Bandsalat: …And Then I Feel Nothing, Easy Prey, Fenris Fuzz, Hippie Trim, Meißel, Shooting Daggers

…And Then I Feel Nothing – „5 Songs“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ein ziemlich geiles Brett irgendwo zwischen düsterem und dissonantem Screamo, Emoviolence, Post-Hardcore, Hardcore, Post-Punk, Metal und Noise liefert das Trio …And Then I Feel Nothing auf seiner aktuellen und fünf Songs starken EP ab! Rotzig, wütend, roh! Und verdammt fett und basslastig gemischt, wieder mal die Tonmeisterei! Da zittern die Wände, wenn man die Anlage voll aufdreht. Und live bringt das sicher die ein oder andere Baseballcap zum vibrieren, eure H&M-Fischerhüte werden euch bereits beim Auftakt sowas von der Rübe geblasen! Geil kommen auch die recht unterschwelligen Melodien, die kaum aus dem ganzen Noisegewitter auszumachen sind! Checkt das mal zum Frühstück aus, da werden die Müsli-Körner wie von selbst im Gebiss zu Brei gemahlen!


Easy Prey – „Unrest“ (Hell Minded Records) [Stream]
Wenn ihr mal wieder ein richtig fettes Post-Hardcore-Brett mit mehr Nähe zum Hardcore und Post-Noise hören wollt, dann empfehle ich euch das zweite Album der texanischen Band Easy Prey. Hier bekommt ihr zehn fette und teils groovy Smasher auf die Ohren, die vor Chaos, Brutalität und purer Emotion und einer wuchtigen Produktion nur so strotzen. Stellt euch ’ne wilde Prügelei zwischen Bands wie The Hope Conspiracy, Starkweather, Bloodlet oder Kiss It Goodbye mit Noise-Krawallmachern wie Unwound, Helmet, Unsane oder weirderen Slint vor, addiert noch ’ne Portion glaubwürdige Trueness und pure Leidenschaft, dann kommt das so ungefähr hin. Instensiv, dicht, wahnsinnig emotional, authentisch!


Fenris Fuzz – „Freaky Stories Of Daily Life“ (Eternalis Records) [Stream]
Die französische Band Fenris Fuzz hat sich aus Leuten der Modern-Hardcore-Band Fire At Will im Jahr 2020 zusammengetan. Auf der ersten EP sind insgesamt sechs Songs zu hören, die dem Fuzz im Bandnamen alle Ehre machen, obwohl der Hauptstil der Jungs im Post-Hardcore verortet ist, Nebenschauplätze sind Post-Rock, Sludge, Screamo und Stoner-Elemente. Heavy Gitarrenriffs und fuzziger Bass treffen dabei auf sehr gut ausgetüftelte Songarrangements, wuchtige Drums und emotionale Vocals, die am Rand der Verzweiflung zu stehen scheinen. Und neben den tonnenschweren Gitarren schleichen sich natürlich auch noch hervorragende Melodien in den Sound mit ein. Bittersweet! Klingt ziemlich spannend und eigenständig, was die Jungs da zusammengeschustert haben, müsst ihr unbedingt anchecken!


Hippie Trim – „What Consumes Me“ (Supervillain) [Stream]
Die Band aus Nordrhein-Westfalen konnte bereits mit dem Debutalbum Cult nicht nur bei mir einige Szenepunkte sammeln, mit dem Nachfolger What Consumes Me dürften noch etliche mehr dazukommen, soviel schonmal vorneweg! In der Pandemie scheint die Kreativität ein willkommener Rettungsanker gewesen zu sein, denn What Consumes Me hat elf Songs an Bord, die nur so vor pfiffigem und sprudelnden Ideenreichtum, Leidenschaft, Wut, tiefgreifenden Emotionen und herzzerreißenden Momenten strotzen, Langeweile ist hier Fehlanzeige. Gekonnt wird ein impulsiver Mischmasch aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Indie, Pop, Shoegaze und Grunge gezaubert, eine wahre Freude! Hinter Bands wie Turnstile, Citizen, Turnover & co brauchen sich die fünf Jungs jedenfalls wahrlich nicht verstecken! Einflüsse dieser Bands kann man ebenso raushören wie z.B. Zeugs wie As Friends Rust, Grade, Alexisonfire, Title Fight, Such Gold oder The Story So Far. Auf der einen Seite sticht diese Catchyness hervor, wundervolle Gitarrenriffs treffen auf Doppelgesang und shoegazige Passagen, energiegeladene Ausbrüche sind ebenso mit von der Partie. Textlich lohnt es auch, mal genauer hinzuhören, u.a. geht es um gesellschaftliche und menschliche Dinge. Und die satte Produktion zeigt auch ihre Wirkung, ein rundum gelungenes Album!


Meißel – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bereits vor der Covid19-Geschichte hat sich dieses Duo (Meißel/Meizsel) aus Karlsruhe aus Mitgliedern der Band Lypurá zusammengefunden. Als Duo hatte man es mit den ganzen Auflagen sicher besser, wenn man mal wieder auf eine Face To Face-Probe heiß war, außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, dass ’ne Duo-Band auch sehr gut online was auf die Reihe bringen kann. Jedenfalls gibt es acht Songs auf die Ohren. Bei einer Spielzeit von knapp zwölf Minuten wisst ihr sicher schon, wo die Reise hingehen könnte. Screamo, Emoviolence, Bremer Schule-Mosh, Hardcore, Skramz und natürlich einiges an Emocore. Selbstverständlich mit viel Wut und Verzweiflung im Bauch, daher sehr intensiv und emotional. Sturm und Drang, erinnert sehr an Emocore/Screamo-Perlen á la Yage, June Paik, Orchid, Indian Summer oder Louise Cyphre. Kurze, aussagekräftige, in deutscher Sprache auf den Punkt gebrachte Texte runden das ganze ab! Geil, oder?


Shooting Daggers – „Athames“ (New Heavy Sounds) [Stream]
Geballte Girl-Power gefällig? Dann solltet ihr die neue EP des Trios aus London anchecken! Die sechs Songs machen ordentlich Wind, hier steckt Radau drin, die Mädels scheinen auf Krawall gebürstet zu sein und spucken dem patriarchalen Machtsystem direkt in die picklige Fresse! Geboten wird wütender und angespisster Hardcore-Punk, das erinnert an die Washington DC-Hardcore-Frühzeit. Roh, wutschnaubend und böse! Und wie es sich gehört, gibt es hier Punk mit Message auf die Ohren, was natürlich auch an die großartige Riot Grrrl-Zeit erinnert! Ich bin jedenfalls schwer begeistert!


Love A – „Meisenstaat“ (Rookie Records)

Wie geil ist das denn? Love A-Meisenstaat, wenn das mal nicht als Hommage an Knochenfabriks Debutalbum Ameisenstaat gedacht ist! Dass sich Sänger und Texter Jörkk Mechenbier gern in Metaphern und äußerst sprachgewandt ausdrückt, dürfte mittlerweile kein großes Geheimnis mehr sein. So hat das neue Album auch textlich wieder etliche Weisheiten parat und man freut sich deshalb umso mehr, dass dem Digipack ein kleines Textheftchen beigelegt ist. Das ist in Zeiten steigender Papierpreise nicht mehr ganz so selbstverständlich, zeigt aber auch deutlich, dass die Lyrics der Band große Bedeutung haben! Jedenfalls ist das kranke System, in dem wir alle leben, ein willkommener Gast. Das Albumartwork kommt übrigens mit seinen kalten Blautönen schön mystisch, geheimnisvoll, mit schierer Verzweiflung und düsterer Hoffnungslosigkeit daher.

Nun denn, für Album Nummer fünf wurde also der zweijährige Veröffentlichungsturnus dank Pandemie ein bisschen größer, fünfeinhalb Jahre sind seit Nichts Ist Neu verstrichen. Und dass die Band in dieser Zeit einiges an Kreativität in ihre Songs gesteckt hat, lässt sich auf den elf Stücken deutlich spüren und heraushören. Der äußerst markante Bass, kraftvolle Drums und shoegazige Gitarren, fast schon wavig und mit viel Hall und Echo unterlegt, das sind die herausstechenden Merkmale.

Und dann ist da Jörkk Mechenbier, der der hellen Schreistimme scheinbar überdrüssig geworden ist und eher singt als energisch schreit wie auf früheren Veröffentlichungen. Das alles weiß sehr zu gefallen, zumal die Songs dann auch noch sehr gut ins Ohr gehen. Es brauchte allerdings ein paar Hörrunden, bis das Ding so richtig zündet. Ein schöner Grower! Hamburger Schule trifft auf UK-New Wave á la The Cure, The Smiths oder Joy Division oder so! Jedenfalls ist der Band auf (A) – wie Anarchie – Meisenstaat ein eigenständiger und spannender Sound gelungen, gefällt mir sehr viel besser als die bisherigen Releases! Rundum gelungen!

8/10

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Bandsalat: Anchoress, Azzacov, Bellyacher, Leave, NEXØ, Rome Is Not A Town

Anchoress – „Stay Positive“ (Early Onset Records) [Name Your Price Download]
Im Jahr 2016 war das letzte Lebenszeichen der Jungs aus Vancouver in Form eines Albums. Sechs Jahre später also der Nachfolger. Stay Positive hat neun Songs im Gepäck. Und ich muss sagen, dass der Sound der Band mittlerweile richtig gereift ist. Geboten wird eine Mischung aus Post-Hardcore, Punk, Emo, Screamo und etwas Post-Rock und Grunge. Die Songs klingen wütend und intensiv, die melancholische Seite kommt auch nicht zu kurz. Textlich geht es um die psychische Gesundheit, Kapitalismus und auch der politische Wandel beschäftigt die Band sehr. Und ja, der Albumtitel ist Programm, hier lassen sich viele optimistische Soundscapes entdecken, in das Album kann man richtig eintauchen! Könnte Menschen gefallen, die Zeugs wie La Dispute, Pianos Become The Teeth, Touché Amoré, Title Fight oder Comadre mögen. Alle Daumen nach oben!


Azzacov – „Fragmente“ (Middle-Man Records u.a.) [Name Your Price Download]
Man muss schon genauer hinhören, um zu erkennen, dass hier in deutscher Sprache gekeift und gescreamt wird. Das Trio Azzacov kommt aus Nürnberg und fährt voll das Skramz/Emoviolence-Brett auf. Eine wahre Freude ist das! Hier wird gelitten, was das Zeug hält! Die Gitarren rotieren wie blöde, das Getrommel reicht von arhythmisch irre bis dezent plätschernd, ich liebe das! Geht live sicher ordentlich ab! Politische und persönliche und fast schon poetische mit philosophischen Ansätzen gespickte Lyrics runden das Ganze ab. Fans von Bands wie Danse Macabre, June Paik, Jeromes Dream, Manku Kapak oder Suis La Lune sollten hiermit leuchtende Augen bekommen!


Bellyacher – „Selftitled EP“ (DIY) [Stream]
Irgendwann im Januar 2020 mitten in der Pandemie gegründet, haben die vier älteren Hasen plus die Dame am Mikrofon ihre erste EP aufgenommen. Drei Songs gibt’s zu hören. Und wenn ihr auf den guten alten, melodischen Emo/Indie/Punk/Posthardcore-Sound aus den Neunzigern bis zur Jahrtausendwende stehen solltet, dann ist Bellyacher sicher ein Ohr wert! Stellt euch vor, bei Samiam singt eine Frau, dann habt ihr es so grob. Denn an Samiam erinnert mich das Quintett aus Nordrhein-Westfalen am meisten, es kommen aber auch Bands wie Rocking Horse Winner, Ohio’s Favorite, melodischere Boy Sets Fire oder Jets To Brazil in den Sinn.


Leave – „Selftitled“ (Moburec) [Stream]
Irgendwie werden die Zeiten knapper, um bei Bandcamp ausgiebig zu Stöbern, dennoch ist die Ausbeute bei jeder Entdeckungstour enorm hoch. Neulich stieß ich auf die erste EP von Leave aus Mainz. Sofort vom tief in den Neunzigern verwurzelten Indie-Rock gefangen, konnte ich erst gar nicht glauben, dass hier quasi nur zwei Leute dafür verantwortlich sein sollen. Großartige Melodien, gefühlvoll und melancholisch, hier hört man sehr viel Leidenschaft heraus! Und auch die Punkwurzeln sind nicht von der Hand zu weisen, selbst das wiederholt eingesetzte Saxophon fügt sich super in den Sound ein! Irgendwo zwischen Nada Surf, Pavement und Dinosaur Jr. Wenn ihr also auch dem guten alten Gitarren-Sound der 90’s verfallen seid, könnte das hier ein Leckerbissen für euch sein!


