Bandsalat: Alex Mofa Gang, Chin Up, Ithaka, Norbert Buchmacher, Regarding Ambiguity, Surhysa, Tripsitter, We Too Will Fade

Alex Mofa Gang – „Ende offen“ (Redfield Records) [Stream]
Es war mir lange Zeit ein Rätsel: neulich lag ’ne Postkarte mit unbekanntem Absender in der Eingangspost, adressiert an Crossed Letters. Auf der Frontseite war ein uneingerichteter Raum zu sehen, auf dem Teppichboden lag ein Mofa-Helm. Im Text wurde (mit persönlicher Anrede) angekündigt, dass man mich mit auf eine Reise nehmen möchte, bei welcher das Ende offen stehen würde. Gruselig, gell? Jedenfalls checkte ich erst mit der Bemusterung des Digipacks der Band Alex Mofa Gang, dass ich die Postkarte im Zusammenhang mit dem neuen Album der Berliner erhalten habe. Puh, Glück gehabt, doch kein irrer Stalker! Den Helm kann man auf dem Albumcover zusammen mit anderen gepackten Habseligkeiten entdecken, zudem gibt es im echt mal dicken Booklet eine Fotostrecke, wie der Raum langsam leerer wird, bis im Mittelpunkt der CD nur noch der Helm übrig geblieben ist. Sehr coole Idee! Insgesamt sind auf dem dritten Album des Quintetts zwölf Songs zu hören. Da mir die ersten beiden Alben nicht geläufig sind, bin ich froh über die Info, dass Ende offen das Finale einer Trilogie über das Leben von Alex Mofa zum Inhalt hat. Musikalisch wird deutschsprachiger Indie-Pop mit Punkverweisen geboten, die Songs gehen ziemlich schnell ins Ohr und sind äußerst hymnenhaft. Songs wie Dieses Mal oder Erstmal für immer haben das Zeug zu erfolgreichen Radiohits, jedenfalls würde ich es der Band gönnen. Hat irgendwas von Clueso. Trotzdem gibt es auch zwischendurch etwas härtere Gitarrenriffs (Nacht aus Gold oder Düsenjäger z.B.). Also, wenn es schon deutschsprachige Indie-Pop-Musik mit Radiotauglichkeit sein muss, dann bitte so!


Chin Up – „To Whom It May Concern“ (Cat Life Records) [Stream]
Die zweite EP der Bonner Pop-Punker Chin Up kommt genau richtig zum Frühling/Sommer. Das Ding ist als Tape erschienen, so dass ihr euren Ghettoblaster mit an den Baggersee oder ins Freibad nehmen könnt. Fünf sonnige Hits sind auf To Whom It May Concern enthalten. Die Band ist sehr catchy unterwegs, die Gitarren haben immer ein schönes Riff am Start, während die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug schön treibend vorangeht. Cool kommen auch die mehrstimmigen Refrains, die sofort ins Ohr gehen und die ab und an so ’nen gewissen Get Up Kids-Drive haben. Dass die Jungs mit ihrem Sound Spaß haben, kann man dieser EP jedenfalls deutlich anhören. Wenn ihr auf Sound steht, der seine Vorbilder im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende hat, dann könnten Chin Up für euch interessant sein.


Ithaka – „The Language Of Injury“ (Holy Roar Records) [Stream]
Boah, was für ein fettes Monster von Album ist den Londonern denn da gelungen? Also, die 2015-er EP war ja schon ganz schön geil, aber das hier toppt das Ding um Längen. Ithaka bolzen hemmungslos drauf! Hardcore trifft auf Metalcore, ein bisschen Chaos darf natürlich auch nicht fehlen und ab und an gibt es sogar richtig melodische Momente. Rolo Tomassi treffen auf Converge , Meshuggah schauen auch noch vorbei, bis irgendwann noch Svalbard dazu stoßen. Geht gut ab!


Norbert Buchmacher – „Habitat einer Freiheit“ (End Hits Records) [Stream]
Bei den ganzen deutschen Liedermachern, die unter irgendeinem bürgerlich klingenden Namen im Radio ihre belanglosen Songs in Dauerrotation laufen lassen dürfen, kann man schonmal den Überblick verlieren. Die meisten dieser Hanswürste kommen direkt von der Popakademie und haben in ihrem Leben keinerlei musikalische Sozialisation erfahren. Wenn einer von denen mal am Wochenende in der Fußgängerzone bei Minusgraden seine Songs dargeboten hätte, wäre es ja fast schon ein außergewöhnlich harter Werdegang. Bei Norbert Buchmacher ist es irgendwie anders zu dem gekommen, was nun ist. Der Typ war mehr als zwei Jahrzehnte als Roadie unterwegs, spielte selbst in einer Hardcoreband (One On One) und war in diesen Jahren ständig unterwegs und nur selten in seiner Heimat in Ulm. Irgendwann kam er mit Alan Kassab (kennt man von Heartbreak Motel und Zero Mentality) in Kontakt und beide entdeckten einige Parallelen in ihrem Leben. Zudem bemerkten sie, dass sie ähnliche musikalische Ziele vor Augen hatten, so dass erste Demos entstanden. Es wurden neue Mitstreiter gefunden (Ex-Heartbreak Hotel und Final Prayer), die Band war komplett als Quintett. Von der Mucke her gibt es emotionalen Singer-Songwriter, der gern auch mal in Richtung Pop schielt. Ihr wisst schon, so Sachen wie der Boss oder Tom Waits, mit Texten, die aus dem Leben gegriffen sind. Vom Instrumentalen klingt das alles sehr ausgeklügelt und aufeinander abgestimmt. Die Stimme Buchmachers ist sehr dunkel und rauchig, erinnert manchmal gar an Herbert Grönemeyer, was nicht unbedingt auf begeisterte Ohren stoßen wird. Was man jedoch sagen kann: das hier klingt ehrlich, zudem gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen auch an das. Die CD kommt im Digipack mit einem schönen gemalten Albumartwork, ein Textheftchen ist auch dabei. Anspieltipps: Müssterium des Seins, O.M.F. oder Zeitspanner und Regenfäller.


