Bandsalat: Bruecken, Chalk Hands, Chin Up, Forkupines, Heart Ovt, Karl die Große, Lesserman & Florals, Ostraca

Bruecken – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese noch junge Band aus Oldenburg hat nach einem knappen Jahr Existenz nun ihre erste EP am Start, die live eingespielt und anschließend in der Tonmeisterei gemastert wurde. Die insgesamt fünf Songs kommen jedenfalls atmosphärisch sauber um die Ecke, der Sound klingt dabei sehr lebendig. Aufgrund der deutschen Texte und des vielschichtigen Sounds entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie z.B. Fjort oder Escapado, auch der herausgepresste raue Gesang klingt ähnlich. Die Gitarren kommen schön verspielt um die Ecke, hier und da zittert ein Tremolo durch den Raum. Zwischen laut und leise verzücken auch immer die wuchtigen Soundwände, die sich eruptionsartig auftun. Auch der knödelnde Bass weiß zu überzeugen, hört euch mal den Beginn von Tiefenrausch an, das bringt doch die Augen zum Leuchten. Angenehm kurzweilig sind die fünf Songs nach einer Spielzeit von fast 22 Minuten auch schon wieder vorbei. Für Leute, die auf atmosphärischen Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Verweisen stehen, könnte dieses Release hochinteressant sein. Ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


Chalk Hands – „Burrows & Other Hideouts“ (Future Void Records) [Name Your Price Download]
Eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic/Emotive Hardcore und Screamo bekommt ihr von dieser neuen Band namens Chalk Hands aus Brighton/UK auf die Ohren. Dass die Band aus der gleichen Stadt wie We Never Learned To Live stammt, kann man auch im Sound der vier Jungs hören. Die zwei Songs haben ähnlich wie ihre Nachbarn eine melancholische Grundstimmung, die v.a. durch die gründlich und ideenreich gespielten Gitarren, dem wuchtigen Drumming und dem leidenden Gesang geschuldet ist, zudem schwappen auch vereinzelt ein paar Post-Rock-Passagen rüber. Ob die Jungs beim Bedienen ihrer Musikinstrumente ins Kreide-Töpfchen fassen, kann ich leider nicht sagen, aber diese zwei Songs machen unheimlich Apettit auf mehr.


Chin Up – „Greetings“ (Cat Life Records) [Stream]
Wenn man in Bonn lebt, dann kommt man vermutlich vor endloser Langeweile auf außergewöhnliche Ideen. So hat sich die Bonner Pop-Punk Band Chin Up die Mühe gemacht, zu jedem der vier Songs ihrer Debut-EP einen Videoclip zu drehen, zudem haben Freunde der Band extra für die Veröffentlichung das Label Cat Life Records gegründet. Das in Eigenregie geschaffene Resultat kann sich jedenfalls buchstäblich hören und sehen lassen. Tolle Melodien treffen auf durchdachte Arrangements, die Vorbilder liegen im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Forkupines – „Here, Away From“ (Midsummer Records) [Video]
Eigentlich schade, dass dieses Album nicht schon ein paar Monate vorher erschienen ist, denn der melodische Punkrock des Trios aus Braunschweig hat so richtig schöne Punkrock-Ohrwürmer an Bord, die man irgendwie mit Sommer, Sonne, Skateboards und Dosenbier in Verbindung bringt. Die Gitarren kommen schön satt aus den Lautsprechern, das Schlagzeug treibt nach vorn, der Sänger hat ’ne angenehme Stimme, die Refrains sind catchy. Da sieht man mal wieder, dass es keinen großen technischen Schnick-Schnack braucht, um tolle Songs zu schreiben. Die Band hat es genau raus, den Mittelweg zwischen Härte, Emotion und Eingängigkeit zu finden. Da werden die besten Elemente aus Punk, Emo, Pop und Post-Hardcore in einen großen Topf geworfen, verrührt und verquirrlt und heraus kommt dieser wohlschmeckende Punkrock-Kuchen mit insgesamt elf Kerzen drauf. Könnt ihr euch eine Mischung aus Rise Against, Citizen, Boy Sets Fire und Bad Religion vorstellen? Na, dann checkt das Ding hier mal an, da steckt nämlich viel Liebe drin!


