Interview mit Hey Ruin

Hey Ruin Interview skaliert

Hey Ruin legten letztes Jahr mit ihrer selbstbetitelten 7inch schon mal ordentlich vor, nun steht das erste Album der Jungs aus Trier und Köln in den Startlöchern, das irgendwann im März erscheinen wird. Grund genug, mit der Band ein Interview (per Mail) zu führen und ihnen dabei einige Infos zum Debut-Album „Irgendwas mit Dschungel“ und weiteren Themen aus der Nase zu ziehen. Nach dem Interview-Disaster mit Yachten, die sich kurz vor Erscheinen der Interview-Premiere auf Crossed Letters auflösten und sich daher kaum jemand die Mühe machte, das trotzdem lesenswerte Interview zu lesen, gibt es also nun nach gründlichem Abwägen des Risikos eines weiteren Disasters einen neuen Versuch in Sachen Interview. Was mir übrigens an Hey Ruin über die Musik hinaus so gefällt, ist die Entschlossenheit, sich für die Band mit Haut und Haaren ins Zeug zu legen. Während ich also wochenlang über den Fragen brütete, schafften es die Jungs innerhalb weniger Tage, die Antworten zu schicken.


Bitte stellt euch doch kurz mal vor: wer macht was in der Band? Und wenn ihr schon dabei seid, dann dürft ihr gerne aus dem Nähkästchen plaudern, interessant wäre z.B., wer bei euch die größte Diva ist oder was ihr für Marotten habt, die den Rest der Band auf Tour zur Weißglut bringen…Und genau, Hey Ruin klingt schnell gesprochen wie Heroin…Absicht?

Jan: Hai, da wären André und Seb an den Gitarren, Ernie am Bass und ich am Schlagzeug. Singen tun übrigens alle; nur ich darf nicht. Zurecht.  André ist immer total verwegen und nett, Ernie sorgt spontan für sensationelle Vibes im Studio, Seb ist voll ehrgeizig und ich bin von Berufswegen Diva, weil der Posten noch unbesetzt war. Vor allem, wenn ich hungrig bin.

André: Marotten haben wir aufgrund unseres fortgeschrittenen Alters alle…vor allem körperlich. Aber wir versuchen, das geschickt zu verbergen. Mit Minzöl zum Beispiel.

Seb: Außerdem haben alle außer André so nen Gear-Tick. Eigentlich verdient aber nur Jan so gut, dass er sich es leisten kann, den Kram auch zu sammeln. Vor allem bei mir wechseln Amps und Pedale einmal im Halbjahr durch, haha.

André: Der Name war tatsächlich auch so ein wenig als Heroin-Wortspiel gedacht, passt aber wegen den teils kritischen Texten find ich auch so ganz gut. Um ein Haar hätten wir übrigens ANTISøHN geheißen, hatten sogar schon eine Konzertankündigung unter dem Namen. Glücklicherweise haben wir das dann aber noch geändert.

Seb: Ja, der Name kommt mir jetzt total bescheuert vor.

Man gewinnt den Eindruck, dass es bei euch ganz schön rasant zugeht. Die 7inch ist noch ziemlich frisch, da legt ihr auch schon ein Album nach. Und das, obwohl die Presswerke total überlastet sind und die Wartezeiten vor einer Veröffentlichung auch noch einkalkuliert werden müssen. Da merkt man einfach, dass ihr all eure Energie in die Band steckt. Erzählt doch mal, wie wichtig ist die Band für euch und warum macht ihr das alles?

Seb: Zunächst mal sind wir saufroh, dass wir nach wie vor so produktiv sind wie zu Beginn. Songwriting-mäßig waren die MNMNTS zum Beispiel die lahmste Band der Welt, das ist bei Hey Ruin definitiv anders. Vielleicht liegt das daran, dass wir jetzt doch eher solche Strophe-Refrain-Zwischenteil-Refrain-Dinger schreiben, aber ehrlich gesagt ist genau das auch das Knifflige: In drei bis vier Minuten (musikalisch) alles gesagt zu haben. Hey Ruin – und Musik im Allgemeinen – ist auf jeden Fall fester Bestandteil unseres Alltags. Ich glaube, wenn das fehlen würde, würden wir ziemlich schnell bescheuert werden. Mitunter hat das schon so ein bisschen berufliche Ausmaße à la „das und das MÜSSEN wir jetzt noch fertig machen“. Das ist definitiv ein Unterschied zu früher.

Könnt ihr ein bisschen was zur Entstehungsgeschichte des Albums erzählen?

