Dunkelziffer Records-Feature: Fisco, Hermelin, Lunch, Pacman

In diesem Feature wollen wir euch das Anfang 2017 gegründete DIY-Label Dunkelziffer Records vorstellen. Dunkelziffer Records ist ein nicht-kommerzielles Indiependentlabel von vier Freunden, das in Hannover beheimatet ist. Nicht-kommerziell heißt wie so oft in der DIY-Szene, dass die erwirtschaftete Kohle nicht in die eigenen Taschen gesteckt wird, sondern gleich wieder in neue Projekte investiert wird. Die Releases sollen dabei für einen vernünftigen Preis verkauft werden. Die Jungs haben sich nicht auf ein spezielles Musikgenre festgenagelt, grob ist man im Post-Hardcore, Hardcore, Punk – und Indie-Bereich unterwegs. Dabei gibt es natürlich auch hier einen Grundsatz: die unterstützten Projekte und Menschen dahinter sollten authentisch sein, die Leute sollten mit Herz, Seele und Leidenschaft bei der Sache sein. Auf der Bühne sollten sie mitreißend und zwischenmenschlich zum in die Arme schließen sein. Als Gegenleistung unterstützt das Label im Rahmen seiner Möglichkeiten die Künstler und Künstlerinnen finanziell bei der Pressung von Schallplatten, der Organisation von Konzerten und der Vernetzung in Hannover und Umgebung. Es werden Promopakete verschickt, die Releases werden über einen Onlineshop vertrieben. Und natürlich ziehen die Jungs mit Plattenkisten durch die Konzertschuppen und schauen, dass sie die Leute dadurch auf die Musik des Labels aufmerksam machen können. Klingt gut? Auf alle Fälle! Und weil ich auch so ein liebevoll geschnürtes Promo-Paket mit den bisher erschienenen Releases aus dem Hause Dunkelziffer Records erhalten habe, könnt ihr auch hier gleich ein paar Kritiken dazu lesen und am Besten gleich eine Bestellung klar machen!


Fisco – „Vorderwasser“ (Dunkelziffer Records)
Und wieder mal so eine Band, von der ich bisher noch absolut gar nix gehört habe. Aus welchen Löchern die wohl immer gekrochen kommen? Nun, Fisco kommen aus der tiefsten Provinz Süd-Niedersachsens, irgendwo aus dem Raum Holzminden (Braunschweig, Bonn, Hannover, Holzminden, Kassel). Aus den Überbleibseln der Ex-Trompetenpunk-Band Estrepito Banditos gegründet, existiert das Quintett seit Herbst 2014. Auf dem Debutalbum Vorderwasser dürften sich, soweit ich das überblicken kann, alle bisher auf Bandcamp veröffentlichten Songs befinden, natürlich neu aufgenommen, zudem sind noch ein paar bisher unveröffentlichte Songs mit dabei. Ich hab in die alten Song-Versionen noch nicht reingehört, aber diese Aufnahme der Songs besticht durch eine satte, raue Produktion, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass die Songs größtenteils live eingespielt wurden und die Tonmeisterei mal wieder für den letzten Schliff gesorgt hat. Albumcover und Albumtitel dürften in direktem Zusammenhang stehen, denn Vorderwasser ist ein Begriff, der in der Akkordarbeit Verwendung findet. Geboten wird auf Vorderwasser authentisch rauer Emopunk der Marke Captain Planet, auch Bands von kurz um die Jahrtausendwende herum kommen beim Hören der elf Stücke in den Sinn. Düsenjäger, Colt., frühe Turbostaat z.B.. Die Gitarren kommen schön schrammelig bis melodisch und blasen frischen Wind in die Ohren, zudem gehen die Songs schön gut nach vorne. Die Drums treiben größtenteils an, der Bass spielt dazu eigenwillige, aber selbstständige melodische Bassläufe und der Sänger hat einfach ein für so einen Sound maßgeschneidertes Organ. Passend dazu gibt es intelligente deutsche Texte abseits gängiger Klischees. Und im Song Maiwald kommen dann sogar Elemente aus der Trompetenpunk-Phase vor Fisco zum Zug. Die Trompete macht sich eigentlich ganz gut. Als Besprechungsexemplar liegt mir die CD-Version vor, Vinyl ist auf 200 Stück limitiert, also ranhalten! Es lohnt sich! (8/10)
Bandcamp / Facebook / Dunkelziffer Records