Heart Ovt – „We’re not supposed to be Lovers“ (Homebound Records) [Stream]
Bei Heart Ovt handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus Leipzig, deren Mitglieder eine gewisse Hardcore-Vergangenheit haben. Auf dem Debut der drei Herren kann man diesen Hardcore-Background immer noch ein wenig hören, dennoch dominieren auf den sechs Songs die harmonischeren Klänge. Zwischen Emocore, verspieltem Indie-Rock und verträumten Melodien verzücken unter anderem auch die mehrstimmigen Chöre. Einziger Kritikpunkt: nach meinem Geschmack sind die Drums viel zu hell abgemischt. Aber Ohrwürmer wie z.B. Four Walls Build The Cage oder Wasted Time lassen diese Schwachstelle schnell wieder vergessen. Empfehlenswert für Fans von Jimmy Eat World, Pale, One Man And His Droid, Ambrose oder Jettie und genau das Richtige für eine nächtliche Autofahrt an einem lauen Sommerabend.


Karl die Große – „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ (Golden Ticket) [Stream]
Wenn man derzeit an deutschsprachigen Pop denkt, dann hat man ja immer diesen ekelhaften zum meterweit kotzen anregenden Alles-in-Ordnung-Sound von Musikhochschulabsolventen wie Joris, Max Giesinger oder Tim Bendzko im Ohr. Dass es in dieser Deutschpop-Sparte auch hin und wieder mal Ausnahmen gibt, beweisen Newcomer-Bands wie Karl die Große. Die Band besteht laut Presseinfo zwar auch aus studierten Musikern, jedoch findet sich auf dem Debut der vier Herren, der Dame an der Posaune und der Dame am Gesang kein einziger grässlicher Song, der Richtung „Heavy Rotation“ schielt. Eher setzen die Leipziger auf ideenreiche Arrangements, tolle Atmosphären, melancholische Momente und leicht dosierte Elektronikbeats, manchmal sogar etwas sperrig. Selbst das dramatisch-schaurige Titelstück kann man sich nicht zwischen den eingangs erwähnten Hampelmännern vorstellen. Klar, auf der einen Seite gibt es total eingängige Songs wie z.B. Schau mich an oder Die Stadt, welche mit einlullenden Gitarrenklängen und lieblichem Frauengesang verzücken, auf der anderen Seite hat man bei Songs wie z.B. Hamsterrad das Gefühl, dass man einer Kollaboration zwischen The Notwist zur Neon Golden-Phase mit der Berliner Indie-Band I Might Be Wrong beiwohnt. Bei manchen elektronischen Passagen dienen auch Marbert Rocel als Vergleich, da sich zwischen Indie, Pop und Elektro auch noch eine leichte Jazz-Note einschleicht (Posaunen, Percussion und Klarinette inklusive). Beim relaxten Cowboy und Indianer darf dann auch noch Moritz Krämer (Tele/Die Höchste Eisenbahn) mitsingen. Mit dem Albumcover des Digi-Packs kann ich zwar nicht allzuviel anfangen, aber die Idee mit den durchgezogenen Linien im Innenbereich sind für Zwangsneurotiker wie mich natürlich ziemlich heftig zu bewerkstelligen. Nun denn, falls ihr also mal wieder nette Musik für einen chilligen Sommerabend oder gar einen festlichen Anlass mit Gästen ohne Punkbackground sucht, dann seid ihr hiermit gut bedient.


Lesserman & Florals – „Split EP“ (Really Rad Records) [Stream 1 / Stream 2]
Mit diesem Split-Release lernt man gleich zwei Bands aus der Stadt Edmonton in Kanada kennen. Lessermann sind mit zwei Songs vertreten, hier wird gängiger Screamo im Stil von La Dispute oder Touché Amore dargeboten. Die Aufnahme klingt sehr dumpf, aber ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Die Band Florals darf dann auch mit zwei Songs ran. Der Song Pavement beginnt im The Van Pelt-Stil, bricht aber dann doch noch in Richtung punkigem Screamo aus. Auch hier fällt die dumpfe Aufnahme auf. Schade, dass die Jungs diesen Van Pelt-Stil nicht weiter verfolgen, das wäre mir sonst ziemlich gut reingelaufen.


