Split-Storm: Det Är Därför Vi Bygger Städer & Coma Regalia, Gillian Carter & Coma Regalia, What Of Us & Coma Regalia, Youth Novel & Coma Regalia

Det Är Därför Vi Bygger Städer & Coma Regalia – „Split 7inch“ (time as a color u.a.)
Aus dem Kunstwerk auf dem Frontcover werde ich leider nicht so richtig schlau. Nach längerer Betrachtung und der Erkenntnis, dass es sich hier um einen Greifvogel handeln könnte, der ein Kaninchen oder so was in der Art frisst, mach ich mir ernsthaft Sorgen um mein räumliches Vorstellungsvermögen, da ich das nicht auf Anhieb erkannt habe. Bin ich womöglich altersfarbenblind? Gibt’s so ein Augenleiden? Wollt ihr auf dieser Seite hier  Krankheitsgeschichten lesen? Wohl eher nicht…Ich meine, wenn das jetzt so ein 3D-Bild wär, dann wär das sicher nicht so tragisch. Aber das hier? Jetzt wo ich’s weiß, seh ich’s ja auch sofort, sogar auf dem Kopf stehend. Hab vorhin wahrscheinlich nur die falsche Stelle im Fokus gehabt, wodurch sich das Bild schon ein wenig verändert. Oder bilde ich mir das jetzt ein? Wie gern hätte ich euch die Publikums-Joker-Frage gestellt, aber das geht ja nun nicht mehr, ihr wisst ja Bescheid. Alterssenilität auch noch? Boah, jetzt steigere ich mich aber hoffentlich nur in was rein, bin ja schon ein wenig hypochondrisch veranlagt. Also, lieber mal nicht nach solchen Symptomen googeln. Ich verbitte mir auch jeglichen Kommentar in der Sache (macht ihr ja eh viel zu selten…aber die Kommentar-Leiste sieht man ja auch fast nicht, ist gut versteckt für Leute, die an Augenleiden leiden). Nun, bin beruhigt, dass ich den Kaktus auf der Cover-Rückseite sofort erkennen kann. Klappt man das Cover dann auf, wird man wiederum aus dem Innencover nicht so richtig schlau. Zwei dämlich grinsende Jäger, die ihre jämmerliche Beute präsentieren und ein Auto, das offenbar gegen einen Baum gefahren ist. Man hofft insgeheim, dass sich die Natur (in Form des Baumes) an den zwei Jäger-Schwachköpfen gerächt hat, hoffentlich nur ein Blechschaden. Das Vinyl schimmert hellblau und klar wie ein Gebirgsbach. Ein Textblatt liegt natürlich auch bei, leider lässt sich die Handschrift sehr schlecht lesen. Im Fall vom Song Alla Mina Vänner von Det Är Därför Vi Bygger Städer ist es nicht so schlimm, da ich schwedisch eh nicht verstehe und keine englische Übersetzung beiliegt (und bei Bandcamp der Text per Copy&Paste sehr schnell „annähernd“ übersetzt werden kann). Der Song geht emotional und mit leisen, gefühlvoll gezockten Gitarren loss, das locker gespielte Schlagzeug und der abwesend gesprochen/gesungene Gesang katapultiert dich in eine Gegend, die von Fjörden und klaren blauen Seen durchzogen ist. Bis dann dieser chaotisch geile Skramz/Screamo jegliche Idylle zerstört und ordentlich Vollgas gibt. Danach wird es zwar wieder etwas ruhiger, aber man erhofft sich trotzdem nochmals so einen chaotischen Ausbruch, der aber letztendlich ausbleibt. Wie neulich schon bei der 3-Way-Split mit Sans Visage und Careless angefordert: Macht endlich ’ne Full-Length! Aber jetzt zur B-Seite: Bei An Apology von Coma Regalia kann man sich die verschnörkelt geschriebenen Worte dann schon eher zusammenreimen. Und hier hört sich die Band aus Lafayette, Indiana so richtig anders an. Der Song beginnt gleich mit diesen melodischen Gitarren und einem 90’s-nahen Emocore-Geplärre des Sängers, bis das hektische Getrommel einsetzt, das zusätzlich zur Emotionalität ordentlich Power reinpfeift. Planes Mistaken For Stars schwirren mir im Kopf rum, während ich das höre. Und dann, in der Mitte des Songs setzt das gewohnte Gekeife ein. Wieder mal sehr geil. Die beteiligten Labels: time as a color, Miss The Stars Records, ödebygd records, Through Love Rec., Middle Man Records, Zegema Beach Records, Friendly Otter, Samegrey Records. Scheiße, für ’ne 7inch mit zwei Songs hab ich jetzt wirklich genug geschrieben. Darf ich Amen sagen? Nö, nä?
