Wishes On A Plane – „Unreleased“ (time as a colour/old kids records)

Bei Platten wie dieser hier wird mir einfach alleine vom Anschauen her warm ums Herz! Mit ein paar geschickten Handgriffen und ganz viel Herzblut ein großartiges Albumartwork zu entwerfen, das erfordert sehr viel Liebe, Geduld, Zeit und natürlich Klebstoff. Wenn man das 12inch-Release genauer unter die Lupe nimmt, dann kann man den ausgeprägten DIY-Charakter förmlich spüren. Verpackt ist die 12inch in einem hübsch bestempelten Naturkarton mit ausgestanztem Sichtfenster. Der ausgestanzte Karton wurde übrigens praktischerweise im Karton gelassen und handschriftlich mit der „Produktionsnummer“ versehen. Ein Downloadcode liegt bei, ein handliches Textblatt ist auch mit an Bord. 200 Stück wurden insgesamt angefertigt, es gibt zwei Vinylfarben (schwarz/beige), das 180g-Vinyl liegt schön schwer in der Hand. Auf der schwarzen, gefütterten 12inch-Innenhülle sind auf der Höhe des Sichtfensters auf jeder Seite zwei schwarz-weiß-Fotografien aufgeklebt. Passend zum Sichtfenster wird hier der Blick aus einem Fenster aus minimal unterschiedlichen Perspektiven preisgegeben. Allein das Foto vermittelt sehr viel Melancholie, irgendwie hat man beim Betrachten das Gefühl, dass hier verblasste Erinnerungen aus einer vergangenen Zeit abgebildet sind.

Womit wir eigentlich auch schon beim geschichtsträchtigen Hintergrund zu diesem Release angekommen wären: Unter dem Namen A Life Less Ordinary im Jahr 2002 in München als Quartett gegründet, benannte sich die Band ziemlich bald in Wishes On A Plane um, bis zum Split der Band im Jahr 2009 erschienen eine 10inch und eine Split-7inch. Sänger und Gitarrist Daniel Becker startete danach übrigens Duct Hearts, die ja bis heute aktiv sind. Woher stammen nun also die fünf Songs auf diesem Release? Nun, die Antwort findet sich kleingedruckt auf dem Textblatt: In den Jahren 2005 und 2006 wurden die Instrumente und ein paar Vocals aufgezeichnet. Diese Aufnahmen schlummerten bis ins Jahr 2019 in irgendeiner Kiste und wurden dann um einige Vocals von Daniel Becker vervollständigt, die Tonmeisterei polierte anschließend noch ein bisschen drüber, so dass man bereits beim ersten Durchlauf sentimental werden könnte und heilfroh ist, dass dieses Release posthum möglich gemacht wurde und nicht in irgendeiner Kiste verrotet ist.

Vom Sound her wird man dabei nämlich ganz schön an die Zeit zwischen den Neunzigern und der Jahrtausendwende erinnert. Bands wie Elliott, Sometree, Texas Is The Reason, Christie Front Drive, Sunny Day Real Estate, Penfold, Mineral oder Mid Carson July dürften den Sound von Wishes On A Plane gewaltig beeinflusst haben. Dementsprechend emotional geht es in einer halben Stunde Spielzeit zur Sache. Textlich wie musikalisch gibt es einiges an Herzschmerz zu fühlen, Gänsehaut-Momente sind hier häufig zu finden. Alleine der Auftakt Your Place Is Still…offenbart, dass dieses Release noch etliche Male auf meinem Plattenspieler seine Runden drehen wird. Die luftigen Gitarren und der eigenwillige Bass, der zerbrechliche Gesang und die eigentlich doch ganz raue Aufnahme, das kraftvolle Schlagzeug und die melancholische Melodie, das alles hat so viel lebendigen und intensiven Charakter! Irgendwie hab ich bei dieser Musik das Bild von unendlichen Landschaften vor Augen. Beim nachfolgenden Song Perfect kommt dieser eigenwillige Bass noch deutlicher zum Vorschein, zusammen mit diesen flächigen Gitarren, die durch unendliche Weiten schwirren und diesen mehrstimmigen Vocals ist das einfach ein Hochgenuss. Die Melancholie verstärkt sich noch beim ruhigeren .​.​. At The Heart Of My Everything, das gegen Ende doch noch aus sich herausbricht. Es gibt bis zu den letzten Tönen zum achteinhalbminütigen Finale Release so viele Momente auf dieser Platte, in denen ich ergriffen vor mich hinlächle. Und ich verspreche, dass das allen Mid-90’s-Emo-Fans ebenfalls so ergehen wird! Eine absolute Herzplatte! Wenn euch das Making Of dieses Releases interessieren sollte, empfehle ich euch, dieses Video anzusehen!

10/10

Bandcamp / time as a color