See You Space Cowboy & Second Grade Knife Fight – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Dieses feine Scheibchen hier wird wie geschnitten Brot weggehen, denn See You Space Cowboy haben sich in ihrer kurzen Bestehenszeit schon eine riesige Fanbase erspielt und auch Second Grade Knife Fight sind bei Leuten mit extremem Musikgeschmack sehr beliebt. Zudem dürfte anhand der am Release beteiligten Labels klar sein, dass hier eine Menge Liebe drin steckt. Neben Dingleberry Records und Miss The Stars Records ist das Release über Zegema Beach Records, Dark Trail Records, Longrail Records, R.I.P In Peace und Rakkerpak Records erschienen.

See You Space Cowboy legen auf der A-Seite in etwas weniger als 5 Minuten alles in Schutt und Asche. Falls ihr es noch nicht wissen solltet: bei See You Space Cowboy wirken Leute mit, die man von Bands wie Letters To Catalonia, Recluse, René Descartes, Flowers Taped To Pens oder Meryl Streaker her kennt. Nun, die Band wütet sich durch insgesamt vier Songs und agiert dabei wie eine besessene und extrem risikobereite Wandergruppe, die alle Warnungen vor Gefahrenstellen bei Benutzung des Wanderpfades ignoriert, immer irre blickend das mächtige Ziel vor Augen. Auch die körperliche Anstrengung bewegt sich dabei am Limit, was natürlich noch zusätzliches Adrenalin freisetzt. Ich habe bisher erst ein paar Live-Videos der Band gesehen, aber die zeigen bereits, wie energiegeladen so eine Show wohl sein muss. Wie muss die Bude wohl brennen, wenn man mit der Band zusammen in einem Raum verweilt? Während sich die Typen an ihren Instrumenten bis zur Erschöpfung verausgaben, schleudert Dir die Sängerin wutschnaubend ihre Lyrics ins Gesicht. Das klingt dann, als ob sie unter einem nervösen Reizhusten leidet, der immerfort am Nervenkostüm zerrt. Auch die rotierenden dissonanten Gitarrenläufe, das hektische und stets wechselnde Getrommel und die vielen chugga chugga Breakdowns verbreiten einiges an Chaos. Und wenn man sich nach ein paar Durchläufen der A-Seite erschöpft und hyperventilierend eine kleine Verschnaufpause wünscht, dann hat man sich geschnitten.

Denn die fünf Songs der B-Seite schenken sich im Vergleich zur A-Seite nicht viel. Im Gegenteil, sie klingen noch nervöser, noch abgefuckter. Störgeräusche, Industriestaubsauger-Gitarren, wildes Geknüppel und übergeschnapptes Kreisch/Grunz/Keifgeheul machen die B-Seite zu einem flammenden Inferno. Kaum zu glauben, dass es sich bei Secondgradeknifefight um ein Soloprojekt handeln soll. Ob die Soundsamples zwischen den Songs ein bisschen Entspannung bringen? Zumindest für einen kleinen Bruchteil…bis dich das psychotische Cybergrind-Massaker wieder mit voller Wucht auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Die Drums hören sich nach Drumcomputer an, was dem Ganzen noch etwas an Kälte einhaucht. Würde ich jemals bei der Weltmeisterschaft der Sportholzfäller mitwirken, dann würde ich mit Karohemd und dieser 7inch auf den Ohren ein paar dicke Holzstämme zu Hackschnitzel dreschen.

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records / Miss The Stars Records


 

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Frana – „Awkwardwards“ (Antena Krzyku u.a.)

Zum Zeitpunkt des Erstkontakts mit der italienischen Post-Hardcore-Band Frana wohnten bzw. pendelten die vier Bandmitglieder noch zwischen München und Mailand, mittlerweile scheint die Band wieder komplett in Mailand zu residieren. Doch das hindert die sympathischen Italiener keineswegs daran, mir regelmäßig ihre neuesten Tonträger zukommen zu lassen. Diesmal, nach der einseitig bespielten Debut-12inch EP und der Split 7inch mit Opiliones haben sie mir also ihren ersten Longplayer von Italien aus geschickt. Die 12inch kommt in einer farbenfrohen Verpackung im Graffiti/Comic-Stil. Bei näherer Betrachtung des Kunstwerks bekommt man auf Anhieb eine Idee, was ausgedrückt werden soll. Bekanntermaßen sind wir seit den Achtzigern unaufhörlich auf dem besten Wege direkt in den Abgrund. Die Dinosaurier sind längst Geschichte, den Rest werden wir mit Sicherheit auch noch vernichten. Die Polkappen werden wir persönlich abschmelzen, während wir mit Karacho, ausgezeichnetem und ablenkendem Entertainment, reichlich Bier und fettigem Fast Food ins wohlverdiente Verderben schlittern. Und das tun wir mit wenig Geschick und etwas unbeholfen, so prophezeit es uns zumindest der Albumtitel Awkwardwards.

