Interview mit Todd Anderson

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„Die Stille schreit nicht mehr“ ist das mittlerweile dritte Album der deutschsprachigen Hardcore-Band Todd Anderson. Dass seit dem letzten Album ganze sieben Jahre vergangen sind, stört angesichts dieser abwechslungsreichen und emotionsgeladenen Scheibe kein bisschen. Nachfolgend erfahrt ihr im per Mail geführten Interview ein paar Hintergrundinformationen rund um das neue Album.

Könnt ihr unseren Leserinnen und Lesern bitte kurz erklären, wer ihr seid, wer was in der Band macht und was ihr seit dem letzten mittlerweile sieben Jahre zurückliegenden Release „Zufluchtsort“ so getrieben habt?

Alex: Hallo ich bin Alex, spiele den Bass. Die letzten 7 Jahre haben wir natürlich die ersten 2 davon damit verbracht, „Zufluchtsort“ zu bespielen. Dann wurde es ein wenig ruhig. Hier und da gab es ein paar Gigs und wir haben an Songs gearbeitet. Nach unserer 10 Jahres Jubiläums-Show 2014 haben wir dann  auch eine Spielpause eingelegt und unser Album geschliffen, aufgenommen und produziert.

Flo: Hej, ich bin Florian und spiele Schlagzeug bei Todd Anderson, zudem mache ich viel Organisation wie etwa das buchen von Konzerten, halte den Kontakt zum Label und quatsche herzlich gerne über die Band. Neben Alex und mir gibt es dann noch: Marco (Gesang und Texte), Daniel (Gitarre), Thomas (Gitarre).

Die lange Pause war sicher auch eine Begleiterscheinung des alltäglichen Lebens. Wie bekommt ihr denn den Alltag zwischen Proberaum, Shows, Familie, Beruf/Studium, Beziehungen und Freizeit geregelt? Künstlerisch und kreativ zu sein steht ja in einem ständigen Spannungsverhältnis zu wirtschaftlichen Realitäten, man gerät da ja öfters mal ins Grübeln und ist gezwungen, zwischen Leidenschaft und Notwendigkeit abzuwägen…

Alex: So groß ist der Spagat da gar nicht. Wir führen ganz normal unser Leben. Bei dem Einen ist es aufwendiger und zeitintensiv, und bei dem Anderen nicht. Schwierig ist hier natürlich unsere räumliche Distanz, da Flo & ich nicht mehr in Marburg wohnen. Natürlich ist die Probefrequenz sehr gering auf diese Distanz, was einen blockieren kann und außerdem hat man nicht mehr die Zeit, soviele Shows zu spielen wie früher. Da merkt man schon des öfteren die Verpflichtungen des Berufs- und Privatleben.

Flo: Ich finde es nicht immer so leicht und irgendwie/wo müssen immer Abstriche gemacht werden und Kompromisse ausgehandelt werden. Für mich ist es zusätzlich schwierig, da ich 500km vom Rest der Band und unserem Proberaum entfernt wohne. Da ist alles immer mit viel Organisation und Planerei verbunden und wir können eben nicht immer so, wie wir gerne wollen würden. Kurzfristig eine Show zu spielen ist da fast unmöglich.

Die Texte zur „Die Stille schreit nicht mehr“ haben im Gegensatz zu euren früheren Releases eine positivere Grundstimmung, oftmals beinhalten sie Coming-Of-Age-Themen. Ich hab mal ’nen lustigen Spruch gehört: „Man merkt, dass man erwachsen ist, wenn man zuhause Pflanzen hat, die man gießt, obwohl man sie nicht rauchen kann.“ Seid ihr alle erwachsener und damit vernünftiger geworden, oder blödelt ihr auch gern mal lausbubenhaft herum?

Alex: Wir sind hier immer noch die selben Quatschköpfe wie früher. Spaß hat hier den Vordergrund. Ob wir erwachsener geworden sind? Gute Frage. Ich glaube das merkt man eher im Alltagsleben….

