Brandt – „What!“ (Tumbleweed Records)

Schon die über Sic Life Records erschienene 7inch der Band aus Münster hat es mir seinerzeit angetan, nun legt das Quartett also endlich sein Debutalbum vor. Das Ding ist auf Vinyl erhältlich, eine CD liegt der Vinylversion ebenfalls bei. Mit eben dieser CD wurde ich also zwecks Besprechung beschert. Jetzt, nach etlichen Durchläufen in Dauerschleife bedaure ich es zutiefst, dass ich das Ding nicht auf Vinyl bekommen habe. Denn What! steckt voller zeitloser, genialer Musik, die mit sehr viel Gefühl dargeboten wird. So etwas macht sich in einer gut sortierten Plattensammlung natürlich immer sehr gut.

Nun, ob hinter dem Coverartwork eine tiefere Bedeutung oder gar Botschaft steckt? Auch nach längerer Betrachtung und im Einbezug der panslawischen Farben kommen mir beim Anblick der ineinander verwobenen Personen, die sich irgendwie abfummeln und ineinander zerfließen keinerlei Interpretationen in den Sinn. Jedenfalls gefällt das Zusammenspiel der Farben und auch die Gestaltung der Rückseite. Das Artwork entstammt übrigens der Feder von Sarah Böttcher, meine Internet-Recherche ergab keine weiteren Illustrationstreffer, also keine Künstler-Verlinkung an dieser Stelle.

Aber kommen wir endlich zum musikalischen Inhalt: insgesamt bekommt ihr 13 Songs in fast vierzig Minuten Spielzeit geboten, zwei Songs davon (Streets und Cloud) sind bereits auf oben erwähnter 7inch erschienen. Keine Ahnung, ob die nochmals neu eingespielt wurden, jedenfalls fügen sie sich sehr gut in die Songreihenfolge ein. Neben den Eigenkompositionen sind auch noch zwei Coverversionen enthalten. Zum einen ist das der Beat Happening-Song Indian Summer, der in der Version von Brandt deutlich fluffiger klingt als das Original, was unter anderem am warmen und etwas höheren Gesang und den toll gezockten Gitarren liegt. Zum anderen ist das gleiche Schema beim Song Motorcycle Boy von Courtney Love zu beobachten, dieser hat viel mehr Leben als das Original mit dieser lustlos vor sich hin nölenden Courtney Love. Und die Eigenkompositionen? Die sind ebenfalls unendlich schön. Die Gitarren slacken locker aus dem Ärmel, die Drums begleiten ebenso frisch und fluffig. Dann gesellt sich noch ein Bass dazu, der mit eigensinnigen Melodien die Sache noch spannender macht. Erwähnen sollte man abermals den Gesang, hier wird es auch mal mehrstimmig wie z.B. beim hymnenhaften Billy oder dem treibenden Kids. Brandt sind ein richtig gut funtionierendes und aufeinander eingespieltes Quartett, das kann man auf diesem vor Spielfreude strotzenden Album jedenfalls deutlich hören! Wenn ihr auf 90er-Gitarren-Indie-Rock á la, Superchunk, Guided By Voices, Pavement, Dinosaur Jr. oder The Notwist könnt, dann dürft ihr Brandt auf keinen Fall verpassen!

9/10

Facebook / Bandcamp / Tumbleweed Records


 

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Death Engine – „Place Noir“ (Apocaplexy Records)

Death Engine kamen mir erstmals mit ihrer 2015er-12inch Mud unter die Ohren, dieser lag damals auch noch eine 7inch bei. Beim zweiten Album der Band aus Lorient passt diesmal alles auf eine 12inch. Die Platte kommt auch wieder mit einer ansprechenden Optik und im dicken Plattenkarton daher, die Inlay-Hülle ist genauso stabil und dazu farbig bedruckt. Die Photos der Fassaden vom Cover und vom Inlay wirken bedrohlich, düster und kalt. Passend dazu wurde mit Place Noir (Dunkler Ort) ein ebenso düsterer Albumtitel gewählt. Neben Apocaplexy Records ist am Release auch noch Throatruiner Records beteiligt.

Nun, so bedrohlich wie die Fassaden der Banlieues vom Cover ins Auge springen, so beunruhigend wabert der Sound beim Aufsetzen der Nadel aus den Lautsprechern. Wenn ordentlich aufgedreht ist, wummert der Bass beängstigend, während die Gitarren dissonant und die Drums präzise walzen. Die angsteinflößende Soundkulisse wird durch den Sänger komplettiert, der leidend zwischen Resignation, Wut und Verzweiflung seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Mal wird derbe geschrien, dann kommen aber auch immer wieder monoton gesungene, halb gesprochene Abschnitte zum Zug. Gerade die Drums wirken desöfteren hypnotisch, dazu gesellen sich Feedback-Geräusche und tremoloartige Gitarren, so dass immer wieder diese atmosphärischen und auftürmenden Soundwände entstehen. Und wenn man dabei die Augen schließt, dann kann man diesen grauen, im Rohbau befindlichen Betonbunker sehen, bei dem gerade aufgrund eines extrem kalten Winters Baustopp herrscht. Bei Death Engine ist der Rohbau jedoch soundtechnisch längst zum bezugfertigen Plattenbau vollendet, die Wohneinrichtung wurde sozusagen bis auf’s kleinste Detail ausgetüftelt, handwerklich wurde alles perfekt umgesetzt.

Es sind zwar nur sechs Songs, aber diese reißen mit einer Spielzeit von einer halben Stunde alles ein, auch wenn man ab und an mal eine unterschwellige Gitarrenmelodie entdeckt. Einziger Kritikpunkt ist, dass die Texte nirgends abgedruckt sind. Wenn ihr Bands wie Neurosis, Converge, Celeste oder Melt Downer bereits zum Frühstück verspeist, dann solltet ihr euch diesen Bastard aus Noise, Hardcore, Metal und Screamo nicht entgehen lassen. Das Album macht es einem alles andere als einfach, aber dranbleiben lohnt sich. Als Anspieltipp empfehle ich mit Decline einen der leicht zugängigeren Songs.

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Dingleberry Records-Special: Montagne, Wøjna​ & ​Social Crisis, Worst Days

Montagne – „Spring Birds“ (Dingleberry Records, )
Dieses farbenfroh verpackte Tape ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Bad Wölf, HC4LZS und Chatelein Records erschienen. Montagne ist eine Post-Metal Band aus Paris, Spring Birds ist die zweite EP des Trios. Und obwohl nur zwei Stücke auf dem Tape sind, kommt das Ding auf eine Gesamtspielzeit von über 12 Minuten. Zu Beginn des Songs Spring walzen die Gitarren zusammen mit den Drums ganz schön groovig, dazu gesellt sich ein polternder Bass und tiefe Growl-Vocals. Und wenn man denkt, jetzt kommt eine kleine Verschnaufpause in Form von cleanen Gitarren, wird man sogleich von einem fiesen Double-Bass-Gewitter zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Und was ist das gegen Ende des Songs? Ist das etwa eine Kirchenorgel? Jedenfalls bleibt es beim zweiten Song Birds genauso spannend. Das Stück beginnt mit ambientartigen Post-Rock-Klängen bevor sich der Sound wieder in dieses heavy Groovemonster verwandelt und alles zu zerhacken scheint. Durch die verschachtelten Songstrukturen bleibt das Ganze unvorhersehbar. Wenn ihr also mal wieder eine groovige Post-Metal-Band entdecken wollt, die auch ab und an Post-Hardcore und Post-Rock in ihre Songs einbaut, dann solltet ihr hier mal reinlauschen!
Bandcamp / Facebook


