WuZeTian & Uwaga – „Pin de Siècle 7inch“ (1000Milesintomyheart & Taste The Sword Records)

Okay, wo soll ich anfangen? Bei dieser Split 7inch gibt es so viele Ansätze für ’ne Einleitung, dass ich mich nicht entscheiden kann, welche wohl die beste sein könnte. Daher schreib ich jetzt einfach mal nach vorn galoppierend drauf los, denn all das nachfolgende Geblubbere fühlt sich irgendwie gut an, zumindest für mich. Es gab mal ’ne Band namens Secretos Del Corazon, die mich ziemlich faszinierte. Um die Jahrtausendwende herum kontaktierte ich die Band – nachdem ich die geniale EP Des Fois Il Faut Que J’y Pense entdeckt und lieb gewonnen hatte. Warum? Ich hatte damals Freude daran, unbekannte Bands zu unterstützen, indem ich vollkommen DIY und auf non-profit-Basis Tape-Sampler zusammenstellte, die ich auf Konzerten zum Selbstkostenpreis vertickte, oft wurden die Dinger auch einfach nur an freundlich aussehende Menschen verschenkt. Man kannte sich, ohne sich eigentlich wirklich richtig zu kennen, trotzdem hatte man das Gefühl, miteinander verbunden zu sein. Kleiner Zeitsprung: Vor einiger Zeit gab es hier auf diesen Seiten eine Erinnerung an die Band Secretos Del Corazon im Rahmen der Rubrik „Mottenkiste“, wodurch der einst analoge Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern der Band in digitalen, virtuellen Ebenen neu belebt wurde. Spätestens jetzt befürchte ich, dass dieser Text wohl unangemessen lange wird. Naja, scheiß drauf!

Jetzt kommt die kleine Überleitung in die Gegenwart: Marco, der früher bei Secretos Del Corazon mitgewirkt hat, betreibt mittlerweile das Label 1000milesintomyheart, zudem singt er bei der Band WuZeTian. Nachdem die Band releasetechnisch im Jahr 2012 erstmalig mit einer Demo in Erscheinung getreten ist und bis dato immer mal wieder Shows gespielt wurden, erscheint nun ein paar Jährchen später eine Split mit der französischen Band Uwaga, die für mich auch keine Unbekannten sind (siehe Review zur EP A Peine). Immer wieder schön, wenn man wie in der Einleitung beschrieben nach all den Jahren auf Leute trifft, die immer noch aktiv die Szene beleben und dabei klar ist, dass der Spaß immer noch der Hauptfaktor bei der Sache ist und viel Herzblut und DIY-Ethos entgegenschwappt. Das Scheibchen erscheint als Co-Release auf den bandeigenen Labels 1000milesintomyheart und Taste The Sword Records und ich muss zugeben, dass die Split 7inch äußerst hübsch geworden ist. Der stabile, goldfarbene Karton, der mit einer kupferstichmäßigen Zeichnung bedruckt ist, macht optisch schon mal ordentlich was her. Klappt man das Ding auf, so hat man – nachdem einige Zettelchen rausgepurzelt sind – freie Sicht auf die Lyrics (plus französisch/deutscher Übersetzung) beider Bands. Keine Ahnung, ob das bei meinem Exemplar ’ne Ausnahme ist, aber die beigefügten Aufkleber beider Bands und v.a. das selbst gezeichnete Cartoonbildchen sind schon so richtig persönlich gestaltete Gimmicks, die man nicht in jedem 7inch-Release findet. Und fischt man erst das Scheibchen aus der Hülle, dann bekommt man aufgrund der weißgoldenen Vinylfarbe ein ähnlich großes Auge, wie die Cartoonfigur. Geil! Und auch beim EP-Titel haben sich die Bands was gedacht, wie ich aus dem beiliegenden handgeschriebenen Briefchen entnehme. Fin De Siècle wird auch Dekadentismus genannt und bezeichnet die künstlerische Bewegung in der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg, in der kultureller Verfall zum Objekt gemacht wurde. Die Bands ziehen mit dem Titel Parallelen zu unserer jetzigen Epoche.

Okay, die A-Seite gehört Uwaga aus Straßburg. Und die haben sich die Wandertipps des Alpenvereins sicher nur flüchtig durchgelesen. Überall steht doch geschrieben: langsam beginnen, Tempo immer gleichmäßig, Pausen einlegen usw. Die Franzosen marschieren aber mit schneidigem Schritt los und werden immer schneller, bis sie fast rasend die letzten Meter der Strecke hinter sich haben und den Gewaltmarsch mit festem Tritt beenden. Ob das an der ungewissen Zukunft liegt? Jedenfalls ist es von Vorteil, die Texte auch in der deutschen Übersetzung vor sich zu haben. Der Song Teenage Politics beginnt dann unterschwellig-melodisch und zündet ebenso gewaltig wie der Opener. Auch wenn hier leise Parts mit eingebaut sind, lebt der Song von seiner chaotischen, arhythmischen Dynamik. Und zum Ende hin kommen noch diese Gitarren zum Zug, die in der Lage sind, zentimeterdicke Steinbrocken zu zerschneiden. Screamo-Fans sollten die Band im Auge behalten.

Nun aber zu WuZeTian, deren Mitglieder übrigens aus diversen Kleinstädten Baden-Württembergs kommen. Ich erwähnte bereits, dass der 7inch ein handgeschriebener Brief beigefügt war. Nun, ein Glück, dass Marco den Brief überhaupt schreiben konnte, denn offenbar scheint auf der Band ein Fluch zu liegen (steckt etwa Wuzetian, die chinesische Kaiserin dahinter?). Diverse Mitglieder der Band quetschten oder verletzten sich jedenfalls diverse Extremitäten, mussten operiert werden. Danach konnten sie es nicht abwarten, wieder zu trommeln oder zu schrammeln, wodurch die Wunde erneut aufgeplatzt ist und eine neue OP notwendig war. Boah, sowas ist schon ätzend. Angesichts des angepissten Sounds von WuZeTian hätte man meinen können, dass diese krankheitsbedingten Hürden bereits gemeistert wurden und die zwei Songs nach dem Dahinsiechen auf dem Krankenbett entstanden sind. Coca Cola und Chemotherapie! Kennt jemand von euch noch die Band Stagnations End? Das hier erinnert mich total an diese geile Band! Wenn euch das Ding beim Durchstöbern von Distro-Kisten in die Hände fallen sollte, dann nehmt es mit. Oder noch einfacher: bestellt das Scheibchen gleich direkt beim Label, so liebevoll gemachte Releases findet man nicht alle Tage.

8/10

Bandcamp / 1000milesintomyheart


 

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