Das Album erscheint in Zusammenarbeit der Labels Antena Krzyku, Vollmer Industries, VioletDam Records, Entes Anomicos, Oh! Dear Recordings, Brigante Records und Hidden Hands Records. Passend zum Untergangsszenario des Covers dreht sich das Album auf dem Plattenteller mit den bedruckten Labels wie ein Sog, der alles in den Abgrund mitreißt, das Mittelloch ist sozusagen der Abfluss. Und kaum ertönt die Musik, hat man auch schon das handliche, aufklappbare Textblatt in den Pfoten. Denn auf den vergangenen Releases machten alleine die ausgefallenen Songtitel neugierig auf die Textinhalte. Und diese sind ähnlich vielschichtig und originell wie die begleitende Musik des Quartetts. Zwischen bildhafter Poesie und bitterer Erkenntnis passen auch zynische und sarkastische Einsprengsel, verrückte Gedankengänge und düstere Szenarien inklusive. Nach wie vor ist das Quartett schön sperrig unterwegs, die Melange aus Noise, Post-Hardcore, Post-Punk und Emocore groovt jedenfalls wieder ohne Ende. Insgesamt sind elf Songs enthalten. Und bis auf das ruhige und bedächtige letzte Stück Wrinkly hands in heavy water strotzt hier jeder Song vor zappeliger Energie.

Die Gitarren kommen schön verzerrt um die Ecke, der Bass knödelt eigenwillig und groovt ohne Ende, dazu das vertrackte Drumming und die noisigen Ausbrüche, der Gesang mal klagend, mal leidend, mal sprechend. Außer Kontrolle, unvorhersehbar, impulsiv, explosiv, spannungsgeladen, voller Adrenalin und mit jeder Menge Spielfreude vorgetragen. So könnte man den Sound der Italiener kurz und knapp beschreiben. Trotz der Sperrigkeit kommen aber auch immer wieder tolle Refrains und eingängige Gesangslinien wie z.B. beim Panpo, The Destroyer ans Tageslicht. Und sperrige, dissonante Klangerlebnisse mit predigenden Spoken Words wie z.B. bei Lonely Performer. Da fällt spontan so Zeugs wie Dischord, These Arms Are Snakes-Sachen ein, Drive Like Jehu ist natürlich auch immer präsent, dazu gesellen sich noch so Bands wie Frodus, Lack, Craving, Deadverse und Halo Of Flies, die The Ionic Spell LP der spanischen Band Standstill kommt auch noch in den Sinn. Eine Wucht von Platte!

8,5/10

Facebook / Bandcamp


 

Nevasca – „Collecting Dust“ (lifeisafunnything)

lifeisafunnything-Labelbetreiber Marcus scheint in die Underground-Szene Russlands eine ähnlich gute Pipeline zu haben, wie unser Altkanzler zu dortigen oligarchischen Kreisen. Ein Blick zurück auf die Weltgeschichte zeigt, dass das deutsch-russische Verhältnis, speziell auf die Hafenstadt Murmansk bezogen, nicht immer solch freudige Ergebnisse erzielte, wie die Beziehung zwischen Marcus und der Band Nevasca, die eben in Murmansk beheimatet ist. Auch wenn die Völkerverständigung nicht in allen Bereichen des Miteinanders klappt, erfreuen solch kleine Dinge innerhalb einer vernetzten kleinen Gemeinschaft. Am Release wirken neben lifeisafunnything dann auch noch ein paar andere DIY-Labels mit: Dingleberry Records, Friend of Mine Records, Longrail Records, Not So Happy Records, Personal Data Records, Chuchi Records und Dasein Records. Sehr schön!

