Colored Moth – „DIM“ (Wolves And Vibrancy Records)

Fragmenting Tensions, das 2016-er-Debut-Album der Berliner Band Colored Moth, hat mich damals stark beeindruckt, so dass die Platte bis heute immer mal wieder den Weg auf den Plattenteller schaffte. Nun gibt es nach drei Jahren endlich neuen Stoff des Trios. Zu meiner Freude auch noch direkt von der Band selbst auf leckerem Vinyl. DIM kommt mit einem schlichten Albumartwork daher, das grobkörnige Foto auf dem Cover zeigt drei Tiere, die allesamt nach vorne schauen und dadurch dem Betrachter die Kehrseite präsentieren. Die Giraffe und der Affe sind problemlos zu definieren, aber bei dem Vieh in der Mitte bin ich nicht ganz sicher, ob es vielleicht ein fetter Kater ist. Nun, die Parallelen sind erkennbar: Colored Moth musizieren als Trio, zudem besteht der Albumtitel ebenfalls aus drei Buchstaben. Das Wort DIM hat ja einige Bedeutungen. Die naheliegendste ist wohl die Übersetzung aus dem Englischen: abdunkeln, dimmen, abblenden. Denkbar wäre auch die musikalische Bedeutung der Verringerung der Lautstärke in der Musik. DIM könnte auch für Digital Interchange Modul stehen, das ist ein Begriff aus der Geoinformatik. Ein Blick in das schön gestaltete Textblatt lässt mich auch diese Variante für möglich halten.

Denn vieles dreht sich auf DIM um Themen wie technischer Fortschritt, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Die Menschheit profitiert einerseits von dieser Technik, andererseits werden die Gefahren von der Masse kaum hinterfragt. Der Opener Letter To Aldous spielt auf Aldous Huxleys dystopischen Roman Schöne neue Welt an, falls den jemand von euch kennen sollte. Der Einfluss der Wissenschaft und der Technik wirkt sich auf unser soziales Miteinander aus, auch die mentalen Fähigkeiten zeigen Veränderung. Das scheint bei den Texten immer wieder durch und ist ein zentrales Thema des Albums. Wie ihr seht, lässt der Albumtitel alleine sowie unter Einbezug der Texte mehrDIMensionale Betrachtungen zu.

Aber kommen wir mal endlich noch zur Musik. Denn die hat das Zeug dazu, einen erstmal lange Zeit vor einem leeren Blatt Papier sitzen zu lassen, wenn man darüber was schreiben möchte. Tatsächlich ist man erstmal damit beschäftigt, den Mund nicht mehr zuzubekommen. Das Album muss man einfach auf Vinyl erleben! Vom Klang her ist das Ding supergeil! Aufgenommen und gemischt wurde bei Matti/El Attea, die Tonmeisterei hat den Feinschliff übernommen. Die Aufnahme klingt roh, eckig und kantig. Vom Sound her kann man sagen, dass Colored Moth die Noise-Rock-Anteile gegenüber dem Debut deutlich verschärft haben. Zu hören bekommt ihr eine raue und knackige Mischung aus Post-Hardcore, Screamo, Punk und eben Noise-Rock. Und obwohl es ziemlich dissonant und experimentell zugeht, zwirbeln sich die Songs mit jedem weiteren Durchlauf tief in die Hörgänge. Granaten wie der Opener Letter To Aldous oder das malmende Maelstrom bringen erstmal fast den Schädel zum platzen. Die Rhythmus-Maschine aus kraftvoll gespielten Drums und knarzendem Bass macht ordentlich Dampf, dazu kommen eigenwillige Gitarren, die sich schön über den Sound ziehen. Dazu gesellt sich dieser etwas angeschrägte Slacker-Gesang, der die Sache perfekt abrundet.

Experimentell geht es her, auch bei den instrumentalen Zwischenspielen, deren Songtitel aus einzelnen Buchstaben bestehen und zusammengelesen das Wort CALM ergeben. Puh, als ich das erstmals entdeckte, musste ich zur Beruhigung fast in eine Tüte atmen und plötzlich kamen mehrere Ideen rausgesprudelt, was ich zu dieser Platte alles niederschreiben könnte. Das Resultat könnt ihr weiter oben nachlesen…Calm und DIM könnten ja auch noch in einer besonderen Beziehung zueinander stehen. Bevor ich jetzt noch weiter rumspinne lieber mal wieder zurück zur Musik. Die sollte man nämlich komplett in sich aufsaugen, am besten ihr hört das Album am Stück! Ihr werdet zwischendurch immer wieder Sachen entdecken, die ihr bei den Hörrunden zuvor noch gar nicht auf dem Schirm hattet. Ging mir beim Song Der blinde Uhrmacher z.B. so, das Riff klingt ein bisschen nach den Pixies. Jedenfalls ist das Album ein richtiger Grower! Für Fans von Bands wie z.B. Craving, Buzz Rodeo, Trigger Cut oder auch Zeugs wie Drive Like Jehu, At The Drive-In, Jesus Lizard, Shellac oder The Unsane dürften Colored Moth die totale Erfüllung sein!

10/10

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