NEXØ – „False Flag“ (Kink Records u.a.) [Name Your Price Download]
Beim Intro denkt man sich noch so, wird bestimmt ein Metal-Brett, doch dann wird man von einem nach vorne gehenden und hibbeligen Motorboot überfahren. Ganz schön energiereich und fast schon ein bisschen oldschoolig kommt die Mischung aus Hardcore und Punk daher, schön dichte Gitarren mit unterschwelligen Melodien, treibende Drums und polternde Basstunes werden mit wütendem Geschrei gespickt. Erinnert mich ein bisschen an alte Refused. Das hier ist vertonte Spielfreude und Leidenschaft! Auch textlich steckt hier viel brauchbares drin, es geht um die Realität, in der nichts mehr echt ist, die Verlogenheit machtgeiler Politiker, Fake News in Sozialen Medien usw. NEXØ kommen übrigens aus Kopenhagen/Dänemark, vor False Flag gab es eine EP und ein Album, das muss ich mir nach dem Abfeiern von False Flag jetzt auch noch auf die Festplatte zippen!


Rome Is Not A Town – „Tender Arms Power Heels“ (Startracks) [Stream]
Das zweite Album der aus Göteborg/Schweden stammenden Band Rome Is Not A Town hat mich ab dem ersten Ton am Wickel! Irgendwo zwischen Post-Punk und Emocore würde ich das hier einordnen, jedenfalls ziemlich intensiv, teils düster aber auch mit reichlich Melancholie an Bord. Die female Vocals klingen sehr resigniert und man spürt auch eine gewisse Kälte, während die instrumentale Begleitung roh und kantig klingt. V.a. die groovende Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug sticht hier besonder hervor. Das erinnert dann natürlich an großartige Bands wie Fugazi, Sonic Youth, One Last Wish oder auch Rites Of Spring. Das Artwork sieht im 12inch-Format sicher grandios aus! Neun Songs, kein einziger Ausfall!


Spielbergs – „Vestli“ (Big Scary Monsters/Fysikformat)

Irgendwie ist mir da mal wieder was in der Vergangenheit gewaltig durch die Lappen gegangen, denn mit dem Backkatalog der Band Spielbergs aus Oslo/Norwegen bin ich bisher noch nicht in Berührung bekommen, was sich mit dem aktuellen Album Vestli aber in naher Zukunft ganz schnell ändern wird. Bisher sind zwei EPs und das Debutalbum This Is Not The End erschienen, Vestli ist also das zweite Album der Jungs. Mein Besprechungsexemplar kommt in dunkelgrünem Vinyl, es gibt aber auch noch andere Farben. Die mit den Texten und einem ähnlichen Motiv wie beim Albumcover bedruckte Innenhülle gibt das Vinyl sehr schwer frei. Mir graust es bereits jetzt, die Scheibe irgendwann mal wieder da reinzubekommen. Aber für die nächste Zeit wird das noch nicht nötig sein, da man diese Platte locker und ohne Langeweile auf Dauerrotation hören kann! Was das wohl für ein Ding auf dem Albumcover sein soll? Ein Heizstrahler, eine selbstgebastelte Bombe oder eine Zeitmaschine, mit der man sich direkt in die guten alten Neunziger beamen kann? Das Rätsel bleibt offen.

Soundtechnisch klappt das mit den 90’s jedenfalls schonmal hervorragend! Denn die Spielbergs machen traumhaft melancholischen und melodischen Gitarren-Emo mit einer starken Punk- und Indierock-Kante, natürlich gibt’s auch Einflüsse aus Pop-Punk, Shoegaze und Grunge zu entdecken. Insgesamt gibt es zwölf Songs zu hören, die allesamt vor Spielfreude und Leidenschaft nur so strotzen! Die Gitarren klingen schön satt und dicht, manchmal drehen sie auch schon mal in Midwest-Emo-Style frei oder schrammeln was das Zeug hält, zauberhaft! Hinzu kommt gedoppelter Gesang, hymnische Refrains, rasendes Tempo aber auch entschleunigte Sounds mit Piano und Streichern begleitet, beispielsweise im rein instrumentalen Song Goodbye. Und natürlich bittersüße Melodien, die sich ins Ohr einbrennen. Persönlich bin ich ja ein Fan von rohen und ungeschliffenen Aufnahmen, aber bei Spielbergs passt dieses etwas überfrachtete Soundschema wie die Faust aufs Auge! Hört euch nur mal das fast achtminütige You Can Be Yourself With Me an, das gegen Ende in bombastischen Soundspielereien und meterhohen Wänden gipfelt.

Darüber hinaus geht es auch textlich ordentlich zur Sache! Vestli ist ein Vorort von Oslo in welchem zwei Bandmitglieder aufgewachsen sind. Ein Ort, dem man schwer entkommen kann und der schnell zum Gefängnis werden kann, wenn man sich seinem Schicksal ergibt. Wenn ihr Vestli mal in die Internet-Bildersuche eingebt, dann könnt ihr euch das trostlose Gefühl der verschlafenen Gegend ohne kulturelle Möglichkeiten sicher ganz gut vorstellen. Und diese Gefühle der Ausweglosigkeit sind Hauptthema des Albums. Man steckt in einer Situation fest, liegt nachts wach, die Gedanken rasen und man verschließt sich und frisst alles in sich rein. Es gibt keinen Ausweg, man ist gefangen in seinem persönlichen Dilemma. Einmal im Leben falsch abgebogen, und schon sitzt man in der Falle und hat mit mentalen Problemen zu kämpfen. Was bleibt, ist die Flucht in die Musik. Und das, wie man hören kann, scheint bei Spielbergs ein riesiger Rettungsanker zu sein! Ach so, ein paar Referenzbands fallen mir auch noch ein: für Menschen, die sich für Bands wie Cloud Nothings, Meat Wave, Japandroids und Foo Fighters begeistern können und die sich auch gleichzeitig für Tiefgang und Ernsthaftigkeit interessieren, dürfte Vestli ein willkommenes Futter sein!

8/10

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Bandsalat: geronimostilton, !Housebroken, Heart Headed, Little Sparkee, Modecenter, Outright

geronimostilton – „Impending Ghosts“ (DIY) [Stream]
Wie geil ist das hier bitte? Voll die Breitseite low-fi-Screamo/Emoviolence vom Feinsten! Mehr Distortion geht eigentlich fast gar nicht mehr! Ich brech ab! Aber bevor ihr jetzt denkt, dass euch da nur abnormaler Krach erwarten wird, muss ich euch enttäuschen. Klar, Krach gibt’s zwar auch zuhauf, aber hier steckt ganz viel Intensität, unterschwellige Melodien und Melancholie drin, das geht richtig unter die Haut! Wahnsinn! Und diese Gitarren, ich bin diesem Sound hier echt verfallen! Aber hört und spürt es selbst!


!Housebroken – „L’altro ieri: distacco“ (DIY) [Stream]
Bei !Housebroken handelt es sich um eine Band aus Turin, bei der es keinen festen Frontmann gibt, neben den verschiedenen Bandmitgliedern singen auch noch andere Leute, unter anderem der Sänger von Radura. Nun, zu hören gibt es wunderbar melancholischen und altmodischen Midwest-Emocore, die Lyrics werden in italienischer und englischer Sprache vorgetragen. Hauptsächlich stehen Herzschmerz-Themen wie Trennung und Entfremdung im Vordergrund, immer den Blick auf die Vergangenheit gerichtet. Die sechs Songs bieten in ihrer Laufzeit von 33 Minuten jedenfalls viel Abwechslung und es kann auch durchaus mal schneller zur Sache kommen, siehe Leech. Neben einzelnen Post-Rock-Verweisen geht es auch ab und an mal mathig zu, die Gitarren schweben jedenfalls schön verträumt durch die Lüfte.


Heart Headed – „Peter Panic“ (DIY) [Stream]
Ganz neu im Jahr 2022 gegründet, hat die Frankfurter Band Heart Headed ihre erste 3-Song-EP veröffentlicht. Wenn man diese hört, dann wird man wirklich mal kurz in die Jahrtausendwenden-Zeit gebeamt, als Bands wie Thrice, Boy Sets Fire, oder Thursday deutsche Bands inspirierten und Zeugs wie beispielsweise Three Minute Poetry, Pale, Ambrose oder Lockjaw hervorbrachte. Angesichts des Sounds würde ich fast vermuten, dass hier Leute musizieren, die mit diesem Sound aufgewachsen sind. Und glaubt man den Worten in der Anfragemail, dann sind die Jungs mit myspace in die Szene eingetaucht. Diese drei Songs machen jedenfalls neugierig, was man von Heart Headed wohl noch zu hören bekommen wird. Ach: schade, dass es die EP nirgends bei Bandcamp gibt, hab sie jedenfalls nicht gefunden. Spotify kann ich eigentlich nicht leiden, aber die drei Songs schafft man ohne lästige Werbeunterbrechung.


Little Sparkee – „Oh! The Tension“ (DIY) [Stream]
Ihre erste EP hat die Band Little Sparkee aus Vancouver, British Columbia (Kanada) am Start. Es klingt zwar teilweise etwas holprig, was für mich aber gerade den Reiz ausmacht. Ich würde den Sound irgendwo zwischen Emo, Punk und Hardcore einordnen, teilweise erinnert mich das hier an Bands wie At The Drive-In, Maggat oder Bear Vs Shark, jedenfalls hat’s ’ne starke Jahrtausendwenden-Nostalgie, zudem gibt’s ’ne Hommage an die Blood Brothers. Sehr sympathisch, da bin ich mal gespannt, was da noch in Zukunft kommen wird.


Modecenter – „Selftitled“ (A-Lo Records) [Stream]
Auf die Wiener Band Modecenter bin ich beim Radiohören gestoßen, ja sowas kann es auch mal geben! Gleich spitzten sich die Öhrchen, als das zwischen Post-Punk, Noise und Post-Hardcore krachige Gebräu aus den Lautsprechern über den Indie-Sender FM4 wummerte. Kraftvoll, pumpender Bass, groovende Drums und eine schöne Schreistimme, damit bekommt man mich ziemlich schnell! Yeah, hier wird man mit zehn Songs voll bedient, wenn man 90’s-Sound á la Fugazi, Flipper, Jezus Lizard, Shellac oder Drive Like Jehu mag. Modecenter hätten mit diesem Sound jedenfalls gut auf Labels wie Amphetamine Reptile, Dischord oder Touch And Go Records gepasst. Müsst ihr unbedingt mal antesten, klingt sehr international!


Outright – „Keep You Warm“ (Reason And Rage Records) [Stream]
Wenn im Winter die Gaskrise für kalte Füße sorgen sollte, dann sollte man sich schnell mal aufwärmen. Vielleicht gelingt es mit Keep You Warm, dem neuen Album der australischen Band Outright. Das Ding hat metallischen Hardcore zu bieten und geht derb nach vorne. Die Dame am Mikro lässt ordentlich Wut und Ärger raus, während die fett klingende Rhythmusmaschine aus sattem Bass und kraftvoll walzenden Drums mitsamt den Gitarren ordentlich Druck macht. Dazwischen gibt es immer mal wieder unterschwellige Melodien und Slayer-artige Gitarrensoli zu entdecken. Insgesamt zehn Songs, dürfte den Walls Of Jericho oder Earth Crisis-Fans unter euch gefallen.


Bandsalat: Angora Club, Entropy, How I Left, Puke Wolf, Tvivler, Up For Nothing

Angora Club – „…und außerdem bist Du allein“ (Kidnap Music) [Stream]
Und außerdem bist Du allein. Starker und aussagekräftiger Albumtitel! Angora Club kommen aus Flensburg und machen auf ihrem zweiten Album eine richtig schöne Mischung aus deutschsprachigem Emo und Punk. Treibend, melancholisch und textlich absolut auf Augenhöhe. Ich mag das Zusammenspiel von Gitarre und Bass, die sich eher gegeneinander duellieren. Und dann natürlich das druckvolle Schlagzeug und die heiseren Vocals. Greift hier zu, wenn ihr Zeugs wie Matula, Düsenjäger undsoweiterundsofort mögt.


