Nerdcore Records-Special: Veuve S.S. & Drux

Veuve S.S. – „Descente E.P.“ (Nerdcore Records)
Dieses feine DIY-Release ist zwar schon im Jahr 2014 erschienen, aber trotzdem freute ich mich wie bolle, als ich das Ding neulich im fetten Promopaket der Labels Nerdcore, Apocaplexy und Phantomrecords entdeckte. Keine Ahnung, ob da noch genügend Restbestände dieses Scheibchens vorhanden sind, bei einer 200er-Auflage könnten die Dinger schnell mal weg sein, wenn die Band ihre Schneise durch die ranzigen Keller der Jugendzentren zieht. Nun, aber zurück zum Scheibchen: Die in düsterem Artwork daherkommende 7inch liegt nämlich extrem schwer in der Hand, zuerst denkt man, dass da eine Doppel 7inch drin wäre. Schüttelt man den Inhalt aus dem dicken Karton, dann staunt man nicht schlecht. Neben der einseitig bespielten 7inch, die auf der B-Seite einen schwarz-weißen Siebdruck hat, fällt einem ein zwar düsteres, aber edel gemachtes 42-seitiges Booklet vor die Füße, das vollgespickt mit kunstvollen Bildern, Grafiken und Zeichnungen ist. Natürlich kann man auch die Texte der Band aus Lyon/Frankreich nachlesen, eine deutsche Übersetzung der französischsprachigen Lyrics liegt ebenfalls bei, zudem erfährt man, wie das Release letztendlich zustande gekommen ist. Auf der 7inch befinden sich dann zwei Stücke, die nach viereinhalb Minuten auch schon wieder rum sind. Veuve S.S. machen jedenfalls keine Gefangenen, die Songs walzen über Dich weg, dass es eine pure Freude ist. Roh, wütend, lärmend: crustiges Geknüppel trifft auf das totale Noise-Hardcore-Inferno, matschige Gitarren, knüppelnde Drums, tiefergestimmter Bass, keifendes Wutgeschrei. Stellt euch eine musikalische Untermalung für den Sturm auf die Bastille vor, dann habt ihr’s ungefähr!
Bandcamp / Nerdcore Records


Drux & Veuve S.S. – „Split E.P.“ (Nerdcore Records)
Das schwarz-weiße Artwork dieser Split-7inch lässt schon vermuten, dass die beiden Bands keine cleanen Gesangsparts oder ruhigen Passagen in ihrem Sound verarbeitet haben. Das Faltcover dient auch gleichzeitig als Textblatt, das Vinyl schimmert blutrot vom Plattenteller. Auf der A-Seite sind die mir bis dato noch nicht unter die Ohren gekommenen Drux vertreten. Drux kommen aus Leipzig, die Texte sind auf Englisch und die beiden Songs dauern gerade mal etwas knapp über drei Minuten. Drux klingen sehr oldschoolig, da kommt so Zeugs wie Negative Approach oder Infest gepaart mit der Wut und Rotze der ersten Cro-Mags-Aufnahmen und des ranzigen Drecks von Discharge ins Gedächtnis, dazu schreit sich der Sänger in Wut und Rage während der Schlagzeuger sein Drumkit zerknüppelt, die Gitarren matschen und der Bass wie verrückt knödelt. Gefällt mir ziemlich gut, würde ich mir gern mal live anschauen. Veuve S.S. aus Lyon legen ebenfalls zwei brutale Hassbrocken aufs Parkett. Diesmal sind die französischen Texte zwar abgedruckt, eine Übersetzung fehlt aber. Egal, mein Französisch reicht aus, um zu erfassen, dass die Inhalte ebenso düster wie die Musik sind. In vier Minuten werden die zwei Stücke runtergeholzt, der pure Wahnsinn, richtig fies und dreckig!
Drux Bandcamp / Veuve S.S. Bandcamp / Nerdcore Records


 

