Phantom Records-Feature: Jonny Kurt vs. Hank the Tank, La Vase, Schiach

Jonny Kurt vs. Hank the Tank – „Awo Maria“ (Phantom Records)

Das Artwork dieser 12inch ist schonmal ziemlich abgefahren, gerade auch das Backcover, auf dem die Songtitel schön illustriert sind. Übrigens liegt der 12inch auch noch eine schicke Bravo-Autogrammkarte bei. Man hat jedenfalls viel zu stöbern, während man entspannt der A-Seite lauschen kann. Hier bekommt man nämlich obercoole Surf-Mucke á la Pulp Fiction zu hören. So ein Beat-Sound läuft meist im Umfeld dieser Youngtimer-US-Cartreffen. Kettenfett und Benzingeruch, röhrende Motoren und Rockabillyfeeling. Da ich mich in diesem Genre nicht allzusehr auskenne, kann ich jetzt nicht beurteilen, ob das hier dargebotene technisch allerfeinste Sahne ist. Was man jedoch zweifelsfrei erkennen kann, ist der Ohrwurmcharakter und der Charme, der von der Musik ausgeht. Die Twang-Gitarren haben ’nen schönen Hall drauf, ab und an klingt es verdammt lo-fi, alles andere würde absolut nicht passen. Gerade auf Vinyl hat das einen gewissen Nostalgiecharakter.

Gesang ist auf der A-Seite nicht zu hören, dafür wird desöfteren eine Maultrommel eingesetzt. Die B-Seite beginnt dann mit einem Stück, bei dem erstmals Vocals zu hören sind. Danach folgt mit Granny eine Art Western-Song, während das darauffolgende Stück Bereit mit einem obernervigen aber total eingängigen Schema aufwartet. Hat man diese drei Songs hinter sich, dann staunt man nicht schlecht. Ab dem Song Bitte folgt nämlich eine Art Cut, denn ab hier wird ungeniert dem schrammeligen Deutschpunk ein Denkmal gesetzt. Erinnert vom rumpeligen Sound und vom gröligen Gesang her sehr stark an unterproduzierten DDR-Punk á la Schleimkeim. Bei manchen Songs muss man unweigerlich aufgrund der Texte etwas schmunzeln (Essen oder Mutter sind zwei Beispiele). Und wie das bei Lo-Fi-Rumpel-Punk so ist, gehen die Songs nach wenigen Durchläufen direkt ins Ohr, hier ist das musikalische Können eher zweitrangig. Beide Seiten der 12inch machen jedenfalls gute Laune!

Bandcamp / Phantom Records


La Vase – „Selftitled“ (Phantom Records)

Anhand des Coverartworks der 12inch kann man schwer einschätzen, mit welcher Musik man beim Aufsetzen der Nadel überrascht wird. Die Band wurde von drei zugereisten Typen ca. im Jahr 2014 in Leipzig gegründet, der Sänger ist gebürtiger Franzose. Die Bandmitglieder haben zuvor alle schon in verschiedenen Bands gezockt (The Riot Brigade, The High Society, Honeymoon, Visions Of War und Desastro). Der Bandname La Vase hat im französischen übrigens zwei unterschiedliche Bedeutungen. Zum einen gibt es die wohlbekannte Vase, zum anderen ist damit dieser dickflüssige und eklige Schlick bzw. Schlamm gemeint, der sich in allen Gewässern bilden kann. Kennt man diese Hintergründe, dann lässt sich schon eher vermuten, welche Musik auf dem Tonträger wohl zu finden ist.

Kaum setzt die Nadel auf, kommt man nicht umhin, fröhlich mit dem Bein zu wippen. La Vase sind nämlich schön flott unterwegs und machen tollen oldschooligen Punkrock, der einem kaum Zeit zum Verschnaufen lässt. Da wünscht man sich mit einem Bier bewaffnet in den nächsten Pogo-Mob! Das zwirbelt live sicher ganz ordentlich! Zum flotten Oldschool-Punk gesellen sich noch Einflüsse aus Post-Punk und Hardcore. Garage-Punk kann man dabei genauso heraushören wie die catchy 77er-Punk-Kante. Das besondere an La Vase sind neben den hitverdächtigen und nach vorne treibenden Songs die französischen Lyrics, die vom Sänger etwas überschnappend herausgekläfft werden. Schade, dass kein Textblatt mit Übersetzung beiliegt, mein ausgebleichtes Schul-Französisch reicht jedenfalls kaum für die Erfassung der Lyrics aus. Den Songtiteln nach zu urteilen, werden aber die üblichen Punk-Themen verwurstet. Jedenfalls ist diese Platte verdammt kurzweilig, bei Songlängen zwischen zwei und drei Minuten kommen die acht Songs auf knappe 23 Minuten. Diese Band müsst ihr unbedingt anchecken, habe in dem Bereich schon lange nicht mehr eine solch erquickende Frische erlebt!

Bandcamp / Phantom Records


Schiach – „Selftitled“ (Phantom Records)

Bei meiner Internet-Recherche zu Schiach habe ich nur vage Informationen erhalten. Die Band soll aus Schkeuditz stammen, das ist eine Stadt in Sachsen in der Nähe von Leipzig. Es wird gemunkelt, dass bei Schiach Leute von Pisse, Warriors of Darkness, Heavy Metal, Sick Horse und Muscle Barbie mitwirken. Der Begriff Schiach kommt aus dem österreichischen bzw. bayerischen Sprachgebrauch und bedeutet so etwas wie „Hässlich“. Für eine Punkband also gar keine ganz so verkehrte Namenswahl. Allerdings erschließt sich mir nicht, warum die Band ihre Texte in bayerischer Mundart vorträgt. Angesichts der Texte vermute ich mal, dass zumindest der Sänger im spießigen Bayern als Punkerzecke nicht mehr überlebensfähig war und einfach nach Sachsen ausgewandert ist. Dort hat er sich musikalische Mitstreiter gesucht, um sein Trauma in einer Punkband zu verarbeiten. Aufgrund von dialektbedingten Kommunikationsschwierigkeiten und in Punkerkreisen üblichem übermäßigen Alk-Konsum fiel es womöglich bei den Bandproben gar nicht auf, dass der Lausbub am Mikro mit bayerischem Dialekt irgendwelche mit dem Rohrstock eingebläute Textphrasen vor sich hinsabberte. Im Studio gab’s womöglich erstmals verdutzte Gesichter, aber da war es schon zu spät. Naja, gibt’s halt ’n neues Genre: Weißwurscht-Punk!