Nun, die Metropole Murmansk stelle ich mir anhand der im Netz betrachteten Bilder ziemlich grau und trist vor, dennoch erfährt man auf Wikipedia, dass die Stadt zur Fliederblüte ein besonderes Flair haben soll. Vielleicht steckt eine ähnliche Idee hinter dem farbenfrohen Albumartwork. Hier wurde einer eintönigen Plattenbausiedlung etwas Leben eingehaucht, indem das Drumherum einfach mit warmen Farben coloriert wurde. Das verleiht der Szene einen südländischen, melancholischen Charakter. Wenn man dann im liebevoll gestalteten 8-seitigen Textheftchen blättert, entdeckt man zwischen den Texten verschiedene schwarz-weiß Fotos, vermutlich von Murmansk aus der Zeit nach den Weltkrieg-Bombardements, als sich die Stadt wieder im Aufbau befand und die Plattenbauten aus dem Boden wuchsen. Hier ist u.a. auch die Originalaufnahme des colorierten Fotos auf dem Frontcover zu sehen. Ach ja, natürlich gibt’s einen Download-Code.

Packt man das schöne Stück Vinyl aus, dann setzt ein breites Grinsen ein. Die Platte gibt’s in zwei Ausführungen, einmal mit gelbem Vinyl und in meinem Fall in einem schön schimmernden Blau das fast in schwarzes Lila übergeht und richtig frisch strahlt, wenn man es vor eine Lichtquelle hält. Die farbig im Stil des Covers bedruckten Labels kommen dazu schön kontrastvoll zur Geltung. Optisch ein richtiger Genuss! Ja, und dann setzt die Nadel auf und man gerät ab der ersten Sekunde in einen regelrechten Midwest-Emo-Rausch, dem man bis zum letzten Ton restlos ausgesetzt ist. Die melodisch-melancholischen Gitarren holen mich direkt beim ersten Song ab und spätestens wenn das Schlagzeug und der herzzerreißende Gesang einsetzt, weiß ich, dass dieses Album mal wieder so richtig meinen Geschmack trifft. Stell Dir vor, Du ziehst eine alte Lieblingsscheibe aus dem Plattenregal, die Du schon lange nicht mehr gehört hast. Das Ding hat schon ein wenig Staub angesetzt (kleine Anspielung auf den Albumtitel), aber sobald Du es aufgelegt hast, kannst Du wieder die Energie und die Wärme und die Erinnerungen spüren, die mit dieser Platte verbunden sind. Und genau diese Art Gefühle machen sich bereits bei den ersten Durchläufen von Collecting Dust bemerkbar. Ich habe da v.a. die Intensität und den nostalgischen Hauch von 90’s-Emo-Bands wie Sunny Day Real Estate, Mineral, Christie Front Drive, Gloria Record, Camber oder Joshua im Ohr, aber auch neuere Sachen wie Basement dürften den Jungs keine Unbekannten sein. Warum sind mir Nevasca bisher durch die Lappen gegangen? Das Quartett existiert immerhin seit 2013. Da werde ich nicht umhin kommen, mir auch die bisherigen Veröffentlichungen bei der nächsten Gelegenheit zu Gemüte zu führen.

Jedenfalls bekommt man auf diesem Release insgesamt acht Songs geliefert. Auf der einen Seite gefällt hierbei neben den wirklich wunderbar melancholischen Gitarren mit rauer Emo-Punk-Note auch die zuweilen dichte Aufschichtung mit Shoegazer und Delay-Gitarren, was vom Feeling her ganz nah an diesem Herzschmerz-Emo á la ganz frühe Appleseed Cast ran kommt. Gerade beim Titelstück lassen sich diese vielseitigen Songarrangements sehr gut beobachten. Beginnend mit leisen und verspielten Emo-Gitarren und zerbrechlichem bis sehnsüchtigem Gesang, schleicht sich hier diese dichte Atmosphäre ein, bis eine verdammt geile Bassmelodie begleitet von schmetterlingshaften Gitarrenklängen das Tempo rausnimmt und im letzten Abschnitt alles noch ein wenig schneller wird. Grandios! Auch die sehr persönlichen Texte halten mit der melancholischen Stimmung Händchen. Wahnsinn, wieviele gute Bands aus Russland kommen. Neben Eeva, Факел und zahlreichen anderen Bands mit kyrillischen Buchstaben gehören nun Nevasca ebenfalls zu meinen Lieblingen. Bevor ich hier noch weiter in unendliche Schwärmereien falle: kauft euch das Ding, wenn ihr auch nur eine der im Review erwähnten Bands zu euren Favoriten zählen solltet. Herzschmerz-Emo mit aufrichtiger Spielfreude gekreuzt, ich bin begeistert!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Ghost Bag & Tine Fetz – „Selftitled“ (Adagio 830)

