Phantom Records-Special: Tape-Dreier: Dikloud, Pleite, Mile Me Deaf

Dikloud – „Seven Fleas“ (Phantom Records)
Mein Tape-Deck ist ja schon vor Jahren verreckt. Jedes Tape, das zuletzt darin abgespielt wurde, wurde zu irreparablem Bandsalat. Nun, die restlichen Kassetten-Abspielgeräte im Haushalt wurden durch meine Kinder auf den Elektronik-Schrott-Friedhof befördert. Ich hab nur noch einen Sony-Walkman aus den Achtzigern, mit dem ich all meine Lieblings-Tapes digitalisiert habe und den ich vor den Kindern versteckt halte. Der spielt Tapes ab, ohne dass das Band leiert, völlig zuverlässig. Aber wenn der mal den Geist aufgibt, dann steh ich wie der Ochse vor dem Berg da. Okay, vielen Tapes liegt ein Download-Code bei, aber was macht man dann mit dem Tape? Schade um die verbrauchten Rohstoffe. Egal, Seven Fleas gibt es auch bei Bandcamp im Stream, die Texte lassen sich dort auch in einer etwas größeren Schrift nachlesen. Dennoch freue ich mich an dem Tape, da es Erinnerungen an frühere Zeiten weckt, als es sich noch nicht jede Kellercombo leisten konnte, CD’s zu brennen oder gar Vinyl pressen zu lassen. Nun, Seven Fleas wurde bereits im Jahr 2012 released, das Tape-Re-Release stammt aus dem Jahr 2016 und ist mit seiner praktisch aufklappbaren Kartonummantelung sehr hübsch aufgemacht. Ich lernte die Band über die 12inch II kennen, deshalb macht es Laune, auch über die Anfänge der Band zu erfahren. In einer Art Vorwort berichtet Gitarrist und Sänger Leo von den Startschwierigkeiten, die durch die ungeheure Spielfreude der drei Jungs einfach weggefegt wurden. Zu hören sind auf dem Tape insgesamt sieben Songs, die irgendwie noch ein wenig härter und roher und teils auch holpriger als auf II um die Ecke kommen, aber auch hier findet sich die für die Band typische laut/leise-Thematik wieder. Geboten wird deutschsprachiger Emo-Punk, der gern auch Ausflüge zum Hardcore, Noise und Post-Punk macht und immer eine gewisse Screamo-Kante mit sich trägt.
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Pleite – „Demo“ (Phantom Records)
Dieses äußerst hübsch gestaltete 3-Song-Demotape ist laut der Bandcamp-Seite der Band bereits ausverkauft. Sieht ja auch schnuffig aus, das Ding. Ausgestanztes Sichtfenster im Spielautomaten-Look, so dass man beim hören ein kleines Glücksspiel mit dem dahinter liegenden Textblatt machen kann. Schöne Idee! Und auch auf der musikalischen Seite können die vier Jungs aus Berlin punkten. Noisiger Hardcore-Punk, der irgendwo zwischen emotionalem Punk á la Willy Fog und der Wut von mülltonnenschmeißenden Hammerhead liegt, zudem höre ich einen nicht unwesentlichen Washington-DC-Hardcore-Einfluss heraus. Obendrein gefallen die ironisch-bissigen deutschen Texten. Zudem ist der Sound für eine Demo ziemlich gut abgemischt, so dass jedes Instrument klar herauszuhören ist, auch wenn an manchen lauteren Stellen es etwas übersteuert klingt, aber das steuert ein wenig Rotze bei. Der immer wieder in den Vordergrund tretende knödelnde Bass und die noisigen Gitarren runden das ganze dann entsprechend ab. Sehr geil! Bin gespannt, was wir von dieser Band noch zu hören bekommen werden!
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Mile Me Deaf – „Alien Age“ (Phantom Records)
Die farbenfrohe Pappschachtel-Verpackung sticht schon mal grell ins Auge, das pinkfarbene Tape steht dem bunten Artwork ebenso in nichts nach. Jedenfalls sieht das Cover aus wie diese in den Neunzigern beliebte Stereoskopien, bei denen man mit der Nase auf die Bildmitte stoßen musste, um ein 3D-Bild zu sehen. Keine Ahnung, ob sich das hinter dem Artwork verbirgt, ich seh jedenfalls kein 3D-Bild, vielleicht liegt es auch daran, dass das auf Tapegröße nicht funzt? Nun, Mile Me Deaf kommen aus Wien, bisher ist mir die vierköpfige Band noch nie begegnet, obwohl schon etliches Zeugs von den Weirdos erschienen ist, bis jetzt bewegte man sich wohl eher im Indie-Rock-Bereich. Nun, auf Alien Age hören sich die Österreicher jedenfalls sehr experimentell an, da wähnt man sich beim Hören auf einer saftigen Wiese im Grünen, die nach Gänseblümchen und Kuhmist duftet. Die Musik kommt sehr relaxt rüber, LoFi-Indie mischt sich mit Pop, dazu kommt noch eine dezente Fuzz-Kante, jedoch rücken die Gitarren eher in den Hintergrund. Der mantra-artige Opener Invent Anything verzückt auf Anhieb mit smoothen Bass-Sounds und chilligen Orgelklängen. Insgesamt zehn Songs werden dargeboten, dabei pendeln sich die Songs so um die 4-5 Minuten-Grenze ein, es gibt jedoch auch mit Martial Blood ein achtminütiges Stück. Stellt euch vor, die Doors würden in die Zukunft reisen und dort zusammen mit Richard Ashcroft ein paar LSD-Trips werfen, um anschließend eine spacig-psychedelische Jam-Session in modernem Gewand abzuhalten, dann habt ihr ungefähr ein Bild, wie das hier alles klingt. Ach ja, Sänger Wolfgang Möstl kennt man übrigens von Killed By 9V Batteries.
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Fake Off – „Boréal“ (Dingleberry Records u.a.)

