Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Eilean Mòr, Erida’s Garden, Fakeholder, Ksilema, Full Lungs, Mad Pilot, Pale Hands, Palisade, Soft Harm, Summer Wars

Aesthetics Across The Color Line – „Selftitled EP“ (Polar Summer) [Name Your Price Download]
Eine wunderschönen Mischung aus Twinkle-Emo und 90’s-Midwest-Emo machen Aesthetics Across The Color Line aus der Stadt Omsk/Sibirien auf ihrer Debut-EP. Der Sound dockt sofort an Ohr und Herz an, gerade weil die Gitarren so gefühlvoll aus dem Ärmel gespielt kommen. Hier stimmt einfach das Gesamtbild. Ausgeklügelte Songarrangements treffen auf überschlagenden Gesang und mehrstimmige Chöre, dabei gibt es auch laid back gespielte Wohlfühl-Gitarrenparts und treibende Momente. Wer Bands wie Sport, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle zu seinen Faves zählt, sollte hier mal ein Ohr riskieren und die EP schnell mal zum Name Your Price Download auf die Festplatte zippen!


Eilean Mòr – „Горизонт“ (DIY) [Stream]
Nach einer Demo-EP und drei weiteren EPs hat Eilean Mòr aus Jekaterinburg/Russland endlich ein ganzes Album mit zwölf Songs am Start, die Spielzeit kommt auf knappe 23 Minuten. Aufmerksamen Lesern dürfte die Band ja bereits ein Begriff sein, an anderer Stelle wurde schon mal auf eine EP hingewiesen. Nun, Eilean Mòr haben ihren emotive 90’s Screamo weiter verfeinert, zwischen laut und leise kommen verstärkt auch viele Post-Hardcore und Emocore-Einflüsse an die Oberfläche. Diese melancholisch gezockten Gitarren jagen zusammen mit dem eigenwilligen Bass die ein oder andere Gänsehaut über den Rücken, die gefühlvollen Vocals tun ihr übriges. Hab mal die russischen Lyrics per Internet-Übersetzung gecheckt und würde sagen, dass sich diese sehr persönlich und poetisch lesen. Nur mal wieder schade, dass ich aufgrund der Sprachbarriere nicht mehr Infos über die Band in Erfahrung bringen konnte.


Erida’s Garden – „Альбом“ (DIY) [Stream]
Rein optisch sticht die aktuelle EP der Band Erida’s Garden eigentlich kaum ins Auge. Nach einem kurzen Hörtest sieht es aber ganz anders aus und man bleibt direkt hängen. Fünf Songs später hat man das Bedürfnis, das Ding nochmals von vorn zu hören. Das Quintett aus Ischewsk hat sich im Jahr 2010 gegründet, es sind bisher zwei EP’s und eine Demo erschienen. Zwischenzeitlich scheint die Band eine längere Pause eingelegt zu haben, der Vorgänger zu Альбом erschien im Jahr 2013. Erida’s Garden sind im melancholischen Post-Hardcore unterwegs, die Eckpfeiler Emocore, Screamo und Post-Rock runden das Ganze ab. Wunderschöne Gitarren treffen auf dynamisches Drumming, leidenschaftlicher Gesang in russischer Sprache und laut/leise-Passagen sorgen für die nötige Spannung. Die Textinhalte sind auch mit reichlich Melancholie angehäuft, soweit ich das Dank der Internet-Übersetzung beurteilen kann. Die ausgeklügelten Songarrangements wurden ebenso mit viel Gefühl und Atmosphäre ausgestattet. Als Anspieltipp empfehle ich einfach mal den Song Запахи Манят, danach wollt ihr eh die ganze EP hören!


Fakeholder – „Прощание“ (DIY) [Name Your Price Download]
Rückwärts aufgenommene Gitarren im Intro, dazu noch ein paar dezente Frickle-Emo-Gitarren! Fakeholder aus Moskau machen tollen Midwest-Emo, zu dem man bei einer Live-Show in der ersten Reihe mit geschlossenen Augen ganz gern ab und zu mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Brust klopft. Zur kurzen Erklärung dieses ungewöhnlichen Gefühlsausbruchs: Im ersten „richtigen“ Song kommt zu den wahnsinnig emotionalen Gitarrenklängen auch noch leidend trauriger Gesang dazu. Ach ja, ein deeper Bass darf natürlich ebenso wenig fehlen wie das abwechslungsreiche Drumming, das von treibend über weird bis melancholisch so ziemlich alles draufhat. Und dann schleichen sich noch pianoartige Klänge und ein Glockenspiel in den Sound ein. Das alles klingt dann wie eine Mischung aus Appleseed Cast, American Football, Maple und Algernon Cadwallader. Sehr schön!