André: Aufgenommen haben wir im BoboClub-Studio im Exhaus Trier, was sich als super herausgestellt hat. Wir hatten eine ziemlich lange Zeit den Schlüssel vom Studio und konnten mehrere Wochen am Stück einfach immer wieder allein hinein und Sachen ausprobieren bevor wir dann schlussendlich aufgenommen haben. Dabei sind nochmal komplette Songs durcheinandergeworfen worden, hat mega Spaß gemacht.

Seb: Auf der anderen Seite haben wir schon auch ’ne richtige Vorproduktion gemacht – das gab’s vorher auch noch nicht. Was letztendlich im Studio eben jene Freiräume zeitlich überhaupt erst möglich gemacht hat.

Jan: Ich bin ja erst zur Band dazugestoßen, als das Album schon fast fertig war. Zu diesem Zeitpunkt wuselte ich musikalisch ausschließlich in meinem anderen Projekt herum. Als Seb mich anrief und mich gefragt hat, ob ich Bock hätte, mit ihnen ein Album aufzunehmen, hab ich ohne zu zögern eingewilligt. Nach MNMNTS hat es mir irgendwie extrem gefehlt, mit André und Seb Musik zu machen. Außerdem kommt Ernie ja aus demselben Dunstkreis. Für mich war es so ein bisschen wie heimzukommen. Zumal die Erfahrung, dass die Typen auch ohne mich Songs geschrieben haben, die mir gefallen, für mich zugegebenermaßen überraschend war. Lol.

Zuerst das Cover mit den putzigen Kätzchen, jetzt das farbenfrohe Motiv mit den Papageien…Sehr ungewöhnlich, gefällt mir aber besser als der einmillionste Totenschädel. Ich hab lange überlegt, ob da vielleicht eine versteckte Botschaft oder eine indirekte Verbindung zur Musik besteht, bin aber nicht drauf gekommen. Bitte erläutert mal, warum ihr gerade diese Coverkunst gewählt habt. Seid ihr nur Tierfreunde mit Hang zum Kitsch oder steht ihr einfach auf farbenfrohe Hawaii-Hemd-Optik?

André: Ja, ich glaub so Totenkopfkram passt weder zu uns selbst noch zu unserer Musik. Ich persönlich finde es auch immer super, wenn ich Platten kaufe und das Cover auch was zum länger Angucken ist.

Seb: Die Botschaft kann natürlich in Wirklichkeit nur lauten: „You and me baby are nothing but mammals, so let’s do it like they do on a discovery channel.“ Wobei ich gerade merke, dass Vögel keine Säugetiere sind. Aber auch da ließe sich schnell ein unanständiger Vergleich ziehen. Alles in allem geht es darum, unseren großen Vorbildern, der Bloodhound Gang, zu huldigen.

Die 7inch kam ja noch auf Fear Of Heights raus. Meines Wissens hatte Matin (Fear Of Heights) in letzter Zeit ziemlich viel um die Ohren, weshalb seit eurer  7inch nichts mehr auf Fear Of Heights erschien. War das der Grund, weshalb ihr das Label gewechselt habt? Wie kam es denn zum Deal mit This Charming Man?

André: Genau, Matin hat uns gerade als es angefangen hat mit der Band voll gut unterstützt. Genau so wie die Jungs von Homebound Records, die die Platte ja mit Matin gemeinsam rausgebracht haben.  Wir sind da enorm dankbar, weil wir wissen, dass das ja beides kleine Labels ohne große finanzielle Rücklagen sind und uns als neue, unbekannte Band damals trotzdem eine Chance gegeben haben. Als wir die Aufnahmen zum Album fertig hatten waren da ein paar Labels, die in Frage kamen. Chris von This Charming Man war von Anfang an sehr interessiert und irgendwie ging das dann auch alles ganz schnell: ein paar mal hin und her gemailt und telefoniert und dann war die Nummer fix. Supergeil.

Im Presseinfo zur 7inch war zu lesen: Schluss mit HC. So ganz habt ihr meiner Meinung nach mit der Sache aber noch nicht abgeschlossen, denn die neuen Songs sind im direkten Vergleich zur 7inch teilweise etwas härter ausgefallen, gehen mehr in die Post-HC-Ecke. Zudem merkt man, dass ihr dieses HC/Punk-Gen in euch tragt, DIY und Enthusiasmus für die Sache inklusive. Und ich könnte mir denken, dass bei Konzerten auch immer wieder Leute auftauchen, die auch schon MNMNTS und Rant-Shows besucht haben. Ihr seid ja soundtechnisch irgendwo dazwischen…für die Indie-Fans zu hart, für die HC-Fraktion zu soft? Wer kommt denn zu euren Shows? Nutzt ihr weiter die Kontakte, die ihr mit euren alten Bands geknüpft habt?