Hermelin – „Tüdelüt 12inch“ (Dunkelziffer Records u.a.)
Bevor ich zur richtigen Leseratte wurde, steckte ich im Übergang von der Kindheit zum Teenie auch häufig meine Nase in Comics. Irgendwann entdeckte ich Brösels Werner-Comics und lachte mir ’nen Ast an den aus heutiger Sicht betrachtet äußerst schwachsinnigen Dialogen. Diese doofen Zeichentrick-Werner-Filme haben mir die Comics mittlerweile auch irgendwie versaut. Naja, egal. Sehr lustig fand ich aber damals diesen Meister Röhrich, den Sanitäranlagen-Handwerker mit den zwei linken Händen. Fäkal-Humor war zu dieser Zeit schon absolut meins, daran hat sich bis heute nichts geändert. Nun, als Kind fand ich jedenfalls die Sprechblasen-Texte vom Meister Röhrich höchst amüsant, auch wenn ich als Süddeutscher den Sinn dahinter nicht erkannte. Tüdelüt war z.B. auch so ein komisches Wort aus Meister Röhrichs Wortschatz. Und das brachte mich wie ein kleines Schulmädchen beim Anblick eines Youtube-Stars zum Kichern, auch wenn ich erst Jahrzehnte später erfuhr, dass das Wort aus dem Plattdeutschen stammt und Verwendung findet, wenn jemand ausdrücken will, dass das alles Quatsch bzw. Gedöns (übrigens auch aus dem Plattdeutschen) ist. Und jetzt lacht mich dieses quitschbunte Comic-Cover vom schön in der Hand liegenden 12inch-Karton an und ich komme mir beim hin- und herwiegen und wenden vor, wie das irre schmunzelnde Hermelin auf dem Cover. Eben weil mir in diesem Moment beim Betrachten des Titels der oben geschilderte Gedankengang in den Sinn kommt und auch noch eine andere Erinnerung bzw. verschachtelte Frage aus der Kindheit beim Anblick des Backcovers die Hirnmasse zum Wabern bringt, die bis heute nicht beantwortet wurde. Auf dem Bild ist das Hermelin zu sehen, das die 12inch in den Pfoten hält, auf der wiederum das Hermelin zu sehen ist, das die 12inch in den Pfoten hält usw. Geht das wirklich bis ins Unendliche? Weiß das jemand von euch? Wie dem auch sei. Während der vier Songs, die knapp über zwanzig Minuten Spielzeit haben, könnt ihr über dieses Bild im Bild im Bild-Phänomen gern mal intensiv nachdenken. Denn das obligatorische Texte lesen entfällt bei diesem Release vollkommen, Hermelin verzichten nämlich komplett auf Gesang und sind rein instrumental unterwegs. Das ist wohl auch der Grund, warum ich die Band zu meiner Schande bisher leider noch nie wahrgenommen habe. Und das, obwohl Tüdelüt bereits das fünfte Release der Band ist und das zehnjährige Jubiläum auch schon wieder ’ne ganze Weile her ist. Dass meine Ignoranz reiner Instrumental-Bands eigentlich völlig absurd ist, zeigt mir dieses Release mal wieder mehr als deutlich. Die vier Songs überzeugen durch perfekt gemasterten Sound (Tonmeisterei), verschachtelte Songstrukturen verknoten dabei die Gehörgänge. Und trotz der vermeintlich sperrigen Vertracktheit klingt das Ergebnis mit jedem Durchlauf zunehmend eingängiger, so dass man das Ding mit der Zeit einen richtigen Grower nennen kann. Allerdings sollte man für dieses Erlebnis einem kantig schwurbelnden Bass, arhythmischen Drums, steigernden Spannungen, verkopft gespielten Gitarren und willkürlich wechselnden aber dennoch miteinander verwobenen Musikstilen, die alle den Stempel des Handgemachten inne haben und sich abseits gängiger Songstrukturen bewegen, nicht abgeneigt sein. Das war jetzt aber auch mal ein verdammt verschachtelter Satz. Für Schnellleser deshalb kurz und knapp zusammengefasst: Wer seinen Songs Titel wie Rampenpfau, Rackeldackel, Raketenheinz und Knuffelschock gibt und seine Platte Tüdelüt nennt, der hat eindeutig was an der Waffel. Deshalb: Ancheckpflicht! (8/10)
Bandcamp / Facebook / Dunkelziffer Records