Jedenfalls ist die Aufmachung der 12inch schonmal sehr gelungen! Das schwarz-weiße Artwork dürfte im Zusammenhang mit der schwierigen Kindheit und Jugend des Sängers stehen, der Teufel steht dabei womöglich stellvertretend für die traditionsbewusste Autorität der scheinheiligen Lederhosenseppel, denen auch gern mal die Hand ausrutscht. Man beachte auch das Phantom Records-Logo auf dem Backcover. Köstlich! Das Textheftchen ist in Form eines Kirchengesangsbuchs gestaltet, was mir wirklich nach oben zuckende Mundwinkel bescherte. Wenn man die Texte so betrachtet, dann ist einem zuerst ebenfalls nach Schmunzeln zumute, dennoch bleibt einem irgendwie das Lachen im Halse stecken. Die bayerische Provinz dürfte zwar Spitzenreiter an Spießig- und Scheinheiligkeit sein, dennoch werden sich Dorfpunks der 80er bis 90er aus ganz Deutschland in den Texten wiederfinden. Die Texte werden wütend rausgeprollt, dazu gibt es schneidend kalten und düsteren Punk an der Schwelle zum Post-Punk. Handwerklich steckt hier schon was dahinter. Die Gitarren schrammeln, das Schlagzeug poltert, der Bass knödelt, der Sänger rotzt sich aus. Songs wie z.B. Nix oabatn oder Nix Hob I G’macht hämmern sich buchstäblich in die Gehörgänge, vielleicht ja sogar, weil man in der Jugend auch schonmal irgendwo solche Textphrasen gehört hat. Und wenn dann auch ab und an mal melodische Gitarren wie z.B. bei Wia se’s g’heart oder Ja Mei auftauchen, fühlt man sich schon etwas besser. Mal sehen, ob es diese Platte in die Ghettoblaster der heimischen Punks schafft, muss denen mal wieder bei nächster Gelegenheit ein Mixtape schenken.

Bandcamp / Phantom Records


 

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Show Review: Leoniden & Kids N Cats am 17.11.2018 im Carinisaal/Lustenau (A)


Eine ständig wachsende Fangemeinde, unzählige Videoplays, zwei verpasste Konzerte in der näheren Umgebung, bereits jetzt schon ausverkaufte 2019er-Termine und natürlich das sagenhaft gute aktuelle Album waren Grund genug, die Leoniden endlich mal live zu begutachten. Die gerade aufgelisteten Warnzeichen könnten vermutlich ausschlaggebend dafür sein, dass die Zeiten, in welchen man die Band noch im kleinen Rahmen bzw. bei Clubshows erleben kann, wohl ziemlich bald schon vorbei sein werden. Eine Woche vor’m Konzert bekam ich dann doch Muffensausen, ob es beim gewünschten Termin überhaupt eine Abendkasse geben würde, denn die meisten Shows der laufenden Tour waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft. Also, dann lieber auf Nummer sicher gehen und schnell mal die eh viel zu wenig genutzten Möglichkeiten eines Gästelistenplatzes abchecken! Und natürlich in sparsam schwäbischer Entenklemmerei auch noch einen Platz für die Liebste abstauben! Obwohl mein Organisiationstalent doch eher zu wünschen übrig lässt, war sogar die Kinderbetreuung für den abendlichen Ausflug geklärt, die Reise ins österreichische Lustenau wurde in Angriff genommen. Bei sternenklarer Nacht mit Minusgraden standen wir pünktlich bei Türöffnung mit einer Traube an bibbernden und frierenden Menschen vor’m Carinisaal.

Keine Ahnung, ob es noch Karten an der Abendkasse gab, der kleine und kuschelig warme Club war jedenfalls in kürzester Zeit rappelvoll. Dabei fiel mir der hohe Frauenanteil unter den Anwesenden auf. Da ich seit den Neunzigern auf so gut wie keinem Indie-Konzert mehr war, wunderte ich mich dann doch etwas an den seltsamen Klamotten. Hab ich da was verpasst? Trägt man auf Indie-Konzerten keine Bandshirts mehr? Bei reinen HC/Punk-Shows ist das irgendwie anders. Nun, anstelle der Bandshirts konnten an diesem Abend Klamotten bestaunt werden, vor denen man sich bereits in den 80ern gruselte. Mit Hochwasser-Cordhosen, die fast bis Unterkante Kinn reichen, hatte man seinerzeit auf dem Schulhof gute Aussichten auf eine ordentliche Abreibung. Auch irgendwie abgefahren: einzelne Bandmitglieder der Leoniden wurden beim Gang durch’s Publikum von mehreren jüngeren weiblichen Fans abgefangen und zu einem gemeinsamen Foto genötigt. Am meisten traf es natürlich Sänger Jakob Amr, der aber immer freundlich und höflich in die Kamera grinste. Das nimmt ja fast schon Auswüchse wie bei einer Bravo-Boyband an!

