Infant Island – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Mal wieder reibe ich meine Äuglein und wundere mich, warum manche Bands erst meine Aufmerksamkeit bekommen, wenn analoge Post ins Haus flattert. Im Fall von Infant Island reibe ich gleich doppelt, denn die 12inch blendet fast. Der strahlend weiße Karton ist auf der Frontseite mit einem schwarzen Siebdruck verziert, kaum größer als ein gewöhnliches Foto. Die Zeichnung zeigt zwei Menschen (vermutlich Kinder), die auf einem Fels sitzen. Auf der Rückseite, dem Textblatt und den Labels sind Zeichnungen von Vögeln zu sehen, womöglich sind das Kolibris. Ach ja, Infant Island kommen übrigens aus dem lustig klingenden Fredericksburg, das ist eine Stadt im US-Bundesstaat Virginia. Und ich vermute mal, dass der Bnadname irgendwas mit dem japanischen Filmmonster Godzilla zu tun hat, denn da gibt es in irgendeinem Film eine fiktive Insel gleichen Namens. Die 12inch ist übrigens mal wieder ein Co-Release, neben Dingleberry Records sind noch Middle-Man Records und Conditions Records mit im Boot.

Mit dem Aufsetzen der Nadel kommen Geräusche aus den Lautsprechern, die durch die Lüfte zu schweben scheinen, bis dann dieser durchtriebene und distortionlastige Sound einsetzt. Leiernde Gitarren, ein wabernder und matschiger Delay-Soundbrei, abgehacktes Drumming und ein schreiender Sänger, dem nach den persönlichen Lyrics nach zu urteilen eine Unmenge an Angst und Verzweiflung im Nacken zu sitzen scheint. Im zweiten Song geht es vermeintlich flott weiter, die hektischen Drums und die wild gezockten Gitarren werden abermals mit derben Vocals und reichlich Krach ausgeschmückt. Irgendwie kann man das alles noch nicht so recht einordnen. Und wenn man meint, dass es endlich geklickt hat und man das Bandschema so halbwegs durchschaut hat, dann kommt doch noch die unvorhersehbare Kehrtwende. Und diese Kehrtwende macht die Band erst richtig interessant.

Das dritte Stück Broken Pieces strotzt nämlich nur so vor Melancholie, das ist der helle Wahnsinn. Man hat das Gefühl, als ob man alles durch einen extrem flauschigen Wattefilter wahrnehmen würde. Die eiernden Gitarren, der fuzzige Bass und die präzise gespielten Drums, dazu heulendes Geschrei am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was auf den ersten Blick so undefinierbar erscheint, nimmt nun langsam Form an. Denn die nachfolgenden Songs bringen nach und nach diese emotionale Seite ans Licht, obendrein kommen ein paar Überraschungen in Form von klassischen Instrumenten wie einem Cello, einer Violine und einem Klavier dazu. Und dann ist da dieses Slow-Motion-Midtempo, das einen mit jedem weiteren Durchlauf so richtig einfängt. So einen atmosphärischen Sound ist man sonst eher von skandinavischen Bands gewohnt. Gerade bei den melancholischeren Stücken denkt man z.B. an Kapellen wie Trachimbrod oder Sore Eyelids. Und wenn man beim ersten Durchlauf noch meint, dass hier mal wieder eine weitere Combo einen durchschnittlichen Mischmasch aus Screamo, Post-Hardcore, Emo, Shoegaze und atmosphärischen Tunes zusammengebastelt hat, dann wird man nach ein paar weiteren Hörrunden eines besseren belehrt. Und man reibt sich dabei ungläubig die Augen!

9/10

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