Regarding Ambiguity – „Flayed“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese 12inch war im letzten Besprechungspaket aus dem Hause Dingleberry Records, das DIY-Label scheint aber am Release nicht direkt beteiligt zu sein. So wie es aussieht, wurde das Scheibchen in Eigenregie der Band veröffentlicht. Nun, Regarding Ambiguity kommen aus Kopenhagen/Dänemark und existieren noch nicht allzu lange, bei Flayed handelt es sich um die Debutaufnahmen der vier Jungs. Insgesamt sechs Songs in einer Spielzeit von knapp 21 Minuten sind auf Flayed enthalten. Der Bandname hat wohl etwas mit Mehrdeutigkeit zu tun, trotzdem erschließt sich mir kein Zusammenhang zwischen dem EP-Titel und dem auf dem Cover abgebildeten Vogel, vermutlich ein dicker Spatz. Obwohl, vielleicht soll es auch ein Grünfink oder ein Wellensittich sein. Wellensittich macht noch am meisten Sinn, denn diese haben es in Gefangenschaft wirklich nicht leicht und werden oft geschunden. Leider gibt es kein Textblatt, für die Lyrics muss man auf die Bandcamp-Seite ausweichen. Die Lyrics sind mit sehr persönlichen Gedankengängen ausgestattet, da steckt viel Melancholie und verzweifelte Auswegslosigkeit mit drin. Entsprechend emotional geht es soundtechnisch zu. Der Opener beginnt mit cleanen Gitarren, die allerdings in weniger als zwei Sekunden von wild rotierenden Gitarrenriffs und heftig nach vorne treibenden, fast Blast-Beat-artigen Drums abgelöst werden. Diese Drums, die mal langsam, zäh und mit viel Crashbecken ordentlich Druck machen, Spannung aufbauen und im nächsten Moment abgehen wie eine Rakete, bekommt man im Verlauf der sechs Songs noch öfter zu hören. Dazu schreit sich der Sänger die Schmerzen von der Seele. Auch wenn es manchmal etwas dissonant wird, lassen sich ein paar unterschwellige Melodien ausmachen. Hört euch bitte mal das die A-Seite schließende und extrem vielschichtige Arrows an, dann werdet ihr den Rest der EP sowieso gleich hören wollen! Auf der B-Seite geht es in dem Tempo weiter. Was mir an Regarding Ambiguity sehr gut gefällt, ist die Vielseitigkeit des Sounds. Da werden Post-Hardcore-Elemente mit Screamo/Skramz und Emocore gemischt, da wechseln sich harmonische Melodic Hardcore-Anteile mit delayartigen Post-Rock-Parts und Blast-Beat-Attacken. Das kommt zum einen insgesamt verdammt druckvoll rüber, zum anderen aber auch extrem melancholisch. Regarding Ambiguity sollte man jedenfalls sehr gut im Auge behalten, denn Flayed ist ein vielversprechendes Debut!


Surhysa – „Zaesur“ (DIY) [Name Your Price Download]
Als ich über Bandcamp auf Surhysa aufmerksam geworden bin, hatte sich die Band aus Regensburg bereits aufgelöst. Was bleibt, sind diese letzten Aufnahmen, die sozusagen zum Ende der Band hin aufgenommen wurden. Surhysa vermachen auf Zaesur insgesamt sechs Songs, die sich zwischen Post-Hardcore, Screamo, Hardcore und Punk bewegen. Gesungen bzw. geschrien wird in deutscher Sprache, die Texte (zwei Songs sind rein instrumental) sind außergewöhnlich gut und beherbergen Zitate von Fromm, Adorno, Tucholsky und anderen geistigen Größen. Erinnert teilweise ein bisschen an 90’er Zeugs á la Bremer Schule (Loxiran, Lebensreform), Bands wie z.B. Stagnations End oder Tidal kommen ebenso in den Sinn. Gefällt ziemlich gut!


Tripsitter – „The Other Side Of Sadness“ (Prosthetic Records) [Stream]
Aus der Gemeinde Navis im Bundesland Tirol kommen Tripsitter. Vielleicht könnt ihr euch noch dunkel erinnern, das Video zum Song Metamorphose wurde mal vor einiger Zeit auf diesen Seiten gepostet. Zu dieser Zeit fand man wenig Material der Österreicher im Netz, dafür tourten die Jungs fleißig. Und das viele Touren hat sich ausgezahlt, wie man auf dem Debütalbum des Quartetts deutlich hören kann. Das Album sei allen ans Herz gelegt, die etwas mit durchdachtem, in sich stimmigem Post-Hardcore anfangen können und auch die emotionale Seite zu schätzen wissen. Tripsitter haben zehn Songs am Start, die absolut überzeugen können. Die Gitarren kommen auf der einen Seite hart und melodisch, können aber auch ruhigere Töne anschlagen, während der Sänger leidend und verzweifelt schreit, als ob sein Leben davon abhängen würde. Eine gewaltige Portion Leidenschaft und Herzblut schwappt euch da entgegen! Wie Spannungsaufbau funktioniert, haben die Jungs auch raus, zudem lebt die Platte von den abwechslungsreichen und vielschichtigen Songarrangements und der knackigen Produktion, die aber trotzdem noch wütend, roh und ungeschliffen klingt. Ancheckpflicht für Fans von Kapellen wie z.B. We Never Learned To Live oder Svalbard!


