt sich permanent, etwas vermeintlich wichtiges zu verpassen, dabei ist man ständig am Daddeln und vergeudet seine Zeit mit Social Media und Komaglotzen verwackelter Katzenvideos. Das im Netzjargon verwendete Akronym FOMO (Fear Of Missing Out) bezeichnet diese durch den Konsum sozialer Medien verursachte Angst, etwas zu verpassen. Elm Tree Circle lehnen sich also in ihrem Albumtitel NO FOMO bewusst ein wenig zurück und rufen in Slacker-Manier zur Entspannung auf.

Nehmt euch also gefälligst die Zeit und lasst euch während der Spielzeit von etwas knapp über einer halben Stunde nicht durch aufploppende Nachrichten ablenken. Das ist zu schaffen, ich glaube an euch! Schaltet euer bunt leuchtendes Display aus und betrachtet lieber das schlichte einfarbige Artwork der 12inch, die übrigens ebenso farblos reduziert mit durchsichtigem Vinyl punkten kann. Zwei küssende Menschen sind auf dem Cover zu sehen, dementsprechend geht es auch textlich sehr persönlich zu. Szenen aus dem alltäglichen Leben, Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und sentimentale Erinnerungen sind immer wiederkehrende Themen.

Schon beim Debutalbum der Band aus Iserlohn fiel mir auf, dass die Jungs eigentlich ziemlich amerikanisch klingen. Das ist auch auf dem zweiten Album des Trios so. Zudem sind die Jungs irgendwo im Pop-Punk und Emorock um die Jahrtausendwende herum hängen geblieben. Und das ist auch gut so! Kein überladener Schnick-Schnack, einfach nur handgemachte, ehrliche Musik. Beim Anhören der zehn Songs lassen sich Ähnlichkeiten mit Bands aus vergangenen Zeiten wie z.B. Blink 182 oder Placebo, aber auch aktuellere Bands wie Modern Baseball oder Real Friends erkennen. Die stets präsente Leadgitarre entpuppt sich übrigens als eine der größten Stärken der Band. Denn diese hat immer ein melodisches Riff am Start und entzückt durch melancholische Klänge und viel Abwechslung. Dazu gesellen sich natürlich eingängige Refrains, die sich schon nach wenigen Hörrunden tief in die Gehörgänge gebohrt haben. Der Sound klingt insgesamt sehr entspannt, ruhig und zurückgelehnt, Elm Tree Circle haben es sich im Midtempo gemütlich gemacht. Und gerade dieser Ruhepol macht den Reiz aus, sich auch selbst mal etwas zu entspannen und sich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren. Dennoch gibt es hin und wieder ein paar Ecken und Kanten zu entdecken: hört euch nur mal die dissonanten Akkorde von I Got It an, wunderbar! Wer auf Emo, Pop-Punk und gitarrenorientierten Indierock steht, sollte dieses Album unbedingt antesten. Ansonsten müsst ihr mit der Angst leben, etwas großartiges verpasst zu haben!

8/10

Facebook / Bandcamp / KROD Records


 

 

Amid The Old Wounds – „Vignette 7inch“ (time as a color)

Könnt ihr euch noch erinnern, was ihr während des Lockdowns im Frühjahr so alles gemacht habt? Also, ich war in dieser Zeit eher gelähmt und hab meine Zeit zum einen mit Komaglotzen von Videostreams verplempert, zum anderen hab ich meine nähere Umgebung zusammen mit den Kindern mit langen Spaziergängen erkundet und reichlich Bier verzehrt. Beim Versuch, mal wieder die Gitarre umzuschnallen und ein paar Riffs zu spielen, scheiterte ich kläglich und selbst das Schreiben geriet ein wenig in den Hintergrund. Glücklicherweise gibt es aber Leute, die diese Zeit sinnvoll genutzt haben. Es existieren ja etliche Belege dafür, dass der coronabedingte Lockdown richtige Kreativitätsschübe hervorgebracht hat. Einer dieser Belege ist diese 7inch!

Daniel Becker, den man von Bands wie Duct Hearts und Wishes On A Plane her kennt, schnappte sich während des Lockdowns mit ein paar Phrasen im Hinterkopf seine Gitarre und experimentierte mit ein paar Akkorden. Worte wurden hinzugefügt, Rhythmen in verschiedenen Varianten ausprobiert und plötzlich war da dieses Lied und die Idee einer Solo-Aufnahme. Vignette. Und wenn man das Endergebnis hört, dann stellen sich sofort die Nackenhärchen auf, sobald die Nadel die Rille streichelt. Es ist unglaublich, was für eine intensive Atmosphäre! Es sind eigentlich nur zwei Gitarren-Akkorde und diese warme, zerbrechliche Stimme zusammen mit den Worten, die das alles ausmachen. Ein Schlagzeug oder andere Begleitungen würden hier fehl am Platz sein. Vignette lebt von seiner unbändigen und losen Struktur und seinen unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen. Dem Song kommt auch zugute, dass er quasi live in einem Take aufgenommen wurde, damit klingt die Aufnahme noch melancholischer und durchdringender. Und auch die Bedeutung des vielseitig verwendbaren Begriffs Vignette lässt einige Interpretationen offen. Das Wort wird in verschiedenen Bereichen verwendet, so wird es u.a. in der Literatur, der Fotografie, der Malerei, als Buchschmuck, im Film und selbst im Straßenverkehr eingesetzt.  Aber kommen wir wieder zur Musik: auf der B-Seite wird rein akustisch weitergemacht, der Song Great Expectations hat auch so eine gewisse Weite. Man hat direkt endlose Landschaften im Mittleren Westen der USA vor Augen und Bands wie Elliott, Jimmy Eat World oder Christie Front Drive im Ohr. Mit Instant Stars kommt dann leider schon das Finale. Dass es sich hierbei um eine Demo-Version handelt, muss direkt betont werden. Denn der Song hat bereits eine Geschichte, die schon fast 16 Jahre zurückliegt und die irgendwann in Zukunft noch weiter ausgebaut werden soll, am liebsten mit Streichern.

Die 7inch ist über time as a color erschienen und macht auch rein optisch was her. Das schlichte Cover ist mit dem „Bandnamen“ besiebdruckt, die Texte sind in einer Art Obi-Strip gefaltet und können an der Seite eingesteckt werden. Es gibt zwei Vinyl-Farben (purpur und schwarz). Wer zu faul ist, die 7inch ständig zu drehen, kann auf Bandcamp auch vom Download Gebrauch machen. Jedem DIY-Emo-Fan lege ich nur nahe, dieses Release zu holen und damit auch die kreativen Köpfe zu unterstützen, die auch aus einer Krise das Beste machen und euch mit Musik versorgen, die absolut von Herzen kommt!

