Radium Grrrls – „Pro Choice“ (Adagio 830)

Die Schreibweise des Bandnamens gibt erste Hinweise und lässt Vermutungen aufkommen, dass die Radium Grrrls der Riot Grrrls-Bewegung neues Leben einpusten wollen. Passend dazu hat der vom Begriff Radium Girls abgewandelte Name ja auch eine historische Bedeutung mit einem politischen Hintergrund. Als Radium Girls wurden zur Zeit der Industrialisierung Fabrikarbeiterinnen bekannt, die sich aufgrund fehlender Gesundheitsbestimmungen bei der Arbeit eine Radiumvergiftung zuzogen und deshalb erkrankten. Eine Gruppe dieser Arbeiterinnen verklagte daraufhin ihren Arbeitgeber. Seither gelten die Radium Girls als Symbolfigur für die Arbeiterbewegung und auch für den Kampf um die Rechte von Frauen. Ein weiteres Indiz ist auch der EP-Titel, der auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen abzielt.

Und ein Blick ins Innere bestätigt auch schon die eingangs erwähnte Vermutung. Das vermeintliche Bandfoto gaugelt zwar vor, dass hier ausschließlich vier Frauen für den Krach auf der 7inch verantwortlich wären. Spitzfindige Leute entdecken aber gleich anhand der Vornamen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die Radium Grrrls setzen sich aus drei Männern plus einer Frau am Mikro zusammen, die Mitglieder kennt man aus Bands wie z.B. Totem Skin und Livet Som Insats. Die Band mag zwar vorwiegend aus Männern bestehen, dennoch stimmen die im Feminismus verwurzelten Inhalte, die uns von Sängerin Emilia voller Wut und Selbstsicherheit um die Ohren geschmettert werden. Am Beispiel der ganzen MeToo-Debatte freut man sich natürlich, dass es Bands wie die Petrol Girls oder eben die Radium Grrrls gibt, die diese feministischen Themen in die HC-Szene holen und den teils abgestumpften Macho-Hohlbirnen gehörig was auf’s Fressbrett geben. Hey, rafft das endlich mal: es fühlt sich doch schon immer befremdlich an, wenn ganz normale Spießer anzügliche Bemerkungen schmettern, warum müsst ihr dann verdammt nochmal sowas auch tun? Auch ist es schön zu sehen, dass sich immer mehr Frauen in dieser sehr männerdominierten Szene Gehör verschaffen, sei es passiv durch den Besuch oder aktiv durch das Veranstalten von Shows, als Label- oder Fanzine-Macherinnen bis hin zum Mitwirken in einer Band. Wie sangen die 7Seconds einst: Not Just Boys Fun! Das ist auch schon immer absolut meine Meinung! Es sollte definitiv mehr Bands mit politischen und/oder feministischen Inhalten geben. Ein bisschen macht das die Welt besser. Meiner Meinung nach rüttelte die Riot Grrrls-Bewegung damals schon ein paar Leute wach, sie brachte auch teilweise ein Umdenken, weg vom Schönheitswahn. Und dennoch ist alles im Sand verlaufen. Deshalb finde ich es super, dass momentan wieder ein Wendepunkt zu kommen scheint. Gibt’s eigentlich bereits ’ne Allgirl-Beatdown-Band, die das bullenhafte Machogehabe auf HC-Shows auf den Arm nimmt? Es wäre an der Zeit dafür.

Nun, jetzt bin ich aber abgeschweift. Die Texte kommen jedenfalls ohne bildhafte Schnörkel sehr direkt um die Ecke, so dass erst gar keine Missverständnisse aufflackern. Deutlicher geht es kaum. Da wird ordentlich auf den Putz gehauen und kein Blatt vor den Mund genommen. Der Sound bewegt sich dann dementsprechend ruppig zwischen knüppeligem Oldschool Hardcore und etwas Powerviolence. Yeah, das geht voll gut nach vorne, das bockt live sicher ordentlich! Die verstrahlten Mutanten vom Cover hacken mit allen verfügbaren Extremitäten auf ihre Instrumente ein! Da kommen alte Polit-HC-Bands wie Infest, Nations On Fire oder auch die brasilianische All-Girl-Band Infect in den Sinn. Die Gitarren drehen am Rad, der Bass wirbelt wie ein aufgedrehter Derwisch, der Drummer knüppelt auch präzise wie ein Zweitakt-Motor mit Stotter-Defekt. Und die Sängerin speit ihren ganzen Hass gegen das Patriarchat ins Mikro. Und ja, dem Patriarchat müssen noch einige Zähne gezogen werden (kleine Anspielung auf das nette Backcover und die bedruckten 7inch-Labels).

8/10

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