Doppel-Show-Review: Parcels am 05.07.2019 in Ulm und Leoniden am 07.07.2019 in Feldkirch/AT

Show Review 1: Parcels und Liffey Looms in Ulm/Ulmer Zelt, 05.07.2019

Ein geballter Haufen an Zufällen war zu verdanken, dass meine Liebste und ich ganz spontan zu Parcels nach Ulm gegangen sind. Das 2018er Debütalbum lief seit einigen Tagen sommerbedingt in Dauerschleife als Hintergrundbeschallung bei unseren abendlichen Balkonsitzungen, zudem schauten wir uns parallel dazu einige beeindruckende Liveschnipsel der Australier auf YouTube an. Ja, mal wieder eine gemeinsame Indiepop-Lieblingsband gefunden! Dann erfuhr ich durch ein Facebook-Gewinnspiel des Ulmer Obstwiesenfestivals, dass Parcels in genau fünf Tagen ein Konzert im Ulmer Zelt geben sollten und man dafür Karten gewinnen konnte. Optimal wäre es gewesen, wenn ich die Karten gewonnen hätte, aber Käsekuchen! Parcels wollten wir natürlich trotzdem sehen. Also, ganz spontan abgecheckt, ob es noch Karten an der Abendkasse geben würde und gleich mal ’nen Babysitter angeheuert.

Bei bestem Wetter trafen wir also am Tag des Konzerts pünktlich zur Öffnung der Abendkasse auf dem Gelände des Ulmer Zelts ein. Bis zum Beginn des Konzerts sahen wir uns ein bisschen auf dem idyllisch an der Donau liegenden Platz im Grünen um und genehmigten uns einen für ein Festival unerwartet leckeren veganen Flammkuchen. Auf dem Gelände herrschte eine entspannte Atmosphäre, im kleinen Zelt gab es passend zur Stimmung jazzig angehauchte Klänge der Band Hackberry zu hören. Das Ulmer Zelt ist übrigens ein mehrwöchig stattfindendes Kulturfestival, Zielgruppe scheint die Ü40-Generation mit Kleinkunst-Vorliebe zu sein. Also mal wieder ganz neue Erfahrungen für uns! Jedenfalls ist bei solchen Veranstaltungen von Vorteil, dass der Zeitplan exakt eingehalten wird. Bei einem Abendkassen-Eintrittspreis von 39 Euro pro Nase darf man das auch erwarten. Trotzdem war das große Zelt mit ca. 600 Zuschauern gut gefüllt.

Pünktlich um 20:30 Uhr begann die aus der Region Ulm stammende Vorband Liffey Looms mit ihrem Singer-Songwriter-Sound. Das weiblich-männlich gemischte Duo machte seine Sache zwar gut, war aber musikalisch absolut nicht unser Ding. Diese Art Musik gehört meiner Meinung nach eher in die Fußgängerzone als ins Vorprogramm von Parcels. Da hätte man sich ein glücklicheres Händchen bei der Bandauswahl des Veranstalters gewünscht. Nun denn, dem Publikum hat es wohl besser gefallen, gemessen am Applaus. Während des Auftritts machte ich mir dann halt lieber mal so meine Gedanken über das bunt gemischte Publikum. Bandshirts waren rar gesät, zudem gab es ’ne Menge Leute der Sorte Ü50-Theaterbesucher, die es sich auf den Sitzplätzen im hinteren Bereich bequem machten, komischerweise ohne Opernglas. Überrascht haben mich insgesamt drei Shirts, die mir sofort ins Auge gestochen sind: von weitem erblickte ich ein Day By Day Records-Logo, dann präsentierte ein Altpunk ein verwaschenes Skin Of Tears-Shirt. Absolut nicht verstanden habe ich, was zur Hölle der Typ mit dem Freiwild-Shirt bei Parcels wollte.

