Younger Us – „Tired Tried“ (Day By Day Records)

Mit ihrer Debut-EP Graustark legte die Band aus der Schwabenmetropole Stuttgart schon mal die Meßlatte für kommende Veröffentlichungen ziemlich hoch. War das Ding schon rein optisch eine DIY-Augenweide, konnten die darauf enthaltenen sechs Songs durch eine gesunde Mischung aus bombastischem Hardcore gepaart mit einem satten Schuss Melancholie überzeugen. Nun folgt also mit Tired Tried der erste Longplayer der Stuttgarter. Rein optisch haben sich die Jungs auch hier wieder was pfiffiges einfallen lassen. Die 12inch kommt in einer mit dem Bandnamen bedruckten PVC-Plattenhülle, dahinter lässt sich ein Albumcover entdecken, das mit einem Foto eines Müllhaufens bedruckt ist. Im Müllhaufen erspäht man so allerhand Verpackungsmüll, jede der abgebildeten Kunststoffverpackungen benötigt übrigens mehrere Jahrhunderte, bis sie zersetzt ist. Mit Schaudern denkt man dadurch natürlich an die Mikroplastik-Partikel, die durch solchen Müll in unseren natürlichen Kreislauf gelangen. Das Albumcovermotiv spiegelt auch die eigene Machtlosigkeit dieses Umweltproblems wider. Selbst wenn man bewusster einkauft und versucht, Müll zu vermeiden, gibt es immer noch genügend menschliche Individuen auf der Welt, denen all das komplett am Arsch vorbei geht. Traurig, Tired, Tried. Auf dem Albumbackcover gibt es dann passenderweise einen Straßenzug mit einer überquellenden Mülltonne, daneben ein kleiner Billig-Supermarkt, in dem es sicher haufenweise Plastikschrott zu kaufen gibt. Aus dem Plattenkarton kommt neben rotem Vinyl mit schwarzen Rauchschwaden ein knallrotes, stabiles Textblatt zum Vorschein.

Und sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, dauert es nicht lange, bis man sich nach einem düster klingenden Gitarren-Intro in einem dissonanten Gewittersturm befindet. Das Schlagzeug legt in der Geschwindigkeit eines D-Zugs los, die Gitarren rotieren ohne Ende und der Bass knarzt schön knackig. Zudem kommt das resigniert leidende Geschrei des Sängers dazu. Zwischendrin wird das Tempo ein bisschen gedrosselt, was der Rohheit des Sounds jedoch noch mehr zugute kommt. Erst mit dem zweiten Stück, The Laundry Song wird es neben dem brutalen und reinigendem Soundbrei etwas unterschwellig melodischer, trotzdem walzt die Rhythmusmaschine aus fuzzigem Bass und kraftvoll zerhackten Drums und messerscharfen Gitarren unaufhörlich. Hört nur mal den Anfang vom mächtigen Hiding! Schön im Midtempo angesiedelt, tauchen auch hier diese melancholischen Momente auf, vom cleanen Gitarrenriff bis hin zum verzweifelten Geschrei, das hier aber auch melodischere Töne annimmt. Für den rohen und mächtigen Sound zeichnet sich übrigens mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich. Mit Jouska kommt dann erstmals ein Smasher, der eingängiger ist und live sicher für einige gestapelten Leiber vor dem Mikro sorgen wird, das die A-Seite abschließende Swarm Thoughts geht in eine ähnliche Richtung. Überhaupt entdeckt man mit jedem weiteren Durchlauf das Potential der Songs, die wirklich jedesmal noch ein klein bisschen wachsen. Auch die B-Seite wirft einige Highlights in den Raum, Artax und das katharsische I Have… stechen hier besonders hervor.

Und wie schon beim Vorgänger lesen sich die Texte sehr persönlich. Zwischen Resignation, düsteren persönlichen Gedanken, der Flucht davor durch Verdrängung, zuviel Arbeit gepaart mit haufenweise Nikotin und den unausweichlichen immer fortschreitenderen Untergang der Zivilisation schwingt trotzdem ein leicht hoffnungsvoller Unterton mit, den man aber wahrlich suchen muss. Insgesamt erwartet euch mit Tired Tried also ein abwechslungsreiches und intensives Machwerk, das irgendwo zwischen Post-Hardcore, Hardcore, Punk, Noise und Blackened Hardcore angesiedelt ist, dabei aber noch eine Menge an Melancholie mit sich rumschleppt.

8/10

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