Антенна, Disco//Oslo, 勢い, Kaptain Kaizen

Антенна – „Selftitled“ (lala Schallplatten/My Name Is Jonas u.a.)
Irgendwie hab ich dieses Release schon länger im Auge, aber die versprochene LP kam dann leider doch nie an, was natürlich schade ist, deshalb jetzt mit leichter Verspätung endlich die längst überfällige Rezi. Mannometer, alleine das im Graphic-Novel-Stil gehaltene Albumartwork sieht auf LP-Karton gedruckt sicher abnormal geil aus. Zudem klingt das, was die vier Dortmunder da fabrizieren, auf Vinyl hundertprozentig nochmal ’ne Schippe intensiver. Das Ding erscheint als Co-Release, neben lala Schallplatten sind Tanz auf Ruinen Records und My Name Is Jonas beteiligt. Ach so, und bei Antenna sind Leute mit dabei, die in der Vergangenheit bei Willy Fog, Favorit Parker und Dead Flesh Fashion mitgewirkt haben. Der Sound ist auf den ersten Blick sperrig und vielschichtig mit etlichen Tempowechseln, die Gitarren kommen größtenteils klar und gehen eher in die Indie-Schrammel-Ecke.  Die Band selbst ordnet ihre Mucke unter dem Genre Pöbeljazz ein. Zwischen Emocore, Indie, Post-Punk, Screamo und etwas Jazz erinnert dieser hibbelige und verkopfte Stop’n’Go-Sound rein instrumental an Bands wie z.B. Jullander, Dawnbreed, Sog oder so Zeugs, das um die Jahrtausendwende herum auf Labels wie Swing Deluxe erschienen ist. Es kommen aber auch Bands wie Reiziger, Yage oder Milemarker in den Sinn. Zwischen jazzigen Schwurbelgitarren und größtenteils heiseren Vocals im Spoken Words-Stil wird auch ab und an mal schön geschrien, während die Gitarren dynamisch vor sich hinrotieren. Dem kantig abgemischten Sound steht auch der knödelige Bass sehr gut, den man immer dann am meisten wahrnimmt, wenn die Gitarren mal wieder zurückgenommen werden. Auch die deutschen Texte wissen zu gefallen, da sie analog zum Sound ähnlich intensiv und treibend vorgetragen werden. Dabei reicht das Spektrum von anspruchsvoller Gossenpoesie über manische Schübe bis hin zu schierer Verzweiflung und Alltagsschmerz. Das ist mal wieder so eine Platte, bei der man den nächsten Schritt nicht vorhersehen kann, so dass einiges an Zeit investiert werden muss, bis sich der Kreis schließt. Ein richtiges Liebhaberstück halt.
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disco osloDisco//Oslo – „Tyke“ (Rookie Records)
Wer auf Deutschpunk abfährt und nicht nur die Sonderangebote für Öttinger-Bier in der kommenden Woche im Auge hat und die Angebote obendrein mit ’nem dicken Marker in der Briefkastenwurfsendung angestrichen hat, hat sicher schon mal von der Band Disco/Oslo gehört und deren Sound schätzen gelernt. Denn die Jungs aus Oldenburg  sind seit dem Jahr 2008 auf der Straße und schleudern dem geneigten Hörer melodischen, aber extrem nach vorne blasenden Punkrock mit durchdachten, persönlichen, gesellschaftskritischen, leistungsverweigernden sprich intelligenten deutschen Texten entgegen. Beim ersten Durchlauf achtete ich noch nicht so sehr auf die Texte, da der Sound allein das Zeug dazu hat, Dich direkt in den Bann zu ziehen und erstmal von allem ablenkt, was um Dich herum passiert. Melodisch, aber hektisch zappelnd und voller Wut. Aber beim zweiten Durchlauf schnappte ich mir direkt das dicke Booklet der CD und nahm mir die Lyrics genauer vor, zudem warf ich einen Blick ins Presseinfo. Da erfährt man dann auch noch die Hintergründe zum Albumtitel. Das Album ist der Zirkuselefantin Tyke gewidmet, welche sich ihr Leben lang gegen Unterdrückung und Misshandlungen zu wehren versuchte, letztendlich Amok lief und durch 86 Schüsse ins Jenseits befördert wurde. Tyke steht seit Jahrzehnten symbolisch für Tierrechte, so haben bereits auch andere Bands aus dem Hardcore/Punk-Bereich das Schicksal der Elefantin vertont, unter anderem z.B. Man Is The Bastard. Die anprangernden Texte sollte man sich genauer anschauen, es lohnt sich, zudem wurde jeder Text im Heftchen ins Englische übersetzt.  Mir persönlich würde es zwar etwas besser gefallen, wenn die Produktion nicht so mächtig kommen würde und etwas rauher wäre, aber andererseits bläst die von der Tonmeisterei abgemischte Aufnahme natürlich ordentlich. So sollte moderner Deutschpunk 2016 klingen, weit entfernt von platt und festgefahren. Fans von Captain Planet, Knochenfabrik, frühen Turbostaat oder Pascow werden das Ding sicher begeistert abfeiern. In diesem Sinne: Das Herz ist ein Muskel, so groß wie eine Faust.