We Too, Will Fade – „Enough“ (midsummer records) [Stream]
Die Band aus München startete einst im Jahr 2017 als Duo, jedoch dauerte es nicht lange, bis zwei weitere Leute mit von der Partie waren, so dass auch ausgiebig getourt werden konnte, sowohl im Inland als auch im Ausland. Die Debut-EP des Quartetts ist via midsummer records in digitaler Form erschienen. Die sechs Songs bringen es auf eine Spielzeit von 26 Minuten. Musikalisch wird mitreißender Post-Hardcore dargeboten, dabei schleichen sich immer wieder Einflüsse aus Melodic Hardcore bis hin zum Post-Rock mit in den Sound der Münchener. Die Gitarren haben tolle Riffs am Start und toben sich vom moshigen Sound bis hin zu ruhigeren und atmosphärischen Passagen auf einer breitgefächerten Spielwiese aus. Auf der einen Seite stehen fette Riffs, vertracktes Drumming und leidende Schrei-Vocals, auf der anderen Seite kommen immer wieder diese fast verträumten Passagen, cleane Vocals oder auch Spoken Words. Die Songarrangements sind ineinander stimmig und die fette und glasklare Produktion ist auch vom Feinsten, so dass im Verlauf der EP keine Ermüdungserscheinungen auftreten. Für eine Debut-EP hat die Band hier hervorragend abgeliefert, da kann man gespannt sein, was wir von den Münchenern in Zukunft noch zu hören bekommen werden. Ich empfehle mal den Titelsong als Anspieltipp, hier habt ihr das variantenreiche laut/leise-Spiel am eindrucksvollsten im Ohr, zudem weiß hier auch noch die engelsgleiche Frauenstimme im ruhigen Teil zu gefallen.


 

 

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Reveries & Chalk Hands & Okänt – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Insgesamt drei Bands teilen sich hier eine einseitig gepresste 12inch, die dazu noch mit einem schönen Albumartwork daher kommt, das zum Grübeln einlädt. Auf dem Frontcover ist eine Zeichnung zu sehen, auf dem ein Typ noch in halbwegs geordneten Bahnen zu existieren scheint, allerdings kündigt sich hier schon ein gewisses Unheil/Chaos an. Auf der Rückseite scheint bereits einige Zeit vergangen zu sein, die Erde liegt in Trümmern, der Typ ist verschwunden. Nur noch seine Klamotten, die bereits zerfallenen Möbel und die Pflanze, die sogar weitergewachsen ist, deuten auf die Existenz des Typen hin.

Dass es sich bei den drei Bands um die Crème de la Crème der internationalen Underground-Szene handelt, zeigt bereits die Latte an renommierten DIY-Labels, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records und Time As A Color sind noch Missed Out Records, Future Void Records, Callous Records, Smart & Confused ‎und Dischi Decenti mit am Start.

Auf die Band Reveries wurde ich vor einiger Zeit aufgrund eines Leser-Tipps aufmerksam. Deren selbstbetiteltes Debut hat schon etliche Hördurchläufe meinerseits hinter sich, das Ding nutzt sich überhaupt nicht ab! Reveries aus Boston, Massachusetts zeigen gleich mal zum Auftakt, dass von der Band noch einiges zu erwarten ist. Casting Shade beginnt mit diesen weinenden 90’s Emo-Gitarren, die zuerst flächig bretzeln und dann zurückgenommen werden. Zusammen mit dem Bass, den variantenreich gespielten Drums und dem verzweifelt heiseren Geschrei ist das hier vertonte pure Emotion! Schade, dass nach vier Minuten schon wieder Schluss ist.

Bevor man aber jetzt Zeit hätte, Reveries lange hinterherzutrauern, lassen Chalk Hands, die ja auch keine Unbekannten mehr sind, mit ihrem Song Charm für viereinhalb Minuten alle Lampen lichterloh leuchten. Die Band aus Brighton, UK habe ich mit ihrer Burrows & Other Hideouts EP kennengelernt, zudem machte ich im Zuge dessen auch noch mit der Band I Feel Fine Bekanntschaft, die sich mit Chalk Hands den Gitarristen teilen. Auch hier findet man sich direkt im Song wieder. Die Gitarren sind zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, dafür ziehen die Drums langsam an, fahren dann etwas zurück, nur um hinterher wuchtiger wiederzukommen. Der Sänger leidet auch Höllenqualen. Die Gitarren fangen an zu rotieren, türmen sich etwas auf, bis dieser gefühlvoll gezockte Mittelteil kommt, der einem wahrlich eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Insgesamt bekommt ihr hier einen vielschichtigen und sehr emotionalen Sound auf die Ohren, der sich zwischen Post-Hardcore, Emocore, Screamo und etwas Post-Rock bewegt.

Okänt sind dann die einzige Band, deren Schaffen mir bisher gänzlich unbekannt ist. Das Quintett aus Stockholm, Schweden hat bisher eine digital releaste EP im Rücken. Der Beitrag zur Split lautet auf den Namen Begravningsvisa/Näktergal und scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Die Reise beginnt mit Piano-Klängen und herzzerreißend gescreamten Vocals, mehr braucht es nicht, um pure Melancholie zu erzeugen. Nach diesem zweiminütigen Auftakt wird es erstmal ohrenbetäubend laut, bleibt aber mindestens genau so emotional, sogar noch mal an Intensität steigernd. Flirrende Gitarren, treibend gespielte Drums und die bereits bekannten gescreamten Vocals türmen sich zu einem epischen Sound auf, der sehr melancholisch in seiner Grundstimmung rüberkommt. Die in schwedischer Sprache gesungenen Vocals haben etwas mystisches an sich. Musikalisch bewegt sich das Quintett zwischen Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock.

