Cavalcades – „A Small Decline Blocks Everything Out“ 7inch (Koepfen Records u.a.)

Die aus Aberdeen, Schottland stammende Band Cavalcades wirft ihr musikalisches Schaffen scheinbar häppchenweise vor die Füße ihrer Fans, da werden sicher einige mal wieder auf einen Langspieler warten. Nun, nach dem starken 2015er Album tröpfelten die Releases in Form von ein paar Samplerbeiträgen, Split-EP’s und diversen EP’s, darunter auch die sagenhafte One Down For Youth’s Ideals-EP, die schon in etwa die Richtung andeutete, in die es auf dieser 7inch geht. Alleine das Foto vom Cover lässt wieder reichlich Spielraum für Interpretationen. Da liegt jemand auf dem Balkon und genießt womöglich die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, das fehlende Laub der Bäume deutet darauf hin. Es muss ein düsterer Winter mit einigen seelischen Tiefschlägen gewesen sein, die Person seufzt ihre Erschöpfung sichtbar in Gestalt des Rauches heraus.

Die Melancholie, die schon bei der letzten EP One Down For Youth’s Ideals so stark auffiel, tritt bei diesen zwei Songs noch etwas stärker in den Vordergrund. Beide Stücke haben mit ca. 6 Minuten und 20 Sekunden eine fast identische Spielzeit. A Small Decline Blocks Everything Out beginnt leise mit Piano und einer leichten Gitarre, bis sich schleichend und fuzzend ein verzerrter Bass dazugesellt und der resigniert wirkende Gesang einsetzt. Das alles zusammen mag auf den ersten Blick etwas monoton wirken. Geht man jedoch tiefer und freundet sich nach ein paar Durchläufen mit dem Song an, dann fällt die starke hypnotisierende Wirkung auf, die durch den mantraartigen und sich wiederholenden Gesang und die sich in Trance spielende Gitarre begünstigt wird. Zum Schluss taucht dann noch eine Art Kirchenorgel auf, so dass sich trotz fehlender Tempowechsel eine gewisse Spannung aufbaut.

Auf der B-Seite wird es dann mit dem Song The Body Is There, Above My Head etwas zugänglicher. Dennoch ist auch hier die Melancholie der tragende Grundstein. Der wummernde, etwas verzerrte und matschige Bass taucht auch hier wieder auf, die Gitarren spielen sich erneut in tiefgründige Gefühlswelten. Dadurch entwickelt sich eine dichte Atmosphäre, Spannung wird ebenfalls aufgebaut. Man kann es eigentlich kaum beschreiben, was den Sound der Schotten so einzigartig macht, das muss man sich eigentlich selbst regelrecht erarbeiten, am Besten auf Vinyl und über Kopfhörer. Da kann man richtig abtauchen und in die Klangwelt von Cavalcades gleiten. Übrigens wurden die Songs erneut von Jack Shirley/Atomic Garden gemastert. Und neben Koepfen sind noch die Labels zilpzalp rec., Don’t Care Recs, Pundonor Records und Dasein Records mit von der Partie. Wenn ihr euch ein Mischmasch aus Post-Hardcore, Emocore und Shoegaze vorstellen könnt und auch Bands wie Mumrunner und The Cure nicht abgeneigt seid, dann ist dieses Release ein gefundenes Fressen für euch!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen

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Quiet Slang – „Everything Matters But No One Is Listening“ (Big Scary Monsters)

Wenn alte Helden neue Bands am Start haben, dann ist man in der Regel erstmal neugierig und skeptisch zugleich. Im Fall von Alex James, der mir bis heute mit seinen Gitarrenläufen und den beigesteuerten Background-Vocals der vor einem Jahrzehnt aufgelösten Band Weston immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert, folgte mit Beach Slang eine Band, die ebenfalls bei mir Anklang fand, wenn auch nicht in dem Ausmaß von Weston. Dennoch kann dem Sound von Beach Slang das gewisse etwas nicht abgesprochen werden, v.a. wenn man auf 90’s Gitarrenmucke mit Emo-Collegerock-Tendenzen hängen geblieben ist, sind die bisher erschienenen EP’s und die zwei Alben sehr zu empfehlen.