Diese Grübelei wurde mit den ersten Klängen der Parcels abrupt beendet, denn der kristallklare Sound der Australier zauberte uns von Anfang bis Ende ein fettes Grinsen ins Gesicht. Cool auch, dass man um einen Platz in der ersten Reihe gar nicht groß kämpfen musste, die Ü50-Meute wich höflich und fast gar unterwürfig zur Seite. Und schwuppdiwupp befanden wir uns im Parcels-Traumland, in dem man alles andere um sich herum komplett ausblendet. Auch wenn sich die Bewegung der Bandmitglieder auf der Bühne eher in Grenzen hielt, versprühte die Musik des Quintetts eine ganz besondere Atmosphäre. Und dann gab es da noch den androgyn wirkenden Keyboarder und Sänger, der dann doch ein paar coole Dancemoves auf die Bühne brachte, nebenbei kurzerhand mit einer leeren Flasche und einem Kugelschreiber für außergewöhnliche Percussion und gute Stimmung im Zelt sorgte. Klar, an manchen Stellen gab es auch Bewegung an der Gitarre und am Bass, aber die Konzentration auf den perfekten Livesound scheint bei Parcels eher im Vordergrund zu stehen. Vielleicht wollten sich die Jungs auch einfach nicht so verausgaben, da in den kommenden Tagen ein paar größere Festivals angestanden sind. Der Bassist zauberte jedenfalls einen Hammerbasslauf nach dem anderen raus, mal groovig, mal verträumt und smooth. Die Gitarrenläufe wurden so locker aus dem Ärmel geschüttelt, dazu die warmen und sehr ähnlich klingenden Stimmen der verschiedenen Bandmitglieder, ein wahrer Genuss. Neben meinen persönlichen Highlights Lightenup, Withorwithoutyou und dem Überhit Iknowhowifeel spielte die Band hauptsächlich Zeug vom Debütalbum. Ach ja, und der wohl bekannteste Parcels-Song Tieduprightnow sorgte für tosenden Beifall. Etwas schade war die kurze Spielzeit von ca. 75 Minuten und die fehlende Zugabe, die vom Publikum lautstark und hartnäckig eingefordert wurde. Verwehrte Zugaben ist man dann eigentlich nur von Punks oder versnobten und zugedrogten Rockstars gewohnt. Jedenfalls zählt dieser Auftritt bereits jetzt schon zu meinen Konzerthighlights in Sachen Indiepop im Jahr 2019. Ach ja, fotografieren war nicht erlaubt, deshalb hab ich mal wieder meiner Tochter eine Zeichnung in Auftrag gegeben, siehe oben…



Show-Review 2: Leoniden & My Ugly Clementine in Feldkirch (AT)/Poolbar-Festival/Altes Hallenbad (07.07.2019)

Ganz kurzfristig entschieden wir uns mal wieder dazu, den Leoniden im benachbarten Österreich einen Besuch abzustatten. Diesmal war ein Auftritt in Feldkirch im Rahmen des Poolbar-Festivals das Ziel, zu unserer Freude nicht im Freien, sondern im Alten Hallenbad. Pünktlich zur Ankunft in Feldkirch gab es einen gigantischen Wolkenbruch, wie man ihn selten gesehen hat. Aus der lokalen Presse erfuhr man in den nachfolgenden Tagen, dass dieses Wetterphänomen ein fast-Tornado war, ein sogenannter Downburst. Jedenfalls war es uns ein Rätsel, wie es die zahlreichen Besucherinnen und Besucher geschafft haben, trockenen Fußes ins Hallenbad zu kommen, normalerweise ist es bei Hallenbädern ja andersrum.

Nun, die Poolbar ist eine super Location. Der Club ist ein trocken gelegtes Schwimmbad, das Pool selbst dient als Tanzfläche. Ganz praktisch eigentlich, denn nach einer Veranstaltung kann man das Ding quasi einmal kurz mit dem Schlauch abspritzen, selbst die Abflüsse sind noch vorhanden. Da wir die letzten Konzerte der Leoniden immer von der ersten Reihe aus verfolgten, nahmen wir uns diesmal vor, die Band gechillt vom Beckenrand aus zu betrachten. Die Bühne befindet sich aus dieser Perspektive heraus leicht unterhalb, so dass man das komplette Geschehen auf und vor der Bühne bequem verfolgen konnte, ohne dass jemand die Sicht versperren konnte. Auch wenn man sich dabei so ein bisschen fühlt, wie die zwei Greise aus der Muppetshow: unser Standort war die beste Wahl. Vor Showbeginn kam Leoniden-Sänger Jakob fröhlich lächelnd auf uns zu und begrüßte uns wie alte Bekannte, so dass wir wieder zu den unsicheren Teenagern wurden, die wir schon immer waren. Natürlich mit Fanverhalten der peinlichsten Sorte und dem Knipsen eines gemeinsamen Poserfotos, das fast an unserer Aufregung und fehlendem technischen Know-how zu scheitern drohte. Zur Hölle, wo lässt sich das mit dem Fotoblitz nochmals einstellen? Tja, da merkt man halt schon, dass wir ohne neue Medien aufgewachsen und totale Smartphone-Deppen sind.