Flo: Du hast recht die Platte ist etwas positiver als die letzten Alben, was aber auch nur eine Momentaufnahme der letzten Jahre ist. Dies kann sich auch wieder ändern, hat sich teilweise schon wieder drastisch verändert. Die nächsten Songs können thematisch wieder ganz anders sein.
Klar sind wir alle älter und unsere Leben werden eventuell von anderen Dingen geprägt als noch vor 7 Jahren. Aber das ist auch schön so.
Erwachsen und vernünftig sind wir nicht unbedingt, wer uns mal im Proberaum belauscht hat, oder mit uns im Bus war, der wird dies bestätigen können. Das Niveau der Witze ist da stark abfallend, haha.
Wir merken nur wenn wir mit anderen Bands spielen, oder die aktuelle „Szene“ anschauen, dass wir erwachsen sind. Denn im Gegensatz zu aktuellen Bands, sind wir wirklich alte Typen.
Und ja, ich habe kürzlich Zimmerplanzen gekauft und pflege diese.

Dass ihr abseits der Musik nicht alles so bierernst nehmt, zeigen die Beschreibungen auf eurer Facebook-Seite. Ihr bezeichnet euch dort selbst als Altherrenmannschaft und Freizeit-Punks. Bleibt neben der Band noch Zeit für andere ausgefallene Hobbys (wenn ja, welche)? Und überhaupt, ist Punk im Erwachsenenalter keine Lebenseinstellung mehr?

Alex: Ich für meinen Teil habe keine Hobbys mehr, da ich ein sehr intensives Arbeitsleben habe. Punk und alternatives Leben steht für mich immer noch als Grundhaltung. Ich glaube, das kann man auch nicht ablegen. Generell wird man aber schon ruhiger und entspannter bei einigen Themen, und manchmal ist man auch ein bisschen unlockerer bei den anderen. Ich glaube, man legt vielleicht ein bisschen mehr Wert auf Lebensqualität wie früher.

Flo: Doch klar ist Punk eine Lebenseinstellung, deswegen sind wir ja Feierabend-Punks for life.
Nee im Ernst, ich glaube, wir sind in dem, was wir als Band machen und für was wir stehen, schon ziemlich Punk, der Alltag kann manchmal extrem unpunkig sein.
Neben der Band habe ich eine weitere Leidenschaft und das ist Snowboarden, am liebsten so mit Schneeschuhen ins Gelände, Berg rauflaufen und dann unverspurte Hänge wieder runter. Irgendwie auch “Punk”, haha.

Als ihr 2004 mit der Band begonnen habt, habt ihr euch ja innerhalb kürzester Zeit einen Namen in der Szene erspielen können. Ihr kamt aus der DIY-Szene und ich denke, dass neben eurer regen Live-Präsenz auch die damals aufkeimende Social Media-Begeisterung für Portale wie Myspace viel zur Steigerung eures Bekanntheitsgrades beigetragen hat. Seither ist die Szene schnelllebiger geworden, so dass eine Band nach ein paar Jahren Pause schnell in Vergessenheit geraten kann. Was hat sich während eurer Pause in der Szene geändert, positiv wie negativ?

Alex: Ich für meinen Teil glaube nicht, dass sich da viel geändert hat zu früher. Auch damals war es schon sehr schnelllebig. Wie wir gestartet sind, war Metalcore à la Maroon gerade sehr angesagt. Danach kam der moderne Oldschool wie Have Heart. Dann gab es eine kleine Welle des deutschsprachigen Hardcores mit Bands wie Escapado, Eaves etc…Leider war auch schon damals eher der Trend, dass man sich immer nur auf eins konzentrieren wollte, anstatt sich von seinem Hörverhalten breit zu fächern. Kam das nächste, wurden die populären Bands beibehalten und die anderen vielen hinten runter. Zu früher ist der Anspruch des Publikums glaube ich viel höher, was Produktion, Promo, Merchandising der Bands angeht. Wie dem auch sei, habe ich Todd Anderson nie als Teil der Szene gesehen. Eher als ein Gast in dieser.

