Bandsalat: Carthiefschool, Citizen, Gender Roles, Hallicunation, Kali Masi, New Pagans, Surut, Svdestada

Carthiefschool – „Selftitled“ (Transduction Records) [Stream]
Was für ein gruseliges Albumcover! Hab neulich irgendwo gelesen, dass die spooky Darstellung von Kindern in der antiken Malerei daran lag, dass man die Kinder „erwachsen“ aussehen lassen wollte, obwohl Babys ja eigentlich niedlich aussehen, so wie sie sind. Nun, das können zeitgenössische Maler wie Shuzo Tajima, der für das Kunstwerk verantwortlich ist, wohl ebenfalls, auch wenn ich nicht entscheiden kann, wer von den gemalten Personen hier jetzt gruseliger rüberkommt. Es ist das Gemälde an sich, das mich etwas verstört. Dann mal zur Musik: die japanische Band Carthiefschool hat sich nach langjähriger Undergoundszene-Zugehörigkeit der drei Bandmitglieder im Jahr 2016 gegründet, vorherige Bands waren Nango und The Hatch. Vom Sound her würde ich das hier als eine ziemlich fiese Mischung aus räudigem Post-Punk, an den Nerven zehrendem Noise und durchgeknalltem Freejazz-Core beschreiben. Sehr eigenständig, originell, abgefahren mit keinerlei kommerziellen Absichten. Das Gerüst aus Bass und Drums wird mit schreddernden Gitarren unterstützt, dazu gibt’s japanischsprachige Schreivocals, die direkt aus einer illegalen Nervenheilanstalt zu kommen scheinen. Ich find’s interessant, könnte mir aber auch vorstellen, dass man damit seine Mitmenschen zum hellen Wahnsinn treiben kann.


Citizen – „Life In Your Glass World“ (Run For Cover Records) [Stream]
Man muss es sich eigentlich immer wieder ins Gedächtnis rufen: Citizen haben sich im Jahr 2009 als Schülerband gegründet! Und diese Ex-Schülerband schafft es jetzt echt seit ihrer Debut-EP aus dem Jahr 2011 (Young States), mich mit jeder neuen Veröffentlichung wieder und wieder zu verblüffen und mich am Händchen zu nehmen, so dass ich bereits nach wenigen Durchläufen total vernarrt in die neuen Songs bin. Life In Your Glass World ist das mittlerweile vierte Album der Band aus Toledo/Ohio. Die elf Songs zaubern mir auf Anhieb ein debiles Grinsen ins Gesicht, hier schwappt einem soviel Leidenschaft und Melancholie entgegen, einfach unglaublich! Dazu sind das wieder mal Hymnen für die Ewigkeit! Was total spannend ist, ist die Experimentierfreude, das Wagnis, den Sound weiterzuentwickeln und auszufeilen. Wie weit die Jungs dabei gehen, lässt sich beispielsweise an diesem ungewöhnlichen Drumcomputer-Ding Fight Beat sehen! Die stimmungsvollen Songarrangements fühlen sich im Verlauf des Albums so verdammt lebendig an! Die Mixtur aus Post-Hardcore, wütenden Grunge-Parts, noisigen Gitarren-Rockparts und bittersüßem Emo bis Indie-Pop hat genau das richtige Lot zwischen ruhigen, gefühlvollen Parts und vor Wut schnaubenden Soundausbrüchen. Schön auch zu erfahren, dass die Jungs den Entstehungsprozess wieder selbst in die Hand genommen haben und die heimische Garage zum Tonstudio umfunktioniert wurde. Aber huch, beim Song Black And Red klingt das Riff ein bisschen nach Banquet von Bloc Party. Kann man drüber weg sehen, für mich ist Life In Your Glass World schon jetzt ein weiterer Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Emo!


Gender Roles – „Dead or Alive // So Useless“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die Band aus Brighton, UK hat einfach ein Händchen für tolle, sofort ins Ohr gehende Songs. Es sind zwar nur zwei Stücke auf dieser Veröffentlichung drauf, aber diese haben das Zeug dazu, Dir ein breites Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Leichtfüßig weht Dir beim Hörgenuss ein laues Frühlingslüftchen mit intensiven Naturaromen um die Nase! Eigentlich sollten die kurz nach der Veröffentlichung des Debutalbums entstandenen Songs schon letztes Jahr erscheinen, aber irgendwie hat sich das verzögert. Jedenfalls arbeitet die Band bereits an einem neuen Album, auf das man nach diesem sonnigen und kurzweiligen Ausflug gespannt sein darf!


Hallucination – „Selftitled“ (Sentient Ruin) [Name Your Price Download]
Nach einem fiebertraumhaften Intro bekommt ihr von der Band Hallucination aus Philadelphia vier mal wüsten Noise-Crust-D-Beat auf die Ohren, der erstmal ziemlich unstrukturiert, wild und roh klingt. Unter all dem chaotischen Lärm dringen aber mit jeder weiteren Hörrunde ein paar unterschwellig melodische Fetzen an die Oberfläche. Hier hilft nur, die Anlage bis zum Anschlag aufzudrehen und gnadenlos die Bude zu zerlegen! Genau das Richtige, um sich ein bisschen abzureagieren! Eigentlich ziemlich oldschoolig und mit unverkennbaren Hardcore-Punk Einflüssen. Die Tape-Version hat dann passenderweise noch ’ne Poison Idea-Coverversion mit drauf. Wer Zeugs wie Crude SS, Raw Nerve oder Cult Ritual mag und auch die Power der ersten Cro-Mags-Aufnahmen schätzt, sollte hier mal reinhören.