Alle, die die Bands sowieso bereits kennen, werden eh blind zugreifen. Allen anderen sei dieses DIY-Release ans Herz gelegt, um auf einen Hau gleich drei geile Bands kennen und lieben zu lernen. Großes Kino, das!

9/10

Bandcamp / Dingleberry Records


 

Dingleberry Records 7inch-Special: For Your Health, Macramé, Tall Ships Set Sail, Weiche

For Your Health – „Nosebleeds“ (Dingleberry Records u.a.) [Name Your Price Download]
Aus Columbus, Ohio kommt diese ziemlich neue Band namens For Your Health, deren 7inch-Debut in der Szene bereits einen guten Ruf voraus hat. Die blutrote 7inch ist in einem mit punkigem Artwork versehenen, ebenfalls nasenblutroten Faltcover versteckt, dazu gibt es ein Textblatt. Die sieben Songs zwirbeln innerhalb einer Spielzeit von elf Minuten durch, zwischen den Songs gibt’s ein paar Film-Samples zu hören. Und obwohl elf Minuten ja echt kurz sind, passiert enorm viel in dieser Zeit. Was den Sound der Band so spannend macht, sind auf der einen Seite diese chaotischen Soundausbrüche und die punkig-hardcorelastige Grundstimmung, auf der anderen Seite schleichen sich aber auch immer so ein paar melodische Momente in den räudigen Krach mit ein. Dazu gesellen sich messerscharf gespielte Gitarren, chaotische Knüppeldrums und hektische, übersteuerte Kreischvocals, welche öfters mal an den Typen von Cryptic Slaughter erinnern. Obwohl der Bass oftmals ziemlich knödelt, gibt es auch hier ruhigere Parts zu entdecken. Hell.Maybe Further. ist z.B. eins der eindrucksvollsten Stücke, bei welchem die ganze Bandbreite der Jungs zu hören ist. Second Aid Kit und Exit Flesh gehen in eine ähnliche Richtung, gerade letztgenannter Song hat einen hohen emotive Screamo-Anteil. Die destruktiven und düsteren Texte unterstreichen den Wahnsinnsfaktor des Sounds nochmals doppelt. Ich empfehle beim Hörgenuss ein wenig am Bassregler zu drehen, da die Snare ein bisschen hell abgemischt ist. Aber vermutlich ist dieser blecherne Klang sogar gewollt, das verleiht dem Ganzen einen thrashig-punkigen Anstrich! Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records und Middle-Man-Records erschienen. Tolles Debut, das unbedingt Appetit auf mehr macht!


Macramé – „Revenants“ (Dingleberry Records u.a.) [Name Your Price Downoad]
Unter Macramé versteht man eine spezielle Knüpftechnik zur Herstellung von Textilien, Schmuck oder verzierten Ornamenten. So, und das war’s auch schon, was ich zu Macramé im Internet heraus fand. Entweder werden die Internetseiten, in welchen es um die Band Macramé geht, durch diese Namensvetterschaft nicht gefunden, oder es gibt einfach schlichtweg keinerlei Informationen über die Band im Netz. Egal eigentlich, denn so bleibt das kleine 7inch-Scheibchen mit dem farbenfrohen Cover ein absoluter Geheimtipp unter Vinylliebhabern und Emopunk-Fans. Hinter Macramé stecken übrigens Riley Mosby, die (oder der?) auf diesen fünf Songs alle Gitarrenspuren eingespielt hat und Middle-Man-Records-Chef Shawn Decker, der für Bass, Drums und Vocals verantwortlich ist. Jedenfalls machen die fünf Songs richtig gute Laune, die Gitarren kommen schön melodisch, irgendwie erinnert mich der Sound an eine sonnige Mischung aus Samiam und I Love Your Lifestyle mit einem Schuss Get Up Kids. Zum melancholischen Sound passen natürlich die persönlichen Lyrics, die man auf dem beiliegenden Textblatt in etwas schnörkeliger Schrift nachlesen kann. Bei schummrigem Licht tut man sich mit der Schrift etwas schwer, aber es funtioniert dann doch irgendwie. Die 7inch ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Middle-Man-Records und TimTam Records erschienen. Greift hier zu, wenn ihr auf frischen und catchy Emopunk steht, ihr werdet es keinesfalls bereuen! Das hier ist allerfeinste Sahne!