Cirrus minor​ & ​The Fourth Is Bearded – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Wieder mal zwei französische Bands, die mir absolut nichts sagen aber bereits seit einiger Zeit unterwegs sind. Liegt wahrscheinlich daran, dass beide Bands ohne Gesang auskommen. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid: die Musik beider Bands überzeugt auch ohne Gesang auf ganzer Linie, zudem ist das äußere Erscheinungsbild der 12inch vorzüglich anzusehen. Das Halfcut-Cover ist besiebdruckt, und zwar in Silber, so dass man sogar Glitzer an den Griffeln hat, wenn man das Ding aus der Schutz-Plastikhülle rausnimmt und dran schnuppern will. Aus dem Inneren flattert dann ein Downloadcode-Kärtchen und ein pinkes „Textblatt“ entgegen, auf welchem von beiden Bands in französischer Sprache abgedruckte Thankslisten zu lesen sind, zudem sind hier auch die beteiligten Labels aufgelistet: Dingleberry Records, Les disques du Hangar 221 und Emergence Records.

Die A-Seite  wird von dem Quintett Cirrus Minor in Beschlag genommen. Die Band stammt aus Evreux, einer kleineren französischen Stadt in der Normandie und bevor Cirrus Minor im Jahr 2013 das Licht der Welt erblickte, spielten die Mitglieder in Bands wie Scold For Wandering, As We Bleed, Alceste, No Junk Food und Mura Hachigu. Vielleicht klingelt es jetzt ja bei irgendwem, ich zumindest kenne außer Alceste und As We Bleed weder die anderen genannten Bands, noch ist mir Cirrus Minor jemals unter die Ohren gekommen. Die zwei Songs der Franzosen bringen es jedenfalls zusammen auf eine Spielzeit auf über zwanzig Minuten, so dass sich jeder Song bei einer Laufzeit von zehn Minuten einpendelt. Spätestens jetzt wird klar, dass wir es hier vermutlich mit einer instrumentalen Post-Rock/Post-Hardcore-Band zu tun haben. Und ja, in der Tat, außer ein paar gespenstischen Spoken Words-Einlagen gibt es auf dieser 12inch nur sehr gut abgemischte Instrumente zu hören, die sich zusammen teils mystisch, teils sphärisch, dann auch wieder hämmernd und explosiv anhören, so dass man sich wie ein zeitreisender Mensch fühlt, der verwundert die Klangwelten der verschiedenen Epochen entdeckt und sich dabei manchmal fürchtet, aber sich gleichzeitig auch wohl und geborgen fühlt. Flirrige Gitarren treffen auf verträumt gespielte Passagen, bis in einer wuchtigen Eruption auch mal runtergestimmte Gitarren und crashbeckenbetonte Drums die Post-Hardcore-Seite markieren. Das hier entfaltet erst auf Vinyl die ganze Macht!

The Fourth Is Bearded kommen aus Le Havre und wurden im Jahr 2011 gegründet. Mitglieder der Band spielten zuvor in Bands wie Taïga und  Liquid TV zudem sind einige Mitglieder auch noch bei Dog and Pony Show aktiv. Wie auch schon bei Cirrus Minor schwebt ein großes Fragezeichen über meiner Gehirnregion, die für die Speicherung von Bandnamen+Musik zuständig ist. Aber was solls. The Fourth Is Bearded scheinen trotz ihrer düsteren und traurigen Musik ziemlich lustige Typen zu sein, anders kann ich mir den Bandnamen nicht erklären. Stellt euch mal die ganzen französisch-sprachigen Leute an, die auf ein Konzert der Jungs gehen und dann von nichtsahnenden Dritten gefragt werden, wie denn nun die tolle Band da auf der Bühne heißt. Die bekommen nämlich mit Sicherheit ziemlich viel Feuchtigkeit ab, denn Lautstärke+Alkohol+die französische Aussprache des Bandnamens birgt die Gefahr eines Spucketröpfcheninfernos, haha. Nun, The Fourth Is Bearded dominieren die B-Seite mit nur einem einzigen Song, der aber knapp 15 Minuten auf den Plattenteller bringt. Das Stück beginnt sehr melancholisch, man wird regelrecht in den Bann gezogen. Ziemlich hypnotisch schraubt sich diese melancholische Stimmung hoch, bis sogar noch Schlagzeug und Bass mit einsetzen und das ganze gipfelt, indem überraschend plötzlich Gröhl-Vocals auftauchen, die sogar bis zum Ende des Songs erhalten bleiben. Auch wenn bei The Fourth Is Bearded Gesang dabei ist, gefallen mir bei diesem Release Cirrus Minor in Sachen Abwechslungsreichlichkeit ’ne Ecke besser.