Es ist gar nicht mal allzu lange her, als ich auf einer meiner Bandcamp-Surfeskapaden auf diese mir bis dahin unbekannte Band aus Lille/Frankreich stieß. Nachdem ich erstmal gierig vom Name Your Price Download Gebrauch nahm und mir alle drei Releases der Franzosen auf die Festplatte zippte, entdeckte ich die Vielzahl an Labels, die an dieser neuen EP beteiligt sind. Und siehe da, die Chancen standen gar nicht schlecht, mit dieser schicken 12inch physisch bemustert zu werden, da mit Dingleberry Records und koepfen gleich zwei nette Labels am Start sind, die regelmäßig Vinyl rumschicken. Insgeheim inständig hoffen klappt ja manchmal ganz gut, denn prompt lächelt mir das düster aber edel wirkende Albumcover beim Auspacken des letzten Plattenpakets aus dem Hause Dingleberry Records entgegen. Luftsprung! In solchen Momenten wird mir dann immer ganz schön warm ums Herz. Nun, neben den eben erwähnten Labels sind noch Backpack Records, BG Records, Dirty Slap Records, Don’t Trust The Hype Records, Emergence Records, I For Us Records, Inhumano Discos, KROD Records, Lonely Voyage Records und Mustard Mustache Records am Release beteiligt.

Und jetzt, beim Betrachten des Artworks auf Front-und Backcover wird das Zusammenspiel des EP-Titels und der Songtitel klarer. Bisher war mir Boreal nur als Begriff aus der Erdgeschichte im Zeitabschnitt des Holozäns geläufig. Aber wenn man erstmal bei Wikipedia stöbert, stößt man auf weitere Bedeutungen des Begriffs und erfährt auch vom borealen Nadelwald (Taiga), vom borealen Klima (Arktik) oder vom borealen Schild (Ökoregion in Kanada), so dass die Songtitel mitsamt den einfach gehaltenen skizzenhaften Zeichnungen langsam einen Sinn ergeben, zumal sich ein Blick ins Textblatt ebenfalls lohnt und sich ein gewisses Konzept erkennen lässt. Die fünf Songs tragen allesamt Namen, die mit verschiedenen Vegetationszonen im Zusammenhang stehen. Während des Hörens überlege ich, ob sich diese Vegetationszonen evtl. in den letzten Jahrzehnten durch umweltschädigende Einflüsse bzw. dem Klimawandel stark verändert haben. Jedenfalls sind die genreunüblichen Texte bildhaft und poetisch anmutend zugleich, zudem lassen sie reichlich Raum für Interpretationen, so dass man neben dem musikalischen Genuss die vielen Puzzleteile im Gehirn rotieren lassen kann. Und um dem Ganzen noch mehr Tiefe zu geben: das durchsichtige Vinyl mit den pinken Sprengseln hat auch irgendwie etwas erdgeschichtliches an sich.