Ksilema & Full Lungs – „Split“ (Polar Summer) [Stream]
Schade, dass es bei Bandcamp nicht möglich ist, gleichzeitig nach Post-Hardcore und Herkunftsland zu filtern. Denn irgendwie hab ich dass Gefühl, dass durch diese fehlende Möglichkeit eine Menge an hervorragender Bands in der Versenkung verschwinden. Nun, hin und wieder landet man dann doch einen Treffer, so wie im Fall der beiden Minsker (Weißrussland) Bands Ksilema und Full Lungs. Ksilema steuern drei Songs bei, die irgendwo im emotive Screamo zu verorten sind, aber auch einen schönen Punk/Hardcore-Einfluss haben. Die in russischer Sprache vorgetragenen Lyrics sind sehr persönlich gehalten, wodurch die emotionale Seite auch nochmals schön hervorgehoben wird. Ich kann nur empfehlen, den Backkatalog der Band anzutesten. Full Lungs schlagen musikalisch in eine ähnliche Kerbe, allerdings besitzen die zwei Songs englische Lyrics. Gerade weil die Soundqualität ein bisschen rauer klingt, wirkt das ganze schön intensiv. Trotzdem besitzen die zwei Songs eine bessere Soundqualität als die bisherigen Veröffentlichungen der Band.


Mad Pilot – „Russia Today“ (Ionoff Music) [Name Your Price Download]
Das aus Moskau stammende Trio namens Mad Pilot hatte wahrscheinlich bei der Bandnamenstaufe den deutschen Psycho-Pilot Mathias Rust im Hinterkopf, aber das ist reine Vermutung. Dieser durchgeknallte Typ wagte es doch tatsächlich ohne Genehmigung mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau zu landen. Das war damals Sensation und Skandal zugleich. Leider folgten dieser verrückten Aktion einige unschöne Dinge, ich empfehle allen Unwissenden zur Allgemeinbildung den umfassenden Wikipedia-Artikel zur Person. Nun, Mad Pilot existieren schon eine ganze Weile, die bisherigen und auch das aktuelle Release kann man sich zum Name Your Price Download zippen. Mad Pilot sind kein ohrenbetäubender Düsenjet und bewegen sich eher zwischen Post-Hardcore, Grunge und Emo, der zwischen laut und leise pendelt. An manchen Stellen kommen sogar Streicher zum Einsatz. Geil auch, dass jedes Instrument seinen Raum bekommt. Hört mal das polternde Bassgetöse! Klar, zuerst vernimmt man diese fuzzenden Gitarren, dann diese The Cure-mäßigen Tunes und schließlich den krächzenden Gesang…aber irgendwann kommt man an diesem extremen Bass nicht mehr vorbei! Auf den ersten Blick unscheinbar, bei weiteren Hörrunden brennt sich der Sound tief ein!


Pale Hands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Seit 2012 ist die Sankt Petersburger Band Pale Hands unterwegs, in der Szene sind sie längst keine Unbekannten mehr. Nach zwei EPs ist aktuell das selbstbetitelte Debutalbum erschienen. Insgesamt sind sieben Songs zu hören, darunter zwei instrumentale, die etwas ruhiger ausfallen als die restlichen Stücke, so dass zwischendurch auch mal eine Verschnaufpause eingelegt wird. Pale Hands machen grob gesagt intensiven Emotive Screamo, dabei wird auf russisch gelitten und geheult. Ab und zu schleichen sich heftige Knüppelausbrüche und düstere Passagen mit ein. Screamo-Fans werden leuchtende Augen bekommen angesichts des geilen Sounds des Quintetts. Neben all den heftigen Ausbrüchen stehen dem Ganzen auch die unterschwelligen Melodien hervorragend zu Gesicht. Durch die Tempowechsel bleibt es jedenfalls spannend, so dass Pale Hands auf ganzer Linie schwer begeistern!


Палисад (Palisade) – „Куда ведет дорога“ (DIY) [Stream]
Tollen Midwest-Emo gibt’s von Палисад aus Sankt Petersburg/Russland zu hören. Auf das 2016-er Debut stieß ich irgendwann mal beim ausgiebigen Bandcampsurfen, nun ist vor einiger Zeit eine 3-Song-EP erschienen. Und auch diese kann sich wieder hören lassen! Die Gitarren pendeln zwischen verträumt und melancholisch, manchmal mit bittersüßer Note. Die Lyrics werden in russischer Sprache vorgetragen, soweit ich es dank der Internetübersetzung verstanden habe, geht es um Themen wie Selbstfindung, Vergänglichkeit und Sehnsucht, dabei kommen auch immer längere instrumentale Passagen zum Zug. Insgesamt wirken die drei Songs sehr melancholisch und irgendwie wünscht man sich nach der etwas knapp über zwölf Minuten dauernden Spielzeit, dass da noch mehr kommt. Nun, da bleibt vorerst leider nur der Klick auf Repeat, hoffentlich kommt bald mal ein ganzes Album. Fans von Mineral, SDRE und Penfold sollten hier mal reinhören!