Dass Klamotten nur zweitrangig sind, konnte man eindrucksvoll beim Support-Act Kids n Cats beobachten. Da ich die Band aus Wien bisher nicht kannte, hörte ich im Vorfeld mal ins Material des Quartetts rein. Irgendwie sagte mir die bizarre Mischung aus Hiphop, Electro, Indie und Weird-Pop aber nicht so zu, weshalb ich keine allzu großen Erwartungen an den Auftritt der Band hatte. Nun, so kann man sich täuschen! Zu Beginn lagen die vier Musiker erstmal geschlagene fünf Minuten auf der Bühne, alle einheitlich in schlabberige weiße Klamotten gehüllt, die an eine Mischung aus Pyjama, Judo-Mantel und Zwangsjacke erinnerten, dazu bemalte Gesichter. Dann wachte die Band abrupt auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und startete direkt mit ihrer Show – und zwar mit einem ordentlichen Schuss Post-Punk und einer abgefahrenen Performance. V.a. Sängerin Jeanne Drach verrenkte sich, hüpfte ungehalten durch die Gegend und tanzte wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen um das Feuer. Wie ich nachträglich erfuhr, bestreitet die Dame ihren Lebensunterhalt u.a. als Puppenspielerin. Auch der Rest der Band wirbelte ordentlich Staub auf. Die Bassistin, der Gitarrist und sogar der Drummer halfen stimmlich bei den Refrains mit, letzterer kommunizierte sogar öfters mit dem Publikum. Zwischen den Songs gab es Erklärungen zu den in französischer, spanischer und englischer Sprache vorgetragenen Texten. Größtenteils haben diese feministische Inhalte und drehen sich um Themen wie Gender und Selbstverwirklichung. Die Ansage, dass man/frau sich von der Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft lösen und Träume verwirklichen soll, wird dem Bühnen- und Erscheinungsbild der Band mehr als gerecht. Denn dass hier eine Menge Herzblut und Leidenschaft dabei ist, hat dieser Auftritt deutlich vermittelt. Schön auch, wie immer wieder das Publikum in die Performance mit einbezogen wurde. Bei einem Song durften z.B. verschiedene Leute aus dem Publikum Tierlaute beisteuern, die anschließend geloopt in einen Song einflossen und für einige Lacher sorgten. Fazit: kurzweiliger Auftritt, äußerst sympathische Band, läuft sicher bald auf FM4 (falls nicht schon längst geschehen). Checkt mal ein paar Videos der Band an, die sind durch die Bank alle zu empfehlen! Kids n Cats ließen übrigens bei Beendigung ihres Sets noch verlauten, dass die Leoniden angekündigt hätten, den Laden heute Abend gründlich zu zerlegen. Solche Aussagen sind manchmal gefährlich, da sie die Erwartungen des Publikums ins unermessliche steigern.

Nun, nach einer kurzen Umbaupause, in welcher die Leoniden persönlich Hand anlegten und erstmal routiniert Ordnung auf der Bühne schafften (es lagen wirklich keine Stolperfallen mehr auf der Bühne rum), starteten die Jungs mit dem Song Colourless und einer unglaublichen Power, die ab dem ersten Ton fesselte. Ich behaupte mit reinem Gewissen, dass der Funke zwischen Band und Publikum in den ersten zehn Sekunden übergesprungen ist und das Feuer über die Gesamtspielzeit von 90 Minuten lichterloh brennen ließ. Der absolute Wahnsinn! Auffallend war der bestens abgemischte glasklare Sound, da war echt jedes Instrument und jeder Ton perfekt zu hören. Und diese energiegeladene Bühnenshow: die komplette Band permanent in Bewegung, als ob sich die Jungs unentwegt gegenseitig zur Höchstleistung anstacheln würden, als ob von diesem einen Auftritt Leben und Tod abhängen würde. Wie man als Sänger bei so einer körperlichen Leistung auch noch jeden Ton treffen kann, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Und obwohl man sofort wild das Tanzbein schwingen will, ist man vom Anblick der Band fasziniert und kann den Blick gar nicht von der Bühne abwenden. Diese Typen haben so viel Freude an ihrer Musik, das kann man gar nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben! Die wollen einfach nur wie ein paar durchgedrehte Irre ihre Mucke machen und dabei maximal Spaß und Freude haben.

Aufgeputscht durch die eigene Musik, pures Adrenalin! Nach dem dritten Song bereits so zu schwitzen, dass selbst ein Handtuch nicht mehr allzuviel bringt, sagt einiges über die Ernsthaftigkeit einer Band aus. Es machte einfach tierisch gute Laune, diese vor impulsiver Leidenschaft und literweise Herzblut strotzende Band bei dem zu beobachten, was sie da auf der Bühne veranstaltete. Die grinsenden Gesichter der perfekt aufeinander eingespielten Musiker erzeugten zusammen mit den aus beiden Alben gespielten Hits und einer unaufdringlichen Lightshow auch in den Reihen des Publikums für zufrieden grinsende Gesichter. Gerade live bemerkt man den massiven HC/Punk-Background der Jungs. Der Gitarrist hat in ein paar Jahren sicher kaputte Knie, diese Kniefall-Beugen können absolut nicht gesund sein. Vielleicht erwürgt er sich aber auch vorher mit dem Gitarrengurt oder haut sich die Gitarre beim Balancieren auf dem Kopf gegen die Rübe. Und ja, an der Zerlegung des Carinisaals wurde weiter gearbeitet, einfach mal die Gitarre hüpfend gegen die niedrige Decke knallen, so dass der Putz rieselt!

Eine ausgeklügelte Idee ist auch der Bühnenaufbau der Leoniden, die zwei Keyboards/Midi-Controller sind so aufgebaut, dass sich Keyboarder Djamin und Sänger Jakob angrinsen können und dabei auch noch ständig die Plätze wechseln, so dass neben der Bewegung auf der Bühne auch mal jeder im Publikum die Chance hat, die zwei beim Paarungstanz frontal zu sehen. Und obwohl so viel Equipment rumsteht, ist trotzdem noch reichlich Platz für die coolen Moves des Bassisten. Zwischen den Songs kommunizierte die Band ausgiebig mit dem Publikum, welchem sogar wiederholt großer Dank ausgesprochen wurde. Das neue Album war zu der Zeit erst 22 Tage draußen, da darf man sich als Band dann auch mal an der Textsicherheit des Publikums freuen! Sehr sympathisch! Überhaupt legten die Jungs einen großen Wert auf Publikumsnähe, Sänger Jakob nahm ein paar sehr ausgiebige Bäder im Publikum. Zu einem dieser Ausflüge nahm er dann sogar sein Kuhglocken-Drumset mit, das er während des Auftritts mehrmals wie ein Irrer bearbeitete, einmal sogar über den Köpfen des Publikums in der Mitte des Saals. Zudem forderte er das Publikum wiederholt dazu auf, nach der Show doch noch ein bisschen zusammen abzuhängen und zu plaudern. Da wir ja noch ein Stückchen Heimfahrt vor uns hatten und zufällig in dieser sternenklaren Nacht mit dem Höhepunkt des Leonidenstroms zu rechnen war (kein Witz!), verließen wir in der Hoffnung auf ein paar Sternschnuppen nach den drei Zugaben glücklich und voller Adrenalin den Ort des Geschehens. Ich muss nicht erwähnen, dass sich auf der Heimfahrt keine Sternschnuppe blicken ließ, aber nach einem solch hammermäßigen Konzert ist das letztendlich auch ziemlich schnuppe!