So, aber jetzt endlich mal noch kurz zur Musik, denn diese ist ja der eigentliche Grund meiner Begeisterung. Knapp 18 Minuten dauern die fünf Songs. Wie? Nach drei Durchläufen soll wirklich schon knapp eine Stunde vergangen sein? Wie schön wäre es doch, wenn die Zeit auf der geliebten Arbeit so schnell vergehen würde! Aber Fake Off machen auf diesen fünf Songs auch alles richtig: fett klingende Produktion, die aber trotzdem authentisch, wütend, leidend und mit ganz viel Seele rüberkommt. Zwischen mitreißendem Post-Hardcore mit emotive Screamo sind auch etliche Modern Hardcore und Melodic Hardcore-Passagen  mit an Bord, so dass man beim Hören einen Mischmasch aus Bands wie Shai Hulud, Aussitot Mort, State Faults, With Honor oder We Never Learned To Live im Ohr hat. Hört da unbedingt rein, es lohnt sich!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Slow Bloomer – „Nudity“ (Through Love Rec. u.a.)

Irgendwie schwirren mir beim Betrachten des Albumcovers diese Bilder im Kopf rum, die man im Zusammenhang mit Fotos einer Körperwelten-Ausstellung vor Augen hat. Da bekommt man nämlich das zu sehen, was unter der Haut eines Menschen steckt, nämlich Muskelfleisch, Sehnen, Fettgewebe und Fasern. Ohne Textilbekleidung und ohne schützende Haut ist man quasi nackt, das würde ja dann zum Titel des Debutalbums der Band aus Dresden/Leipzig passen. Keine Ahnung, ob Christian Brix das bei der Gestaltung des Covers im Hinterkopf hatte oder ob ich mal wieder total auf dem Holzweg bin. Jedenfalls hat Christian mit seiner Kunst über Kids Artworks auch schon etliches Zeugs für andere namhafte Bands gestaltet, ein Besuch auf seiner Seite lässt euch deshalb sicher beim durchscrollen reichlich staunen.

Nun, gleich fünf namhafte DIY-Labels haben dieses wahnsinnig gute Album ermöglicht, neben Through Love Records sind noch Miss The Stars Records, midsummer records, Koepfen und Flood Records beteiligt. Dass so viele Qualitätslabel mit im Boot sind, liegt sicherlich nicht alleine daran, dass bei Slow Bloomer Leute von Reason To Care oder Continents mitwirken. Klar, durch das musizieren in diesen Bands haben die Jungs schon reichlich Erfahrung gesammelt, die Slow Bloomer natürlich hörbar zugute kommt.

Da wäre zum einen das ausgetüftelte Songwriting zu nennen, das trotz einer Spielzeit von ungefähr vierzig Minuten keinerlei Langeweile aufkommen lässt. Unter den zehn Songs stechen einige Songs auf Anhieb ins Auge, da sie catchy as fuck sind. Darunter fällt z.B. das geniale Delicate Apathy mit diesen verträumten Gitarrenklängen und den unter die Haut gehenden Gesangsparts, da hat man dann Bands wie z.B. Basement im Hinterkopf. Auch Songs wie das quirlige Salt Or Cyanide oder das gefühlvolle Delta Waves gehen direkt ins Ohr, Sleeping Next To ist auch entzückend. Dann gibt es aber auch Stücke wie On Wings Of Paper Planes, die einige Durchläufe brauchen, bis sie zünden. Trotzdem bleibt das ganze auf einem sehr hohen Niveau, was wahrscheinlich an der unbändigen Spielfreude und den übersprudelnden Ideen der Jungs liegt. Der hohe Anspruch wird übrigens auch textlich weitergeführt, alle Texte sind zudem in lesbarer Schriftgröße abgedruckt. Wenn ihr euch eine punkige Mischung aus gefühlvollem Neo-Grunge, etwas Emocore und sattem Post-Hardcore vorstellen könnt, dann bestellt euch lieber dieses Release, bevor ihr durch den Kauf teurer und vermutlich völlig überbewerteten Auslandsimportscheiben den CO2-Austoß noch weiter in die Höhe treibt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Records


