Tenue – „Anábasis“ (Dingleberry Records u.a.)

Ich hatte keine Ahnung, was mich auf dieser wunderschön aussehenden Schallplatte musikalisch erwarten würde. Mintgrüner Hintergrund, dazu ist das Cover mit einem schönen Vogelmotiv bedruckt. Aber wie jetzt, der Vogel hat ein Bandana auf? Oder sind seine Augen mit einem Tuch verbunden. Die Sehkraft ist ja eine der wichtigsten Eigenschaften bei Vögeln, sonst würde die Nahrungssuche kaum klappen. Die von Victoria Fernández-Oruña entworfene Zeichnung regt jedenfalls schonmal zum Nachdenken an. Tenue kommen übrigens aus Galicien, das ist eine autonome Gemeinschaft im Nordwesten Spaniens. Auf dem Backcover entdeckt man dann neben den sieben Songtiteln noch drei vertrocknete Eichenblätter. Diese standen bereits in der Antike symbolisch für Macht, Treue und Solidität. Der Albumtitel spielt vermutlich auf die Anabasis, das bekannteste Geschichtswerk des antiken griechischen Schriftstellers Xenophon an. Ach ja, bei der 12inch handelt es sich um das Debutalbum des Trios, neben Dingleberry Records ist noch eine ganze Latte an DIY-Labels am Release beteiligt (zilzalp rec., Ojalä Me Muera Records, Theia Records, CGTH Records, Muerte A Tipo, Tirano Intergalactico, Mërda Distro, La S.O.J.A, El Fary Es Dios, Bike Punk Salamanca und La Fosa Nostra).

Nach einem atmosphärischen Intro, das v.a. durch den dunklen Bass und die hellen Gitarren getragen wird, findet man sich schnell in einem schönen Wirbelsturm aus Screamo, Emoviolence und Emocrust wieder. Die Vocals gehen richtig intensiv zur Sache, hier wird gelitten, die Stimme transportiert Verzweiflung und Wut. Die in galizischer Sprache gekeiften Vocals lassen sich glücklicherweise auf einem schön gestalteten DIN A 4-Beiblatt in der englischen Übersetzung nachlesen. Selbst in der Übersetzung lesen sich die Inhalte fast poetisch, die Jungs scheinen politisch sehr belesen zu sein. Düstere Inhalte wie Entfremdung, Unterdrückung, Angst, Selbstzweifel und Knechtschaft sind allgegenwärtig. Der innere Kampf dagegen, bestehende Machtstrukturen zu zerschlagen und sein Schicksal nicht einfach so hinzunehmen werden ebenso angesprochen.

Dazu passt dann der Sound des Trios wie die Faust auf’s Auge. Die Gitarren zwirbeln schön matschig, hört nur mal den genialen Anfang von Carne an. Zusammen mit den druckvollen Drums und dem bösen Gekeife entsteht da ein dichter Soundbrei, der vor Intensität fast zu zerspringen droht. Und dann dringen doch immer wieder unterschwellige Melodien an die Oberfläche, zudem sind die Songarrangements alles andere als vorhersehbar. Auf der einen Seite ist diese unbändige Wut mit rasend schnellen und chaotischen Parts und arhythmischem Drumming, auf der anderen Seite kommen immer wieder diese mächtig walzenden und langsameren Abschnitte zum Zug, bei denen es auch mal melodischer zugehen kann. Hört mal in das Album rein, danach werdet ihr euch das Ding sowieso schleunigst zulegen! Wenn ihr auf Zeugs wie Drei Affen, Ostraca oder Gattaca abfahrt, dann ist Anábasis mit Sicherheit ebenfalls euer Ding! Eine Wucht von Album!

9/10

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