Cirrus Minor Bandcamp [Stream] / The Fourth Is Bearded Bandcamp


 

Sarkast – „De-Generation“ (DIY)

Okay, anhand des Albumartworks lässt sich gleich erkennen, dass Sarkast aus Bremen sicher nicht träumend auf der Blümchenwiese farbenfrohen Schmetterlingen hinterherschauen. Seit Bandgründung 2012 haben sich die vier Jungs vorgenommen, dreckigen Crust-Core mit wütenden Grindcore und Powerviolence-Attacken zu machen und dabei alles nierderzuwalzen, was ihnen in die Quere kommt. Ich kenne die bisherigen Veröffentlichungen der Jungs noch nicht, aber mit einer EP, einem Album und einem Split-Tape wurde schon fleißig veröffentlicht, zudem hat die Band einige Shows gespielt. Das alles kommt natürlich dem Sound auf De-Generation zu Gute, die eingangs geschilderte bandeigene Auflage wurde mit diesem Release also deutlich erfüllt.

Nach einem kurzen Midtempo-Intro mit runtergestimmten fetten Gitarren und ein paar Blastbeats kommt die Crust-Walze ins Rollen, dabei wird in deutscher Sprache gekotzt und gekeift, was das Zeug hält. Der Sänger kommt ziemlich punkig rüber, das erinnert dann entfernt an Punkbands wie z.B. Vorkriegsjugend, was schätzungsweise am wutschnaubenden Gekeife in deutscher Sprache liegt, aber auch Bands wie Disrupt, Discharge, Skitsystem, Martyrdöd oder Yacopsae kommen in den Sinn. Die Texte üben Kritik an unserer Konsumgesellschaft, an der Raffgier, der Ausbeutung und Unterdrückung, was natürlich zur wütenden und dunklen Grundstimmung der Songs passt.

Insgesamt zocken die Jungs in 17 Minuten acht eigene Songs und ein Terrorizer-Cover runter, da ist klar, dass man direkt zur Sache kommt. Die Mischung aus D-Beat, Crust, Grind, Powerviolence, Hardcore und Punk hat jedenfalls ordentlich Schmackes, was sicher auch am dreckig-matschigen Sound liegt. In DIY-Manier wurde übrigens die Aufnahme, der Mix und die Produktion des Albums von der Band selbst vorgenommen, das Mastern übernahm die Tonmeisterei und die Vinylherstellung plus Druck ließ man von flight13duplication anfertigen. Wenn ihr also Bock auf Krach und Zerstörung habt, dann dürfte Sarkast mit De-Generation genau das richtige für euch sein.

7,5/10

Facebook / Bandcamp


 

Shakers – „Selftitled 7inch“ (lifeisafunnything u.a)

Packpapier ist das neue Gold für Vinylfetischisten, die sich außer Vinyl nichts leisten können/wollen. Und wenn der goldene – eigentlich beige – Karton auch noch besiebdruckt ist, dann steigt der Liebhaber-Wert rapide an. Wenn dann jedes Exemplar auch noch etwas anders aussieht, dann freut sich das Sammlerherz umso mehr. Bei meiner Ausgabe wurde zuviel schwarze Farbe aufgetragen, so dass der Bandname nur erahnt werden kann. Das flaschenbiergrüne Vinyl sieht aber dufte aus. Die Texte der vier Songs sind leider nur auf einem CD-Cover-großen Blatt abgedruckt, dementsprechend klein sind die Buchstaben. Brillentragende Blogschreiber bleiben dadurch blöd. Aber dank Bandcamp kann man das Zeug auch so nebenher lesen, so dass man immer auf dem laufenden ist.

