Bandsalat: Between Bodies, Be Well, Diaz Brothers, Jamie Lenman, Lakes, Neànder, Pacifist, Winds Of Promise

Between Bodies – „On Fences“ (KROD Records) [Name Your Price Download]
Ordnung und Übersicht zu behalten, ist manchmal gar nicht so einfach in diesen schnelllebigen Zeiten. Wenn man deshalb mal wieder Jahres-Festplattenputz macht und dabei die ganzen gesetzten Lesezeichen durchackert, dann stößt man doch immer wieder auf Zeugs, auf das man eigentlich schon vor längerem hinweisen wollte. Die Kölner Band Between Bodies z.B. veröffentlichte im Dezember letzten Jahres eine tolle EP mit sechs Songs, die allen Emo-Punks die Äuglein leuchten lassen. Mir kamen beim Lauschen der Songs Bands wie Pale, By A Thread, Samiam, Flyswatter, Audio Karate oder Gameface in den Sinn. Auf der einen Seite dieses arschtretende Tempo, auf der anderen Seite diese melancholische Grundstimmung und darüber hinaus Melodien, die sich tief im Hirn einnisten. Und natürlich berührend und nachdenklich machende Lyrics, die mit klarer Stimme von Herzen vorgetragen werden. Ja, genau so muss energiegeladene und herzergreifende Gitarrenmusik abgehen! Lustig auch: vergleicht mal das EP-Cover mit dem Cover der ebenfalls in dieser Bandsalat-Runde besprochenen EP von Pacifist…

Be Well – „The Weight And The Cost“ (End Hits Records) [Stream]
Wenn sich Ex-Mitglieder von Battery, Darkest Hour, Bane und Fairweather zu einer neuen Band zusammenschließen und mit Brian McTernan auch noch gleichzeitig ein Produzent einiger wegweisenden Genre-Alben mit von der Partie ist, dann darf man schon mal hohe Erwartungen haben, was dabei raus kommt. Und ja, die hohen Erwartungen werden absolut befriedigt! Be Well haben ein intensives Album mit elf Songs abgeliefert, das sowohl musikalisch als auch mit textlichem Inhalt überzeugen kann. Hauptsätzlich werden persönliche Erfahrungen verarbeitet und letztendlich zeigt sich, dass es für die mentale Gesundheit Gift ist, alles in sich hineinzufressen und sich zu isolieren. Seine Ängste, Sorgen und Gefühle offen zu legen, kann viel mehr helfen! Und bei Brian McTernan merkt man, dass er diese Erfahrungen mit Haut und Haaren erlebt hat, die Vocals sind sehr emotional und überzeugend. Insgesamt herrscht neben der melancholischen Stimmung eine hohe Portion an Energie. Die Gitarren hauen ein Hammerchord nach dem anderen raus, dazu gesellen sich treibende Drums und gegenspielender knackiger Bass, natürlich setzt die eindringliche Stimme von Brian McTernan dem Ganzen die Krone auf. Es gibt so viel Melodie und hymnische Refrains (z.B. im Final-Stück Confessional) zu entdecken, im Prinzip wird man bereits nach dem ersten Durchlauf süchtig nach dem Sound von Be Well. Ich feier’s ab!


Diaz Brothers – „Selftitled“ (Boss Tuneage Records) [Stream]
Ich flippe aus! Wahnsinn! Das hier müsst ihr euch echt anhören, falls noch nicht bekannt. Die Band Diaz Brothers ist tief in der UK-Punkszene verwurzelt. Trotz relativ hohem Altersdurchschnitt klingt die Band wie ein frischer Wirbelwind voller Emotionen! Die Band hat sich nach dem Tod von Leatherface-Gitarrist Dickie Hammonds gegründet, mitunter sind hier Leute am Start, die man von etlichen Bands her kennt. Bisschen Name-Dropping an dieser Stelle kann nicht schaden, ich beschränke mich dabei auf ein paar der bekannteren: HDQ, Shutdown, Red Alert, Angelic Upstarts, Tied Down, Loudmouth, 36 Strategies und The Jones. Die zehn Songs haben so viel Durchschlagskraft, Wucht, Melancholie, Charisma, Spielfreude, Melodie und Energie im Gepäck, ich bin absolut begeistert und komm aus dem Grinsen nicht mehr raus! In die melancholisch gezockten Gitarren könnte man sich förmlich reinlegen! Der gegenspielende Bass und die kraftvoll gespielten Drums runden das Ganze ab und der einfühlsame Gesang klingt irgendwie so vertraut und intensiv, als würde man sich schon jahrlelang kennen. Dazu ist der Sound auch noch fett abgemischt. Fans von emotionalem Punk-Core á la HDQ, Samiam, Snuff, Leatherface oder Down By Law werden vor diesem Album niederknien!