9/10

time as a color / Facebook / Bandcamp


 

BUG – „nunc finis“ (Rock Is Hell)

Seit über zwei Jahrzehnten ist die Innsbrucker Band im österreichischen DIY-Underground unterwegs, nunc finis ist mal eben die neunte Veröffentlichung der Tiroler. Albumtitel und Albumartwork kündigen bereits an, dass die Jungs es gern düster, schmutzig und schwarz haben. Nunc finis ist nämlich der lateinische Ausdruck für das Ende der Zeit. Und dementsprechend gibt es in knapp vierzig Minuten massig Endzeit-Stimmung auf die Ohren, musikalisch wie auch textlich. BUG reißen mal kurz ihren scheinheiligen Landsleuten den Tirolerhut von der Rübe und zertrampeln ihn mit schweren Stiefeln und Hochgenuß, zudem machen sie auf nunc finis auch ihrem Namen in hochdeutscher Bedeutung alle Ehre und hauen euch kräftig eine vor den Bug.

Bedrohlich zieht ein gewaltig groovendes Noise-Gewitter auf, die Endzeit war noch nie näher als jetzt! So viele Happy Pills kann man gar nicht fressen, um der Irrenanstalt Erde zu entfliehen! BUG setzen auf einen basslastigen, nervösen und etwas sperrigen Sound. Knackige, pumpende Drums und knarzende Basslines bilden die Grundlage, dazu kommen dunkel verzerrte Gitarren und leidende Massenmörder-Vocals mit Gurgeltendenz. Die Stimme und der Akzent erinnern mich ein bisschen an den Sänger der Young Gods. Nun, die Österreicher sind auf nunc finis sehr vielseitig unterwegs und haben sich eine ganz besondere Melange aus Noise, Sludge, Doom, Post-Hardcore, Punk, Metal und Freejazz zusammengebraut, die ganz schön nach 90’s klingt, natürlich im modernen Soundgewand.

Wie bereits erwähnt, handeln die mal in Englisch mal in Deutsch vorgetragenen Lyrics vom Wahnsinn, die Themen dafür werden auch in Zukunft kaum ausgehen. Der Blick fällt dabei auf rechte Verschwörungstheorien, Depressionen, Verlustängste, Kummer und Schmerz, die Abneigung gegen Rechts wird auch kundgetan. Die Produktion ist fett, die wenigen ruhigen Passagen glasklar. Fürs Mastering durfte mal wieder Brad Boatright/Audiosiege ran. Es ist eigentlich kaum möglich, die Vielseitigkeit der Band innerhalb eines oder zwei Songs zu erfassen. Am Ehesten würden sich dafür die Songs Lost Soul und Hass gegen Rechts eignen, aber besser wäre es, wenn ihr das Album in seiner Gesamtheit genießen würdet. Wenn ihr Zeugs wie Trigger Cut, Craving, Unsane oder Jesus Lizard mögt, dann könnte auch BUG was für euch sein!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: The Beautiful Mistake, Crossed, Entropy, Frail Hands, grace.will.fall, Nuvolascura, Réne Maheu, Son

The Beautiful Mistake – „You’re Not Broken. I Am“ (Disconnect Disconnect Records) [Stream]
Mehr oder weniger zufällig bin ich beim Bandcamp-Surfen über das Ding hier gestolpert. Wie bitte? The Beautiful Mistake, die Band die um Anfang bis Mitte der Nuller aktiv war und einige Post-Hardcore-Meilensteine wie z.B. das sagenhafte Light A Match, For I Deserve To Burn veröffentlicht haben, ist wieder aktiv. Von der Reunion, die im Jahr 2018 stattfand, hab ich jedenfalls nix mitbekommen. Dass sie in der Zwischenzeit ihre Fähigkeiten nicht verloren haben, liegt wohl auch daran, dass die Jungs über all die Jahre in verschiedenen anderen Bands aktiv waren. Jedenfalls dürften die fünf Songs allen Fans gefallen, die die Band auch damals schon gut fanden, einige neue werden ebenfalls dazukommen. Denn die Band aus San Diego hat ein Händchen für ausgeklügelt arrangierte Songstrukturen und emotionale Melodien. Die Songs machen durchaus neugierig, was The Beautiful Mistake in Zukunft noch bringen wird. Wer auf Zeugs wie Underoath, Silverstein oder neuere Snapcase kann, wird auch das hier lieben! Sehr schönes Comeback!


Crossed – „Barely Buried Love“ (Dingleberry Records u.a.) [Name Your Price Records]
Bei der spanischen Band Crossed prügeln sich Leute von Boneflower, Descubriendo A Mr. Mime und Eros + Massacre durch eine düstere Mischung aus Crust, Screamo, chaotischem Hardcore und Blackmetal. Der mächtige Sound walzt ordentlich, die Soundkulisse wirkt dystopisch, apokalyptisch und bedrohlich, da hat man natürlich Bands wie Converge, New Day Rising, His Hero Is Gone oder Majority Rule im Gehör. Brutal und gnadenlos klingen die messerscharfen Gitarren, dazu wildes Geballer und dreckige Vocals, die zwischen dunklen Screams und heiseren Massenmördergekreische pendeln. Das Album ist übrigens in Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, Mise-En-Scène Records, The Braves Records, Fireflies Fall, Kill Vinyl Records, Tirano Intergaláctico, Violence In The Veins, Zegema Beach Records und Bent Nail Collective erschienen. Diese 13 Songs knacken Dir innerhalb von 25 Minuten Spielzeit mal kurz die Schädeldecke!


Entropy – „Liminal“ (Crazysane Records) [Stream]
Bei Entropy handelt es sich um eine im Jahr 2016 gegründete Band aus Hamburg, die sich aus Leuten der Bands The Now-Denial, Night Slug, Hillside und EA80 zusammensetzt. Liminal ist das Debut-Album der Band. Und das Ding dürfte alle begeistern, die wie eine gut erhaltene Moorleiche im nostalgischen 90’s-Emo/Post-Hardcore/Grunge/Indie/Shoegaze-Sumpf gefangen sind. Wuchtige Gitarrenriffs treffen auf Melodie, dazu gesellt sich ein druckvolles Gerüst aus Drums und Bass. Leidenschaftlicher Gesang und tolle Melodien, die sich tief in die Gehörgänge einnisten, runden das Ganze ab. Bereits beim ersten Durchlauf weiß man, dass hier noch etliche weitere folgen werden. Mir geht es jedenfalls so, das Album macht echt süchtig! Und immer wieder gelingt es der Band, mit einem saftigen Gitarrenriff um die Ecke zu kommen und gleichzeitig eine Melancholie und tonnenstarke Schwere zu erzeugen! Bittersüß! Die gewisse Schwere lässt sich auch in den persönlichen Texten finden, hier geht es um den Umgang mit Ängsten und Depressionen, um innere Konflikte und Zerrissenheit, jedoch schwingt auch immer ein hoffnungsvoller Unterton mit. Liminalität ist ja ein Begriff, der einen Schwellenzustand beschreibt, vergleichbar mit einer Coming-of-Age-Phase. Liminal als Albumtitel passt also wie die Faust aufs Auge sowohl für die Texte als auch für den schwerelosen und schwebenden Sound der Band. Und jetzt aber schnell, hört euch das Ding im Stream an und haltet nach dem Vinyl Ausschau, denn Liminal hat das Zeug zum Meilenstein!


