Colored Moth – „Fragmenting Tensions“ (Twisted Chords)

Letztes Jahr gab’s schon ein kleines Feature zur Ever Deared To Dream Before-EP, aufmerksamen Leserinnen und Lesern dürfte die Band aus Berlin also bereits ein Begriff sein. Nun, damals anhand eines Promo-Downloads besprochen, freut es natürlich ungemein, dass sich eine Band an sowas erinnert und man als popeliges Onlinezine in der nächsten Runde mit lecker Vinyl bemustert wird. Wow! Und was soll ich sagen, in dem Fall freu ich mich doppelt drüber, weil dieses Release von vorn bis hinten einfach nur der Wahnsinns-Hammer ist. Angefangen beim bunt besiebdruckten und kräftigen Naturkarton bis hin zum schön gestalteten Textblatt, dem Downloadcode und natürlich dem musikalischen Inhalt, der einen nicht mehr so schnell los lässt, wenn sich erst mal die Nadel ins schwere Vinyl gebohrt hat: das Ding nimmt gefangen, zieht in den Bann und hypnotisiert ohne Zweifel.

Schon der Opener Decay Accelerating Factor lässt Dich wahnsinnig werden: Störgeräusche, Rückkopplung…und dann folgt ein göttliches At The Drive-In mässiges Gitarrenintro, das sich schön frickelig ins Gehör zwirbelt, bevor mächtige Gitarrenwände mit Schreigesang hinterlegt werden und der Schlagzeuger mit viel Crashbecken ordentlich Wind macht. Dieser Mischmasch aus Hardcore, Punk, Noise, Post-Hardcore und Post-Rock gefällt mir außerordentlich gut, das wird bereits vor Beginn des zweiten Songs klar und auch der Rest überzeugt auf ganzer Linie, so dass diese Platte nach etlichen Durchläufen in ungeahnte Höhen wächst. Beim Hören kommen einem immer wieder Bands wie Refused in der Mid90’s-Phase oder Jesus Lizard in den Sinn, dann eiern Craving oder Drive Like Jehu an einem vorbei. Der Sound macht nervös, macht hibbelig, bietet reichlich Abwechslung, ist spannungsgeladen. Die Bassläufe verknoten Dir die Gedärme, dann überraschen Dich die verzerrten Surfgitarren beim B-Seiten Intro Void, bei denen Du denkst, dass es jetzt vielleicht im Gegensatz zur Brachialität der A-Seite ein wenig gediegener wird…aber weit gefehlt, auch hier Dissonanz und vertracktes Inferno pur.

Gerade nach den Interludes Dystopian und Reminiscence trifft Dich der Sound um so härter. Das scheppert natürlich auf Vinyl mit basslastig eingestelltem Equalizer und den entsprechenden Lautsprechern um Längen besser, als auf den billigen PC-Lautsprechern. Eigentlich sollte man sich nichts anderes als Vinyl antun. Die Gitarren klingen an manchen Stellen sogar etwas wüstenrock-mässig, bis sie dann wieder von schnellfeuernden und scheinbar unkontrollierbar gespielten Frickel-Riffs wie eine weich gewordene Stulle durchschnitten werden. Ausgefeiltes Songwriting trifft dabei auf noisig bis dissonante Ausbrüche und fast schon experimentelle und nah am Free-Jazz liegende Passagen, dabei bleibt das ganze aber trotzdem erstaunlich eingängig. Ich bin immer wieder überrascht, was für tolle und spannende Bands hierzulande auf hohem Niveau abliefern. Einer der spannendsten Songs ist übrigens der letzte Song auf der A-Seite: Second Sight – Craving Of The ID hat alles, was ein guter Song haben muss…langsamer Beginn, fast schon Monochrome-artig, gerade auch wegen dem weiblichen Gesang am Anfang und den deutschen Lyrics, dann die genialen postrockigen Gitarren und der pumpende Bass plus Gitarrengefiepe und Geschrei. Sehr geil. Colored Moth solltet ihr definitiv im Auge behalten. Von dieser Motte lass ich mir gern Löcher ins T-Shirt fressen!

8,5/10

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