Ghost Bag & Tine Fetz – „Selftitled“ (Adagio 830)

Wenn ihr dieses schwere Kunstwerk von 12inch in euren Pfoten halten solltet, dann wird euch richtig warm ums Herz werden, während ihr gleichzeitig vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zubekommt und ihr schwitzende Handinnenflächen plus gerötete Bäckchen haben werdet. Wahnsinn! Das Gatefoldcover an sich ist schon ein Blickfang, der schlichte weiße Karton ist mit einem schwarzen Siebdruck im Graphic Novel/Comic-Stil ausgestattet. Im Inneren kommt dann die nächste Überraschung ans Tageslicht: ein geheftetes vierundvierzigseitiges Zine, gedruckt auf dicke, weiße DIN A4-Pappseiten. Umschlag und Zine sind von der Berliner Illustratorin und Graphic Novel-Künstlerin Tine Fetz gestaltet. Schön finde ich, dass bei diesem Release Musiker plus Künstlerin auf gleicher Augenhöhe stehen und der Name der Illustratorin auf dem Plattencover genannt wird. Hinter dem Name Ghost Bag verbirgt sich übrigens der Niederländer Nick Jongen, den man auch von den Bands Sleep Kit, I Am Oak und Baby Galaxy her kennt. Die Songs wurden vorwiegend in traditioneller Homerecording-Atmosphäre in Nicks Schlafzimmer in Maastricht aufgenommen und gemischt, für’s Mastering war mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden zuständig.

Die Seiten des Zines sind das Resultat einer Fernbeziehung der beiden Künstler und entstanden im Dialog. Auf der einen Seite sind die nachdenklichen Songtexte zu lesen, auf der anderen Seite sorgen die auf den ersten Blick an die Songtexte angelehnten teils düsteren schwarz-weiß-Illustrationen für reichlich Stoff zum Nachdenken. Stöbert man ein wenig im Klappcover, dann entdeckt man, dass die Zeichnungen zuerst angefertigt wurden und erst dann Musik und Songtext entstanden ist. Es werden sehr viel persönliche Erinnerungen und Erfahrungen thematisiert, das geht natürlich direkt unter die Haut. Die Vergänglichkeit scheint hier ein ebenso großes Thema zu sein, wie die Tatsache des viel zu schnellen Erwachsenwerdens bzw. Alterns, selbst ferne außerirdische Galxien werden in Betracht bezogen, vermutlich durch die Lektüre des Science Fiction-Romans Solaris von Stanislaw Lem. Auf dieses Detail stößt man, wenn man die Zeichnungen genau studiert. Die Texte leben von der Beobachtung der Umgebung, sie sind auf Details fokussiert, eben genau wie die Zeichnungen.

Diese intime Atmosphäre spiegelt sich auch im reduzierten und vor sich hinplätschernden Songwriting, das sich vor allem durch lose Strukturen kennzeichnet. Die elf Songs bewegen sich vorwiegend im langsamen Tempo und wirken hypnotisch, das Schlagzeug pumpert entspannt vor sich hin, während aus der Gitarre eine gefühlvolle Akkordfolge ertönt oder auch nur einzelne Saitenklänge im Raum schweben. Dazu dringt eine warme Stimme ans Ohr, die verträumt und gefühlvoll das fehlende Stückchen ertastet, das dem Ganzen noch mehr Raum und Atmosphäre verleiht. Die Tiefe der Songs entsteht gerade weil viele Stücke nicht unmittelbar ins Ohr gehen und sich dem gängigen Songwriting á la Anfang-Refrain-Schluss völlig quer stellen. Deshalb klingt der Sound dann auch so lebendig und unvorhersehbar, obwohl das Tempo sehr einseitig ist. Das hat auch schon bei anderen Bands sehr gut funktioniert, ich denke da an diverse Mike Kinsella-Projekte wie z.B. Owls oder Owen, es kommen mir aber auch viele 90er Indie-Bands wie Sea And Cake, Bedhead, Slint oder Troy Von Balthazar in den Sinn. Man kann sich entweder voll auf das Album mit all seinen Details konzentrieren, es funktioniert aber genauso gut als Soundtrack für ein gemütliches Sonntagsfrühstück. Auf Vinyl wirkt diese Art von Musik natürlich sehr lebendig, es ist ein wahrer Genuss!

8/10

Bandcamp / Adagio830