Frail Hands – „parted​/​departed​/​apart“ (Twelve Gauge Records) [Stream]
Die Band Frail Hands aus Neuschottland ist mir noch sehr gut mit ihrer Split mit der Band Ghost Spirit im Gedächtnis geblieben. Auf dieser Veröffentlichung sang bzw. schrie noch Sängerin Dawn Almeda, die aber leider mit der Zeit Stimmprobleme bekam und aufhören musste, so dass Frail Hands fortan zum Quartett schrumpfte. Dennoch steurte sie einen Großteil der Lyrics bei. Jedenfalls funktioniert die Musik trotzdem. In einer Spielzeit von zwanzig Minuten werden zehn Songs präsentiert, die durchschnittlichen Songlängen liegen also bei zwei Minuten. In zwei Minuten bringen die Jungs jedoch so viel Elemente rein, wie so manch eine andere Band innerhalb einer Zeitspanne von 15 Minuten. Unglaublich, was da alles passiert, zudem klingt der Sound nach wie vor nach purer Verzweiflung und intensivem Gefühlschaos. Da mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden an den Knöpfchen drehte, ist der Sound dazu noch satt. Einordnen kann man das ganze irgendwo zwischen emotive Screamo und Post-Hardcore. Wenn ihr auf Zeugs wie Kidcrash oder Loma Prieta könnt, dann bitte hier entlang!


grace.will.fall – „Barren By Design“ (midsummer records) [Stream]
Seit dem letzten Album der Band aus Jönköping/Schweden sind sechs Jahre verstrichen, Barren By Design ist das mittlerweile vierte Album der Jungs. Achtzehn Jährchen hat die Band nun schon auf dem Buckel, dennoch klingen die Schweden wie ein frischer Wirbelwind. Dass dies so ist, liegt womöglich daran, dass Barren By Design ohne Zuhilfenahme von Computern komplett analog erstellt wurde. Und irgendwie spürt man auf diesem Release die unbändige Spielfreude der Jungs mehr als deutlich. Das erinnert mich daher natürlich umso mehr an die goldene Zeit des skandinavischen Hardcores mit Bands wie beispielsweise Refused, Abhinanda, 59 Times The Pain, Section 8 oder auch Raised Fist. grace.will.fall fügen ihrem Hardcoresound einen enormen Rock’n’Roll-Anteil hinzu und verschmelzen zu einer perfekten Symbiose aus schnellem, melodischem Oldschool-Hardcore, chaotischem Hardcore-Punk und Rock’n’Roll, grooven dazu ordentlich und der Mosh-Anteil darf natürlich auch nicht fehlen. Insgesamt elf Songs werden innerhalb einer 37-minütigen Spielzeit runtergezockt. Und immer wieder überraschen die Gitarren mit einem gewitzten Riff! Auch wenn die Grundstimmung etwas düster ist, ist grace.will.fall mit Barren By Design ein tolles Album gelungen, das ihr euch wirklich mal anhören solltet, wenn ihr Bands wie die oben genannten mögt und auch dem Sound von Converge oder frühen Evergreen Terrace was abgewinnen könnt. Zudem gefällt mir das Albumartwork dieses Mal sehr viel besser als beim letzten Album No Rush!


Nuvolascura – „As We Suffer From Memory and Imagination“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Wie auch schon auf dem Debutalbum wirbeln Nuvolascura auch auf ihrem zweiten Album ordentlich Staub auf und zünden ein Feuerwerk der Verzweiflung. Hier habt ihr ein ganzes Spektrum an Eindrücken, es herrscht wildes Chaos, hibbelige Nervosität, Verzweiflung, Katharsis, die pure Angst, jede Menge Blastbeats, alles verpackt in technisch komplizierte Gitarrenriffs und vertracktes Drumming und natürlich dieses herzzerreißende Gekeife von Sängerin Erica. Zwischendurch gibt’s immer wieder Interludes, um ein wenig zu verschnaufen und noch mehr Spannung aufzubauen. An den Knöpfchen gedreht hat mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden. Screamo-Fans werden das Ding lieben!


René Maheu – „Mor“ (DIY) [Stream]
Geilen, crustig angehauchten emotive Screamo gibt es von dieser Band aus der Ukraine auf die Ohren. Die sechsköpfige Band hat auch eine Violine mit an Bord, was hervorragend passt und auch nicht gerade ein übliches Instrument für diese Art Musik ist. Klar, mir fallen natürlich ein paar Bands ein, die dieses Instrument oder ein Cello ebenfalls gut in ihren Sound einbauten, z.B. wären da Cwill, ABC Diabolo und Факел. René Maheu ist jedenfalls mit Mor ein intensives Album gelungen, die sieben Songs reißen mit, egal ob gerade draufgebolzt wird oder es auch mal ein bisschen ruhiger wird. Checkt das mal an, klingt super!


Son – „A Storm Of Soap And Other Things“ (DIY) [Stream]
Wer freut sich von euch eigentlich auf den Herbst? Wer jetzt gleich begeistert mit dem Finger schnippt, dem sei die griechische Band Son empfohlen. Emocore Midwest oder Midwest Emocore? Midwest, viel Melancholie und ganz klar Emocore! Ich find es einfach nur traumhaft, was die Jungs auf ihrem Debut da auf die Beine gestellt haben. Mannometer, die Band nahm bereits im Jahr 2005 ihren Anfang und erst im Jahr 2017 wuchs das Tüftel-Duo, das über die Jahre zu zweit rumgespielt und experimentiert hat, zum Quartett. Eigentlich auch schon wieder geil, oder? Jedenfalls sind dabei acht Songs rausgekommen, die mich absolut fesseln können. Ich kann’s mir echt vorstellen, wie die zwei Knalltüten über all die Jahre etwas bekifft im abgedunkelten Zimmer gesessen haben und plötzlich wie von Geisterhand diese hochmelancholischen Klänge aus der Gitarre hervorgekrochen kamen und dazu eine hymnische Melodie gesummt wurde. Da musste einfach was draus gemacht werden! Eher im ruhigeren Bereich verortet entwickelt sich in der Endversion der Songs eine ausgeprägte Dichte, dazu kommt diese laid back und fast im Jazz beheimatete Verpieltheit dazu. Ich bin verliebt! Müsst ihr unbedingt anchecken!


 

 

Tvivler – „EGO“ (Negativ Psykologi Records)

Nach der sagenhaften 7inch-Trilogie Negativ Psykologi hat die Band Tvivler aus Kopenhagen endlich ihr Debutalbum am Start. Wer die 7inches bereits kennt, wird diesem Album ebenso entgegengefiebert haben wie ich. Allen anderen sei empfohlen, EGO auf der Stelle anzutesten und ein wenig Zeit mitzubringen. Denn die werdet ihr für die zahlreichen zukünftigen Hörrunden brauchen!

Aber nochmals für alle kurz zusammengefasst: Tvivler setzt sich aus Mitgliedern der Bands Lack, Children Of Fall sowie Town Portal und Obstacles zusammen und machen eine nervöse Mischung aus Post-Hardcore, Screamo, Emocore, Stop And Go Hardcore/Punk und etwas Noise. Der Sound klingt teilweise, als ob er einem Irrenanstalt-Horrorfilm entsprungen wäre, diesmal haben die Dänen bei zwei Songs sogar noch ein abgedrehtes Freejazz-Saxophone mit an Bord. Insgesamt gibt es 15 Songs in knapp 40 Minuten zu hören. Und ich verspreche, dass es nicht langweilig werden wird, denn Tvivler strotzen nur so vor songwriterischem Ideenreichtum und gehen ihren Sound sehr abwechslungsreich an.

