Bandsalat: Akne Kid Joe, The Amity Affliction, Antilope, Bad Assumption, Kramsky, Llacuna, Rotting Out, Shirley Holmes

Akne Kid Joe – „Die große Palmöllüge“ (Kidnap Music) [Stream]
Deutschpunk mit pfiffigen Texten, die in alle Richtungen Lebensweisheiten und Gemeinheiten feuern, findet man heutzutage ja eher selten. Bei Akne Kid Joe gehört das aber seit Bandgründung zum guten Ton, auch wenn die Texte im Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich-Stil vorgetragen werden. Mit permanent ironischem Unterton teilen Akne Kid Joe in alle Richtungen aus. In Sarah (Frau, auch in ’ner Band) geht es z.B. um die geringe Frauenquote in der Punk-Szene, in der Frauen nicht als Individuen, sondern vorwiegend als Freundinnen von Musikern wahrgenommen werden. Es müssen mehr Frauen den Weg aus der letzten Reihe beim Konzert auf die Bühne finden, soviel ist klar. Im Verlauf des Albums füttern uns Akne Kid Joe textlich mit Zuckerwatte, man ertappt sich desöfteren dabei, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Hach, und diese geilen Samples! Natürlich bekommen Punk-Feindbilder wie die AFD, die Polente, Spießer, der Lehrer Dr. Specht, Faschos und Bonzen ordentlich auf den Sack. Musikalisch ist das Ganze in simplen aber eingängigen Punk-Melodien verpackt, neben den typischen 3-Akkorde-Gitarren kommt auch teilweise Elektronik zum Einsatz. Ein Highlight des Albums kommt dann fast zum Schluss: der Song Zwischen Thermomix & Webergrill überrascht mit Techno und ist extrem tanzbar. Bitte in Zukunft mehr davon! Ach ja, und einen Hiddentrack gibt’s auch noch.


The Amity Affliction – „Everyone Loves You…Once You Leave Them“ (Pure Noise Records) [Stream]
Mit The Amity Affliction habe ich mich ehrlich gesagt noch nie so richtig beschäftigt. Ich weiß lediglich, dass die Band aus Australien (Brisbane) kommt und seit einigen Jahren ziemlich erfolgreich unterwegs ist. Da die CD dank Uncle M den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat, wird es also mal Zeit, sich näher mit den Jungs auseinanderzusetzen. Dass die Gesamtstreams des Quartetts weit über der 200-Millionen-Marke liegen, ist eigentlich kaum verwunderlich. Denn Amity Affliction machen auf ihrem mittlerweile siebten Album eine ziemlich gefällige Mischung aus Post-Hardcore, Metal, Rock und Pop. Auch wenn massig groovige und messerscharfe Gitarren, wummernde Drums und fette Breakdowns aus den Lautsprechern dröhnen, findet die Band immer wieder wahnsinnig eingängige und melodische Hooklines, die sofort im Ohr kleben bleiben. Die Songarrangements sind bis zur Perfektion aufeinander abgestimmt, neben Gitarre, Schlagzeug und Bass kommen auch immer wieder Synthies zum Einsatz, zudem pendelt der Sänger zwischen Screams und Cleangesang. Erinnert ein bisschen an Zeugs wie Underoath, Blessthefall, Bring Me The Horizon oder Beartooth. Textlich setzt sich die Band mit dem Thema Depression und psychische Erkrankung auseinander, was in der Gesellschaft ja gerne ignoriert bzw. tabuisiert wird. Besonders im künstlerischen Bereich wird das Thema mentale Gesundheit oft vernachlässigt und herabgespielt, Sänger Joel Birch leidet selbst unter einer bipolaren Störung und weiß deshalb, wovon er spricht. Alles in allem gefällt mir das Album eigentlich ziemlich gut, so dass ich jetzt natürlich in Versuchung gekommen bin, auch mal den Backkatalog der Jungs zu checken.


