atmen, weiter… – „Leichtigkeit des Scheins“ (Meta Matter Records/30 Kilo Fieber Records)

Mich haut es ja immer wieder von den Socken, wenn ich von einer mir noch nicht bekannten Band eine nette Besprechungsanfrage bekomme, die Mucke auch noch hundertprozentig meinen Geschmack trifft und der Tonträger obendrein nach freundlicher und genehmer Mailkonversation ein paar Tage später völlig unkompliziert an der Haustür vom Postboten feierlich überbracht wird. Ich glaube, dass es für den Postboten immer das persönliche Highlight seiner Tagestour ist, wenn plattenförmige Pakete an meine Anschrift geliefert werden müssen. So deute ich jedenfalls sein freundliches Grinsen, wenn ich mit entrückten Blick die Tür aufreiße und meine zittrigen Griffel behutsam das Paket entgegennehmen, während mir beim unterschreiben auf dem Display fast der Stift aus den schwitzenden Fingern flutscht. Und kaum ist der Postbote außer Sichtweite, friemle ich auch schon umständlich das Paket auf und befreie den Inhalt. Und wie so oft bekomme ich dann meistens Stilaugen, wenn ich den Inhalt in den Händen halte. So auch im Fall der 12inch der Band atmen, weiter…Das Ding kommt in einer auf dickem Karton besiebdruckten Plattenhülle und liegt schön schwer in der Hand. Das schwarz-weiße Artwork wurde von Micha – Schwarzer Rand/We Had A Deal – entworfen. In der Hülle findet sich ein auf stabilen Karton gedrucktes Textblatt, das auf der Rückseite ebenfalls mit einer schönen Zeichnung bedruckt ist, zudem purzelt ein Download-Code und ein Aufkleber raus. Und dann natürlich auch die schwere Vinylscheibe, die sich ganz klassisch in einer wattierten schwarzen Innenhülle befindet. Yeah! Und seit ich das Ding vor einiger Zeit bekommen habe, dreht es nahezu täglich ein paar Runden auf dem Plattenteller, dennoch fehlte mir seither die Zeit zum Schreiben, obwohl es mich in den Fingern juckte.

Was für eine Farce, dass mir ausgerechnet eine abscheuliche TV-Casting-Show ein bisschen Zeit verschafft, um heimlich über Platten zu schreiben, die unbedingt gehört werden müssen! Solche Shows gehören zum Alltagsleben? Wenn man diesen Unterschicht-Scheiß nicht guckt, kann man nicht mitreden und wird zum Outsider? Pffffhh, da kann man sich dann schon mal kurz als Phrasenmonster oder wahlweise als Punk outen und der Liebsten ein Zitat eines weisen und leider schon verstorbenen Mannes (Roger Willemsen) unter die Nase reiben, nur um sich schnell aus dem Staub zu machen. Auch wenn ich Gewalt in jeglicher Form verabscheue: die Vorstellung, „sechs Sorten Scheiße aus Heidi Klum rauszuprügeln“ hat schon was! Und danach jedem in die Scheiß-Fresse rotzen, der diese üble Szene mit „Nice!“ kommentiert! Verlier ich langsam den Verstand? Kann schon sein, in dieser kranken Welt! Also: „Fickt euch alle mal! Ich werd weiter tanzen wie wild!“ Neben dem Roger Willemsen-Zitat hab ich mir jetzt ein paar explizite Passagen aus dem Textblatt gepickt, die mir zwar in meiner Wut über die Geschmacksverirrung meiner Liebsten sofort ins Auge gestochen sind, die aber keinesfalls den tiefgehenden Inhalt der lesenswerten und durchdachten Texte wiedergeben. Denn abgesehen von den zitierten deutlichen Worten bleibt für die restlichen Textfragmente reichlich Interpretationsspielraum. Und bevor diese Rezi hier noch auf dem Hate-Speech-Index landet, kommen wir mal lieber zur Musik, obwohl wir genaugenommen eigentlich schon mittendrin sind.

atmen, weiter… kommen aus Landau und Mainz und existieren seit ca. vier Jahren. Bisher wurde im DIY-Kontext eine Demo-Kassette veröffentlicht, zudem waren die drei Jungs in den letzten Jahren recht viel in den Jugendzentren, AZ’s und natürlich in besetzten Häusern in Deutschland und der Schweiz unterwegs. Und sobald die Nadel aufsetzt, fühlt man sich doch gleich um mindestens 15 Jahre jünger! Emopunk mit deutschen Texten, die heiser und leidenschaftlich herausgeschrien werden, dazu geile Bassparts, gefühlvolle Gitarren, Rückkopplungen und treibende Drums. So geil! Neben US-Emo aus Washington DC dürften die Jungs hier ganz viel Boxhamsters, EA 80,…But Alive (die drei Punkte im Bandnamen kommen sicher von da?), Düsenjäger, alte Turbostaat und auch ganz alte Boy Sets Fire (erste 7inch) gehört haben, bevor sie das Ding hier komplett live eingespielt haben und dabei auf jegliche Overdubs verzichteten. Entfernt kann man auch Parallelen zu Bands wie Drive Like Jehu und At The Drive-In entdecken. Ich mag diesen rohen Klang der Platte. Hier scheppert es, dort wippt das Beinchen zu einem treibenden Post-Punk-Rhythmus, dazu gesellen sich viele Post-Hardcore-Elemente und Emo-Passagen, Noise und Stop And Go-Parts sorgen für die nötige Spannung. Dass die Jungs auf dem richtigen Weg sind, dürfte auch die Tatsache sein, dass die erste Pressung bereits nach drei Monaten vergriffen ist. Also, haltet euch ran, um von der zweiten Pressung noch was abzubekommen, es lohnt sich!

8/10

Bandcamp / Facebook


 

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