Mal ist es vertrackt und noisig, dann gibt es knallharten und schnellen Hardcorepunk auf die Mütze, selbst sphärische Klänge und experimentelle Momente sind mit eingebaut. Natürlich wird durch den Gesang ein Sammelsurium purer Emotionen dargeboten, wer die dänischen Texte nicht versteht kann auf Bandcamp die englische Übersetzung nachlesen. Die Gitarren zaubern hervorragende Gitarrenriffs aus dem Ärmel, der Bass knödelt eigenwillig vor sich hin, dazu kommt ein Drummer, der von vertrackt bis heftig und spannungsaufbauend sehr vielseitig unterwegs ist. Die Band ist übrigens ihrem Artwork-Stil mit der Vorliebe für geometrische Formen treu geblieben, diesmal ist ein Polygon zu sehen, in welchem weitere Formen für optische Täuschungen sorgen. Allein das Artwork reizt mich, das Album irgendwie auf Vinyl zu beschaffen! Meiner Meinung nach ist Tvivler mit EGO ein ganz großes Meisterwerk gelungen!

9/10

Bandcamp / Facebook


 

Bandsalat: Boneflower, Dispeller, Ich bin Vbik, Jeff Rosenstock, Kid Dad, L’Oceano Sopra, Stereolith, Stormlight

Boneflower – „Armour“ (Dog Knights Productions) [Name Your Price Download]
Die meisten von euch werden das neue Album der Band aus Madrid eh schon lange auf dem Schirm und vor allem liebgewonnen haben, aber es gibt ja immer wieder mal Leute, denen irgendwas durch die Lappen geht. Die bisherigen Veröffentlichungen des Trios feierte ich jedenfalls gnadenlos ab, bei Armour fällt mir das ebenfalls nicht schwer. Knapp 31 Minuten dauert das zweite Album der Spanier. Und in dieser Zeit gibt es einiges an Eindrücken zu verarbeiten, vom intensiven Emo zu leidendem Screamo und ausgeklügelten Post-Hardcore kann man einfach nicht perfekter hin und herschlendern, dazu besticht das Ganze durch einen satten Sound, der an den lauten Stellen fett und an den leisen Stellen glasklar rüberkommt. Chaos, Herz, Schönheit, Schmerz, Melodie und Drama, was will man mehr? Und ja, das hier sollte man keinesfalls verpassen!


Dispeller – „YT​/​OEOM“ (DIY) [Stream]
Es sind zwar nur zwei Songs, die Dispeller aus Darmstadt auf ihrer mittlerweile zweiten Studio-EP in Eigenregie veröffentlicht haben, aber als Appetitanreger für weitere Releases eignen sich diese bestens. Die fünf Jungs haben sich irgendwo zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und etwas Metalcore eingenistet. Trotz des schön nach vorne gehenden Tempos und der größtenteils gescreamten Vocals bleibt es immer schön melodisch, der Groove kommt auch nicht zu kurz, die Produktion passt auch. Man merkt dem Sound an, dass er mit viel Herzblut und Leidenschaft vorgetragen wird. Die zwei Songs begleiten Dispeller schon längere Zeit, so dass der Wunsch, sie endlich einmal zu veröffentlichen absolut nachvollziehbar ist. Leider konnte die Band wie so viele andere die dazu geplante Tour aufgrund der Corona-Krise bisher noch nicht antreten. Sobald das wieder möglich wird, bin ich mir sicher, dass dann die Band mit doppeltem Einsatz am Start ist! Hört da mal rein!


Ich bin Vbik – „Im Rauschen sind wir eins“ (DIY) [Video]
Im Vergleich zum 2018er-Debutalbum kommt das Artwork zur neuen EP des Quintetts aus Koblenz viel farbenfroher daher und auch beim Sound kann man leichte Veränderungen zum Album ausmachen. Zum einen ist da die sehr viel bessere und sattere Soundqualität, zum anderen klingen die fünf Songs insgesamt etwas zahmer, was wahrscheinlich am für meinen Geschmack etwas zu glatten Mastering liegt. Krachige Soundausbrüche gibt es trotzdem noch genügend. Spannend wird es, wenn wie bei Aus der Schuttablage ruhige und fast schon verträumte Passagen mit groovigem Bass/Schlagzeugzusammenspiel und eben diesen krachigen Soundausbrüchen kombiniert werden. Wie auch schon beim Debutalbum überzeugen die nachdenklichen deutschen Texte, die abwechselnd mit Klargesang und gequälten Schreien vorgetragen werden und dem ganzen noch die nötige Portion Melancholie mitgeben. Die Songs sind allesamt vielschichtig aufgebaut, bei Songlängen über der vier-Minuten-Marke bleibt ja auch ein bisschen Zeit, zudem soll es ja auch nicht langweilig werden. Zwischen Post-Hardcore, Post-Rock und Screamo passen auch immer noch ein paar Emo-Passagen, selbst rockige Stoner-Riffs sind an Bord (Aus den Fieberträumen).


Jeff Rosenstock – „No Dream“ (Specialist Subject Records) [Stream]
Ex-Bomb The Music Industry!-Bandleader Jeff Rosenstock kommt während der Corona-Pandemie quasi ohne Vorwarnung mit seinem mittlerweile vierten Album um die Ecke. Der umtriebige Kerl haut echt einen Hammer nach dem anderen raus, es ist echt der Wahnsinn. Und auch No Dream ist ein weiteres Album mit unsagbar guter Musik geworden, der Fan-Zuwachs wird damit bestimmt noch um einiges steigen. Der poppige Punkrock geht sofort ins Ohr und strahlt eine quicklebendige Frische aus. Es ist eine wahre Freude, die Leidenschaft und die unbändige Spielfreude springt förmlich aus den Lautsprechern entgegen. Wenn man während des Hörens vom Opener No Time einen Kaugummi im Mund hätte, dann wäre der sofort ausgekaut, so schnell wie man darauf rumkauen würde! Von diesem Kaliber gibt es noch mehrere Songs, immerhin bringt es das Album auf eine Spielzeit von 40 Minuten. Aber auch die Ohrwurm-Melodien kommen niemals zu kurz, an manchen Stellen hat man Weezer im Ohr, an anderen wiederum geht es ganz schön derbe zur Sache. Songs wie das melancholische The Beauty Of Breathing oder das fuzzige Scram! bleiben direkt im Ohr kleben, womit wir wieder beim vielseitig einsetzbaren Kaugummi angekommen wären. Großes Erstaunen gibt es beim Titel-Song, der mit warmen Indie-Rock-Klängen eröffnet und die Wave-Vibes völlig unerwartet in ein Hardcore-Pogo-Punk-Massaker übergehen. Schön oldschoolig, dissonant aber dennoch catchy as fuck! Geil! Insgesamt 13 Songs gibt es auf No Dream zu hören, fürs Mastern war übrigens The Almighty Jack Shirley zuständig, die Aufnahme klingt somit entsprechend lebendig, knackig und roh. Geile Sache!