Soft Harm – „Тебя никогда здесь не было“ (DIY) [Name Your Price Download]
Alles was ich über diese Band in Erfahrung bringen konnte, ist folgendes: die Band kommt aus Bryansk, das liegt irgendwo in Russland ca. 380 km südwestlich von Moskau, das Ding ist das Debut der Band und der EP-Titel bedeutet übersetzt soviel wie „Du warst noch nie hier“. In der Tat, in Bryansk war ich tatsächlich noch nie und auf die Bandcamp-Seite der Band Soft Harm bin ich auch eher zufällig beim Bandcamp-Surfen geraten. Und natürlich bin ich aufgrund des mitreißenden Sounds sofort kleben geblieben. Die Band spielt eine intensive Mischung aus Emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore, die Gitarren kommen schön melancholisch um die Ecke, der leidende Gesang tut sein übriges, auch wenn man der russischen Sprache nicht mächtig ist. Sechs wahnsinnig gute Songs, das müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Летние войны (Summer Wars) – „О врагах / On foes“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Moskau kommt das Quartett Summer Wars, das sich irgendwann im Jahr 2011 zusammengefunden hat, um ausgeklügelten Post-Hardcore mit Emocore, Screamo und Post-Rock anzureichern. Auf der aktuellen EP gibt es vier Songs zu hören, die mit jedem weiteren Durchlauf etwas mehr wachsen. Mich erinnert der Sound stark an die späteren Sachen der spanischen Band Standstill, man kann aber auch Parallelen zu Bands wie z.B. Amanda Woodward, Loma Prieta oder Raein ausmachen. Die Jungs gehen sehr progressiv an die Sache ran, trotzdem haftet den vier Songs eine gewisse Melancholie an, was vor allem an den sich in Trance spielenden Gitarren und dem einfühlsamen Gesang liegt. Die russischen Lyrics der vier Songs, die alle nach Städten benannt sind, können auf der Bandcampseite auch in der englischen Übersetzung nachgelesen werden. Ich empfehle euch dringend, die nötige Zeit zu nehmen um in diese vier Songs einzutauchen, ihr werdet es nicht bereuen!


 

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Single Mothers – „Through A Wall“ (Big Scary Monsters)

Die Bezeichnung ‚alleinerziehende Mütter‘ hat es in Deutschland nach etlichen Jahren vor einiger Zeit endlich mal in die Liste der sozialen Unwörter geschafft. Warum das denn? Hauptsächlich deshalb, weil mit dem Begriff in der Gesellschaft oft fälschlicherweise mangelnde Erziehung oder Vorurteile in Bezug auf soziale Integration dieser „Randgruppe“ verbunden sind. In der Tat sind alleinerziehende Mütter in vielerlei Hinsicht mehr als benachteiligt. Neben den Tuscheleien hinter vorgehaltener Hand dürften alleinerziehende Mütter v.a. an finanziellen Einbußungen, unflexiblen Arbeitszeiten, organisatorischen Balanceakten und etlichen anderen Problemen zu knabbern haben. Sich da nebenbei noch um eine vernünftige Erziehung des Kindes zu kümmern, das stellt eine große Herausforderung dar. Ein Applaus an dieser Stelle an alle betroffenenen, die trotz aller widrigen Umstände dieses Meisterstück auf die Kette bekommen! Als alleinerziehende Mutter kann man schonmal das Gefühl haben, mit dem Kopf durch die Wand gehen zu müssen! Womit wir beim Albumtitel des dritten Albums der Band Single Mothers angekommen wären.

Obwohl die Band schon einige Zeit unterwegs ist und mir der Name auch schon öfters untergekommen ist, sind mir die bisherigen Veröffentlichungen der Kanadier komplett durch die Lappen gegangen. Manche Dinge sind nicht zu erklären. Manchmal braucht es halt erst den Kick in den Hintern, den ich durch eine physische Vinyl-Bemusterung angenehm zu spüren bekam. Erstmal die Eckpunkte in der Bandgeschichte gecheckt und dabei auf eine Story gestoßen, die wie aus einem schlechten Western zusammengeklaut klingt. Das Gründungsjahr der Band wird auf das Jahr 2008 datiert und bisher dreht sich das Bandkarussell permanent, so dass mittlerweile über sechzehn Bandmitglieder durchgelaufen sind. Bei all dem Band-Tourismus hat die Band drei EP’s und zwei Studioalben veröffentlicht, Through A Wall ist also das magische dritte Album. Zwischendurch gab es dann auch mal eine Bandpause, in der Andrew Thompson – einziges konstantes Bandmitglied und Sänger der Single Mothers – unter dem Namen Drew Thompson zwei EP’s aufgenommen hat. Aber das spannendste ist echt, dass sich der Typ in dieser knapp dreijährigen Auszeit auf Goldsuche in einem kanadischen Örtchen namens Swastika (!) begeben hat und dieser Beschäftigung auch immer noch nachgeht. Ganz schön skurril, aber offenbar ist es ihm in dieser Zeit gelungen, seine Alkoholsucht in den Griff zu bekommen.