Alles aber egal, denn die Musik, die man beim Aufsetzen der Nadel auf die Ohren bekommt, packt einen von der ersten Sekunde an am Schlawittchen. Der Opener Heaving beginnt mit ’nem Drum-Intro, danach setzen schrammelige Gitarren ein und zur Krönung schreit sich der Sänger voller Leidenschaft den Hals blutig. Bis dann nach einer Minute des schieren Wahnsinns ganz andere Töne zeigen, dass die Band auch softer kann. Melancholisch gespielte Gitarren lockern das Szenario ein wenig auf. Mit diesem ersten Song steckt die Band gleich mal die Richtung ab, der Herschmerz dominiert gerade in Heaving immens, permanentes Bedauern inklusive. Auch die nachfolgenden drei Stücke lassen einen Blick in die Seele des Sängers erhaschen, die Texte sind sehr persönlich, zudem zaubern die sich duellierenden Gitarren ganze Gänsehaut-Autobahnen auf den Rücken. Die fünf Jungs haben es jedenfalls super drauf, Spannung zu erzeugen, gleichzeitig faszinieren diese plätschernden Midtempo-Passagen wie bei Shin, Shin, Shin. So lasse ich mir emotive Post-Hardcore gefallen, der Sound der Band läuft mir supergut rein.

Die Mitglieder der Band kommen übrigens aus Wiesbaden und Mainz und sind aus der Asche der Band Snakes And Lion entstanden, zudem ist noch ein Mitglied der Band Burke mit an Bord. Die vier Songs sind laut Textblatt bereits im Jahr 2014 aufgenommen und gemischt worden, zugleich verspricht die Band, dass das nächste Release nicht so lange auf sich warten lassen wird. Ja bitte, denn ich möchte schnell mal Nachschub! Wenn ihr auf Post-Hardcore der Marke Touché Amore, The Tidal Sleep oder La Dispute steht, dann solltet ihr dieses kleine Juwel schnell mal bei einem der am Release beteiligten Label (lifeisafunnything, Miss The Stars, I.Corrupt Records) bestellen.

8,5/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Pettersson & Det Är Därför Vi Bygger Städer – „Split 7inch“ (Koepfen u.a.)

Es ist zwar eine sehr kurze 7inch – sie dauert lediglich knapp fünf Minuten – aber dafür hat sie alles, was eine saftige DIY-7inch braucht. Zum einen sind da zehn namhafte Labels beteiligt, die allesamt mit Liebe und Herzblut bei der Sache sind. Zum anderen sind da diese zwei Bands, die in der europäischen Undergroundszene schon einen festen Namen haben, obwohl beide Bands noch gar nicht so lange existieren.

Die 7inch ist optisch schonmal richtig ansprechend: das Cover ist eigentlich ganz schlicht gemacht, aber es wirkt so verdammt persönlich. Genau das ist es, was ich an DIY-Split-Releases so liebe! Man nimmt umweltfreundliches beigefarbenes Packpapier, druckt in schwarzer Farbe die Bandnamen drauf und pinselt mit einer mit weißen Farbe eingepinselten Druckvorlage-Rolle drüber. Ach ja, davor haut man noch den Label-Stempel drauf, mit aller Kraft und Liebe natürlich. Während man diesen künstlerischen Beschäftigungen nachgeht, dröhnt schöner 90er-Emo aus den Lautsprechern der heimischen Anlage. Am Besten ein Mixtape mit Bands wie I Hate Myself, Shotmaker, Orchid, Indian Summer oder Yaphet Kotto. Mit ein wenig Glück hat man noch ein paar Helfer/innen, die immensen Spaß an der Sache haben, denn das Aufkleben des schwarz-weiß-Polaroids mit dem Schiffchen drauf kann auf Dauer ganz schön anspruchsvoll sein, da krumm aufgeklebte Polaroids nur in Teenie-Poesie-Alben kleben sollten.

Die Debutscheibe Rift And Seam der Wiener Band Pettersson kam mir leider nie ins Haus geflattert, obwohl da so viele Labels dran beteiligt waren, die immer gerne was zuschicken. Schade eigentlich, da hätte ich wirklich gern was dazu geschrieben, leider ging das irgendwie unter. Nun, die Österreicher klingen hier sehr amerikanisch, italienische und französische Screamo-Einflüsse hört man auch noch raus. Songtitel sind auf der 7inch leider nirgends abgedruckt, aber dank Bandcamp erfährt man, dass das etwas über drei Minuten dauernde Stück den Titel Sensory Deprivation > Motion Sickness trägt. Die ruhige Anfangssequenz mit den cleanen Gitarren und dem zurückgelehnten Schlagzeug lässt bereits die ein oder anderen Nackenhärchen aufstehen, aber spätestens, wenn die Gitarren flirrend zu Soundwänden aufsteigen und der Sänger leidenschaftlich jauchzt und leidet, hat man einen ganzen Krokodilpanzer am Rücken. Sehr geiler Song!