Kid Dad – „In A Box“ (Long Branch Records) [Stream]
So sieht man sich wieder: mit Kid Dad aus Paderborn kam ich erstmals im Jahr 2017 im Vorprogramm von Samiam in Berührung. Nun hat das Quartett also sein Debutalbum am Start. Und das ist richtig, richtig toll geworden! Wenn ihr auf melodischen, abwechslungsreichen und pfiffigen Grunge/Emo/Indie mit satter 90er-Kante steht, dann müsst ihr hier unbedingt mal reinhören. Die musikalischen Vorbilder liegen bei Bands wie besipielsweise Pixies, Nirvana, Weezer, Thrice, den Get Up Kids, HRVRD oder Blackmail. Wie man anhand dieser Referenzbands erkennen kann, wird im Sound von Kid Dad ein weites Spektrum abgedeckt. Da entdeckt man Grunge, Emo, Indie, Alternative-Rock, Pop-Punk und gar Post-Hardcore, zusammengebraut klingt das schön eigenständig. Und genau das ist es, was das Ganze so abwechslungsreich macht. Und natürlich tragen geile Gitarrenriffs, eingängige Melodien und perfekte Songarrangements dazu bei, dass das Album so gelungen ist. Zudem legt die Band eine mitreißende Spielfreude an den Tag, hier hört man den Spaß und die Freude deutlich raus. Ach ja, die Melancholie kommt auch nicht zu kurz, dazu kommen authentische Lyrics, die die musikalische Dramatik noch zusätzlich unterstreichen. Das Ding kann man wirklich in Dauerrotation hören, ohne dass es langweilig wird! Zudem sind hier nur Hits drauf, wenn ich mich für einen einzigen Anspieltipp entscheiden müsste, dann wäre das (I Wish I Was) On Fire, aber ich empfehle, In A Box in seiner Gesamtheit zu genießen und sich am besten eine Weile lang mit dem Ding in Isolation zu begeben!


L’Oceano Sopra – „Kéreon“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Mailand kommt die im Jahr 2015 gegründete Band L’Oceano Sopra, Kéreon ist die zweite EP der Italiener. Die vier Jungs fahren ein hardcorelastiges Screamo-Brett auf, das ordentlich Wut, Schmerz und Power mit an Bord hat, zwischendurch werden aber auch mal ein paar Math-Core-Elemente und chaotische Sequenzen eingebaut. Mit Songlängen über der vier-Minuten-Marke bis hin zu über sechs Minuten muss man sich ja auch was einfallen lassen, um der Langeweile zu entkommen. Und das gelingt den Italienern ganz gut: da wird mal gescreamt, mal verzweifelt gesprochen (alles in der Landessprache), mal wird der Knüppel aus dem Sack gelassen und mal das Tempo etwas runtergefahren, mal regiert das Chaos und vereinzelt entdeckt man sogar unterschwellige Melodien. Die Jungs nennen Metalcore-Einflüsse wie Converge und Shai Hulud auf der einen Seite, auf der anderen werden auch Bands wie Envy oder La Dispute genannt. Hört man das Ergebnis, dann kommt man zum Entschluss, dass sie die Sound-Merkmale der genannten Bands eigentlich ganz gut unter einen Hut bekommen haben.


Stereolith – „Escape Velocity“ (Barhill Records) [Stream]
Beim Anblick des Artworks der Digipack-CD musste ich erstmal schmunzeln: Auf Front- und Backcover und auch im aufklappbaren Innenteil sieht man abhebende Flugzeuge, meterhohe Verstärker-Türme, einen ausgebrochenen Vulkan und die Silhouette einer leicht bekleideten Dame, das Frontcover ist zusätzlich noch mit den vier Mitgliedern der Band versehen worden, die laut der Fotografie im Innenteil nach zu urteilen aus schon etwas älteren Herrschaften zu bestehen scheint. Ach ja, ganz versteckt wurde auch noch die physikalische Formel der Fluchtgeschwindigkeit aufgeschrieben, dieser versucht man ja laut Albumtitel zu entkommen. Nun, Stereolith sind wohl bereits seit 2013 unterwegs und machen auf ihrem Debutalbum staubigen Wüstenrock, der mit einem Schuss Punkrock, etwas Grunge und fettem Stoner-Metal gewürzt ist. Dass dabei natürlich auch hohe Verstärker-Türme ganz nützlich sein können, wird ja bereits im Coverartwork doppelt unterstrichen. Und die sieben Songs wirbeln tatsächlich ordentlich Wüstenstaub auf, der Sound kommt schön satt und druckvoll aus den Lautsprechern, für die Produktion ist übrigens Kurt Ebelhäuser eingesprungen. Was mir an den Songs ganz gut gefällt, ist der melodische Anteil mit catchy Gitarrenriffs und eingängigen Refrains, was eher ein bisschen in die Punkrichtung geht, während bei den Midtempo-Songs der Groove regiert. Da kommen natürlich auf der einen Seite Bands wie Kyuss, Queens Of The Stone Age oder Fu Manchu in den Sinn, andererseits hat man auch so Sachen wie die Foo Fighters, The Hellacopters oder so Zeugs wie Oh No Not Stereo (kann sich noch jemand an den Song One More Thing I Love erinnern? So gut!) im Ohr. Also, mir gefällt’s, auch wenn das jetzt nicht die Sorte Musik ist, für die ich mein letztes Hemd hergeben würde. Hört da ruhig mal rein, Common Cause oder Chain Right empfehle ich mal als Anspieltipps.


Stormlight – „Natoma“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Meine Fresse! Stormlight zaubern mir mit ihrem Debutalbum ein fettes Grinsen in selbige! Man wird von dem Album direkt überfahren, elf Songs in 26 Minuten, eine intensive und emotionale Reise ist das. Aber von vorn: bei Stormlight wirken Sean Leary (Loma Prieta, Beau Navire, Elle) und Erik Anderson (Lord Snow, Lautrec) mit. Während Sean die Gitarren, Bass und Vocals beigesteuert hat, ist Erik für die unglaublich tight gespielten Drums verantwortlich. Der pure Wahnsinn! Gemastert hat das Ganze Jack Shirley/Atomic Garden, so dass alles schön druckvoll, rau und satt klingt. Jedenfalls werden am Sound der Jungs Fans der oben genannten Bands ihre wahre Freude haben. Man kann schon vereinzelt Parallelen erkennen, dennoch gehen Stormlight ihren eigenen Weg. Zwischen all das Chaos passen nämlich auch immer wieder mal melodische Einschübe, zudem strotzen die Aufnahmen vor bittersüßer Melancholie, gerade die Gitarren zaubern die ein oder andere Gänsehaut. Ein absoluter Leckerbissen für Screamo-Fans!