Wenn man sich also gerade ausmalt, wie romantisch und ruhig so ein Goldsuche-Trip wohl aussehen mag, wundert man sich dann doch an der unbändigen Wut, die einem ab dem Aufsetzen der Nadel die Schädeldecke wegzublasen droht. Textlich befasst sich Andrew Thompson mit vielen Themen, die ihm die Halsschlagader gründlich anschwellen lassen. Mit der Hoffnung auf eine funktionierende Gesellschaft ohne Probleme scheint er längst abgeschlossen zu haben, vielleicht sind die wütenden Ausbrüche auch eine Art Therapie. Dieser Typ klingt echt angepisst, das hier ist phänomenal gut vertontes permanentes Ausspucken von Gift und Galle. Unterstützt wird das ganze durch eine explosive Instrumentierung. Der knödelnde Bass und die kraftvoll treibenden Drums werden durch messerscharfe Gitarren zu einem wütenden Hardcore-Punk-Ventilator, der Dir auf max Power gestellt wie ein Orkan ins Gesicht bläst. Irgendwie ist die Band schön oldschoolig unterwegs, da kommen natürlich Bands wie Off!, Minor Threat, American Nightmare oder die ersten Cro-Mags-Sachen in den Sinn. Um die unbändige Wut mal kurzzeitig auszuloten, eignet sich der Song Catch & Release. Was für ein geiles Double-Bass-Gewitter am Ende des Songs! Aber eigentlich solltet ihr das Ding am Stück durchhören, denn es kommen bei all der Wut durchaus auch schöne Gitarrenparts um die Ecke, die Dir ein Grinsen ins Gesicht zaubern und näher am Post-Hardcore dran sind. Spontan fallen mir da das fast schon hymnische und geniale Across The Couch oder das etwas sanftere Stoic/Pointless ein. Fazit: das Ding ist ein explosives Hammeralbum, das alles andere als stumpf ist und obendrein noch reichlich Abwechslung bietet! Und nach ausgiebigem Hörgenuss wird es für mich jetzt endlich mal Zeit, den Backkatalog der Band zu begutachten!

8/10

Facebook / Bandcamp / Big Scary Monsters


 

Bandsalat: Anoraque, Canine, Chambers, Die Schande von, Emilie Zoé, Rayleigh, Remission, Schelm

Anoraque – „Dare“ (Radicalis) [Name Your Price Download]
Die Band aus Basel/Schweiz macht es ihren Hörerinnen und Hörern alles andere als leicht. Dare hat insgesamt sechzehn Songs an Bord und kommt auf eine einstündige Spielzeit. Zudem kommt hinzu, dass auch die alles andere als leicht zugänglichen Songs auf den ersten Eindruck sperrig und zerfahren klingen. Gibt man der Platte aber ein wenig Zeit, dann entdeckt man ein spannendes Album, das voller Überraschungen steckt. In eine Schublade lässt sich die Formation um Sängerin Lorraine Dinkel jedenfalls nicht stecken. Da kommen progressive Lo-Fi-Indiesounds, frickeliger Emo-Math-Rock und Dreampop genauso zum Zug wie flottere Punk/Post-Punk/Noise-Tunes. Und über allem schwebt die traumwandlerische Stimme der Sängerin, die sich mäandernd ihren Weg zusammen mit den glasklaren Gitarren durch das nervöse, hektische und unvorhersehbare Drumming und den gegenspielenden Bass zu bahnen scheint. Zwischendurch darf auch mal eines der männlichen Bandmitglieder ins Mikro trällern, das klingt dann vom Timbre ähnlich wie das Organ von Damon Albarn und funtioniert ebenfalls. Auch die persönlichen und intelligenten Texte lohnen einen tieferen Blick. Zum Einstieg in die Welt von Anoraque empfehle ich das durchaus sehenswerte und verstörende Video zum Song LILA, das aber einige unschönen Szenen beinhaltet, also seid gewarnt!


Canine – „Bleak Vision“ (Bacillus Records) [Stream]
Vorsicht, nicht verwirren lassen, denn es gibt noch eine französische Band gleichen Namens. Diese Band kommt aber aus Frankfurt und obwohl beide Bands in ähnlichen musikalischen Gefilden unterwegs sind, haben die Jungs aus Frankfurt mehr Pfeffer im Arsch als ihre französischen Namensvettern. Ihr kennt die Sorte Kinder, die in der Schule niemals still sitzen können und ständig hyperaktiv Stunk machen? Tja, die Bandmitglieder von Canine waren sicher von dieser Sorte, nun scheinen sie in ihrer Musik ein Ventil gefunden zu haben. Geboten wird nämlich mitreißender Post-Hardcore, der ganz schön druckvoll nach vorne geht. Erinnert das ein oder andere Mal an das, was Refused auf A Shape Of Punk To Come so gemacht haben, Sänger Benny könnte rein akustisch glatt als Dennis Lyxzén-Double durchgehen. Die elf Songs laden für ca. 28 Minuten jedenfalls ziemlich zum Zappeln ein. Ein grooviges Gitarrenriff jagt das nächste, Verschnaufpausen sind Fehlanzeige. Pure Energie und cholerische Ausbrüche werden mit ebenso wütenden Texten und massig Gesellschaftskritik gewürzt. Tritt live sicher ordentlich Ärsche, auf der heimischen Anlage gelingt das schon mal ziemlich gut! Müsst ihr unbedingt antesten!


Chambers – „Depart // Disappear“ (DIY) [Stream]
Seit der Besprechung der 2015er-Debut-EP hat sich bei der Band aus Berlin wohl ein Wechsel im Lineup ergeben, zumindest wird der Gesang neuerdings von einer Dame beigesteuert, was man aber gar nicht so auf Anhieb erkennen kann, da hier übelst gekeift wird. Vom Instrumentalen her ist aber alles beim „alten“ geblieben, geboten wird walzender Post-Hardcore, HC, Punk und Post-Rock, die Gitarren zwirbeln schön fett und satt aus den Lautsprechern, die Produktion hat ordentlich wumms. Chambers sind auf ihrem Debutalbum weiterhin ziemlich düster unterwegs, Dissonanz scheint eins der Markenzeichen der Band zu sein. Auch wenn zwischendurch flirrende Post-Rock-Gitarren im Hintergrund zu hören sind, hier regieren dystopische Zukunftsvisionen, das spiegelt sich natürlich auch in den Texten wider. Wenn ihr also auf Atmosphäre, dichten und vielschichtigen Sound und einer Stimme direkt aus dem Fegefeuer abfahren solltet, dann lohnt sich ein Testlauf von Chambers Debutalbum.