Wenn ihr dieses schwere Kunstwerk von 12inch in euren Pfoten halten solltet, dann wird euch richtig warm ums Herz werden, während ihr gleichzeitig vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zubekommt und ihr schwitzende Handinnenflächen plus gerötete Bäckchen haben werdet. Wahnsinn! Das Gatefoldcover an sich ist schon ein Blickfang, der schlichte weiße Karton ist mit einem schwarzen Siebdruck im Graphic Novel/Comic-Stil ausgestattet. Im Inneren kommt dann die nächste Überraschung ans Tageslicht: ein geheftetes vierundvierzigseitiges Zine, gedruckt auf dicke, weiße DIN A4-Pappseiten. Umschlag und Zine sind von der Berliner Illustratorin und Graphic Novel-Künstlerin Tine Fetz gestaltet. Schön finde ich, dass bei diesem Release Musiker plus Künstlerin auf gleicher Augenhöhe stehen und der Name der Illustratorin auf dem Plattencover genannt wird. Hinter dem Name Ghost Bag verbirgt sich übrigens der Niederländer Nick Jongen, den man auch von den Bands Sleep Kit, I Am Oak und Baby Galaxy her kennt. Die Songs wurden vorwiegend in traditioneller Homerecording-Atmosphäre in Nicks Schlafzimmer in Maastricht aufgenommen und gemischt, für’s Mastering war mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden zuständig.

Die Seiten des Zines sind das Resultat einer Fernbeziehung der beiden Künstler und entstanden im Dialog. Auf der einen Seite sind die nachdenklichen Songtexte zu lesen, auf der anderen Seite sorgen die auf den ersten Blick an die Songtexte angelehnten teils düsteren schwarz-weiß-Illustrationen für reichlich Stoff zum Nachdenken. Stöbert man ein wenig im Klappcover, dann entdeckt man, dass die Zeichnungen zuerst angefertigt wurden und erst dann Musik und Songtext entstanden ist. Es werden sehr viel persönliche Erinnerungen und Erfahrungen thematisiert, das geht natürlich direkt unter die Haut. Die Vergänglichkeit scheint hier ein ebenso großes Thema zu sein, wie die Tatsache des viel zu schnellen Erwachsenwerdens bzw. Alterns, selbst ferne außerirdische Galxien werden in Betracht bezogen, vermutlich durch die Lektüre des Science Fiction-Romans Solaris von Stanislaw Lem. Auf dieses Detail stößt man, wenn man die Zeichnungen genau studiert. Die Texte leben von der Beobachtung der Umgebung, sie sind auf Details fokussiert, eben genau wie die Zeichnungen.

Diese intime Atmosphäre spiegelt sich auch im reduzierten und vor sich hinplätschernden Songwriting, das sich vor allem durch lose Strukturen kennzeichnet. Die elf Songs bewegen sich vorwiegend im langsamen Tempo und wirken hypnotisch, das Schlagzeug pumpert entspannt vor sich hin, während aus der Gitarre eine gefühlvolle Akkordfolge ertönt oder auch nur einzelne Saitenklänge im Raum schweben. Dazu dringt eine warme Stimme ans Ohr, die verträumt und gefühlvoll das fehlende Stückchen ertastet, das dem Ganzen noch mehr Raum und Atmosphäre verleiht. Die Tiefe der Songs entsteht gerade weil viele Stücke nicht unmittelbar ins Ohr gehen und sich dem gängigen Songwriting á la Anfang-Refrain-Schluss völlig quer stellen. Deshalb klingt der Sound dann auch so lebendig und unvorhersehbar, obwohl das Tempo sehr einseitig ist. Das hat auch schon bei anderen Bands sehr gut funktioniert, ich denke da an diverse Mike Kinsella-Projekte wie z.B. Owls oder Owen, es kommen mir aber auch viele 90er Indie-Bands wie Sea And Cake, Bedhead, Slint oder Troy Von Balthazar in den Sinn. Man kann sich entweder voll auf das Album mit all seinen Details konzentrieren, es funktioniert aber genauso gut als Soundtrack für ein gemütliches Sonntagsfrühstück. Auf Vinyl wirkt diese Art von Musik natürlich sehr lebendig, es ist ein wahrer Genuss!

