Luciente – „Selftitled 12inch“ (Geilescheisseistdasgeilrec.)

Ich glaube, das haben viele von euch schon mal erlebt: da probt man mit den richtigen Leuten zusammen, die musikalischen Funken sprühen nur so vor sich hin und im absoluten Freudentaumel – weil man bereits 5 Songs zusammen hat und darauf brennt, endlich ’ne Show zu spielen – wählt man einen Bandnamen, der einem eigentlich gar nicht so hundertprozentig zusagt. Und schwuppdiwupp kommt eins zum anderen, die ersten Aufkleber werden gedruckt und dann ist es eigentlich schon zu spät und man veröffentlicht die erste Platte unter dem wohlklingenden und doppeldeutigen Namen „Strickliesel“. Doppeldeutig, weil das Bandlogo von ’ner am Galgen aufgeknüpften Puppe geziert wird.  Was die Jungs von der Erfurter Band Luciente letztendlich dazu bewegt hat, ihren urpsrünglichen Namen Failed Suicide Plan, unter welchem sie bereits seit dem Jahr 2006 unterwegs waren und unter welchem diverse Tonträger veröffentlicht wurden, umzuändern, lässt sich als Außenstehender nicht so ganz nachvollziehen, da sich zumindest der Sound der Band seit damals nicht gravierend verändert hat. Deshalb bewundere ich diesen Mut zur Namensänderung und im Fall von Luciente würde ich sogar behaupten, dass dieser Name zum Sound der Jungs viel besser passt. Zumindest in Bezug auf die erste 12inch unter neuem Namen. Denn diese scheint unter einer Art Konzept zu stehen: Der Bandname bezieht sich nämlich auf eine fiktive Person aus dem feministischen Science-Fiction-Roman Frau am Abgrund der Zeit  von Marge Piercy.

Und wenn man den Titel dieses Romans noch im Kopf nachklingen lässt und dabei das Kunstwerk betrachtet, das als Cover dient, dann schließt sich der Kreis. Das Cover fühlt sich irgendwie rauh an, weshalb mir beim Befühlen Zweifel kamen, dass es sich hierbei um einen gewöhnlichen Siebdruck handelt. Eher dachte ich an einen Linolschnitt mit verschiedenen Farbebenen. Kurz bei der Band selbst nachgefragt, weil’s mich aufgrund der Einzigartigkeit einfach interessiert hat: das Ding wurde per Holzschnitt im Reibedruckverfahren mit vier verschiedenen Schichten handgefertigt. Die Druckplatten entstammen den Händen einer Künstlerin namens Clausette, einer Freundin der Band.  Dreht man die Hülle auf die Rückseite, dann blitzt auch schon das durchsichtige Vinyl mit den im Kontrast dazu edel aussehenden Labels entgegen. Fischt man das Vinyl dann vorsichtig raus, entdeckt man das auf stabilen Karton gedruckte Textblatt, welches ich mir beim ersten Durchlauf direkt schnappe. Das ist Gewohnheit, selbst wenn man die Texte gut verstehen kann, wird jede Zeile mitgelesen. Im Fall von Luciente kommt das Textblatt sehr gelegen, denn man tut sich schwer, die Lyrics herauszuhören, obwohl auf deutsch gesungen wird. Im Kontrast zur brachialen, disharmonischen Apokalypse stehen poetisch niedergeschriebene Worte, die mit Bedacht gewählt wurden, wie es scheint. Und beim vorletzten Song Enigma bestätigt sich die eben erwähnte poetische Ader der Band, denn bei diesem Text handelt es sich um ein leicht abgeändertes Gedicht von Erich Mühsam.

Anfangs tat ich mir mit dem chaotischen und alles andere als eingängigen Sound der Band nicht gerade leicht, aber nach und nach freundete ich mich erst mit einzelnen Songs, dann mit weiteren Songs an. Die zweite Seite der LP durfte etwas mehr drehen, da mir v.a. die ersten beiden Songs der B-Seite so gut gefielen. Zum einen, weil ich selbst sehr undiszipliniert und zum Scheitern verdammt in den Tag lebe, da kommt mir natürlich ein Song namens Triumph des Scheiterns  sehr gelegen. Zum anderen verzückt das darauffolgende Stück Das goldene Zeitalter mit unterschwelligen Gitarrenmelodien und schnellen Crustpassagen, dazu gesellen sich chaotische, fast irre psychotische Ausbrüche, was letztendlich auch schon wieder zum Roman-Konzept passt und zudem die gesamte Bandbreite der Band eindrucksvoll präsentiert. Insgesamt würde ich den Sound der Erfurter so beschreiben: Bremer Schule HC trifft auf Neo-Crustcore, ganz frühe Jungbluth verschwägern sich mit Stagnations End. Musikalisch ’ne 7, DIY-Ästhetik satte 9, das gibt im Schnitt solide 8 Punkte.

8/10

Facebook / Bandcamp (3 Songs)

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