Die Schande von – „Sitzung Neuhaus“ (midsummer records) [Video]
Ehemalige Mitglieder der Bands Parachutes, Crash My Deville, Baby Lou und Road To Kansas haben sich zur Band Die Schande von zusammengeschlossen und präsentieren auf ihrer Debut-EP vier Songs, die man unter emotionalem Punkrock/Post-Hardcore einordnen kann. Da kann man schon von einer kleinen Allstar-Band sprechen, die genannten Bands haben das Saarland in Sachen Punkrock/Indie/Emo/Post-Hardcore in der Vergangenheit ganz gut vertreten. Gesungen wird also beim neuen Kollektiv in deutscher Sprache, der raue Gesang transportiert ziemliche Melancholie. Gleich der erste Song Aufstieg und Fall eines Selbsthilfegurus holt Dich direkt an der Pforte ab! Die Songs wurden übrigens live eingespielt, dadurch erklärt sich auch die lebendige Stimmung. Schaut euch mal das Video zum Song an, dann wisst ihr was ich meine! Auch die nachfolgenden Stücke sind mitreißend und verzücken durch das ein oder andere Gitarrenriff und wissen durch das abwechslungsreiche Songwriting in den Bann zu ziehen. Beim Song Lovags Kugel wird dann auch noch ein wenig mit dem Effektgerät gespielt. Die Songs kommen auf eine Spielzeit von etwas knapp über 17 Minuten und machen definitiv neugierig auf kommende Veröffentlichungen. Ach so, das Ding ist über midsummer records rein digital erschienen, es gibt aber wohl Tapes über das Label Last Exit Music.


Emilie Zoé – „The Very Start“ (Hummus Records) [Name Your Price Download]
Wow, das Albumcover kommt sicher geil aufgedruckt auf Gatefold-Vinyl! Auch die Mucke dürfte auf Vinyl eine ganz eigene Stimmung verbreiten. Vorerst muss ich mich jedoch an der digitalen Downloadversion abhören! Emilie Zoé ist eine Musikerin aus Neuchâtel/Schweiz, die tief in der DIY-Szene verwurzelt ist und ihre Musik eigenverantwortlich veröffentlicht. Während sie hauptsächlich Gitarre spielt und dazu singt, wird sie noch von einem Schlagzeuger begleitet. Nun, die Musik entwickelt trotz ihres Lo-Fi-Sounds eine dichte und intime Atmosphäre, die v.a. von der melancholischen Stimme und den traurigen Gitarrenklängen getragen wird. Zwischen Emo und Kammermusik passen auch immer wieder ein paar bluesige Riffs. Ein magisches Album, das man gut mal in einer ruhigen Minute genießen sollte!


Rayleigh – „If History“ (Middle-Man Records) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und direkt hängen geblieben. Das Quartett aus Edmonton/Kanada prescht ziemlich heavy nach vorne, dennoch gesellen sich zu den matschigen Gitarren und dem walzenden Sound ab und an ruhigere, fast cleane Parts. Und über allem dieser verzweifelte Schreigesang von Sängerin Amy. Sehr emotional! Wenn ihr euch gerne eine wuchtige Mischung aus Hardcore, Punk, emotive Screamo und etwas Metal reinpfeift, dann empfehle ich diese elf Songs! Auf der Facebook-Seite der Band ist übrigens zu lesen, dass die Band bereits vier Mal mit dem beliebten Musikpreis Skrammy ausgezeichnet wurde! Das sollte doch genügend Anreiz sein, der Band mal Gehör zu schenken, zumal auch die Einflüsse, die von Coma Regalia über Alpinist bis hin zu Loma Prieta und La Quiete reichen, zum Vorbeischauen locken.


Remission – „Enemy of Silence“ (React Records) [Stream]
Es war irgendwann im Herbst, als ich Remissions neues Album bei Bandcamp entdeckt habe, zu der Zeit war das Album fast schon fünf Monate dort zu hören. Die Band selbst hat mich mit ihren bisherigen Releases eigentlich schon immer angesprochen, jedoch versäumte ich es irgendwie, den Jungs über irgendwelche Kanäle zu folgen. Und bei der Flut an guten Bands kann auch mal ein Release übersehen werden, glücklicherweise hat es bei dem mittlerweile zweiten Album – wenn auch etwas verspätet – doch noch geklappt. Und wie – denn auf diesem Album bin ich seither schon längere Zeit kleben geblieben. Wenn man dem intensiven Sound der Band aus Chile lauscht, dann kommen einem sofort alte Helden wie z.B. Verbal Assault, Dag Nasty, Turning Point, Uniform Choice oder Speak 714 vor die Augen. Die neun Songs stecken voller Leidenschaft und zeigen die unbändige Spielfreude der Jungs ziemlich eindrucksvoll, dazu kommt dem Sound die klare und druckvolle Produktion zu gute. Ich würde mal sagen, dass in Sachen Oldschool-Hardcore mit Emocore-Einflüssen in letzter Zeit kaum was Besseres veröffentlicht wurde. Diese Gitarren, dieser Bass, diese Drums und dazu dieser Gesang! Da könnte man sich glatt reinlegen! Bleibt zu hoffen, dass die Band mal in naher Zukunft den weiten Weg nach Europa schaffen wird!