Wøjna​ & ​Social Crisis – „Split EP“ (Dingleberry Records)
Manchmal kann man eben doch vom Artwork auf die Musik schließen! Diese Split smasht alle auf dem Cover zu sehenden Totenköpfe zu Brei! Und fährt anschließend mit ’nem Schaufelbagger über die knacksenden Überreste. Hmm, was es mit den ganzen Bildern politisch auf sich hat? Keine Ahnung, Frauenstreik, Strajk Kobiet ist auf einem Transparent zu lesen, dann die Überwachungskameras? Vielleicht geben die Texte was her? Aber klar, um eure Neugier zu stillen, ja ganz genau, das hier ist Crustcore, Powergrind und Emoviolence in einem! Die Gitarren fetzen, das Schlagzeug ballert alles weg und der Sänger keift, was aus den Stimmbändern rauszukeifen geht. Wøjna​ kommen aus dem polnischen Städtchen Poznań, im deutschen Weltatlas findet man die Übersetzung „Posen“. Nun, Wøjna​ sind alles andere als verdammte Poser (hihi), denn das Quintett prügelt sich unerbittlich durch vier kurze Songs, bei denen nur der Rausschmeißer knapp über die zwei Minuten-Grenze kommt. Die in der polnischen Sprache rausgegrunzten Vocals kann man glücklicherweise auch auf dem Textblatt in der englischen Übersetzung nachlesen. Und die Texte, gepaart mit der Wut und der Intensität der Songs, lassen keinen Zweifel darüber, dass man es hier mit ziemlich wütenden Zeitgenossen zu tun hat, die sicher ein -höhö- Liedchen über ihre krassen Lebensumstände singen können. Social Crisis sind nicht so dumpf und doomig runtergestimmt wie Wøjna​ unterwegs, dennoch klingt die Band noch ’nen Ticken wütender, rasender und irrer. Ich krieg ’nen Vogel, hier sind gleich zwei Sängerinnen am Start, die auch noch vom restlichen Team an den Instrumenten schreitechnisch unterstützt werden. Highspeed-Crustgitarren und polterndes Bassmassaker trifft auf knüppelndes Killer-Schlagzeug und wildgewordenes und extrem durchgeknalltes Gekeife . Der letzte Satz hier liest sich zwar wie eine reißerische BILD-Headline, aber im Gegensatz zum fragwürdigen Text des Schmierblatts ist hier auch das drin, was in der Überschrift versprochen wird! Die in polnischer Sprache rausgewüteten Lyrics kann man in der englischen Übersetzung ebenfalls im Textblatt nachlesen. Und das ist auch gut so, denn hier wird ebenso die Textkeule geschwungen. Gegen das Patriarchat, gegen Unterdrückung, gegen Ausbeutung. Das alles aus Angst vor der Zukunft. Das hier ist schiere Wut und Überzeugung, wie sie nur von Menschen rübergebracht werden kann, die dem Druck hier auf dieser Welt nicht mehr gewachsen sind. Kommt als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Up The Punx, DIY Koło, In My Heart Empire, Svoboda Records und N.I.C.
Wøjna​ Bandcamp / Social Crisis Bandcamp / Stream


 

Worst Days – „Someone Has It Worse“ (Dingleberry Records u.a.)
Negativ! Schlecht! Der Wald auf dem Cover stirbt gerade, während tausend Stadtmitarbeiter mit diesen ultralauten Laubsaugern/Laubbläsern das letzte irdische Leben auslöschen oder aufsaugen und für immer vernichten. So soll es sein. Insekten haben wir noch nie gebraucht. Super, dass die Erde mit Plastikmüll überflutet wird, da freut man sich doch an recycleten Flexi-Discs wie der von Worst Days aus Providence/Rhode Island…USA. Plastik zum Sammeln, Yeah! Musiknerds müssen Mikroplastikpartikel einatmen, dann schließt sich der Kreis. Die in durchsichtigem rot und mit silberner Schrift besiebdruckte Flexi sieht in der Hülle eigentlich ziemlich geil aus. Da schimmert nämlich noch das Innenartwork durch, sieht irgendwie satanisch aus. Legt man die quadratische Lamelle dann auf den Plattenteller, dann stellt sich schonmal die Frage, ob das alles richtig gepresst wurde. Oberschneller, angepisster Hardcore-Punk grindet hier mit Highspeed-Doublebass aus den Lautsprechern. Sind da im ersten Song am Anfang irgendwelche Digitalisierungsfehler? Ist die Krachorgie im zweiten Song in einer Industriehalle entstanden? Egal, da wird einfach drüberrasiert! Jedenfalls klopfen die vier Jungs ordentlich drauf, live dürfte das hundertprozentig wie die Sau abgehen! Ach ja, hier mal noch die Labels neben Dingleberry Records, bei denen ihr dieses Powerviolence-Scheibchen erwerben könnt: Riotousoutburst Records, Gbsrecord, RatMixRecords, suspendedsoultapesandrecords. Und jetzt ab in den Moshpit!
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Bandsalat: City Kids Feel The Beat, Insert Coin, Lift, Living With Lions, Matze Rossi, Muncie Girls, Pagan, Slumb Party

City Kids Feel The Beat – „Cheeky Heart“ (Uncle M) [Stream]
Bandname, Albumtitel und das etwas kitschig wirkende Artwork dieses hübsch aussehenden Digi-Packs könnten übrigens ganz schön in die Irre führen und die Vermutung aufkommen lassen, dass wir es hier mit einer Boy-Band aus den Charts zu tun haben könnten. Wenn man dann noch das Textheftchen auffaltet und plötzlich ein Poster in der Hand hält, auf welchem man fünf Boys in weißen T-Shirts erblickt, dann ist man doch etwas überrascht, wenn man die CD einlegt und hymnischer Pop-Punk aus den Lautsprechern ertönt. Komischerweise ist mir die Band bisher gänzlich unbekannt gewesen, obwohl die Jungs schon seit sechs Jahren unterwegs sind und Ulm ja eigentlich fast schon in der Nachbarschaft liegt. Cheeky Heart ist also Album Nummer drei und ich muss sagen, dass einige Songs sofort ins Ohr gehen. Auch wenn auf den ersten Blick das poppige im Vordergrund steht, gibt es zwischendurch trotzdem immer wieder schöne Abgeh-Parts mit fetten Gitarrenriffs und Schreigesang (beispielsweise bei Rewrite oder Worst Date). Die glasklare Produktion, für die der Typ eingespannt wurde, der auch Cro und Casper schon einen guten Sound verlieh, passt natürlich auch bei dieser Art von Musik ganz gut. Die Vorbilder für den melodischen Pop-Punk, der munter mit hymnischem Collegerock gemischt wird, dürften klar in der kalifornischen Pop-Punkszene zu finden sein. Die Texte beschäftigen sich mit dem Wahnsinn, den man zwischen Jugend und Erwachsenwerden so durchlebt und stehen damit ein wenig im Kontrast zum sonnigen Sound. Wer also auf Ohrwurmmelodien steht, die wirklich hartnäckig im Gehör kleben bleiben, dürfte hiermit gut bedient sein! Übrigens, jetzt hab ich’s: Beim Song Coming Home weist die Gesangsmelodie im Refrain eine enorme Ähnlichkeit mit Nenas Nur Geträumt auf.