Entropy – „Death Spell“ (Crazysane Records) [Stream]
Das Debütalbum der Hamburger Band dürfte wohl bei einigen Grunge-Fans einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Ich fand es jedenfalls sehr authentisch und klasse. Jetzt gibt es Nachschlag in Form einer drei Songs starken EP. Und ja, die Gitarren flirren wie einst Schmetterlinge in den Neunzigern, es ist eine wahre Freude, was da für tolle Gitarrenmelodien in den Lüften flattern. Ist das eigentlich ein Schmetterlingsauge auf dem Cover? Eher nicht, da kommen Polypenaugen aus ’ner Wolke. Und der EP-Titel hat mit Schmetterlingen auch nicht so viel zu tun. Oder wie lang war nochmal die Lebensdauer eines Schmetterlings. Ach egal, hört da einfach mal rein, ihr in den 90s verankerten Grunge-Indie-Noise-Rocker.


How I Left – „Birds In The City“ (This Charming Man Records) [Stream]
In der Mailanfrage der Band How I Left wird irgendwas von Indie-Folk gefaselt, hört man sich die zwölf Songs vom Debutalbum des Duos aus Karlsruhe aber dann etwas genauer an, dann entdeckt man zu den oben genannten Musikrichtungen auch eine satte Portion Emo. Die Stücke kommen sehr gefühlvoll um die Ecke, was hauptsächlich der zerbrechlich wirkenden Stimme von Sänger und Gitarrist Julian Bätz zugeschrieben werden kann. Aber auch die Gitarre hat das ein und andere melancholische Riff auf Lager. Dann ist auch noch so ’ne gewisse Slacker-Attitude rauszuhören, Bands wie The Cherryville, Amid The Old Wounds, Bright Eyes, Nada Surf, frühe Youth Group, Weakerthans oder The New Amsterdams kommen mir hauptsächlich in den Sinn. Tolles Album jedenfalls.


Puke Wolf – „Interstice“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Die Band Puke Wolf stammt aus Aarhus/Dänemark und bei Interstice handelt es sich um die zweite EP der Jungs, die man auch schon von den Bands LLNN, HIRAKI, Demersal und Halshug kennt. Nun, von der Spielzeit von fast 27 Minuten her könnte das Ding auch als Album durchgehen. Puke Wolf sind im emotionalen Post-Hardcore zu Hause, ein bisschen Screamo und Post-Rock-Ambient ist in den abwechslungsreichen Songarrangements ebenfalls zu finden. Klingt ganz rund, und dann sind da ja auch noch die Lyrics, die sich mit persönlichen Inhalten und globalen sozialen Ungerechtigkeiten in unserer herzlosen Gesellschaft beschäftigen. Da gibt es natürlich viel Wut, Frustration und Verbitterung zu hören und spüren.


Tvivler – „Kilogram“ (Fysisk Format) [Stream]
Der bisherige Backkatalog der Kopenhagener Band Tvivler wurde ja bereits an anderer Stelle hoch gelobt, jetzt folgt also Album Nummer zwei. Und das ist ebenso beeindruckend und wiegt – wie im Albumtitel angedeutet – ziemlich viel! Es scheint, als ob sich die Band mit jedem weiteren Release neu erfindet und experimentelle Wege eingeht und dadurch auch immer sperriger wird. Der über sechsminütige Opener bohrt sich mantramäßig seinen mühsamen Weg durch die Gehörgänge. Dieser polternde Bass und die kraftvoll gespielten Drums entwickeln einen mächtigen Groove, hinzu kommen weirde Noise-Gitarren, Gesang zwischen Geschrei und Spoken Words. Die Gitarren erinnern im Verlauf des Albums oft an Bands wie At The Drive-In, Craving, Trigger Cut oder Buzz Rodeo. Auf diesem Album gibt es viel Avantgarde, angsteinflößende Töne und sperrige Passagen zu entdecken, die Abwechslung und vertrackte Songstrukturen sind ein ständiger Begleiter. Die in dänischer Sprache vorgetragenen Lyrics behandeln Themen wie Ängste, Depressionen und massive Gesellschaftskritik, was man in dem vor Angst-Gefühlen strotzenden Gesang auch sehr gut heraushören kann. Ein Blick auf die Texte lohnt sich jedenfalls. Für das Album sollte man sich genügend Zeit nehmen, es ist definitiv keine leichte Kost!


Up For Nothing – „Escape Route“ (It’s Alive Records) [Stream]
Die alten Recken der New Yorker Band Up For Nothing haben ein neues Album am Start, ihr mittlerweile viertes und auch ausgereiftestes. Geboten wird hymnisch-melodischer Punkrock, der gut nach vorne geht. Mir kommen Bands wie die guten alten Dillinger Four, Kid Dynamite oder Astpai in den Sinn, die Misfits dürften im Sound des Quartetts ebenfalls ihre Spuren hinterlassen haben. Genau der richtige Sound für den Sommer!


Bandsalat: Colored Moth, Dead Tired, Foreign Hands, Home Is Where, Record Setter, ксилема, MEO

Colored Moth – „Inertia“ (Moment Of Collapse) [Stream]
Dass Colored Moth der absolute Geheimtipp in Sachen Post-Hardcore/Noise/Screamo aus Deutschland ist, könnte mit diesem Release – dem mittlerweile dritten Album der Berliner – bald der Vergangenheit angehören. Drei Alben hintereinander auf sehr hohem Niveau abzuliefern, das muss man erst mal drauf haben. Zehn Songs voller hibbeliger Anspannung sind es diesmal geworden. Und diese kommen gewohnt dicht, druckvoll, verschachtelt, aber immer präzise durchdacht um die Ecke. Die verzweifelt gescreamten Vocals dringen direkt ans Herz, wobei das mächtig groovende Gewitter aus knarzendem Bass und wuchtig gespielten Drums immer wieder von einer einprägsamen Gitarrenmelodie oder einer auftürmenden Noise-Wand begleitet wird. Wahnsinnig intensiv! In den Texten geht es um kritische Sicht auf die Gesellschaft, es werden beispielsweise patriarchale Machtstrukturen und toxische Männlichkeit angeprangert, Entfremdung und Abhängikeit von materiellen Werten und Existenzängste sind ebenfalls Themen. Also durchaus auch Food for Thought neben der musikalischen Vielfalt der Songs! Mit knapp 28 Minuten Spielzeit ein weiteres Hammeralbum der DIY-Band! Auf Vinyl sicher noch ’n Ticken intensiver, das Artwork kommt da bestimmt ganz toll raus. Dank der Vinylkrise ist hier jedoch noch Geduld bis September angesagt!


Dead Tired – „Satan Will Follow You Home“ (New Damage Records) [Stream]
Nach dem Ende von Alexisonfire, die es ja mittlerweile wieder gibt, verfolgte ich das musikalische Treiben von George Pettit weiter, allerdings kickte mich der Sound seiner neuen Band Dead Tired nicht so derbe, wie es die Veröffentlichungen von Alexisonfire bis heute tun. Wahrscheinlich war ich damals auch für den Sound noch nicht so empfänglich. Und dann war da ja noch der Auftritt in der TV-Serie The Boys, das fand ich irgendwie lustig! Nun, das mittlerweile dritte Album tritt jedenfalls ordentlich Arsch, wie ich finde. Auch wenn ich zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen weiß, dass dieser Tage ein neues Alexisonfire-Album erscheinen wird. Dead Tired lassen auf insgesamt zwölf Songs die von der Pandemie angestaute Wut raus. Fette Gitarren, chaotische Ausbrüche, wildes Geschrei und auch mal gedrosseltes Tempo (Vast Lethality z.B.) lassen die Wände ziemlich wackeln. Man entdeckt ziemlich viele Soundspielereien, je öfter man das Ding durchlaufen lässt. Live wird das sicher ein solides Brett sein!


Foreign Hands – „Bleed The Dream“ (Daze) [Stream]
Ach Du Scheiße! Mir blieb ja damals schon die Spucke weg, als ich drüben bei Alessandro/Borderlinefuckup nach Lektüre des Reviews zur EP mal reingehört hatte. Oh Shit, dann hab ich das hier total vergessen, warum auch immer. Nur um neulich völlig geflasht im Auto das Ding auf die Ohren zu bekommen! Verdammte Hacke, das hier ist die absolute Macht! Wenn ihr um die Jahrtausendwende herum auf Bands wie Poison The Well, Shai Hulud, This Day Forward oder auch With Honor gestanden habt und auch aktuelleres Zeugs wie SeeYouSpaceCowboy oder If I Die First mögt, dann ist das hier die absolute Erfüllung! Brustklopf, Faustreck! Für diesen Sound lohnt es sich zu leben!


Home Is Where & Record Setter – „Split“ (Topshelf Records) [Stream]
Dieses Split-Release beschert uns nicht nur zwei geile Bands, nebenbei gibt es hier auch noch reichlich food for thought! Nachdenken, Umdenken (falls eh noch nicht geschehen) und einfach ein gewaltfreies, liebevolles Leben anstreben! Funktioniert garantiert! Verabschiedet euch von Machtstrukturen und ähnlichem Scheiß! Home Is Where aus Florida haben diesen tiefgründigen emotive Screamo am Start, der Dir die Nackenhärchen aufstehen lässt. Zwei Songs voller Störgeräusche, Chaosgewitter und verzweifeltes Geschrei! Sass-Core as it’s best! Dann kommen Record Setter aus Texas. So gut und deep! Ich könnte von diesen zwei Songs locker die nächste Zeit zehren! Emotive as fuck, diese melancholisch gezockten Gitarren, dieser wahnsinnig verzweifelte Schreigesang! Plain English ist ja wohl ein garantierter Anwärter auf das Emo-Compilation-Tape 2022! Hammer Split-EP!


ксилема (Ksilema)- „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ende Februar war es, als russisches Militär in die Ukraine einmarschiert ist. Und ein paar Tage später entdeckte ich beim Bandcamp-Ausflug das neue Album der aus Minsk stammenden Band Ksilema, die hier an anderer Stelle ja auch schon vorgestellt wurde. Überall wurden zu dieser Zeit die Stimmen nach Boykott russischer Firmen und Produkte laut, zudem interessierte mich persönlich auch die Meinung zum Angriffskrieg sowohl aus der Sicht der russischen Hardcore/Punk-Szene und aber auch der ukrainischen Szene. Und ein paar Tage später ist dann auch schon ein Statement zum absolut sinnlosen Krieg auf der Bandcamp-Seite von Ksilema zu lesen gewesen. Aber das hier nur als Nebensatz. Wer im DIY-Screamo/Emo unterwegs ist und es gern auch mal exotischer hat (russische Lyrics), sollte hier unbedingt mal reinhören! Verschachtelte Instrumentals, leidenschaftliches Geschrei, alles very emotive! Ich wünschte mir, dass alle, die mit negativer Energie irgendwelche Kriege anzetteln, lieber mal ihre Aggressionen mit Musik im Zaum halten würden.


MEO – „Testarossa“ (Entes Anomicos u.a.) [Name Your Price Download]
Ein erstes Lebenszeichen in Form eines sehr gelungenen Albums gibt es von der italienischen Band MEO zu hören. Die drei Turiner liefern ein emotionales Brett irgendwo zwischen Screamo und Emocore ab, dabei darf es auch mal verschachtelt zugehen. Die Lyrics werden in italienischer Sprache herausgebrüllt, dass hier viel Verzweiflung und Seelen-Leid drin steckt, kann man sich in etwa ausmalen. Schon das Coverfoto bringt viel Emotion zu Tage. Das sonst so niedliche Kätzchen kann auch schon mal die Krallen ausfahren. Aber ist nur eine ungefähre Vermutung, meine Kenntnisse in der italienischen Sprache tendieren gen null. Jedenfalls sollten hier alle mal reinhören, die mit Zeugs wie Loma Prieta oder Raein glücklich sind!