 

Phantom Records-Special: Dikloud, Gulag Beach, Japanische Kampfhörspiele, Sad Neutrino Bitches

Dikloud – „II“ (Phantom Records u.a.)
Als ich vor einiger Zeit eine Kritik zu II der Dresdner Band Dikloud im Ox las, war ich direkt angefixt durch die Vinyl-Beschreibung und den paar Zeilen zum Sound der Punkband, so dass ich mich gleich auf die Online-Suche machte, um erstmal reinzuhören. Keine Ahnung, ob ich damals fündig wurde, wahrscheinlich eher nicht, sonst hätte ich mit Sicherheit von meinem musikalischen Erlebnis berichtet. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich mich nach so langer Zeit an eine Plattenkritik aus dem Ox erinnern kann, denn II ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Nun, es liegt an dem auf das Cover aufgeklebte Polaroid-Foto, zudem hatte ich den Bandnamen irgendwo in den allerhintersten Gehirnregionen noch im Speicher und bei meiner Online-Recherche stieß ich dann auch auf dieses Review aus dem Ox, so dass es wieder klingelte. Dementsprechend happy war ich, als ich die schwere und dicke 12inch aus dem neulich zugesandten Phantom Records-Päckchen fischte und zuerst dachte, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Doppel-12inch handeln würde. Aber weit gefehlt. Das Autolack-schwarze Albumcover besticht zum einen mit dem in goldener Schrift besiebdruckten Bandnamen samt Albumtitel, im Kontrast dazu bekommt das Ganze durch das aufgeklebte Polaroid so eine schöne Emo-DIY-Note. Schaut man dann ins Innere der Platte, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus: da findet sich nach einem ebenfalls sehr hübsch bedruckten Backpapier-Poster ein DIN-A4-Briefumschlag, aus dem vierzehn teils auf transparentem Papier gedruckte DIN-A4-Blätter zum Vorschein kommen, auf welchen kunstvolle Bildaufnahmen zu sehen und die Texte zu lesen sind. Wahnsinn! Aber nun zum Sound des Trios: der zieht nämlich ab dem Aufsetzen der Plattennadel an in den Bann. In erster Linie ist das Punkrock, es fließen aber auch Screamo-Elemente, Post-Hardcore, Emocore und Noise mit ein, Schrei-Punk-Parts sind ebenso an Bord wie noisige Grunge-Smasher mit hart gespielten Drums und zu hell abgemischten Crash-Becken. Teilweise hört sich das dann etwas nach vertracktem Washington DC-Hardcore an, gerade der Bass hat diesen fiesen Dischord-Sound drauf, aber im nächsten Moment klingt die Band dann schon wieder fies nach deutschsprachigem Schreihalspunk der Sorte Love A, Willy Fog, Düsenstaat oder Lygo, die Kölner Band Colt. wäre auch noch eine gute Referenz. Ach so, die Texte sollten noch erwähnt werden, denn die zeigen, dass für die 2014 besungenen Probleme auch im Jahr 2017 noch keine Lösungen gefunden wurden. Sehr schöne Platte, vielleicht finden sich noch ein paar Exemplare in irgendwelchen Distro-Kisten! Am Release beteiligt sind neben Phantom Records noch die Labels Mamma Leone, Kalt Am Kopf Records und das Knebel Label.
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Gulag Beach – „Apocalyptic Beats“ (Phantom Records)