Bandcamp / time as a color


Gillian Carter & Coma Regalia – „Split 6inch“ (time as a color u.a.)
Heilige Scheiße, das hier lässt meine Augen aufleuchten, wie damals, als ich neun Jahre alt war und mein erstes YPS-Comic bekam. Das Heftchen war zu der Zeit nicht so wichtig, aber das beiliegende Gimmick war für einen Neunjährigen in den Achtzigern das Non-Plus-Ultra: ein 15cm-Miniatur-Tennisspiel aus Plastik, bei dem zwei Spieler einen an einem Plastikstäbchen befestigten Ball per Knopfdruck hin-und herschießen konnten. Das Spiel machte zwar keinen Sinn, da beim hin und herballern der Kugel eigentlich nix schiefgehen konnte, aber trotzdem hatten wir Spaß und waren zufrieden. Nun, bevor ich euch mit langweiliger Nostalgie-Grütze vollsülze, komme ich lieber mal zu diesem spannenden Release, das über die Labels time as a color, Middle Man Records und Fake Crab Records erschienen ist. Übrigens die Premiére bei Crossed Letters: Erstmals kam eine 6inch ins Haus geflattert. Dazu sieht die auch noch soooo geil aus. Und es liegen zwei Gimmicks im Baseball-Sammelkartenstil bei, wie beim eingangs erwähnten YPS. Boah, wie geil doch der extra reinretuschierte Rote-Augen-Effekt auf der The Low End Theory-Karte kommt! Auf den Rückseiten der Karten finden sich neben den Infos zur 6inch auch die Texte der beiden Songs. Mein 6inch-Exemplar ist neon-pink (es gibt wohl auch noch neon-grün), ist einseitig bespielt und die B-Seite ist mit einem weißen Siebdruck verziert. Ein Schmuckstück. Und legt man das winzige Scheibchen nach ausgiebiger Betrachtung endlich auf den Teller, dann sind die zwei Songs nach vier Minuten auch schon wieder rum. Nichtsdestotrotz soll das nicht heißen, dass kein bleibender Eindruck entsteht. Gilian Carter fackeln in ihrem einminütigen Smasher nicht lange. Hab die Band leider irgendwie nach dem 2013er-Album Lost Ships Sinking With The Sunset total aus den Augen verloren. Der Song The Novelty Of Joy macht mich jetzt aber neugierig auf die zwei Alben, die seither erschienen sind. Verzweifelter Hardcore trifft auf hysterischen Screamo, zwischendurch schleicht sich eine Gitarre ein, die Dir ’ne Gänsehaut einjagt, zudem schreit sich der Sänger den Hals blutig. Kurz und chaotisch. Der Song von Coma Regalia dauert dann knapp drei Minuten. Und in diesen drei Minuten zeigen die Jungs die ganze Bandbreite, die sie drauf haben. Chaotisch, krass knüppelnd, schreiend, keifend, ganz kurz fast unverzerrt und ruhig,  dann wieder hymnisch mit mehrstimmigen und leidenden Chören, die sich herzzerreißend anhören. Ich erwähne es zwar in fast jedem Review zu Coma Regalia, aber auch hier sind diese unterschwelligen Gitarrenspuren herausragend.
