Alienate! – „…They Said ‚No Future'“ (Schädelbruch Platten u.a.)

Es gibt bunte Hawaiihemden mit allerlei fröhlichen Aufdruckmotiven wie Ananas, Melonen, Blumen und Eulen. Hätten Alienate! solche Hemden im Merchandiseangebot, dann würden diese sicher mit Atompilzen oder schwarzen Regenbögen geschmückt sein. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus, wenn ich die Debut-12inch der Münsteraner Band so betrachte. Schwarzer, matter Karton, die gefütterte Innenhülle ist wie auch das Textblatt und das Vinyl ebenfalls schwarz. Die Welt liegt in Trümmern, die Menschen sollen mundtot gemacht werden, da wird es Zeit, sich zu wehren! Reclaim Your Streets! Und Alienate! liefern dazu den Soundtrack.

Viel zu lange wurde in der Punk-Szene gepredigt, dass es mit der Zukunft wohl nichts mehr werden wird, aber 43 Jahre später sind die Ratten immer noch im Viertel und kämpfen solidarisch gegen die Gentrifizierung, Kapitalismus, Rassismus, Homophobie, patriarchische Strukturen, autoritäre Machtverhältnisse oder Sexismus. Passend zum Albumtitel …They Said ‚No Future‘ und dem Kontra mit But Here We Are auf dem Backcover hält das Trio textlich die rote Fahne in den Wind! Bei all der Konsum- und Gesellschaftskritik richten die Jungs deshalb auch ein paar ernste Worte an die eigene Szene, in der sich viele Existenzen im Drogensumpf und Alkohol verlieren und für den Kampf auf der Straße keine Energie mehr aufbringen können. Ja doch, unter der Kuscheldecke des Kapitalismus ist es ziemlich schwer, der eigenen Hölle und dem ganzen Wahnsinn zu entfliehen.

Alienate! haben aber mit ihrer Musik ein passendes Druckventil dafür gefunden. Hört man den von Fabian Schulz im Sunsetter Studio Bremen fett produzierten und kraftvoll abgemischten Mix aus Hardcore, Streetpunk und etwas Crust aus den Lautsprechern dröhnen, dann hätte man direkt Lust, sich in den schwitzenden Pogomob eines x-beliebigen AZs zu stürzen. Wunschdenken anno 2020! Shit, dann muss halt die eigene Bude etwas zerlegt werden! Nun, obwohl hier ja nur drei Leute lärmen, klingt das Ganze ziemlich fett. Ein Vorteil ist natürlich, dass jedes Instrument seinen eigenen Freiraum bekommen hat und man dadurch auch den polternden Bass deutlich raushören kann. Das Textblatt erweist sich übrigens auch als sehr hilfreich, denn ohne selbiges wäre es sehr knifflig, die Texte zu verstehen, weil halt andauernd wütend gebrüllt oder gegrowlt wird. Auf zwei der insgesamt zwölf Kompositionen wird in deutscher Sprache gekreischt, bei den anderen Stücken spritzt das Gift und die Galle in englischer Sprache raus. Wer sich eine Mischung aus Rawside, Baffdecks, VKJ, Sheer Terror, Sick Of It All und frühen Rykers vorstellen kann, sollte hier mal ein Ohr riskieren. Als Anspieltipps empfehle ich das wütend und verbittert klingende Drown oder den Opener Haltet sie dumm. Wie viel geballte DIY-Power in der Band steckt, das könnt ihr übrigens im unten angehängten Video zum Song Mirrors sehen. Ach, fast vergessen: das Album ist in Zusammenarbeit der Labels Violent Heartbeat, Wildsau Records und Schädelbruch Platten erschienen.

8/10

 

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