Kids N Cats Facebook / Leoniden Facebook


 

Buchvorstellung: Roger Miret/Jon Wiederhorn – „United & Strong; New York Hardcore – Mein Leben mit Agnostic Front“ (I.P. Verlag)

So manche Autobiografie hat den faden Beigeschmack, den Fans eines einst erfolgreichen Stars noch ein bisschen Kohle aus den Taschen ziehen zu wollen. Lieblos zusammengebastelte Aneinanderreihungen von belanglosen Erlebnissen, dazu ein paar Bilder des Stars aus besseren Jahren, das Ganze durch eine aufdringliche Werbekampagne angepriesen und vielleicht noch ein verkaufsfördernder Skandal obendrauf, dann läuft die Sache rund. Dennoch gibt es unter dieser unüberschaubaren Vielzahl an autobiografischem Müll immer wieder Perlen, die man nahezu verschlingen will. Würde man mich fragen, welche das denn wären, dann würde wie aus der Pistole geschossen kommen: The Dirt, Get In The Van, White Line Fever – und ab sofort: United & Strong. Alle, die sich auch nur ein Fünkchen für Hardcore und Punk interessieren, sollten sich dieses Buch zu Gemüte führen, selbst wenn keine innige Freundschaft mit der Band bestehen sollte.

Das Buch ist – wie bereits auch schon einige andere Bücher mit Metal/Hardcore oder Punk-Bezug – im Berliner Iron Pages Verlag erschienen. Die Taschenbuchausgabe liegt gut in der Hand, die 286 Seiten sind in 40 Kapitel unterteilt, zwischendurch gibt es immer wieder mal Fotos mit Schwerpunkt auf die Frühphase der Band zu sehen. Wahnsinn, wen man so alles im AF-Moshpit entdecken kann! Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, kommt man noch in den Genuss zweier Vorworte (Al Barr von den Dropkick Murphys und Jamey Jasta von Hatebreed). Der freundlich dreinblickende Kerl auf dem Cover ist dann logischerweise der junge Roger Miret, der hier mithilfe des Musikjournalisten Jon Wiederhorn seine fesselnde Geschichte erzählt. Die Übersetzung von Andreas Diesel ist in einer einfachen und verständlichen Sprache geschrieben, so dass man sie in einem Rutsch durchlesen kann und sich vor Spannung platzend von einem Kapitel zum nächsten hangelt. Auch wenn das Buch auf den ersten Blick kompakt wirken mag: nach vollendeter Lektüre ist man verblüfft, wie so viele Erlebnisse, Zeitzeugenbeobachtungen, Informationen und quasi die schonungslos ehrliche Lebensbeichte eines einzelnen Menschen da überhaupt reinpassen konnten. Und wenn man dann noch aus diversen Interviews mit Roger Miret erfährt, dass viele Stories gar nicht erst den Weg ins Buch gefunden haben, weil das Ganze auf unter 300 Seiten eingedampft werden musste, dann hat man Hoffnung, dass es irgendwann mal noch einen zweiten Teil geben wird. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt nämlich eher in der Anfangsphase von AF, während die Zeit nach der Reunion 1998 nur knapp angeschnitten wird und ein bisschen so wirkt, als ob man gegen Schluss schnell zum Ende kommen wollte. Das ist aber auch schon der einzige Kritikpunkt.

Die Geschichte beginnt Ende der Sechziger mit der Flucht der Familie Miret vor dem Castro-Regime in die USA, da ist Roger gerade mal vier Jahre alt. Es folgt das bittere Schicksal einer kubanischen Einwandererfamilie: außer dem Kontakt zu ebenfalls geflüchteten Verwandten lebt die Familie erstmal völlig isoliert in den Slums von New Jersey. Ausgrenzung, Ausbeutung, Armut und Gewalt – auf der Straße und vor allem innerhalb der Familie – sind an der Tagesordnung. Bedingt durch diese äußeren Umstände wächst Roger in den ersten, für ein Kind doch sehr prägenden Entwicklungsjahren, relativ unbehütet auf. Freundschaften mit anderen Kindern werden durch ständige Wohnortswechsel unmöglich, auch in der Schule läuft es nicht so rund. Der Grundstein für die Außenseiterrolle ist gelegt, zudem durchlebt Roger eine Menge an traumatischen Erfahrungen. Die Misshandlungen durch den eigenen Vater und später durch den prügelnden Stiefvater führen zu einer hoch angelegten körperlichen Schmerzgrenze, von den seelischen Schmerzen ganz zu schweigen.

Der einzige Lichtblick wird für Roger – er ist mittlerweile elf Jahre alt – die Geburt seines Halbbruders Freddy und damit die Aufgabe, sich um ihn zu kümmern, auch in der Musik findet er Trost. Anfangs hört er Cumbia und Disco-Musik, bis er im Alter von 15 Jahren über klassische Rockbands wie Led Zeppelin und Foreigner erstmals mit Punk in Berührung kommt und Bands wie die Sex Pistols und The Damned entdeckt. Durch seinen Cousin wird ihm die Tür in die Welt der Live-Konzerte und Drogen geöffnet, die damaligen Bands waren Black Flag, Dead Kennedys, Ramones und Misfits. Durch Meskalin gelingt dann auch die Realitätsflucht, zudem tummeln sich auf den Konzerten eine Menge anderer Außenseiter, die erste große Liebe lässt auch nicht lange auf sich warten. In dieser neuen Gemeinschaft fühlt sich Roger wohl, so dass er im Alter von 17 Jahren beschließt, dem häuslichen Martyrium zu entfliehen und mit der volljährigen Freundin zusammenzuziehen. Es ist zu erahnen, dass im weiteren Verlauf der Geschichte noch einige Probleme und Komplikationen auftreten werden.

