Sport – „Slow“ (Adagio830)

Zu diesem Album hätte ich eigentlich schon längst was schreiben wollen, das gesetzte Bandcamp-Lesezeichen glotzte mich beim Durchscrollen des Browserordners immer mal wieder an. Jedoch konnte ich mir aufgrund der Flut an physischen Bemusterungsexemplaren nie die erforderliche Zeit nehmen, die für dieses grandiose Album angemessen gewesen wäre, um ein paar gebührende Zeilen zu schreiben. Vor ein paar Wochen dann säuberte ich mal wieder den Lesezeichenordner, indem ich alle 2016 erschienenen und unbesprochenen Alben einfach gnadenlos und schweren Herzens löschte, darunter auch dieses. Zudem tröstete mich der Gedanke, dass ein Großteil von euch das Ding sicher eh im Plattenschrank stehen hat, da Slow durchweg überall positive Kritiken bekam.

Und als ob es eine höhere Macht geben würde, wurde mir das Album neulich doch noch zugespielt, das kleine Juwel war nämlich Bestandteil eines Plattenpakets aus dem Hause Adagio 830. Unweigerlich musste ich aufgrund der oben beschriebenen Ereignisse schmunzelnd an diese Hitchcock-Komödie mit dem Titel „Immer Ärger mit Harry“ bzw. dessen Remake „Immer Ärger mit Bernie“ denken, denn da versuchen verschiedene Leute, eine Leiche verschwinden zu lassen, die aber immer wieder wie bei einem Jojo-Effekt ausgebuddelt wird, so dass das Entsorgungsproblem erneut vorhanden ist. Nun, entgegen der unangenehmen Vorkommnisse im Film erfreue ich mich, dass doch noch eine Besprechung dieses Albums möglich wurde.

Die Franzosen spielten sich mit ihrer intensiven Mischung aus Punk, Midwest-Emo und Indie ja bereits mit den beiden Full Length-Alben Colors (2012) und Bon Voyage (2014) in die Herzen zahlreicher Emo-Fans, so dass sogar das längst vergriffene Demotape aus dem Jahr 2011 als schnuckelige 7inch im Jahr 2014 re-released wurde. Und mit Slow wird der Sound, den man von den bisherigen Releases gewohnt war, konsequent weitergeführt, so dass es nicht verwunderlich ist, dass das Album in Zusammenarbeit mehrerer renommierter DIY-Labels erschien. Beteiligt sind neben Adagio830 noch die Labels Pike Records, Guerilla Asso, Dog Knights Productions, Inhumano Discos, La Agonia De Vivir, DTTH, No Routine Records, La Tete d’Ampoule, Unlock Yourself und Hardcore For The Losers.

Und packt man die Scheibe dann feierlich auf den Plattenteller, bekommt man sie da nur sehr schwer wieder runter. Ich liebe diesen warmen Vinylsound, zudem gibt es doch nix schöneres, als es sich warm eingemummelt mit der Plattenhülle auf dem Sofa gemütlich zu machen und bei den ersten Durchläufen ausgiebig die Texte zu studieren. Diese habe ich bisher bei den Digital-Hörrunden nämlich eher beiläufig wahrgenommen. Ähnlich intensiv und melancholisch wie die Musik der Band aus Lyon behandeln diese sehr persönliche Themen wie Vergänglichkeit, Freundschaft, Coming Of Age und anderen Kram, der den zuckersüßen Herbstblues nur nochmals unterstreicht. Die bildhafte Sprache lässt dabei immer noch genügend Spielraum für Interpretationen.

Auf der einen Seite ziehen mich die charmanten und einlullenden Gitarren bei den bedächtigen Passagen in den Bann, auf der anderen Seite gibt es aber immer noch die richtige Schippe Dreck, die das Ganze nicht allzu weichgespült erscheinen lässt. Ihr wisst schon, dieser für die Band typische Gitarrensound, der euch mit diesen Algernon-Cadwallader-Twinkle-Gitarren schwindlig spielt. Dazu noch die abwechslungsreich gespielten Drums und natürlich der durchdringende und teils hymnische Gesang, der hierzu passt, wie die Faust auf’s Auge. Während es auf der A-Seite flotter zugeht, klingt die B-Seite behutsamer. Hier kann man hören, wie sich Leidenschaft und literweise Herzblut anhört. Das hier sind neun Songs für die Ewigkeit. Ich bin jedenfalls unendlich dankbar, dass dieses Schmuckstück doch noch Teil meiner Plattensammlung geworden ist. Denn im Gegensatz zum Digital-Download, der leider wie so oft längst im Festplattennirvana versunken ist, wird Slow in Zukunft sicher noch etliche Male den Weg auf den Plattenteller finden.

9/10

Facebook / Bandcamp / Adagio830


 

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