Antilope – „Woanders ist es immer besser“ (DIY) [Stream]
Ups, Review fast verballert, Anfrage irgendwie im falschen Ordner abgelegt. Aber gerade dank umfangreicher Festplattenaufräumarbeiten nochmals gutgegangen! Denn Antilope machen auf ihrer selbstreleasten EP hervorragende Musik, die ein bisschen in die Zeit vor der Jahrhundertwende schielt und die man absolut empfehlen kann. Da gab es doch irgendwann mal vorwiegend auf den Labels Defiance Records und Swing Deluxe etliche Bands, die in eine ähnliche Richtung gingen. Ich fühle mich jedenfalls stark an Zeugs wie Ambrose, Lockjaw, The Cherryville oder Three Penny Opera erinnert. So machen Antilope grob gesagt also Post-Hardcore, der gern in Richtung Emo bzw. Midwest-Emo ausschweift. Die Gitarren kommen verträumt, melodisch und melancholisch um die Ecke, dazu ein dezent gegenspielender Bass und emotionaler Gesang. Passend zur Musik gibt es deutsche Texte, die nachdenklich wirken und eher aus dem persönlichen Bereich stammen. Den stimmigen Songarrangements und dem Spiel zwischen laid back Emo und vorantreibenden Post-Hardcore-Passagen merkt man jedenfalls an, dass hier keine Neulinge am Werk sind. Bei der Band aus München wirken Leute mit, die man von Bands wie NME.MINE, Mitote, Facing the Swarm Thought, Them Bones oder Aerosole Companion her kennt. Die vier Songs sind übrigens als selbstreleaste 12inch erschienen.


Bad Assumption – „Angst“ (DIY/Dedication Records) [Video]
Irgendwo zwischen Post-Hardcore und Melodic Hardcore würde ich die Münsteraner Band Bad Assumption einordnen, ein bisschen Screamo und Emo ist auch noch mit an Bord. Bisher ist eine EP in Eigenregie erschienen, nun hat das Trio sein Debutalbum am Start. Elf Songs mit 35 Minuten Spielzeit sind es geworden. Und bereits beim ersten Hördurchlauf kann ich mich mit dem Sound der Jungs anfreunden. Zwischen brachialen Soundausbrüchen verzücken auch immer wieder melodische Gitarrenparts und machen das Ganze zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Mit Far From Home gibt es dann auch noch eine schöne Emoballade auf die Ohren, auch die moshigen Parts werden nicht vernachlässigt, siehe z.B. Masquerade oder Resurrect, selbst hymnischer Hardcore-Punk wird geboten (The Hardest Part). Schade finde ich, dass das Album nicht auf Bandcamp zu finden ist. Wer mal reinhören will, muss halt wohl oder übel zu Spotify rüber. Also, gebt euch einen Ruck und beißt in den sauren Apfel, das Album macht wirklich Spaß!


Kramsky – „Metaego“ (Barhill Records) [Video]
Beim Anblick des CD-Covers dachte ich zuerst, dass Kramsky sicher so Zuckerwatten-Pop-Punk mit deutschen Texten machen würden. Deshalb war ich ziemlich überrascht, dass eher das Gegenteil der Fall ist, außer das mit den deutschen Texten. Kramsky machen hibbeligen und noisigen Post-Punk mit einer dissonanten Unternote, zudem sind Einflüsse aus Indierock und Post-Rock erkennbar. Fuzzy Basslines treffen auf groovige Gitarrenriffs, Rückkopplungen und noisige Gitarren verbinden sich mit einer mächtig treibenden Rhythmusmaschine aus Drums und Bass. Zusammen mit den das eigene Ich hinterfragenden Texten entwickelt sich eine magische Stimmung, Kramsky ist mit Metaego wirklich ein sehr vielseitiges Album gelungen, das darüber hinaus auch noch schön rau und erstaunlich amerikanisch klingt und an diverse AmRep, Dischord oder Touch And Go-Bands erinnert. Im Verlauf der zehn Songs gibt es trotz der vorherrschenden Dissonanz hin und wieder auch mal Melodie zu entdecken, gerade Unter Brücken ist so ein Kandidat. Kramsky kommen übrigens aus Trier und sind seit 2013 unterwegs, zuerst unter dem Namen Herr Berlin und seit 2016 als Kramsky. Den Fotos auf der Internetseite nach sind die vier Herren schon etwas ältere Semester, hier hört man die Punk-Sozialisation rund um das Ex-Haus deutlich heraus! Hört da unbedingt mal rein!


Llacuna – „Incendis“ (Bcore Disc) [Name Your Price Download]
Irgendwie hatte ich die katalanische Band Llacuna bisher gar nicht auf dem Schirm, obwohl da einige Leute von mir geschätzten Bands wie z.B. Hurricäde, Föbia, Turnstile (Spanien) und I’m mitwirken. Mit Incendis erscheint nun nach einer im Jahr 2017 releasten EP das erste Album des Quintetts. Die Band macht herrlich altmodischen Emocore, der irgendwo vor der Jahrtausendwende hängen geblieben ist. Rauer Gesang in katalanischer Sprache trifft auf melancholische Gitarrenmelodien, verknotete Basslines und locker aus dem Ärmel gespielte Drums werden mit mehrstimmigen Chören angereichert, oftmals kommt auch eine Trompete zum Einsatz. Es lassen sich im Sound der Spanier auch Parallelen zu Bands wie Algernon Cadwallader, Sport oder I Love Your Lifestyle erkennen, gerade die verspielten Twinkle-Gitarren erinnern oftmals an diese Bands. Die LP ist übrigens als Co-Release der Labels BCore Disc, La Agonía de Vivir, Pundonor Records, CGTH Records und Saltamarges erschienen.