Ups, das hier ist schon die dritte 12inch dieser Punkband aus Berlin? Tja, ich muss sagen, irgendwie bin ich nicht mehr auf dem laufenden, seit ich irgendwann in den späten Neunzigern mein Plastic Bomb-Abo gekündigt habe, haha. Jedenfalls sieht der Gulag Beach auf dem Albumcover sehr einladend aus, so ein Sonnenbad in der Strick-Hängematte entspannt sicher ungemein! Und was braucht man am Strand? Ja genau, ultracoolen und stinknormalen Punkrock, der gute Laune macht und nach vorne geht. Ohne Schnörkel, ohne weiteren Schnick-Schnack. Klar, ein veganes Wurstbrot und ein paar Dosen Bier wären natürlich auch nicht schlecht. Aber bevor es an den Strand geht, lungert der gemeine Punk erstmal zuhause rum, um die neu ergatterte Platte auf Tape aufzunehmen, so dass später am Strand die Clique und die gewöhnlichen Badegäste auch noch davon zehren können. Die Platte wird also auf den Teller geklatscht, die Record-Taste am Tapedeck wird gedrückt und da sie klemmt, braucht es einen Trick, damit das Band in Bewegung kommt. Yeah. Auf dem 60er Tape sind dann auf der A-Seite noch ganze 8 Minuten Platz, da gilt es dann später noch etwas zu finden, damit alles schön stimmig ist. Die A-Seite läuft an, schnell das Textblatt rausgefischt…hoppla…das ist ja gar kein Textblatt! Das ist ein Poster, das kann man sogar auffalten. Ach so, die Texte stehen hinten auf der Hülle…Und da stehen auch noch andere Informationen, z.B. dass drei der vier Mitglieder der Band von Discharge, Hammerhead und Keny Arkana inspiriert sind. Moment mal, und das vierte Mitglied? Keinerlei Inspiration? Das kommt mir verdächtig vor, überprüft den doch bitte mal, könnte ein Spitzel sein! Ha, ha…Hammerhead und Discharge mag ich übrigens auch, Keny Arkana musste ich googeln. Aha, sehr interessant! Berliner stehen halt auf diesen Gangsta-Rap á la Bushido oder Sido. Schön, dass es auch mal Frauen gibt, die abseits von Dummheit und grammatikalischen Fehltritten über Sachen rappen, über die es sich zu rappen lohnt. Keny Arkana tut dies auf Französisch. Okay, die Discharge-Stelle mit dieser sich wiederholenden Textzeile the nightmare continues hab ich dann auch entdeckt, die kommt beim Song The Grave At Hand, aber bei Gulag Beach hört sich das bei langem nicht so bedrohlich an. Dass die Jungs einen Text von den Almighty-Hammerhead einfach klauen und ihn 1:1 ins englische übersetzen, ist ziemlich frech. Tobias Scheiße würde da sicher sauer werden, wenn er dies erfahren würde. Ihr könnt froh sein, dass sein Facebook-Profil gelöscht wurde, sonst…man munkelt, er habe anscheinend Kontakt zum Gladbeck-Killer, der mittlerweile seine Freiheit auf irgendeiner Parkband genießt. So, jetzt ist die Platte aber durchgelaufen, ich hab dann einfach nochmal aufgelegt, auf beiden Tape-Seiten ist jetzt jeweils am Ende der Song „Ich Sauf Allein“ von Hammerhead im Original zu hören.
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Japanische Kampfhörspiele – „The Golden Anthropocene“ (Phantom Records)