Bandcamp / time as a color


What Of Us & Coma Regalia – „Split 12inch“ (time as a color u.a.)
Das etwas düstere Cover im Graphic Novel-Stil lässt viel Interpretationsspielraum. Was will uns dieses Kunstwerk sagen, was passiert mit den zwei Typen im Heißluftballon? Nun, es wird nichts gutes sein, denn auf dem Backcover sieht man den Heißluftballon, wie er von dürrem Geäst aufgespießt an einem vertrockneten Baum hängt, der Korb ist leer. Aus die Maus. Ob die Texte beider Bands ein wenig Licht ins Dunkel bringen? Weiß man ja nie, deshalb finde ich es immer wieder spannend, wie neugierig die Optik einer Platte auf den musikalischen sowie den textlichen Inhalt machen kann. Aus diesem Grund schaff ich es auch selten, eine Platte beim ersten Durchlauf auf den Teller zu legen, ohne dass ich sofort die Texte mitlesen muss. Im Falle dieser Split-12inch liegt ein schönes Textblatt bei, also steht meinem Zwang nichts mehr im Wege. Aber beginnen wir doch einfach mal mit What Of Us aus New Jersey. So wie es scheint, existiert das Quartett noch nicht arg lange, dafür waren die Jungs bisher bei Capacities,  Au Revoir, Black Kites, Less Life und Guidelines aktiv. Dass Erfahrung und Spielfreude vorhanden ist, wird gleich beim ersten Song deutlich, der mit wildem arhythmischen Getrommel, verzweifeltem Geschrei und wundervollen Skramz-Gitarren ordentlich Heißluft in den Ballon bläst. Was für ein Sturm. Nach diesem kurzen aber eindrucksvollen Auftakt geht es ein wenig midtempo-lastiger und schleppender weiter. Grob gesagt, bewegen sich die Jungs gekonnt zwischen Hardcore, Punk, Screamo und Skramz. Das erinnert dann direkt etwas an diese oldschooligen Emocore-Ebullition-Bands á la Downcast, Portraits Of Past oder Iconolast, allerdings im modernen Soundgewand, Orchid oder Pg. 99 dürften auch Pate gestanden haben. Die A-Seite besteht aus insgesamt acht Songs und dauert so in etwa vierzehn Minuten. Und bereits nach wenigen Durchläufen ist mir diese Seite der Split bereits ans Herz gewachsen. Hört euch nur mal Songs wie Recognize (der Gesang erinnert teilweise an die Band Temperance)  oder das mit einem gänsehautverursachenden Instrumental-Intro versehene Bury My Shell at Wounded Knee an, dann wisst ihr, was ich meine. Ach so, die Texte sind sehr systemkritisch, hinterfragen das kapitalistische System von Grund auf, zeigen das fehlende Gleichgewicht in unserer zerrütteten Gesellschaft auf. Dass Gier und Machtstreben keine neuzeitlichen Erscheinungen sind, wird nebenbei auch noch thematisiert, dadurch wird das Endzeitgefühl noch plasmatischer. Aber nun zur B-Seite. Die lässt Coma Regalia mit einem instrumentalen Emo-Intro beginnen, das an allererste Appleseed Cast-Scheiben erinnert. Und die neun Songs, die darauf folgen, jagen Dir nach und nach eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Der etwas übersteuert abgemischte Sound trägt sicher dazu bei, dass man das Gefühl nicht los wird, mitten im Proberaum zu stehen und all die Energie, all den Schmerz, all die Euphorie und all die Verzweiflung und Wut 1:1 am Körper zu erfahren. Und auch hier kratzen die Texte am Thema Kapital, Macht und Ausbeutung. Und spätestens jetzt wird deutlich, dass die Typen im Heißluftballon die Spielfiguren im bösen Spiel sind, die keine Chance haben und vom (durch kapitalistische Umweltsünden