Insert Coin – „Way Out“ (Uncle M) [Stream]
Bei Insert Coin aus Recklinghausen scheint es richtig gut zu laufen. Im Jahr 2007 gegründet sind bereits zwei Alben und eine EP erschienen, zudem wurden etliche Shows quer durch Europa gespielt. Den wohl besten Coup landete die Band mit einem Soundbeitrag zu einem TV-Werbespot für irgend so ’n komisches hauptsächlich aus Zucker bestehendes Energygesöff, das sich hyperaktive Leute ins Hirn schütten, nur um sich dabei ein bisschen cool zu fühlen. Ob man als Band seine Musik für solch fragwürdige Produkte hergeben sollte? Ich meine schon, denn dadurch kommen potentielle Konsumenten dieser Plörre vielleicht beim Anhören der Musik auf andere Gedanken, denn das was Insert Coin machen, dürfte auch die müdeste Schlafmütze wieder aus dem Koma befördern, da braucht es keinen Energy-Drink mehr! Zudem kommen die Leute vielleicht besser drauf, wenn sie sich mit den teils persönlichen aber auch gesellschaftskritischen Texten der Band beschäftigen, die sich mit Themen wie Fake-News, gleichgeschlechtliche Ehe oder Depressionen (die übrigens auch von übermäßigem Konsum des beworbenen Energy-Drinks ausgelöst werden können) befassen. Musikalisch wird dazu melodischer, nach vorne gehender Skatepunkrock geboten, der seine Vorbilder in Bands wie Anti-Flag, Pennywise oder Red City Radio hat. Bevor ihr eure Münzen in den nächsten Getränkeautomaten werft, solltet ihr die hart ersparten Moneten an die nächste Jukebox verfüttern und das Album Way Out anwählen. Danach wollt ihr das Ding eh in eure Punkrock-Sammlung integrieren, also könnt ihr das Ding auch gleich kaufen.


Lift – „Harsh Light of the Truth“ (Dropping Bombs/DIY) [Name Your Price Download]
Neulich gab’s an anderer Stelle einen kurzen Beitrag zur Debut-EP dieser neuen Band aus Connecticut. Das Ding hat mich mit seinen Songs schwer begeistert, so dass man nach mehr lechzend eigentlich gar nicht arg so lange warten musste, denn mittlerweile ist die zweite EP mit drei Songs als Name Your Price Download verfügbar, zudem gibt es das Ding als 7inch. Nun, das Cover ist wieder schön gestaltet. Das Gemälde erinnert irgendwie an die ersten Artworks von Snapcase-Releases (Progression Through Unlearning z.B.) und auch der Sound, v.a. das Instrumentale, erinnert an diese großartige Band aus Buffalo. Weitere Einflüsse dürften neben Snapcase frühe Boy Sets Fire, Refused und With Honor sein. Hier passt jedenfalls von der fetten Produktion bis zum ausgefeilten Songwriting alles. Ganz schön groovig und mitreißend, so muss druckvoller Hardcore klingen! Ich warte gespannt auf weiteres Material!


Living With Lions – „Island“ (No Sleep Records) [Stream]
Der Digipack kommt komplett ohne Plastik aus – bis auf die CD selbst natürlich – und ist echt mal aufwendig und schön gestaltet. Die Fenster der Fassade sind alle ausgestanzt, so dass man auf dem im Inneren befindlichen Textheftchen in die einzelnen Wohnungen schauen kann und dort ein paar außergewöhnliche Szenen des menschlichen Lebens entdecken kann. Kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, aber eigentlich wiederholt sich ja in Albumartworks doch irgendwann alles mal, selbst im musikalischen Bereich wird das Rad oftmals nicht neu erfunden. Und auch die alltäglichen Szenen hinter den Fenstern können sicher auch außerhalb Kanadas hinter etlichen beleuchteten Fenstern erblickt werden. Zwölf Songs sind also auf dem dritten Album in einer Spielzeit von knapp 50 Minuten zu hören. Und obwohl man beim ersten Durchlauf eine Menge im dicken Textheftchen und den besagten Fenstern zu stöbern hat, will der musikalische Funke nicht auf Anhieb überspringen. Eben weil man – zugegebenermaßen – total übersättigt in diesem Mischmasch aus Alternative, melodischem Punkrock und etwas Emo ist. Schade eigentlich, denn eigentlich machen die fünf Kanadier alles richtig. Und nach ein paar Runden im Player kristallieren sich die Pfeiler heraus, die den Reiz des Albums ausmachen. Spielfreude, Emotionen, Melodien, Chöre, ein starker Schlagzeuger, der ordentlich Tempo macht und natürlich sauber gespielte Gitarren. Wenn das Album zwei Jahrzehnte vorher erschienen wäre, dann würden heutzutage sicher noch ein paar Menschen davon schwärmen. In der heutigen schnelllebigen Zeit haben solche Releases leider nur noch den absoluten Außenseiterstatus des absoluten Außenseiters. Oder man hört sie nicht, weil auf der einen Seite zu weichgespült für die Undergrounder und auf der anderen Seite zu unbekannt für die Mainstreamer. Doofe Situation. V.a., wenn man weiß, dass die Band kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums Holy Shit kurz vor der Auflösung stand, da der ehemalige Sänger das Weite suchte. Mittlerweile singt der ehemalige Gitarrist, dessen Posten wurde wiederum durch einen guten Freund der Band besetzt. Also, gebt den Jungs mal noch ’ne Chance, so ungeil ist das nicht!


Matze Rossi – „Musik ist der wärmste Mantel – Live im Audiolodge Studio“ (End Hits Records) [Stream]
Es ist ja immer so eine Sache mit Sängern, die mir früher in Punk/Hardcorebands gefielen und sich mittlerweile im Singer/Songwriter-Milieu austoben. Meist taugt mir persönlich das nicht so, weshalb der ganze Kram von mir gekonnt ignoriert wird. Tja, bis man kalt erwischt wird und ’ne Digipack-CD von Matze Rossi zwecks Besprechung im Briefkasten landet. Und dann handelt es sich bei dem Ding auch noch um ein Live-Album, diesem Medium begegne ich sowieso schon mit Skepsis. Okay, wenigstens bin ich völlig unvorbelastet, was die Songs von Matze Rossi betreffen, zudem zählen Tagtraum nicht zu den Bands, deren gesamter Backkatalog mir geläufig ist. Also, drücke ich auf Play, schnappe mir das Beiheftchen und lese bei den ersten Klängen den erklärenden Text zum Hintergrund des Releases. Mit dem Album erfüllt sich ein weiterer Lebenstraum Matze Rossis: die Musik zusammen mit einem tollen Publikum auf einem Tonträger festzuhalten. Nach 29 Bühnenjahren und über 2500 Konzerten durfte dem Live-Ereignis, das in zwei Aufnahmesessions im Audiologe Studio in Volkach abgehalten wurde, ein ausgewähltes Publikum von jeweils 30 Personen beiwohnen (die am Konzert teilnehmenden Menschen werden sogar im Booklet namentlich aufgeführt). Und gerade diese intime Konzertatmosphäre ist das, was mich dann bei aller Voreingenommenheit und Engstirnigkeit doch in den Bann zieht. Die sechzehn Songs werden mit viel Leidenschaft und Herz präsentiert, dabei jagen die aus dem Leben gegriffenen Texte zusammen mit dem warmen Klang den ein oder anderen Gänsehautschauer über den Rücken. Da mir die Studioaufnahmen der Songs nicht geläufig sind, kann ich nur mutmaßen, dass die Songs in dieser Liveaufnahme doch etwas anders klingen. Denn dem Sound kommt obendrein zugute, dass Matze Rossi von seinem Freund Martin Stumpf am Kontrabass, Klavier und anderer Percussion begleitet wird. Ein weiteres persönliches Highlight für Matze dürfte der gemeinsame Auftritt mit seiner Tochter sein, beim Song Und jetzt Licht, bitte! wird Papa kräftig beim Gesang unterstützt. Hmm, und ja, bisher hab ich Soloauftritte live nur bei Olli Schulz genossen, bei Matze Rossi könnte ich mir das aber – nachdem ich mich jetzt intensiv mit diesem Album beschäftigt habe – auch ganz gut vorstellen.


