Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!


 

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2 Gedanken zu “Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

  1. Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy):
    Unwichtige Korrektur: die Bambix kommen ursprünglich aus den Niederlanden, Sängerin Wick wohnt da wohl nachwievor. Wobei die Jungs am Bass + Schlagzeug mittlerweile wohl sogar aus Köln sind.. Ansonsten danke für deine klasse Reviews!

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  2. Mist, jetzt hat das Geflunkere doch tatsächlich jemand gemerkt…hehe. Die Schönheit des Satzes war zu verlockend! „Bambix aus Belgien“ ist quasi ein Ohrenschmaus und klingt um Längen geschmeidiger als „Bambix aus den Niederlanden oder gar Köln“ :). Vielen Dank aber für Deine Rückmeldung und die lieben Worte <3! Und natürlich sorry für diese Falschinformation!

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