Dingleberry Records-Splitstorm: Child Meadow & Appletop, Det Är Därför Vi Bygger Städer & Мятеж, Euglena & КОЛЧАК

Child Meadow & Appletop – „Split 7inch“ (Dingleberry u.a.)
Komisch, irgendwie hatte ich die Franzosen von Child Meadow mit ihrem It Hurts-Album etwas Screamo-lastiger im Gedächtnis, aber das Screamo-Feeling stellt sich nach einem extrem gut nach vorne gehenden fuzzigen Emo/Grunge-Auftakt dann doch noch ziemlich rasch ein. Die Gitarren schrammeln nach wie vor am Limit, einzig der Gesang klingt nicht so brutal wie auf It Hurts, auch wenn man merkt, dass noch jede Menge Schmerz aus allen Ritzen ans Ohr dringt. Die zwei Songs fuzzen jedenfalls ohne Ende, das hört man v.a. beim Appletop-Cover Somehow We Got Lucky. Wenn ihr jetzt ratlos wie ich vor der Appletop-Wand steht, dann hilft nach dem Durchlauf der A-Seite nur eines: Umdrehen und die Appletop-Seite lauschen. Die zwei Songs von Child Meadow erinnern mich jedenfalls daran, dass ich nach ausgiebiger Rotation dieses Scheibchens mal wieder in den Backkatalog der Band aus Toulon reinhören sollte. Aber zurück zur Appletop-Wand, vor der ihr immer noch ratlos steht. Ist das umdrehen des Scheibchens geglückt, dann freut man sich recht schnell am relaxten Sound der ebenfalls aus Frankreich stammenden und mir gänzlich unbekannten Band. Insgesamt kann man hier von ziemlich geilem slackigen Indierock mit Emo-College-Rock-Einflüssen sprechen. Da fühlt man sich direkt an Bands wie Youth Group oder Athlete erinnert, selbst Karate hat man beim zweiten Song Next to Fuzzy Mc Gee im Ohr, Pavement, Dinosaur Jr. oder Van Pelt dürften auch in den Plattenregalen der Bandmitglieder stehen. Noch schnell was zur Aufmachung: die schwarz-weiß-Optik wirkt auf den ersten Blick etwas lieblos gestaltet, dennoch vermute ich – hauptsächlich aufgrund des Inhalts des hinterlegten Textauschnitts -, dass da jemand schon einen Plan hatte. Dass dieses Scheibchen was besonderes ist, zeigen auch die am Release nicht wenigen beteiligten Labels: Desertion Records, Pundonor Records, Sieve Sand Records, Crapoulet, La Cellule Records, Panda Banda, Super Issue, Bus Stop Press, Pornovista, Never Trust An Asshole und Dingleberry Records.
Name Your Price Download / Dingleberry Records


