UNS – „Alles was wir machen ist Kunst“ (Sinnbus)

Was ist Kunst? Darüber haben sich schon etliche Leute ihr schlaues Köpfchen zerbrochen. Genau genommen gibt es auf diese Frage keine konkrete Antwort. Es gibt ja diese vielzitierte Weisheit, dass Kunst eigentlich immer im Auge des Betrachters liegen würde. Wer sich als Kulturtourist mit einem DuMont-Kunstführer auf Entdeckungsreise durch zig Museen begibt, der hat vielleicht ein anderes Auge für die Schönheit als ein Mensch, welcher in einem Graffiti in der U-Bahn das Kunstwerk des Jahrhunderts zu sehen scheint. Für den einen muss Kunst ästhetisch, fließend und harmonisch sein, der andere liebt es eher wild, chaotisch und ungestüm. Hätte irgendwer anno 1977 geglaubt, dass es gut vierzig Jahre später in den Museen dieser Welt Ausstellungen zum Thema Punk geben würde? Pfffff! Und deshalb ist es auch nicht verwerflich, wenn eine noch ziemlich neue Band ihr Debütalbum mit einer solch selbstbewussten Aussage betitelt. Dem Albumtitel nach kann man schonmal davon ausgehen, dass hinter UNS mit Sicherheit ein paar kreative Köpfe stecken, die einen gewissen Hang zur Exzentrik haben oder zumindest gerne provozieren.

So, dann wollen wir mal als erstes das Coverartwork der 12inch analysieren. Obwohl dieses sehr schlicht gehalten ist, ist die Platte ein richtiger Blickfang. Das mag an der gelb-schwarzen Farbgebung liegen, die ja nicht nur im Tierreich (Salamander, Biene Maja) durch ihren Kontrast Signalwirkung hat. Zudem haben Farben ja immer auch eine Symbolik in der Kunst. Gelb wird mit Wärme in Verbindung gebracht. Es kann als heiter, erregend, extrovertiert, verschwenderisch, optimistisch und leichtsinnig ausgelegt werden. Schwarz hingegen steht im direkten Kontrast dazu und wird mit Hass, Trauer und Unglück assoziiert, aber es steht auch für Ablehnung. Schwarz wird als pessimistisch, geheimnisvoll, verschlossen und ernst empfunden. Der schwarze Anteil ist geringer, gelb überwiegt. UNS ist ein Teil von kUNSt.

Sobald man die Scheibe sich auf dem Plattenteller drehen sieht und die Nadel abrupt aufsetzt, dann durchlebt man die unfassbar aufgeladene Welt der Band UNS. Das letzte Mal hatte ich einen solchen Aha-Effekt bei einer ebenfalls aus Deutschland stammenden Band namens Fluten. UNS bewegen sich in ähnlichen Klangwelten, zumindest was die Energie und die Ohrwurm-Melodien angeht, die mit jedem Durchlauf sich noch weiter ins Gehör schrauben. Die Musik pendelt zwischen Disco, Prog-Rock, etwas Post-Hardcore, Screamo und EBM/Pop. Dann sind da noch diese 80er-Post-Punk-NDW-Keyboards, die teilweise an die österreichische Band Bilderbuch erinnern. Dazu gesellen sich abstrakte und mit viel Zynismus und Ironie gespickte Texte im Poetry Slam-Stil, die mal gekünstelt, mal durchgeknallt schreiend oder auch schnaufend und japsend vorgetragen werden. Wahnsinn. Aber passt alles perfekt zueinander. Und dann entdecke ich zu allem noch, dass hier Leute mitmischen, die mich auch schon auf anderen Sinnbus-Releases mit ihrer Musik in den Bann ziehen konnten. Die Jungs haben vorher bei Kapellen wie SDNMT, I Might Be Wrong, Kate Mosh, Siva, Petula, Nonkeen und ClickClickDecker mitgewirkt. Verrückte Welt.

Die oberste Regel von UNS scheint zu lauten, dass es keine Regeln zu geben hat. Da hat man sich an einen der vielschichtigen Songs herangetastet, so wird beim nächsten Stück alles wieder über den Haufen geworfen und von Neuem begonnen. Kennt ihr diese Folien-Maltafeln für Kinder? So ähnlich gehen UNS mit ihren Songarrangements um. Sobald sich die Band verkünstelt hat, wird die Folie auch schon wieder hochgezogen und bei Null angefangen. Beim Song Von A nach A denkt man dann z.B. nur: Nimm mich mit. Ich will unbedingt mit euch mit. Ich komm mit euch mit. Ihr braucht nicht zu betteln. Und wenn es nur von A nach A sein sollte. Ich folge blind. Bis ich bei Nackt sehen schreiend davon renne. Aua. Dieser Mix aus Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und Rio Reiser ist auf den ersten scheuen Blick echt gewöhnungsbedürftig. Aber auch das ist Kunst. Kunst kann auch schon mal weh tun. Wie der Blick auf einen alten, grauen und faltigen Körper. All das lehrt uns die kUNSt. Und selbst an einen Song wie Nackt sehen gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen. Auf der 12inch gibt’s übrigens insgesamt neun Songs zu hören, mit dem beiliegenden Downloadlink erhält man die digitale Version zusammen mit dem Bonus-Song München. Wenn ihr euch eine farbenfrohe, abgefahrene und extrovertierte Mischung aus eben Fluten, Bilderbuch, Rio Reiser und den Fehlfarben vorstellen könnt und dann noch etwas Coolness und verschiedene Musiker dazu addiert, die vollgepumpt mit unterschiedlichen Drogen oder aber auch durch das Musizieren hervorgerufene körpereigenen Endorphinen bei vollem Bewusstsein genau ausloten können, was einem Song zur Vollkommenheit noch fehlt, dann solltet ihr hier schnell zugreifen. Beeindruckendes Debut!

8/10

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