Jamie Lenman – „King Of Clubs“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nach dem Coveralbum mit den eigenwilligen Coverversionen kommt der Ex-Frontmann von Reuben wieder mit eigenen Kompositionen um die Ecke. King Of Clubs besteht in seiner digitalen Form aus sieben Songs. Wer sich das Mini-Album in physischer Form zulegt, bekommt akustische Versionen der Songs als Belohnung mit dazu. Neben dem Digipack aus reiner Pappe ist das Ding als 12inch erschienen. Das dunkle Artwork lässt erst beim genaueren Hinschauen eine Art Kreuz-König aus der Dunkelheit hervortreten. Im Inneren wird das Kartenspielthema weitergeführt, denn da ist Jamie Lenman als Kreuz-Ass-König mit seiner Gitarre als Zepter abgebildet. Der Opener legt direkt mit fetten, groovenden Gitarren und wütendem Schreigesang los. The Future Is Dead klingt wie eine Mischung aus Refused und Body Count, was mitunter auch an den Guest-Vocals vom Londoner Hip-Hopper Illaman liegt. Auch im weiteren Verlauf überwiegen die wütenden und teils dissonanten Gitarren, der brachial und groovende Soundteppich aus Gitarre, fuzzy Bass und kraftvoll gespielten Drums geht dazu auch noch gut ins Ohr. Denn trotz der wütenden Grundstimmung schleichen sich immer wieder melodische Momente ein. Neben Post-Hardcore, Punk, Noise und Sludge sind auch Industrial-Einflüsse á la Ministry oder Nine Inch Nails zu vernehmen. I Don’t Wanna Be Your Friend ist z.B. ein richtig fieser und dreckiger kleiner Hardcore-Punk-Fetzer mit grungig verzerrten Gitarren und geiler Message an all die Pisser, die die Welt nicht braucht. Das Mini-Album endet mit dem instrumentalen Titelsong King Of Clubs, das sich stets steigernd den Weg breitwalzt. Und wer sich die physische Version zulegt, kann sich anhand der akustischen Versionen ein Bild machen, wie kreativ, experimentell und vielseitig Jamie Lenman unterwegs ist. Da kommen auch mal Töpfe, Pfannen, Trompeten, Handclaps, elektronische Spielereien und Posaunen zum Einsatz. Die Unplugged-Songs sind eine schöne Beigabe, die verzerrten Versionen werden aber zumindest bei mir in Zukunft häufiger ihre Runde drehen. Sehr starkes Mini-Album!


Lakes – „This World Of Ours, It Takes Apart“ (Know Hope Records) [Stream]
Ein Glockenspiel, Emo-Twinkle-Gitarren, eine Trompete, weiblicher und männlicher harmonischer Gesang kombiniert mit melancholischem Emo-Rock, kann das funktionieren? Oh ja, es kann. Schade eigentlich, dass es nur zwei Songs auf der neuen EP der Band Lakes aus Watford, UK sind, ich könnte locker mehr vertragen. Das Sextett organisiert und produziert seine Musik, Videos und Gigs selbst, DIY wird hier groß geschrieben. Als Einflüsse sind ganz klar Midwest-Emo-Bands erkennbar. Wenn ihr euch eine Mischung aus American Football, Algernon Cadwallader, Minus The Bear, Snowing und Appleseed Cast vorstellen könnt, dann solltet ihr hier mal rein hören.