Flo: Uuuuf, das ist mal ne harte Frage. Ohne jetzt in die „früher war alles besser Romantik“ zu verfallen ist das schwer zu beantworten, haha. Ich glaube wir sind auch in Vergessenheit geraten und ich würde schon sagen, dass es schnelllebiger geworden ist, dafür aber auch größer. Als wir angefangen haben, da gab es zu dieser Zeit nur eine handvoll Bands, die Hardcore mit deutschen Texten gemacht haben. Und mit denen haben wir dann auch ständig gespielt. Heute ist alles ein bisschen unübersichtlicher und es ist schwieriger geworden, irgendwo Gehör zu finden. Selbst HC Bands beginnen sich in ihrem Rahmen zu vermarkten, was nicht mal nur negativ gemeint ist. Es geht um Likes und Klicks für Videos. DIY kann heute auf einem ganz anderen Level stattfinden und andere Dinge beinhalten, wenn man das möchte und das passende Netzwerk dafür hat.
Uns ist das alles irgendwie zu egal oder auch zu anstrengend und zeitaufwendig, da wir eben neben der Band noch andere wichtige Dinge haben. Wir haben keine „socialmedia Strategie“ und Vorabvideos, die von großen Magazinen präsentiert werden. Vielleicht verpassen wir dadurch auch die Möglichkeit, uns einem breiterem Publikum zu präsentieren, aber so sind nun mal unsere Lebensumstände.
Wir sind einfach zu langsam und zu weit weg von der „Szene“ und aktuellen Bands. Was ich nicht mal wirklich negativ finde, denn ich weiß gar nicht in welche „Szene“ wir so passen würden. Ich würde Alex da zustimmen und finde, wir schauen gerne von draußen durchs Fenster rein und wenn uns jemand reinbittet, sind wir die netten alten Männer, die von früher erzählen, haha.

Könnt ihr ein bisschen was zur Entstehungsgeschichte des Albums erzählen? Wie kam es denn dazu, dass die Scheibe bei midsummer records erschienen ist? Ein zweiter Start wird sicher einfacher sein, da man ja noch einige Leute, Veranstalter usw. kennt.

Alex: Meistens entstehen die Songs, in dem Daniel zu Hause etwas schreibt, wir es im Proberaum feinschleifen, und Marco seinen Text mit hinzugibt. Der Aufnahmeprozess lief über ca. 6 Monate in verschiedenen Aufnahmeblöcken. Ich bin mir nicht sicher, ob es einfacher wird. Da müssen wir mal schauen wie die Platte angenommen wird.

Flo: Wir hatten schon nach “Zufluchtsort” Lust eine 7inch zu machen und hatten auch relativ schnell erste Songideen. Der erste Song, den wir dann regelmäßig auch live gespielt haben, war glaube ich “Vermissen”. Wir wollten zudem gerne mit Lukas (Ashes of Pompeii) aufnehmen, da er ein Freund ist und uns das immer wieder angeboten hat. Wir haben dann die Termine für die Aufnahme immer wieder verschoben und schlussendlich gesagt, wir machen einfach eine ganze Platte. Zu dem Zeitpunkt hatten wir glaube ich 5-6 Songs, die über die letzten Jahre entstanden sind und die weiteren Songs der Platte sind dann mit näher rückender Aufnahme entstanden. Tobi (Ashes of Pompeii) hat dann den Kontakt zu Tim/Midsummer hergestellt und der hatte dann direkt Bock, worüber wir sehr froh sind. Denn er macht das sehr gut.
Ich glaube nicht, dass es einfacher wird. Viele Veranstalter etc. von früher sind nicht mehr aktiv. Wir müssen teilweise von vorne anfangen. Ich spüre das aktuell beim Booking.

Man gewinnt den Eindruck, dass für die Texte viel Zeit aufgewendet wurde. Textpassagen  wie „Doch der schönste aller Verse blieb dieser eine, den ich nie zu Ende schrieb“  könnte auch der Feder eines zeitgenössischen Dichters und Denkers entstammen. Sind die Texte eventuell schon vor der Musik entstanden? Wie läuft das Songwriting bei euch denn ab?

Alex: Die Texte werden von Marco immer schon unabhängig geschrieben, und sind soviel ich weiß teils schon lange in seinem kleinen Buch.

Flo: Die Songs enstehen, wie Alex es bereits beschrieben hat: Meist kommt Daniel mit einer Grundidee und wir basteln dann etwas daraus. Selten gibt es auch eine spontane Eingabe im Proberaum. Auf der aktuellen Platte ist glaube ich „Surfen“ so ein Kandidat. Ich hatte einfach Bock auf einen Song mit diesem „Skatepunk-Beat“, da ich früher auch mal in so einer Band gespielt habe und der Spruch „Ey Flo-spiel mal Skatepunk-Beat“ zum Running Gag wurde. So gesehen, ist der Song aus einem Witz entstanden.
Völlig unvorbereitet zu proben hat sich allerdings als extrem frustrierend herausgestellt.

