Bandsalat: Anorak, Cantilever, Heaps Keen, Hightower, Iris, Myelin, P.R.O.B.L.E.M.S., Silverstein

Anorak. – „Hollow & Memo“ (Uncle M) [Stream]
Schon die bisherigen Releases der Kölner konnten bei mir punkten und auch wenn dieses Mini-Release nur zwei Songs an Bord hat, steckt doch ordentlich viel Arbeit und Liebe hier drin. Offenbar soll Hollow & Memo so eine Art Lebenszeichen sein, denn die Band hatte den Weggang eines Gitarristen und die Einarbeitung eines neuen Gitarristen zu verkraften. Solche Veränderungen zehren am Nervenkostüm. Jedenfalls hat sich die Band mittlerweile so weit gefangen, dass es im Oktober auch wieder auf Tour gehen kann. Nun, musikalisch gesehen hat sich bei Anorak nicht allzu viel getan, man bekommt zwei wunderschöne Tracks auf die Ohren. Während Hollow ein wenig flotter vorantrabt und direkt zum Punkt kommt, klingt Memo vielseitiger und melancholischer. Überhaupt gefallen mir bei Anorak die verspielten Gitarren, die Gegensätze laut/leise und ruhig/treibend sind auch wieder hervorragend umgesetzt und die Songarrangements sind ausgeklügelt, ein Blick ins Textblatt lohnt sich ebenso. Das Mixing wurde übrigens von Vince Ratti (Brand New, Title Fight, Citizen, Turnover) und das Mastering von Kim Rosen (Pianos Become The Teeth, Title Fight, La Dispute) übernommen. Wenn ihr euch eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Modern Hardcore und Post-Rock vorstellen könnt, dann solltet ihr das mal antesten.


Cantilever – „The Fall The Rise (Demo)“ (DIY) [Stream]
Da kommt ’ne Anfrage einer Band aus Malaysia reingeschneit, die mit den Referenzen At The Drive-In, Fall Of Troy und Sparta lockt und mich eher mit Zurückhaltung auf den angehängten Link klicken lässt. Viele Bands loben ihren eigenen Sound ja in den Himmel, so dass man nach dem ersten Höreindruck nur denkt, was zur Hölle diese Band für ’ne Selbstwahrnehmung hat und offensichtlich der gesamte Freundeskreis aus hintenrum lästernden Heuchlern besteht. Nun, im Fall von Cantilever, die bis jetzt lediglich zwei der fünf Songs des Demos auf ihrer Bandcamp-Seite zum Name Your Price Download anbieten, betätigte ich direkt während des Anhörens des Bandcamp-Streams begeistert und lechzend den in der e-Mail angehängten Download-Link. Denn Cantilever hören sich wirklich an, als wären sie der etwas verschrobene und ungewaschene kleine Bruder mit den ungekämmten Haaren von At The Drive-In. Gerade das verschwurbelte Fallen Empire mit seinen schrägen Gitarren und dem sich überschlagenden Gesang, der sehr viel Ähnlichkeit mit Cedric Bixlers Organ hat, lässt einen vermuten, dass man es hier mit den ersten unveröffentlichten Demo-Songs der Texaner zu tun hätte. Die Aufnahme ist zwar etwas dumpf, die Flanger-Effekte der Gitarren klingen an manchen Stellen etwas matschig und die Snare tritt zu sehr in den Vordergrund, dennoch fasziniert die Wucht und Intensität der Songs. Geil irgendwie, checkt das unbedingt mal an! [***kleiner Nachtrag: mittlerweile ist das vollständige Demo auch auf der Bandcamp-Seite verfügbar]


Heaps Keen – „Thanks, Grandma“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf dieses kleine Juwel hat mich Groschi vom 12XU-Blog aufmerksam gemacht, der mir einfach die Anfrage dieser kanadischen Band weitergeleitet hat, weil der Sound nicht so richtig in das Spektrum seines Blogs passen wollte. Dafür bin ich ihm natürlich sehr dankbar, außerdem ist das echt ’ne geile Idee. Ich selbst komm mir immer sehr blöd vor, wenn ich eigentlich gut gemachtes Zeug in den Papierkorb befördere, obwohl da sehr viel Herzblut drin steckt, es aber musikalisch nicht so recht meinen Geschmack trifft. Nun, Heaps Keen legen also mit Thanks, Grandma ihre zweite EP vor. Auf insgesamt sechs Songs schütten die fünf Jungs ihr ganzes Herzblut aus, die Spielfreude schwappt aus jedem einzelnen Ton. Die Gitarren twinklen was das Zeug hält, an manchen Stellen wird es durchaus aber auch ein wenig schräg. Der Gesang geht dann ebenfalls wie die Mucke in Richtung Algernon Cadwallader und Snowing. Sehr geile Band, hat das Zeug zum Geheimtipp!


Hightower – „Club Dragon“ (KROD Records) [Stream]
Neulich stellten wir euch schon die Pariser Punkrock-Band Hightower mit dem Video zum Song The Party vor, nun ist auch mittlerweile das zweite Album erhältlich. Wenn man sich das Albumcover so anschaut, dann erwartet man eigentlich musikalisch was völlig anderes. Nun, anstelle von Hardrock bzw. Heavy Metal á la Warlock oder Helloween springt von Beginn bis Ende ein solider und melodischer Punkrock-Motor an, der ordentlich einheizen kann. Die Pariser sind ziemlich flott unterwegs, da hört man die Alte-Schule-Hardcore-Wurzeln raus, Bands wie Fastbreak, Brand New Unit, Fine Before You Came, Good Riddance, Lifetime oder Heckle schwappen hier und da durch, trotzdem bleibt es schön melodisch, aktuelle Vergleiche wären Bands wie z.B. Hell & Back oder Goddamnit. Ihr bekommt jedenfalls zwölf ins Ohr gehende hymnenhafte Hardcore-Punk-Songs vor den Latz, die neben dieser Hardcore-Breitseite auch mit einer ordentlichen Emo-Kante aufwarten kann. Frischer und v.a. abwechslungsreicher Wind aus Frankreich! Testet mal das tolle Titty Twister aus oder packt euch ganz einfach das ganze Album in den Bandcamp-Player.