 

 

ZilpZalp & Probably Not – „Split 12inch“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Beim Betrachten des in Pinktönen gestalteten Albumcovers hatte ich ein kleines Déjà-vu-Erlebnis, irgendwie erinnert mich das Blümchen und die Schrift ganz entfernt an das Violator-Album von Depeche Mode. Ihr wisst schon, das war das erfolgreiche 90-er-Album der britischen Band, auf dem sie auch erstmals rockige Gitarren in ihren Synthie-Pop eingebaut haben. Nun, die beiden Bands ZilpZalp und Probably Not gehen musikalisch jedoch in eine ganz andere Richtung, hier werden Screamo, Emo und Post-Hardcore liebende Menschen voll auf ihre Kosten kommen, zudem werden DIY-Vinyl-Fans leuchtende Äuglein bekommen. Das weiß marmorierte Vinyl mit den pinken Sprenkeln erinnert irgendwie an eine leckere Erdbeercreme. Ein Textblatt ist übrigens auch enthalten, hier gefällt mir das gemeinsame Gruppenfoto der Bandmitglieder beider Bands, das unterstreicht auch nochmals das Gemeinschaftsgefühl. Am Split-Release sind übrigens die Labels Tanz auf Ruinen Records, Smart and Confused Records, Entes Anomicos, Schädelbruch Platten, Sunsetter Records, Callous Records, Vollmer Industries und Trace in Maze Records beteiligt.

ZilpZalp kommen aus Dortmund und entgegen dem gleichnamigen putzigen Singvögelchen macht das Quartett einen ordentlichen Krach. Die A-Seite trägt den Titel Unter dem Eis und besteht aus sieben Songs, die auch als EP angesehen werden können. Es sind zwar nur knapp fünfzehn Minuten Spielzeit, aber die haben’s absolut in sich! Die Jungs machen ziemlich punklastigen, deutschsprachigen Screamo, der auch mal einen Gang runterfährt und ein paar Emocore-Einflüsse mit an Bord hat. Der Sound steckt voller Intensität, ein ganzer Wall an Gefühlen trifft Dich mit voller Wucht! Schmerz, Verzweiflung, Wut, Resignation und pures Leiden! Das vernimmt man den gefühlvoll gespielten Gitarren, die mit so manch verzückendem Riff um die Ecke kommen. Natürlich schrammeln die Gitarren auch ordentlich, der Schlagzeuger hat ebenso einige Rhythmuswechsel zu bewältigen, der Bass poltert bedrohlich und der Gesang bewegt sich zwischen heiserem Geschrei, resigniertem Sprechgesang und wimmerndem Geheul. Dazu passen natürlich die nachdenklich machenden Texte. Die raue Produktion weiß ebenfalls zu gefallen, schließt man die Augen, dann meint man, direkt im Proberaum zu stehen und den modrigen Kellergeruch in der Nase zu haben. Fans von Bands wie Yage, Manku Kapak, Kishote oder Masada können hier blind zugreifen!

Probably Not sind in Exeter, England beheimatet und machen eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Emocore und Screamo. Bereits die Debut-EP des Trios gefiel mir außerordentlich gut. Diese Aufnahmen, die auf der B-Seite zu hören sind, schlagen in die gleiche Kerbe. Unter dem Titel Under The Skin werden zehn Songs in knapp zwanzig Minuten Spielzeit präsentiert, das hat schon fast einen gewissen Album-Charakter. Obwohl es hier nicht ganz so rasant wie bei den Kollegen von ZilpZalp zugeht, haben die Songs ordentlich Pfeffer im Arsch, selbst wenn der Sound zurückgefahren wird. Die Band schafft es mit wenigen Mitteln, Spannung aufzubauen, dennoch sind die Songs sehr vielseitig aufgebaut, so dass es verdammt abwechslungsreich bleibt. Der Sound geht buchstäblich unter die Haut! Das Wechselspiel aus laut/leise, ruhig/nervös, vertrackten, fast schon verkopften Parts und eingängigen Passagen ergibt letzlich ein schlüssiges Gesamtbild, zudem weiß die zwar raue aber gut abgemischte Soundqualität zu überzeugen. Die Aufnahmen strotzen jedenfalls vor Lebendigkeit. Mir gefällt die etwas helle Schreistimme, die sich geschlechtsmäßig nicht richtig einordnen lässt und sich dabei tief in die Gehörgänge bohrt. Hier wird gelitten, was das Zeug hält, der Sound strotzt vor Melancholie. Die in sich gekehrten Texte voller Ängste und Unsicherheiten unterstreichen dieses emotionale Grundgerüst noch doppelt, so dass sich an manchen Stellen unweigerlich die Nackenhärchen erheben. So zerbrechlich und doch so stark! So lässt sich abschließend eigentlich nur zusammenfassen, dass dieses Split-Release ein sehr gelungenes ist und die zwei Bands sich dabei gar nicht mal so unähnlich sind, und ich spreche jetzt nicht alleine von den ähnlichen Titeln der beiden Vinylseiten! Checkt das unbedingt an!

9/10

Bandcamp / Tanz auf Ruinen Records


 

Shakers – „I Need You To Know“ (Konglomerat Kollektiv) [Name Your Price Download]

Nach der sagenhaften La Petite Mort/Little Death-12inch, die dank der doofen Corona-Krise und den dadurch fehlenden Distro-Kisten leider immer noch nicht meiner bescheidenen Plattensammlung beiwohnen darf, haut das ziemlich neue DIY-Label Konglomerat Kollektiv die zweite Hammer-Veröffentlichung in Folge raus, in Zusammenarbeit der Labels I.Corrupt.Records, La Agonia de Vivir, Saltamarges, La Soja und Unlock Yourself Records! Und irgendwie hab ich gerade das Gefühl, dass hier ein neues DIY-Label mit ganz viel Liebe und Herzblut am heranwachsen ist! Shakers? Aber Hallo! Die vier Songs der Debut-7inch der Wiesbadener Band, die über mein geliebtes Herzlabel lifeisafunnything erschien, brauchten ürigens drei Jahre, bis sie auf Vinyl gepresst wurden. Ich als alter Spinnebeinzähler kann mich täuschen, aber irgendwie hab ich im Hinterkopf, dass die Band damals in der Besprechungsanfrage versprach, dass die nächste Veröffentlichung nicht allzulange auf sich warten lassen würde. Naja, drei Jahre ist das jetzt her, ist ja eigentlich schon noch so halbwegs just in time, vielleicht arbeiten die Jungs auf einen konstanten 3-er-Veröffentlichungsrhythmus hin.

Und wenn das Ergebnis diese elf Songs sind, dann hat sich das Warten absolut gelohnt! Wie kann man jemandem beschreiben, was auf diesem Album passieren wird? Nun, es hat viel mit Gefühl, intensiver Spielfreude und menschlichem Gespür für ausgeklügelte und stimmige Songstrukturen zu tun, das werdet ihr alle schon nach ein paar Minuten des Hörens merken. Dass die Wiesbadener sicher einige Touché Amoré, Loma Prieta, Comadre oder frühe Pianos Become The Teeth-Platten im Schrank stehen haben, lässt sich wohl kaum bestreiten. Dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier nur kopiert wurde. Denn Shakers reichern ihren screamolastigen Sound mit etlichen Stilelementen aus Post-Hardcore, Punk, Shoegaze und etwas Post-Rock an, zudem strotzt der Sound vor Energie und Intensität.