Det Är Därför Vi Bygger Städer & Мятеж (Dingleberry Records u.a.)
Manche Bands scheinen Split 7inches zu sammeln, als ob es Trophäen wären. Gerade für tief in der DIY-Szene verwurzelte Bands symbolisiert dieses Format auch den Zusammenhalt und die Freundschaft mit anderen Bands. Det Är Därför Vi Bygger Städer ist auch so eine Band, die dieses Split-Format zu lieben scheint, denn dieses Release ist bereits die fünfte Split. Ich stelle mir solche Co-Releases mehrerer Labels (Dingleberry Records, Through Love Records, Zegema Beach Records, Friendly Otter Records, Wolftown DIY und Samegrey Records) und mehrerer Bands sehr aufwändig vor, alleine die Kommunikation der Labels und der Bands untereinander dürfte nicht einfach sein. Nun, die digitale Version war bereits seit Ewigkeiten auf Bandcamp verfügbar, jedoch zog sich die Veröffentlichung dieses Tonträgers richtig unangenehm in die Länge, der Pressungsprozess dauerte wohl über ein Jahr. Was lange währt, wird letztendlich klasse. Das Faltcover besteht aus einem glatten, dicken Karton, der mit einer schönen Bleistift/Kohle-Zeichnung (?) der Künstlerin Felicia Nyström bedruckt ist. Im Inneren können die Texte nachgelesen werden, zudem erfährt man hier auch, dass es sich bei den drei Songs der Band Det Är Därför Vi Bygger Städer um die ersten Songs handelt, die die Band geschrieben hat. Natürlich tut man sich mal wieder mit den schwedischen Texten schwer, aber wenn ich das richtig verstanden habe, dann strotzen die Texte nur so vor Trennungs-Herzschmerz, Bedauern und unendlicher Liebe. Jedenfalls zeigt die Band, die sich aus Bandmitgliedern von Careless, No Omega und Disembarked zusammensetzt, dass hier neben jeder Menge Herzblut auch reichlich Erfahrung mit an Bord ist. Die drei Songs leben v.a. von den flink gespielten Gitarren und vom heulend-leidenden, herzzereißenden, verzweifelten Geschrei des Sängers, dazu wildes Getrommel, manchmal arhythmisch und mit richtig viel Crashbecken. Bei den zwei kurzen Stücken dominiert eher das Gaspedal, bei Akvarell – mein Favorit auf der A-Seite – zeigen die Jungs aber eindrucksvoll, dass sie auch langsameres Tempo gut beherrschen. Мятеж sind aus Portland/USA und Hamilton/Kanada und sie bezeichnen sich als kollektives Projekt, das das Splitformat und einzelne Samplerbeitragshappen ebenfalls zu lieben scheint. Bei мятеж wirken eigentlich nur zwei Leute mit: zum einen ist das Dave von Zegema Beach Records, der den Gesang zu den zwei Songs beisteuert, zum anderen ist das Chris, den man von Bands wie Yaphet Kotto, Jenny Piccolo oder Makara her kennt und welcher für alles andere verantwortlich ist. Die zwei Songs überwalzen Dich zuerst mal richtig schön, dabei driftet man nach mehrmaligen Durchläufen irgendendwie ab. Mir ergeht es so, als ob ich die Musik wie durch einen Wattefilter im Ohr wahrnehmen würde, eine gewisse Distanz zu den Songs ist nicht von der Hand zu weisen, es braucht einige Runden, um mit dem Sound der Band warm zu werden. Vermutlich liegt das am Soundmatsch der Gitarren und am verzerrten Gesang, der sich anhört, als ob er elektronisch verzerrt wäre. Selbst beim ruhigeren Beginn von Inhaling Infants werde ich dieses Watte-Gefühl nicht los, so dass bei diesem Release sicher die Bygger Städer-Seite öfters mit der Seite nach oben auf dem Plattenteller liegen wird.
Name Your Price Download / Dingleberry Records


Euglena & КОЛЧАК – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Rein äußerlich punktet dieses kleine Scheibchen schon mal ordentlich. Auf zahnarztkitteligem weißem Karton sind per schwarzem Druck ein paar angegammelte und herausgerissene Zähne zu bewundern. Alle mit Wurzeln, penibel und zwanghaft wie von einem Psychopathen nach dem chirurgischen Zahneingriff angeordnet. Das amalgamweiße Vinyl blitzt zähnefletschend vom Plattenteller, während beim Aufsetzen der Nadel ein bohrendes Zahnarzt-Folterinstrument ratternd für Gehirnschmerzen sorgt, sich langsam, aber presshammerwalzend und bestialisch den Weg durch das porzellanartige Gestein freischaufelt…Euglena kommen aus Sankt Petersburg/Russland und machen ziemlich crustigen Screamo. Die Band war mir bisher nicht bekannt, neben einer Split gibt es auch noch eine EP. Klingt gut angepisst und wütend. Gerade die alleinstehenden Gitarren im Mittelteil des 3:31 minütigen Songs auf der A-Seite lassen mich aufhorchen, denn gleich im Anschluss bauen die Gitarren plus Schlagzeug eine Spannung auf, die ich gern live einsaugen würde. Das Ding sorgt bestimmt für Gänsehaut. Geiler Song jedenfalls! КОЛЧАК kommen auch aus St. Petersburg und rocken die B-Seite ebenfalls mit einem Song mit identischer Spielzeit (3:31 Minuten). Allerdings fehlt mir hier etwas der Gesang, denn die Band ist rein instrumental unterwegs. Im Gegensatz zu diesen gängigen langweiligen Post-Rock-Instrumental-Bands haben die Jungs aber ordentlich Dampf in den Segeln, mit dem entsprechenden Gesang wär das Ding echt mal der Hammer. Auch КОЛЧАК haben schon ein paar Veröffentlichungen im Gepäck, das erklärt die atmosphärische Dichte dieses Hammersongs. Beide Bands sind zwar auf den ersten Blick etwas unbequem, aber das erste mulmige Gefühl in Bezug auf die fehlenden Stempel im Zahnarzt-Bonus-Heftchen wird beim mehrmaligen Drehen des Scheibchens schnell vergessen. Wer braucht schon das Geräusch eines Zahnarztbohrers bei 7inches wie dieser genialen Split? Ach ja, die beteiligten Labels noch: Dingleberry Records, Grains Of Sand Records, Basement Apes Industries, Désordre Ordonné und WOOAAARGH.
Stream / Dingleberry Records


 

 

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