Unter dem Namen Quiet Slang erschien jetzt also ein Album, auf welchem insgesamt zehn Stücke aus den bisher veröffentlichten Beach Slang-Tonträgern gecovert werden. Wer zur Hölle braucht anno 2018 noch ein Coveralbum? Nun, wenn man es genau nimmt, dann ist das hier auch gar kein Coveralbum, bei dem eins zu eins gecovert wurde, vielmehr kann man von Neuinterpretationen sprechen. Bei dem Typen auf dem 12inch-Cover, dessen Gesicht von ein paar Blümchen verdeckt wird, handelt es sich nämlich um Beach Slang-Kopf Alex James selbst, der seine bisher krachig bis punkig klingenden Songs in ruhigem Gewand präsentiert und daher auch selbst die volle Verantwortung trägt, ob die neuen Versionen ihre Daseinsberechtigung haben.

Die bisher prägenden Gitarrenverstärker wurden auf diesem Album durch kammermusikartige Instrumente wie z.B. Streicher, Klavier und sonstigem akustischem Krimskrams ersetzt. Den Senioren unter uns dürften solche Soundexperimente alles andere als neu sein, mit Schrecken denkt man dabei an Formate wie MTV Unplugged zurück. Das wohl bekannteste Unplugged Konzert ist bis heute das von Nirvana, vielleicht auch gerade deshalb, weil unter den dargebotenen Stücken lediglich eine Eigenkomposition (Come As You Are) war, der Rest bestand aus Coverversionen anderer Bands. Jedenfalls funktionieren die zehn Stücke auch in diesem reduzierten Gewand hervorragend. Den Songs wurde sozusagen frisches Leben eingehaucht, Piano und Streicher triefen vor Herzschmerz, dazu gesellen sich an manchen Stellen zum eindringlichen Gesang noch schöne Chorgesänge, die richtig unter die Haut gehen. Wenn man es also mal etwas ruhiger angehen möchte, kann man hier sehr schön eintauchen. Bockt natürlich so richtig auf Vinyl, zudem liegt die stabile Plattenhülle aus dickem Pappkarton schön in der Hand, trotzdem find ich die Originalversionen ’nen ganzen Ticken besser.

7.5/10

Facebook / Bandcamp / Big Scary Monsters


 

Hell & Back – „B-Sides“ (Flying Penguin Records)

Dieses Jahr im April veranstalteten Hell & Back in ihrer Heimatstadt Stuttgart anlässlich ihres siebten Bandgeburtstags das Hellfest, dem ich leider nicht beiwohnen konnte. Netflix war nicht schuld, hab das nicht. Der Weg ist mir mittlerweile einfach zu weit. Lieber kommt der Berg zum Propheten, sag ich mir da. Naja, trotzdem war ich ein wenig geplättet, dass ich keine der extra für dieses Event auf dem bandeigenen Label releasten 7inches abgreifen konnte. Umso erfreulicher ist es natürlich für mich, dass die limitierte 100er Auflage noch nicht restlos vergriffen ist und mir zwecks Besprechung sogar ein Exemplar per Post zugespielt wurde. Slowlife funktioniert also irgendwie doch, welch Freude!

Und das Ding liegt richtig schwer in der Hand. Die 7inch ist mit einem dicken Falt-Karton in der stabilen PVC-Hülle jedenfalls gut verpackt, im Inneren finden sich dann die Texte und ein paar Infos zum Release. Diesmal stammt das Artwork nicht von Mara Piccione, Luka Grey Days hat die Illustration entworfen. Ob der beigelegte Schwarzmahler-Patch regulär zum Release gehört oder einfach nur augenzwinkernd zur Bestechung beigefügt wurde? Egal, das Ding sieht geil aus und wird natürlich irgendwo aufgenäht! Die Songs stammen übrigens aus verschiedenen Aufnahmesessions aus den Jahren 2016 und 2017, wurden aber allesamt von Jack Shirley/Atomic Garden gemastert.

Und während man beim Opener direkt Lifetime, Weston, Black Train Jack, Dag Nasty und Bad Religion im Ohr hat, findet man sich im kommenden Song unmittelbar in der eigenen missratenen Jugend wieder: Liebeslied! Eine Coverversion! Wahnsinn, die Toten Hosen! War schon ’ne geile Zeit damals! Der Song ist aus der Zeit, als die Toten Hosen hier bei mir um die Ecke in ’ner alten Bruchbude für uns Landjugend-Punks gespielt haben und der Eintritt gerade mal fünf Mark kostete. Bauernpogo in üblen Klamotten, echt gruselig! Wir sahen damals echt fieser als die Toten Hosen selbst aus, was ja auch keine unüberwindbare Leistung war. Naja, auch wenn man die Hosen über all die Jahre aus den Augen verloren hat und sich ab und zu fremdschämen musste – die Klamotten waren nur selten dafür verantwortlich-, so waren doch eigentlich alle Platten bis zur Horroshow echt Bombe. Opelgang, Damenwahl, Unter Falscher Flagge! Yeah! Der Song Liebeslied ist jedenfalls vom Text her immer noch zeitlos gut und zudem ist er gespickt von unheimlich vielen Erinnerungen (siehe oben). Obendrein merkt man, wieviel Spaß er der Band bereitet, inklusive dem kleinen Patzer an der Gitarre. Die Spielfreude und die Leidenschaft der Jungs spiegelt sich auch auf den eigenen Songs der B-Seite wieder. Gut, dass sich die Stuttgarter dazu entschlossen haben, diese Songs nicht auf irgendwelchen Bändern verstauben zu lassen. Ich könnte mich mal wieder total reinlegen und trete mir selbst kräftig in den Arsch, weil ich das Hellfest mal wieder völlig Slowlife-mäßig versäumt habe.