Schelm – „ein bisschen mehr​.​.​.“ (Sportklub Rotter Damm) [Name Your Price Download]
Ich dachte, Sportklub Rotter Damm würden nur digital releasen? Nun, die Debutscheibe der schweizerischen Band Schelm ist nun aber wohl doch auf Vinyl erschienen. Für eine kleine Empfehlung müssen aber trotzdem die digitalen zehn Songs ausreichen, habe Schelm nämlich beim planlosen Bandcampsurfen aufgegabelt. Schelm machen deutschsprachigen Emopunk, der mit schönen melancholischen Gitarrenläufen und zerbrechlichem, manchmal auch rauem Gesang ausgestattet ist. Der Sound pendelt sich irgendwo zwischen Captain Planet, flotteren Kettcar, Cyan, Elmar und Colt. ein. Jedenfalls bewegen sich Schelm eher im Midtempo, oftmals wird es sogar noch ruhiger. Mir gefällt die Band am Besten, wenn es melodisch und etwas schneller zur Sache geht. Als Anspieltipps eignen sich die Songs Meine Zeit und Du und Deine Welt.


 

Pisse – „Hornhaut ist der beste Handschuh“ (Phantom Records)

Hey! Haste mal ’ne Minute oder auch knapp acht? Nee? Sollteste aber! Denn Du bist der Fisch, dieses Scheibchen ist die verführerische Angel! Schwimmst gerade ahnungslos und ohne den Hauch eines Gedankens durchs Wasser, von Plankton umgeben! Vom Hunger und der Neugier nach neuen Geschmackserlebnissen getrieben kommst Du plötzlich auf ’nen Unterwasser-Rummelplatz und kannst Dein Glück kaum fassen. Lass Dich nicht von all den blinkenden Lichtern und rasenden Achterbahn-Amöben ablenken, schnapp Dir den Rettungsanker der da lose rumtreibt! Wie? Fische können nur schwarz-weiß sehen? Dachte, das betrifft nur Eichhörnchen, vielleicht auch Christof Daum. Und übrigens: Hornhaut ist der beste Handschuh, ist eh klar! Jedenfalls geiles Coverartwork.

Und wenn man dann das Textblatt rausfischt, dann ist man eigentlich ganz froh, dass man nur schwarz-weiß sehen kann. Bei aller Angler-Romantik, das Bild auf der Rückseite des Textblattes lehrt euch echt mal das Gruseln. Mit diesem Hintergrundwissen läuft es einem beim Betrachten des Coverartworks dann doch eher eiskalt den Rücken runter.

Nun denn, auf dem Vinylscheibchen sind vier Songs drauf, die mir nach mehrmaligem Hörgenuss für immer im Gehirn eingebrannt sind. Wie schaffen die das nur! Klar, die Texte sind wieder eine Klasse für sich und das Theremin macht auch ’nen astreinen Job. Echt abgefahren! Auf neudeutsch: Spooky! Gefällt noch besser als die letztens erschienene Split 10inch. Und der letzte Song namens Dresden sollte eigentlich Grund genug dafür sein, der Band eine Extraseite im Gästebuch der Stadt Dresden zu widmen. Natürlich sollte München die Band danach ebenfalls  im Gästebuch vermerken. Da ist den Jungs ein ganz großer Wurf im Tourismusbereich gelungen, das Lied macht jedenfalls mal wieder Lust auf einen Besuch. Ich seh schon die schillernde Headline in der BILD-Zeitung: Pisse kurbeln den Tourismus an.

8/10

Bandcamp / Phantom Records


 

Massa Nera/Thisismenotthinkingofyou/Yo Sbraito/Ef’il – „Split“ (Dingleberry Records u.a.)

Vier Bands aus unterschiedlichen Ländern und mit dem Schwerpunkt auf Screamo/Skramz teilen sich diese schwer in der Hand liegende 12inch, die obendrein in einem dicken Plattenkarton verpackt ist. Das Artwork ist eher reduziert gehalten, das beigelegte Blatt muss leider ohne Texte oder Infos zu den Bands auskommen. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch Adorno Records, Dead Tank Records, Zegema Beach Records, Blessed Hands Records und Pundonor Records. Und wie immer sind solche Split-Releases eine gute Gelegenheit, auf neue, bisher nicht bekannte Bands zu stoßen.