Ostraca – „Last“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch das Glück, die Band auf ihrer Tour im Juni dieses Jahres irgendwo zu sehen. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass es bei einer Show des Trios aus Richmond, Virginia ziemlich energiegeladen zur Sache geht. Last hat jedenfalls sechs Songs an Bord, die mit einer mächtigen und walzenden Wall Of Sound ausgestattet sind, trotzdem ist der Gesamtsound immer noch roh und dreckig. Ostraca pendeln gekonnt und abwechslungsreich zwischen Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Post-Rock und Emocore und trotz des heftigen Sounds strotzen die Aufnahmen vor Melancholie und intensiven Emotionsausbrüchen. Das Label empfiehlt die Scheibe für Fans von City Of Caterpillar, Orchid und Loma Prieta, es könnten aber auch Fans von Envy, State Faults oder Funeral Diner Gefallen an dem dichten und vielschichtigen Sound des Trios finden, zudem sieht das Albumartwork auf Vinylgröße sicher verdammt geil aus.


 

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Hell & Back – „Slowlife“ (Video)

Die Jungs von Hell & Back bescheren uns mit einem tollen neuen Video zum Song Slowlife, in dem tonnenweise Arbeit, Herzblut und ganz viel Liebe zum Detail drin steckt. Das drollige Ding erscheint gerade rechtzeitig, um noch ein paar unentschlossene Menschen vom Sofa zu locken, wenn die Stuttgarter Ende Oktober mit den Resolutions auf Tour gehen. Hier mal die Tourdaten:

27.10. Rorschach (CH) @ Treppenhaus
28.10. Wangen @ Tonne
29.10. Stuttgart @ Kap Tormentoso
30.10. Zürich (CH) @ Hafenkneipe


 

You Could Be A Cop – „Selftitled“ (time as a color u.a.)

Kennt ihr das? Ihr hört ein paar Takte einer Band und wisst sofort, dass es um euch sowas von geschehen ist? So erging es mir, als mir Daniel von time as a color einen Download-Link mit Aussicht auf Vinyl von dieser mir noch völlig unbekannten Band aus Trondheim/Norwegen schickte. Und einige Zeit später halte ich auch schon das äußerlich sehr ansprechende 12inch-Exemplar in den Händen, dem ich so sehr entgegenlechzte. Eine richtige Scheibe zum Anschmiegen und Abschmusen: schwarzer Siebdruck auf dickem braunem Pack-Karton, der mit  Schreibmaschine geschriebene Bandschriftzug fällt in seiner unaufdringlichen Größe kaum auf, die Songtitel auf dem Backcover und die am Release beteiligten Labels (time as a color, strictly no capital letters, adiago 830, Worried Songs, Lilla Himmel, How Is Annie Records, Friends Of Mine Records, Siste Sukk, Middle-Man Records, Beth Shalom Records) sind ebenfalls auf Schreibmaschine geschrieben und wirken wie einst schlecht kopierte Flyers aus den Neunzigern, auf denen man Bands, Uhrzeit und Datum nur mit viel Phantasie erkennen konnte. Aus dem Inneren purzelt ein schön besiebdruckter dicker Falt-Karton heraus, auf dem ich eigentlich die Texte vermutete. Aber Fehlanzeige. Das einzige, das ich an diesem Release wirklich vermisse, ist ein Textblatt.

Aber sobald die Nadel aufsetzt und die Musik ertönt, ist dieses Manko schnell vergessen, auch weil man die klare Stimme von Sängerin Natalie Evans so gut verstehen kann, so dass das fehlende Textblatt nicht so sehr ins Gewicht fällt. Bei der Internet-Recherche über den Background von You Could Be A Cop erfährt man übrigens, dass die Band von den zwei norwegischen Brüdern Morten und Marius gestartet wurde. Morten hatte wohl zuvor in ein paar Indie-Punk- und Emobands Schlagzeug gespielt und sich auch ein wenig als Produzent ausgetobt, während Marius das Gitarrespielen über das Internet erlernen wollte und daran aber kläglich scheiterte, gerade auch weil das künstlerische Dasein immer wieder durch sein kleines Kind gestört wurde. Ich kenn das, darum hab ich ja irgendwann das Schreiben angefangen. Meine Kinder kamen -sobald sie mich schrammeln hörten- immer in mein kleines Probezimmerchen und griffen mir mit voller Wucht in die Saiten, so machte das irgendwann keinen Spaß mehr. Und wie man sieht bzw. hört: wenn man sich den Scheiß irgendwie selbst in ein paar schlaflosen Nächten erarbeitet und Melodien finden muss, bevor wieder irgendein Balg die künstlerische Kreativität stört, klingt das ganze viel lebendiger. Nachdem also vier Songs aufgenommen wurden, fehlte zur Vollkommenheit noch der Gesang. Und gerade dieser macht diese vier Songs so unglaublich intensiv. Morton lernte nämlich zufällig Sängerin Natalie Evans kennen, die kurzerhand in ihrem Londoner Schlafzimmer die Lyrics einsang. DIY und Homerecording waren mir schon immer sympathisch.

