Hell & Back – „Slowlife“ (Fond Of Life)

Manchmal verliert man ja ein wenig den Bezug zu Zeit und Raum. Kaum zu glauben, dass die erste Demo-EP der Stuttgarter Punkband Hell & Back auch schon wieder sechs Jahre auf dem Buckel hat. Wahnsinn! Wahnsinn gerade auch, wenn man bedenkt, dass sechs Jahre eigentlich gar keine lange Zeit ist. Nun, in dieser Zeit ist trotzdem einiges passiert. Auf die erste Demo-EP folgte eine schicke 7inch, das vielseitig gelobte Debutalbum Heartattack und die wahnsinnig tolle Split 12inch mit Perfect Youth. All diese Releases trugen dazu bei, dass Hell & Back mittlerweile zu einer beachtlichen Größe in der heimischen Punk/Hardcore-Szene herangewachsen sind. Nach unzählig geilen Liveshows, von welchen ich selbst etliche besucht habe und jedes Mal begeistert war, erscheint nun also das zweite Album der sympathischen Jungs, die auch schon vor Bandgründung mit verschiedenen anderen Bands wie z.B. Comecloser oder Morethanever für reichlich Furore in der Szene sorgten.

Wie bereits auf den drei vorangegangenen Veröffentlichungen wurde erneut die von mir sehr geschätzte Künstlerin Mara Piccione fürs Coverartwork angeheuert. Diesmal ist das Artwork aber nicht so ganz durchschaubar und lässt reichlich Platz für Interpretationen. Das Farbenzusammenspiel und die Formen sehen aber trotzdem dufte aus. Überhaupt fällt auf, dass Mara Piccione in letzter Zeit häufiger mit Form und Farbkontrasten spielt. Vielleicht hat das Ganze auch einen Bezug auf den Albumtitel? Entschleunigung und Minimalismus sind ja auch beliebte Stilelemente in der Kunst. Aber wahrscheinlich verbirgt sich hinter dem Cover eine ganz andere Geschichte. Es könnte z.B. sein, dass Mara ihrer kleinen Tochter Schere, Kleb und Papier in die Hände gedrückt hat. Natürlich mit der Bitte, ein paar schöne Formen auszuschneiden. Haha, eher nicht! Schaut mal auf ihrer Seite vorbei, da werdet ihr so ziemlich geiles Zeug entdecken (eines ihrer Plakate hatte neulich sogar ’nen kurzen Auftritt in einem Tatort auf der ARD). Nachdem man die Texte und die Musik ausgiebig eingeatmet hat, grübelt man natürlich weiter über das Cover. Plötzlich schwirren auch abwegige Gedanken im Geiste herum. In den hintersten Gehirnregionen erinnere ich mich z.B. an eine Tier-Doku, in der mich ein schwarzer Drachenfisch mit scharfem Gebiss für den Rest meines Lebens daran hindern wird, in irgendwelchen trüben Gewässern ein Bad zu nehmen. SchniSchnaSchnappi!

Nun, das mir vorliegende Besprechungsexemplar wiegt zwar gegenüber der schwarzen 180g-Ausgabe nur leichte 140g, dafür punktet die durchsichtige Aperol-Sprizz-Vinyl-Optik. Oder ist das Rosé? Keine Ahnung, denn spätestens, wenn die Nadel aufsetzt, fischt man nervös das Textblatt heraus, um die intelligenten, gesellschafts- und kapitalismuskritischen Lyrics zu studieren, die mit viel Sarkasmus angereichert sind. Wir leben in verrückten Zeiten, Intoleranz, Hass und Gewalt sind so verbreitet wie noch nie, permanente Angst und Stress machen das Leben auch nicht unbedingt angenehmer. Deshalb: Entschleunigung, yeah! Genau das predige ich seit Jahren! Einfach mal die 5 gerade sein lassen, sich keinen Kopf um morgen machen. Ich muss heut nicht zur Arbeit, zum Skaten bin ich irgendwie auch zu faul. Mal wieder was lesen, das Smartphone ausschalten, Dinge machen, die Glück hervorrufen. Deinen Mitmenschen auf der Straße ein Lächeln schenken. Mal wieder die geile Weston anhören, Black Train Jack ebenso, Lifetime und Grey Area. Die verstaubte Gitarre durch einen kräftigen Pusteblumen-Puster vom Staub befreien. Einfach erstmal ohne Strom und Amp rumklimpern…und Minuten später einstöpseln und volle Pulle auftdrehen! Wenn das alle Leute dieser Erde machen würden, dann hätten wir sicher bessere Nachrichtensendungen mit weniger Hass und Gewalt. Und nicht zu vergessen: mit Hell & Back auf den Ohren breit grinsend durch die Fußgängerzone schlendern!

Wie dem auch sei, Hell & Back klingen anno 2017 noch besser, als sie es bisher schon getan haben. Die zwölf Songs zünden spätestens nach dem zweiten Durchlauf ein gigantisches Punkrock-Feuerwerk! Songs wie der Opener Treasure Chest, das mitdtempolastige Nailed It, das geniale Fiction & History oder das hymnenhafte Cringer stechen besonders hervor und auch der Rest des Albums ist catchy ohne Ende und lässt kein Auge trocken. Da wird im Pit sicher in Zukunft noch mehr Bier verschüttet! Die Gitarren fetzen hochmelodisch und verspielt, während die Drums treibend nach vorne gehen und der Bass munter knödelt, was das Zeug hält. Und darüber die unverkennbar hohe und kraftvolle Stimme von Sänger Vuki, die an manchen Stellen mit mehrstimmigen und hymnenartigen Bandchören unterstützt wird. Allerfeinste Sahne! Der Sound kommt absolut klar und druckvoll aus den Lautsprechern, jedes Instrument hat seine Daseinsberechtigung. Das Mastering hat diesmal Jack Shirley/Atomic Garden erledigt und wie ihr auf diesen Seiten schon öfters lesen konntet, hat er dies erneut mit Bravour gemeistert. Ich liebe den satten Sound, der trotzdem noch eine gesunde Portion Dreck drin hat. Hell & Back katapultieren sich mit diesem Album definitiv noch weiter an die Speerspitze der deutschen Punkszene. Slowlife ist ganz großes Kino! Und auch wenn man jeden Bissen 30 Mal kauen sollte, bevor man ihn runterschluckt: dieses Ding sollte man hastig und mit gierig starrenden Augen verschlingen, so dass man sich nach 3-4 mal Nachschöpfen richtig fertig auf dem Sofa ein Verdauungsschläfchen genehmigen kann.

9/10

Facebook / Bandcamp / Fond Of Life


 

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