Bandsalat: Anoraque, Canine, Chambers, Die Schande von, Emilie Zoé, Rayleigh, Remission, Schelm

Anoraque – „Dare“ (Radicalis) [Name Your Price Download]
Die Band aus Basel/Schweiz macht es ihren Hörerinnen und Hörern alles andere als leicht. Dare hat insgesamt sechzehn Songs an Bord und kommt auf eine einstündige Spielzeit. Zudem kommt hinzu, dass auch die alles andere als leicht zugänglichen Songs auf den ersten Eindruck sperrig und zerfahren klingen. Gibt man der Platte aber ein wenig Zeit, dann entdeckt man ein spannendes Album, das voller Überraschungen steckt. In eine Schublade lässt sich die Formation um Sängerin Lorraine Dinkel jedenfalls nicht stecken. Da kommen progressive Lo-Fi-Indiesounds, frickeliger Emo-Math-Rock und Dreampop genauso zum Zug wie flottere Punk/Post-Punk/Noise-Tunes. Und über allem schwebt die traumwandlerische Stimme der Sängerin, die sich mäandernd ihren Weg zusammen mit den glasklaren Gitarren durch das nervöse, hektische und unvorhersehbare Drumming und den gegenspielenden Bass zu bahnen scheint. Zwischendurch darf auch mal eines der männlichen Bandmitglieder ins Mikro trällern, das klingt dann vom Timbre ähnlich wie das Organ von Damon Albarn und funtioniert ebenfalls. Auch die persönlichen und intelligenten Texte lohnen einen tieferen Blick. Zum Einstieg in die Welt von Anoraque empfehle ich das durchaus sehenswerte und verstörende Video zum Song LILA, das aber einige unschönen Szenen beinhaltet, also seid gewarnt!


Canine – „Bleak Vision“ (Bacillus Records) [Stream]
Vorsicht, nicht verwirren lassen, denn es gibt noch eine französische Band gleichen Namens. Diese Band kommt aber aus Frankfurt und obwohl beide Bands in ähnlichen musikalischen Gefilden unterwegs sind, haben die Jungs aus Frankfurt mehr Pfeffer im Arsch als ihre französischen Namensvettern. Ihr kennt die Sorte Kinder, die in der Schule niemals still sitzen können und ständig hyperaktiv Stunk machen? Tja, die Bandmitglieder von Canine waren sicher von dieser Sorte, nun scheinen sie in ihrer Musik ein Ventil gefunden zu haben. Geboten wird nämlich mitreißender Post-Hardcore, der ganz schön druckvoll nach vorne geht. Erinnert das ein oder andere Mal an das, was Refused auf A Shape Of Punk To Come so gemacht haben, Sänger Benny könnte rein akustisch glatt als Dennis Lyxzén-Double durchgehen. Die elf Songs laden für ca. 28 Minuten jedenfalls ziemlich zum Zappeln ein. Ein grooviges Gitarrenriff jagt das nächste, Verschnaufpausen sind Fehlanzeige. Pure Energie und cholerische Ausbrüche werden mit ebenso wütenden Texten und massig Gesellschaftskritik gewürzt. Tritt live sicher ordentlich Ärsche, auf der heimischen Anlage gelingt das schon mal ziemlich gut! Müsst ihr unbedingt antesten!


Chambers – „Depart // Disappear“ (DIY) [Stream]
Seit der Besprechung der 2015er-Debut-EP hat sich bei der Band aus Berlin wohl ein Wechsel im Lineup ergeben, zumindest wird der Gesang neuerdings von einer Dame beigesteuert, was man aber gar nicht so auf Anhieb erkennen kann, da hier übelst gekeift wird. Vom Instrumentalen her ist aber alles beim „alten“ geblieben, geboten wird walzender Post-Hardcore, HC, Punk und Post-Rock, die Gitarren zwirbeln schön fett und satt aus den Lautsprechern, die Produktion hat ordentlich wumms. Chambers sind auf ihrem Debutalbum weiterhin ziemlich düster unterwegs, Dissonanz scheint eins der Markenzeichen der Band zu sein. Auch wenn zwischendurch flirrende Post-Rock-Gitarren im Hintergrund zu hören sind, hier regieren dystopische Zukunftsvisionen, das spiegelt sich natürlich auch in den Texten wider. Wenn ihr also auf Atmosphäre, dichten und vielschichtigen Sound und einer Stimme direkt aus dem Fegefeuer abfahren solltet, dann lohnt sich ein Testlauf von Chambers Debutalbum.


Die Schande von – „Sitzung Neuhaus“ (midsummer records) [Video]
Ehemalige Mitglieder der Bands Parachutes, Crash My Deville, Baby Lou und Road To Kansas haben sich zur Band Die Schande von zusammengeschlossen und präsentieren auf ihrer Debut-EP vier Songs, die man unter emotionalem Punkrock/Post-Hardcore einordnen kann. Da kann man schon von einer kleinen Allstar-Band sprechen, die genannten Bands haben das Saarland in Sachen Punkrock/Indie/Emo/Post-Hardcore in der Vergangenheit ganz gut vertreten. Gesungen wird also beim neuen Kollektiv in deutscher Sprache, der raue Gesang transportiert ziemliche Melancholie. Gleich der erste Song Aufstieg und Fall eines Selbsthilfegurus holt Dich direkt an der Pforte ab! Die Songs wurden übrigens live eingespielt, dadurch erklärt sich auch die lebendige Stimmung. Schaut euch mal das Video zum Song an, dann wisst ihr was ich meine! Auch die nachfolgenden Stücke sind mitreißend und verzücken durch das ein oder andere Gitarrenriff und wissen durch das abwechslungsreiche Songwriting in den Bann zu ziehen. Beim Song Lovags Kugel wird dann auch noch ein wenig mit dem Effektgerät gespielt. Die Songs kommen auf eine Spielzeit von etwas knapp über 17 Minuten und machen definitiv neugierig auf kommende Veröffentlichungen. Ach so, das Ding ist über midsummer records rein digital erschienen, es gibt aber wohl Tapes über das Label Last Exit Music.