Muncie Girls – „Fixed Ideals“ (Specialist Subject Records u.a.) [Stream]
Das Sonne, Mond und Sterne-Cover des zweiten Longplayers der Band aus Exeter/UK ist jetzt zwar nicht so originell, dennoch macht es im 12inch-Format was her. Es gibt übrigens drei verschiedene Pressungen (blaues und gelbes Vinyl), mein Besprechungsexemplar ist durchsichtig und mit blauen und gelben Sprenkeln übersät. Sieht echt mal geil aus, die A-Seite ist durch eine Sonne auf dem Label verziert, von der B-Seite lacht dann logischerweise der Mond. Und natürlich sind auf der Innenhülle alle Texte abgedruckt. Am Release sind neben Specialist Subject Records auch noch die Labels Buzz Records und Lost Boy Records beteiligt. Insgesamt sind 13 Songs auf Fixed Ideals zu hören. Im Vergleich zum Debutalbum kommen die Songs um einiges glattpolierter um die Ecke, in manchen Songs schleicht sich sogar ein Glockenspiel ein, vermutlich in Anlehnung an das Sonne/Mond-Thema und an die vielen schlaflosen Nächte, die Sängerin Lande Hekt wach gelegen haben muss und ihr die Gedanken durch den Kopf gegangen sind, die sie zu den Texten inspiriert haben. Und diese sind wieder sehr persönlich ausgefallen und handeln von ernsten Themen wie z.B. Schlaflosigkeit, Angststörungen, Depressionen und natürlich vom unendlichen Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn. Negative Gefühle gedeihen im Dunkeln besonders, deshalb ist Ablenkung mit sonniger Musik ein gutes Mittel, der scheinbar auswegslosen Situation zu entfliehen. Songs wie z.B. High oder Picture Of Health bringen diese Sonne zum leuchten, dennoch liegt dieses Wechselspiel von Nervenzusammenbruch und Lebensfreude nah beieinander. Sehr gefühlvoll kommen dabei natürlich wieder die Vocals um die Ecke, aber auch instrumental sind einige melancholische Töne zu hören, gerade die ruhigeren Passagen berühren enorm. Und letztlich fügt sich alles zu einem tollen Album zusammen, das die richtige Balance zwischen einer guten Produktion, stimmigem Songwriting und intensivem Gefühlschaos hält. Hier kommen Emo-, Pop-Punk- und Indie-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten!


Pagan – „Black Wash“ (EVP Recordings) [Stream]
Auf diese Band bin ich letztens beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Und irgendwie hab ich mir beim Antesten nur so gedacht: wahrscheinlich wieder so ’ne weitere Band, die auf der aktuellen Blackmetalwelle mitsurfen will. Pfff, ein umgedrehtes Kreuz mit Kerzenflamme, eigentlich geht das doch heutzutage gar nicht mehr! Kann man nur hoffen, dass die Sängerin auf der Bühne keine Fledermausköpfe abbeißt. Zutrauen könnte man es ihr, so fies wie die Frau da rumbrüllt! Jedenfalls machen Pagan aus Melbourne/Australien ziemlich arschtretenden melodischen Post-Hardcore mit groovigen Gitarren, Einflüsse aus Blackmetal, Punk, Rock, Metal, Screamo und Hardcore sind ebenfalls vorhanden. Die Gitarren jagen ein Hammerriff nach dem anderen aus dem Ärmel, dazu dieser intensive aber dennoch melodische Schreigesang. Geht gut nach vorne, geht gut ins Ohr, jeder Song ist top arrangiert, so dass die elf Songs wie im Flug und ohne den geringsten Hänger abgehört sind und man danach nach einer weiteren Runde lechzt! Wahnsinn, dabei sehen die Bandmitglieder noch ganz schön jung aus, für ein Debutalbum in der Klasse hat die Band jedenfalls schonmal stark abgeliefert. Ob an der Entstehung des Albums etwa doch dunkle Mächte beteiligt waren? Womöglich, ich bin jedenfalls schon jetzt dem Pagan-Kult verfallen!


Slumb Party – „Selftitled“ (Erste Theke Tonträger) [Stream]
Auf diese Band bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ausnahmsweise der Facebook-Flurfunk funktioniert hat und ich einem kleinen Hinweis der längst verblichenen Band Plaids nachgegangen bin. Nach der Auflösung von Plaids sind nämlich einige neue Bands entstanden, darunter Soul Structure und eben Slumb Party. Die Band aus Nottingham/UK setzt sich aus einer Frau und vier Typen zusammen und macht ’nen super catchy Mischmasch, der so in Richtung Post-Punk geht. Dabei ist sogar ein Saxophon mit an Bord, das sich hervorragend im Sound der Briten macht und dem ganzen einen eigenen Stempel aufdrückt. Verdammt, dieses Saxophon klingt so scharf wie eine frisch geschliffene Rasierklinge. Die fünf Songs erinnern dann desöfteren an Bands wie Fugazi (der Bass, die Gitarre, die Drums und der Gesang), The Robocop Kraus oder aber auch Gang Of Four. Eins ist sicher, auf dieser Party wird bestimmt nicht geschlummert. Diese wilde Mischung würd ich ganz gern mal live sehen, das ist bestimmt sehr tanzbar und abgefahren!


 

Phantom Records-Feature: Jonny Kurt vs. Hank the Tank, La Vase, Schiach

Jonny Kurt vs. Hank the Tank – „Awo Maria“ (Phantom Records)

Das Artwork dieser 12inch ist schonmal ziemlich abgefahren, gerade auch das Backcover, auf dem die Songtitel schön illustriert sind. Übrigens liegt der 12inch auch noch eine schicke Bravo-Autogrammkarte bei. Man hat jedenfalls viel zu stöbern, während man entspannt der A-Seite lauschen kann. Hier bekommt man nämlich obercoole Surf-Mucke á la Pulp Fiction zu hören. So ein Beat-Sound läuft meist im Umfeld dieser Youngtimer-US-Cartreffen. Kettenfett und Benzingeruch, röhrende Motoren und Rockabillyfeeling. Da ich mich in diesem Genre nicht allzusehr auskenne, kann ich jetzt nicht beurteilen, ob das hier dargebotene technisch allerfeinste Sahne ist. Was man jedoch zweifelsfrei erkennen kann, ist der Ohrwurmcharakter und der Charme, der von der Musik ausgeht. Die Twang-Gitarren haben ’nen schönen Hall drauf, ab und an klingt es verdammt lo-fi, alles andere würde absolut nicht passen. Gerade auf Vinyl hat das einen gewissen Nostalgiecharakter.