Auch wenn das Cover zeigt, wofür das Internet eigentlich wirklich genutzt wird, hoffe ich trotzdem, dass ein geringer Prozentsatz der Internetnutzer nebenher auch sinnvolle Seiten im Netz ansteuert. Und das ganz ohne klebrige Finger. Nimmt man das Bild auf dem Innencover, auf dem auch die Texte abgedruckt sind, dann könnte man die Suchmaschine z.B. nach „Plastikmüll im Meer“ füttern und dabei auf diesen tollen Typen namens Boyan Slat stoßen, der die Meere mit seiner Firma „The OceanCleanUp“ von den fiesen Plastikpartikeln befreien will, die längst in der Nahrungskette des Menschen angekommen sind. Ich hab bei meiner Internetrecherche rausgefunden, dass dieses Album passend zu der Strand-Müll-Fotoaufnahme auf einer Müllhalde gemischt wurde. Nun, ob das jetzt eine Information ist, die man unbedingt braucht, sei mal dahingestellt. Instrumental gesehen haben sich bei den Japanischen Kampfhörspielen kaum Änderungen ergeben, die Öhrchen werden von dem typischen von der Band gewohnten Grind-Death-Metal-Punk malträtiert, der mit etlichen Tempowechseln, vertracktem und dissonantem Gebolze und auch melodischen Parts genügend Abwechslung bietet. Wie der Albumtitel schon ankündigt, geht es textlich um das goldene Zeitalter des Anthropozän, welches die Menschheit als wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ansieht. Und wie man es von der Band aus Krefeld gewohnt ist, wird kein Blatt vor den Mund genommen, da kriegt mal wieder jeder sein Fett ab. Beim Song Tellerand übernimmt Junge von EA80 die Vocals, bei Tag 1 nach den Menschen singt Christian Markwald von der Band Diaroe.
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Sad Neutrino Bitches – „Squaw“ (Phantom Records u.a.)
Trashiger Skatepunk klingt eigentlich immer gleich, egal ob anno 2017 oder Anfang der Neunziger. Das kam mir direkt bei den ersten Takten dieser schick aufgemachten 12inch der Sad Neutrino Bitches in den Sinn, die bereits im Jahr 2013 via Phantom Records und Spastic Fantastic Records erschien. Also, schnell mal den Staub weggeblasen und die schön schwere Scheibe auf den Teller geklatscht, kann der erste Song auch direkt losschrammeln. Und ja, da bekommt man umgehend Lust, das Skateboard zu schnappen und schön durchzudrehen. Bereits beim zweiten Song revidiere ich aber das eingangs behauptete Vorurteil, denn die Sad Neutrino Bitches bauen in ihren trashigen Skatepunk viele noisige und dissonante Parts ein, zudem gefällt mir die Abwechslung beim Gesang. Da wird auf der einen Seite in dieser hohen Tonlage gesungen, teils wird auch Nerven zehrend gebrüllt. Anfangs dachte ich, dass hier eine Frau am Mikro ihre Stimmbänder schänden würde, aber anscheinend gehört dieses Goldkehlchen dem Typen, der gleichzeitig an der Gitarre sein bestes gibt. Auf der Gegenseite kommt eine dunkle, fast heisere Stimme zum Einsatz. Geil find ich, wenn die hohe Stimme zu kreischen anfängt, dazu passt dann das Bild mit dem Fuß in der Bärenfalle auf der Rückseite ganz gut. Und beim dritten und neunten Song kommt sogar noch ’ne psychedelische Orgel mit ins Spiel. Durch diese Umstände heben sich die drei Jungs also ein wenig aus den gleich klingenden Skatepunk-Bands hervor. Live bombt mich so ein trashig-noisiges Oldschool-Hardcore-Punk-Brett natürlich mehr weg, als auf Platte. Die Band selbst nennt Bands wie die Gories, Oblivians, Zeke oder Angry Samoans als Vergleiche. Ja, das passt eigentlich ganz gut, aber kennt noch jemand die Pricks? Die haben so ’nen ähnlichen arschtretenden Sound wie das Trio hier. Ach so, der Typ auf dem Cover erinnert mich irgendwie an Frank Gallagher aus der TV-Serie Shameless. Was auch noch ziemlich lustig ist: auf der Rückseite des Textblatts findet man ’ne Anleitung, wie man das Plattencover ein wenig mit einer Indianerfeder aufmotzen kann. Da tierliebe Leute sicher Schwierigkeiten mit der gezeichneten Anleitung der Federgewinnung haben, war die Band so freundlich, eine rosa gefärbte Kunstfeder als Gimmick beizulegen. Nur soviel: das schöne goldene Plattencover zerschneide ich sicher nicht…
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Video-Fünfer: Hell & Back, Sorority Noise, Bare Teeth, Hightower, Viva Belgrado