8/10

Bandcamp / Adagio830


 

Dingleberry Records Film-Special: Bruised Willies, John Malkovitch!, Lost Boys

Bruised Willies – „John Malkovich Was Great As John Malkovich In Being John Malkovich“ (Dingleberry Records u.a.)
Mal wieder ein Tape aus dem Hause Dingleberry Records. Bandname und EP-Titel lassen vermuten, dass wir es hier mit irgendwelchen Filmnerds zu tun haben. Die Band Bruised Willies kommt aus Singapur und wurde bereits im Jahr 2012 gegründet. Wenn mich nicht alles täuscht, dann spielt hier jemand von den neulich aufgelösten The Caulfield Cult mit. Auf dem Tape bekommt ihr fünf Songs zu hören, die nach einigen Durchläufen zu richtigen Ohrwürmern werden. Das Trio macht nämlich eingängigen Emo-Punk, der mich hin und wieder an Bands wie Brand New Unit, Jawbreaker, Iron Chic oder The Marshes erinnert. Dabei gefällt es, dass die Jungs auch hin und wieder zum dominierenden und punklastigen Emo Elemente aus dem Skate-Punk oder Melodic Hardcore einstreuen, selbst eine flirrende Post-Hardcore/Post-Rock-Gitarre schleicht sich ein. Das Tape kommt mit einem aus dickem Karton gefalteten Cover, die Texte sind in akzeptabler Schriftgröße ebenfalls enthalten. Das Tape ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records und Dangerous Goods erschienen. Da mein Tapedeck etwas eiert, habe ich nach zwei Durchläufen auf den Stream der Bandcampseite zugegriffen. Solltet ihr unbedingt anchecken!
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