Emilie Zoé – „The Very Start“ (Hummus Records) [Name Your Price Download]
Wow, das Albumcover kommt sicher geil aufgedruckt auf Gatefold-Vinyl! Auch die Mucke dürfte auf Vinyl eine ganz eigene Stimmung verbreiten. Vorerst muss ich mich jedoch an der digitalen Downloadversion abhören! Emilie Zoé ist eine Musikerin aus Neuchâtel/Schweiz, die tief in der DIY-Szene verwurzelt ist und ihre Musik eigenverantwortlich veröffentlicht. Während sie hauptsächlich Gitarre spielt und dazu singt, wird sie noch von einem Schlagzeuger begleitet. Nun, die Musik entwickelt trotz ihres Lo-Fi-Sounds eine dichte und intime Atmosphäre, die v.a. von der melancholischen Stimme und den traurigen Gitarrenklängen getragen wird. Zwischen Emo und Kammermusik passen auch immer wieder ein paar bluesige Riffs. Ein magisches Album, das man gut mal in einer ruhigen Minute genießen sollte!


Rayleigh – „If History“ (Middle-Man Records) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und direkt hängen geblieben. Das Quartett aus Edmonton/Kanada prescht ziemlich heavy nach vorne, dennoch gesellen sich zu den matschigen Gitarren und dem walzenden Sound ab und an ruhigere, fast cleane Parts. Und über allem dieser verzweifelte Schreigesang von Sängerin Amy. Sehr emotional! Wenn ihr euch gerne eine wuchtige Mischung aus Hardcore, Punk, emotive Screamo und etwas Metal reinpfeift, dann empfehle ich diese elf Songs! Auf der Facebook-Seite der Band ist übrigens zu lesen, dass die Band bereits vier Mal mit dem beliebten Musikpreis Skrammy ausgezeichnet wurde! Das sollte doch genügend Anreiz sein, der Band mal Gehör zu schenken, zumal auch die Einflüsse, die von Coma Regalia über Alpinist bis hin zu Loma Prieta und La Quiete reichen, zum Vorbeischauen locken.


Remission – „Enemy of Silence“ (React Records) [Stream]
Es war irgendwann im Herbst, als ich Remissions neues Album bei Bandcamp entdeckt habe, zu der Zeit war das Album fast schon fünf Monate dort zu hören. Die Band selbst hat mich mit ihren bisherigen Releases eigentlich schon immer angesprochen, jedoch versäumte ich es irgendwie, den Jungs über irgendwelche Kanäle zu folgen. Und bei der Flut an guten Bands kann auch mal ein Release übersehen werden, glücklicherweise hat es bei dem mittlerweile zweiten Album – wenn auch etwas verspätet – doch noch geklappt. Und wie – denn auf diesem Album bin ich seither schon längere Zeit kleben geblieben. Wenn man dem intensiven Sound der Band aus Chile lauscht, dann kommen einem sofort alte Helden wie z.B. Verbal Assault, Dag Nasty, Turning Point, Uniform Choice oder Speak 714 vor die Augen. Die neun Songs stecken voller Leidenschaft und zeigen die unbändige Spielfreude der Jungs ziemlich eindrucksvoll, dazu kommt dem Sound die klare und druckvolle Produktion zu gute. Ich würde mal sagen, dass in Sachen Oldschool-Hardcore mit Emocore-Einflüssen in letzter Zeit kaum was Besseres veröffentlicht wurde. Diese Gitarren, dieser Bass, diese Drums und dazu dieser Gesang! Da könnte man sich glatt reinlegen! Bleibt zu hoffen, dass die Band mal in naher Zukunft den weiten Weg nach Europa schaffen wird!


Schelm – „ein bisschen mehr​.​.​.“ (Sportklub Rotter Damm) [Name Your Price Download]
Ich dachte, Sportklub Rotter Damm würden nur digital releasen? Nun, die Debutscheibe der schweizerischen Band Schelm ist nun aber wohl doch auf Vinyl erschienen. Für eine kleine Empfehlung müssen aber trotzdem die digitalen zehn Songs ausreichen, habe Schelm nämlich beim planlosen Bandcampsurfen aufgegabelt. Schelm machen deutschsprachigen Emopunk, der mit schönen melancholischen Gitarrenläufen und zerbrechlichem, manchmal auch rauem Gesang ausgestattet ist. Der Sound pendelt sich irgendwo zwischen Captain Planet, flotteren Kettcar, Cyan, Elmar und Colt. ein. Jedenfalls bewegen sich Schelm eher im Midtempo, oftmals wird es sogar noch ruhiger. Mir gefällt die Band am Besten, wenn es melodisch und etwas schneller zur Sache geht. Als Anspieltipps eignen sich die Songs Meine Zeit und Du und Deine Welt.


 

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