Human Hands – „Morning Sun“ (time as a color/strictly no capital letters)

Das 2014-er Debutalbum des Trios aus Birmingham hat tiefe Spuren hinterlassen, gehörte es doch zu den intensivsten Emo-Platten der letzten Jahre, die nicht nur bei mir seither immer wieder den Weg auf den Plattenteller fand. Fast genau zwei Jahre später folgt nun das lang ersehnte zweite Album der Jungs, das angefangen von Optik und Aufmachung erneut diese warme DIY-Romantik inne hat, die solche Platten noch intensiver macht. Die Vorlage für das kopierte beiliegende 18-seitige DIN-A4-Heftchen wurde mit ausgerissenen alten Fotos, Schere und Klebestift gestaltet und erinnert rein äußerlich etwas an die Optik der Innenaufmachung der Anfang letzten Jahres veröffentlichten Split 7inch mit Mars To Stay. Irgendwie vermisse ich hier aber die Lyrics, denn im Heftchen finden sich lediglich schreibmaschinengetippte Zeilen aus dem Titelstück Morning Sun. Nun, nachdem ich vermutete, dass die Songs der neuen Platte ähnlich wütend wie der auf der Split 7inch zu findende Song Rot klingen würde, wurde ich nach dem ersten Durchlauf eines besseren belehrt, denn die Songs gehen eigentlich insgesamt wieder eher in die Richtung der Songs des Debutalbums.

Insgesamt sechs Stücke und knapp vierzig Minuten dauert die kurzweilige und zeitlose Reise in die Welt von Human Hands, in der man sich vom ersten Ton an verlieren kann und die mit jedem weiteren Durchlauf noch vertrauter erscheint. Am Besten genießt man solche Platten auf warm knisterndem Vinyl. Obwohl gesamtheitlich betrachtet alles sehr sparsam instrumentiert ist, bauen Human Hands mit einfachen Mitteln eine sehr atmosphärische Stimmung auf, die sich trotz unverzerrter Gitarren ins Unendliche steigern kann. Nehmt nur mal den Opener Cell, der wie ein leichter Regen mit Rauschen und leisen, hypnotisch gespielten Gitarren beginnt und sich mit dynamischem, sowie kraftvollem Schlagzeugspiel und unter ausgelassenen Einsatz des Crashbeckens langsam hochschraubt. Parallel dazu steigert sich auch der anfangs fast untergehende und resigniert wirkende Gesang, bis dann alles etwas lauter wird und beim Höhepunkt des Songs leidenschaftlich gesungen wird. Und spätestens beim zweiten Song Morning Sun kehrt dieses Gefühl zurück, das auch schon beim Hören des Debutalbums so präsent war. Gewohnt intensiv dringt diese innere Zerissenheit und diese unterschwellige Wut durch, die zwischen Depression, Resignation und Melancholie hin und her pendelt, da fehlen eigentlich die Worte. Was für eine fabelhaft schöne Gitarrenmelodie, dann dieser wachsende Aufbau, das perfekte Spiel zwischen laut und leise. Dazu loses Getrommel, das sich bis zum scheppernden Schlagzeugspiel steigert und als absolute Krönung die zweistimmigen, markanten Vocals, die sich beim mantraartigen Refrain wie heiße Sonnenstrahlen einbrennen: Some Of These Days I’ll Be Gone. Beim nachfolgenden Never An After kommt dann noch eine melodische zweite Gitarre hinzu, die Dir zusammen mit den geheulten Vocals kalte Schauer über den Rücken jagen. Und auch die B-Seite schlägt in die gleiche Kerbe, ein Stück wie Map transportiert so viel Emotion in sich, diese entrückten Vocals im letzten Drittel geben Dir echt den Rest. Spannungsgeladen und progressiv sind auch die restlichen Songs, so dass es Dir fast die Synapsen zerreißt, bis im letzten Moment wieder vermeintlich Ruhe einkehrt.

Wie auch schon auf der Debut 12inch beschäftigen sich die Texte mit allerlei unbequemen Themen. Die Erinnerung, die vergilbten Urlaubsfotos längst verstorbener Personen, diese Angst , diese innere Unruhe und Zerstreutheit, dadurch wird der Stimmung der Musik noch mehr Nachdruck verliehen. Vom Sound her hat man nach wie vor Bands wie Indian Summer, Moss Icon oder Still Life im Ohr. Diese Platte hört sich einerseits an, wie ein kalter, windiger Herbsttag mit niemals enden wollendem feuchtkalten Nieselregen, ist aber gleichzeitig so ergreifend wie eine Sonnenfinsternis in der Morgenröte, nach welcher Du von den ersten Sonnenstrahlen in der Nase gekitzelt wirst.

9.5/10

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