Todd Anderson, der Club der toten Dichter, die lyrisch vorgetragenen Texte…woher rührt diese Begeisterung für Poesie? Hat jemand von euch Germanistik oder ähnliches studiert? Oder ist es ein weiters Hobby, Gedichtbände zu lesen? Darf es zwischendurch auch mal leichtere Kost oder Pop-Literatur sein? (Hier wäre es schön, wenn ihr auch Lieblingsbücher oder Autoren eingehen könntet).

Marco: Naja, das ein oder andere „Partysemester“ in eben dieser Richtung gab es bevor es Todd Anderson gab. Als ich angefangen habe in Bands zu spielen, waren die Boxhamsters meine Helden (sind sie ja immer noch) was auch irgendwo logisch ist, da ich von einem kleinen Kaff bei Gießen stamme. Fehlfarben, EA80, Einstürzende Neubeuten und Hüsker Dü haben mich musikalisch und textlich fasziniert.
Dass ich auf Flohmärkten den ein oder anderen Gedichtband gekauft habe, ist ewig lange her. Ich beschäftige mich damit nur noch selten und es ist ja auch nur ein Einfluss von vielen.
Ich kann keine Lieblingsautoren nennen, da es die nicht gibt. Hauptsächlich lese ich Bücher über Musiker und Bands.
Man schnappt so viel auf, Tag für Tag und hin und wieder wird dies und das notiert, später im Proberaum zusammen gefügt, während der Rest die Songschmiede anfeuert.
Ein großer Einfluss ist sicherlich auch die Natur, bzw. deren Diskrepanz zum Alltag.
Gemälde (alte Meister) finde ich auch interessant. Mit moderner Kunst kann ich nicht so viel anfangen. Ich war mal auf der Dokumenta und habe dort doch sehr viel Quatsch gesehen. Daraus ist unser Lied „Kinngreifer“ (1. Album) entstanden.
Der Haupteinfluss der neuen Platte war jedoch mein Versuch, in einer Familie zu leben.

Flo: ich lese ganz unpoetisch Krimis, da gibt es jetzt wenig  zum angeben, haha.
Ansonsten fand ich „Homo Faber“ von Max Frisch total gut. Pop-Literatur kann ich Benjamin von Stuckrad-Barre ganz gut lesen.

Wenn man beruflich und privat eingebunden ist, dann beschränkt sich das mit den Live-Shows sicher auf’s Wochenende und den Jahresurlaub. Wie sehen den eure Pläne aus? Werdet ihr es auch mal wagen, außerhalb Deutschlands zu spielen?

Flo: Genau, wir sind da etwas eingeschränkt von den Zeiten her, aber es muss uns ja auch jemand sehen wollen, haha. Tatsächlich haben wir schon diverse Male im „Ausland“ gespielt, also Österreich, Belgien. Gerne würden wir auch mal nach Skandinavien und Süd-Europa.
Für den Mai planen wir aktuell eine Tour und es sieht bisher ganz okay aus. Einige Lücken haben wir noch zu füllen, mal sehen.

Alex: Ich sag mal, wir spielen überall da, wo man uns sehen möchte.

Wenn man unterwegs auf Tour ist, erlebt man natürlich viel mehr als zuhause in der warmen Stube vor’m Plattenspieler oder bei Netflix. Habt ihr irgendwelche filmreifen Tour-Geschichten auf Lager?

Alex: Demnächst bei Netflix…hahaha

Flo: Filmreif ist es irgendwie immer, da es für uns schon etwas Besonderes ist, zusammen unterwegs zu sein. Da ist immer viel Freude und jugendlicher Leichtsinn mit im Spiel.

So, das war’s mit den Fragen. Vielleicht fällt euch ja noch eine eigene Frage ein, die ihr gern mal gestellt bekommen würdet…oder vielleicht habt ihr sonst noch was auf dem Herzen…

Flo: Vielen Dank für Dein Interesse.
Meine Frage: Warum haben Eure Titel immer nur ein Wort?
Antwort: kann man sich besser merken.

Dir und allen die das lesen, 1000Dank für Euer Interesse.

Alex: Danke

Vielen Dank für das Interview!


Die Stille schreit nicht mehr [Review]

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