Während wir noch ein bisschen plauderten, enterten die 5 Damen der Wiener Band My Ugly Clementine die Bühne. Ich kannte die Band vor dem Auftritt noch nicht, aufgrund der Souveränität der Musikerinnen und des beeindruckenden Sets erfuhr ich erst im Nachhinein, dass My Ugly Clementine sozusagen eine Allstarband ist und die Mitstreiterinnen zuvor in Bands wie Leyya, Daffodils, Kerosin95, Schmieds Puls und 5kHD gespielt haben. Jedenfalls war es ein kurzweiliger Auftritt mit wunderschönem Gitarren-Indierock, der teilweise auch recht angepunkt rüberkam. Dass die Band erst wenige Live-Auftritte absolviert hatte, merkte man jedenfalls überhaupt nicht. My Ugly Clementine sollte man im Auge behalten!

Nach einer kurzen Umbaupause starteten auch schon die Leoniden mit Intro und Colourless ihr Set. Bereits in den ersten Sekunden kam Bewegung auf die Bühne. Aus dieser leicht überschaubaren Perspektive konnte ich erstmals alle fünf Bandmitglieder gleichzeitig sehen, auch wenn es aufgrund der permanenten Bewegung eines jeden Bandmitglieds schwierig war, sich auf einen bestimmten Musiker zu konzentrieren. Obwohl die Bühne eigentlich recht groß wirkte, musste man sich ständig sorgen, dass bei dieser Hyperaktivität doch mal ein Crash passieren könnte. Lennart lieferte jedenfalls wieder eine durchgeknallte und bewegungsreiche Bühnenshow ab, aber hallo! Wie ein außer Kontrolle geratenes Aufziehmännchen, das anstelle der Duracell-Powerbatterien direkt an einem leistungsstarken Kernkraftwerk angeschlossen ist, wirbelte er seine Gitarre durch die Lüfte, schmiss den Mikroständer in die Höhe, erwürgte sich fast mit dem Gitarrengurt…und schwitzte logischerweise schon nach dem ersten Song wie ein Marathonläufer kurz vor’m Ziel.

Mittlerweile sind die Leoniden auch in Österreich so bekannt, dass die Clubshows ausverkauft sind. Was mir im Vergleich mit Shows in Deutschland aufgefallen ist: das österreichische Publikum war trotz der bombastischen Liveshow viel zurückhaltender, lediglich in den ersten zwei Reihen gingen die Leute mit Haut und Haaren mit. Vielleicht lag es auch daran, dass sich Sänger Jakob diesmal nicht zu einem Stagedive-Ausflug ins Publikum wagte und auch mit seinem Kuhglocken-Drumset lediglich in der Mitte des Pools auf dem Boden blieb. Auch vermisste ich heuer (hihi) die Konfetti-Bombe im Zugabenteil, aber wahrscheinlich wurde die an der österreichischen Grenze aufgrund des in Österreich geltenden Waffenrechts konfisziert.

Jedenfalls machte es wieder richtig gute Laune, den Jungs unter Einsatz ihres Lebens bei ihren Aktivitäten auf der Bühne zuzusehen. Durch die Bank grinsten und tanzten die Leoniden, als gäbe es keinen Morgen. Wer einmal wissen will, wie pure Leidenschaft aussieht, muss sich nur mal einen Auftritt der Leoniden anschauen. Nach einem wahnsinnig guten Auftritt mit sämtlichen Hits beschloss ich, mir endlich die beiden Alben auf Vinyl zuzulegen. Am Merchstand erfuhren wir keine 5 Minuten nach Konzertende von einem noch voller Adrenalin steckenden Jakob, dass Lennart direkt nach dem Auftritt draußen gekotzt hat, weil er sich die Gitarre an die Rübe geklatscht hat. Aua, ich tippe auf Gehirnerschütterung! Wieder mal ein gelungener Abend, so dass wir uns auch ein paar Wochen später die Band auf dem Obstwiesenfestival in Ulm angeschaut haben. Nur soviel: hier war die Stimmung gigantisch, es gab sogar ’ne kleine Pyro-Show und ’ne Mega-Konfettibombe. Nur doof, dass wir keine Karten mehr für’s ein paar Tage später stattfindende Allgäus Finest-Festival  bekommen konnten, da hätten wir dann nur mal ’ne Anfahrt von zwanzig Minuten gehabt…