Kali Masi – „Laughs“ (Homebound Records/Uncle M) [Stream]
Ganz schön gepackt hat mich das zweite Album der Chicago-Punks Kali Masi. Tief im 90er-Punk/Emo verwurzelt zünden die zehn Songs ein richtig intensives Emopunk-Feuerwerk! Melodisch, nach vorn gehend, tief berührend und am Rand der Verzweiflung und dennoch mit der nötigen Portion Härte. Die Musik bekommt durch die lyrisch ausgetüftelten und fast schon poetischen Texte noch ’ne Schippe an extremen Gefühlschaos mit drauf. Denn hier geht’s um schlaflose Nächte und qualvolles Leiden, psychischen Machtmissbrauch und vermeintliche Freundschaften, die vielleicht gar keine echten Freundschaften sind. Sehr trauriger und echt harter Stoff verpackt in tolle Songs mit anspruchsvollen Songarrangements und ziemlich schnell ins Ohr gehenden hymnischen Melodien! Muss man gehört haben und toll finden!


New Pagans – „The Seed, The Vessel, The Roots and All“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem ich bereits einige tolle Musikvideos der Band New Pagans aus Belfast gesehen habe, flattert nun endlich das Debutalbum der zwei Damen und der drei Herren in den CD-Player. Und ja, meinen Ohren gefällt absolut, was sie da hören. New Pagans sind irgendwo im 90’s-Indierock daheim, dazu gesellen sich Grunge, Shoegaze- und Punkeinflüsse. Durch die hauptsächlich weiblichen Vocals fühlt man sich natürlich sehr an Bands wie z.B. Sonic Youth, frühe Lush oder PJ Harvey erinnert, es kommen aber auch Bands wie The Pixies oder The Smashing Pumpkins als Einflüsse in Frage. Die elf Songs sind verdammt catchy und haben charmante Gitarrenriffs und eingängige Refrains im Gepäck, zudem sind sie in anspruchsvolle Songarrangements eingebettet. Hört euch nur mal einen meiner Lieblingssongs Yellow Room an, Harbour ist auch noch ein schöner Anspieltipp! In irgendeinem Interview mit Frontfrau Lyndsey McDougall habe ich gelesen, dass sie die Band gründete, als sie „schon“ über 30 war und dass kurze Zeit nach der Bandgründung die Nachricht von McDougalls Schwangerschaft die Zukunft von New Pagans zu zerstören drohte. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kleinkindern und hat Band und Mutterrolle unter einen Hut gebracht und damit den ganzen patriarchalen Mist, mit welchem Frauen und Mütter im Beruf wie auch in der Kunst konfrontiert werden, einfach mit starker Power vom Tisch gefegt! Textlich beschäftigt sich die Band übrigens gern mit feministischen Inhalten, Frauenrechte und der Protest gegen die Ungleichbehandlung von Geschlechtern sind zentrale Themen. Jedenfalls ist der Band ein Album gelungen, das man sich nicht entgehen lassen sollte.


Surut – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Wie bin ich nur wieder hierauf gestoßen? Das Ding hier war im Lesezeichnenordner mit einem roten Herzchen markiert. Ein schwarzes hätte besser gepasst! Hätte man mich irgendwann letztens ermordet, dann hätten die Mordermittler nach der Inspektion des Lesezeichenordners sicher einige Fährten am Start, die man nicht unbedingt verfolgen müsste. Denn, selbst wenn die Mucke ein wenig psychopathisch klingen sollte, die finnische Band Surut hat vermutlich keine mordlustigen Texte am Start und versinkt eher in der eigenen trostlosen Misere. Der Bandname bedeutet in der Landessprache soviel wie „Trauer“. Und ja, die vier Songs hier strotzen vor größtem Drama, das kaum mehr getoppt werden kann. Hier wird gelitten, dissonante Gitarrenparts treffen auf flirrende und flächige Gitarren, die Drums werden ohne Ende geprügelt, als ob der Drummer irgendwo ausbrechen wollte. Wie können vier Songs so unglaublich verloren klingen? Übrigens spielen hier auch Leute der neulich besprochenen Alas mit. Irgendwo zwischen Blackened Hardcore, Post-Hardcore, Sludge-Noise und emotive Screamo. Hört es selbst!


Svdestada – „Azabache“ (Pundonor Records u.a.) [Name Your Price Download]
Wenn man persönlich gestaltete Post von einer spanischen Band im E-Mail-Postfach findet und die Band ihren Stil kurz und knapp als Neocrust/Post-Hardcore aus Barcelona & Buenos Aires (?) umschreibt und das Ding auch noch in Zusammenarbeit von zwölf DIY-Labels erschienen ist, dann klickt man erstmal neugierig auf den beigefügten Bandcamp-Link…und wird direkt nach einem kurzen Intro mit elf hammerhart geilen Songs durchgefönt! Schnelle Gitarren mit unterschwelligen Melodien, knüppelnde Drums, gegenspielender Bass und eher im Screamo beheimatete Schrei-Vocals fegen wie ein mächtiger Sturm über Dich drüber! Verdammt, das hier wäre live sicher der volle Abriss! Textlich gibt man sich kämpferisch und rebellisch, eingeschränkte Freiheitsrechte, mangelnder Sozialzusammenhalt, Einsamkeit und Depression gilt es, zu bekämpfen. Dem Sound hört man jedenfalls die Wut, die Verzweiflung und das Leiden deutlich an. Großartiges Album, das Screamo-Fans und Neocrusten gleichermaßen anspricht!