Bandsalat – Amalia Bloom, Be Well, NOFNOG, Overo, Thornhill, With The Punches

Amalia Bloom – „Picturesque“ (Engineer Records) [Name Your Price Download]
Die italienische Band Amalia Bloom kommt aus Vicenza, einer malerischen und ruhigen Stadt in der Nähe von Venedig. Auf seinem zweiten Album beschäftigt sich das Quintett mit der Herkunft bzw. der Heimat vieler italienischer Jugendlicher und junger Erwachsener, die sich oftmals als Sackgasse in der beruflichen oder künstlerischen Entwicklung erweist. Musikalisch ist dabei eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Emo und Screamo entstanden. Auf der einen Seite türmen sich fette Gitarren und wuchtige Drums, auf der anderen Seite schleichen sich aber immer wieder diese melodischen Momente ein. Und natürlich dominiert die melancholische Grundstimmung, die bis zur Verzweiflung reichen kann. Wenn ihr Bands wie Thursday, Poison The Well, Touché Amoré oder Pianos Become The Teeth mögt, dann bitte hier entlang!


Be Well – „Hello Sun“ (End Hits Records) [Stream]
Wie gut ist denn bitteschön diese EP der Allstar-Band um Brian McTernan geworden? Boah, das Ding läuft bei mir seit Wochen rauf und runter und endlich kann ich mich mal wieder an melodischem und emotionalen Hardcore an der Schwelle zum Post-Hardcore erfreuen. Zudem ist das ganze textlich – wie auch schon beim Debutalbum – absolut erste Sahne. Bitte unbedingt mehr davon, hier stimmt wirklich alles! Sechs Songs, voll der Burner!


NOFNOG – „Insomnia“ (Sbäm Records) [Stream]
Die Schweizer Band NOFNOG ist ja auch schon nahezu 20 Jahre unterwegs, wenn ich richtig gezählt habe, ist Insomnia das mittlerweile vierte Album. Live sind die Jungs ja immer spaßig anzusehen und sind top aufeinander abgestimmt (es gibt ja selten singende Drummer zu sehen). Was man natürlich auch am spielfreudigen und leidenschaftlichen und durchaus melodiösen Hardcore-Punk-Sound der St. Gallener auf dem aktuellen Album hören kann. Treibend, immer mit schön gegegenspielenden Instrumenten, kommen natürlich unweigerlich Bands wie Good Riddance, Avail, Obtrusive oder Strike Anywhere in den Sinn. Zwölf Songs sind es geworden und sie schlagen in die gleiche Kerbe wie schon der Vorgänger Thieves. Textlich gibt’s typische Hardcore-Themen wie beispielsweise Freundschaften, soziale Ungerechtigkeiten, Gesellschaftskritik oder Politik. Album holen, Singalongs üben und ab in den Pit!


Overo – „Waiting For The End To Begin“ (zilpzalp records) [Stream]
Im Jahr 2018 aus Mitgliedern der Bands Perfect Future, football, etc., und Rose Ette gegründet, hat das Trio ja bereits etliches Material veröffentlicht, darunter einige Splits und das hochgepriesene Debutalbum. Und jetzt folgt der zweite Longplayer, auf dem Overo sehr viel experimenteller wirken. Es kommen u.a. Synthesizer, Akustikgitarre, Trompete und Streicher zum Einsatz, dennoch gibt es den ein oder anderen heftigen Ausbruch mit fetter Gitarre, wildem Getrommel und herzzerreißendem Geschrei. Die melancholische Seite rückt oftmals in den Vordergrund, Gänsehaut ist jedenfalls eine stete Begleiterin. Wenn ihr Zeugs wie Dahlia Seed, Raein, Yaphet Kotto oder Daitro mögt, dann kommt ihr hier dran nicht vorbei!


Thornhill – „Heroine“ (UNFD) [Stream]
Aus Meldbourne/Australien stammt dieses mir bisher unbekannte Quintett, das nach vier EPs und einem Album mit Heroine seinen zweiten Longplayer am Start hat. Und ja, ich war ab dem ersten Ton des elf Songs starken Albums direkt angefixt! Thornhill machen einen druckvollen Mischmasch aus Grunge, Post-Hardcore und 90’s Alternative, der jedem Smashing Pumpkins, Deftones, Circa Survive, Thursday oder Thrice-Fan die Tränen in die Augen treiben wird. Denn wie eine Mischung aus den gerade genannten Bands klingt die Band in etwa, allerdings ist der Klangteppich noch ein bisschen dichter und epischer, der emotionale Gesang mit Hang zur Theatralik passt auch wie die Faust aufs Auge. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


With The Punches – „Discontent“ (Mutant League Records) [Stream]
Irgendwann im Jahr 2008 gegründet hat die Band aus Newburgh, New York nach ihrem letzten Release im Jahr 2013 eine klitzekleine Pause von 9 Jahren eingelegt. Hört man die fünf Songs der Jungs, klingt alles schön frisch, da hat niemand sein Handwerk verlernt. Musikalisch gibt’s wunderbar hymnenhaften Emo-Pop-Punk. Fans von New Found Glory, Neck Deep oder Saves The Day könnten hiermit glücklich werden.


Bandsalat: 2LegsBad, Camp Cope, Grillmaster Flash, Hijack Broadcast, Pornscars, Phantom Bay, Slow Jams

2LegsBad – „Antgame“ (noise to help records/Dedication Records) [Stream]
Die Band 2LegsBad aus Aschaffenburg/Frankfurt wurde im Jahr 2019 gegründet, bisher wurde neben dieser fünf Songs starken EP ein Album veröffentlicht. Nun, wenn ihr mal wieder sehr gut gemachten In Your Face-Hardcore mit vor Kritik strotzenden Lyrics hören wollt, dann seid ihr hier genau richtig! Der knackige Sound erwischt Dich nach einem mit Violinen gespickten Psycho-Intro, welches die Geräusche von Ameisen nachahmt, frontal und ohne jede Gnade! Fett abgemischt, allerdings nicht zu dick aufgetragen, groovt und tobt der Sound wütend los. Man merkt hier auch, dass die Bandmitglieder wohl schon ein paar Jährchen in der der Szene rumlungerten, der DIY-Spirit ist spürbar, zudem wurde das Ding in Zusammenarbeit mit Dedication Records auch auf nth-records – dem Label des Bassisten – veröffentlicht. Insgesamt regiert hier die dunkle und angepisste Seite des Hardcore. Fette, groovige Riffs, knarzender Bass, knackige Drums, wütendes Gebrüll, Gangshouts, auf die Mütze, ohne stumpf zu wirken! Oftmals erinnert mich der Sound an die frühen Rykers. Und auch inhaltlich wird an klassischen HC-Themen festgehalten. Die Ameisen auf dem Coverfoto spielen in den Songs Antgame und The Ant eine Rolle, denn Ameisen sind neben den Menschen die einzigen Lebewesen, die organisierte Kriege führen, um ihren Lebensraum stetig zu erweitern. Leider ist der Text durch die derzeitige Situation noch aktueller geworden. Und auch in den anderen Songs wird gewettert und angeprangert, beispielsweise wird mit Querdenkern und den Menschen abgerechnet, die für wirtschaftliche Interessen den Planeten zerstören. Und wie es sich gehört, sind die Lyrics alle im Digipack abgedruckt.


Camp Cope – „Running With The Hurricane“ (Run For Cover) [Stream]
Das dritte Album des australischen Trios ist eher etwas für die nachdenklichen und leisen Sommernächte geworden. Die drei Mädels klingen auf Running With The Hurricane viel verträumter und intimer, gleichzeitig auch etwas reifer als auf den beiden anderen Alben. Offenbar hat sich die Band bei der Produktion mehr Zeit genommen, in die Songs wurden beispielsweise weitere Gitarrenspuren, Klavierbegleitung, mehrstimmige Vocalchöre und mehr eingebaut, es wirken auch diverse Gastmusikerinnen mit. Insgesamt ist dabei eine schöne Mischung aus Indie-Rock, Pop und Folk entstanden. Und auch textlich geht es in Richtung Poesie, die Lyrics drehen sich um Lebenskrisen und das Herauswinden aus diesen. Ihr seht schon, das ist so zerbrechlich wie die Musik der drei Damen. Für meinen Geschmack finde ich den Gesang zu sehr in den Vordergrund gemischt, aber eigentlich stört das auch nicht. Der Digipack ist übrigens mit einem Textheftchen ausgestattet, was heutzutage selten geworden ist.


Grillmaster Flash – „Komplett Ready“ (Grand Hotel Van Cleef) [Stream]
Hab mich dem Grillmaster Flash aufgrund des beknackten Bandnamens immer entzogen. Burnhart, Bratort, Abwebern und zuviel Rauch im Kopf stoßen mich einfach schon im normalen Leben ab! Und dann kommt da das neue Album Komplett Ready unangefordert ins Haus geflattert! Und weil ich ja schon ein schlechtes Gewissen habe, dass ich kostenlos Tonträger zugeschickt bekomme, linse ich dann doch ins ein oder andere Paket rein. Und hier war es wirklich nur reinlinsen, reingehört hab ich erst sehr viel später. Die Digi-Pack-CD lag wochenlang verschweißt hier rum. Bis ich dann mal das von Andre Lux (Egon Forever-Schöpfer) verfasste Presseinfo las und direkt angefixt war. Mehrfach musste ich lachen. Lustig geschrieben, wach beobachtet. Hier mal ein Link zum Geschreibsel. Hab dann das Video zum Song Wo ich jetzt bin geguckt und fand das echt mal witzig! Und so geht’s mir mit dem Durchhören des Albums auch, auch wenn’s absolut nicht mein Sound ist. Aber bei den Texten kringel ich mich echt weg, die sind äußerst gelungen (Exit Sandman beispielsweise). Würde mir aber wünschen, dass das hier öfters mal im Radio läuft.


Hijack Broadcast & Pornscars – „To Be Defined Split“ (DIY) [Stream / Stream]
Hier kommen mal wieder zwei deutsche Bands, die ich bisher noch nicht auf dem Schirm hatte. Das CD-Cover ist schön im Comic Noir-ähnlichen Stil gestaltet, das Ding ist in Zusammenarbeit beider Bands in Eigenregie veröffentlicht worden. Nun, das Trio Hijack Broadcast kommt aus Halle (Saale) und steuert drei Songs bei. Während die ersten beiden Songs sehr flott unterwegs sind und musikalisch an melodischen Cali-Punk á la Adolescents oder Pennywise angelehnt sind (die Misfits lassen ebenfalls grüßen), wird es im dritten Song Just Went Numb schön melancholisch, das ist schon nahe am Emopunk. Gut gefällt die raue Aufnahme, zudem ist das Ganze sehr groovend und die Gitarren duellieren sich spielerisch mit dem Bass und der stimmigen Rhythmusmaschine. Sehr schön! Die Band Pornscars aus Berlin klingt dann insgesamt viel noisiger und krachiger. Ihren Stil bezeichnet die Band als Murder Garage Punk Rock, was durch den scheppernden Sound durchaus treffend klingt. Hier wird in alter Punk-Manier gemischt und gezockt, dass man förmlich den Wind der Crashbecken um die Nase spürt. Die drei Songs sind schön rotzig, auch hier kommen mir frühe US-Punk-Bands wie beispielsweise Jerry’s Kids, Circle Jerks, Articles Of Faith, Necros oder Black Flag in den Sinn. Schade, dass kein Textblatt beigelegt ist, aber das ist auch gerade der einzige Minuspunkt.


Phantom Bay – „Selftitled“ (Krod Records) [Stream]
Okay, hier haben wir zwar ’ne ganz jung gegründete Band aus Bremen, die Bandmitglieder dürften aber viele von euch kennen. Ehemalige Bands waren beispielsweise New Native, The Deadnotes und Casually Dressed. Phantom Bay wurde mit dem Ziel gegründet, Hardcorepunk mit Nuller-Nostalgie zu machen. Und das Ergebnis hört sich dann auch sehr Jahrtausendwendenmäßig an, da könnt ich mich direkt reinlegen! 25 Minuten lang lässt mich das Ding breit grinsen und nimmt mich ab dem ersten Ton gefangen! Schmissige Melodien, leidender und verzweifelter Gesang an der Schwelle zum hysterischen Geschrei, zuckersüße Gitarren- und Bassläufe und natürlich ein gutes Händchen für ausgeklügelte und stimmige Songarrangements! Verdammt kurzweilig und leidenschaftlich! Auch mit Gänsehautgarantie, beispielsweise beim poetischen und mit female spoken words ausgestatteten Song Nachteinbruch! Melancholisch, schwermütig, emotional und intensiv kommen die Stücke allesamt rüber, dennoch gibt es diese raue Kante! Sucht man nach vergleichbaren Bands, dann kommt natürlich Zeug wie La Dispute oder Touché Amore in den Sinn, aber diesen Vergleich braucht es absolut nicht, denn Phantom Bay schaffen mit ihrer Musik einen eigenen Gefühls-Kosmos! Hach, mal wieder frisch verliebt!