Wuselige Drums, knarzende Bass-Lines und locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarren bilden die Grundlage, dazu kommen schmerzerfüllte und leidende Vocals, auch die Texte mit persönlicher Note wissen zu überzeugen. Es brodelt an allen Ecken und Enden, permanent wird Spannung erzeugt, die sich in einem lauten Knall entlädt. Wunderschön gelungen sind auch die immer wieder unerwarteten Wendungen, die das Ganze noch spannender machen. Und bei all der Melancholie und den vielen Rhythmuswechseln darf natürlich auch die Melodie und die Eingängigkeit nicht fehlen. Diese elf Songs haben mein Herz im Sturm erobert! Zeitlos gut!

9/10

Facebook / Bandcamp / Konglomerat Kollektiv


 

Interview with David from „Dumange“

In the beginning of the Corona pandemic I had way too much time. During the lockdown I started to read several books I had on my to do list. I started jogging, I run 10 kilometers under 1 hour, that’s okay for me ;-). And one evening I listened to many bands on Bandcamp. There was this band „Dumange“ from Asturias, Spain. I remebered that Ictus and Ekkaia were from Spain too and a region next to Asturias. After the first seconds of listening to the album „Entre ratas“ I knew: This ist damn good stuff, it blew me away! I bought the mp3s and listende to that album a lot of times. The mix of Neocrust, D-Beat, Blackmetal was quit intense and I wanted to buy the vinyl. Luckily there was an e-mail adress (dumnagepunx@gmail.com). Short time later David (guitarist) wrote back and we had a very interesting conversation via e-mail from april to july. David had some personal issues and I am so thankful that he found the time to answer my questions. Thank you so much, dude!!! The bands he mentions in the interview below are so good. That’s musical gold!!!

Here we go:

Topic #1 coronavirus. What do you miss most in these times compared 
to pre corona virus?
A lot of things actually, practice with my bands, hanging out with friends, going to gigs and playing live. Although I kind of feel good being at home having time to read and trying to keep creative writing music and doing some art for future gig posters. I also miss my dog Faye, she died the second week of the pandemia and it’s been hard after 14 years and a half.

Please introduce yourself. What are your musical influences?
I’m David, I was born in Oviedo, Asturies, a region from the north of spain. I play guitar here in Dumange and another punk rock band called Amplify. My main musical influences when I play guitar or write music are His Hero Is Gone and all that stuff that came afterwards (Asturies is next region on the right from Galiza so we were always listening and seeing live bands as Ekkaia, Ictvs, Madame Germen, Sls3, etc) on one side and melodic death metal on the other side, I love to play At The Gates, a canorous quintet kind of riffs, they come to me naturally so I guess that’s something. Then I’m a huge fan of Per Koro records from Germany, I discovered bands like Aclys, Mörser, Forced To Decay, etc when I was 17/18 and they blew me away, they still do today and I listen to them a lot. Been twice to Bremen and Hamburg to see Mörser, those guys are COOL!!! Once they play with Disfear and they got me in, oh man, how nice is that. I also like a lot of 80s and 90s hardcore stuff in all of its styles and from everywhere american, european, japanese, etc, i grew up listening to so different bands as Bad Religion, Anti-Cimex, Undone or Minor Threat, you know, they’re all different but when I was a kid it was all hardcore to me. I’m glad I didn’t stick to 1 or 2 genres, I also like to listen to black metal, even though I spend time trying to figure out who are right wing bands and who are not. I don’t wanna mess up with that, there’s a lot of anti-fascist and anarchists black metal bands out there. Those are my main influences, I also listen to some folk from almost everywhere (bulgarian folk women voices amaze me, dark as fuck) and love listening to soundtracks as well.

What are the lyrics about you write for Dumange? How have the topics in your lyrics changed from when you started to nowadays?
The whole album is a conceptual and very clear topic (if you speak spanish, of course). It’s a statement against prison. Song is a letter where a prisoner who’s in jail for no reason writes to his loved ones what the suffering of being tortured is. I didn’t write the lyrics, Senén (our singer) did. Even though I helped him a bit reading books and zines about it, some of them got me fucked a lot cause they were really hard to read. Jail memories and the letters that never came (Rosencof), Breaking the silence organization books, Are prisons obsolete? (Angela Davis) are some to name and chapters about it from anarchists biographies (and autobiographies) as Durruti, Garcia Oliver, Emma Goldman, Lucy Parsons, Cipriano Mera, Berkman and many more. We also added a part in honor of a catalonian girl called Patricia Heras, who killed herself because she got in prison falsely accused of violent aggression against the police. There’s a documentary called „Ciutat morta“ that you can watch on internet in any platform for free, about the 4F case where they talk about Patricia and the whole police corruption involved. I also can’t forget a zine called „Punto de mira“ which did a lot for the anti prisons movement and the prisoners.

How du you get gigs? Have you played a tour/Are you planning a tour after the Corona pandemic?
We got in contact with promoters, friends, friends from another friends and schedule gigs basically, we don’t have a manager so we do all the stuff. We played in England right after releasing the album and we planned to play Europe this summer and couldn’t make it so yeah, we’re planning a tour after the corona pandemic but I’m afraid that is not gonna be possible until 2021.

Here in Germany we have a problem with the rise of right wing parties like the „AfD“ since the so called refugee crisis from 2015. They get up to 20% of the votes. So far I can see the whole world seems to turn right. How is the situation in Spain? What is the percentage of the votes?
Well, here in spain the thing is almost like that, what everyone calls far right (VOX) got a 15,1% which means 3 million people voted them. What happens is, it seems they’re an split-off from another right wing party (PP) and to respond properly to the question I gotta go back a few years back. We had a dictatorship for 40 years, and when it „finished“ they kept the same people in the same institutions for another 40 years, which is right now, everything related to politics in spain is so corrupted that it’s almost impossible to see a solution to it. The heirs of those who were in power during the dictatorship are basically the ones running the country. Even one of the supposedly left wing party (PSOE) looks to the right immensely. Fucked up stuff and I didn’t even say a thing, i’d need a 200 fanzine pages to say how fucked up spain is talking about politics and that’d be short.Even though the situation now could be worse, not saying it’s good but at least there’s a left wing parties coalition government and some of them are doing some stuff that hopefully could help some people in need (i think that’s too much expectations from a government)

Can you tell me something about the spanish music underground? What are important spanish punk, hardcore, metal bands? When did that scene start?
I think we’ve got a pretty good underground at the moment, plenty of bands, there’s a lot of fests as well, but don’t think there’s a scene anymore, there’s a lot of stuff going on but i don’t see any connections between them. What we can call „scene“ to talk about the first bands i listened to and were an influence to all of us in spain were (just gonna name a few) „Subterranean kids“ or „HHH“ who started around 1984 or 1985 and „L’odi social“ i guess they’re even from 1981, so i think they started everything in Spain talking about hardcore. I know there’s punk bands from 76/77 too but i started listening to punk with „Eskorbuto“ and they started in 1980. Metal ufff, don’t really like spanish metal bands from the 80s or 90s, too pretentious and not really underground (if there were, i’ve never been into it). Even though now there’s great bands such as „Adrift“ (check this guys out) who are one of my favourite bands since the 00s, their sound is massive. We’ve got a nice grind, crust and doom bands, „Haemorrhage“ „Looking for an answer“ „Ekkaia“ „Ictvs“ „Gruesome stuff relish“ „Moho„. Some of them split ages ago and some of them still play.  And now i don’t know, i’ll just name a few that i like and I’m friends with, there’s a lot of styles here and they’re active bands. „Sudestada“ „Laid“ „Tröpical ice land“ „Weak“ „Ulises lima“ „Tony galento“ „Accidente“ „Acid Mess“ „Sound of Silence“ (I also play with them as a replacement now and then) „Mortsubite„….etc haha all those bands play so different styles but they’re great dudes.