Durch die gewaltgeprägte Kindheit und Jugend sitzt auch Rogers Faust relativ locker, zwischenmenschliche Differenzen werden mit brutaler Gewalt aus dem Weg geräumt, eine Hemmschwelle scheint dabei nicht zu existieren. Die äußere Verwandlung zum tätowierten Punk mit Iro und später zum Skinhead nimmt ebenso ihren Lauf, zudem werden erste Bands gegründet. Roger entscheidet sich anfangs für den Bass, später bei der Band Psychos kommt noch Gesang mit dazu. Die Psychos werden immer mehr in der Szene wahrgenommen, auch AF tummeln sich in dieser Szene und machen sich einen Ruf als komplette Irre. Und weil AF auf der Suche nach einem neuen Sänger sind und ihnen Rogers durchgeknallte Art auf der Bühne imponiert, wollen sie ihn unbedingt haben. 1983 wird Roger der Sänger von AF, der Wahnsinn schreitet voran. Die Lower East Side ist zu dieser Zeit ein brodelnder Topf aus Gewalt und Drogen, die Lebensumstände der Straßenpunks kann man sich fast nicht vorstellen. Die Shows sind brandgefährlich. Jedenfalls wird das harte Leben einer Horde von Hausbesetzern in dieser heruntergekommenen Lower East Side detailliert und schonungslos beschrieben. Roger finanziert seinen Lifestyle mittlerweile als Kleinkrimineller durch Überfälle, Diebstähle und Drogenhandel. Bei all der brutalen Gewalt gibt es auch zwischendurch etliche lustige Anekdoten und bisher nicht bekannte Details und Hintergründe zur Entstehungsgeschichte der AF-Alben. Und immer wieder fragt man sich, wie diese Jungs und Mädels das alles überleben konnten, ohne dass sie mal von den Cops geschnappt wurden. Im Laufe der Geschichte sind dennoch einige Todesopfer zu beklagen. Ein Wendepunkt in Rogers Leben tritt ein, als er bei einem Drogendeal geschnappt wird und – kurz nachdem er Vater geworden ist – in den Knast wandert.

Als deutsches Mittelschichts-HC-Kid kann man sich fast gar nicht vorstellen, wie gewalttätig und brandgefährlich es damals bei HC-Shows in den USA zugegangen sein muss. Ich kann jetzt nur meine eigenen Erfahrungen Ende der Achtziger aus der süddeutschen Provinz wiedergeben, vielleicht sah es ja im Pott schon wieder anders aus. Hierzulande war es zu dieser Zeit jedenfalls Moshpit-Ehre, gestürzten Leuten wieder aufzuhelfen und trotz Wildheit aufeinander acht zu geben. Klar gab’s mal die ein oder andere geplatzte Lippe oder gebrochene Nase, das geschah aber eher unbeabsichtigt. Auch die Rivalität mit anderen Szenen gab es bei uns nicht. Man half sich eher untereinander aus, unterstützte sich, gründete Bands miteinander. Zudem war HC hier eher so ein Mittelschicht-Ding. Im Buch wird übrigens auch ausführlich die für AF rufschädigende Kampagne vom Maximum Rock’n’Roll thematisiert, die AF aufgrund ihres gewalttätigen Skinhead-Images als Nazi-Band abstempelten. Die Band hatte sehr daran zu knabbern, innerhalb der HC-Szene sind AF bis heute nicht ganz unumstritten. Ob die Vorwürfe entstanden, weil hier zwei verschiedene Welten aufeinander trafen? Auf der eine Seite die gewaltgeprägten und wildgewordenen Straßenpunks mit mangelnder Bildung, auf der anderen Seite die Studenten aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die gerne Szeneklatsch verbreiteten. Die Darstellungen Rogers bringen jedenfalls ein bisschen Licht ins Dunkel. Für uns verwöhnten und wohlbehüteten Emo-Kuschler liest sich die Rivalität zwischen den Szenen von Boston und NY jedenfalls extrem krass. Wie die Luft wohl gebrannt haben muss, kann man sich anhand der geschilderten Szenen ausmalen, in denen die gesamte NYHC-Szene geschlossen ein Konzert in Boston enterte. Erstaunlich auch, dass die Bandmitglieder auf Tour bis in die Neunziger mit einem Tagesbudget von 3$ auskommen mussten. Und trotz all dieser widrigen Umstände sind AF hartnäckig und mit purer Leidenschaft am Ball geblieben!

Also, lasst euch zu Weihnachten mit diesem Buch beschenken oder kauft es euch selbst und seid gespannt auf unglaubliche Stories, trefft alte Bekannte aus der HC-Szene – bereits Verstorbene, Verschollene und noch lebende Legenden – und freut euch darüber, dass Roger in seinem Leben doch noch die Kurve gekriegt hat. Ohne die Spur einer Gefahr sah ich die Band übrigens erstmals auf der 98-er Tour, auf meiner bisher letzten AF-Show im Jahr 2006 kam ich sogar mit Roger ins Gespräch, er wirkte freundlich und klar im Kopf. Jetzt wird mir auch bewusst, warum: kurz zuvor machte er seiner großen Liebe Emily einen Heiratsantrag, die Hochzeit fand direkt nach der Tour statt. Und auch ihr werdet nach der Lektüre dieses Buchs feststellen: der Roger von heute scheint mittlerweile ein ganz sympathischer Kerl zu sein!

Iron Pages Verlag / Roger Miret / Agnostic Front


 

Leoniden – „Again“ (Two Piece Signs)

Mit ihrem sebstbetitelten Debütalbum konnte die Kieler Band ja bereits etliche Indierock-Fans begeistern, die Leoniden wurden daher im Jahr 2017 als Newcomer in den höchsten Tönen gelobt. Dabei wurde gern übersehen, dass die Leoniden seit ihrer Gründung als Schülerband mittlerweile auch schon bald zehn Jahre auf dem Buckel haben, lediglich Sänger Jakob Amr ist erst im Jahr 2014 zur Band gestoßen. Bis das Debütalbum 2017 dann endlich erscheinen konnte, zogen auch noch zwei weitere Jahre ins Land. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet stört es deshalb gar nicht, dass die Band innerhalb kürzester Zeit – wir sprechen von gerade mal eineinhalb Jahren Abstand – das zweite Album rauskickt. Und das auch noch, obwohl die Band nach dem 2017er-Release quasi jedes Konzert mitnahm, das sie kriegen konnte. Wenn es gut läuft, dann muss man einfach vollen Einsatz zeigen.