Slow Jams – „Punk Standards“ (I.Corrupt.Records u.a.) [Name Your Price Download]
Für die Berliner Hardcore-Punks von Slow Jams läuft es ganz schön super, wie man auf dem mittlerweile zweiten Album hören und auch spüren kann! Nach der Tour mit Drip Fed war ja erstmal aus bekannten Gründen kein Ventil da, die Energie durch Live-Shows freizusetzen, so wurde einfach mir nichts Dir nichts ein zwölf Songs starkes Album eingeprügelt. Auf der einen Seite besticht das Ding durch seine quirrlige Energie, der Mischmasch aus melodischem Hardcore, wütendem Punk, etwas Post-Hardcore und rotzigem Grunge ist der Band wie auf den Leib geschneidert, da ist einfach die pure Leidenschaft und Spielfreude zu spüren! Und so international die fünf Bandmitglieder sind (Deutschland, Italien, Frankreich, Rumänien) so sind gleich vier internationale Labels am Release beteiligt, I.Corrupt.Records (Deutschland), White Russian Records (Niederlande), Monument Records (Schweden) und Fresh Outbreak (Italien). Da lässt sich doch ein schönes Netzwerk aufbauen, so dass das Ding sicher auch gebührend live in die große weite Welt getragen werden kann!


Schelle Vs Little Brother – „Split 12inch“ (Chopped Off Records)

Ist eigentlich schon gefühlte Ewigkeiten her, dass ich mal wieder eine 12inch Vinyl geschickt bekommen habe. Danke hierfür, auch wenn das Ding bereits im Jahr 2020 veröffentlicht wurde. Solange gute Platten auf Vinyl erhältlich sind, sollte man zuschlagen, wenn man das nötige Kleingeld zusammengekratzt hat, denn das hier ist zeitlos gut! Nun denn, die 12inch sieht rein äußerlich schon mal ziemlich geil aus. Auf dem Albumcover gibt es ein linolschnittartiges Kunstwerk zu betrachten, auf dem good old Godzilla gegen King Kong kämpft (checkt mal Brian Reedy an, der hat das Ding gestaltet). Linoldrucke wie dieser sind absolut meins, ich liebe auch den Geruch! In Anlehnung an die chinesischen Schriftzeichen sind im Albumartwork die Songtitel gestaltet, was auch verdammt gut aussieht. Hier steckt nicht nur dem Anschein nach ziemlich viel DIY-Spirit drin!

Ich kannte vorher weder die Band Schelle, noch die Band Little Brother! Mit einem Release gleich zwei dufte Bands kennenzulernen, das rockt ja schon ordentlich! Schelle kommen aus Aachen und machen irgendwas zwischen groovy Post-Hardcore á la Fugazi, hinzu kommen Punk und Noise-Einflüsse, bisschen frühe Turbonegro, Hellacopters und Zeke sind auch noch mit an Bord. Fünf sehr gelungene Songs! Auf Vinyl ein wahrer Genuss: Dieser Bass, die satten Gitarren und das wummernde Schlagzeug. Und Melodien, die sich einbrennen. Einfach mal ziemlich geil!

Little Brother kommen aus Heinsberg/Nordrhein-Westfalen und legen auch ordentlich vor! Sechs Songs voller Leidenschaft und Herzblut erwarten euch! Zu diesem sonnigen Sound geht nur ein Lächeln im Gesicht und selbst wenn Du Dich böse mit dem Skateboard verletzt, alles halb so schlimm mit dem Sound der Band im Ohr! Ich steh auf den melodischen Sound der Jungs, der schräge Gesang holt mich direkt ab! Beim Song Burn tauchen dann auch noch deutsche Lyrics auf, was auch super funktioniert! Geiles Release, Textblatt gibt’s obendrauf! Schön oldschooliger Hardcore-Punk, erinnert an Zeugs wie Neat Mentals oder auch an melodische Minor Threat (vom Gesang her). Unbedingt anchecken und glücklich damit werden!

8/10

Bandcamp / Chopped Off Records


Tape Duo: Deathlike Stab & Drama Spleen

Deathlike Stab – „Sharp Knife Tape“ (Chopped Off Records) [Free Download]
Die Band Deathlike Stab kommt aus Brasilien und Sharp Knife ist das erste Release des Trios. Und da mein Tapedeck immer noch nicht repariert ist, muss halt mal wieder der Ghettoblaster meiner Kinder herhalten, der nicht gerade den besten Sound hat. Nach dem ersten Durchlauf des orangefarbenen Tapes fühle ich mich soundmäßig an meine frühe Jugend Mitte der Achtziger erinnert, als Bands wie beispielsweise Bathory, Kreator, Possessed oder Venom hoch im Kurs standen. Nach diesem doch recht scheppernden Durchlauf wechselte ich dann einfach lieber mal auf die Bandcampseite der Jungs, die sich im übrigen stilecht coole Blackmetal-Namen wie zum Beispiel Matador oder Phantasm gegeben haben. Die Jungs scheinen obendrein eine Vorliebe für Messer zu haben, dennoch findet in den recht übersichtlichen Texten, die allesamt auf der Tapecover-Rückseite Platz gefunden haben, keine Gewaltverherrlichung statt. Nun denn, der Sound der Jungs klingt dann auch in etwa so produziert, wie es damals Mitte der Achtziger üblich war. Irgendwo zwischen Blackmetal und Punk bzw. Crossover-Thrash würde ich die fünf Songs einordnen. Die Stücke sind recht kurz und trotz dieser Kürze bringt die Band noch etlich viele jaulende Gitarrensoli unter. Jedenfalls taugt das Tape dazu, mal wieder die alte Metalkutte zu entstauben und mit dem Walkman unterm Helm ’ne Runde mit dem Mofa zu drehen!


Drama Spleen – „Demo-Tape“ (Chopped Off Records) [Stream]
Mein lieber Scholli, was ist denn das für ein geiles Demotape dieser recht jungen und frischen Band aus Köln. Während der Pandemie gegründet wurde nach acht Monaten Bandlebensdauer dieses erste Demotape mit insgesamt elf Songs veröffentlicht. Und das pinkfarbene Ding scheppert richtig geil los, sobald es im Schacht eingeklinkt ist. Wow, ich fühle mich an die rohe Energie und Wucht früher US-Punk/Hardcorebands wie beispielsweise Minor Threat, Bad Brains oder Black Flag erinnert, die Dame am Mikro keift und speit ihren nicht zu überhörenden Ärger ins Mikro, das macht gleich hibbelig. Kann mir gut vorstellen, dass Drama Spleen live die Wände und Decken im AZ zum transpirieren bringen, da wird der Pit mit wütendem Oldschool Hardcorepunk ordentlich zum Kochen gebracht. Die Gitarren drehen frei, der Bass grummelt räudig und die Drums geben rumpelnd das hitzige Tempo vor. Und dann dieses wütende und angepisste Geschrei. Yeah, geil! Textlich gibt’s ebenso angepisste Lyrics, die übrigens auf einem klein zusammengefalteten Zettelchen nachgelesen werden können. Da wird beispielsweise über Craft-Bier trinkende Spießer, machtgeile Lügenbarone, das kapitalistische Kaputt-System, engstirnige Idioten ohne Respekt vor gesellschaftlichem Zusammenleben und allerlei anderen Sachen gewettert, die in unserer Gesellschaft schief laufen. Sehr gelungen finde ich auch die Fotos entfremdenter Straßenköter, die auf dem Cover und auf dem Textblatt zu sehen sind. Wenn ihr mit oben angegebenen Bands was anfangen könnt und ihr auch Zeugs wie z.B. Lügen, Ennolicious, Highscore, Strafplanet oder Krime mögt, dann werdet ihr das hier auch lieben! Wahnsinnig energiegeladenes Tape! Eignet sich gut auf der 9-Euro-Ticket-Zugfahrt nach Sylt zur Beschallung des Zugabteils, natürlich schön laut aufgedreht auf’m Ghetto-Blaster!


Tape-Duo: Ennolicious & V.A. Snacks Compilation

Ennolicious – „Social Breakdown“ (30 Kilo Fieber Records/Krachige Platten) [Stream]
Die Durmersheimer Band Ennolicious überzeugte mich bereits auf der 3-Fach-Split mit Krasser Fahrstil und pADDELNoHNEkANU mit ihrem rohen und krachigen Oldschool-Hardcore.
Und die fünf Songs auf dem Social Breakdown-Tape schlagen in die gleiche Kerbe! Das Tape ist sehr schlicht in kontrastreicher schwarz-weiß Optik gehalten. Schwarzes Cover, weiße Schrift, Texte sind innen abgedruckt. Das Tape ist weiß und ist mit einem von einer Klingelschild-Gravurmaschine gefertigten Aufkleber beklebt. Geil! Aus dem Inneren purzelt ein Download-Code. Nun, Ennolicious machen auch hier keine Gefangenen und sie lieben es kurz und knackig. Die Songlängen pendeln zwischen 50 Sekunden und allerhöchstens zweieinhalb Minuten. Die Aufnahme ist roh und ein bisschen dünn, klingt ein bisschen wie direkt im Proberaum live aufgenommen. Aber genau das macht den Charme aus! Das hier klingt roh und spannungsgeladen, die pure Energie! Die musikalischen Vorbilder liegen deutlich im US-Hardcore-Skatepunk. Bands wie beispielsweise Black Flag, Bad Brains, Minor Threat, frühe Pennywise, frühe NOFX oder deutsche Kapellen wie Skeezicks, Highscore, Sheridan, Ladget und Spermbirds sind hier zu nennen. Obendrein sind auch die Texte stark und behandeln politische, gesellschaftliche und auch persönliche Themen. Starkes Release, macht absolut Laune, sich mit dem Sound im Ohr auf’s Skateboard zu schwingen!


V.A. – „Snacks Compilation“ (Krachige Platten) [Stream]
Dieses Tape hat so etwas ähnliches wie ein Konzept: Joe/Jonathan, der ehemalige Gitarrist der Band Krasser Fahrstil hat insgesamt 28 Songs aufgenommen, teils mit verschiedenen Bandkonstellationen aus dem Raum Karlsruhe und Rastatt, teils hat er auch solo Sachen eingespielt. Die Tracks sind in den Jahren 2016 bis 2021 entstanden. Dabei ist ein breites Spektrum herausgekommen, von Punk über Hardcore, Singer-Songwriter, NDW, Ambient, Black/Death-Metal bis zu Doom und Wave ist da fast alles dabei. Dass die Songs allesamt schnell und spontan entstanden sind und dabei der Spaß und die Freude an erster Stelle stand, kann man jedenfalls deutlich spüren. Natürlich gibt es ein paar Songs, die mir ein bisschen den Nerv rauben, dennoch finde ich die Idee und die Umsetzung sehr gelungen und auch der subtile Humor weiß auch richtig gut zu gefallen! Geile Bandnamen und witzige Texte runden das Ganze ab. Bei manchen Songs musste ich richtig fies kichern! Bei Happy Cripples, R.A.G., Feine Nase und Der Gräber beispielsweise. Die schlichte Aufmachung des Tapes find ich auch gelungen. Von wegen „ich hab’s nicht hingekriegt„. Hab ich bereits erwähnt, dass an beiden Tapes der gute Felix (bekannt von pADDELNoHNEkANU, ProvinzPostille und Krachige Platten) beteiligt ist? Hört da unbedingt mal rein oder bestellt euch das Tape am besten gleich mit dem Ennolicious-Tape und der Provinzpostille mit!


