Dewaere – „Slot Logic“ (Phantom Records/Bigoût Records)

Aufgrund des farbig-verschwommenen Albumartworks hätte ich mit gitarrenorientiertem Indie-Rock gerechnet, auch das originell gestaltete Textblatt ließ mich selbiges vermuten. Nun, so kann man sich täuschen. Obwohl, gitarrenorientiert ist das Debutalbum der vier Jungs aus Saint-Brieuc/Frankreich auf jeden Fall, auch Indie-Rock lässt sich im Verlauf der Spielzeit von einer halben Stunde genügend entdecken. Aber da ist noch mehr, deshalb erst mal von vorn: wollte im Internet ein wenig über die Band Dewaere in Erfahrung bringen, aber gibt man Dewaere und Frankreich in eine Suchmaschine ein, dann stößt man als erstes auf einen Schauspieler des französischen Kinos der Siebziger, Patrick Dewaere. Liest man dessen Lebenslauf durch, dann liegt die Vermutung nahe, dass sich die Band Dewaere möglicherweise nach diesem Schauspieler benannt haben könnte, denn er wurde ebenfalls in Saint-Brieuc geboren. Zudem verkörperte Patrick Dewaere in seinen Rollen oftmals den rebellierenden Jugendlichen, das enfant terrible, im Privatleben wurde er durch schwerwiegende Drogenprobleme in depressive Stimmungen versetzt. Als Dewaere Anfang der Achtziger von seiner Ehefrau wegen seines besten Freundes verlassen wurde, wählte er den Freitod und erschoss sich.

Okay, aber nun mal endlich zur Musik, die ab dem Aufsetzen der Nadel bedrohlich und groovig aus den Lautsprechern knarzt. Ein richtig dreckiger Bastard wurde da zusammengebraut. Laut, ungestüm, treibend, rhythmisch, bizarr, noisig, manisch, energiegeladen, groovy, heavy, drückend, intensiv und ganz schön abgefahren! Da wird Noise, räudiger Grunge, Punk, krachiger Indie-Rock und Post-Punk in einen Topf geschmissen und einmal wild und kräftig umgerührt. Wiederholt lässt sich hier der Nirvana-Gitarren-Delayeffekt raushören, die Bass-Gitarre-Schlagzeugfraktion erinnert das ein oder andere Mal an Bands wie Unsane oder Guzzard, überhaupt klingt der Sound sehr nach diversen AmRep-Bands, gleichzeitig ist das Ganze schön Neunziger-lastig, natürlich mit zeitgemäßer und fetzender Produktion. Textlich gibt man sich genauso abgefahren und pendelt zwischen kryptischen Textpassagen und irren Gedankengängen.

Wo sich die Geister etwas scheiden werden, ist der oftmals übertrieben theatralische Gesang irgendwo zwischen Ian Curtis, Iggy Pop, Devo oder Jello Biafra, an den man sich aber mit der Zeit dann doch gewöhnt, es gibt ja auch noch genügend Schrei-Ausbrüche. Ziemlich abgefahren und crazy, zwischendurch wird z.B. – wahrscheinlich um etwas abzukühlen – ein Vogelzwitscher-Interlude eingeschleust. Hilft aber kaum, den überhitzten Kessel etwas runterzukühlen. Im Verlauf des Albums fragt man sich wirklich ab und zu, ob die Jungs jetzt bald mal komplett überschnappen. Spätestens mit der rückkopplungslastigen Krachorgie October scheint dieser Punkt endlich erreicht zu sein, der Song grenzt mit seiner fast siebenminütigen Spielzeit wirklich an Folter! Danach gibt’s noch eine versöhnliche und fast schon melodische Punknummer auf die Ohren. Nach dieser Odyssee muss man sich erstmal ungläubig die Augen reiben. Echt mal ein abgefahrenes und erstaunlich gutes Debut!

8/10

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