Oh ja, und das hat sie richtig gut hingekriegt. Schön piepsig, manchmal etwas kindlich verspielt, aber keineswegs nervig. Da denkt man vom Vibe her an Bands wie z.B. Hidalgo, Reno Kid, The Cherryville, 125 Rue Montmartre oder Elektrolochmann. Keine Frage, da sind Leute am musizieren, die mit dem Mid-90’s Emo von Bands wie Mineral, The Anniversary, SDRE oder Boys Life aufgewachsen sind. Absolute Herzplatte!

9/10

Facebook / Stream / time as a color


 

Myteri – „Ruiner“ (Alerta Antifascista Records)

Könnt Ihr Euch noch daran erinnern wie es an Weihnachten als Kind war? Wenn man seine Geschenke auspackt und sich so freut, endlich das langersehnt Spielzeug in Händen zu halten? Je älter ich wurde, desto seltener hatte ich dieses Gefühl. Sobald man mal einen Job hat, kann man sich den ganzen Kram selber kaufen und diese Magie wird sehr selten. Schön ist es, wenn man dann eine Band wie Myteri entdeckt. In meiner Facebook Timeline tauchte ein Link auf die Seite http://www.idioteq.com zum Album Ruinier von Myteri auf. Da stand was von “swedish crusty d-beat hardcore punk”. Jedes Wort ein Volltreffer, dachte ich noch und hörte mir den Stream an. Wie schon oft erwähnt wußte ich nach wenigen Sekunden, daß mir dieses Album sehr gefällt.
Ein paar Tage später erhielt ich von Timo von ALERTA ANTIFASCISTA Records / DOOMROCK Mailorder einen Link zum Download – welch ein Zufall – von MyteriRuiner!!!

Da die Band für mich komplett neu war und im Web lediglich eine Facebook Seite, eine Bandcamp Seite, die auf einen Youtube Channel mit 10(!) Abonnenten (Stand 21.09.2107) verweist, war ich über die Bandinfo doch recht froh:
Myteri kommen aus Gothenburg (wie auch Skitsystem), Schweden. Sie spielen fetten Crust-Punk und Ruiner ist ihr zweites Album. Auf der Bandcamp Seite schreiben sie selbst, daß sie eine D.I.Y. Band aus Gothenburg/Falkoping/Kristinehamn sind, die melodischen Crust spielen.
Die Texte der 12 Songs sind ausnahmslos auf schwedisch, in der Bandinfo steht noch daß sie apokalyptische Landschaften, Kriege, Plagen, Elend und Hungersnöte heraufbeschwören. Aber – es scheint immer etwas Hoffnung durch. Also ungefähr so wie in einem Mad Max Film.

Das Intro beginnt wie die Ruhe vor dem Sturm, ruhige, zarte, unverzerrte Gitarren, die dann recht schnell verzerrt werden, dann das Tempo erhöhen, und mit voller Breitseite über einen hereinbrechen. Dieses scheinbare Chaos wird durch die tollen Melodien getragen, die bei mir in den Gehörgängen hängen bleiben. Mir scheint es so, als ob die Band eine unbändige Spielfreude an den Tag legt, die einen mitreißt. Am ehesten würde ich – wenn man mich um einen Vergleich fragen würde – das letzte Album von Martydöd – List, nennen. Die meist sehr schnellen Songs wechseln sich mal mit langsameren Parts ab und bleiben stets so unvorhersehbar, daß keine Langeweile aufkommt. Deswegen läuft das Album bei mir auch rauf und runter. Neulich war ich mit dem Rad unterwegs und ein Regenschauer hat mich so richtig erwischt, egal, hab Myteri gehört und mich deswegen richtig gefreut. Meine Jacke, Hose und die Schuhe wurden komplett durchnäßt, trotzdem hatte ich ein lächeln im Gesicht. Das Outro fängt ähnlich wie das Intro an, bleibt aber ruhig und die Melodie hat definitiv Ohrwurmcharakter, wow.