Hell & Back stellen mit Nailed It  einen neuen Song aus ihrem am 30.06.17 erscheinenden Album „Slowlife“ vor. Wie schon das Debut wird das zweite Album der Punkrock Band wieder beim Label Fond Of Life Records veröffentlicht. Schaut doch mal rüber zu den Jungs, vielleicht spielt die Band anlässlich des Releases bei euch um die Ecke.


Sorority Noise wurden mit Ihrem dritten Album „You’re Not As ____ As You Think“ zurecht überall abgefeiert. Jetzt gibts zu No Halo auch noch ein intensives Video zu sehen.


Die französischen Punkrocker Bare Teeth kommen mit einer brandneuen EP namens „First the Town, Then the World“ um die Ecke. Ein Video zum Song Parted Ways haben die Jungs ebenfalls am Start. Und wie bei Franzosen so üblich, geht es hier wiedermal um die Liebe.


 

Auch die französischen Pop-Punks von Hightower haben ein Video zum Song The Party abgedreht, das kommende Album namens „Club Dragon“ wird auch bald erhältlich sein.


Viva Belgrado haben mit Ulises im Jahr 2016 ein saustarkes und intensives Album veröffentlicht. Zum Song Annapurnas gibt es jetzt ein nettes Video zu sehen. Die Band aus Córdoba macht wohl bei der Aktion „Mein schöner Proberaum“ mit?


 

Deszcz – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Verdammt! Manchmal muss man nur mal den gesunden Menschenverstand einsetzen, wenn man nicht auf Anhieb den Bandschriftzug entziffern kann, was mir im Falle dieser Band aus Poznan/Polen nicht auf Anhieb gelang, wahrscheinlich aufgrund der für westliche Europäer ungewöhnlichen Buchstabenanreihung. Ein Blick auf den Plattenrücken präsentiert den Bandnamen nochmals deutlicher: Deszcz heißt die Band dieser drei jungen Herren aus Polen. Übersetzt bedeutet Deszcz übrigens soviel wie Regen (laut Internetzcz). Weil ich absolut ahnungslos war, wie dieses Wort wohl in der Landessprache ausgesprochen wird, hörte ich gespannt der Dame des Übersetzungsprogrammes zu und empfand, dass die Aussprache Ähnlichkeiten zum englisch ausgesprochenen Death aufweist, allerdings nicht mit th, sondern mit tsch, also [Dätsch].

Die 12inch liegt schön schwer in der Hand. Obwohl die schwarz-weiß bedruckte Hülle im dicken Karton kommt, finden sich im Inneren ein weiterer weißer Innenkarton inklusive Schutzhülle, das reichlich geschützte Vinyl ist ebenfalls von der schweren Sorte. Zudem liegt ein auf glatten und dicken Hochglanzkarton gedrucktes stabiles Textblatt bei. Einen Download-Code werdet ihr nicht brauchen, surft einfach irgendeine Bandcamp Seite der am Release beteiligten Labels an und holt euch den Name Your Price Download. Das Ding erscheint via diykolorecords, Black Wednesday Records, dullest records, N.I.C., Kajfasz03 und Dingleberry Records.

Meine Internet-Recherche über die Band brachte irgendwie keine brauchbaren Ergebnisse, ich vermute mal aufgrund der auf Bandcamp dargebotenen 2014-er EP mit dem Titel Rain Keeps Falling, dass es sich bei dieser 12inch um eine Art Re-Release handelt, da die sechs Songs dieser EP hier ebenfalls mit drauf sind, zudem sind zwei weitere Songs zu hören. Immer wieder geil, so unbehaftet und ohne weitere Infos eine Band zu erforschen, die einem bereits in den ersten Minuten ein fettes Grinsen in die Fresse zaubert. Denn Deszcz zeigen schon beim intro-artigen und sehr emotionalen Storm Is Coming, dass ziemlich bald ein heftiges Gewitter mit Sturm und Hagel über die heimische Anlage kommen wird. Und schwups, bereits beim zweiten Song Afterlife findet man sich in eben diesem angekündigten Sturm. Gnadenlos und brutal, trotzdem mit unterschwelligen Melodien. Wildes Getrommel, messerscharfe Gitarren, herzzerreißendes Gekeife. Wahnsinnig geil runtergezockt bekommt ihr ein tief emotionales Neo-Crust-Brett vor den Latz geknallt, das von vorn bis hinten fesselt. Dabei entdeckt man dann an manchen Stellen, dass sich der Sänger z.B. gerade beim Song Afterlife etwas nach Kuddel in der frühen Miozän-Phase anhört, während die tief gegrunzte Stimme ein wenig an den Sänger von New Day Rising erinnert und die Gitarren im doppelt rasant gespieltem Stil von Newborn/Bridge To Solace echt alles wegblasen. Dicke Empfehlung für alle Emo-Cruster unter euch.

