LYGO – „Lygophobie“ (Kidnap Music)

Wer hätte gedacht, dass der Begriff Lygophobie nicht nur in Anlehnung an den Bandnamen ausgedacht ist? Diese Angststörung existiert tatsächlich. Unter Achluophobie oder eben auch Lygophobie versteht man die panische Angst vor Dunkelheit. Ha, witzig! Obwohl ich zum noch für Borderline Fuckup verfassten Review zur Debutscheibe Sturzflug das Internet nach der Bedeutung des Namens Lygo auf Teufel komm raus durchsucht habe und nicht fündig wurde, kommt nun nach all den Jahren die Erleuchtung! Sehr schön. Passend zum Albumtitel ist auch das ganze Albumartwork dunkel und zwielichtig gehalten und auch die wieder hervorragenden und intelligenten Texte suchen in der Dunkelheit nach dem rettenden Licht. Zwischen persönlichen Grübeleien und treffender Gesellschaftskritik darf auch ein guter Schuß Politik nicht fehlen. So geht intelligenter und emotionaler Deutschpunk anno 2021!

Seit der letzten Tour im September 2019 war es etwas still um die Jungs geworden, das Trio verkündete eine Pause auf unbestimmte Zeit und dann war da ja auch noch die Pandemie, die alles stillstehen ließ. Ursprünglich in Bonn beheimatet, wohnen alle Bandmitglieder mittlerweile in Köln und speziell Drummer Daniel nutzte seine Zeit für das Thema Musikproduktion. Sehr praktisch, denn mittlerweile können sich die Jungs im Proberaum selbst aufnehmen, so geht DIY! Und das haben sie dann auch gemacht, die zwölf Songs sind alle im Jahr 2020 im Proberaum entstanden und aufgenommen worden, ohne Zeitverzögerungen und ohne äußere Einflüsse. Und hört man sich das Album am Stück an, dann merkt man, dass die Jungs schön in Bewegung geblieben sind, denn wir wissen ja, dass Bewegung das beste Schmerzmittel ist!

Die Songs zünden alle auf Anhieb und reißen Dich mit ihrer Energie und den melodischen Momenten förmlich mit! Die satte und druckvolle Produktion darf an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden, wirklich ein hervorragender Job. Wer die bisherigen Releases der Band gut fand, wird Lygophobie ganz doll abfeiern! Vieles ist beim altbewährten geblieben, es gibt jedoch auch ein paar Neuerungen und Experimente wie z.B. ein Piano bei 13 Stunden Schlaf. Ist man von den Jungs hauptsächlich das Gaspedal gewohnt, drosseln Lygo auch mal das Tempo und es wird gesungen statt gebrüllt (Kommentarspalte). Wer die Band schon mal live gesehen hat, wird aber lieber die Hau-Drauf-Nummer bevorzugen, denn dafür ist die Musik von Lygo wie gemacht. Und gerade der Song Uwe, Erdgeschoss links wird auch live schonmal die Nackenhärchen aufstellen lassen, wenn das schon beim Lauf über die Anlage so doll gelingt! Jedenfalls ist die Band perfekt auf sich eingespielt, die Songarrangements sind spannend und stimmig gehalten, hier merkt man einfach den Kampfgeist und das Feuer, das in den Dreien brennt. Knapp 42 Minuten dauert der Zauber, der mich fast schon hibbelig durchs Wohnzimmer hüpfen lässt. Ja, die kleine Pause hat der Band hörbar gut getan, die Störche flattern wieder!

9/10

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