Amid The Old Wounds – „Rebreather 7inch“ (time as a color)

Amid The Old Wounds-Veröffentlichungen sind, wie man anhand des „Covers“ der 7inch deutlich erkennen kann, eine ziemlich emotionsgeladene Herzensangelegenheit, die tief unter die Haut geht. Die Außenhülle der 7inch ist weiß und mit dem Bandnamen besiebdruckt. Das eigentliche Cover, das sich auf den Labels abbildet, zeigt eine zerbrochene Herz-Porzellandose Schrägstrich Schmuckkästchen. Es ist diesselbe Porzellandose, die auch schon die Vignette-7inch zierte. Damals war sie aber noch heil und geschlossen. Jetzt ist sie jedoch zerbrochen und offen! Songtitel wie Rebreather, The Broken Key oder 1121 spoilern zusätzlich eine gewisse tiefemotionsgeladene Herbststimmung, die Vergänglichkeit scheint hier im Allgemeinen eine große Rolle zu spielen. Das Drama im Kopfkino vor Augen, wird die 7inch mit der Dank der Angabe auf den Labels eindeutig identifizierbaren Seite auf den Teller gelegt. Fast traut man sich nicht, die Nadel aufzusetzen und die im Obi-Strip-artigen Stil gefaltete Textpappe in die Hände zu nehmen. Es wirkt alles so zerbrechlich as fuck, im übertragenen Sinne!

Und kaum setzt die Stimme Daniel Beckers und die gefühlvoll gespielte Gitarre ein, dann hat mich das Ding eh schon gefangen! Gänsehautstimmung pur beim Opener Rebreather setzt ab dem ersten Ton ein. Der Länderübergreifende Lockdown hatte, wie wir alle wissen und gespürt haben, auch zahlreiche Auswirkungen auf persönliche Schicksale, Freundschaften und Beziehungen. Dieses in der Luft hängen, nicht wissen, wie das alles weitergehen soll, dieses riesige schwarze Loch der Ungewissheit. Und die Angst! Diese Endzeit wurde im persönlichen Gefühls-Lockdown, den es ja trotz „verordnetem“ Lockdown schon vor Corona gab, verarbeitet. Und trotzdem wird im Song Rebreather auch die kämpferische, optimistische und vorausblickende Fahne in den Wind gehalten. Starker Song, könnte auch mit Band im Rücken deutlich was her machen! Aber schon Wahnsinn, was Daniel nur mit Gitarre und Stimme für Emotionen erschafft! Sehnsucht, Schicksal, die über allem schwebende Schuldfrage, Leid und letztlich das Entkommen aus diesem Gefühlskreislauf ist in diesem Song sehr schön abgebildet.

Auf der B-Seite fetzt das Riff des Openers The Broken Key sofort! Überhaupt klingt Amid The Old Wounds, obwohl nur folkig mit Gitarre ohne Begleitung und „lediglich“ mit Gesang begleitet, ziemlich vollkommen! Hieran ist nichts schnulzig oder gar balladesk, gefühlt rockt das hier sogar! Überraschend ist dieser Song knapp unter einer Minute Spielzeit auch schon vorbei. Es braucht halt nicht immer Schema Intro-Refrain-Mittelteil-Refrain-Outro (ähnlich dem Intro) für einen guten, nach mehreren Durchläufen hängenbleibenden Song. Hier klappt das ins Ohr einnistende Erlebnis bei zwei bis drei Durchläufen ebenso. Und diese Durchläufe sind absolut angenehm zu ertragen. Mit 1121 wird es dann nochmals sehr emotional, vor allem die Zeile I Wish I Was Significant To Someone Significant hat mich selbst an eine dunkle Zeit erinnert, die mich in meinem Leben fast aus der Bahn geworfen hätte. Glücklicherweise hatte ich damals die Musik, echte Freundschaften und auch die eigene Hoffnung auf bessere Zeiten. Und diese drei Werte finden sich absolut im Sound von Amid The Old Wounds und diesem sehr schönen und berührenden DIY-Release wieder! Ach so, sollte man auch noch kurz erwähnen: das DIY-Release erscheint in Zusammenarbeit der Labels time as a color, Dingleberry Records, Slow Down Records und Motorpool Records, abgemischt und aufgenommen wurde wieder von Franz Kindermann/Koenichsound. Absolute Herzensangelegenheit, yeah!

8/10

Facebook / Bandcamp / time as a color


ProvinzPostille #8 – Herbst 2021

Der gute Felix hat mal wieder liebevoll eine neue Ausgabe der ProvinzPostille zusammengebastelt, ein kleiner Lichtblick in Dunkeldeutschland! Das Ding kommt wieder mit einem tollen Sampler, allein da drin steckt jede Menge Arbeit. Insgesamt gibt’s 31 Stücke zu hören, allesamt schön undergroundig. Zu den Bands gibt’s im Heft dann auch ein paar Infos.

In erster Linie ist die ProvinzPostille ein richtig cooles Ego-Zine, hier und da mit viel persönlichen Gedanken und massig DIY-Spirit. Ich frag mich, wie Felix das alles neben Label, Band und Privatleben auf die Kette kriegt. Dank Corona war ja in den letzten zwei Jahren etwas mehr Zeit zur Verfügung, das gehört wahrscheinlich in Zukunft eher der Vergangenheit an. Interessant zu lesen finde ich v.a. die Interviews. Besonders hervorheben möchte ich das unterhaltsame Gespräch mit Carlos vom DIY-Label Entes Anomicos, das Interview mit Jobst (bekannt von Bands wie PEACE OF MIND, HIGHSCORE, MÖNSTER, BLOOD ROBOTS, NOTHING, MIND TRAP oder THE FOG) und Christopher über den „Und dann kam Punk“-Podcast und die Unterhaltung mit Mo von Mo’s Plattenladen, der auch gleichzeitig noch Backbite Records und das Sublabel Hand Of Doom betreibt.

In allen Texten schwebt die Nostalgie früherer Zeiten in der Luft, da ist von längst nicht mehr stattfindenden Fanziner-Treffen die Rede, man bekommt Einblicke in die frühe peruanische Punkszene und auch sonst ist das ganze Heftchen ein kurzweiliges Lesevergnügen. Besonders geil finde ich den Umschlag des Zines, den Linoldruck hat Alex Mages aus dem Hamburger Nachladen angefertigt. Ach, und dann gibt’s noch ’nen Download-Code von Felix‘ erster Band Hünersüppchen. Sozusagen eine Discographie von 32 Songs, die zwischen 1994-1999 aufgenommen wurden. Gebt euch ’nen Ruck und bestellt das Ding, dann sind die nächsten 5-6 Klositzungen mit bester Unterhaltung gesichert!

ProvinzPostille / Bandcamp


Bandsalat: De Facto Enscripture, Hawak, Love Forty Down, Serpent, Spite House, Wristmeetrazor

De Facto Enscripture – „Sardonic Entropy Nexus“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Dieses Debutalbum ist echt mal der Hammer! Edie Quinn von Coma Regalia hat 28 Stücke geschrieben und hat diese an 30 verschiedene Sängerinnen und Sänger geschickt, von welchen letztendlich 26 Texte und Gesang beigesteuert haben. Insgesamt wirken an dem Teil 39 Musiker und Musikerinnen mit, die in der Screamo-Szene allesamt große Namen sind. Ein Mammutprojekt, in dem viel Arbeit, Herzblut und Leidenschaft steckt! Und dazu noch so verdammt intensiv! Müsst ihr unbedingt anchecken und abfeiern, falls ihr das nicht schon längst gemacht habt!


Hawak – „nước“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Fast wäre mir dieses emotive Screamo-Juwel durch die Lappen gegangen, wenn ich nicht neulich mal wieder den längst fälligen Festplattenputz durchgeführt und dabei den noch unentzippten Ordner der Band aus Kalifornien entdeckt hätte. Wow, was für ein intensives Album das doch ist, und dann auch noch ein Debut! Was nach dem sanften Intro da losbricht, ist fast nicht in Worte zu fassen! Verwinkelte Gitarren, verzweifeltes Geschrei, tightes Drumming und spannungsgeladene Songstrukturen erwarten euch. Dazu ist das Ganze top abgemischt. Das rohe und raue sticht genauso raus wie das saubere und zerbrechliche, enorm druckvoll klingt das! Wer Bands wie Loma Prieta oder Suis La Lune verehrt, dürfte hier eine neue Liebe entdecken!


Love Forty Down – „Don’t Be A Stranger“ (SBÄM Records) [Stream]
Oh yeah, das hier kommt zwar ’nur‘ aus Ulm, die Jungs könnten aber auch locker ’ne Band sein, die man beim The Fest in Gainesville gesehen hat und die durch ihren Auftritt dort als Mega-Geheimtipp in der Szene gehandelt wird. DIY, Spielfreude und Herzblut sind die Zutaten, die das hier so groß und gewaltig machen! Und spätestens beim zweiten Song – German Angst – sind alle Hände oben! Hier bekommen die Jungs gesangliche Unterstützung von Vuki/Hell And Back. Zudem auch textlich noch superstark, das Herz ist am richtigen Fleck! So ’ne geile Hymne! Sieben Songs gibt’s insgesamt zu hören, und die sind so schnell vorbei, dass man anschließend gleich wieder auf Repeat drückt. Neben Vuki gibt’s auch noch Guest Vocals von den Mädels aus Mobina Galore, was auch unheimlich spannend klingt! Melodic Hardcore-Punkrock at it’s best, dazu noch fett abgemischt, so dass jedes Instrument gut zur Geltung kommt. Bass, yeah! Verdammt geiles Ding!


Serpent – „Xoc de Mermats“ (BCore Disc) [Stream]
Aus der spanischen bzw. katalonischen Underground-Szene kommen immer wieder Bands, die man sich unbedingt anhören sollte. So auch Serpent aus Barcelona! Nach ’ner starken Demo, ’nem fetten Debut und einer tollen EP gibt’s nun weiteren Stoff der Band. Fünf Songs gibt’s auf die Ohren. Melodie, Groove und Härte sind hier vereint! Oh yeah, diese melodischen Gitarrenriffs und der gegenspielende Bass! Hört da unbedingt rein!


Spite House – „3 Song Promo“ (New Morality Zine) [Stream]
Und immer wieder stoße ich auf interessante Bands über das New Morality Zine! Diesmal sind es die kanadischen Spite House, die mich vom ersten Ton an in den Bann ziehen! Die Band ist erst kurz zusammen, drei Songs sind hier drauf zu hören und die Band hat schon ein Signal gegeben, dass im Jahr 2022 noch ein Album folgen soll. Darauf bin ich jetzt schon heiß, denn Spite House machen emotionalen und mitreißenden Emo-Core im Stil von Bands wie beispielsweise Samiam, Jawbreaker und Seaweed. So schön!


Wristmeetrazor – „Replica of a Strange Love“ (Prosthetic Records) [Stream]
Gleich bei den ersten Klängen vom dritten Album der Band Wristmeetrazor ist klar, wo die Band ihre musikalischen Vorbilder hat: Poison The Well, Hopesfall, This Day Forward, Underoath und andere Metalcore-Helden aus den guten alten Jahrtausendwenden-Zeiten. Fette Metalriffs, fieses Gekreische, wuchtiges Geballer, maximal abwechslungsreiche Songarrangements und unterschwellige Melodien! Textlich wird’s dann fast schon philosophisch, was will man mehr? Ich feier das Ding hier jedenfalls ab!