Bei den Schweden Det Är Därför Vi Bygger Städer sind Leute mit dabei, die vorher bei den sagenhaften Careless gespielt haben. Der Song Reverse Polarity dauert zwar nur eine Minute und 41 Sekunden, dafür packt er dich sofort am Kragen und schnürt Dir für die restliche Laufzeit die Kehle zu. Die Gitarren kommen locker aus der Hand gespielt, dazu dieser heulend-leidende Gesang und die teils wild rüberkommenden Drums, die sehr crahbeckenlastig gespielt werden. Ach herrje, beide Bands sollten ziemlich schnell mal neue Sachen rausschmettern, das hier macht definitiv tierischen Kohldampf! Neben koepfen records sind noch Dingleberry Records, Through Love Rec., My Name Is Jonas, Pundonor Records, Hardcore For The Losers, Krimskramz, Zilp zalp Records, Rubaiyat Records und time as a color beteiligt.

8,5/10

Bandcamp / Koepfen


 

Nionde Plågan & The World That Summer – „Split 10inch“ (Through Love Rec. u.a.)

Im schnuckeligen 10inch-Format und mit einem ungewöhnlichen Albumcover kommt diese Split der schwedischen Post-Hardcore/Screamo-Band Nionde Plågan und der kanadischen Post-Hardcore-Band The World That Summer daher. Das Release ist in Zusammenarbeit der Labels Through Love Records, Zegema Beach Records, Dingleberry Records, Laserlife Records, Longrail Records, Dead Punx Records, Pandonor Records, Suspended Soul Records und Stack Your Roster erschienen. Beide Bands wurden zwar an anderer Stelle bereits vorgestellt, aber hier mal die groben Fakten:

Nionde Plågan kommen aus Jönköping/Schweden und bisher wurden drei Longplayer veröffentlicht, die ihr euch auch mal anhören solltet. Die Band war gerade mit Trachimbrod unterwegs, vielleicht hatte ja jemand von euch das Glück, sie zu sehen. Nun, hier dürfen Nionde Plågan als erste ran, die zwei Songs faszinieren in gewohnter Manier mit teils schleppendem und finsterem Endzeit-Sound zwischen Crust/Black-Metal und Screamo. Dieser bekommt aber immer wieder kleine Lichtblicke in Form von fast schon melancholischen Einsprengseln, an Abwechslung mangelt es dem Gesamtsound ebenfalls nicht. Die A-Seite beginnt mit einem flächigen Gitarrensound, die Drums bahnen sich groovig ihren Weg durch die Rillen, bis sich eine zweite Gitarre einschleicht, die von Melancholie zerfressen dem Sänger die Verzweiflungsschreie aus dem Leib kitzelt. Und gegen Ende des Songs scheinen die Gitarren wie Schmetterlinge durch die Luft zu schwirren. Im zweiten Stück wird es dann fordender und ungestümer, der Song klingt schön dreckig mit diesen etwas dissonanten Gitarren, aber auch hier kommen Gitarren zum Einsatz, die das ganze etwas auflockern.

Die B-Seite gehört dann mit drei Stücken den Kanadiern The World That Summer, bei welchen übrigens Zegema Beach Records-Chef David Norman mitwirkt. Im Vergleich zum neulich besprochenen Split-Tape mit Apostles Of Eris kommen diese drei Songs dann etwas düsterer rüber. Die dort zu hörenden Post-Hardcore-Passagen wurden zugunsten der Screamo-Parts etwas runtergeschraubt, so dass das Ganze ziemlich angepisst und dreckig klingt. The World That Summer klingen dadurch viel chaotischer, da wird gehackt und geholzt, bis sich mathig-dissonante Gitarren reindrehen und zwischendurch auch mal in einer ungewohnten Tonlage geträllert wird. Dieses Splitrelease dürfte sowohl für bereits kundige Fans genauso interessant sein wie für Einsteiger, welchen beide Bands noch nicht bekannt sind.

8/10

Bandcamp / Through Love Rec.


