Thinner – „Paintime And Glory“ (Midsummer Records)

Das 2013er Album Say It! dauerte so ungefähr 24 Minuten und bot insgesamt 15 Songs, von denen nur ein einziger die Zwei-Minuten-Marke knackte. Das neue Album der drei Berliner hat ebenfalls eine Spielzeit von knapp 24 Minuten, dabei werden aber „nur“ insgesamt zwöf Songs runtergezockt. Ist das so ’n Marketing-Scheiß jetzt? So ’n weniger-in-der-Verpackung-bei-gleichem-Preis-Ding? Wir Schwaben sind ja geborene Fliegenbeinzähler, gell?  Auch wenn wir in Mathe größtenteils nasebohrend aus dem Fenster geschaut und den Strebern anschließend in der großen Pause das Vespergeld abgezogen und ins eigene Sparschwein für’s Häusle-Bauen gesteckt haben, uns kann man nichts vormachen, ha! Deshalb die Frage: Warum bei gleicher Spielzeit weniger Songs? Ist da etwa weniger drin im neuen Thinner-Album?

Nun, auf Paintime And Glory gibt es unter den zwölf Songs gleich 6 Stücke, die die Zwei-Minuten-Marke knacken, einer davon kratzt sogar fast an der Drei-Minuten-Marke. Und wisst ihr was? Trotz den für Thinner-Verhältnisse epischen Songlängen kommt bei keinem der Songs auch nur ein Fünkchen Langweile auf. Im Gegenteil, insgesamt macht sich neben der rotzigen Attitüde eine angenehme Catchyness breit, die der Band ziemlich gut zu Gesicht steht. Die Spielfreude der Jungs wurde super eingefangen (Two Stroke Music/Black Box Studios Berlin), zudem schimmert ab und an so ein gewisser Beatsteaks-Vibe durch, den man auf den ersten Veröffentlichungen der ebenfalls aus Berlin stammenden Chartstürmern noch fand. Gitarrist und Sänger Adrian lässt fast durchgängig die Stimmbänder bis zum Anschlag vibrieren, ab und an kommen im Vergleich zur Say It!  aber auch hymnischere und fast schon gesungene Passagen und ein paar Gangshouts dazu. Und nach wie vor stehen die verdammt geil gespielten und messerscharfen Gitarren im Vordergrund, die zusammen mit dem treibenden Schlagzeugspiel das unkaputtbare und mächtig schwere Grundgerüst von Thinner bilden. Und wenn der melodiös verspielte, teils extrem knödelnde Bass (hört z.B. mal den entzückenden Schluss von True Surrender) und die zweite melodische Gitarre reinschneien, dann ist sogar am Schreibtisch Bierverschütten angesagt. Übrigens kommt das farbenfrohe Albumcover  im LP-Format auch sehr schön rüber.

Auch wenn bei mir selbst das Betonsurfen aufgrund kaputter Knie in Zukunft etwas mager ausfallen wird, empfehle ich euch dieses Album (so wie auch Say It!) für die Kopfhörer beim Skaten. Wo verdammt nochmal haben meine Kinder mein Finger-Skateboard versteckt? Egal…Naja, wie ich aus dem Presseinfo erfahren habe, kennt man Sänger/Gitarrist Adrian nicht nur als Sänger bei der deutschen HC-Band Element, er hat auch lange Jahre für’s Boardstein-Mag die Kolumne „Anleitung zum revolutionären Verhalten“ geschrieben. Dementsprechend handeln die Texte auf Paintime And Glory  dann auch größtenteils von der Straße, hier kommt aber eher der Dreck und Staub auf Berlins verrotteten Wegruinen und maroden Gassen zu Tage. Und das alles in englischer Sprache und in Häppchen ausgekotzt. Gossenpoesie und Alltagsrotz kleben wie schwarzes Pech an den Sohlen der durchlöcherten und abgewetzten Sneakers. Da passt es auch wie die Faust aufs Auge, dass beim Titelstück Paintime And Glory sogar noch Bläser zum Einsatz kommen, die ein wenig an eine Mischung aus den Bläsern von Sheer Terrors Old, New, Borrowed And Blue und NOFX erinnern. Dieses Album ist genau das Richtige für Charles Bukowski-Skatejunkies, für Fans von Bands wie z.B. den frühen Spermbirds, den Skeezicks oder den frühen 59 Times The Pain. Steakknife ist eh klar, das kann man ja schon vom umgedrehten N im Schriftzug ableiten. Und wenn die Jungs nicht schon selbst auf ihrer Facebook-Seite den Spirit von Bands wie z.B. Dag Nasty, Pennywise, Minor Threat, 411, Operation Ivy, Dead Kennedys, Insted, Seaweed, Descendents, Black Flag, Gang Green, Battery, Bad Religion, Rancid, Suicidal Tendencies und blablabla angesprochen hätten, dann hättet ihr das jetzt von mir hören müssen.

8/10

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