Iris – „Selftitled“ (Backpack Records) [Stream]
Die kanadischen Iris sind wohl auch schon einige Zeit unterwegs, mir persönlich wurde die Band erst mit einer Anfrage des Berliner Labels Backpack Records bekannt. Das Lieblingsformat der Band aus Toronto scheint die EP zu sein, denn diese selbstbetitelte EP ist mittlerweile EP Nummer fünf. Jedenfalls machen die drei Jungs und das Mädel zuckersüßen Shoegaze/Dream Pop. Vier verträumte Songs wabern dir das Hirn weich, was v.a. an den zuckerwatte-weichen Gitarren und am Wechselgesang von Bassistin und Sängerin Meg Boni und Gitarrist und Sänger Scott Downes liegt. Trotzdem können die Gitarren auch blechern und scharf klingen. Da hat man dann unweigerlich Bands wie If They Ask, Tell Them We’re Dead, gediegenere Mumrunner oder Paper Wounds im Ohr. Und bevor man in Träumereien abschweift, bekommt man völlig unvorbereitet ein sattes Schlagzeug wie nach dem Intro zum sechsminütigen Peal vor den Latz geknallt. Bei meiner Internetrecherche hab ich übrigens rausgefunden, dass sich die Band im Jahr 2015 aufgelöst hat und dieses Release sozusagen ein Comeback ist, obwohl vom Original-Line-Up nur noch Scott Downes geblieben ist. Mir gefällt’s jedenfalls richtig gut!


Myelin – „Reservoirs“ (Uncle M) [Stream]
Bei Myelin handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus London, bei der Mitglieder von Apologies, I have None, Great Cynics, JB Conspiracy, British Teeth und It’s not Ok mitwirken. Reservoirs hat fünf Songs im Gepäck, die zwischen melancholischem Emocore und Post-Hardcore angesiedelt sind und v.a. durch die ausgewogenen Songarrangements für reichlich Abwechslung sorgen. Bei den lauteren Passagen wird gerne mit delayartigen Gitarren gearbeitet, die gespenstisch durch den Raum flirren und sich zu gewaltigen Soundtürmen aufbäumen. Dazu passt der einfühlsame, fast resigniert wirkende Heul-Gesang von Dan Bond wie die Faust aufs Auge. Mir gefällt jedenfalls, was meine Lauscherchen da hören! Meine Favoriten sind übrigens der zweite Song 15 und das verträumte Horror, die ich euch auch gleichzeitig als Anspieltipp empfehle, da hier die ganze Bandbreite der Jungs deutlich wird. Diese Band solltet ihr euch nicht durch die Lappen gehen lassen, ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


P.R.O.B.L.E.M.S. – „Doomtown Shakes“ (Rockstar Records) [Stream]
Die P.R.O.B.L.E.M.S. sind ja längst keine Unbekannten mehr in der Szene, wer sie noch nicht kennen sollte, dem sei gesagt, dass hier Leute mitwirken, die sich schon über Jahre in der Szene tummeln und in namhaften Bands wie Defiance, Pierced Arrows, Detestation, Severed Head Of State, Soda Pop Kids, Don’t, Hellshock und Breaker Breaker gespielt haben. Dementsprechend professionell geht es mit neuem Sänger schön nach vorne, rockigen und schnellen Hardcorepunk kann man wirklich kaum besser machen. Rudernde Gitarren matschen einen leckeren Soundbrei, dazu gibt es immer wieder eine zweite Gitarre, die diese rockigen Gitarrensoli einstreut. Zudem ist das ganze durch das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug ganz schön groovy. Stellt euch einfach eine rotzige Mischung aus alten Turbonegro, Kid Dynamite, Clowns und Guns’N’Roses vor, dann habt ihrs ungefähr.


Silverstein – „Dead Reflection“ (Rise Records) [Video]
Als ich die kanadische Band das letzte Mal live erleben durfte, hat mich der Sound plus Live-Performance die gesamte Show über richtig gut geflasht, obwohl ich mit den mittlerweile sieben Studio-Alben allein zu Hause im stillen Kämmerlein nie richtig warm wurde. Voll die Überraschung! Auch beim neuen, inzwischen achten Album geht es mir ähnlich. Das klingt auf den ersten Blick nämlich alles ganz schön durchproduziert und ausgeklügelt, so dass man sich nach dem ersten Durchlauf die Energie einer Liveshow der Jungs vor die Netzhaut wünscht. Aber bereits nach der zweiten Runde entdeckt man doch ein paar Sachen, die ganz schön catchy sind. Am Besten gefällt mir die Band ja schon in den härteren Momenten, z.B. wenn neben Clean Vocals und Bandchören geshoutete Passagen wie bei Retrograde, Ghost oder Mirror Box vorkommen. Aber selbst poppigere Songs wie Aquamarine oder The Afterglow wissen zu überzeugen, auch wenn man dabei immer Avril Lavigne oder Hayley Williams vor Augen hat. Interessiert sich jemand für die Texte? Die sind nämlich sehr persönlich und handeln vom Seelenleben des Sängers, der sich nach dem Ende der 2015er-Album-Tour an einem Tiefpunkt befand. Kann man nur hoffen, dass die musikalische Aufarbeitung zum Seelenwohl beigetragen hat.


 

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