Hey Ruin – „Poly“ (This Charming Man)

Anfang 2016 – kurz vor Veröffentlichung des Debutalbums Irgendwas mit Dschungel – erwähnte die Band im Interview mit Crossed Letters, dass zu dem damaligen Zeitpunkt bereits zwei bis drei neue Songs für das nächste Album in Angriff genommen wurden. Das vorgelegte Tempo zeigte schon zu diesen Anfangstagen, dass es die Jungs mit ihrer Musik mehr als ernst nehmen. Und ja, ich geb’s zu: Poly läuft bei mir seit ein paar Wochen mehrmals in der Woche, auch wenn ich anfangs (anhand der Download-Version) etwas skeptisch war. Warum das so war, kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr erklären. Denn mittlerweile, nachdem neulich eine schön golden glänzende Digipack-CD im Briefkasten lag (die zwar leider kein Textheftchen intus hatte) bin ich richtig vernarrt in dieses Album. Ob bei der Vinylversion wohl ein Textblatt dabei ist? Man kann’s nur hoffen, denn die Texte kommen klar und deutlich auf den Punkt, dazu aber später mehr.

Hey Ruin klingen auf diesem Album insgesamt um ein vielfaches reifer als auf dem Vorgänger. Vieles ist neu, z.B. ist die Band mittlerweile um einen neuen Mitstreiter an der Gitarre gewachsen, wodurch sich beim Gesang mehr Möglichkeiten ergeben. Da steckt mittlerweile sicher so viel mehr Zeit drin, als einige von euch sich denken können. Dass massig Herzblut und Freude injiziert wurde, ist auf Poly deutlich zu hören und laut Presseinfo sind die Songs wie erwartet im monatelangen Austausch quasi im Ping-Pong-Verfahren entstanden. Irgendwas mit Dschungel klang noch etwas roh und ungestüm, auf Poly sind ausgefeiltere Songarrangements zu entdecken, ohne dass das Ergebnis aber zu glattpoliert wirken würde. Die Melange aus Post-Hardcore, 90’er-Emocore und Punk geht auf Anhieb gut ins Ohr, klingt dabei aber dennoch vielseitiger und vielschichtiger als der Vorgänger. Langweilig wird es selten, gerade auch, weil die Jungs ziemlich experimentierfreudig unterwegs sind und das Songwriting nicht krampfhaft auf ins Ohr gehende Mitgröhlpassagen ausgerichtet ist. Da darf dann auch schonmal eine barjazzige Trompete mitwirken, ohne dass es aufgesetzt wirkt (Über dem Abfluss), selbst noisige Songs wie Magneto (Drive Like Jehu lassen grüßen) fügen sich perfekt ins Gesamtbild ein. Nach so einer Noise-Walze blüht das anschließende Pinguine wie ein kleines Indie-Pop-Schneeglöckchen auf einer vom Eis befreiten Wiese.

Die Weiterentwicklung der Band spiegelt sich wie bereits erwähnt nicht nur musikalisch wider, auch textlich haben die Jungs einiges zu sagen. Und das tun sie in einer Sprache, die gänzlich ohne Parolen und hohle Phrasen auskommt und auch mal zum Nachdenken anregt. Auch in puncto Gesang gefällt mir Poly um ein vielfaches besser als das Debut. Hier wirkt das Geschrei mehr, gerade weil auch nicht mehr so derb gebrüllt wird und die gesungenen und gesprochenen Parts mehr Melodie ins Spiel bringen. Neun Songs in 35 Minuten, zieht’s euch rein!

8/10

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