André: Die alten MNMNTS-Kontakte sind schon sehr hilfreich. Ich merke das gerade jetzt erst wieder, da wir mitten im Booking einer Tour stecken. Ich glaube ohne Kontakte ist es heutzutage im DIY-Bereich fast gar nicht mehr möglich, mehr als ein Wochenende am Stück zu buchen. Vom Songwriting her hat sich meiner Meinung auch gar nicht so viel verändert, wir können halt auch nicht viel anderes, haha… aber ich empfinde es als total angenehm, nicht mehr als reine Hardcore-Band unterwegs zu sein. Wir haben auf der letzten Tour ein paar Konzerte mit Love A vor reinem Indiepublikum gespielt und dann ’nen Tag später wieder vor nem AZ-HC-Punk-Publikum. Funktioniert beides, ohne dass es sich beißt. Das ist cool. Vor allem hören wir alle ja auch nicht nur HC oder nur Indiezeug, so dass irgend ’ne Schnittmenge dann halt hinten rauskommt. Aber alles in allem sind wir schon auch gespannt, in welchem Genre-Regal die Platte landen wird. Bei der 7“ wurde ja immer Muff Potter als Referenz genannt, wobei ich aber eigentlich außer den deutschen Texten keine wirkliche Ähnlichkeit sehe. Da sind uns Bands wie Lack, Small Brown Bike, Rumble in Rhodos oder Sunny Day Real Estate, zumindest musikalisch, viel näher.

Seb: Den Eindruck, dass das Album wieder mehr in die HC-Ecke geht, find ich interessant. Nehme ich persönlich aber ganz anders wahr. Klar, bei „Schleuse“ trifft das bestimmt zu. Zumindest mir geht es schon darum, Popsongs zu schreiben. Textlich allerdings macht der Punkvergleich wieder Sinn – im Unterschied zur 7“ geht’s vermehrt um Gesellschaft und wie scheiße alles ist.

Thema Clubsterben: ihr seid ja alle seit längerer Zeit in der Szene unterwegs. Bei uns in der Gegend ist es schon so, dass viele ehemaligen Locations dicht gemacht haben und in der Region  nur noch wenige bis fast keine Gigs mehr stattfinden. Wie ist eure Einschätzung: werden wir in ein paar Jahren amerikanische Verhältnisse haben? Dort finden Shows oft in privaten Häusern/Venues oder Wohnungen statt, vereinzelt findet man dieses Phänomen ja auch bei uns. Habt ihr auch schon mal ein Wohnzimmerkonzert gegeben?

Seb: Bisher nicht, nee. Würden aber gerne mal Nachbarn ärgern, hehe. Aber das stimmt schon: Gerade letztes Jahr, als ich von Trier nach Köln gezogen bin, haben in Trier gleich zwei Läden, dazu beide einige der wenigen Zentren subkultureller Kultur, ernsthafte Probleme bekommen. Da ging’s zwar eher um Brandschutzauflagen, aber natürlich auch immer um Kohle. Ich sehe schon weiterhin die Chance, dass sich autonome, selbstorganisierte und -verwaltete Veranstaltungszentren auch dauerhaft halten können. Nur sind die halt Städten und Anwohnern oft ein Dorn im Auge, nur weil’s ab und an etwas lauter wird und/oder die Menschen dort bunte Haare und Haut haben. Dass hier wichtige Kultur- und Wertearbeit betrieben wird, wird entweder nicht verstanden oder bewusst ignoriert. Meiner Meinung nach könnten aber AZs und Co. ihre Relevanz und Verantwortung noch ernster nehmen und sich nach außen hin stärker öffnen. Es bringt nichts, Veranstaltungen ungewollt exklusiv für dasjenige Publikum zu halten, das die Ansichten solcher Stätten ohnehin schon teilt. Das ist kein wirklicher Diskurs.

