Spirit Desire – „Distract Your Mind“ (Miss The Stars Records/midsummer)

Es ist fast schon unheimlich: eben noch wurde mir – hervorgerufen durch die lobenden Worte zur neuen Citizen in einer der letzten Bandsalat-Runden – von einem lieben und aufmerksamen Leser das neueste Release der österreichischen Band Spirit Desire wärmstens empfohlen, und schon ein paar Tage später purzelt ein Plattenpaket aus dem Hause Miss The Stars in die Eingangspost. Vom Zufall mal wieder geküsst, blicke ich ungläubig auf diese 12inch, die da so schwer und sicher in meinen Händen liegt. Und das auch gerade deshalb, weil mir die Songs beim Reinhören schon auf Anhieb so sehr zugesagt haben, dass ich direkt ein Lesezeichen in meinem Ordner „Bandcamp-Besprechungen ohne Anfrage“ gesetzt hatte. Und witzigerweise sehe ich auf dem Backcover, dass neben Miss The Stars Records auch noch midsummer records am Release beteiligt sind. Und, oh Schande, natürlich liegt die Anfrage-Mail von midsummer records samt Download noch unberührt in dem „Noch Anhören“-Ordner. Organisation ist alles, haha! Jedenfalls bin ich hoch erfreut, dass dieses Release in Zukunft meine Sammlung verschönert.

Rein äußerlich ist die Platte eher unauffällig und fast unscheinbar, einzig der in Anlehnung an Nirvanas Nevermind-Schriftzug wellige Albumtitel und das Textblatt mit ebendieser Schrift lässt Rückschlüsse zu, was für ein Sound wohl aus den Lautsprechern kommen könnte, sobald die Nadel auf das weiße Vinyl trifft. Und in der Tat, die Linzer Band hört sich an, als ob die Bandmitglieder ’ne Menge 90er-Kram in den Plattenschränken stehen hätten. Denn die neun Songs haben ’nen satten 90er-Vibe, gerade der Gitarrensound zaubert mir ab dem ersten Song bis zum letzten Ton der B-Seite immer wieder ein fettes Grinsen in die Fresse. Die Vorbilder sind mit 90er-Bands wie Dinosaur Jr., Nirvana, Tigers Jaw oder Sunny Day Real Estate schnell gefunden, dabei reihen sich die Jungs problemlos in die aktuelle Welle dieses Revivals mit ein und können daher in einem Atemzug mit Bands wie Basement, Citizen, Milk Teeth oder Nothing genannt werden. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass der Sound der Jungs etwas roher und derber rüberkommt. Und das gibt der Musik diese besondere Note, da das Resultat in der Gesamtheit irgendwie authentischer und intensiver klingt. Aufgenommen wurde übrigens in den Linzer Doom Studios, für’s deftige Mastering wurde die Tonmeisterei auserkoren.

Die Band hat sich in den drei Jahren ihres Bestehens schon eine gute Fanbase erspielt, neben einer Demo, zwei EP’s und der Split-EP mit der Band Orphan dürfte diese mit Erscheinen des Debutalbums noch weiter wachsen. Denn die Jungs haben es raus, saftige Grunge-Riffs mit gefühlsbetontem Emorock zu kombinieren, dabei ist wie bereits angedeutet die 90’s Alternative-Kante stets präsent, an eingängigen Songarrangements mangelt es ebenfalls nicht. Spannungsgeladene Abwechslung ist also genügend vorhanden, zumal auch noch ein gewaltiger Shoegaze-Einfluss zu verorten ist. Zudem strotzt jeder einzelne Song von dieser melancholischen Grundstimmung. Als Anspieltipps bringe ich jetzt einfach mal meine persönlichen Highlights des Albums auf den Tisch: das wäre zum einen das riffbetonte Counting Days, das dazu noch einen eingängigen Refrain hat. Zum anderen treiben mir die Gitarren zu Beginn von Not Again die Freudentränen in die Augen. Das sind jetzt aber nur zwei Momentaufnahmen, am besten ihr packt das Album in die Dauerschleife, denn das Ding ist ein richtiger Grower, der mit jedem Durchlauf ins Unendliche zu wachsen droht. Ach so, noch kurz was zu den Texten: Wo andere Bands textlich ’ne Spur zu dick auffahren, reduzieren Spirit Desire die Dramatik deutlich und wirken dadurch um ein vielfaches glaubhafter. Die persönlich gehaltenen und eigenbrötlerischen Texte handeln von Realitätsflucht, gewollter Isolation in den eigenen vier Wänden oder dem steten Kampf mit den eigenen Dämonen. Jedenfalls sind sie so gehalten, dass noch genügend Interpretationsspielraum bleibt und sich sicher einige von euch in den Texten wiederfinden werden, während sie die Decke über’n Kopf ziehen und vom Rest der Welt in Ruhe gelassen werden wollen. Wer sich aus Frust in solchen Situationen gern mit Süßkram und Linzer Torte verwöhnt, der sollte mal als Alternative diese 12inch hier antesten. Noch dürfte die Band als absoluter Geheimtipp gelten, also haltet euch ran und holt euch das Ding!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Stream / Miss The Stars Records


 

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