John Malkovitch! – „The Irresistible New Cult Of Selenium“ (Dingleberry Records u.a.)
Dieser schön gestaltete Digipack macht es einem rein äußerlich nicht ganz leicht, auf Anhieb Interpret und Titel zu entdecken. Auch mit den beteiligten Labels ist es nicht ganz einfach. Neben Dingleberry Records haben am Release die Labels I Dischi del Minollo, Edison Box und Mehr Licht Records mitgewirkt. Das alles sieht man erst wenn man das edle Stück aufklappt. Da entdeckt man, dass man es mit der Band John Malkovitch! aus Umbrien/Italien zu tun hat. Ganze vier Stücke sind auf The Irresistible New Cult Of Selenium enthalten. Da ich die Band bisher noch nicht auf dem Schirm hatte, dachte ich zuerst, dass es sich bei dem Tonträger aufgrund der Titelanzahl um eine EP handelt, aber John Malkovitch! machen astreinen instrumentalen Post-Rock mit ausufernden Ambient-Passagen und Stoner-Post-Metal-Elementen, so dass die vier Stücke auf eine Spielzeit von knapp 48 Minuten kommen. Die Musik ist dabei sehr vielschichtig und der Focus liegt auf sphärischen Klanglandschaften. Da kann es auch mal zwischendurch so richtig ruhig werden, so dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. V.a. die ruhigen Passagen mit den sich wiederholenden und eindrehenden Gitarren würden sich hervorragend für einen Soundtrack zu einem traurigen und tristen Film eignen. Überhaupt klingt das Ganze sehr düster und melancholisch. Hypnotisch baut sich nach einer ruhigeren Passage die Musik Schicht um Schicht wieder auf, bis eine Wand von Dampfwalze hereinbricht. Vom Ablauf her erinnert das an einen Menschen, der nach einem langen und erholsamen Schlaf langsam wach wird und sich plötzlich hellwach und voller Energie an das Tagesgeschäft macht. Die Rhythmuswechsel sind unberechenbar, so dass es spannend bleibt. Am besten, ihr hört diese Musik in einem abgedunkelten Raum mit brennender Kerze und laut aufgedreht über einen guten Kopfhörer an, dann ist die Gänsehaut garantiert. Jedenfalls hat man im halbdunklen Licht während des Hörens genügend Zeit, über das Covermotiv nachzudenken und die Schatten des schummrigen Kerzenlichts in die Phantasie mit einfließen zu lassen. Mich erinnert das irgendwie an ein Fabelwesen, ähnlich dem Drache Fuchur aus der unendlichen Geschichte. Gibt es wirklich einen unwiderstehlichen neuen Kult um Selen? Nicht zu verwechseln mit dem Seelenkult! Selen ist ein chemisches Element und wird soweit ich weiß gerne als Nahrungsergänzungsmittel verwendet, da es gut für’s Herz sein soll. Na dann, pfeift euch das hier mal rein!
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Lost Boys – „fun“ (Dingleberry Records)
Wenn man das farbenfrohe 12inch-Plattencover in der Hand hält, könnte man vermuten, dass man es hier mit einer Band aus den Achtzigern zu tun hat, die ein Aerobic-Album veröffentlicht. Da purzeln die bunten Gymnastik-Bälle neben den Fitnessstäben, durch die körpereigenen Endorphine beim Training wird alles so bunt wie auf einem LSD-Trip. Bis man die A-Seite auflegt und man binnen weniger Sekundenbruchteile nach dem Aufsetzen der Nadel merkt, dass die Rückschlüsse vom Albumartwork auf den Sound hier absolut daneben sind. Denn Lost Boys sind von sportlicher Disco-Musik so weit entfernt wie der hitzköpfige Bodybuilder von klaren Gedankengängen. Mit dem Aufsetzen der Nadel prasselt eher ein buntes Bällebad mit harten Cricketbällen auf Dich ein. Jeder Ball trifft Dich hart am Körper. Kaum zu glauben, dass dieses Brett von nur drei Menschen geschaffen ist. Da brezelt das Schlagzeug, so dass man förmlich den Wind der Crashbecken spürt. Dazu gesellen sich messerscharfe Gitarren, die an manchen Stellen durchaus melancholische Untertöne anschlagen. Aber das entdeckt man erst, wenn man sich durch das sperrige dissonante Noisegewitter wie durch dichtes Unterholz durchgeschlagen hat. Zu fasziniert ist man von dem schmerzvollen und leidgeplagten Geschrei des Sängers. Die Dissonanz nimmt an manchen Stellen gespenstische Züge an. Dieser Chor in Punk Singer z.B. kommt laut aufgedreht über Kopfhörer im dunklen Raum echt mal krass. Die Texte sind genauso angepisst wie die Musik. Da wird so manchem der Spiegel vorgehalten. Den Finger tief in die Wunde gesteckt und kräftig drin rumgebohrt wird da. In unsere technik-affinen Zeit, in der das Smartphone und Dein Status wichtiger sind als Dein gegenüber aus Fleisch und Blut, da braucht es wütende Texte wie diese, die dir direkt und unverblümt vor den Kopf geknallt werden. Erinnert gerade wegen den deutschen Lyrics stark an 90er Bremer Schule Hardcore á la Lebensreform und Loxiran, aber auch aktuelle Screamo Bands wie Masada oder Ojne oder Klassiker wie Orchid, Yage und Portaits Of Past dürften in vielen Kritiken als Referenz fallen. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, La Soj, Dont Care Records, Lost State Records, Rakkerpak Records und Désordre Ordonné.
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UNS – „Alles was wir machen ist Kunst“ (Sinnbus)

Was ist Kunst? Darüber haben sich schon etliche Leute ihr schlaues Köpfchen zerbrochen. Genau genommen gibt es auf diese Frage keine konkrete Antwort. Es gibt ja diese vielzitierte Weisheit, dass Kunst eigentlich immer im Auge des Betrachters liegen würde. Wer sich als Kulturtourist mit einem DuMont-Kunstführer auf Entdeckungsreise durch zig Museen begibt, der hat vielleicht ein anderes Auge für die Schönheit als ein Mensch, welcher in einem Graffiti in der U-Bahn das Kunstwerk des Jahrhunderts zu sehen scheint. Für den einen muss Kunst ästhetisch, fließend und harmonisch sein, der andere liebt es eher wild, chaotisch und ungestüm. Hätte irgendwer anno 1977 geglaubt, dass es gut vierzig Jahre später in den Museen dieser Welt Ausstellungen zum Thema Punk geben würde? Pfffff! Und deshalb ist es auch nicht verwerflich, wenn eine noch ziemlich neue Band ihr Debütalbum mit einer solch selbstbewussten Aussage betitelt. Dem Albumtitel nach kann man schonmal davon ausgehen, dass hinter UNS mit Sicherheit ein paar kreative Köpfe stecken, die einen gewissen Hang zur Exzentrik haben oder zumindest gerne provozieren.