Buchvorstellung: „Rock-O-Rama – Als die Deutschen kamen“ von Björn Fischer (Hirnkost-Verlag KG)

Es war irgendwann Mitte der 80er in der tiefsten Provinz Oberschwabens. In meiner damals noch spärlichen Plattensammlung fanden sich hauptsächlich neben ein paar Metal-Klassikern (Metallica, Venom, Slayer, Anthrax, Kreator u.a.) und Crossover-Granaten (z.B. SOD, DRI, MOD, Suicidal Tendencies) eine Handvoll gängiger Punk-und Hardcore-Platten (Dead Kennedys, Discharge, Exploited, Cro-Mags, Slime, Ärzte, Tote Hosen). Der vermoderte Geruch des Undergrounds zählte zu dieser Zeit aber schon seit Längerem zu meinen Vorlieben, weshalb ich jede mir unbekannte Band entdecken wollte und oftmals sogar Platten ungehört im Kaufhaus nur aufgrund des Coverartworks kaufte. Das Internet gab es leider noch nicht, die Möglichkeit des Reinhörens nur ganz selten, meine Infos bezog ich damals aus Zeitschriften wie dem Metal Hammer oder dem Rock Hard, kleine Fanzines entdeckte ich erst später. Und dann die große Chance: ein (sitzengebliebener) Typ aus meiner Parallel-Klasse, mit dem ich schon einige Tapes getauscht hatte, wollte seine Vinylsammlung verkaufen, und das auch noch für kleines Geld. Die einzige Bedingung war, das Ding als Gesamtpaket zu kaufen. Es waren insgesamt so um die 20-25 LPs, auf den ersten Blick viel Deutsch-Punk, wie ich damals annahm. Läppische 40 D-Mark (!) wollte er für das Plattenpaket haben. Er brauchte wohl dringend Geld, denn ein paar Tage später brannte er nach Hamburg durch und heuerte minderjährig auf ’nem Schiff als Matrose an. Später kam er wieder, brachte sein Leben aber nicht auf die Kette, vor ein paar Jahren beging er dann Suizid. Schlimm eigentlich! Wie dem auch sei, ich ging den Deal ein, auch weil ich in einem schon etwas älteren Fanzine (Scritti) meines Bruders eine Werbeanzeige einer Band entdeckte, deren Platte im Paket dabei war. Im Paket waren beispielsweise mir bekannte Platten von Daily Terror, Die Ärzte, Einstürzende Neubauten oder New Model Army, es gab aber auch Bands wie OHL, Die Alliierten, Body Checks, Vortex, Springtoifel und ein paar mir nur vom Hörensagen bekannte Bands. Der überwiegende Teil der Plattensammlung bestand aus Releases des Labels Rock-O-Rama, darunter auch der Die Deutschen kommen-Sampler, von dem mir die Band Fasaga mit ihrem Hit Pogo in der Straßenbahn am Besten gefiel. Jedenfalls hatten einige der Platten einen richtig miesen Scheppersound, unprofessionell waren auch die hin und wieder auftauchenden Schreibfehler, das Artwork einiger Releases hätte auch ein unbegabtes 12-jähriges Kind hinbekommen. Provokation pur war bei allen Releases des Labels zu erkennen! Wie auch im Buch beschrieben, dachte man damals an Sid Vicious, der seinerzeit ja auch mit Hakenkreuz-Shirt abgelichtet wurde, man machte sich keine tiefergreifenden Gedanken darüber.

Dass zu dieser Zeit bereits veröffentlichte Releases des Labels indiziert waren und dem Rechtsrock bzw. der Grauzone zugeordnet wurden, wusste ich damals nicht. Einige Songs bereits indizierter und beschlagnahmter Werke wurden zu dieser Zeit sogar ganz ohne Einwände der Aufsichts-Lehrer in den SMV-Ball-Discos der Schule gespielt (z.B. Böhse Onkelz oder Endstufe). Im Rahmen eines solchen Events bekam ich dann auch das erste Mal von ’nem berüchtigten Skinhead-Schläger die Nase gebrochen. Nach einer bislang unbeschwerten Dorfpunk-Zeit ging es dann ratzfatz: an den Schulen und in der Stadt brodelte es an allen Ecken und Enden, bisherige Freunde und auch Freundinnen gerieten plötzlich in den braunen Strudel, es wurde zunehmend gefährlicher, sich als Punk zu kleiden. Das war schon krass: da gab es echt Leute, die gestern noch mit Iro oder langen Haaren auf dem Pausenhof standen und am nächsten Tag ohne Vorwarnung mit glattrasierter Rübe (mit blutend-verkrusteten Schnitten), Bomberjacke und Docs auftauchten und den alten Punk-Kumpels plötzlich Stress machten. Und ich wage zu behaupten, dass diese Verwandlung unmittelbar mit der Musik und den Texten dieser ersten indizierten Bands auf Rock-O-Rama zusammenhing.

Die ersten von mir wahrgenommenen Übergriffe von Fascho-Skinheads auf Punks oder Punk-Konzerte im oberschwäbischen Raum fanden statt, auf dem Ravensburger Marienplatz wurde z.B. ein Punk von mehreren Skins fast totgeschlagen (er ist heutzutage von schlimmen äußerlichen Narben gekennzeichnet, die psychische Verletzung wird sicher immer wieder präsent sein), das Ravensburger Jugendhaus wurde später am 09. September 1989 von Nazi-Skins nach ’nem Hard-Ons-Konzert überfallen und auch beim Toy Dolls Konzert in Mengen kam es zum gewalttätigen Tumult mit Faschos. Ich hatte entgegen der schwerverletzten Opfer unheimliches Glück, gerade in Ravensburg bin ich dem Angriff knapp entkommen! Und erstmals erkannten auch der Staat, die Justiz und die Medien, dass hinter dem Skinhead-Überfall auf das Ravensburger Jugendhaus keine Streitigkeiten rivalisierender Subkulturen steckten, obwohl die Anwälte der angeklagten Skinheads immer wieder den Überfall als alkoholbedingte Randale nach einer Party der Skins abtun wollten. Diese Party fand im Vorfeld an einem abgelegenen Ort in einer Nachbargemeinde unter dem Motto Komasaufen statt. Im damaligen Prozess wurde deutlich, dass die Angeklagten allesamt waschechte Neonazis waren, der Spiegel, Monitor und das ZDF brachten damals lange Beiträge, es fiel sogar oftmals der Begriff „Rollkommando“, auch weil während des Angriffs Worte wie beispielsweise „Rotfront Verrecke“ oder „Sieg Heil“ geschrien wurden. Und nur so am Rand: es saßen auch einige Mitschüler meiner Schule und sogar Freunde des Typen auf der Anklagebank, von dem ich damals die Platten abgekauft hatte. Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger sollte es aber noch übler werden. Die Stimmung und das Wohlbefinden wurde mit immer extremeren Bands (z.B. Kahlkopf, Störkraft), die allesamt auf Rock-O-Rama veröffentlichten, deutlich ungemütlicher, nicht nur in den neuen Bundesländern.

Und das einstige Underground-Punk-Label entwickelte sich zum führenden Rechtsrocklabel in Deutschland. Wie es dazu kommen konnte, wird mit der Lektüre des via Hirnkost erschienenen Buchs Rock-O-Rama – Als die Deutschen kamen, etwas deutlicher. Und wenn ihr meine für dieses Review etwas zu lange geratene Einleitung mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse gelesen habt, lässt sich sicher herauslesen, dass ich ein starkes Interesse an der Geschichte des viel diskutierten Labels habe. Deshalb freute ich mich besonders, dass der Autor selbst eine Besprechungsanfrage schickte. Björn Fischer, der übrigens selbst in der Punk-Szene aufgewachsen ist und von Bands wie z.B. Recharge, Audio Kollaps, Combat 77 oder Tank Shot bekannt ist, bringt auf über 400 Seiten um einiges mehr an Licht ins Dunkel des Labels und gibt gleichzeitig auch Einblicke in die Entwicklung der deutschen Punkszene. Witzig auch, dass ich während der Lesezeit des Buchs den Podcast „Und dann kam Punk“ mit Tobias Scheisse hörte, der darin fast identische Eindrücke im Zusammenhang mit Rock-O-Rama-Veröffentlichungen Mitte der Achtziger schildert.

Wenn ihr also meint, dass ihr durch das Lesen des Wikipedia-Eintrags ausreichend über den Werdegang des Labels und die Person Herbert Egoldt informiert seid, oder gar selbst glaubt, Experten in Sachen Rock-O-Rama zu sein und das Buch sicher wie ein Nachschlagewerk nur trocken die Eckpfeiler auflisten oder die Kult-Releases abfeiern würde, dann seid ihr ganz gewaltig auf dem Holzweg. Denn diese Eckpfeiler und die diversen Releases werden durch eine Menge spannender Erzählungen von Zeitzeugen und Label-Bands ausgeschmückt, so dass das Ganze auch für Leute interessant wird, die neben der Entwicklung der deutschen Punk-Szene auch wissenswerte und obskure Anekdoten zu schätzen wissen. In einem Nebensatz erfährt man beispielsweise, dass sich allerlei Prominenz im Kölner Rock-O-Rama-Laden blicken ließ, sogar der junge Alfred Biolek zählte damals zu den Kunden (in dessen Sendung Boulevard Bio versuchte später Stephan Weidner von den Böhsen Onkelz, die Öffentlichkeit von der Abkehr der Onkelz von der Nazi-Szene zu überzeugen) . In einer anderen Geschichte plaudert jemand aus, dass die Dead Kennedys eine Vorliebe für Sex-Shops hegten, zudem erfährt man, dass einer der ersten Tauschpartner Egoldts der US-Amerikaner Eric Boucher war. Ihn kennt man heute unter dem Namen Jello Biafra. Haha, ich spoiler ja schon gern, aber es gibt definitiv noch besseres Insiderwissen zu entdecken!

Interessant sind auch die Kapitel über die Kooperation des Labels mit Propaganda Records, den SPV-Deal und natürlich die Zeit nach dem Richtungswechsel. In dem Buch steckt wirklich ziemlich viel Arbeit und hervorragende Recherche, das war sicher eine Heidenarbeit. Das alles zusammenzutragen und dazu gleichzeitig zu informieren und zu unterhalten, ist dem Autor bestens gelungen. Wie es sich gehört, sind natürlich auch die verschiedenen Quellen angegeben, reichlich rares Bildmaterial gibt es obendrein zu bestaunen. Zitate, Fanzineartikel, historische Zeitungsartikel, Original-Bandverträge, behördliche Dokumente und Interviews von damals und heute, da bleibt keine Info aus! Da wurde vom Autor so einiges bewegt und zusammengetragen, selbst der Kontakt mit ungemütlichen Zeitgenossen wurde nicht gescheut. Erstaunlich, dass mir das erst mit der Lektüre des Buches aufgefallen ist: in den Werbeanzeigen des Labels dominierten die Ausrufezeichen massiv, vermutlich bin ich heutzutage derart skeptisch gegenüber Leuten, die Satzzeichen wie Salz verwenden. Ach ja, die folgende Werbeanzeige hab ich aus dem Scritti-Fanzine abfotografiert, das hab ich nach stundenlanger Suche (!) im Keller gefunden. Allein diese persönliche Erfahrung übersteigt meine Vorstellungskraft, wieviel Recherche- und Detektiv-Arbeit in diesem Nachschlagewerk letztendlich stecken muss!

Werbeanzeige aus dem Fanzine Scritti, persönliches Archiv

Bei den Erzählungen sind sich viele der Befragten einig: Egoldt wird als schmieriger Rockabilly-Typ beschrieben, in vielen Texten fallen Bezeichnungen wie z.B. Zuhälter, Drogendealer, zwielichtiger Teppichverkäufer, das Adjektiv schmierig ist eigentlich stets präsent. Erstaunlich ist auch, dass er trotz allen Beschreibungen im Netz und auch den wirklich gut recherchierten Ausführungen im Buch eigentlich immer noch einen gewissen mythischen Phantom-Status inne hat. Der Typ hat wirklich niemanden an sich ran gelassen, zudem war er äußerst verschlossen. Von den einen wird Egoldt als Musikfanatiker beschrieben, andere sahen in ihm ein profitorientiertes Arschloch ohne jegliches Gewissen, viele haben ihn gar nie zu Gesicht bekommen. Er achtete peinlich darauf, dass keine Fotos von ihm kursierten, zudem verweigerte er jeglichen Kontakt mit der Presse, Anrufe landeten im Nirvana oder auf dem Anrufbeantworter, Faxe blieben unbeantwortet. Letztendlich ist zwischen den Zeilen immer wieder zu lesen, dass Egoldt einfach alles geklaut hat, wie es ihm gerade in den Kram passte, Urheberrechte waren ihm total fremd. An den zweifelhaften Geschäftsmethoden Egoldts (Nachpressungen, ohne die Bands zu informieren und finanziell zu beteiligen, Gema- und Steuertricks) war sicher etwas dran, sonst hätten das nicht so viele Bands lautstark behauptet. Viele der damals gerade noch nicht mal volljährigen Bandmitglieder waren einfach froh, eine Platte aufnehmen zu dürfen und gaben sich total blauäugig mit den ungünstigen Vertragsbedingungen zufrieden, später kam auch Scham dazu. Unglaublich naiv! Man staunt bei den geschilderten Geschichten echt mal extrem große Bauklötzchen!