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schwung cover勢い – „Selftitled“ (DIY)
Die einzige Info, die ich über diese neue Band aus Mainz bekommen habe, habe ich der netten Anfrage-Mail von Hauke entnommen, seines Zeichens ex-Drummer der genialen Manku Kapak, man kennt ihn aber auch solo als neo-klassischen Pianisten unter dem Namen Hauke Henkel. Und nun klimpert er also bei dieser Band mit dem geheimnisvollen japanischen Schriftzeichen, von dem kein Mensch weiß, wie das wohl ausgesprochen wird. Dank eines Übersetzungsprogramms hab ich herausgefunden, dass das Zeichen-Gewirr soviel wie „Schwung“ bedeutet. Laut der Hörfunktion dieses Programms klingt das gesprochen wohl so ähnlich wie [etchjoiii] Aber nun zu der Info: bei 勢い wirken eben Leute von Stern Fucking Zeit, Manku Kapak, Maitresse, Cool Living, Hauke Henkel und Flo & Paul & Flo mit. Das waren auch schon sämtliche Infos. Dass wir es mit kreativen Köpfen zu tun haben, die allesamt ziemlich tief in der DIY-Szene verwurzelt sind, zeigt ja bereits die eben aufgelistete Reihe an Bands. So verwundert es kaum, dass die schlicht aufgemachte und selbstgebastelte CD trotz sparsamer Aufmachung enorm was fürs Auge hermacht. Helle graue Pappkarton-Hülle zum Aufklappen, außen mit eingestanztem japanischem Schriftzeichen und innen unter dem Moosgummi-CD-Steckplatz eine nette Einschubtasche, in der die deutschen Texte, sowie die englische Übersetzung mit Erklärung – auf zwei transparenten DIN-A4-Papier gedruckt – ihren Platz gefunden haben. Zum minimalistisch gehaltenen Artwork passt die mysteriös anmutende Homepage der Band genauso, wie das der Postsendung beigelegte leere DIN-A4-Blatt, das ich nach langem hin und her als ebenso sparsam gehaltenes Presseinfo gedeutet habe. Vielleicht ist das Blatt aber auch mit unsichtbarer Zaubertinte beschrieben, leider hat meine Tochter ihren Zauberstaub verschlampt, der so ’ne Tinte sichtbar machen könnte. Oder irgendeiner meiner verrückten Freunde hat das Zeug heimlich weggeschnupft. Aber nun zum Sound, der an manchen Stellen ebenfalls reduziert kommt, obwohl es durchaus auch Passagen zu entdecken gibt, in welchen es ordentlich zur Sache geht (Killerwels in Wildweser z.B.). Bevor ihr mit dem experimentellen Sound warm werdet und mit der melancholischen Stimmung der Songs klarkommt, braucht es sicher ein paar Durchläufe, so war es zumindest bei mir. Klar, es gibt zwei Songs, die einen auf Anhieb ansprechen (Bitter Lemming und Ferdina, die empfehle ich auch als Anspieltipps), aber bei den restlichen fünf Stücken braucht es etwas mehr Zeit, bis man sich die verkopften Songarragements eingeprägt hat. Denn diese haben schon einen gewissen Anspruch, auch die wortgewandten Texte, die oft Spoken Word-Charkter haben, strahlen eine gewisse Eigenartigkeit aus, die einen in den Bann ziehen kann und zum Nachdenken anregt. Der an manchen Stellen auftretende Hall auf dem Gesang kommt ebenfalls sehr gespenstisch rüber. Die Schublade, in die man die Band stecken könnte, existiert bisher so noch nicht, da der innovative Sound der Mainzer so vielschichtig und facettenreich ist und unterschiedliche Musikrichtungen wie z.B. Noise, Avantgarde, Indie, Screamo, Punk, Klassik, Hardcore, Post-Hardcore und Emo miteinander gekreuzt werden und das natürlich mit viel Schwung.