 

 

Bandsalat: Andy The Band, Aviator, Caspian Sea Monster, Diet Cig, Employed To Serve, Gnarwolves, The Heads Are Zeros, Worth

Andy The Band – „Carry On“ (Sabotage Records) [Stream]
Hinter Andy The Band versteckt sich originellerweise ein Mensch namens Andy, der aus dem Punkrock kommt und hier seine Ego-Schiene durchzieht, indem er alle Instrumente selbst und wahrscheinlich ausschließlich seinem Geschmack entsprechend eingespielt hat. Lediglich für die Produktion wurde Tommy von Vånna Inget ins Boot geholt. Andy kennen sicherlich einige von euch von Bands wie den Satanic Surfers, Terrible Feelings oder Sista Sekunden. Nun, Andy The Band steht für schnörkellosen, dirty aber catchy gespielten Garagepunk, diverse Hardcore und Emo-Einflüsse sind auch stark vertreten. Die vier Songs sind eingängig, da hat man auf der einen Seite US-Emocore- und Punkbands wie das Zeug von den späten Dag Nasty, den Adolescents, All oder den Descendents im Ohr, aber gleichzeitig klingt das ganze dann doch nicht so wild und ungestüm. Andy ist indielastiger und gefühlvoller unterwegs, so dass man spätestens nach dem dritten Durchlauf zufrieden mit den Beinchen mitwippt und an Bands wie die Hives oder die Beatsteaks denkt (bevor diese stadiontauglich wurden). Zwischen dem anfangs monoton wirkenden Gitarrengeschrammel entdeckt man immer wieder mal einen raffiniert gespielten Basslauf, eine verzückend verspielte Gitarre oder ein noisiges und dissonantes Einsprengsel. Zu einem meiner persönlichen Favoriten zähle ich dann unter anderem das in die Gehörgänge flutende Doesn’t Exist. Hinter die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen auf dem Cover bin ich noch nicht gekommen. Ich steh ja nicht auf die Solo-Eskapaden selbstverliebter Bandmitglieder von einst erfolgreichen Punkbands, aber das hier macht richtig Laune. Hört rein und bleibt zwei Runden am Ball, dann fetzt das!


Aviator – „Heaven’s Gate b/w Death’s Door“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Die zwei Songs auf diesem Release sind während einer vierwöchigen Europatour entstanden und wurden in den Faust Records Studios in Prag aufgenommen. Da wünscht man sich nach mehrmaligen Hördurchläufen direkt, die Jungs würden bald wieder auf Tour gehen, um neue Songs für den lang ersehnten Nachfolger zum 2014-er Hammeralbum Head In The Clouds, Hands In The Dirt zu schreiben. Die zwei Songs machen jedenfalls Appetit auf mehr, denn sie bieten intensiven Post-Hardcore mit Herz und Seele. Die Gitarren fetzen richtig los und türmen sich zu dichten Soundwänden auf, Bass und Schlagzeug grooven dazu wie Hölle, hinzu kommt der leidenschaftlich gesungene/gebrüllte Gesang von TJ Copello sowie eine ausgeklügelte Balance zwischen emotionalen, fast bedächtig wirkenden Parts und spannungssteigernden, beinahe mantraartig nach vorne gehenden Passagen. Bitte mehr davon!


Caspian Sea Monster – „Selftitled“ (Stargazer Records) [Stream]
Das kaspische Seemonster, das einem vom Frontcover der Digipack-CD entgegen lächelt, sieht weder von vorn noch von hinten (siehe Backcover) bedrohlich aus. Im Gegenteil, ich finde es eher niedlich, das ist so ’ne Mischung aus den Gremlins (bevor sie zum Monster werden) und einem See-Quitsche-Igel für die Badewanne. Meine Kinder fanden das Ding so witzig, dass sie es sogar abgezeichnet haben, dabei haben sie ständig gekichert. Nun, die Band Caspian Sea Monster kommt aus Chemnitz und existiert seit ca. fünf Jahren. Die Mitglieder spielten zuvor bei Bands wie z.B. Playfellow, Calaveras und Might Sink Ships. Das selbstbetitelte Debut-Album des Quartetts wartet mit insgesamt acht Songs auf, diese dauern fast 70 Minuten. Okay, während des letzten Tracks The Tremblin (der 27 Minuten dauert) wird etwas beschissen, da ca. ab der 7. bis zur 22. Minute nichts weltbewegendes passiert. Egal, denn der Rest überzeugt von vorn bis hinten. Grob umschrieben bekommt ihr hier durchdachten Post-Rock mit einigen Indie-Referenzen und tollen emotionalen Momenten auf die Lauscher. Melancholie spielt auch noch eine große Rolle, die gefühlvoll gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang von Sänger Toni Niemaier erzeugen zusammen mit den smoothen Rhythmen und den Synthie-artigen Klängen zusätzlich für kribbeln im Nacken. Auch die satte Produktion weiß zu gefallen. Stellt euch entschleunigte Mewithoutyou vor, die emotionalen Post-Rock für sich entdeckt haben. Geile Scheibe, eher was für die ruhigen Momente in eurem Leben.