Gesang ist auf der A-Seite nicht zu hören, dafür wird desöfteren eine Maultrommel eingesetzt. Die B-Seite beginnt dann mit einem Stück, bei dem erstmals Vocals zu hören sind. Danach folgt mit Granny eine Art Western-Song, während das darauffolgende Stück Bereit mit einem obernervigen aber total eingängigen Schema aufwartet. Hat man diese drei Songs hinter sich, dann staunt man nicht schlecht. Ab dem Song Bitte folgt nämlich eine Art Cut, denn ab hier wird ungeniert dem schrammeligen Deutschpunk ein Denkmal gesetzt. Erinnert vom rumpeligen Sound und vom gröligen Gesang her sehr stark an unterproduzierten DDR-Punk á la Schleimkeim. Bei manchen Songs muss man unweigerlich aufgrund der Texte etwas schmunzeln (Essen oder Mutter sind zwei Beispiele). Und wie das bei Lo-Fi-Rumpel-Punk so ist, gehen die Songs nach wenigen Durchläufen direkt ins Ohr, hier ist das musikalische Können eher zweitrangig. Beide Seiten der 12inch machen jedenfalls gute Laune!

Bandcamp / Phantom Records


La Vase – „Selftitled“ (Phantom Records)

Anhand des Coverartworks der 12inch kann man schwer einschätzen, mit welcher Musik man beim Aufsetzen der Nadel überrascht wird. Die Band wurde von drei zugereisten Typen ca. im Jahr 2014 in Leipzig gegründet, der Sänger ist gebürtiger Franzose. Die Bandmitglieder haben zuvor alle schon in verschiedenen Bands gezockt (The Riot Brigade, The High Society, Honeymoon, Visions Of War und Desastro). Der Bandname La Vase hat im französischen übrigens zwei unterschiedliche Bedeutungen. Zum einen gibt es die wohlbekannte Vase, zum anderen ist damit dieser dickflüssige und eklige Schlick bzw. Schlamm gemeint, der sich in allen Gewässern bilden kann. Kennt man diese Hintergründe, dann lässt sich schon eher vermuten, welche Musik auf dem Tonträger wohl zu finden ist.

Kaum setzt die Nadel auf, kommt man nicht umhin, fröhlich mit dem Bein zu wippen. La Vase sind nämlich schön flott unterwegs und machen tollen oldschooligen Punkrock, der einem kaum Zeit zum Verschnaufen lässt. Da wünscht man sich mit einem Bier bewaffnet in den nächsten Pogo-Mob! Das zwirbelt live sicher ganz ordentlich! Zum flotten Oldschool-Punk gesellen sich noch Einflüsse aus Post-Punk und Hardcore. Garage-Punk kann man dabei genauso heraushören wie die catchy 77er-Punk-Kante. Das besondere an La Vase sind neben den hitverdächtigen und nach vorne treibenden Songs die französischen Lyrics, die vom Sänger etwas überschnappend herausgekläfft werden. Schade, dass kein Textblatt mit Übersetzung beiliegt, mein ausgebleichtes Schul-Französisch reicht jedenfalls kaum für die Erfassung der Lyrics aus. Den Songtiteln nach zu urteilen, werden aber die üblichen Punk-Themen verwurstet. Jedenfalls ist diese Platte verdammt kurzweilig, bei Songlängen zwischen zwei und drei Minuten kommen die acht Songs auf knappe 23 Minuten. Diese Band müsst ihr unbedingt anchecken, habe in dem Bereich schon lange nicht mehr eine solch erquickende Frische erlebt!

Bandcamp / Phantom Records


Schiach – „Selftitled“ (Phantom Records)

Bei meiner Internet-Recherche zu Schiach habe ich nur vage Informationen erhalten. Die Band soll aus Schkeuditz stammen, das ist eine Stadt in Sachsen in der Nähe von Leipzig. Es wird gemunkelt, dass bei Schiach Leute von Pisse, Warriors of Darkness, Heavy Metal, Sick Horse und Muscle Barbie mitwirken. Der Begriff Schiach kommt aus dem österreichischen bzw. bayerischen Sprachgebrauch und bedeutet so etwas wie „Hässlich“. Für eine Punkband also gar keine ganz so verkehrte Namenswahl. Allerdings erschließt sich mir nicht, warum die Band ihre Texte in bayerischer Mundart vorträgt. Angesichts der Texte vermute ich mal, dass zumindest der Sänger im spießigen Bayern als Punkerzecke nicht mehr überlebensfähig war und einfach nach Sachsen ausgewandert ist. Dort hat er sich musikalische Mitstreiter gesucht, um sein Trauma in einer Punkband zu verarbeiten. Aufgrund von dialektbedingten Kommunikationsschwierigkeiten und in Punkerkreisen üblichem übermäßigen Alk-Konsum fiel es womöglich bei den Bandproben gar nicht auf, dass der Lausbub am Mikro mit bayerischem Dialekt irgendwelche mit dem Rohrstock eingebläute Textphrasen vor sich hinsabberte. Im Studio gab’s womöglich erstmals verdutzte Gesichter, aber da war es schon zu spät. Naja, gibt’s halt ’n neues Genre: Weißwurscht-Punk!

Jedenfalls ist die Aufmachung der 12inch schonmal sehr gelungen! Das schwarz-weiße Artwork dürfte im Zusammenhang mit der schwierigen Kindheit und Jugend des Sängers stehen, der Teufel steht dabei womöglich stellvertretend für die traditionsbewusste Autorität der scheinheiligen Lederhosenseppel, denen auch gern mal die Hand ausrutscht. Man beachte auch das Phantom Records-Logo auf dem Backcover. Köstlich! Das Textheftchen ist in Form eines Kirchengesangsbuchs gestaltet, was mir wirklich nach oben zuckende Mundwinkel bescherte. Wenn man die Texte so betrachtet, dann ist einem zuerst ebenfalls nach Schmunzeln zumute, dennoch bleibt einem irgendwie das Lachen im Halse stecken. Die bayerische Provinz dürfte zwar Spitzenreiter an Spießig- und Scheinheiligkeit sein, dennoch werden sich Dorfpunks der 80er bis 90er aus ganz Deutschland in den Texten wiederfinden. Die Texte werden wütend rausgeprollt, dazu gibt es schneidend kalten und düsteren Punk an der Schwelle zum Post-Punk. Handwerklich steckt hier schon was dahinter. Die Gitarren schrammeln, das Schlagzeug poltert, der Bass knödelt, der Sänger rotzt sich aus. Songs wie z.B. Nix oabatn oder Nix Hob I G’macht hämmern sich buchstäblich in die Gehörgänge, vielleicht ja sogar, weil man in der Jugend auch schonmal irgendwo solche Textphrasen gehört hat. Und wenn dann auch ab und an mal melodische Gitarren wie z.B. bei Wia se’s g’heart oder Ja Mei auftauchen, fühlt man sich schon etwas besser. Mal sehen, ob es diese Platte in die Ghettoblaster der heimischen Punks schafft, muss denen mal wieder bei nächster Gelegenheit ein Mixtape schenken.