8/10

Facebook / Bandcamp


 

La Petite Mort & Maskros – „Split 7inch“ (lifeisafunnything)

Zwei der derzeit hottesten Post-Hardcore-Bands der deutschen Szene teilen sich ein kleines Scheibchen – als Zeichen ihrer Freundschaft. Dass solche Freundschafts-Releases bleibenden Eindruck hinterlassen, haben auch schon andere Bands bewiesen, ich denke dabei an Svalbard und Pariso, We Never Learned und Human Future oder an Coalesce und Boy Sets Fire. Wenn dann auch noch ein dritter Verbündeter (Marcus/lifeisafunnything) diese Freundschaft tatkräftig unterstützt, dann passt das Ergebnis optimal. Beide Bands haben sich durch etliche Live-Auftritte einander angenähert und sich für sympathisch empfunden. Anstelle eines gegenseitigen Poesiealbumeintrags sollte es wohl etwas Persönlicheres sein: es waren Songs vorhanden, die in einer gemeinsamen Videosession aufgezeichnet werden sollten. Ein Glück, dass diese Songs nun auch auf Vinyl erhältlich sind!

Vom Artwork her ist das Ganze sehr schlicht gehalten. Es wird mit der Neugier gespielt, ein eventuell im Studio entstandenes Foto vom Crashbecken eines Schlagzeugs sagt doch wirklich absolut gar nichts zur auf der 7inch verewigten Mucke aus. Könnte durchaus auch eine Jazzband am Start sein, die keinen Bock hat, ’ne Jazztrompete auf’s Cover zu packen. Dazu sind die Bands plus Songtitel und Songlängen auf der zusammenhaltenden Cellophanhülle aufgedruckt. Nette Idee! Obendrein gibt es natürlich neben einem Downloadkärtchen ein zusätzliches Schmankerl in Form von zwei Text-Blättern, bebildert und mit weiteren Infos versehen. Neben den Texten ist dann auch noch die Entstehungsgeschichte der 7inch dargestellt. So grob habt ihr das bereits weiter oben gelesen. Die Labels der kleinen Scheibe (A-Seite weiß, B-Seite schwarz) sind jeweils mit einer netten Zeichnung versehen.

La Petite Mort / Little Death rocken buchstäblich die A-Seite. Nach dem Rückkopplungsintro von The Brief Loss, Or Weakening Of Consciousness groovt die Hölle los, was für ein geiles Gitarrenriff! Der Song geht gleich ins Ohr und besteht dennoch aus verschiedenen Songfragmenten. Der Sound lässt Erinnerungen an Bands wie Refused oder At The Drive-In aufleben, als die in ihrer Höchstform waren. 4 Minuten und 12 Sekunden voller Power! Zappelig, energiegeladen, intensiv! Besser kann man’s wirklich nicht machen! Maskros schließen direkt am Song von La Petite Mort / Little Death an. Bearer beginnt mit diesen flächigen Gitarren und bahnt sich schleppend seinen Weg. Gequälter Gesang trifft auf kräftig und präzise gespielte Drums und melancholisch gezockte Gitarren und spätestens beim Refrain, als im Hintergrund noch eine zweite Stimme dazukommt, ist die Gänsehaut perfekt!

Die B-Seite beinhaltet ein fast siebenminütiges, improvisiertes Stück, an dem beide Bands zusammen in einem Raum eine Art Jam-Session abgehalten haben, ohne vorher etwas abgesprochen zu haben. Nette Idee! Zwei Drum-Sets, zwei Gitarren, zwei Bässe, kein Gesang. Das Stück zeigt, wieviel Potential in beiden Bands steckt. Trotzdem wird in Zukunft hauptsächlich die A-Seite mit dem Gesicht nach oben auf dem Plattenteller liegen! Und hoffentlich dauert es nicht allzu lange, bis beide Bands neues Material am Start haben! Schaut euch also mal kurz das Video weiter unten an und holt euch anschließend dieses energiegeladene Scheibchen, bei dem das Herz am richtigen Fleck sitzt!