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Kaptain Kaizen – „Einatmen, Ausatmen“ (DIY)
Schön, mal wieder so ’n komplett selbst releastes Debutalbum zugeschickt zu bekommen, bei dem man merkt, dass die Band voll und ganz hinter dem steht, was sie fabriziert hat. Ich kannte die Jungs bisher nicht und dachte aufgrund des Bandnamens und anhand der Beschreibung in der Anfrage-Mail, in der der Sound grob als Deutschpunk beschrieben wurde,  dass hier sicher Mucke nach dem Vorbild Captain Planet zu hören sein wird. Nun ja, ganz falsch lag ich da mit dieser Vermutung nicht, aber Kaptain Kaizen haben nur wenig Berührungspunkte mit Bands wie Captain Planet, die größte Gemeinsamkeit sind wohl die in deutsch verfassten Texte, Hamburger Schule-Punk schimmert trotzdem bei manchen Songs durch, manche Gitarrenparts gehen dann aber auch etwas in die Richtung, die man von Bands aus Washington DC zu hören gewohnt ist. Die Bandmitglieder von Kaptain Kaizen wohnen alle in der Rhein-Neckar-Region und ca. 300 km auseinander (Homburg, Frankfurt, Karlsruhe, Landau), da hat man während der Anreise zur Bandprobe sicher massig Zeit, etwas ein- und auszuatmen, manchmal auch entspannt in eine Tüte zu atmen, wenn z.B. mal wieder eine brenzlige Situation aka Nahtoderfahrung auf der Autobahn das Adrenalin hinter der Stirn zum Prickeln bringt. Seit 2013 ist die Band am Start, bisher wurde eine EP released. Nun, das Gitarrenintro zum ersten Song Aderlass fetzt richtig schön noisig und schrammelig los, da wird man direkt an Bands wie z.B. die Hot Snakes erinnert, geiles Riff jedenfalls. Dazu gefällt das nervöse Drumming und der schmissige Endpart, der reduzierter beginnt und sich langsam zu steigern scheint und urplötzlich aufhört, obwohl man jetzt denkt dass der Spannung noch die Krone aufgesetzt wird. Und bamm, findet man sich beim nachfolgenden Song Love Me Tinder in einem geilen Gitarrentheme wieder, das sicher unendlich bockt, wenn man es auf der Gitarre rauf und runterzuckelt. Manche Riffs sind so geil, die könnte man wirklich den ganzen Tag spielen, ohne dass es langweilig werden würde.  Diese beiden  Songs sind auch gleichzeitig meine Lieblingssongs auf dem Album. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass bei den restlichen acht Songs Langeweile herrscht, denn das Quartett hat nebenbei auch textlich was zu bieten. Scharf beobachtet wird hier in Frage gestellt, angeprangert, resigniert, aber auch nach vorne geschaut.  Deutschpunk mit Köpfchen, bevor man sich die Birne mit Öttinger-Bier vernebelt atmet man lieber mal kräftig in ’ne Plastiktüte und schrammelt ordentlich auf der Gitarre rum. Zwischen Punkrock, etwas Hardcore und Hamburger Schule-Indie erinnert mich v.a. der Gesang an einigen Stellen an den Sänger von Sportfreunde Stiller. Und gerade beim Gesang könnte man noch mehr Vielfalt und Abwechslung einbringen, damit die ganze Sache noch etwas spannender ausfallen würde, so ein paar Schrei-Parts kämen sicherlich geil. Offen für andere Einflüsse sind die Jungs ja schon, das zeigen u.a. die Rockabilly- und Surfgitarren, die hin und wieder auftauchen und die sich hervorragend in den Gesamtsound einbetten.  Geil auch, dass man immer wieder dazulernt, wenn man die Bedeutung eines Wortes nicht kennt und bei Wikipedia landet: Kaizen kommt aus dem Japanischen und man versteht darunter soviel wie einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP), also steht die Veränderung zum Besseren eindeutig im Vordergrund. Weltuntergang, Positive Mental Attitude und Deutschpunk passen ganz gut zusammen. Und beim letzten Stück namens Frontex werden nochmals diese geilen Schrammelgitarrenmelodien ausgepackt.
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