What are the future plans for Dumange? Are you working on new songs?
At the moment there’s no plan for Dumange until next year. I write the music and now I’m writing and planning recording with my other band. Even though I have plenty of riffs for an EP that they just need to be connected.

Would you like to tell our readers something personal, political or a rant?
Thanks a lot for having us on your zine and whoever is reading this and listening to our music, that means a lot to us. Also fuck racism, fuck fascism and fuck any other kind of oppression around the world and specially to those who don’t have any privilege and are oppressed the most.

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Mumrunner – „Valeriana“ (Through Love Rec. u.a.)

Nachdem sich die finnische Band Mumrunner v.a. mit der 2016-er EP Gentle Slopes einen festen Platz in meinem Herzen erspielt hat und auch der bis dahin erschienene Backkatalog bestehend aus einer zwei-Song und einer fünf-Song-EP bei mir auf offene Ohren stieß, war ich sehr gespannt auf das Debut-Album der Band aus Tampere. Gerade auch deshalb, weil es innerhalb der letzten zwei Jahre und dadurch auch während der Produktion des Albums mehrere Besetzungswechsel gab. Nun, so manche Band hat mit Bestzungswechseln zu kämpfen, aber wenn es sich beim neu zu besetzenden Posten um den Platz des Sängers/Gitarristen handelt und gerade diese beiden Bereiche einen markanten Wiedererkennungswert ausmachen, dann kann schon einiges in die Hose gehen. Kleiner Spoiler vorweg: alle bisherigen Fans der Band dürfen beruhigt durchatmen, am Sound der Finnen ist dieser Besetzungswechsel kaum zu merken, sogar der neue Drummer taktet mit dem von der Band gewohnten Rhythmus. Im Vergleich zu den bisher erschienenen zwei EPs fällt eigentlich nur eine kleine Veränderung auf: erschienen diese beiden EPs noch auf dem Mannheimer DIY-Label Wolves And Vibrancy Records, ist das Quartett nach Hamburg zum ebenfalls geschmackssicheren DIY-Label Through Love Rec umgezogen, das ja nicht nur in Sachen Shoegaze einen sehr guten Ruf hat. Das Album ist übrigens als Co-Release erschienen, in den USA wird über Shelflife Records veröffentlicht.

Das Frontcover ist mit einem in dunklen Purpurtönen ausgestatteten Gemälde bedruckt, das man im Verlauf der etwas über einer halben Stunde Spielzeit durchaus mehrfach anschauen kann und es sich dabei sehr gut über Hintergründe und Bedeutung sinnieren lässt. Valeriana ist übrigens der italienische Ausdruck für das pflanzliche Beruhigungsmittel Baldrian, das auch gleichzeitig eine kulturelle Bedeutung hat. Zum einen wurde die Pflanze bei nordischen Völkern abergläubisch zum Schutz vor bösen Geistern über die Eingangstür gehängt, zum anderen erscheint die Pflanze oft auf Renaissance-Gemälden mit christlichem Bezug, da aus ihr kostbares Öl gewonnen wurde, das für die Salbung benutzt wurde und dies daher symbolisch auf das Leiden und den Tod von Jesus deutete. Nach längerer Betrachtung des abstrakten Albumartworks komme ich aber zum Entschluss, dass der Albumtitel eher in Zusammenhang mit dem Beruhigungsmittel stehen muss, das man ja gerne bei Schlaflosigkeit verabreicht, um endlich ins Land der Träume abtauchen zu können. Nachdem sich bei mir die Aufregung über die schöne himmelblaue Vinylfarbe mit den sonnenblumengelben Labels gelegt hat und sich auch die in der Eingangsphase erwähnte Besetzungswechsel-Angst als unbegründet herausgestellt hat, ist nun endlich mit dem Aufsetzen der Nadel die Zeit gekommen, die große Beruhigungs-Tablette wirken zu lassen!

Da erklingen sie wieder, die Töne, die aus einer Art märchenhaften Traumwelt zu kommen scheinen! Der Opener Foe hüllt Dich gleich in einen verwunschenen Nebel ein, dem im Verlauf des Albums schwer wieder zu entkommen sein dürfte. Wirklich wie ein unrealistischer Tagtraum, aber Moment mal, wer träumt hier eigentlich die ganze Zeit? Luftige Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums fangen Dich mit ihren flotten Wirbeln ein und der wechselseitig weibliche und männliche Gesang scheint vor lauter Hall schleichend ineinanderüberzufließen. Gerade diese melodieverliebten Gitarrenklänge und das teils hektische Getrommel machen einen Großteil des Wiedererkennungswerts der Band aus. Wenn auch einige Referenzen an Bands wie The Cure, Slowdive, Turnover, Mew oder gar Depeche Mode erkennbar sind, Mumrunner klingen trotz alldem sehr eigenständig. Mir fällt auf Anhieb keine weitere Band ein, die ihren Shoegaze-Dreampop auf ähnliche Art und Weise angeht, auch die nicht von der Hand zu weisende Nähe zum Emo findet man bei anderen Acts aus dem Genre eher selten. Im Verlauf der acht Songs wird man immer wieder dazu eingeladen, die Seele baumeln zu lassen und in die mystische Welt von Mumrunner einzutauchen. Am Besten gelingt dies mithilfe eines Kopfhörers und laut aufgedreht, so dass man aus dem verwaschenen und atmosphärischen Delay-Sound dann doch zeitweise einzelne Instrumenten (Gitarre, Bass, Synthies, Drums und sonstige Klangeffekte) herausvernehmen kann. Songs wie das hymnische Mirage, das instrumentale und sich schleichend entwickelnde Titelstück oder auch das flirrende Haven zeigen, wie vielseitig und abwechslungsreich die Band unterwegs ist, auch wenn man sich gefühlsmäßig immer noch im Traumland befindet. Man wird erst wieder halbwegs wachgerüttelt, wenn die letzten Töne des Finalsongs Transient ausgeklungen sind und man augenreibend gerne noch ein wenig weitergeträumt hätte. Die kurze Spielzeit ist dann auch das einzige Manko an diesem tollen Debutalbum. Aber zum Glück kann man das Ding ja wieder umdrehen und von vorn beginnen, um sich erneut zu verlieren.

10/10

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