Tall Ships Set Sail – „I’d Have Money If I Didn’t Spend It All“ (Dingleberry Records u.a.) [Name Your Price Download]
Was für ein DIY-Leckerbissen! Ich kannte Tall Ships Set Sail bis zum Eintreffen eines Besprechungspaketes aus dem Hause Dingleberry Records zu meiner Schande noch nicht. Allein die Aufmachung der 7inch ist schon ein doppelter Hingucker wert. Aber erstmal von vorn: Tall Ships Set Sail kommen aus Providence, Rhode Island und die vier Songs auf diesem Release sind bereits im Jahr 2014 über Driftwood Records als CD-R und Tape erschienen. Zeitmaschine! Die Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records und Illuminate My Heart Records macht es nun möglich, in den Genuss dieser vier exzellenten Songs zu kommen, allerdings sollte man sich ranhalten, die Auflage ist streng limitiert. Die Songs sind auf hartes, durchsichtiges Plastik gepresst, die Plastikplatte ist quadratisch, hergestellt auf einer Pressmaschine und der Press-Technik aus den Vierziger Jahren. Wer sich nicht traut, das Ding auf dem Plattenspieler mit viel Gewicht auf dem Tonarm abzuspielen, dem wird die beigefügte CD gerade recht kommen. Zudem wird man bereits nach ein paar Hörrunden so süchtig nach dem Sound des Quartetts sein, dass man die CD gerne auf Dauerrotation in den Player schmeißt. Tall Ships Set Sail machen nämlich vorzüglichen Emocore mit 90’s-Einschlag. Intensiv, mit emotive Screamo-Ausbrüchen, verträumten Gitarren und leidenschaftlich geweinten Vocals. Die sehnsüchtigen Lyrics über die bitteren Konsequenzen einer gescheiterten Liebesbeziehung könnten kaum schmerzvoller sein. Die Texte kann man übrigens im beiliegenden, selbst zusammengetackerten und farbigen Textheftchen nachlesen. Mit diesem Sound komm ich einfach sehr gut drauf, so mag ich das! So wie ich das verstanden habe, hat sich die Band nach einer Trennung mittlerweile wieder zusammengefunden und irgendwie haben sich die Jungs entschlossen, unter dem Namen Amitié weiterzumachen.


Weiche – „Versprecher / Rückzieher“ (Dingleberry Records u.a.) [Freier Download]
Die Frankfurter Band Weiche kam mir erstmals mit ihrem 2017er Debut-Album unter die Ohren. Damals empfand ich den Sound des Trios ziemlich schwer zugänglich, was mitunter daran lag, dass der walzende und düstere Sound der Jungs auf Albumlänge etwas an meinem Nervenköstüm nagte. Man muss für so einen miese-Laune-Sound schon in etwa ähnlicher Gemütsstimmung sein, dass es klick macht. Oder, man schaut sich die Band lieber live an, was bestimmt besser funktioniert, als sich mit dem Album im stillen Kämmerlein einzusperren und mies draufzukommen. Nun, bei der neuen 7inch der Band klappt es aufgrund der kurzen Spielzeit von knapp acht Minuten irgendwie besser, so dass man nach Hörgenuss nicht völlig ausgelaugt ist und sogar zwischendurch meint, eine melodische Gitarre im Soundbrei zu vernehmen. Die zwei Songs, die in ein fast schon für Bandverhältnisse farbenfrohes Artwork verpackt sind, klingen dennoch roh, räudig und brutal. Viel Crashbecken, walzende Drums, runtergestimmte Gitarren, fuzziger Bass und unmenschliches Geschrei sind die Grundpfeiler. Die Texte kann man leider nicht verstehen, ein Textblatt liegt leider nicht bei. Jedenfalls lärmen die drei Jungs gewaltig, das Gemisch aus Noise, Doom, Metal, Hardcore und Punk entwickelt sich nach mehreren Durchläufen zu einem richtig fiesen Monster. Eignet sich dafür, laut aufgedreht im Auto junge Anhalter am Straßenrand einzuladen und wortlos bis zum Fahrziel dafür zu sorgen, dass es keine gute Idee ist, in fremde Autos einzusteigen! Ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Kink Records, WOOAAARGH und Ecocentric Records erschienen.


 

Snarg – „Snarg II“ (Tanz auf Ruinen)

Manchmal verliert man etwas aus den Augen, was man einst hart abgefeiert hat. Vielen Dank, Du doofes Überangebot! Es war irgendwann im Jahr 2013, als ich beim Bandcamp-Surfen auf die Band Lafftrak aufmerksam wurde und direkt in meinem damaligen Blog darüber berichtete. Echt abgefahren, was die Jungs aus Köln und Hannover mit ihrem 8bit-Synthie-Hardcore-Punk da fabrizierten. Als Echsenmenschen verkleidet, feierten sie damals mit ihrem Militant Straight Echs eine wilde Echsenparty. Was ich aber irgendwie nicht mitbekam: zu jener Zeit schien der Ärger im Paradies und das Ende der Welt bereits besiegelt, für die Band war leider Game Over. Dass damals mit der Bekanntgabe des Endes der Band sogar gleich mit Snarg ein Nachfolger präsentiert wurde, ging mir gründlich durch die Lappen. Und irgendwie meint es das Schicksal hin und wieder doch gut mit mir! Bis vor kurzem die Besprechungsanfrage aufploppte und ich von Snargs Mucke ziemlich schnell angefixt war, so dass kurze Zeit später das Bemusterungspaket aus dem Hause Tanz auf Ruinen eintrudelte, war mir das eben geschilderte nicht bewußt. Erst, als ich im Textblatt die E-Mail-Adresse mit dem Zusatz @echsenmenschensystem erblickte, ertönte der große Gong mit dem überdimensional großen Vorschlaghammer! Booooonnnnnngg!