Diet Cig – „Swear I`m Good At This“ (frenchkiss) [Stream]
Zuckersüßen Indie-Emocore bekommt ihr von diesem Duo aus New York wie Honig um die Schnauze geschmiert. Boah, ich kannte die Band bisher nicht und hab kürzlich das Video zum Song Maid of the Mist angeschaut. Das Video selbst ist zwar schön gemacht, aber vom Hocker gehauen hat mich nur die Mucke. Was für ein geiler Song, ziemlich sicher war ich mir, dass dieser Song auf irgendeinem Sommer-Mixtape verewigt werden wird! Völlig überrascht war ich allerdings, als ein paar Wochen später die Digipack-CD in einem Päckchen aus dem Hause Fleet Union im Briefkasten lag. Nun, bei Diet Cig wirken wie bereits erwähnt nur zwei Leute mit. Da wäre zum einen Gitarristin Alex, die auch gleichzeitig noch in einer Tonlage und mit einer Hingabe singt, die Dir alle Nackenhärchen wie bei einem Stromstoß hinstellen. Dann gibt es noch Noah an den Drums, der dem ganzen einen gewissen Drive gibt und auch schonmal richtig abgeht (Blob Zombie z.B.). Auf Swear I`m Good At This werden euch jedenfalls 13 spaßbringende Songs auf die Ohren gepackt, die man irgendwo zwischen Indie, Emo und Pop-Punk einordnen könnte. Unbedingt solltet ihr euch auch noch den Song I Don’t Know Her anhören, mit dem Video zu Tummy Ache könntet ihr euch noch näher an die Band herantasten. Nach ein paar Durchläufen bin ich jedenfalls total hin und weg, da mich das irgendwie an eine Mischung aus The Anniversary und der deutschen Band Ohios Favorite erinnert.


Employed To Serve – „The Warmth Of A Dying Sun“ (Holy Roar Records/AL!VE) [Stream]
Ich liebe solch apokalyptische Albumtitel! Diese vermitteln direkt, wo es musikalisch wohl langgehen wird. Im Falle des zweiten Albums der Band aus Woking/UK dürfte der Abgrund nicht mehr weit sein, in den ihr nach dem Hörgenuss fallen könntet. Düster und heftig kriechen die Gitarren aus den Lautsprechern, kräftig und mächtig bolzt das Schlagzeug Kerben in eure Gehörgänge, dazu brüllt sich die Sängerin den Hals klötzchenweise blutig. Die Jobs, in welchen sie und ihre Bandkumpanen tagsüber so arbeiten, dürften sicherlich dazu beigetragen haben, dass die zehn Songs so ultrabrutal angepisst klingen. Ihr kennt das sicher auch: da kommt man völlig fertig von einem beschissenen Tag heim und will nur entspannen. Zuhause läuft es aber auch nicht besser: Wohnung steht unter Wasser, es wurde eingebrochen oder man hat keine Internetverbindung. Dann hilft eigentlich nur eines: entweder man macht selbst Musik, die in die Richtung des Quintetts geht, oder man legt diese Scheibe hier auf und findet sich in Gedanken wieder, die sich darum drehen, ob man sein passives Dasein voller Stagnation wehrlos hinnehmen will oder endlich mal aus sich rausgeht und für das kämpft, was einem wichtig ist. Diese Band zeigt uns jedenfalls, dass man mit viel Wille und Kraft etwas auf die Reihe bekommt, von dem so mancher Erdenbewohner noch nicht mal was mitbekommen hat.