So ergeht es mir direkt bei der ersten Band Massa Nera aus Linden/New Jersey, die hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm. Was sich mit diesen zwei vertretenen Songs jedoch ruckzuck ändert. Ich brauche SOFORT den ganzen Backkatalog – zwei EP’s und ein Album – des Quartetts! Denn Massa Nera machen hervorragenden Emotive Screamo/Post-Hardcore, der bei aller Intensität auch noch etwas Melodie mit einstreut. Beim Opener wird in spanischer Sprache gelitten und mir gefällt direkt, dass hier jedem Instrument seinen Raum gegönnt wird. Das klingt sehr lebendig, mir hat es v.a. dieses Zusammenspiel von Bass, Gitarre und Drums angetan! Und hört nur mal im Song Doing Nothing for Others is the Undoing of Ourselves diese eigenwilligen Bassläufe, die verspielten Gitarren, die druckvollen Drums und dazu diesen verzweifelten Gesang an. Unglaublich gut! Wenn ihr auf Bands wie Loma Prieta, City Of Caterpillar oder Raein steht, dann dürftet ihr auch nach Massa Nera lechzen!

Thisismenotthinkingofyou aus Derby/UK wurden an anderer Stelle mit ihrer 12inch Obstructive Sleep schon mal vorgestellt. Was mit sachten Gitarrenklängen harmlos beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Sekunden in ein chaotisches Skramz-Massaker mit dissonantem Charakter. Der Song Sonambulance I strotzt vor düsterer Atmosphäre, v.a. im letzten Drittel. In gewohnter Manier wird hier gelitten, gerotzt, geheult und zerstört! Eine Delay-Orgie mit verzerrten Vocals und übereinandergeschichtetem Krach. Für Thisismenotthinkingofyou-Verhältnisse sind die zwei Songs ungewöhnlich lange ausgefallen, so dass ihr insgesamt sechs Minuten neuen Stoff bekommt! Die A-Seite wird mit Sicherheit in Zukunft häufig bespielt werden!

Auch Yo Sbraito wurden schonmal an anderer Stelle vorgestellt. Die Band aus Ancona/Italien ist mit drei Songs vertreten. Diese sind aber mit knapp drei Minuten Spielzeit recht kurz ausgefallen. Yo Sbraito sind dementsprechend flott unterwegs, da ist auch ’ne Menge Hardcore-Punk mit dabei. Lediglich beim Song Rapina wird mal mit angezogener Handbremse im Slow-Motion-Modus gefahren. Die in italienischer Sprache vorgetragenen Vocals werden regelrecht rausgebellt, da könnte nach meinem Geschmack etwas mehr Abwechslung nicht schaden.

Die Band Ef’il ist mir persönlich zwar bereits namentlich schonmal aufgefallen, beschäftigt habe ich mich jedoch bisher noch nicht mit dem Trio aus Ipoh/Malaysia. Ef’il lassen sich mit ihren zwei Songs Zeit und kommen damit auf eine Spielzeit von knapp über 12 Minuten. Der kontrastreiche Sound lebt aus dem Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Im einen Moment klimpert die Gitarre munter und clean vor sich hin, im nächsten Moment wird man von diesem brutal übersteuerten Bass an die Wand gequetscht. Über allem schwebt so ein gewisses Angstgefühl, die monoton herausgeheulten Vocals geben dann noch den Rest. An manchen Stellen hat man dann ein flächiges Distortion-Inferno, das nach derber Endzeit klingt. Und dann schleichen sich fast schon gespenstisch fiepende Post-Rock-Gitarren mit rein, eine melancholische Melodie darf auch nicht fehlen. Wirkt beim ersten Durchlauf alles etwas zusammengewürfelt, entwickelt aber mit jeder weiteren Runde seinen Reiz.

8/10

Bandcamp / Facebook


 

mewithoutYou – „[Untitled]“ (Run For Cover/Big Scary Monsters)

Okay, hier kommt also Album Nummer sieben der Band aus Philadelphia, die mich persönlich eigentlich erst so richtig mit ihrem letzten Album Pale Horses gepackt hat. Der oft diskutierte spirituelle/religiöse Background der Band wirkte lange Zeit abschreckend auf mich, so dass ich dem Sound des Quintetts eigentlich gar nie eine Chance gab. Gott sei Dank (haha) werde ich dann doch ab und zu in Form eines Plattenpakets dazu bekehrt, der ein oder anderen Band ein Ohr zu schenken, der ich bisher skeptisch gegenüber stand. Rein optisch gibt das von Vasily Kafanov entworfene Albumartwork erstmal ein großes Rätsel auf. Was hat das farbenfrohe Kuddelmuddel auf dem Frontcover wohl zu bedeuten? Die Welt in Trümmern? Explodierende Gedanken? Ein Rätsel, das wohl nicht so schnell gelöst werden wird? Vielleicht finden sich ja ein paar Hinweise im zwölfseitigen Textheftchen, das überraschend geschmeidig in den Händen liegt. Die 12inch ist übrigens noch in eine bedruckte Innenhülle eingepackt. Beide Seiten sind mit Mustern bedruckt und während auf der einen Seite der Albumtitel [Untitled] abgedruckt ist, kann man auf der Kehrseite den nachdenklichen Satz Better Luck Next Time lesen.