Die Echsenkostüme sind mittlerweile abgelegt und dürften langsam ausgetrocknet sein, wenn man den vielen unkostümierten Personen auf den zahlreichen Fotos auf dem Textblatt der 12inch glauben darf. Solche Fotosammlungen auf Textblättern liebe ich ja, da hat man was zu gucken, nachdem man die Texte studiert hat und zum wiederholten Mal die Platte wendet! Auf den Fotos sieht man jedenfalls, dass Snarg eine lustige Truppe ist, die verdammt viel Spaß hat, bei dem was sie macht. Selbst wenn die aus dem Leben gegriffenen deutschen Texte (lediglich im Song Minigolf, Tod sind ein paar englische Sätze enthalten) eher nachdenklich stimmen und sehr selbstbezogene Inhalte haben, denen man die Verzweiflung anhört, denke ich, dass dies rein der Selbsttherapie dient. Mir persönlich sind solche Gedankengänge ebenfalls nicht fremd, da draußen wird es noch mehr Leute geben, die ähnliches fühlen. Und packt man das kanarienvogelgelbe Vinyl auf den Plattenteller und setzt die Nadel auf, dann kann man diesen sichtbaren Spaß auf den Fotos auch in der Musik der Jungs wiederentdecken. Ja, in diesen acht Songs steckt eine Menge Leidenschaft und Herzblut! Und das zeigt auch, dass die Hoffnung auf ein ausgeglichenes Leben noch längst nicht aufgegeben wurde. Im Leben geht es halt mal bergauf und mal bergab, wie auf dem Foto des Plattencovers zu sehen. Die 12inch ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Tanz auf Ruinen, Dorfpunkgang, Tief in Marcellos Schuld Records, Last Exit Music und Kitty On Fire Records erschienen, Tapes gibt es über Uga Uga Tapes oder Tief in Marcellos Schuld Records.

Der Opener Hand legt schonmal ein flottes Tempo vor. Zudem besitzt er diese Gabe, dass man sofort hellhörig wird und genau in diesem Moment ahnt, dass Snarg das Zeug zur neuen Lieblingsband hat! Melodische Gitarren treffen auf quirlige Keyboards, Post-Hardcore meets Synth-Punk! Spätestens beim mehrstimmigen Schlussrefrain glänzen die Augen wie ein kristallblauer Bergsee! Und das wohlgemerkt nach nur knapp anderthalb Minuten. Und es geht in dieser Art weiter: Minigolf, Tod dehnt sich auf über drei Minuten aus, ist aber so verdammt vielschichtig und in sich stimmig, zudem ist der Song darüber hinaus auch noch verdammt catchy.  Da bekommt man echt den Mund nicht mehr zu! Die Gitarren zwirbeln sauber und gefühlvoll durch, die Keyboards wirken überhaupt nicht fehl am Platz und werden schön in den Sound eingepflanzt, selbst wenn der Elektronik mal mehr Platz eingeräumt wird (wie z.B. beim Song Playstation 2 oder beim Intro zu 0,875) stört das nicht die Bohne. Setzte man bei Lafftrak auf verrückte Synthie-Sounds mit Hang zu nerdigem Math, wird das Ding hier im Einklang mit den Gitarren eingesetzt. Die eingängigen Melodien setzen sich unweigerlich im Gehör fest, die Instrumente verschmelzen zu einem großartigen Soundbrei, der Dich zum Schwitzen bringt. Der Gesang, der mal wütend, mal verzweifelt aber immer leidenschaftlich herausgeschrien wird, transportiert eine Menge Melancholie mit sich, auch die immer wieder auftauchenden Singalongs passen hervorragend und dürften live sicher dazu verleiten, dass die Meute hart um den Platz am Mikro kämpfen wird. Tanzbar ist dieser Sound auf alle Fälle, mit Zappelfaktor natürlich! Und nachdem die Schlusstöne von Fallen erklungen sind, erkennt ihr den einzigen Fehler dieses Albums: das Ding ist mit etwas knapp über 18 Minuten viel zu kurz ausgefallen! Wenn ihr das Warten auf neuen Stoff der Band Fluten schon aufgegeben habt, so Zeugs wie Antitainment vermisst oder einfach nur wissen wollt, wie moderner Post-Hardcore zu klingen hat, dann dürftet ihr mit Snarg II glücklich werden! Tja, und ich zieh mir jetzt noch Snargs Debut rein, denn ich hab ’ne neue Lieblingsband gefunden!

9/10

Facebook / Bandcamp / Tanz auf Ruinen


 

Féroces – „Joséphine“ (Dingleberry Records u.a.)

Die Band Féroces geht mit ihrer neuen EP in die dritte Runde, und darüber bin ich höchst erfreut! Denn die ersten beiden 12inchs haben mich so in den Bann gezogen und fasziniert, dass ich jubelte, als die Joséphine-12inch aus dem neulich eingetroffenen Besprechungs-Paket aus dem Hause Dingleberry Records zum Vorschein kam. Obwohl instrumentale Musik nicht unbedingt zu meinen Vorlieben zählt, hat es mir der Sound auf den beiden Vorgänger-EP’s der Franzosen ziemlich angetan. Ob mit Joséphine das Kapitel Féroces nun geschlossen wird, wird sich wohl noch herausstellen, denn das Trio hat neulich bekannt gegeben, dass sich Gitarrist Jérôme leider dazu entschieden hat, die Band zu verlassen. Vorerst pausiert die Band nun also erstmal und man wird schauen, was passiert. Die 12inch ist übrigens wieder als Co-Release erschienen, neben Dingleberry Records sind die Labels Tim Tam Records und Médiapop-Records beteiligt.

