Secoué – „Of Heaven“ (lifeisafunnything)

Als ich Anfang des Jahres auf die Empfehlung von Marcus/lifeisafunnything hin in dieses bislang auf Bandcamp erschienene Release reinhorchte, konnte ich auf Anhieb die Aufregung seinerseits nachvollziehen. Sehr wahrscheinlich hatte er immenses Herzklopfen, wie jemand, der völlig untrainiert und nach dem Genuss mehrerer Tassen Espresso an einem Marathon teilnimmt, als sich herauskristallisierte, dass dieses Release bei seinem Label erscheinen sollte. So erging es jedenfalls mir, als mir Marcus Anfang diesen Jahres von dieser mir bis dato unbekannten Band vorschwärmte und Andeutungen machte, dass das Teil in naher Zukunft geplant ist, obwohl das Geld dafür eigentlich gar nicht da ist.

Nun, ein paar Monate später flattert also ein kleines Plattenpaket des sympathischen DIY-Labels ins Haus, aus welchem u.a. diese 12inch zum Vorschein kommt, nach welcher ich mir seit der oben beschriebenen Sache förmlich die Finger leckte. Und ja, rein optisch ist das Ding mal wieder der totale Hingucker. Auf dem Cover selbst fehlt Bandname und Plattentitel, weshalb der Aufkleber auf der PVC-Schutzhülle ein super Einfall ist. Zudem weiß das an eine Sanduhr erinnernde Bandlogo zu gefallen. Mein Vinyl-Exemplar ist durchsichtig und mit schwarzen Rauchschwaden durchzogen und sieht einfach klasse aus. Natürlich liegt ein Textblatt und ein Downloadcode bei.

Die Musik, die die Band aus New York auf dieser 12inch verewigt hat, ist zuallererst verdammt intensiv. Ich würde das Ganze mal als Emo-Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Einflüssen umschreiben. Dabei reichen die vertonten Gefühle von Zerbrechlichkeit über Verzweiflung, Trauer, Wut, innere Leere bis hin zu Selbsthass und Aussichtslosigkeit.  Diese musikalische Intensität wird dabei doppelt durch die Texte unterstrichen, denn hinter Of Heaven scheint ein Konzept zu stecken. Im Textblatt erfährt man letztendlich auch, dass die Platte der verstorbenen Kathy DiStasi (die Person auf dem Cover?) gewidmet ist. Da meine Recherche nach den Hintergründen im Netz zu keinem Ergebnis führte, wagte ich dann doch einen kleinen Blick in das Begleitschreiben, das die Hintergründe sehr ausführlich erklärt. Bei der Verstorbenen handelt es sich nämlich um die Mutter des Sängers Christian DiStasi.

Wie hin- und hergerissen Marcus gewesen sein muss, diese 12inch zu veröffentlichen, erklären auch die weiteren Hintergründe im Leben des Sängers, auf die ich aber jetzt nicht näher eingehen werde. Nur so viel: der Kerl hat anscheinend bisher nicht alles ganz so bravourös in seinem Leben auf die Reihe bekommen, kann ja mal vorkommen. Weil bei lifeisafunnything die Bandauswahl mit viel Liebe und Bedacht erfolgt, lag es natürlich nahe, dass sich Marcus selbst ein Bild von dieser Person machte und ihn auf Mark und Knochen prüfte. Er lernte ihn als geläuterten jungen Menschen kennen, der leidet, weil er durch sein Verhalten einiges verbockt hat. Er hat ihn zudem als höflichen Menschen kennen gelernt, der versucht, zu seinem Gegenüber nett zu sein. Für mich ist es absolut nachvollziehbar, warum die Entscheidung für Marcus so schwer war, diese Platte zu machen. Ich wünsche mir dazu, dass Christian sein weiteres Leben auf die Reihe bekommt und seine Erfüllung in der Kunst und der Musik findet. Ich drücke ganz fest die Daumen und wünsche mir gleichzeitig eine weitere Veröffentlichung dieses Kalibers.

So, nun aber genug der Hintergründe, denn diese Platte ist auch ohne dieses Wissen emo as fuck, wie man so schön sagt. Secoué schaffen es gekonnt, den Spirit von Jahrtausendwenden-Emo-Bands wie z.B. On The Might Of Princes, By A Thread oder Thursday mit der Versiertheit und Intensität von neueren Bands wie Pianos Become The Teeth oder We Never Learned To Live zu kombinieren. Songs wie der gefühlvolle Opener Asphyxia, der sich obendrein noch mit gespenstisch flirrigen Gitarren  ins Gehör einbrennt oder das mit raffiniert reduzierter Gitarrenarbeit hinterlegte Divisible, das sich immer wieder fett aufbäumt, werden euch genauso faszinieren, wie das letzte Stück Endless (Dor), das neben der ganzen Traurigkeit dann doch noch einen Hauch von Hoffnung erkennen lässt. Die Songs sind spannend aufgebaut, zudem mag ich einfach die einfühlsame Stimme des Sängers, das verzweifelt klingende Geschrei bei den Ausbrüchen und die immer wiederkehrenden reduziert gehaltenen, fast schon leisen, aber atmosphärischen Einschübe. Diese fünf Songs sind die absolute Wucht!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

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