Buchvorstellung: Thees Uhlmann – „Sophia, der Tod und ich“ (KiWi)

Steht man klappentextlesend im Buchladen, dann könnte es schon passieren, dass man das Buch aufgrund der geschilderten Geschichte schnell wieder weg legt, denn der Klappentext liest sich zugegeben erstmal wie eine Vorlage zu einem drittklassigen SAT1-Drehbuch. Wohl denjenigen, welchen der Name des Autors ein Begriff ist und die deshalb eine beliebige Seite aufschlagen, um ein bisschen quer zu lesen. Denn dadurch wird man neugierig auf den Rest.

Den meisten von euch Musikbesessenen dürfte Herr Uhlmann bereits als Frontman der Indie-Band Tomte unter die Ohren gekommen sein, auch die Musik, die Thees solo fabriziert hat, wird vielen von euch geläufig sein. Und wer diesen sympathischen Kerl schon mal live auf der Bühne, oder auch nur in der Glotze in irgendeiner Talkrunde bzw. Musik-Nostalgieshow erlebt hat, wird nicht bestreiten können, dass seine unterhaltsam vorgetragenen Anmerkungen zu den unterschiedlichsten Themen einerseits vor charmantem Witz sprühen und andererseits auch große Melancholie und viel Lebensweisheit in sich tragen.

Nun, ich stand mal ausnahmsweise nicht klappentextlesend im Buchladen, nein, ich hatte das Vergnügen, mit dem schicken Thees Uhlmann-Roman zwecks Buchvorstellung bemustert zu werden, was für mich ein absolutes Novum ist. Zudem ist es heutzutage nicht selbstverständlich, dass das von der Post verschlampte Besprechungsexemplar so mir nichts Dir nichts gleich nochmals neu verschickt wird. Tausend Dank deshalb an Benjamin/Fleet Union, so etwas macht glücklich! Total begeistert berichtete ich also einer guten Freundin vom zugeschickten Hardcover-Leseexemplar und meiner beginnenden Laufbahn als Literaturkritiker, worauf sie nur kurz angebunden meinte „erstaunlich, und das, obwohl Du gar nicht lesen kannst“. Und hätte das noch nicht gesessen, legte sie gleich noch einen drauf, indem sie foppend einwarf, dass sie sich eh schon gefragt hätte, wie jemand, der so taub wie ich ist, überhaupt dazu in der Lage sei, Platten zu besprechen. Wobei sie ja schon ein wenig recht hat. Mit Graus denke ich nämlich an meine Schulzeit zurück, als mein eh schon miserabler Notendurchschnitt durch zahlreiche (Fehl-)Interpretationen und das grottenschlechte Erörtern von Texten noch weiter nach unten gedrückt wurde. Ach herrje, diese Gedanken sind keine gute Voraussetzung für eine Buchkritik, aber drauf geschissen, deshalb wieder zurück zum Buch…