Obwohl mir das Album und die vorangegangene EP sehr gut mundete, schaffte ich es bei der letzten Tour leider nicht, einen Blick auf die Jungs zu werfen. Laut Augenzeugen war das Konzert in Ulm und auch ein Auftritt bei einem Festival in Lustenau außergewöhnlich gut. Tja, Chance verpasst, selbst schuld! Kommen wir aber mal endlich zum musikalischen Inhalt von Again. Zehn Songs sind hier in etwas knapp über einer halben Stunde zu hören. Und bereits beim ersten Durchlauf wird klar, dass die Hitdichte erneut an der Obergrenze liegt. Dazu darf man bei jedem weiteren Durchgang staunen, wie viele Töne aus den verschiedensten Quellen miteinander zu dieser homogenen Einheit zusammenschmelzen, ohne dass das Ganze auch nur ansatzweise konstruiert wirkt. Das klingt so lebendig, pulsierend und frisch! Da haben die Jungs sicher konzentriert dran gefeilt, womöglich wurde bei den Aufnahmen wie auf einem orientalischen Bazar um jeden einzelnen Ton gefeilscht. Das Grundgerüst der Songs besteht ganz klar aus Gitarre, Schlagzeug, Synthies und einem unschlagbar smoothen Bass, dabei wundert man sich immer wieder über die stimmliche Bandbreite von Sänger Jakob. Der Typ hat mal ein richtig gutes Organ, da kommt pure Emotion rüber. An manchen Stellen meint man fast, man hätte gerade den Geist von Michael Jackson erblickt. Hört mal in den dritten Song Alone rein, da sind auch die besseren Songs von Justin Timberlake nicht weit, wenn auch hier tausendmal mehr Herzblut, Leidenschaft und Inhalt drin steckt! Denn auch die Lyrics beschäftigen sich mit tiefgründigeren Dingen wie z.B. Angst, Selbstzweifel und Depressionen.

Das bereits erwähnte Grundgerüst, das durchaus eine gesunde Rock-Kante besitzt, wird durch etliche Töne komplettiert. Im Verlauf des Albums fügen sich Handclaps, Streicher, Chöre/Frauenchöre, Elektro-Spielereien und Kuhglocken-Drums gekonnt in den Gesamtsound ein, so dass dem Ganzen eine ordentliche Pop-Note anhaftet. Die smoothen Grooves klingen jedenfalls auf der heimischen Stereoanlage sehr tanzbar und funky. Das macht definitiv Lust, die Band endlich mal live zu sehen! Und Vorsicht, Spoiler: in Bälde gibt’s hier ein kleines Review zur Show in Lustenau/Österreich zu lesen. Checkt Again unbedingt mal an, das Album ist so gelungen, dass es vermutlich bald an der Spitze der deutschen Indie-Charts stehen wird.

9/10

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Pillbook – „Boy Band“ (lifeisafunnything)

Und wieder mal kommt hier eine Band um die Ecke, von der man hierzulande bisher wenig bis gar nichts mitbekommen hat, zumindest ist das so bei mir. Wo gabelt Marcus von lifeisafunnything nur immer diese sagenhaften Bands auf und warum zur Hölle ist zuvor niemand auf die Idee gekommen, diese Musik auf Vinyl zu veröffentlichen? Okay, das Ding ist zumindest co-released, mit von der Partie ist auch noch das Bostoner DIY-Label Five By Two Records. Pillbook sind übrigens aus Chelsea, Massachusetts und die Band besteht nur aus zwei Leuten, irgendwie scheint ihr Gitarrist abhanden gekommen zu sein (also, an manchen Stellen meine ich, dass da eine Gitarre zu hören ist?). Umso erstaunlicher, was die zwei da auf die Beine gestellt haben! Nun, erst mal die Basics: Das Artwork ist schlicht gehalten, schwarzer Druck auf weißem Karton, ein Negativ-Foto in Stempeloptik. Mit dieser Technik haben wir in den Neunzigern gerne Konzertflyer gestaltet und durch die Kopiermaschine im JuZe gejagt. Ich hab den Geruch bis heute in der Nase! Und geil auch: das alles war irgendwie greifbarer, stilvoller und effizienter als irgendwelche Facebook-Veranstaltungen! Und manche Dinger sind übler aus dem Ruder gelaufen, als irgendeine dieser Facebook-Partys. Aber zurück zur Platte: aus dem Inneren purzelt neben einem praktischen Download-Code-Kärtchen auch noch ein schickes Textblatt heraus. Und das fühlt sich soooo weich an, als ob es mit Perwoll gewaschen worden wäre. Ein richtiger Handschmeichler, ein samtweiches, wenige Wochen altes Kätzchen!

Gierig klatscht man schnell das Vinyl auf den Plattenteller, damit man sich gleich wieder dieses kuschelig weiche Textblatt schnappen kann. Und sobald die Nadel das pechschwarze Vinyl trifft, lauscht man gebannt einer Art Intro. So ähnlich haben schon großartige Platten begonnen, denkt man sich nebenbei…und ja, beim ersten richtigen Song namens When The Sun Comes Up hat man durchaus das Gefühl, dass diese 12inch in nächster Zeit und auch darüber hinaus noch etliche Male ihre Runden drehen wird. Man verfällt richtig diesem knarzigen Instrumentalgewitter, welches mit Bass, Bass und Drums schön fett verzerrt aus den Boxen suppt. Wahnsinnig groovig und mit ’ner gehörigen Schippe Grunge! Da fällt zum einen die Schwere und Heaviness auf, zum anderen schwingt aber auch diese unendlich wirkende Melancholie mit, die man im Verlauf der nachfolgenden fünf Stücke immer wieder serviert bekommt. Diese Melancholie erfährt dann ihren Höhepunkt, sobald der Gesang einsetzt. Wow, so zerbrechlich und gefühlvoll klingt das, hier sitzt das Herz an der richtigen Stelle! Die Stimme erinnert öfters an Chris Higdon zu Falling Forward- oder frühen Elliott-Zeiten, Sunny Day Real Estate oder die erste Coheed And Cambria-Scheibe kommt ebenfalls in den Sinn.

