City Light Thief – „Nothing Is Simple“ (midsummer records)

Für manche von euch ist dieses Album wahrscheinlich bereits ein alter Hut. Denn bevor man das mittlerweile dritte Album der sympathischen Kölner Band City Light Thief auch tatsächlich auf Vinyl oder auch auf einer physischen CD in den Händen halten konnte, war das Ding bereits seit einiger Zeit digital verfügbar. Die Band ging dabei völlig neue Wege, denn Nothing Is Simple wurde wenige Stunden nach der Fertigstellung online gestellt. Einfach mal dem nervigen Warten auf einen Veröffentlichungstermin ein Schnippchen schlagen! Die Ernte direkt einfahren und frisch genießen! Positiver Nebeneffekt: ohne die lästige Anspannung – Vorfreude, Enthusiasmus und Zweifel inklusive – dürften die Jungs mit der unmittelbaren Reaktion und den Rückmeldungen von begeisterten Fans auf die Songs sicher einige schlaflose Nächte weniger gehabt haben. LIY – Leak It Yourself – sozusagen!

Und dass diese Vorgehensweise aufgegangen ist, kann man an den vielen Vorbestellungen und der inzwischen ausverkauften Erstpressung sehen. Zudem lockten natürlich die Gimmicks, die der Vorbestellung beilagen. Zum einen war das ein Teil des Akkordeons, welches man auf dem vorangegangenen Album hören konnte, zum anderen wurde eine Platine beigelegt, mit der man sich mithilfe von nötigem technischem Knowhow den auf Nothing Is Simple eindrucksvoll klingenden Gitarreneffekt Overdrive nachbauen konnte. Geil, oder? Allerdings sollte man beim Einbau den weisen Ratschlag im Albumtitel beherzigen. Nichts ist einfach! Also, bevor ihr eure Amps durch Bastelei lahm legt und womöglich noch ’nen Stromschlag abbekommt, holt euch lieber den technischen Beistand eines Gitarrenamp-Nerds! Bitte macht das nicht selbst, nachdem ihr nach einer Anleitung auf Youtube glaubt, dass ihr das hinbekommen könntet. Das wird sonst böse enden (ich denke dabei an die einfach aussehende Montage eines Wasserhahns und den durch eigenen unprofessionellen Pfusch entstandenen Wasserschaden im Mauerwerk).

Dass es hier kein zeitnahes Review im Frühling zu lesen gab, hat mehrere Gründe: erstens hinke ich sowieso mit dem ganzen Kram hinterher und zweitens tu ich mir mit physischen Tonträgern eh leichter. Denn neben dem musikalischen Inhalt betrachte ich auch gerne ausgiebig das Coverartwork, rieche am Booklet und stöbere in den Texten. Und ja, das Artwork gefällt mir sehr gut, hier ist eine technische Zeichnung eines Klaviers zu sehen. Jeder, der schon mal einen Ikea-Schrank zusammengebaut hat weiß, dass man selbst dafür fast schon ein Studium braucht. Der Zusammenbau dieses Klaviers ist garantiert noch um Längen komplizierter! Womit wir wieder beim Albumtitel wären.

Aber jetzt endlich mal zur Musik! Die Songlängen der elf Songs pendeln sich so auf durchschnittlichen vier Minuten ein, insgesamt gibt das eine Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten. Und in jedem einzelnen Song passiert in dieser Zeit echt mal viel Spannendes, Langeweile kommt hier sicher zu keiner Zeit auf. Der Opener fetzt schön vertrackt und wild los, hier wird viel mit Groove und Melodie gearbeitet, dazu gesellen sich experimentelle Spielereien. Und dann dieser Mittelteil, der durch diese verspielte Leichtigkeit zum Leben erwacht und man beim Hören das Gefühl hat, von einem frühen Sonnenstrahl Anfang Mai an den Nasenhärchen gekitzelt zu werden. Kann man eigentlich nicht beschreiben, muss man erleben! Die Balance zwischen laut und leise könnte nicht spannungsgeladener umgesetzt sein, dazu verzücken die Gitarren immer wieder mit Melodien, die man am liebsten gleich selbst auf der Gitarre auschecken würde (wenn man’s denn könnte…). Zwischen sich noisig aufbauenden Post-Rock-Gitarren (Fatigue), den melancholischen Midwest-Emo-Gitarren (Anfang von Somersault) bis hin zum zwirbelnden Gitarrenmassaker und Screamo-Vocals (Infinity Loop) freut man sich in jeder Phase, in der sich die Band gerade befindet. Und dann sind da noch die hymnischen Momente wie z.B. bei Body Horror. Ihr seht schon, das kann zwischen Chaos und Leidenschaft ziemlich facettenreich sein. Obendrauf gesellen sich tolle und durchaus eigenständige Bass-Parts, die sich aber dennoch in den Gesamtsound einfügen.

Die persönlichen Texte sind übrigens mit selbstkritischen Gedankenzügen und gesellschaftskritischen Beobachtungen angereichert. Mit Köpfchen aus dem Leben gegriffen, sozusagen. Weitere Soundspielereien (z.B. mit Keyboards) entdeckt man bei jedem neuen Durchlauf. Wow! Wenn ihr verschachtelten Sound mögt, der dazu noch mit jeder Hörrunde eingängiger wird, dann solltet ihr diese Jungs hier unterstützen. Zu dumm, dass ich leider verhindert war, als die Kölner neulich eine Autostunde entfernt vor ein paar wenigen Leuten in Ulm auftraten. Befreundete Augenzeugen waren trotz der geringen Besucherzahlen hellauf begeistert! Tja, selbst schuld! Jedesmal, wenn ich diese Songs hier höre, beiß ich mir erneut in den Hintern! Ein zeitloses, durchaus mächtiges Album!

9/10

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