Lunch & Pacman – „Split 7inch“ (Dunkelziffer Records)
Das Schaf gilt ja als gutmütig, geduldig, etwas einfältig und furchtsam, dabei folgt es in der Herde fast gar blind und vertrauensvoll dem Leithammel. Die putzigen Viecher sind nicht nur in Zeichentrick-Serien wie Shaun das Schaf gut zu verwerten, auch sind sie in der Einzahl oder als Herde ein beliebtes Covermotiv. Beim Betrachten des Covers dieser 7inch kommt natürlich unweigerlich das legendäre Minor Threat-Cover in Erinnerung. Allerdings ist es hier nicht das schwarze Schaf, das auffällt, sondern das Schaf ganz vorne rechts, das doch seinen eigenen Kopf zu haben scheint. Es sieht so aus, als ob es sich gerade überlegt, ob das überhaupt Sinn macht, immer dieser blökenden Herde da zu folgen. Man könnte doch auch mal der Herde entfliehen und die entgegengesetzte Richtung einschlagen? Die beiden aus Hannover stammenden Bands, die sich dieses kleine Scheibchen teilen, haben sich längst von der Herde gelöst und musizieren abseits von massentauglichen oder gerade angesagten Trends. Nun, fangen wir mit der Band Lunch an, die ich bisher noch nicht kannte. Bisher wurde eine EP veröffentlicht. Das Trio bezeichnet seinen Sound grob als Garagen-Indie, ich würde noch einen guten Schuss Math, Post-Hardcore, Emocore und Screamo dazugeben. Der rein instrumentale Song Matterhorn zeigt schonmal, dass es schön vertrackt, verkopft und vielschichtig zugeht und durch die Rhythmusfraktion viel auf Groove gesetzt wird, dazu schwurbelt die Gitarre schrammeliges Zeug. Der zweite Song Der Saure Segen kommt dann etwas eingängiger daher, was v.a. auch am Gesang und am mehrstimmig gesungenen Refrain liegt. Die Gitarren klingen hier gewaltig nach Seattle, dazu gefällt der im Hintergrund gescreamte Gesang, der entgegen der in englischer Sprache vorgetragenen Singstimme in deutscher Sprache kommt. Über Pacman konntet ihr auf diesen Seiten bereits mal eine Kritik zum 2016er-Album Der blanke Hans lesen. Das Quartett steuert ebenfalls zwei Songs bei, wer noch einen Bonus haben möchte, der kann sich auf Bandcamp noch zwei weitere Songs abstauben. Auch hier zeigt sich die Vorliebe der Band zu außergewöhnlichen Songtiteln. Mit Dremel gibt’s erstmal ein sattes Brett vor den Kopf, bevor in der zweiten Hälfte schön melodische Gitarren um die Ecke kommen und der Song nach knapp einer Minute auch schon wieder vorbei ist. In Paranoiaüberhangmandat wird es wieder vertrackt und dissonant, der Song schraubt sich langsam vor, die Tristesse ist dabei stets präsent und wird aber gegen Ende des Songs durch mehrstimmigen Chorgesang etwas gedämpft. Dieses schöne DIY-Release ist jedenfalls mal wieder eine gute Gelegenheit, zwei außergewöhnliche Bands zu entdecken. (8/10)
Lunch BC / Lunch FB / Pacman BC / Pacman FB / Dunkelziffer Records


 

 

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