The Blue Period – „Summer 2013 10inch“ (time as a color)

Das Artwork im Windows-PC-Fensterlook wärmt Erinnerungen an eine Zeit auf, in welcher man erstmals von der mp3-Datei erfuhr und fortan das Tapetrading , das immer mit ellenlanger Beschriftungsarbeit verbunden war, ad acta legte. Ich erinnere mich nur allzu gut, wie genervt ich war, wenn der gesamte Freundeskreis die Scum von Napalm Death, die Our Culture Is Boring von 7 Minutes Of Nausea und die Dirty Rotten  von DRI überspielt haben wollte. Diese drei Scheibchen passten nämlich locker auf eine 60er, für die Songtitel brauchte man jedoch etwas mehr Platz,  als auf  die Tapehüllen jemals draufgepasst hätte. Nun, mit dem Aufkommen der mp3-Datei genügte eine Hardcopy vom CD-Laufwerk und ein Drucker und schon war man innerhalb von 5 Minuten fertig, ohne den ganzen Mist auch nur anhören zu müssen. Hätte ich in der Hochphase von mp3-Tauschdateien und Soulseek eine EP wie diese hier im mp3-Format bekommen, wäre sie sehr wahrscheinlich ungerechterweise sofort in den Untiefen der Festplatte versunken, denn in digitaler Form kann es leicht passieren, dass man der Musik von The Blue Period nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die ihr gebührt. Denn diese entfaltet erst  so richtig ihre magische Wirkung, wenn man das Vinyl aus der Hülle friemelt und es sich mit dem Textblatt in der Hand auf dem Boden liegend gemütlich macht. Ach so, bei den Aufnahmen handelt es sich um ein Re-Release des 2013er-Demos der Band aus Nottingham, welches neu remastered wurde. Die 10inch ist über Wolf Town DIY, strictly no capital letters und time as a color zu haben. Und die Texte sind ebenfalls in der Windows-Optik aufgemacht, ich brech ab. So eine exzellente Idee!

Die A-Seite beginnt etwas verschroben. Zum einen hat man erst den Eindruck, dass es holpert und poltert, aber mit jedem weiteren Durchlauf stellt sich heraus, dass viel mehr dahinter steckt. Man verliebt sich nach und nach weiter in diese Platte. Vor allem funktioniert der minimalistische Sound, wenn draußen totales Sudelwetter ist und es regnerisch und stürmisch ist. Da kann man es sich bei einem Tässchen Tee gemütlich machen und den Klängen lauschen, die da aus den Lautsprechern knistern. Da wabert beim Opener gleich ein Keyboard-Ton zu den sonderbaren Gitarren aus den Boxen, der etwas an eine Violine erinnert, dazu kommen die abwechselnd männlich und weiblich gesungenen Vocals, die zwischen der Schrägheit von Bands wie Joan Of Arc oder Owen und 125, Rue Monmartre pendeln. Und bereits beim zweiten Song Carpool  verliebe ich mich direkt in die Gitarren und den kantig knödelnden Bass. Wenn der Begriff Hard-Art-Emo-Pop noch nicht von irgendwelchen Pop-Akademie-Koksern erfunden wurde, dann würde diese Musikrichtung hervorragend auf den Sound der britischen Band passen. Tief sitzende Emotionen werden im Laufe der vier Songs freigesetzt, bis die 10inch auch schon wieder mit dem Song The Slow Pass beendet wird. Dieser letzte Song hört sich streckenweise ein wenig nach The Notwist zur Shrink oder 12-Phase an und gegen Ende hin wird dann doch noch demonstriert, wie Wut bei The Blue Period umgesetzt wird. Schönes Scheibchen!

8/10

Facebook / Bandcamp / time as a color


Advertisements

Was denkst Du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s