Durch alle drei EP’s zieht sich bekanntermaßen ein Konzept: die Band hat sich mit ihrer Musik vorgenommen, dem französischen Kino der letzten zwei Jahrzehnte ein Denkmal zu setzen. Zudem tragen alle drei EP’s Titel, die den Namen eines bestimmten Film-Charakters zieren. Nach Juliette und Victor kommt also nun Joséphine zum Zug. Joséphine ist der Rollenname der Schauspielerin Alice Isaaz im Film Espèces menacées (Bedrohte Tierarten), der mir persönlich als Filmlaie total unbekannt ist. Hab deshalb ein bisschen im Internet recherchiert: wie schon bei den beiden Vorgängern, handelt es sich bei diesem Film auch wieder um ein Schicksals-Drama. Im Film geht es wohl um die Geschichte dreier Familien, die miteinander verknüpft sind. Joséphine und Tomasz zum Beispiel vermitteln nach außen hin den Anschein eines glücklichen Paares, bis Joséphines Eltern eines Tages ein dunkles Geheimnis entdecken, das die beiden verbergen. Die sechs Songs sind erneut mit reichlich Samples, hauptsächlich gesprochenen Film-Dialogen ausgestattet. Und auch beim Coverartwork ist sich die Band treu geblieben. Das gerasterte Foto zeigt Joséphine im Moment, in dem sie von Tomasz bedroht wird. Der EP-Titel ist diesmal in gelber Farbe abgedruckt, passend zum gelben Vinyl. Und doch, ein klitzekleines Detail ist im Vergleich der beiden Vorgänger anders: hatten beide Vorgänger eine identische Spielzeit von genau 27 Minuten, liegt die Laufzeit der sechs Songs bei etwas knapp über 25 Minuten. Das Bandmotto Personne ne chante, personne ne danse (Niemand singt, niemand tanzt) darf diesmal natürlich auch nicht fehlen.

Auch musikalisch verlässt sich die Band auf ihr Gespür für ausgeklügelte Songarrangements, die mit allerlei experimentellen Spielereien, tollen Gitarren- und Bass-Parts, sphärischen Keyboars und punktgenauem Drumming ausgestattet sind. Im Prinzip nichts neues, könnten jetzt böse Zungen behaupten. Und trotzdem steckt jedes Release voller Eigenleben, so auch Joséphine. Man merkt den Songs förmlich an, dass hier viel Liebe und Energie reingesteckt und viel getüftelt wurde, bis das Ergebnis stand. Und man hat das Gefühl, dass die Musik eine eigene Interpretation der Filmszenen darstellt. Je tiefer man in die Musik des Trios eintaucht, umso mehr Details lassen sich entdecken. Die Dialoge unterstreichen dabei die Dramatik der Musik, dadurch wird die Intensität nochmals deutlich gesteigert. Und bevor ich jetzt einzelne Songs aus dem Gesamtbild rausnehme und euch als Anspieltipp präsentiere, solltet ihr die EP lieber in ihrer Gesamtheit genießen. Am eindrucksvollsten kommt die Musik von Féroces natürlich auf Vinyl rüber, am besten bei Dunkelheit, schummrigem Licht und voller Konzentration auf die mystischen, gespenstischen, aber auch erotischen Klänge. Keine Frage, den Franzosen ist mit Joséphine zum dritten Mal in Folge ein Meisterwerk in Sachen Post-Rock gelungen!

8/10

Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


 

Lord Snow – „Shadwomarks“ (Adagio830 u.a.)

Irgendwie ist die TV-Serie Game Of Thrones bisher ja komplett an mir abgeprallt. Sobald im Freundeskreis die Diskussion auf die Serie kommt, suche ich schleunigst das Weite. Auch, um etwaigen Spoilern aus dem Weg zu gehen, falls ich die Serie doch noch irgendwann mal gucken sollte (am besten, in einem Rutsch). Jedenfalls hätte ich vermutlich bis heute keinen blassen Schimmer davon, dass Lord Snow aus Chicago ihren Namen so ’ner Figur aus Game Of Thrones zu verdanken haben, wenn ich nicht einst ein Interview mit der Band auf dem leider nicht mehr fortgeführten Blog Form und Leere gelesen hätte. Zudem erfuhr man dort auch, dass die Band total auf Fantasy-Videogames abfährt. Auch ein Bereich, in dem ich mich null auskenne. Die bisherigen Releases waren z.B. nach Orten benannt, die Bezug zum Videogame Skyrim haben. Shadowmarks reiht sich in diese Tradition ein. Mit Shadowmarks werden in Skyrim nämlich Symbole bezeichnet, die von einer Diebesgilde ähnlich wie die guten alten Gaunerzinken an Gebäuden angebracht werden, um bereits ausgekundschaftete Informationen an vorbeiziehende andere Kriminelle weiterzugeben.

Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, machte ich mich auf der Plattenhülle auf die Suche nach irgendwelchen Geheimzeichen, wurde aber nicht fündig. Das Coverartwork ist ziemlich schattenreich und düster ausgefallen und passt daher bestens zum Titel der EP, die übrigens im 12inch-Format in Zusammenarbeit der Labels Adagio830 und Dog Knights Productions erschienen ist. Erst dachte ich ja, dass es sich bei Shadowmarks um ein ganzes Album handeln würde, aber letztendlich sind leider nur fünf Songs enthalten. Beide Vinylseiten sind mit diesen fünf Songs identisch gepresst, so dass es letztendlich schnurz ist, welche Seite nach oben liegt. Die Labels unterscheiden sich jeweils nur durch die aufgedruckten Logos der beiden beteiligten Plattenlabels. Im Plattenkarton findet man neben einem Downloadcode auch ein Textblatt, was ganz praktisch ist, da man das Gekeife von Bassistin und Sängerin Steph Maldonado beim besten Willen nicht verstehen kann.