Die Story selbst lässt sich kurz zusammenfasssen und trägt auch nur bedingt dazu bei, dass der Roman äußerst gelungen ist. Im Erzählstil, aus der Sicht des namenlosen Hauptdarstellers geschildert, erfährt man ziemlich bald von zwei einschneidenden Lebensereignissen, die dazu beigetragen haben, dass die zum Grübeln neigende Hauptfigur zu einer Art Soziopath geworden ist. Zum einen ist da der eigene Sohn, den er aufgrund einer gerichtlichen Verfügung seit der Trennung von der offensichtlich total gestörten Mutter nicht mehr sehen darf und dem er täglich eine mit einer Zeichnung versehene Postkarte schreibt, in welcher er tagebuchmäßig und in kindgerechter Sprache Ereignisse aus seinem Leben schildert. Zum anderen ist da die schlagfertige Exfreundin, für die im tiefsten Inneren verborgen immer noch eine klitzekleine Flamme lodert.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als es gleich zu Beginn des Romans an der Tür klingelt und der Typ ohne Namen lieber über belangloses Zeug grübelt, als aufzumachen. Man kennt das ja, es klingelt, man denkt sich, oh Mann, wer will mich in meiner grüblerischen Laune wohl stören, eigentlich hab ich’s doch mit all meinen Freunden verscherzt, das kann nur jemand von den Zeugen Jehovas oder von der Gräberhilfe sein. Außerdem hab ich nur ’ne total peinliche Unterhose mit „Eingriff“ an. Und ob es ratsam ist, zwanzig Minuten nach einem ausgiebigem Kichererbsen-Bohneneintopf-meets-Bier-Schiss die Wohnungstür zu öffen, da bin ich mir mal auch nicht so ganz sicher. Das geht dann doch ein wenig zu sehr ins Private. Aufmachen ist also erstmal nicht. Bei unserem Hauptdarsteller ist jedenfalls bereits im dritten Kapitel auf Seite 13 die Kacke förmlich am Dampfen. Denn da erfährt er von dem Typen, der vor ein paar Minuten geklingelt hat und nicht offiziell reingelassen wurde, aber doch plötzlich auf dem Badewannenrand sitzt, dass er jetzt, just in diesem Moment sterben muss. Und genau in diesem Augenblick der Offenbarung klingelt es erneut an der Tür. Ach herrje, von wegen, die Geschichte kann kurz zusammengefasst werden. Kann sie wahrscheinlich schon, aber bestimmt nicht von mir. Und wisst ihr momentan eigentlich, wer mit „er“ gemeint ist? Jedenfalls wird durch das erneute Klingeln und das Auftauchen von Sophia, der Ex-Freundin der Hauptfigur, der Todesvorgang unterbrochen und der Beginn einer wahnwitzigen Odyssee eingeläutet. So, das war jetzt etwas umständlich formuliert, bei Thees Uhlmann liest sich das alles natürlich viel flüssiger und kurzweiliger.

Die Geschichte lebt von den bissigen Dialogen und vom Sprachwitz Uhlmanns, auch kommen in den Gedanken des Hauptprotagonisten zahlreiche melancholische Gedanken auf, mit welchen man sich als Leser mit einer ähnlichen Lebenssichtweise häufig identifizieren kann, zudem ist man beim Lesen immer wieder von dieser scharfen Beobachtungsgabe Uhlmanns fasziniert. An manchen Stellen wird es dann aber auch mal, ähem, sagen wir mal, ziemlich surreal, z.B. als der fast schon lieb gewonnene Tod gegen den anderen wirklich abscheulichen Tod kämpft und alles drum herum wirkt, als wäre man in einer Zwischenwelt eines Herr der Ringe-Filmes von Blitzen umgeben. Wieviel Nahtod- oder Drogenerfahrungen des Autors wohl hinter diesen Kulissenbeschreibungen stecken? Naja, wahrscheinlich hat sich Thees nur vom Album-Cover der Pleasure To Kill-LP von Kreator inspirieren lassen, wer weiß das schon.

So, bevor ihr jetzt also eure Augen am Bildschirm durch das Lesen von Schund wie dem meinen kaputt macht, solltet ihr endlich mal wieder in einen Buchladen gehen, euch ausnahmsweise klappentextlesend an das Buchregal mit den Bestsellern begeben, unauffällig das Buch schnappen und schnurstracks nach Hause eilen. Setzt euch in euren Ohrensessel vor den offenen Kamin und genießt das Buch bei dezent hinterlegter Lesemusik (ich empfehle Contriva in Dauerschleife) und ihr werdet, wenn ihr dann mal angefangen habt zu lesen, das Buch nicht so schnell wieder weglegen, es sei denn, es klingelt an der Tür. Ich würd da aber eher nicht aufmachen und lieber den Protagonisten im Verlauf der über 300 Seiten genauer kennenlernen. Dabei hofft man dann, dass dieser dem Tod doch noch in letzter Sekunde von der Schippe springen kann, was eine gewisse Spannung bis zum Schluss bringt. Auch wenn man nicht auf dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Gedöns mit Happy End kann, man wünscht es sich unerklärlicherweise trotzdem. Bin gespannt, wann das Ding verfilmt wird. Jedenfalls hat das Lesen des Buches dazu geführt, dass ich mich demnächst doch mal mit dem Erstlingswerk Uhlmanns (den Tocotronic-Tagebüchern) beschäftigen werde. Ach ja, Thees Uhlmann ist derzeit auf Lesereise, vielleicht habt ihr ja die Gelegenheit, zu einer dieser bestimmt witzigen Lesungen zu gehen (die Termine könnt ihr auf der verlinkten Seite erfahren.

Thees Uhlmann / Buchtrailer


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