Bandcamp / Phantom Records


 

Show Review: Leoniden & Kids N Cats am 17.11.2018 im Carinisaal/Lustenau (A)


Eine ständig wachsende Fangemeinde, unzählige Videoplays, zwei verpasste Konzerte in der näheren Umgebung, bereits jetzt schon ausverkaufte 2019er-Termine und natürlich das sagenhaft gute aktuelle Album waren Grund genug, die Leoniden endlich mal live zu begutachten. Die gerade aufgelisteten Warnzeichen könnten vermutlich ausschlaggebend dafür sein, dass die Zeiten, in welchen man die Band noch im kleinen Rahmen bzw. bei Clubshows erleben kann, wohl ziemlich bald schon vorbei sein werden. Eine Woche vor’m Konzert bekam ich dann doch Muffensausen, ob es beim gewünschten Termin überhaupt eine Abendkasse geben würde, denn die meisten Shows der laufenden Tour waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft. Also, dann lieber auf Nummer sicher gehen und schnell mal die eh viel zu wenig genutzten Möglichkeiten eines Gästelistenplatzes abchecken! Und natürlich in sparsam schwäbischer Entenklemmerei auch noch einen Platz für die Liebste abstauben! Obwohl mein Organisiationstalent doch eher zu wünschen übrig lässt, war sogar die Kinderbetreuung für den abendlichen Ausflug geklärt, die Reise ins österreichische Lustenau wurde in Angriff genommen. Bei sternenklarer Nacht mit Minusgraden standen wir pünktlich bei Türöffnung mit einer Traube an bibbernden und frierenden Menschen vor’m Carinisaal.

Keine Ahnung, ob es noch Karten an der Abendkasse gab, der kleine und kuschelig warme Club war jedenfalls in kürzester Zeit rappelvoll. Dabei fiel mir der hohe Frauenanteil unter den Anwesenden auf. Da ich seit den Neunzigern auf so gut wie keinem Indie-Konzert mehr war, wunderte ich mich dann doch etwas an den seltsamen Klamotten. Hab ich da was verpasst? Trägt man auf Indie-Konzerten keine Bandshirts mehr? Bei reinen HC/Punk-Shows ist das irgendwie anders. Nun, anstelle der Bandshirts konnten an diesem Abend Klamotten bestaunt werden, vor denen man sich bereits in den 80ern gruselte. Mit Hochwasser-Cordhosen, die fast bis Unterkante Kinn reichen, hatte man seinerzeit auf dem Schulhof gute Aussichten auf eine ordentliche Abreibung. Auch irgendwie abgefahren: einzelne Bandmitglieder der Leoniden wurden beim Gang durch’s Publikum von mehreren jüngeren weiblichen Fans abgefangen und zu einem gemeinsamen Foto genötigt. Am meisten traf es natürlich Sänger Jakob Amr, der aber immer freundlich und höflich in die Kamera grinste. Das nimmt ja fast schon Auswüchse wie bei einer Bravo-Boyband an!

Dass Klamotten nur zweitrangig sind, konnte man eindrucksvoll beim Support-Act Kids n Cats beobachten. Da ich die Band aus Wien bisher nicht kannte, hörte ich im Vorfeld mal ins Material des Quartetts rein. Irgendwie sagte mir die bizarre Mischung aus Hiphop, Electro, Indie und Weird-Pop aber nicht so zu, weshalb ich keine allzu großen Erwartungen an den Auftritt der Band hatte. Nun, so kann man sich täuschen! Zu Beginn lagen die vier Musiker erstmal geschlagene fünf Minuten auf der Bühne, alle einheitlich in schlabberige weiße Klamotten gehüllt, die an eine Mischung aus Pyjama, Judo-Mantel und Zwangsjacke erinnerten, dazu bemalte Gesichter. Dann wachte die Band abrupt auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und startete direkt mit ihrer Show – und zwar mit einem ordentlichen Schuss Post-Punk und einer abgefahrenen Performance. V.a. Sängerin Jeanne Drach verrenkte sich, hüpfte ungehalten durch die Gegend und tanzte wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen um das Feuer. Wie ich nachträglich erfuhr, bestreitet die Dame ihren Lebensunterhalt u.a. als Puppenspielerin. Auch der Rest der Band wirbelte ordentlich Staub auf. Die Bassistin, der Gitarrist und sogar der Drummer halfen stimmlich bei den Refrains mit, letzterer kommunizierte sogar öfters mit dem Publikum. Zwischen den Songs gab es Erklärungen zu den in französischer, spanischer und englischer Sprache vorgetragenen Texten. Größtenteils haben diese feministische Inhalte und drehen sich um Themen wie Gender und Selbstverwirklichung. Die Ansage, dass man/frau sich von der Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft lösen und Träume verwirklichen soll, wird dem Bühnen- und Erscheinungsbild der Band mehr als gerecht. Denn dass hier eine Menge Herzblut und Leidenschaft dabei ist, hat dieser Auftritt deutlich vermittelt. Schön auch, wie immer wieder das Publikum in die Performance mit einbezogen wurde. Bei einem Song durften z.B. verschiedene Leute aus dem Publikum Tierlaute beisteuern, die anschließend geloopt in einen Song einflossen und für einige Lacher sorgten. Fazit: kurzweiliger Auftritt, äußerst sympathische Band, läuft sicher bald auf FM4 (falls nicht schon längst geschehen). Checkt mal ein paar Videos der Band an, die sind durch die Bank alle zu empfehlen! Kids n Cats ließen übrigens bei Beendigung ihres Sets noch verlauten, dass die Leoniden angekündigt hätten, den Laden heute Abend gründlich zu zerlegen. Solche Aussagen sind manchmal gefährlich, da sie die Erwartungen des Publikums ins unermessliche steigern.

Nun, nach einer kurzen Umbaupause, in welcher die Leoniden persönlich Hand anlegten und erstmal routiniert Ordnung auf der Bühne schafften (es lagen wirklich keine Stolperfallen mehr auf der Bühne rum), starteten die Jungs mit dem Song Colourless und einer unglaublichen Power, die ab dem ersten Ton fesselte. Ich behaupte mit reinem Gewissen, dass der Funke zwischen Band und Publikum in den ersten zehn Sekunden übergesprungen ist und das Feuer über die Gesamtspielzeit von 90 Minuten lichterloh brennen ließ. Der absolute Wahnsinn! Auffallend war der bestens abgemischte glasklare Sound, da war echt jedes Instrument und jeder Ton perfekt zu hören. Und diese energiegeladene Bühnenshow: die komplette Band permanent in Bewegung, als ob sich die Jungs unentwegt gegenseitig zur Höchstleistung anstacheln würden, als ob von diesem einen Auftritt Leben und Tod abhängen würde. Wie man als Sänger bei so einer körperlichen Leistung auch noch jeden Ton treffen kann, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Und obwohl man sofort wild das Tanzbein schwingen will, ist man vom Anblick der Band fasziniert und kann den Blick gar nicht von der Bühne abwenden. Diese Typen haben so viel Freude an ihrer Musik, das kann man gar nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben! Die wollen einfach nur wie ein paar durchgedrehte Irre ihre Mucke machen und dabei maximal Spaß und Freude haben.