9/10

Bandcamp / lifeisafunnything


 

Regional Justice Center – „World Of Inconvenience“ (Adagio 830)

Regional Justice Center hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm, vielleicht geht es ja manchen von euch ähnlich, deshalb eine kurze Zusammenfassung: so wie ich das anhand meiner Internet-Recherche verstanden habe, ist RJC als One-Man-Band entstanden. Ursprünglich verarbeitete der in Seattle ansässige Ian Shelton ein paar musikalische Ideen. So wurde für World Of Inconvenience Schlagzeug, Gitarre und Vocals quasi im Alleingang ausgetüftelt, ob das dann auch alles selbst eingespielt und aufgenommen wurde, geht aus den auf die Innenhülle gedruckten Infos nicht so ganz genau hervor, zumindest agieren Regional Justice Center live wohl als Quintett.

Nun, hinter dieser 12inch steckt eine sehr persönliche Geschichte. Ians kleiner Bruder wurde bedingt durch seinen Aufenthalt im Drogenmilieu einer US-Kleinstadt in eine gewalttätige Situation verstrickt und wurde infolgedessen inhaftiert. Zum Zeitpunkt der Tat, die als Mordversuch verhandelt wird, war er 18 Jahre alt. Seit August 2016 sitzt er nun im Staatsgefängnis von Maleng in Kent, um auf die Urteilsverkündung seines anderthalb Jahre dauernden Prozesses zu warten. Dass der Alltag in US-Gefängnissen nicht gerade ein Zuckerschlecken ist, weiß man ja zur Genüge aus etlichen Hollywood-Produktionen. Jedenfalls bekam Ian als Angehöriger, der seinen Bruder regelmäßig besuchte, auch selbst tiefe Einblicke in die ausbeuterischen Strukturen und die unmenschlichen Bedingungen, denen jemand ausgesetzt ist, der einmal in die Fänge der Justiz geraten ist und im Gefängnis auf seinen Prozess wartet. Die Familienangehörigen sind im Grunde genommen machtlos und werden z.B. von Firmen wie Securus Technologies abgezogen, nur dass sie mit ihren inhaftierten Angehörigen sprechen können. Zudem werden auch sie Opfer der machtdemonstrierenden Schikanen von Gefängnisbeamten. Dass dann auch noch der Staat versucht, den Häftlingen zusätzliche Gebühren aufzubrummen, um ein Exempel zu statuieren, stößt bei den Angehörigen auf Unverständnis.

Das Konzept hinter der Debut 12inch von Regional Justice Center setzt sich eben mit dieser Thematik auseinander, zudem wird der Sichtweise des Bruders Raum gegeben. Die aufgezeichneten Gespräche mit dem Bruder geben persönliche Einblicke in die Gedanken und Gefühle wieder. Das alles wurde in die Songtexte eingearbeitet, zudem kann man öfters mal gesamplete Sprachfetzen vernehmen. Und die vertonten Gedanken werden mit wütendem und brutalem Powerviolence, Blackened Hardcore und Grind-Geballer ausgeschmückt. Die Songs schwanken schön unter der Ein-bis-Zwei-Minuten-Marke, da werden also keine -höhö, Sparwitz- Gefangenen gemacht. Kompromisslos, wütend und voller Intensität! Es gibt wohl verschiedenfarbige Vinylversionen, mein Exemplar ist schwarz. Alle Scheiben sind aber einseitig gepresst, so dass lästiges Plattenwenden entfällt und man bei Bedarf nach noch mehr Geballer gleich nochmal die Nadel an den Anfang setzen kann. Wer auf Zeugs wie Suffer, Manhunt oder Siege steht, dürfte hier richtig sein!

Ach so, fast vergessen: Ob Regional Justice Center nun live tatsächlich aus vier Menschen besteht, könnt ihr nächsten Monat überprüfen, denn da kommen die Jungs für ein paar Auftritte nach Europa:

 

8/10

Bandcamp / Adagio830


 

Ingrina – „Etter Lys“ (A Tant Rever Du Roi u.a.)