verursachten) Wind, der symbolisch für Macht und Gewalt steht, ins Verderben, sprich in den Tod getrieben werden. Da ich aber zu Schulzeiten immer ganz miserable Noten beim Thema „Interpretation“ hatte, weil ich immer „das Thema verfehlte“, ist nicht ausgeschlossen, dass ich auch hierbei nur phantasiere. Aber Scheiß drauf, denn Coma Regalia sind auf diesem Release in Höchstform. Jeder verdammte Song dieser B-Seite trifft mitten ins Herz. Es hat mich fuchsig gemacht, unter diesen Hammersongs irgendwelche Highlights herauszusuchen, die die komplette Stimmung dieser Aufnahmen wiedergeben können. Das ist hier schlichtweg einfach unmöglich. Ach ja, das Ding erscheint auf time as a color und Middle Man Records. Um das hier  ganz kurz auf einen Nenner zu bekommen: Coma Regalia waren ja schon immer was besonderes, aber spätestens mit diesen Aufnahmen katapultieren sie sich in den Screamo/Skramz-Olymp. Eine durchaus empfehlenswerte Scheibe!
Bandcamp / time as a color


Youth Novel & Coma Regalia – „The Gentle Harm Of Tradition Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Von außen betrachtet ist das Coverartwork sehr schlicht gestaltet, aber packt man das Scheibchen aus, dann kommt die wahre Schönheit ans Tageslicht. Das durchsichtige Vinyl ist mit bronzefarbenen und olivgrünen Farbsprengseln übersät und sieht gegen das Licht gehalten supergeil aus, auch auf dem Plattenteller liegend macht das gute Stück was her. Etwas schade finde ich, dass auf dem beiliegenden Blatt keine Lyrics zu finden sind. Nun, Youth Novel aus Ann Arbor/Michigan knüpfen da an, wo sie bei ihrer 2014-er EP Turned Around Abruptly Beside a Mirror and Jumped at My Own Reflection aufgehört haben. Dort waren nämlich die Songs I-IV vertreten, nun werden Song V und VI nachgeliefert. Hier bekommt man intensiven Emo/Screamo der alten Schule geboten, das erinnert dann an Bands wie Portraits Of Past, Kidcrash, Instil, Funeral Diner oder Daitro. Gänsehaut bekommt man immer dann, wenn es mal ruhiger von den Gitarren her wird, worauf bei der anschließenden Sounderuption gleich ein Adrenalinstoß folgt. Beim Song VI gibt es dann noch ein geniales Klimperintro, das mit Spoken Words hinterlegt ist und welches das nachfolgende Szenario noch intensiver steigert. Genialer Song, schön impulsiv gelittene Vocals. Wird Zeit für ’ne Full-Length. Zu Coma Regalia aus Indiana muss man eigentlich gar nicht mehr viel schreiben, die Band ist mit ihren zahlreichen Splitveröffentlichungen fest verankert in der DIY-Szene. Nun, das als Intro dienende instrumentale Each Day A Gift passt als Überleitung bzw. Einleitung ganz gut, hier gefallen mir die gefühlvoll gespielten Gitarren mit ihren unterschwelligen Melodien. Da kommt ein richtiges Emocore-Feeling auf, v.a. in der zweiten, treibenderen Hälfte des Stücks. Danach wirkt natürlich der chaotisch knüppelnde Screamo/Skramz-Ausbruch am Anfang des Stücks From Me To You umso heftiger. Auch hier wieder ein Mittelteil, der Dir mit seinen wundervollen Gitarren die Härchen aufstellen lässt. Dazu das gewohnt intensive, schmerzverzerrte Geschrei. Diese tolle Split 7inch ist ein Co-Release der Labels Dingleberry Records, Middle Man Records, Zegema Beach Records und Too Far Gone Records.
Bandcamp / Dingleberry Records


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