Gnarwolves – „Outsiders“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Es klingt zwar doof, aber eigentlich ist das hier genau das, was mir bei den Gnarwolves aus Brighton/UK als erstes in den Sinn kommt: Hier weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Nämlich schnellen melodischen Hardcore-Punk, der etwas näher am Melody-Punk dran ist, aber bei dem man noch genügend Schrammen abkriegt, weil man mit dem Sound im Ohr und auf dem Skateboard stehend meint, dass man immer noch 15 Jahre alt wäre und der eigene Körper eigentlich aus reiner Kautschuk-Masse bestehen würde, die allen Stürzen standhält. Autsch! Zehn Songs. Fans von neueren Lifetime, Good Riddance, Grey Area, Dillinger Four oder Blacktrain Jack dürften bei den Gnarwolves Pippi in die Augen bekommen. Mein Anspieltipp: Paint Me A Martyr.


The Heads Are Zeros – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Zwölf Songs sind auf dem Debut-Album dieser noch nicht so bekannten Band aus Baltimore zu hören. Bisher wurden zwei EPs veröffentlicht und der Laufzeit dieses Albums von gerade mal 23 Minuten nach würde man das hier in Post-Rock-Kreisen mit Sicherheit als eine etwas zu lange geratene Single bezeichnen. Wenn ihr auf totales Grind-Massaker mit keifender Frau am Mikro abfahrt, dann seid ihr hier genau richtig. Die Gitarren schrubben wie wahnsinnig, der Drummer wird wahrscheinlich nachts noch von Napalm Death-Live-Videos verfolgt. Kommt geil. Für Fans von Botch, Dillinger Escape Plan oder Converge. Das hier würde ich mir gern live reinziehen!


Worth – „Lacus“ (DIY Cat Life Records) [Name Your Price Download]
Bevor ich jetzt mit meinem nicht vorhandenen großen Latinum angebe, spanne ich euch nicht länger auf die Folter: der EP-Titel stammt nämlich aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie See, Gewässer oder Wasser. Ja, diese Übersetzung könnte passen, das liebevoll besiebdruckte Coverartwork bestärkt mich jedenfalls in der gegoogelten Bedeutung des Wortes Lacus. Die fünf Jungs aus Bonn haben sich mit ihrer ersten EP jedenfalls viel Mühe gegeben. Das ganze wurde in Eigenregie gestemmt, die EP wurde klassisch im Proberaum engeprügelt und ist in einer kleinen Auflage entweder als Tape oder als CD erhältlich. Mir liegt die CD vor, deren Label ebenfalls mit einem schönen schwarz-weißen Siebdruck beklebt ist, zudem gibts das Ganze zum Name Your Price Download auf der Bandcamp-Seite der Band. Schade, dass kein Textblatt beiliegt, aber die Texte der fünf Songs lassen sich wenigstens auf Bandcamp nachlesen. Nun, vom Sound her gefallen mir die fünf Bonner recht gut, auch wenn die Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und Emo keine außergewöhnlichen Überraschungen an Bord hat. Ich meine, solch einen ähnlichen Sound vor Jahren mal für die Seite Borderline Fuckup besprochen zu haben. Ja doch, On Elegance aus der Schweiz klangen ähnlich. Das soll jetzt aber nichts abwerten, denn das Songwriting ist in sich stimmig, es gibt immer wieder Parts die aufhorchen lassen und sofort ins Ohr gehen. Hier seien z.B. die mehrstimmigen Chöre und die melancholisch gespielten Gitarren genannt, die von flächig gespielten Melodic Hardcore-Gitarren bis hin zum leise verspielten Emopart schön abwechslungsreich sind. Und klar, der Sänger leidet auch ganz schön intensiv. Und zwischendurch gibts bei Amisk einen vertrackten Refused/Abhinanda-mäßigen Break-Part. Als Anspieltipp empfehle ich gerade das Titelstück Lacus/IV, denn in diesem Song zeigt die Band ihr ganzes Spektrum. Mir gefällt v.a. der rohe und noch nicht so glattgeschliffene Sound, da ist noch genügend Biss und Rotze dabei. Leute, die sich eine Mischung aus Touché Amore, As Friends Rust und Trembling Hands vorstellen können, sollten hier unbedingt mal reinhorchen.