erai – „Selftitled 12inch“ (lifeisafunnything)

Manchmal führt das eine zum anderen und aus einer absoluten Enttäuschung heraus tut sich irgendwo ein klitzekleines Fensterchen auf, was wiederum wie bei einem Dominoeffekt zu einem Ergebnis führt, das absolut umwerfend ist. Das umwerfende Ergebnis wurde mir kurz vor Weihnachten an der Haustür in die zittrigen Pfoten gedrückt. Mal wieder eine Paketsendung aus dem Hause lifeisafunnything. Solche Haustürgeschäfte nehme ich stets mit leuchtenden Augen entgegen, da garantiert sagenhaft tolle Musik enthalten sein wird! Dieses Mal freute ich mich an der 12inch einer neuen Berliner Band namens erai, deren Besprechungsanfrage unabhängig vom Label auch schon in meinem digitalen Postfach gelandet war. Dazu aber später mehr. Denn dass dieses Juwel überhaupt auf lifeisafunnything erscheinen konnte, hängt damit zusammen, dass ein geplantes Release mit einer anderen Band in dem Moment platzte, als der Kontakt mit erai entstand. Dabei war das ursprünglich geplante Release eigentlich schon fast im Kasten. Die betroffene Band war einverstanden und ein weiteres kleines Label wurde auch noch mit ins Boot geholt. Zudem meldete sich auch noch ein größeres Label und fragte an, ob man auch noch mit aufspringen könne, was natürlich auch von den beiden kleineren Labels befürwortet wurde. Punk lebt ja schließlich von der Vielfalt und der Gemeinschaft, je mehr Hände etwas tragen, umso besser!  Plötzlich wurde aber zur Bedingung, dass das größere Label exklusive Vinylfarben für sich in Anspruch nehmen wollte und  wie das halt so ist, wollte sich Marcus den ungleichen Vorstellungen des größeren Labels nicht beugen und war am Ende plötzlich ganz raus. Da kann man sich vorstellen, dass es zu schweren Erschütterungen im Gemüt von Marcus gekommen ist. Gerade am Tiefpunkt angekommen, kam der Kontakt mit erai zustande. Und weil ja plötzlich aufgrund der Fail-Platte Geld da war, ging das Ganze alles ziemlich problemlos und schnell über die Bühne. Und was das Wichtigste ist: der Prozeß wurde durch netten menschlichen Kontakt mit gegenseitigem Respekt unterstützt. Und den kann ich den offenbar schon etwas älteren Semester von erai ebenfalls attestieren, denn bald nach der oben erwähnten Anfrage war ich mit Gitarrist Peter auch schon in einem regen Mailkontakt über alte Zeiten, gemeinsame Bekannte aus meiner Heimat – die Peter aus seiner Zeit bei der Band Atka kennt – und noch vieles mehr. Und plötzlich stellte sich dann auch noch heraus, dass die Platte bei lifeisafunnything erscheint, so dass sich die Band in diesem Fall nicht mal um die Zusendung eines Besprechungsexemplar kümmern musste. Denn auf Marcus ist Verlass, das Promopaket kommt seit #2 immer zuverlässig! Tausend Dank dafür!

Das war jetzt aber eine lange Einleitung, hoffentlich hab ich keine Langeweile erzeugt. Aber solche Dinge gehören irgendwie auch mal angesprochen, zumal hält man diese 12inch mit diesem Wissen noch ehrfurchtsvoller in den Händen. Aber auch ohne dieses Wissen merkt man bereits beim Anblick des Covers, dass hier mit Herzblut und Liebe gestaltet wurde. Und das mit den eigenen Händen. Vorder- und Rückseite sind jeweils schwarz besiebdruckt, die Frontseite ist mit einem blauen Farbstreifen bepinselt worden, das Backcover mit einem roten Farbstreifen. Die Platte selbst kommt in einer gefütterten schwarzen Innenhülle, neben einem Download-Code liegt auch ein gut lesbares Textblatt bei. Das Vinyl liegt schwer in der Hand und sobald die Nadel auf die A-Seite aufsetzt, empfiehlt es sich, den Volume-Regler ein bisschen höher als im Normalfall zu drehen. Denn dann hat Dich der Sound von erai genau da, wo er Dich haben will. Und er lässt Dich bis zum Ertönen des letzten Tons auf der B-Seite auch nicht mehr vom Haken.

Und gerade beim ersten Durchlauf, bei dem man es sich ja gerne obligatorisch mit dem Textblatt in den Pfoten gemütlich macht, hat man zusätzlich zum musikalischen Genuss auch noch das Vergnügen, eine Art Konzept in den Texten mit Bezug auf die herbstliche Stimmung des Frontcovers und das blutrot durchzogene Backcover zu entdecken. Erzählt wird eine spannende und tragische Geschichte inklusive Liebe, Hass und Tod. Geht an die Nieren. Der Sound untermalt diese Geschichte mit düsterem und sehr traurigem Mid-90’s Emocore, so eher in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule. Musikalische Vorbilder dürften u.a. mit Bands wie z.B. Policy Of 3, Four Hundred Years, Still Life, Sleepytime Trio oder Indian Summer schnell gefunden sein.

Highlights gibt es auf dieser Platte genügend zu entdecken, am Besten ihr hört das Album in seiner Gesamtheit durch und rutscht dabei ins unvermeidbare, auswegslose Verderben. Trotzdem möchte ich zwei Songs des Albums hervorheben, da sie die ganze Bandbreite der Berliner ganz gut zusammenfassen. Zum einen ist das der facettenreiche Song And I Took My Time. Das Stück beginnt mit einer Feedback-Orgie, die von flächigen Gitarren jäh unterbrochen wird. Was für eine Wand! Zusammen mit den leidenden Vocals und einer sich langsam einschleichenden melodischen Gitarre findet man sich plötzlich in einem Spoken Word-Teil wieder, bevor es mit pumpendem Bass und rhythmischen Drums fast schon in Richtung Post-Rock abdriftet und zum großen Finale delayartige Gitarren schwindelerregende Kreise ziehen. Zum anderen bin ich vom Song Karen schwer geflasht. Hier zeigt sich die Band fast eingängig, die zweite Gitarre spielt diese tollen unterschwelligen Melodiebögen, driftet im Mittelteil fast shoegaze-mäßig mit verhalltem Klargesang ab, um Dir unmittelbar danach die 90’s Emokeule um die Ohren zu schwingen. Großartig! Was ich eigentlich zusammenfassend sagen möchte: wer sich dieses herzerwärmende Liebhaberstück nicht auf Vinyl holt, dem kann auch nicht mehr geholfen werden!

9/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

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