Aufgeputscht durch die eigene Musik, pures Adrenalin! Nach dem dritten Song bereits so zu schwitzen, dass selbst ein Handtuch nicht mehr allzuviel bringt, sagt einiges über die Ernsthaftigkeit einer Band aus. Es machte einfach tierisch gute Laune, diese vor impulsiver Leidenschaft und literweise Herzblut strotzende Band bei dem zu beobachten, was sie da auf der Bühne veranstaltete. Die grinsenden Gesichter der perfekt aufeinander eingespielten Musiker erzeugten zusammen mit den aus beiden Alben gespielten Hits und einer unaufdringlichen Lightshow auch in den Reihen des Publikums für zufrieden grinsende Gesichter. Gerade live bemerkt man den massiven HC/Punk-Background der Jungs. Der Gitarrist hat in ein paar Jahren sicher kaputte Knie, diese Kniefall-Beugen können absolut nicht gesund sein. Vielleicht erwürgt er sich aber auch vorher mit dem Gitarrengurt oder haut sich die Gitarre beim Balancieren auf dem Kopf gegen die Rübe. Und ja, an der Zerlegung des Carinisaals wurde weiter gearbeitet, einfach mal die Gitarre hüpfend gegen die niedrige Decke knallen, so dass der Putz rieselt!

Eine ausgeklügelte Idee ist auch der Bühnenaufbau der Leoniden, die zwei Keyboards/Midi-Controller sind so aufgebaut, dass sich Keyboarder Djamin und Sänger Jakob angrinsen können und dabei auch noch ständig die Plätze wechseln, so dass neben der Bewegung auf der Bühne auch mal jeder im Publikum die Chance hat, die zwei beim Paarungstanz frontal zu sehen. Und obwohl so viel Equipment rumsteht, ist trotzdem noch reichlich Platz für die coolen Moves des Bassisten. Zwischen den Songs kommunizierte die Band ausgiebig mit dem Publikum, welchem sogar wiederholt großer Dank ausgesprochen wurde. Das neue Album war zu der Zeit erst 22 Tage draußen, da darf man sich als Band dann auch mal an der Textsicherheit des Publikums freuen! Sehr sympathisch! Überhaupt legten die Jungs einen großen Wert auf Publikumsnähe, Sänger Jakob nahm ein paar sehr ausgiebige Bäder im Publikum. Zu einem dieser Ausflüge nahm er dann sogar sein Kuhglocken-Drumset mit, das er während des Auftritts mehrmals wie ein Irrer bearbeitete, einmal sogar über den Köpfen des Publikums in der Mitte des Saals. Zudem forderte er das Publikum wiederholt dazu auf, nach der Show doch noch ein bisschen zusammen abzuhängen und zu plaudern. Da wir ja noch ein Stückchen Heimfahrt vor uns hatten und zufällig in dieser sternenklaren Nacht mit dem Höhepunkt des Leonidenstroms zu rechnen war (kein Witz!), verließen wir in der Hoffnung auf ein paar Sternschnuppen nach den drei Zugaben glücklich und voller Adrenalin den Ort des Geschehens. Ich muss nicht erwähnen, dass sich auf der Heimfahrt keine Sternschnuppe blicken ließ, aber nach einem solch hammermäßigen Konzert ist das letztendlich auch ziemlich schnuppe!

Kids N Cats Facebook / Leoniden Facebook


 

Buchvorstellung: Roger Miret/Jon Wiederhorn – „United & Strong; New York Hardcore – Mein Leben mit Agnostic Front“ (I.P. Verlag)

So manche Autobiografie hat den faden Beigeschmack, den Fans eines einst erfolgreichen Stars noch ein bisschen Kohle aus den Taschen ziehen zu wollen. Lieblos zusammengebastelte Aneinanderreihungen von belanglosen Erlebnissen, dazu ein paar Bilder des Stars aus besseren Jahren, das Ganze durch eine aufdringliche Werbekampagne angepriesen und vielleicht noch ein verkaufsfördernder Skandal obendrauf, dann läuft die Sache rund. Dennoch gibt es unter dieser unüberschaubaren Vielzahl an autobiografischem Müll immer wieder Perlen, die man nahezu verschlingen will. Würde man mich fragen, welche das denn wären, dann würde wie aus der Pistole geschossen kommen: The Dirt, Get In The Van, White Line Fever – und ab sofort: United & Strong. Alle, die sich auch nur ein Fünkchen für Hardcore und Punk interessieren, sollten sich dieses Buch zu Gemüte führen, selbst wenn keine innige Freundschaft mit der Band bestehen sollte.

Das Buch ist – wie bereits auch schon einige andere Bücher mit Metal/Hardcore oder Punk-Bezug – im Berliner Iron Pages Verlag erschienen. Die Taschenbuchausgabe liegt gut in der Hand, die 286 Seiten sind in 40 Kapitel unterteilt, zwischendurch gibt es immer wieder mal Fotos mit Schwerpunkt auf die Frühphase der Band zu sehen. Wahnsinn, wen man so alles im AF-Moshpit entdecken kann! Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, kommt man noch in den Genuss zweier Vorworte (Al Barr von den Dropkick Murphys und Jamey Jasta von Hatebreed). Der freundlich dreinblickende Kerl auf dem Cover ist dann logischerweise der junge Roger Miret, der hier mithilfe des Musikjournalisten Jon Wiederhorn seine fesselnde Geschichte erzählt. Die Übersetzung von Andreas Diesel ist in einer einfachen und verständlichen Sprache geschrieben, so dass man sie in einem Rutsch durchlesen kann und sich vor Spannung platzend von einem Kapitel zum nächsten hangelt. Auch wenn das Buch auf den ersten Blick kompakt wirken mag: nach vollendeter Lektüre ist man verblüfft, wie so viele Erlebnisse, Zeitzeugenbeobachtungen, Informationen und quasi die schonungslos ehrliche Lebensbeichte eines einzelnen Menschen da überhaupt reinpassen konnten. Und wenn man dann noch aus diversen Interviews mit Roger Miret erfährt, dass viele Stories gar nicht erst den Weg ins Buch gefunden haben, weil das Ganze auf unter 300 Seiten eingedampft werden musste, dann hat man Hoffnung, dass es irgendwann mal noch einen zweiten Teil geben wird. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt nämlich eher in der Anfangsphase von AF, während die Zeit nach der Reunion 1998 nur knapp angeschnitten wird und ein bisschen so wirkt, als ob man gegen Schluss schnell zum Ende kommen wollte. Das ist aber auch schon der einzige Kritikpunkt.