Auch wenn vieles ziemlich matschig und breiig klingt, hört man doch alle Instrumente deutlich heraus. Für das klangliche Erlebnis ist übrigens Jay Maas (Defeater) verantwortlich, das Ding hier ist hervorragend umgesetzt! Die zwei Bässe spielen sich förmlich in Extase, der eine wabert und lärmt, der andere ist für das gefühlvolle und die Melodien zuständig. Die Texte sind voller Metaphern und haben eher persönliche Themen zum Inhalt, da lässt sich auch gut eintauchen! Wenn ihr mich nach einem meiner Lieblingssongs fragen würdet, ich wüsste nicht, was ich drauf sagen würde. Eigentlich sind alle Songs der Hammer. Aber die Hände hab ich oben beim letzten Song Stay, Laz. Diese flächigen Sounds am Anfang, die Drums, dann wird zurückgefahren. Die Stimme, die Melancholie, die cleanen Parts. Und dann dieses groovige Ding, das ist der Wahnsinn! Holt euch die EP, das Schmuckstück ist nur in ’ner 150-er-Auflage erschienen! Schon wieder eine Lieblingsplatte auf lifeisafunnything, danke dafür!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

City Light Thief – „Nothing Is Simple“ (midsummer records)

Für manche von euch ist dieses Album wahrscheinlich bereits ein alter Hut. Denn bevor man das mittlerweile dritte Album der sympathischen Kölner Band City Light Thief auch tatsächlich auf Vinyl oder auch auf einer physischen CD in den Händen halten konnte, war das Ding bereits seit einiger Zeit digital verfügbar. Die Band ging dabei völlig neue Wege, denn Nothing Is Simple wurde wenige Stunden nach der Fertigstellung online gestellt. Einfach mal dem nervigen Warten auf einen Veröffentlichungstermin ein Schnippchen schlagen! Die Ernte direkt einfahren und frisch genießen! Positiver Nebeneffekt: ohne die lästige Anspannung – Vorfreude, Enthusiasmus und Zweifel inklusive – dürften die Jungs mit der unmittelbaren Reaktion und den Rückmeldungen von begeisterten Fans auf die Songs sicher einige schlaflose Nächte weniger gehabt haben. LIY – Leak It Yourself – sozusagen!

Und dass diese Vorgehensweise aufgegangen ist, kann man an den vielen Vorbestellungen und der inzwischen ausverkauften Erstpressung sehen. Zudem lockten natürlich die Gimmicks, die der Vorbestellung beilagen. Zum einen war das ein Teil des Akkordeons, welches man auf dem vorangegangenen Album hören konnte, zum anderen wurde eine Platine beigelegt, mit der man sich mithilfe von nötigem technischem Knowhow den auf Nothing Is Simple eindrucksvoll klingenden Gitarreneffekt Overdrive nachbauen konnte. Geil, oder? Allerdings sollte man beim Einbau den weisen Ratschlag im Albumtitel beherzigen. Nichts ist einfach! Also, bevor ihr eure Amps durch Bastelei lahm legt und womöglich noch ’nen Stromschlag abbekommt, holt euch lieber den technischen Beistand eines Gitarrenamp-Nerds! Bitte macht das nicht selbst, nachdem ihr nach einer Anleitung auf Youtube glaubt, dass ihr das hinbekommen könntet. Das wird sonst böse enden (ich denke dabei an die einfach aussehende Montage eines Wasserhahns und den durch eigenen unprofessionellen Pfusch entstandenen Wasserschaden im Mauerwerk).

Dass es hier kein zeitnahes Review im Frühling zu lesen gab, hat mehrere Gründe: erstens hinke ich sowieso mit dem ganzen Kram hinterher und zweitens tu ich mir mit physischen Tonträgern eh leichter. Denn neben dem musikalischen Inhalt betrachte ich auch gerne ausgiebig das Coverartwork, rieche am Booklet und stöbere in den Texten. Und ja, das Artwork gefällt mir sehr gut, hier ist eine technische Zeichnung eines Klaviers zu sehen. Jeder, der schon mal einen Ikea-Schrank zusammengebaut hat weiß, dass man selbst dafür fast schon ein Studium braucht. Der Zusammenbau dieses Klaviers ist garantiert noch um Längen komplizierter! Womit wir wieder beim Albumtitel wären.

Aber jetzt endlich mal zur Musik! Die Songlängen der elf Songs pendeln sich so auf durchschnittlichen vier Minuten ein, insgesamt gibt das eine Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten. Und in jedem einzelnen Song passiert in dieser Zeit echt mal viel Spannendes, Langeweile kommt hier sicher zu keiner Zeit auf. Der Opener fetzt schön vertrackt und wild los, hier wird viel mit Groove und Melodie gearbeitet, dazu gesellen sich experimentelle Spielereien. Und dann dieser Mittelteil, der durch diese verspielte Leichtigkeit zum Leben erwacht und man beim Hören das Gefühl hat, von einem frühen Sonnenstrahl Anfang Mai an den Nasenhärchen gekitzelt zu werden. Kann man eigentlich nicht beschreiben, muss man erleben! Die Balance zwischen laut und leise könnte nicht spannungsgeladener umgesetzt sein, dazu verzücken die Gitarren immer wieder mit Melodien, die man am liebsten gleich selbst auf der Gitarre auschecken würde (wenn man’s denn könnte…). Zwischen sich noisig aufbauenden Post-Rock-Gitarren (Fatigue), den melancholischen Midwest-Emo-Gitarren (Anfang von Somersault) bis hin zum zwirbelnden Gitarrenmassaker und Screamo-Vocals (Infinity Loop) freut man sich in jeder Phase, in der sich die Band gerade befindet. Und dann sind da noch die hymnischen Momente wie z.B. bei Body Horror. Ihr seht schon, das kann zwischen Chaos und Leidenschaft ziemlich facettenreich sein. Obendrauf gesellen sich tolle und durchaus eigenständige Bass-Parts, die sich aber dennoch in den Gesamtsound einfügen.

