Wayste – „The Flesh And Blood“ (Through Love Rec./Day By Day Records)

Die Debut-EP der Leipziger offenbarte bereits, dass Wayste schon damals nicht allzu weit davon entfernt waren, sich in der deutschen Hardcoreszene einen großen Namen zu machen. Nun, um mal ein bisschen zu spoilern: der Geheimtipp-Status dürfte sich mit dem Erscheinen des Debutalbums des Trios nochmals kräftig verringert haben. Denn das, was auf The Flesh And Blood zu hören ist, ist ganz großes Kino, das locker auf internationaler Ebene mithalten kann! Die 12inch ist übrigens als Co-Release der Labels Through Love Rec. und Day By Day Records erschienen. Das vom Leipziger Künstler Hans Morsa entworfene Gemälde, das im 12inch-Format natürlich volle Wirkung zeigt, hat mich auf den ersten flüchtigen Blick ein wenig an Slayers Reign In Blood erinnert. Bei tieferer Betrachtung lädt das Kunstwerk mit seinen vielen Details zur gründlichen Werkanalyse und Interpretation ein. Bei den etlichen Hörrunden, die das zitronengelbe Vinyl auf dem Plattenteller bereits hinter sich hat und auch noch in Zukunft vor sich haben wird, kann man sich jedenfalls genügend Theorien zusammenspinnen. Das gut in der Hand liegende Textblatt ist übrigens auch noch mit Zeichnungen des Künstlers ausgeschmückt. Ein sehr gelungenes Artwork!

Mit dem Aufsetzen der Nadel ertönen rückkopplungsartige Geräusche aus den Lautsprechern, man bekommt fast ein schwebendes Gefühl, die Töne wirken beruhigend. Doch wie sich ziemlich schnell herausstellt, war diese Geräuschkulisse nur die vielbesagte Ruhe vor dem Sturm. Denn plötzlich befindet man sich im Auge eines mächtig tosenden Sturms! Zuerst setzen diese leidend schreiende Vocals ein, dann folgen präzise und vertrackt gehämmerte Drums und messerscharfe Gitarren, die dissonant aber groovig zusammen mit dem angefuzzten Bass einfach nur eine druckvoll brachiale Wand bilden. Das nachfolgende The Great Disguise setzt fast noch eine Schippe walzende Macht obendrauf. Was für ein grooviges Hardcore-Monster! Bereits bei diesen ersten zwei Songs fällt auf, wie ausgeklügelt und rund das alles klingt. Die Instrumente werden zugunsten des nachfolgenden Gewitters etwas zurückgefahren, so dass man sich, wenn man die Augen schließt, genau vorstellen kann, mit welcher Energie die Band wohl live unterwegs sein mag. Dass die Aufnahme so druckvoll und lebendig klingt, dürfte zum einen daran liegen, dass die Songs live eingespielt wurden, zum anderen hat mal wieder die Tonmeisterei hervorragende Arbeit geleistet. Hier bekommt jedes Instrument seinen eigenen Raum und das ist auch gut so! Hut ab jedenfalls: dieses Trio klingt auf den zwölf Songs fetter, mächtiger, vielschichtiger und zerfahrener als so manches Quintett. Die Einflüsse von Bands wie Converge, Birds In Row oder Every Time I Die sind weiterhin erkennbar, trotzdem haftet dem Sound von Wayste eine innovative Eigenständigkeit an, abgekupfert wirkt das alles jedenfalls nicht. Zudem ist im Vergleich zur EP nochmals eine enorme Steigerung zu erkennen. Textlich werden übrigens Themen rund um das Leben, den Tod, das Alter und den körperlichen Zerfall behandelt, dabei kommen sehr persönliche Gefühle in Bezug auf Glaube und Religion zur Sprache. Ein Blick ins Textblatt kann also nur empfohlen werden, denn auch hier zeigt sich Tiefe.

Dass Wayste mit Köpfchen an die Sache rangehen und nach allen Seiten grenzenlos offen sind, macht das Album so abwechslungsreich und spannend. Hier wird nicht einfach nur wild drauflos gemosht, es schleichen sich auch immer wieder ruhige Passagen ein, auch kommen mal gesungene Parts und cleane Abschnitte zum Zug. Mourn z.B. beginnt mit einer Twang-Gitarre, die auch für einen Showdown eines Western-Films herhalten könnte, geht dann in einen Thrice-ähnlichen hymnischen Refrain über und gipfelt in einem noisigen Midtempo-Groove, auch ganz sanfte und melancholische Einsprengsel sind noch mit dabei. Mit Chosen gibt’s dann einen schönen Hardcore-Smasher mit melodischem Gesang, bevor die A-Seite mit dem Song Killing Place nochmals so richtig dissonant, noisig und nach vorn treibend endet. Auf der B-Seite geht es genauso wild und intensiv weiter, so dass einem gerade die Spucke wegbleibt. Die an Thrice erinnernden Anteile werden hier noch weiter ausgebaut (siehe beispielsweise Elder), dennoch bleibt es dissonant und heftig. Ein paar groovige und schnellere Songs mit New York-Hardcore-Referenzen später wird das Album mit dem grandiosen Stück Losing Touch beendet. Wahnsinn, da ist man direkt gespannt, was man von der Band in Zukunft noch zu hören bekommt. Vorerst genügt es aber, in dieses knapp vierzigminütige Werk der Leipziger einzutauchen, denn das Ding ist echt mal der Hammer!

9/10

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