Eure Texte behandeln neben ein paar gesellschaftskritischen Themen vorwiegend Alltagssituationen. Wie bringt ihr denn die Band, Familie, Beruf/Studium, Beziehungen und Freizeit unter einen Hut? In einer Band zu sein steht ja in einem ständigen Spannungsverhältnis zu wirtschaftlichen Realitäten, man gerät da ja öfters mal ins Grübeln und ist gezwungen, zwischen Leidenschaft und Notwendigkeit abzuwägen…

Seb: Das klappt in der Tat manchmal nur gerade so, ja. Wir leben auf drei Städte aufgeteilt, haben neue oder alte Jobs, Ernie hat gerade nochmal angefangen zu studieren. Wir haben (Fern-)Beziehungen oder auch nicht und zum Teil ja auch schon Kids. Ein Großteil unserer Freizeit und unseres Urlaubs geht für die Band drauf, das Album hat ein paar Tausend Euro gekostet. Das hört sich alles in allem eigentlich ziemlich beschissen an. Eigentlich. Das klingt jetzt alles total pathetisch, aber das Touren, die Menschen, die wir kennenlernen, die Tage und Nächte, die wir gemeinsam verbringen, der Moment, wenn wir im Proberaum loslegen und die Köpfe mitnicken, wenn man zum ersten Mal den Song hört, den jemand neu in die Dropbox geladen hat…das alles ist einfach nicht zu ersetzen. Hinzu kommt, dass die Band aus Leuten besteht, die über Jahre hinweg zusammen erwachsen und zu echt guten Freunden geworden sind. Da gehören ja nicht nur wir vier dazu, sondern auch Benny, der unserem Designkram macht, oder Maxi oder Tingel, die uns auf Tour begleiten. Ich glaube, gerade der letzte Aspekt ist unglaublich wichtig. Dass wir das, was wir lieben, gerade gemeinsam mit den Menschen machen können, die wir verdammt gut leiden können.

Habt ihr neben Hey Ruin auch noch andere Projekte/Bands am Start oder findet ihr noch die Zeit, irgendwelchen außergewöhnlichen Hobbies nachzugehen?

Jan: Ich hab noch ein Projekt. Das kennt noch niemand, weil es sich auch erst nach der MNMNTS Zerstreuung zusammengefügt hat. Wir wollen demnächst ein Demo aufnehmen und eine erste Show unter irgendeinem Namen spielen.

André: ich habe so einen Deal mit einem kleinen Kino in Trier, die gerade dabei sind kurze Videos über bestimmte Aktionen im Kino zu produzieren. Ich bastele am Computer die Musik, die unterlegt wird und bekomme im Gegenzug Kinokarten und Popcorn.

Seb: Ich versuche eher schlecht als recht weiterhin regelmäßig Kampfsport zu betreiben. Im Endeffekt sitze ich aber dann doch meistens vor Garageband und dudel irgendetwas ein.

Abteilung lustige Geschichten…was war denn das mitunter lustigste  Ereignis im Zusammenhang mit der Band, welches ihr bisher erlebt habt? Und gab es auch brenzlige Situationen?

Jan: Brenzlige Situationen gibt´s nur, wenn ich am Steuer sitze und Hunger habe.

Seb: Einmal hast du hungrig und motzig auf dem Beifahrersitz gesessen und mit Schokoriegeln um dich geworfen…

André: Wir haben mal in Karlsruhe gespielt, waren viel zu früh vor Ort und sind nochmal in eine Pizzeria in der Stadt gegangen. Die Bedienung meinte dann „Ey, ihr seid doch LOVE A!“, als wir das verneinten, meinte die Bedienung: „Doch, seid ihr!“, das war ziemlich ulkig…

Seb: Najaaa, es gibt schon noch ein paar bessere Sachen. Aber ich fürchte, die können wir hier jetzt nicht zum Besten geben, ähem. Ich kann mich auch noch an eine Taxifahrt von Wiesbaden nach Mainz erinnern. Da wollte der Taxifahrer mal zeigen, was er von Tempolimits in Baustellen hält. Und auf der letzten Tour hatte ich auf einmal ’nen ziemlich seltsamen Virus. Mein Schweiß (davon gab’s reichlich) hat nach faulen Eiern gerochen und wie meine Toilettengänge so aussahen, kann sich jede/r selbst ausmalen. Oder auch nicht.

Jetzt noch die Bravo-Frage: Welche Frage würdet ihr gerne gestellt bekommen und wie lautet die Antwort?

Seb: Frage: „Hey, habt ihr nicht Lust auf ein Saiten-Endorsement?“ Antwort: „Na gut.“

Welche Pläne gibt’s für die nächsten Monate? Irgendwelche letzten Worte…

André: Die Platte kommt offiziell im März und Ende März gehen wir dann in Deutschland, Tschechien und Österreich auf Tour. Dabei sind die WITHERS aus Linz und der alte MNMNTS-Sänger Philipp mit seinem Soloprojekt HOMESTAYER, der mittlerweile in Berlin wohnt.

Seb: Tja, und dann haben wir auch bereits wieder die ersten zwei, drei Songs fürs nächste Album stehen…

Okay, dann mal viel Spaß auf der Tour und bei euren anderen Aktivitäten. Vielen Dank für das Interview.

 

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