Die persönlichen Texte sind übrigens mit selbstkritischen Gedankenzügen und gesellschaftskritischen Beobachtungen angereichert. Mit Köpfchen aus dem Leben gegriffen, sozusagen. Weitere Soundspielereien (z.B. mit Keyboards) entdeckt man bei jedem neuen Durchlauf. Wow! Wenn ihr verschachtelten Sound mögt, der dazu noch mit jeder Hörrunde eingängiger wird, dann solltet ihr diese Jungs hier unterstützen. Zu dumm, dass ich leider verhindert war, als die Kölner neulich eine Autostunde entfernt vor ein paar wenigen Leuten in Ulm auftraten. Befreundete Augenzeugen waren trotz der geringen Besucherzahlen hellauf begeistert! Tja, selbst schuld! Jedesmal, wenn ich diese Songs hier höre, beiß ich mir erneut in den Hintern! Ein zeitloses, durchaus mächtiges Album!

9/10

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Doppelreview: Pisse-12inch, Pisse & Perky Tits-Split 10inch

Pisse – „Mit Schinken durch die Menopause“ (Phantom Records)

Bisher sind mir Pisse eigentlich ziemlich am Arsch vorbeigegangen, nachdem ich irgendwann mal kurz bei Bandcamp in ’nen Song reingehorcht hatte und von dem billig klingenden Lo-Fi-Sound eher abgeschreckt war und gleich mal total entgeistert zur nächsten Band weiterhüpfte. Tja, man sieht sich immer zwei mal im Leben! Dank des liebevoll zusammengestellten Plattenpakets aus dem Hause Phantom Records liegt nun also die Mit Schinken durch die Menopause-12inch auf’m Plattenteller, ich hab das zweite Bier im Schädel und das in schönster Punkermanier mit Schere und Klebstift zusammengebastelte Textheftchen in den Pfoten.

Und nach dem fast unerträglichen Opener Pumafrau  muss ich doch das erste Mal schmunzeln, als mit Scheiß-DDR dieser Scheppersound an meine Ohren dringt. Übergeschnappter und übersteuerter Gesang, schrammelige Gitarren und ein blechernes Schlagzeug. Ungeschliffen, roh, direkt aus dem Proberaum mit ’nem billigen Kasi aufgenommen, dazu dieser unglaublich geile Text! Alter, dat is Punk, dat raffst Du nie!  Oder ist das hier schon wieder Kunst? Man weiß es nicht so recht. Aber eigentlich isses auch egal. Und ja, im Verlauf der Platte geht es so weiter, Pisse kacken auf alles und scheren sich ’nen Dreck um Political Correctness. Trotzdem lassen die Texte mit ihrem unterschwelligen Humor vermuten, dass hinter Pisse ein paar clevere Typen stehen, die die gegenwärtige Alltagsmisere mit einem Augenzwinkern kritisch hinterfragen. Oder vielleicht auch nicht…

Und obwohl der Sound so billig und einfach klingt und ab und an deutliche Spielfehler zu hören sind, bleiben die Songs bereits nach dem zweiten Durchgang kleben! Phänomenal! Neben den schrammeligen Gitarren setzen die Jungs übrigens auch ein sogenanntes Theremin und einen Synthesizer ein. Ja, Pisse sind wahrhaft eine der derzeit bedeutendsten Deutschpunkbands. Das habe ich nun endlich auch erkannt! Zum Schluss noch meine drei Lieblingszeilen aus verschiedenen Songs im Zitat: „Ich bin der schönste Mann in der Nervenheilanstalt“ (das irre Lachen, ich brech ab); „Ich zieh ’ne Line Crystal Meth aus dem Arschloch von meinem Chef – Life Work Balance“; „Du bist nicht queer, nur weil Du Biertitten hast“. Mehr muss man zu dieser Platte wirklich nicht sagen. Mach ’ne Party und leg diese Scheibe auf!

Bandcamp / Phantom Records


Pisse & Perky Tits – „Split 10inch“ (Phantom Records)

Schön schlicht liegt die 10inch ganz angenehm in der Hand. Komplett schwarzes Cover, oben ein schmaler Aufkleber, den man erstmal leider zerstören muss, um an den Inhalt ranzukommen. Die Labels sind auch schwarz und unbedruckt, aus dem Inneren purzelt lediglich noch ein Aufkleber mit den Songtiteln beider Bands. Den Aufkleber kann man sicher zum Aufpeppen des Covers verwenden, aber mir gefällt das Cover so ganz schlicht einfach besser. Tuning is für Arschlöcher!

Pisse beginnen mit einer abgespacten Coverversion des Razzia-Klassikers Nacht im Ghetto. Hat was von Kraftwerk oder von diesen EBM-Bands á la Nitzer Ebb. Danach folgen vier eigene Stücke. Und die sind in gewohnter Pisse-Manier schön schrammelig, lo-fi und mit teils spooky Theremin – und Orgelklängen. Und natürlich wieder mit Textzeilen, die ihresgleichen suchen. Verrückt bis zum Anschlag! Die sind ganz schön durch, die Jungs!

Perky Tits kommen aus Berlin und machen richtig schlechten und holprigen Lo-Fi-Punk, der aufgrund der beschissenen Aufnahmequalität ziemlich schnell auf die Nerven geht. Mein Gott, das klingt echt nach Mitte der Achtziger. Nostalgie pur, das Ding hat den Charakter einer 0815-Kellercombo, die ihre Demos mit einem scheppernden Kasi aufgenommen hat. Und trotzdem gehen die neun Songs nach ein paar Durchläufen richtig ins Ohr. Der Sänger klingt manchmal nach diesem Sex Pistols-Kasper, der auch mal im Dschungelcamp mitgemacht hat und mittlerweile ziemlich dampfnudelartig aufgequollen ist. Am Besten gefällt mir das deutschsprachige Stück Standartisiert. Und die Samples zwischen den Songs sind auch gut ausgewählt. Ja, so vertont man stumpfe Zerstörungswut!

Bandcamp / Phantom Records