Rotting Out – „Ronin“ (Pure Noise Records) [Stream]
Wer hätte gedacht, dass es Rotting Out nach längerer Pause nochmal wissen wollen? Ich war jedenfalls ziemlich überrascht, als ein neues Album der Band aus Los Angeles bei mir im Briefkasten lag. Nachdem sich die Band 2015 auflöste und kurz danach Sänger Walter Delgado in die Schlagzeilen geriet, weil er mit über 30 kg Marihuana und etlichen Behältern mit Hasch-Öl erwischt wurde, wanderte er erstmal für längere Zeit in den Bau. Und dort scheint er seine Vergangenheit und vor allem seine schlimmen Erfahrungen aus seiner Kindheit aufgearbeitet zu haben. Dies spiegelt sich auch in den Texten der zehn Songs auf Ronin wider. Die inneren sowie die äußerlich sichtbaren Narben werden schonungslos freigelegt. Delgado schreit sich quasi den Schmerz von der Seele, so handeln die Lyrics beispielsweise vom mentalen und körperlichen Mißbrauch als Kind und dem harten Überlebenskampf in den Armenvierteln von Los Angeles. Neben den Texten sind im Booklet passend dazu ein paar Bilder aus der Kindheit der Musiker abgedruckt. Musikalisch ist alles in ziemlich angepissten Hardcore-Punk verpackt, der in 25 Minuten ganz schön wild und hyperaktiv auf der Brust rumtrommelt. Immer schön nach vorne treibend, mit keifenden Vocals und prägnanten Basslines klingt das Ganze schön rotzig und roh. Erinnert mich irgendwie ein bisschen an die Cro-Mags. Jedenfalls taugt das Album gewaltig, gerade auch weil es so kraftvoll und ehrlich klingt und voller Energie steckt. Wer auf oldschooligen Hardcore-Punk steht, wird Ronin lieben!


Shirley Holmes – „Die Krone der Erschöpfung“ (Rookie Records) [Stream]
Gab es nicht mal eine Kinderserie, die Shirley Holmes hieß? Kurze Internetrecherche und siehe da: Ha, Volltreffer! Die Band Shirley Holmes hat sich nach der zwölfjährigen Urgroßnichte des Meisterdetektivs Sherlock Holmes benannt. Und wie die Spürnase aus der TV-Serie zerpflückt und analysiert das Trio in seinen pfiffigen Texten große und kleine Alltagsthemen. Und zu meiner Überraschung haut mich die dazugehörige Musik völlig vom Hocker. Ich kannte die Band bisher nicht, Die Krone der Eschöpfung ist bereits das dritte Album der Berliner*innen und wenn nicht neulich diese CD im Briefkasten gelandet wäre, wäre dies vermutlich auch so geblieben. Bereits beim ersten Song Binichbinich werde ich hellhörig. Knackige Drums, fuzzy Basstunes, gesprochene Worte, bunte Synthies und verzerrte Gitarren: da kann man so viel raushören, man hat irgendwelche Dischord-Bands vor Augen, dann kommt so Electro-Punk-Sound á la Le Tigre in den Sinn, Sonic Youth, Offspring und Grungegitarren im Nirvanastil sind auch nicht weit. Im Verlauf des Albums wird dann klar, dass Shirley Holmes keine Probleme damit haben, verschiedene Experimente in ihren Sound einzubauen. Bei in nervigem Kindergesang vorgetragenen Kinderreimen, NDW-Synthies und Blockflöten rollen sich bei mir normalerweise die Zehnägel auf, aber hier wurde alles stimmig zusammengepuzzelt. Shirley Holmes lassen sich nicht in Schubladen stecken und wenn man die zehn Songs so hört, dann wird auch klar, dass hier ganz viel Spielfreude und Herz drin steckt. Neben den bereits erwähnten Referenz-Bands kommen auch immer wieder Sachen wie frühe Wir sind Helden oder 100 Blumen in den Sinn. Dazu gehen die Songs direkt ins Ohr und sind extrem tanzbar, hört doch nur mal Das Licht oder Wieder sehen an! Aber hört einfach selbst mal rein und lasst euch überraschen!