Die Geschichte beginnt Ende der Sechziger mit der Flucht der Familie Miret vor dem Castro-Regime in die USA, da ist Roger gerade mal vier Jahre alt. Es folgt das bittere Schicksal einer kubanischen Einwandererfamilie: außer dem Kontakt zu ebenfalls geflüchteten Verwandten lebt die Familie erstmal völlig isoliert in den Slums von New Jersey. Ausgrenzung, Ausbeutung, Armut und Gewalt – auf der Straße und vor allem innerhalb der Familie – sind an der Tagesordnung. Bedingt durch diese äußeren Umstände wächst Roger in den ersten, für ein Kind doch sehr prägenden Entwicklungsjahren, relativ unbehütet auf. Freundschaften mit anderen Kindern werden durch ständige Wohnortswechsel unmöglich, auch in der Schule läuft es nicht so rund. Der Grundstein für die Außenseiterrolle ist gelegt, zudem durchlebt Roger eine Menge an traumatischen Erfahrungen. Die Misshandlungen durch den eigenen Vater und später durch den prügelnden Stiefvater führen zu einer hoch angelegten körperlichen Schmerzgrenze, von den seelischen Schmerzen ganz zu schweigen.

Der einzige Lichtblick wird für Roger – er ist mittlerweile elf Jahre alt – die Geburt seines Halbbruders Freddy und damit die Aufgabe, sich um ihn zu kümmern, auch in der Musik findet er Trost. Anfangs hört er Cumbia und Disco-Musik, bis er im Alter von 15 Jahren über klassische Rockbands wie Led Zeppelin und Foreigner erstmals mit Punk in Berührung kommt und Bands wie die Sex Pistols und The Damned entdeckt. Durch seinen Cousin wird ihm die Tür in die Welt der Live-Konzerte und Drogen geöffnet, die damaligen Bands waren Black Flag, Dead Kennedys, Ramones und Misfits. Durch Meskalin gelingt dann auch die Realitätsflucht, zudem tummeln sich auf den Konzerten eine Menge anderer Außenseiter, die erste große Liebe lässt auch nicht lange auf sich warten. In dieser neuen Gemeinschaft fühlt sich Roger wohl, so dass er im Alter von 17 Jahren beschließt, dem häuslichen Martyrium zu entfliehen und mit der volljährigen Freundin zusammenzuziehen. Es ist zu erahnen, dass im weiteren Verlauf der Geschichte noch einige Probleme und Komplikationen auftreten werden.

Durch die gewaltgeprägte Kindheit und Jugend sitzt auch Rogers Faust relativ locker, zwischenmenschliche Differenzen werden mit brutaler Gewalt aus dem Weg geräumt, eine Hemmschwelle scheint dabei nicht zu existieren. Die äußere Verwandlung zum tätowierten Punk mit Iro und später zum Skinhead nimmt ebenso ihren Lauf, zudem werden erste Bands gegründet. Roger entscheidet sich anfangs für den Bass, später bei der Band Psychos kommt noch Gesang mit dazu. Die Psychos werden immer mehr in der Szene wahrgenommen, auch AF tummeln sich in dieser Szene und machen sich einen Ruf als komplette Irre. Und weil AF auf der Suche nach einem neuen Sänger sind und ihnen Rogers durchgeknallte Art auf der Bühne imponiert, wollen sie ihn unbedingt haben. 1983 wird Roger der Sänger von AF, der Wahnsinn schreitet voran. Die Lower East Side ist zu dieser Zeit ein brodelnder Topf aus Gewalt und Drogen, die Lebensumstände der Straßenpunks kann man sich fast nicht vorstellen. Die Shows sind brandgefährlich. Jedenfalls wird das harte Leben einer Horde von Hausbesetzern in dieser heruntergekommenen Lower East Side detailliert und schonungslos beschrieben. Roger finanziert seinen Lifestyle mittlerweile als Kleinkrimineller durch Überfälle, Diebstähle und Drogenhandel. Bei all der brutalen Gewalt gibt es auch zwischendurch etliche lustige Anekdoten und bisher nicht bekannte Details und Hintergründe zur Entstehungsgeschichte der AF-Alben. Und immer wieder fragt man sich, wie diese Jungs und Mädels das alles überleben konnten, ohne dass sie mal von den Cops geschnappt wurden. Im Laufe der Geschichte sind dennoch einige Todesopfer zu beklagen. Ein Wendepunkt in Rogers Leben tritt ein, als er bei einem Drogendeal geschnappt wird und – kurz nachdem er Vater geworden ist – in den Knast wandert.

Als deutsches Mittelschichts-HC-Kid kann man sich fast gar nicht vorstellen, wie gewalttätig und brandgefährlich es damals bei HC-Shows in den USA zugegangen sein muss. Ich kann jetzt nur meine eigenen Erfahrungen Ende der Achtziger aus der süddeutschen Provinz wiedergeben, vielleicht sah es ja im Pott schon wieder anders aus. Hierzulande war es zu dieser Zeit jedenfalls Moshpit-Ehre, gestürzten Leuten wieder aufzuhelfen und trotz Wildheit aufeinander acht zu geben. Klar gab’s mal die ein oder andere geplatzte Lippe oder gebrochene Nase, das geschah aber eher unbeabsichtigt. Auch die Rivalität mit anderen Szenen gab es bei uns nicht. Man half sich eher untereinander aus, unterstützte sich, gründete Bands miteinander. Zudem war HC hier eher so ein Mittelschicht-Ding. Im Buch wird übrigens auch ausführlich die für AF rufschädigende Kampagne vom Maximum Rock’n’Roll thematisiert, die AF aufgrund ihres gewalttätigen Skinhead-Images als Nazi-Band abstempelten. Die Band hatte sehr daran zu knabbern, innerhalb der HC-Szene sind AF bis heute nicht ganz unumstritten. Ob die Vorwürfe entstanden, weil hier zwei verschiedene Welten aufeinander trafen? Auf der eine Seite die gewaltgeprägten und wildgewordenen Straßenpunks mit mangelnder Bildung, auf der anderen Seite die Studenten aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die gerne Szeneklatsch verbreiteten. Die Darstellungen Rogers bringen jedenfalls ein bisschen Licht ins Dunkel. Für uns verwöhnten und wohlbehüteten Emo-Kuschler liest sich die Rivalität zwischen den Szenen von Boston und NY jedenfalls extrem krass. Wie die Luft wohl gebrannt haben muss, kann man sich anhand der geschilderten Szenen ausmalen, in denen die gesamte NYHC-Szene geschlossen ein Konzert in Boston enterte. Erstaunlich auch, dass die Bandmitglieder auf Tour bis in die Neunziger mit einem Tagesbudget von 3$ auskommen mussten. Und trotz all dieser widrigen Umstände sind AF hartnäckig und mit purer Leidenschaft am Ball geblieben!

Also, lasst euch zu Weihnachten mit diesem Buch beschenken oder kauft es euch selbst und seid gespannt auf unglaubliche Stories, trefft alte Bekannte aus der HC-Szene – bereits Verstorbene, Verschollene und noch lebende Legenden – und freut euch darüber, dass Roger in seinem Leben doch noch die Kurve gekriegt hat. Ohne die Spur einer Gefahr sah ich die Band übrigens erstmals auf der 98-er Tour, auf meiner bisher letzten AF-Show im Jahr 2006 kam ich sogar mit Roger ins Gespräch, er wirkte freundlich und klar im Kopf. Jetzt wird mir auch bewusst, warum: kurz zuvor machte er seiner großen Liebe Emily einen Heiratsantrag, die Hochzeit fand direkt nach der Tour statt. Und auch ihr werdet nach der Lektüre dieses Buchs feststellen: der Roger von heute scheint mittlerweile ein ganz sympathischer Kerl zu sein!

Iron Pages Verlag / Roger Miret / Agnostic Front