Im Kapitel „Richtungswechsel“ ist dann eine ähnliche Erfahrung wie meine in der Einleitung geschilderte persönliche Geschichte beschrieben, die ich übrigens geschrieben habe, bevor ich mich an die Lektüre des dicken Wälzers gemacht habe. Hier wird nochmals deutlich, wie es zur schleichenden, aber eigentlich zur ahnenden Umorientierung kommen konnte, wenn man denn damals schon wachsam oder per Internet vernetzt gewesen wäre. Die Schilderungen der frühen 80er und der Umschwung Ende der 80er decken sich mit eigenen Erfahrungen in der tiefen Provinz als Möchtegern-Punk, auch wenn alles persönlich erlebte etwas zeitverschoben ist. Björn Fischer hat es jedenfalls super hinbekommen, die Geschichte nicht einfach an der unangenehmen Stelle abzuwürgen und die Rechtsrock-Phase einfach unter den Tisch fallen zu lassen bzw. nicht mehr anzupacken. Und das ist ihm durchaus gelungen. Ganz besonders freue ich mich, dass das Buch für die spätere Kundschaft des Labels keinesfalls von Interesse sein könnte! Aber es wäre natürlich schön, wenn diese Kundschaft durch die Lektüre geistig gefördet werden würde, für einen Ausstieg ist es doch eigentlich nie zu spät? Übrigens rüttelte mich dieser Richtungswechsel damals und auch die oben beschriebenen Erlebnisse persönlich auf, mein politisches Ich entwickelte und sensibilisierte sich, ich fand meinen festen Platz in der linksorientierten Hardcore und Punk-Szene und studierte fortan auch penibel die Texte von Bands, suspektes Gedankengut wird seitdem sofort aussortiert! Aber das nur am Rande.

Im Kapitel finde ich v.a. interessant, wie konspirativ Egoldt gearbeitet hat und die Behörden mit den labyrinth-artig angelegten Sublabels an der Nase herumgeführt wurden, Egoldt war bis zu seinem Tod wie ein ultra-glitschiger Aal. Für den letzten Pfennig hätte der noch seine Seele dem Teufel verkauft, auch wenn er anscheinend seine Familie aus der ganzen Misere rausgehalten hat! Obwohl Egoldt eine Nähe zur NPD oder FAP nachgesagt wurde, war er wohl kein politischer Mensch und auch kein erkennbarer Rechtsradikaler, von der NPD angefragte Freiexemplare für Pressefeste wurden beispielsweise verweigert, auch natürlich seiner Knausrigkeit wegen. Ihm ging es in erster Linie um den rohen Sound der Straße, im rechten Skinhead-Milieu sah er wohl die letzte rebellische Subkultur, zudem war er natürlich ein geldgeiles Arschloch, das förmlich über Leichen ging. Mit seiner über das Label veröffentlichten Musik im Ohr wurden etliche Leben vernichtet und zerstört, darüber hinaus wurde sehr viel unnötiger Hass verbreitet, wenn man mal die vagen Verkaufszahlen und die noch vageren Anzahlen an Kopien dieser Releases im Hinterkopf zusammenrechnet. Außerdem war das die Vorlage für all die aus dem Boden schießenden Rechtsrocklabels. Zig Jahre nach dem Tod Egoldts schlagen sich diese verbreiteten Werte auch in den Wahlen in Deutschland nieder, zudem spielte die Rechtsrock-Musik des Labels auch eine gravierende Rolle bei der Entstehung des NSU.

Laut Geschäftspartner und Funny Sounds-Betreiber Torsten Lemmer (der mittlerweile aus der rechtsradikalen Szene ausgestiegen ist und ähnlich kapitalistisch geschäftsorientiert unterwegs war), verachtete Egoldt die extremistische Szene zunehmend, das Geschäft wollte er sich aber dennoch nicht durch die Lappen gehen lassen. Auch in diesem Abschnitt wurde vom Autor hervorragend recherchiert. Jedenfalls wird im ganzen Buch deutlich, wie viel Fachwissen Björn Fischer sich nicht nur im Laufe der Zeit der Recherche sondern auch bereits im Vorfeld angeeignet haben muss! Bei einer so verschachtelten und phantomhaften Geschichte den Überblick zu behalten, ist eine respektable Fähigkeit! Zudem gefällt es mir, dass das Buch aus einer objektiven Sichtweise heraus geschrieben ist. Ach ja, und abschließend gibt es noch einige persönliche Statements von diversen Szene-Menschen! Ich bin hochauf begeistert, voll bedient und gänzlich überzeugt, dass hier alles drin steckt, was man über das Label wissen muss! Alles in Allem ist dieses Buch für alle Interessierten sehr zu empfehlen, absolute Pflichtlektüre, vielen Dank dafür!

Hirnkost Verlag KG


Whimsical – „Melt“ (Through Love Records)

Ohne Through Love Records wäre ich wahrscheinlich niemals von selbst auf die Band Whimsical aus Dyer, Indiana gestoßen, obwohl die Band seit ihrer Gründung im Jahr 1999 und einer klitzekleinen Schaffens-Pause von zehn Jahren mit Melt ihr mittlerweile viertes Album und etliche EPs am Start hat. Und ich werde direkt beim ersten Durchlauf und auch vom ersten Ton an abgeholt! Insgesamt neun Songs nehmen Dich mit auf eine nostalgische Reise durch die Indie-Shoegaze-Epoche der 90’s! Ein Trip voller bittersüßer Träumereien, immer eintauchend in mit Watte ausgestopfte Wolken, schwebend und in absoluter Rotwein-Stimmung. Und trotz des nicht von der Hand zu weisenden 90-er Einschlags klingt der Sound alles andere als angestaubt, was auch der glasklaren Produktion und der zeitgemäßen Verwendung von elektronischen Elementen geschuldet ist. Ach so, Melt ist als Co-Release erschienen, das US-Label Shelflife Records ist auch noch mit von der Partie.

Obwohl der atmosphärische Sound vorwiegend zum Träumen einlädt, sind dennoch viele energiegeladene Passagen mit drin, die fingerschnipsend wohliges Wegdämmern verhindern. Crash And Burn ist beispielsweise so ein Kandidat: lebendiges Bassspiel, grungige, an die Smashing Pumpkins erinnernde Gitarren und knackige Drums. Ach ja, wenn wir gerade bei Referenzen sind: ganz stark erinnert mich der Sound Whimsicals an die frühen Sachen der Band Lush, das liegt natürlich auch an den überirdischen Vocals. Slow Dive und Juliana Theory kommen mir v.a. wegen den Gitarrentönen von Neil Burkdoll in den Sinn. Ganz entfernt schwirrt mir sogar Zeugs von Baby Gopal, Hidalgo, Denali oder Ida im Kopp rum. Die intensive Mischung aus Shoegaze, Indie-Rock und Dream-Pop lebt neben dieser träumerischen Stimme und den melodischen und atmosphärischen Klängen auch von den abwechslungsreichen und stimmigen Songarrangements.

Jetzt noch kurz zum Artwork und den Lyrics: meinem Digi-Pack-Besprechungsexemplar liegt leider kein Textblatt bei, die glockenhelle Stimme von Sängerin Krissy Vanderwoule versteht man jedoch sehr gut, also ist das eigentlich nicht schlimm. Ob die Vinylversion mit einem Textblatt ausgestattet ist, hab ich jetzt leider nicht rausgefunden. Die Lyrics sind – genau wie der Sound vermuten lässt – sehr intim und herzgebunden, Herzschmerz und Hoffnung liegen dabei sehr nah beieinander. Das verschwommene Artwork verschmilzt analog zum Albumtitel mit dem spärlichen UV-Licht langsam aber sicher in der Dunkelheit. Vielleicht ist es aber auch andersrum. Kurz zusammengefasst: reinhören, abtauchen, wunderbar, Begeisterung!

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


Bandsalat: Brutalligators, Damokles, Dead Years, Foxtails, Ruined, Teresa Banks & Cause A Riot

Brutalliagtors – „This House Is Too Big, This House Is Too Small“ (Beth Shalom Records) [Stream]
Wer mal wieder ein richtig ergreifendes Album mit tollen Melodien, traurigen Herzschmerzmomenten und pfiffigen Songarrangements hören möchte, dürfte mit dem Debutalbum der britischen Band Brutalligators wahrlich glücklich werden. Das Quartett ist irgendwo im Dreieck Midwest-Emo, gitarrenverliebtem Indierock und Punk unterwegs, Bands wie Samiam, The Promise Ring, Algernon Cadwallader oder The Get Up Kids fallen mir als Vergleiche ein. Die zehn Stücke strotzen dazu gerade auch textlich vor Trauer, Wut, Schmerz und Verlust. Aber auf jetzt, anhören und sich direkt verlieben!


Damokles – „Nights Come Alive“ (Vinter Records) [Stream]
Bisher veröffentlichte die aus Oslo stammende und im Herbst 2019 gegründete Band Damokles sechs Singles, mit Nights Come Alive ist nun das zehn Songs umfassende Debutalbum der Band erschienen. Die Band scheint voller sprudelnder Energie und Tatendrang zu strotzen, denn momentan arbeiten die fünf Jungs schon am zweiten Album. Dass die Jungs nicht aus dem Nichts kommen, war eh klar. Die Bandmitglieder tummeln sich schon jahrelang in der Osloer Underground-Szene, bisherige Bands waren This Sect, Kite, Dunderbeist, Endtimers, Contrarian und Melkeveien. Die Band schert sich wenig um Genrezugehörigkeit und mischt unter ihren hauptsächlich im 90’s Post-Hardcore/Emocore/Indie-Sound auch Rock, Metal und Post-Punk. Mich erinnert das ein wenig an Bands wie At The Drive-In oder Glassjaw.


Dead Years – „Selftitled“ (My Ruin) [Stream]
Nach ’ner Demo kommt das Bielefelder Trio mit seinem Debutalbum um die Ecke. Die zwei Herren und die Dame waren und sind noch in anderen Bands unterwegs, Ruins, Pointed, Mayak, Gloom Sleeper, Patsy O’Hara und Shoyu Squad wären da zu nennen. Nun, Dead Years spielen eine melancholische und treibende Mischung aus Punkrock, Post-Punk und etwas Hardcore, die Spielfreude ist hier deutlich zu hören. Der Sound ist knackig und etwas räudig, mal wieder die Tonmeisterei. Durch die male/female Vocals fühle ich mich an Bands wie frühe Monochrome oder Hysterese erinnert.


Foxtails – „Fawn“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Auf dem mittlerweile vierten Longplayer der Screamo-Band aus Connecticut geht es wieder reichlich emotional zur Sache, lyrisch und soundtechnisch wird gelitten, was das Zeug hält. Vertonte Angst und Qual klangen selten so lebendig wie in diesen zwölf Songs. Der Gesang von Megan Cadena-Fernandez reicht von resignierten Spoken Words über leidendes Heulen bis hin zu verzweifeltem Geschrei. Zudem ist die Band vom Trio zum Quartett gewachsen, seit 2021 ist neben Drums, Bass und Gitarre auch eine Geige mit an Bord, welche das Drama noch größer erscheinen lässt. In die vielschichtigen und abwechslungsreichen Songarrangements kann man richtig eintauchen, knapp vierzig Minuten dauert das Kopfkino.


Ruined – „Everything Is“ (DIY) [Stream]
Die Schweizer Band Ruined startete irgendwann im Jahr 2019 als Soloprojekt, mittlerweile ist das One-Man-Band-Projekt zum Quartett angewachsen. Und das, was man auf dem 13 Songs umfassenden Debutalbum zu hören bekommt, läuft mir ziemlich gut rein. Man spürt beim emo-lastigen Sound deutlich den HC/Punk-Background der Bandmitglieder. Hier schwappt vom ersten Ton an die Spielfreude aus den Lautsprechern. Rasant und melodisch geht es zur Sache, dabei freut man sich immer wieder, wenn der Gesang zwischen clean und energisch pendelt. Als Einflüsse werden Turnover, Title Fight oder Basement genannt, ich sehe hier aber auch Parallelen zu Bands wie Lifetime, Hell & Back oder Audio Karate.


Teresa Banks & Cause A Riot – „Split EP“ (Shield Recordings) [Stream]
Hier habt ihr die Möglichkeit, mit einem Tonträger zwei fantastische finnische Bands zu entdecken, die beide ziemlich viel Pfeffer und Melodie im Gepäck haben. Das Quintett Teresa Banks kommt aus Helsinki und ist irgendwo zwischen melodischem Skatepunk und Melodycore unterwegs, dabei wird immer schön das Gaspedal gedrückt. Mehrstimmige Chöre runden das Ganze ab. Cause A Riot aus Järvenpää schlagen in die gleiche Kerbe, sind aber ein bisschen hardcorelastiger. Auch hier ist viel Melodie mit an Bord, Fans von Bands wie Good Riddance, Strike Anywhere oder As Friends Rust sollten hier mal ein Ohr riskieren.