Es kommt nicht alle Tage vor, dass analoge Post aus Frankreich ins Haus flattert. Wenn man dann auf die Postmarke dieses schweren und liebevoll verpackten Päckchens guckt, dann reibt man sich mal schnell ungläubig die Augen. Wahnsinn, da ist es aber jemandem sehr ernst, seine Musik an interessierte Menschen zu bringen. Das zeugt von einem gesunden DIY-Spirit mit ’ner Menge Herzblut, absolut irre! Das Ding aufgerissen, blitzt auch schon eine wunderbar aufgemachte und schwer in der Hand liegende Doppel-12inch auf. Das Gatefoldcover ist auf der Frontseite mit einem äußerst hübschen Siebdruck versehen. Wenn mich nicht alles täuscht, dann dürfte es sich um eine Art Kupferstich handeln. Das ganze Artwork ist in schwarz-weißer Optik gestaltet und kommt mit seiner Untergangsthematik ein wenig düster rüber. Im Kontrast dazu erfahre ich durch ein Übersetzungsprogramm, dass Etter Lys auf Norwegisch in etwa “durch Licht“ bedeutet.

Wurde noch bei der Besprechungsanfrage zum EP-Vorgänger etwas wortkarg mit Infos gegeizt, so packt die Band für das Debütalbum etwas mehr Infos in die Anfrage-Mail. Man erfährt z.B., dass die Band aus zwei Schlagzeugern, drei Gitarristen und einem Bassisten besteht. Zudem wird erklärt, dass es sich bei Etter Lys um eine Art Konzeptalbum handelt. Das Album wurde nach der letztjährigen EP und zahlreichen Shows in Frankreich und Europa in Angriff genommen, dabei entschlossen sich die Jungs zu längeren Songarrangements, so dass die sechs Songs letztendlich auf eine beachtliche Spielzeit von 50 Minuten gekommen sind. Etter Lys ist textlich auf eine Novelle aufgebaut, es geht um Themen wie Kolonialismus, Hochwasser und über die Tatsache, dass letzten Endes eh alles den Bach runterzugehen droht. Neben der Vinylversion ist das Album auf Tape und CD erschienen, übrigens in Zusammenarbeit der Labels A Tant Rever Du Roi, Tokyo Jupiter Records , Vox Project, I love Limoges Records, No Way Asso, Medication Time, HC4LZS, Bus Stop Press, Trace In Maze und Ideal Crash.

Die Eröffnung zum ersten Song namens Black Hole erinnert mich ein wenig an die South Of Heaven-Platte von Slayer. Schleppende Drums, gespenstische Gitarren, ein Bass mit Aussage. Aber dann wird es ganz anders. Wo Tom Araya hasserfüllt rumbrüllt, kommen bei Ingrina verspielte Post-Rock/Post-Hardcore-Gitarren ins Spiel, dazu gesellt sich leidender und schmerzvoller Gesang mit einer gesunden Portion Melancholie. Die dichte Soundwand, die sich schleichend ihren Weg bahnt wird zwischendurch zurückgefahren, es kommen atmosphärische, ruhigere Klänge zum Einsatz. Dadurch entsteht im letzten Drittel des Songs nochmals ein Spannungsbogen zwischen laut und leise. Matschige Sludge-Gitarren treffen auf Delay-Gitarren. Beim zweiten Song der A-Seite wird es episch aber nicht weniger spannend. Etwas über zehn Minuten dauert die Reise durch ein verwunschenes Tal. Wie ein unberechenbarer Fluss plätschert der Sound aus den Lautsprechern, gerade auf Vinyl ist das ein wahrer Genuss. Auch wenn im Moment das Wasser gediegen und ruhig plätschert, könnte man hinter der nächsten Flussbiegung von gefährlichen Stromschnellen überrascht werden.

Auch auf der B-Seite geht es abwechslungsreich zur Sache. Und immer wieder diese fast gar orchestralen Soundscapes, diese verträumten Melodien, die düstere Grundstimmung, diese dichte Schwere und das Fünkchen Hoffnung, das es doch noch zu geben scheint. Und so nach und nach erkennt man, dass die Songs alle aufeinander aufbauen und sich ineinander verweben. Spätestens beim Aufsetzen der Nadel auf der zweiten Scheibe merkt man, dass Etter Lys wirklich am Stück genossen werden sollte, denn das Album ist als Gesamtkunstwerk zu betrachten. Auf der B-Seite wird es noch ein letztes Mal richtig episch, Surrender bringt es auf eine Spielzeit von etwas über fünfzehn Minuten und fasst nochmals die bereits geschilderten Eindrücke zusammen. Dem Untergang geweiht lauscht man den letzten Klängen und kommt sich vor wie im Kino, wenn man völlig geplättet von einem Endzeit-Film ohne Happy End beim Abspann noch sitzen bleibt, bis die Leinwand schwarz ist und kein Ton mehr aus den Lautsprechern zu hören ist. Ja, ein harter Brocken, aber absolut zu empfehlen!

8/10

Facebook / Bandcamp