Neànder – „Eremit“ (Through Love Rec.) [Stream]
Das vielgelobte Debutalbum ist noch gar nicht so lange her, da legt die Berliner Band Neànder nach anderthalb Jahren gleich das zweite Album nach. Ja, man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist! Und Neànder machen das konsequent und präzise auf den Punkt! Der rein instrumentale Sound hat auf den ersten Höreindruck ein bisschen an Tempo verloren, die Heavyness und Schwere wird dadurch aber keineswegs weniger, im Gegenteil! Mir erscheint es, dass alles noch intensiver und dichter wirkt. Die Soundscapes verflechten sich während der vierzigminütigen Spielzeit immer mehr ineinander, was natürlich insgesamt betrachtet extrem atmosphärisch und episch klingt. Zwischen den Pfeilern Doom, Black Metal, Sludge und Ambient treten die Musiker ihren Pfad weiter aus, schauen auch mal hoffnungsvoll über den Tellerrand, auch wenn größtenteils düstere Finsternis und tiefste Melancholie herrscht. Passend zum Albumtitel Eremit ist auf dem Albumfront- und Backcover jeweils ein einsamer Typ in der Landschaft abgebildet, sehnsuchtsvoll in die Landschaft bzw. auf’s Meer blickend. Und genauso in sich gekehrt wirkt die Musik des Quartetts, dessen Mitglieder natürlich auch schon vor Neànder in Bands wie z.B. And, Patsy O’Hara, Earth Ship oder Casper in Erscheinung getreten sind. Anhand der ausgetüftelten Soundarrangements merkt man, dass die Jungs eine genaue Vorstellung hatten, wie das am Ende alles klingen soll. Obwohl Instrumental-Mucke nicht gerade mein Steckenpferd ist sage ich: Äußerst gelungene Mission, Alter!


Pacifist – „Greyscale Dreams“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses Release erschien zwar schon letztes Jahr im Juni, leider stieß ich da erst neulich beim Bandcamp-Ausflug drauf und weil es so hammermäßig gut ist, muss ich da einfach was drüber schreiben. Pacifist kommen aus Mumbai in Indien und klingen eigentlich sehr nach 90’s-US-Hardcore bzw. Post-Hardcore. Auf der EP sind vier mitreißende Stücke zu hören, die ab dem ersten Ton aufhorchen lassen. Sauber gespielte Gitarren, teils höllisch groovend und dann wieder mit melancholischer Unternote, treffen auf Druck machende Drums und verzweifeltes Geschrei. Bei all der Power gibt es aber immer wieder unterschwellige Melodien zu vernehmen. Soundtechnisch dürften Bands wie Snapcase, By The Grace Of God, At The Drive-In, Inside Out oder Glassjaw Pate gestanden haben. In den Texten geht es um Alltagsängste und mentale Gesundheit in der heutigen trostlosen und düsteren Welt. Das Leben in der riesigen Metropole Mumbai gibt dem Quartett jedenfalls genügend Stoff für verzweifelte Endzeitstimmungsgefühle. Hört da unbedingt mal rein, Pacifist muss man im Auge behalten! Lustig auch: vergleicht mal das EP-Cover mit dem Cover der ebenfalls in dieser Bandsalat-Runde besprochenen EP von Between Bodies…


Winds Of Promise – „Cut. Heal. Scar“ (Coretex Records) [Stream]
Oh Yeah! Neuer Stoff in Sachen OC-Hardcore! Nach dem 2018er Debut kommt die Band mit ihrem zweiten Album um die Ecke. Und irgendwie ist das noch geiler als das Debut geworden, obwohl ein bisschen Tempo rausgenommen wurde! Die US-Hardcorelegenden Joe D. Foster, Patrick Longrie und Joe Nelson (Unity, Uniform Choice, Ignite, Triggerman u.a.) haben es immer noch raus, mitreißende Musik zu schaffen. An die Gitarrenriffs von Joe D. Foster lasse ich nichts Schlechtes kommen! Ich liebe alle Bands, bei denen er die Gitarre schwingt bzw. geschwungen hat abgöttisch. Gerade die ersten Ignite-Sachen mit Joe Nelson, der ja auch bei Winds Of Promise singt, sind einfach zeitlos geil! Gut, dass er das sinkende Schiff Ignite rechtzeitig verlassen hat und auch nie müde wird, uns mit Speak 714, The Killing Flame, Last Light, Blood Days oder eben Winds Of Promise permanent seine unerbittliche Spielfreude zu beweisen. Wenn ihr dem Sound von Bands wie 411, No For An Answer, Embrace, frühen Dag Nasty oder eben den ersten Ignite-Sachen nachtrauert, dann bitte hier entlang!