Agent Blå – „Morning Thoughts“ (Through Love Rec.)

Zu manchen Plattencovern fällt einem ewig nichts ein. Beim Artwork zum zweiten Album der Schwedischen Band Agent Blå fragte ich mich z.B., warum die Band überhaupt solch eine unspektakuläre Zeichnung wählte. Im CD-Format fällt das vielleicht noch nicht so richtig auf, aber die 12inch wirkt mit dieser Zeichnung etwas farblos und eigenartig. Meine Vermutung ist, dass dieser Effekt sogar gewollt ist. Die Krönung: das Textblatt kann zum Poster aufgefaltet werden, so dass man sich das blasse Cover, das auf der Rückseite aufgedruckt ist, sogar ins schwarz angestrichene Wohnzimmer hängen kann, wenn man das möchte. Da der Sound von Agent Blå einige Parallelen zu den Smiths aufweist, könnte man sich hier vielleicht fragen, ob die Zeichnung vielleicht auf Morrisseys Kindheit anspielt. Denn Morrissey hat ja auch schon in jungen Jahren viel gelesen, das hat ihn anscheinend sehr geprägt. Außerdem hegte er eine innige Beziehung zu seinem Jugendzimmer, obwohl es irgendwie dann doch ein furchteinflößender Ort war. Hab mal irgendwo gelesen, dass er ziemlich spät von zuhause ausgezogen ist, gerade auch, weil er wohl ein ziemliches Muttersöhnchen gewesen sein soll. Jedenfalls grübeln solche Gedanken in mir, während die Musik meine Sinne trifft und das Auge dieses Cover erblickt. Wenn man Morrisseys Entgleisungen der letzten Jahre mitbekommen hat und einem deshalb die Lust an der Musik der Smiths ein wenig vergangen ist, sollte man sich schleunigst Ersatz suchen. Morning Thoughts von Agent Blå wäre somit wärmstens zu empfehlen.

Schaut man sich die grüblerischen Lyrics der eigentlich noch blutjungen Band mal genauer an, dann entdeckt man auch hier einige Parallelen zu den Smiths. Die Mitglieder sind nämlich alle erst so in den Zwanzigern, also in einem Alter, in welchem man viele Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und auch vieles hinterfragt oder einfach nur vor sich hinträumend im Bett liegt, sich selbst bemitleidet und nicht in die Gänge kommt. Tja, in dieser Zeit können die Gefühle echt mal Achterbahn fahren! Dementsprechende Themen beschäftigt die Band, es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, um verlorene Liebe, schmerzvolle Trauer, aber auch um Glücksgefühle und enthusiastische Freude. Insofern könnte das Albumcovermotiv die Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen symbolisieren. Übrigens gibt’s ’nen kleinen Fehler im Textblatt: der Text zu Something Borrowed fehlt, dafür ist der Text zu Child’s Play doppelt vorhanden. Aber man kann die Texte ja auch so gut verstehen, auch wenn die Sängerin sich bemüht, den Mund beim Singen nicht allzuweit aufzumachen. Das Album ist übrigens ein Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury Records.

Musikalisch dominiert melancholische Schwermut. Die Gitarren kreiren zusammen mit dem polternden 80er-Bass und dem langsam taktenden Schlagzeug einen wundervoll shoegazigen Soundteppich, dazu wird man vom genuschelten und fast wehleidigen Gesang von Sängerin Emelie eingelullt. Mit dem Gitarrenlauf zum Song Colors Of The Dark wird man erstmals sanft wachgerüttelt, man blinzelt etwas, um vom hell einströmenden Licht nicht geblendet zu werden. Tatsächlich war bei mir dieser Song eine Art Schlüsselreiz, der mir auch das Tor zu den restlichen Songs endgültig öffnete. Faszinierend finde ich, dass es die Band mit den einfachsten Mitteln immer wieder schafft, tief zu berühren. Das Schlagzeug taktet gemütlich vor sich hin, selten gibt es mal richtige Ausbrüche. Es sind die tollen Melodien, die sich im Verlauf der einzelnen Songs herausarbeiten und ins Gehör bohren, sanfte Gitarrenklänge wie beim Song Boys oder die nölige Gesangsmelodie bei Child’s Play z.B. Dass es auch etwas wilder gehen kann, deutet die Band mit dem Song Cambion an, hier ist ein wunderbar verzerrtes Gitarrenriff zu hören. Aufgeputscht durch die Energie dieses Songs bringt der Schlagzeuger dann bei You’ll Get It When You’re Older doch noch ein paar Trommelwirbel unter. Das Sextett bezeichnet seine Musik ja gerne mit dem selbst entworfenen Genre Death-Pop. Das trifft es eigentlich ganz gut, da die Musik sich aus gothic-wavigen Klängen und Elementen aus Dream-Pop, Indie und Shoegaze zusammensetzt. Zählt man das Intro mit, dann bekommt ihr neun Songs zu hören, die euch vor Freude das Herz springen lassen und trotz des immer gleich bleibenden Tempos nicht langweilig werden. Wer Bands wie My Bloody Valentine, Joy Division, Lush und The Cure mag und darüber hinaus noch die triste Grundstimmung der Smiths vermisst, dürfte hiermit absolut glücklich werden.

8/10

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