8/10

Facebook / Bandcamp / Name Your Price Download / Dingleberry Records


 

Arrowhead & Forever Losing Sleep – „Split 12inch“ (lifeisafunnything)

Diese einseitig bespielte 12inch besticht erstmal mit einer saustarken Optik, außen wie innen. Das Artwork wurde von Arrowhead-Schlagzeuger Dylan Sylvester entworfen, die symbolträchtigen Quadrate mit den ausgekehlten Ecken auf dem Front-und Backcover und dem Textblatt laden jedenfalls zum Grübeln ein, wozu man während der 17minütigen musikalischen Reise noch ausgiebig Zeit haben wird. Aber es wird noch besser. Das Vinyl schimmert auf dem Plattenteller wie ein glattgeschliffener Türkis-Edelstein. Mein Exemplar zumindest, denn neben der türkisen Variante, die mit Rauchschwaden durchzogen ist, gibt es auch noch eine gelbe Version, ebenfalls mit Rauchschwaden. Von beiden Varianten existieren jeweils nur 100 Stück, haltet euch also ran.

Den Anfang machen Arrowhead aus Boston. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich über Arrowhead beim Bandcamp-Surfen stolperte und von ihrem Album A Collection Of What You’ve Lost derart begeistert war, dass ich nicht drum herum kam, ein paar Zeilen in einer der 2015-er Bandcamp-Runden zu schreiben. Kaum zu glauben, dass ich fast eineinhalb Jahre später von dieser Band einen Song auf Vinyl mein eigen nennen kann, noch dazu ein so schönes Exemplar und dann auch noch auf lifeisafunnything. Wahnsinn! Es ist zwar nur ein einziger Song, aber dieser ist die absolute Wucht. Thousand Palms, Sung And Reposed ist ein fast achtminütiges Monster. Was leise und etwas düster beginnt und zu Beginn so Gitarrengezirpe mit an Bord hat, wie man es bei dieser Schlussszenenmelodie in jeder Dexter-Folge hören kann, bricht erstmal nach etwas mehr als einer Minute unkontrolliert und mit wuchtigen, schleppenden Donnerschlägen aus, bevor es wieder ruhiger wird und man mit melancholischen und unterschwellig melodischen Gitarrenklängen etwas gezähmt wird. Dabei schreckt die Band auch nicht davor zurück, ein Vibraphon, ein Saxophon und ein Piano einzusetzen, was erstaunlich gut zum Sound der Bostoner passt. Und über allem dieser wahnsinnig leidend rausgeheulte Gesang. Ganz grob kann man diesen Song zwischen emotionsgeladenem Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock einordnen. Dass Bands wie z.B. I Hate Myself, Funeral Diner oder The Saddest Landscape dicke Spuren im Sound von Arrowhead hinterlassen haben, kann man jedenfalls deutlich hören. Erinnert an Bands wie We Never Learned To Live, Envy oder State Faults.

Forever Losing Sleep kommen aus New Jersey, mir waren sie bis jetzt nicht bekannt, obwohl auch schon ein Album veröffentlicht wurde und das Bandgründungsjahr auf der Facebook-Seite mit 2011 angegeben wird. Aber wie das bei lifeisafunnything-Releases so ist, trifft auch der neunminütige Song Woken By The Sun genau ins Schwarze. Forever Losing Sleep sind viel harmonischer als Arrowhead unterwegs, alleine der Gesang hat das Zeug dazu, ganze Gänsehaut-Autobahnen über Deinen Rücken zu jagen. Zusammen mit den spielerisch klingenden und durch die Luft flirrenden Gitarren und den bedächtig gespielten Drums klingt das dann so, als ob Du glücklich und schwerelos durch den Raum schweben könntest. Und trotzdem ist da die nötige Portion Dreck, die diesen Sound alles andere als harmlos macht. Dabei schwirren dann massig Bands im Kopf herum, die entfernt mit dem Sound des Quintetts in Verbindung gebracht werden können, der auch so grob zwischen den Stühlen Post-Hardcore, Emo und Post-Rock eingeordnet werden kann. Da sind auf der einen Seite so Jahrtausendwenden-Emo-Bands wie z.B. neuere Appleseed Cast, Juliana Theory, Thursday oder Lifestory Monologue und auf der anderen Seite so Post-Rock-Zeugs wie z.B. Mew oder Explosions In The Sky. Ich bin jedenfalls sehr angetan und bin gespannt, was man noch alles von dieser Band zu hören bekommt. Auch wenn die Bands gegenseitiger kaum sein könnten, funktioniert diese Scheibe als Einheit, als Kunstwerk. Kein Wunder, dass diese Platte eine richtige Herzensangelegenheit von lifeisafunnything-Betreiber Marcus ist. Sehr, sehr geil!

8.5/10

Bandcamp / lifeisafunnything