Pillbook – „Boy Band“ (lifeisafunnything)

Und wieder mal kommt hier eine Band um die Ecke, von der man hierzulande bisher wenig bis gar nichts mitbekommen hat, zumindest ist das so bei mir. Wo gabelt Marcus von lifeisafunnything nur immer diese sagenhaften Bands auf und warum zur Hölle ist zuvor niemand auf die Idee gekommen, diese Musik auf Vinyl zu veröffentlichen? Okay, das Ding ist zumindest co-released, mit von der Partie ist auch noch das Bostoner DIY-Label Five By Two Records. Pillbook sind übrigens aus Chelsea, Massachusetts und die Band besteht nur aus zwei Leuten, irgendwie scheint ihr Gitarrist abhanden gekommen zu sein (also, an manchen Stellen meine ich, dass da eine Gitarre zu hören ist?). Umso erstaunlicher, was die zwei da auf die Beine gestellt haben! Nun, erst mal die Basics: Das Artwork ist schlicht gehalten, schwarzer Druck auf weißem Karton, ein Negativ-Foto in Stempeloptik. Mit dieser Technik haben wir in den Neunzigern gerne Konzertflyer gestaltet und durch die Kopiermaschine im JuZe gejagt. Ich hab den Geruch bis heute in der Nase! Und geil auch: das alles war irgendwie greifbarer, stilvoller und effizienter als irgendwelche Facebook-Veranstaltungen! Und manche Dinger sind übler aus dem Ruder gelaufen, als irgendeine dieser Facebook-Partys. Aber zurück zur Platte: aus dem Inneren purzelt neben einem praktischen Download-Code-Kärtchen auch noch ein schickes Textblatt heraus. Und das fühlt sich soooo weich an, als ob es mit Perwoll gewaschen worden wäre. Ein richtiger Handschmeichler, ein samtweiches, wenige Wochen altes Kätzchen!

Gierig klatscht man schnell das Vinyl auf den Plattenteller, damit man sich gleich wieder dieses kuschelig weiche Textblatt schnappen kann. Und sobald die Nadel das pechschwarze Vinyl trifft, lauscht man gebannt einer Art Intro. So ähnlich haben schon großartige Platten begonnen, denkt man sich nebenbei…und ja, beim ersten richtigen Song namens When The Sun Comes Up hat man durchaus das Gefühl, dass diese 12inch in nächster Zeit und auch darüber hinaus noch etliche Male ihre Runden drehen wird. Man verfällt richtig diesem knarzigen Instrumentalgewitter, welches mit Bass, Bass und Drums schön fett verzerrt aus den Boxen suppt. Wahnsinnig groovig und mit ’ner gehörigen Schippe Grunge! Da fällt zum einen die Schwere und Heaviness auf, zum anderen schwingt aber auch diese unendlich wirkende Melancholie mit, die man im Verlauf der nachfolgenden fünf Stücke immer wieder serviert bekommt. Diese Melancholie erfährt dann ihren Höhepunkt, sobald der Gesang einsetzt. Wow, so zerbrechlich und gefühlvoll klingt das, hier sitzt das Herz an der richtigen Stelle! Die Stimme erinnert öfters an Chris Higdon zu Falling Forward- oder frühen Elliott-Zeiten, Sunny Day Real Estate oder die erste Coheed And Cambria-Scheibe kommt ebenfalls in den Sinn.

Auch wenn vieles ziemlich matschig und breiig klingt, hört man doch alle Instrumente deutlich heraus. Für das klangliche Erlebnis ist übrigens Jay Maas (Defeater) verantwortlich, das Ding hier ist hervorragend umgesetzt! Die zwei Bässe spielen sich förmlich in Extase, der eine wabert und lärmt, der andere ist für das gefühlvolle und die Melodien zuständig. Die Texte sind voller Metaphern und haben eher persönliche Themen zum Inhalt, da lässt sich auch gut eintauchen! Wenn ihr mich nach einem meiner Lieblingssongs fragen würdet, ich wüsste nicht, was ich drauf sagen würde. Eigentlich sind alle Songs der Hammer. Aber die Hände hab ich oben beim letzten Song Stay, Laz. Diese flächigen Sounds am Anfang, die Drums, dann wird zurückgefahren. Die Stimme, die Melancholie, die cleanen Parts. Und dann dieses groovige Ding, das ist der Wahnsinn! Holt euch die EP, das Schmuckstück ist nur in ’ner 150-er-Auflage erschienen! Schon wieder eine Lieblingsplatte auf lifeisafunnything, danke dafür!

10/10

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