Okay, schon wieder eines dieser Rätsel, über die man in den nächsten 45 Minuten vielleicht irgendwas erfahren wird. Möglicherweise geben die mit reichlich Metaphorik gespickten Texte irgendwie Aufschluss? Da hat man was zu knabbern, da gibt’s was zu tun! Also, erstmal unbeteiligt pfeifend weglaufen und Platte rausfischen. Ab auf den Plattenteller damit und laut aufdrehen, hoffen dass man keine unangenehmen Fragen mehr gestellt bekommt. Einfach mal in Ruhe gelassen werden! Und diese Ruhe braucht man auch für dieses Album, denn damit gerät man direkt in einen Strudel, man wird richtig reingezogen. Wie in einen Wildwasserstrudel, wie in einen riesigen Sog, diese Musik hat unglaublich viel Energie und Kraft.

Die Gitarren schweben ab der ersten Sekunde über Deinem Kopf, dazu ein dezenter Bass, bis dann wirbelnde Drums den frohen Auftakt zu einem astreinen Grunge-Song eröffnen. Wow! Danach wird es mit dem Song Julia richtig melancholisch. Zwischen Emocore, Neo-Grunge-Gitarren und einer gesunden Post-Hardcore-Kante ist es vor allem wieder der Gesang, der ansprechend zwischen Spoken Words, melodiöser Stimme und etwas Geschrei pendelt. Lasst euch einlullen! Man taucht echt mal in eine musikalische Welt ein, die es in sich hat. Another Head For Hydra umschlingt Dich sofort, Dormouse Sighs entzückt mit Frauenchören, Winter Solstice hat diesen intimen Wohlfühlfaktor! Und der Rest? Laut, leise, emotional, bizarr!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Run For Cover / Big Scary Monsters


 

Organa – „Selftitled“ (Pike Records)

Das Artwork dieser 12inch sieht trotz seiner Schlichtheit faszinierend und edel aus! Der schwarze, dicke Plattenkarton liegt schön schwer in der Hand, zudem kommt der Kontrast bei schwarzen Platten mit weißem Aufdruck einfach am besten rüber. Das symbolträchtige Motiv mit dem Stacheldraht, der das Auge umschließt, lässt erste Spekulationen zu, die sich – zumindest für mich – nach dem Studieren der Texte ganz plausibel anhören. Die Menschen werden immer mehr kontrolliert, die Freiheit und Losgelöstheit der Leute wird immer weiter eingeschränkt. Zudem kommt dazu, dass aufgrund dieser Kontrollmaschine und der geraubten Selbstverwirklichung innere Leere entsteht und die soziale Kälte immer mehr zunimmt. Der perfekte Nährboden für Depressionen und düstere Gedanken also. Schwarz dominiert übrigens auch noch im Inneren der Platte: schwarze Innenhülle, schwarzes, einseitig bespieltes Vinyl mit genial aussehendem Etching auf der B-Seite. Beim Etching sowie beim Label der A-Seite wird das Stacheldraht-Motiv wieder aufgegriffen und auch das stabile Textblatt ist mit Lyrics in vernünftiger Schriftgröße und mit den bereits bekannten Symbolen bedruckt. Alleine das ist eigentlich schon eine Anschaffung des Vinyls wert.

Nun, Organa haben sich im Jahr 2016 aus dem Dunstkreis der Bands Unrest, Weak Ties, Sømerset und Auszenseiter zusammengeschlossen, die sechs Songs plus Intro der Debut-12inch sind aber bereits im August 2017 digital über die Bandcampseite der Bielefelder erschienen. Dank Pike Records erblicken die Songs nun auch endlich physisch das dunkle Licht dieser Erde. Das Intro mit seinen Stör- und Fabrikgeräuschen könnte auch gut einem düsteren Horrorfilm entstammen und bereitet eigentlich das Brett vor, das man mit den nachfolgenden sechs Songs vor den Kopf geknallt bekommt. Im walzenden Crust-Bereich ist es ja in den letzten Jahren in der deutschen Szene eigentlich ziemlich still geworden, deshalb kann man es nur begrüßen, dass es Bands wie Organa gibt, die angepisst von den unguten gesellschaftlichen Entwicklungen die zerfetzte Crust-Fahne in den Wind halten.

Klar, man darf jetzt nicht erwarten, dass hier das Rad neu erfunden wird, dennoch wird nicht nur wild draufgeknüppelt. Auch wenn die Wut und Angepisstheit dominiert und alles sehr düster klingt, kommen doch auch ab und zu melodischere Gitarren zum Einsatz (z.B. bei Draisine oder Methode), auch sind starke Hardcore-Einflüsse zu entdecken. Hier erkennt man, dass die Band gut aufeinander eingespielt ist. Für den druckvollen und räudigen Sound ist mal wieder die Tonmeisterei eingesprungen, wie gewohnt hervorragende Arbeit! Vier der Songs sind übrigens komplett in deutscher Sprache verfasst, ein Song wird in englischer Sprache vorgetragen während ein weiterer so ein Mischmasch aus Deutsch und Englisch ist, wobei die deutschen Lyrics meiner Meinung nach authentischer rüberkommen. Und wie eingangs erwähnt behandeln die Texte ebensolche Themen, hier wird passend zur Musik ein düsteres und aussichtsloses Szenario gezeichnet. Vertonte Verzweiflung inmitten der Apokalypse sozusagen. Erinnert übrigens ein wenig an den Sound, den die Band Jungbluth so in ihren Anfangstagen rausgepfeffert hat und kann daher stark empfohlen werden!

8/10

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