Und kaum setzt die Nadel auf’s Vinyl, wird nach einem polterigen kurzen Intro bereits klar, dass Lord Snow ihrem bisherigen Sound treu geblieben sind. Die Gitarre zwirbelt chaotisch drauf los und erschafft so Töne, bei denen man nicht glauben kann, dass die von einer Gitarre stammen. Es fiept und zirpt und quitscht, der Bass knödelt ordentlich, dazu spielt sich der Drummer in Extase, insgesamt klingt alles sehr hektisch. Wie machen die das nur technisch und spielerisch? Das klingt so roh, brutal und doch so melancholisch! Richtig intensiv wird es dann, wenn die gänsehautverursachende Kreissägenstimme von Sängerin Steph Maldonado pure Verzweiflung leidet. Zusammen ergibt das ein tiefstemotionales Screamo-Massaker, wie man es von Lord Snow bisher in dieser Qualität noch nicht gehört hat! Da merkt man einfach diese langjährige Verbundenheit und Verwurzelung der Bandmitglieder in der Chicagoer Screamo-Szene heraus. Die Mitglieder sammelten vor Lord Snow bei Bands wie z.B. Suffix, The New Yorker, Lautrec, und Raw Nerve reichlich Erfahrung. Das Trio ist also mit Haut und Haaren bei der Sache, das stellt man mit offenem Mund nach dem ersten Durchlauf von Shadowmarks zweifelsohne fest. Zappelndes Chaos mit Powerviolence-Referenzen trifft auf zig Rhythmuswechsel, zwischendurch kaum erwähnenswerte Verschnaufpausen, die einzig dazu dienen, immer wieder neue Spannungsbögen aufzubauen, bis sich alles in einer wahnsinnig intensiven Screamo-Orgie entlädt. Das Ding ist die absolute Wucht!

10/10

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Younger Us – „Tired Tried“ (Day By Day Records)

Mit ihrer Debut-EP Graustark legte die Band aus der Schwabenmetropole Stuttgart schon mal die Meßlatte für kommende Veröffentlichungen ziemlich hoch. War das Ding schon rein optisch eine DIY-Augenweide, konnten die darauf enthaltenen sechs Songs durch eine gesunde Mischung aus bombastischem Hardcore gepaart mit einem satten Schuss Melancholie überzeugen. Nun folgt also mit Tired Tried der erste Longplayer der Stuttgarter. Rein optisch haben sich die Jungs auch hier wieder was pfiffiges einfallen lassen. Die 12inch kommt in einer mit dem Bandnamen bedruckten PVC-Plattenhülle, dahinter lässt sich ein Albumcover entdecken, das mit einem Foto eines Müllhaufens bedruckt ist. Im Müllhaufen erspäht man so allerhand Verpackungsmüll, jede der abgebildeten Kunststoffverpackungen benötigt übrigens mehrere Jahrhunderte, bis sie zersetzt ist. Mit Schaudern denkt man dadurch natürlich an die Mikroplastik-Partikel, die durch solchen Müll in unseren natürlichen Kreislauf gelangen. Das Albumcovermotiv spiegelt auch die eigene Machtlosigkeit dieses Umweltproblems wider. Selbst wenn man bewusster einkauft und versucht, Müll zu vermeiden, gibt es immer noch genügend menschliche Individuen auf der Welt, denen all das komplett am Arsch vorbei geht. Traurig, Tired, Tried. Auf dem Albumbackcover gibt es dann passenderweise einen Straßenzug mit einer überquellenden Mülltonne, daneben ein kleiner Billig-Supermarkt, in dem es sicher haufenweise Plastikschrott zu kaufen gibt. Aus dem Plattenkarton kommt neben rotem Vinyl mit schwarzen Rauchschwaden ein knallrotes, stabiles Textblatt zum Vorschein.

Und sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, dauert es nicht lange, bis man sich nach einem düster klingenden Gitarren-Intro in einem dissonanten Gewittersturm befindet. Das Schlagzeug legt in der Geschwindigkeit eines D-Zugs los, die Gitarren rotieren ohne Ende und der Bass knarzt schön knackig. Zudem kommt das resigniert leidende Geschrei des Sängers dazu. Zwischendrin wird das Tempo ein bisschen gedrosselt, was der Rohheit des Sounds jedoch noch mehr zugute kommt. Erst mit dem zweiten Stück, The Laundry Song wird es neben dem brutalen und reinigendem Soundbrei etwas unterschwellig melodischer, trotzdem walzt die Rhythmusmaschine aus fuzzigem Bass und kraftvoll zerhackten Drums und messerscharfen Gitarren unaufhörlich. Hört nur mal den Anfang vom mächtigen Hiding! Schön im Midtempo angesiedelt, tauchen auch hier diese melancholischen Momente auf, vom cleanen Gitarrenriff bis hin zum verzweifelten Geschrei, das hier aber auch melodischere Töne annimmt. Für den rohen und mächtigen Sound zeichnet sich übrigens mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich. Mit Jouska kommt dann erstmals ein Smasher, der eingängiger ist und live sicher für einige gestapelten Leiber vor dem Mikro sorgen wird, das die A-Seite abschließende Swarm Thoughts geht in eine ähnliche Richtung. Überhaupt entdeckt man mit jedem weiteren Durchlauf das Potential der Songs, die wirklich jedesmal noch ein klein bisschen wachsen. Auch die B-Seite wirft einige Highlights in den Raum, Artax und das katharsische I Have… stechen hier besonders hervor.

Und wie schon beim Vorgänger lesen sich die Texte sehr persönlich. Zwischen Resignation, düsteren persönlichen Gedanken, der Flucht davor durch Verdrängung, zuviel Arbeit gepaart mit haufenweise Nikotin und den unausweichlichen immer fortschreitenderen Untergang der Zivilisation schwingt trotzdem ein leicht hoffnungsvoller Unterton mit, den man aber wahrlich suchen muss. Insgesamt erwartet euch mit Tired Tried also ein abwechslungsreiches und intensives Machwerk, das irgendwo zwischen Post-Hardcore, Hardcore, Punk, Noise und Blackened Hardcore angesiedelt ist, dabei aber noch eine Menge an Melancholie mit sich rumschleppt.

8/10

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