So, dann wollen wir mal als erstes das Coverartwork der 12inch analysieren. Obwohl dieses sehr schlicht gehalten ist, ist die Platte ein richtiger Blickfang. Das mag an der gelb-schwarzen Farbgebung liegen, die ja nicht nur im Tierreich (Salamander, Biene Maja) durch ihren Kontrast Signalwirkung hat. Zudem haben Farben ja immer auch eine Symbolik in der Kunst. Gelb wird mit Wärme in Verbindung gebracht. Es kann als heiter, erregend, extrovertiert, verschwenderisch, optimistisch und leichtsinnig ausgelegt werden. Schwarz hingegen steht im direkten Kontrast dazu und wird mit Hass, Trauer und Unglück assoziiert, aber es steht auch für Ablehnung. Schwarz wird als pessimistisch, geheimnisvoll, verschlossen und ernst empfunden. Der schwarze Anteil ist geringer, gelb überwiegt. UNS ist ein Teil von kUNSt.

Sobald man die Scheibe sich auf dem Plattenteller drehen sieht und die Nadel abrupt aufsetzt, dann durchlebt man die unfassbar aufgeladene Welt der Band UNS. Das letzte Mal hatte ich einen solchen Aha-Effekt bei einer ebenfalls aus Deutschland stammenden Band namens Fluten. UNS bewegen sich in ähnlichen Klangwelten, zumindest was die Energie und die Ohrwurm-Melodien angeht, die mit jedem Durchlauf sich noch weiter ins Gehör schrauben. Die Musik pendelt zwischen Disco, Prog-Rock, etwas Post-Hardcore, Screamo und EBM/Pop. Dann sind da noch diese 80er-Post-Punk-NDW-Keyboards, die teilweise an die österreichische Band Bilderbuch erinnern. Dazu gesellen sich abstrakte und mit viel Zynismus und Ironie gespickte Texte im Poetry Slam-Stil, die mal gekünstelt, mal durchgeknallt schreiend oder auch schnaufend und japsend vorgetragen werden. Wahnsinn. Aber passt alles perfekt zueinander. Und dann entdecke ich zu allem noch, dass hier Leute mitmischen, die mich auch schon auf anderen Sinnbus-Releases mit ihrer Musik in den Bann ziehen konnten. Die Jungs haben vorher bei Kapellen wie SDNMT, I Might Be Wrong, Kate Mosh, Siva, Petula, Nonkeen und ClickClickDecker mitgewirkt. Verrückte Welt.

Die oberste Regel von UNS scheint zu lauten, dass es keine Regeln zu geben hat. Da hat man sich an einen der vielschichtigen Songs herangetastet, so wird beim nächsten Stück alles wieder über den Haufen geworfen und von Neuem begonnen. Kennt ihr diese Folien-Maltafeln für Kinder? So ähnlich gehen UNS mit ihren Songarrangements um. Sobald sich die Band verkünstelt hat, wird die Folie auch schon wieder hochgezogen und bei Null angefangen. Beim Song Von A nach A denkt man dann z.B. nur: Nimm mich mit. Ich will unbedingt mit euch mit. Ich komm mit euch mit. Ihr braucht nicht zu betteln. Und wenn es nur von A nach A sein sollte. Ich folge blind. Bis ich bei Nackt sehen schreiend davon renne. Aua. Dieser Mix aus Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und Rio Reiser ist auf den ersten scheuen Blick echt gewöhnungsbedürftig. Aber auch das ist Kunst. Kunst kann auch schon mal weh tun. Wie der Blick auf einen alten, grauen und faltigen Körper. All das lehrt uns die kUNSt. Und selbst an einen Song wie Nackt sehen gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen. Auf der 12inch gibt’s übrigens insgesamt neun Songs zu hören, mit dem beiliegenden Downloadlink erhält man die digitale Version zusammen mit dem Bonus-Song München. Wenn ihr euch eine farbenfrohe, abgefahrene und extrovertierte Mischung aus eben Fluten, Bilderbuch, Rio Reiser und den Fehlfarben vorstellen könnt und dann noch etwas Coolness und verschiedene Musiker dazu addiert, die vollgepumpt mit unterschiedlichen Drogen oder aber auch durch das Musizieren hervorgerufene körpereigenen Endorphinen bei vollem Bewusstsein genau ausloten können, was einem Song zur Vollkommenheit noch fehlt, dann solltet ihr hier schnell zugreifen. Beeindruckendes Debut!

8/10

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