Für mich stehen Myteri nun im D-Beat/Crust-Olymp direkt neben Größen wie Tragedy, Skitsystem, Martyrdöd, Ictus, Wolfbrigade, Disfear und Fredag Den 13:e.

Das Album (LP) Ruiner von Myteri ist am 20.09.2017 bei Alerta Antifascista Records erschienen und ist bei http://www.doomrock.com erhältlich, neben einem ganzen Sack voll toller Bands wie Fall Of Efrafa, Downfall Of Gaia, etc.

10/10

Live sind Myteri bestimmt der Hammer:
15.11.2017 (SE) STOCKHOLM Antisocial Festival #2
23.11.2017 (DE) BREMEN Friese
24.11.2017 (DE) GIESSEN Merciless Metal Massacre
25.11.2017 (DE) ESSLINGEN Noise Massacre Antifascist Music Festival
26.11.2017 (DE) HANNOVER Stumpf
27.11.2017 (DE) KIEL Alte Meierei
28.11.2017 (DE) Copenhagen Dödsmaskinen
Weitere Termine folgen.

Facebook / Youtube / Bandcamp Alerta Antifascista Records / www.doomrock.com

Portrayal Of Guilt – „Selftitled 7inch“ (Miss The Stars u.a.)

Tiefschwarz und düster, diese Eigenschaften ziehen sich bei diesem DIY-Co-Release zwischen Miss The Stars Records und Contrition Recordings wie ein roter Faden durch die dunkle Nacht. Angefangen vom ästhetisch kunstvollen Coverartwork (in meinem Fall günstigerweise schwarz, es gibt aber auch noch zwei andere Farben) bis hin zum anklagenden Bandnamen strahlt einzig die im Dunklen unter UV-Licht leuchtende klare Vinylfarbe ein schwaches Licht aus, das man fast schon als sonnigen Kontrast betrachten kann. Denn die Musik der ziemlich neuen Band aus Austin, Texas macht diesen kleinen Lichtblick mit Aufsetzen der Nadel sofort wieder zunichte.

Schön heavy rotzen die Gitarren zusammen mit dem angsteinflößenden Getrommel eine Schneuse der Verwüstung durch die düstere Soundlandschaft. Dazu gesellt sich Gekeife, welches man irgendwo zwischen Screamo und Blackmetal einordnen kann. Beim Opener Humanity Is Frail setzt nach dem anfänglichen Orkan im Zwischenteil ein walzender Midtempo-Part ein, der mit melancholischen Gitarren und verhalltem Geschrei untermalt ist, bevor sich der Song gegen Ende wieder in einen chaotischen Albtraum verwandelt. Das nachfolgende The One verzückt dann mit unterschwelligen Melodien, die aus einem tiefen Loch hervorkriechen, aber nicht so richtig an die Oberfläche gelangen wollen und immer wieder zurückfallen. Das abschließende Mourning Ahead beginnt hypnotisch mit unverzerrten Gitarren, wird dann aber bald mit leisen Crashbecken und rhytmisch steigerndem Drumming fortgesetzt, bis ein Break einsetzt und diese moshenden Gitarren von mächtigen Dampfwalzen-Drums begleitet werden. Und ehe man es sich versieht, ist das kleine Scheibchen auch schon wieder vorbei. Sehr schade. Andererseits fragt man sich, ob die Band auf nachfolgenden Releases diese gerade mal knapp über sechs Minuten dauernde pure Intensität noch steigern kann. Bin jedenfalls sehr gespannt, was wir von dieser Band noch so zu hören bekommen.

Es fällt mir bei dieser Art von Musik schon immer schwer, ein paar passende Vergleiche zu finden. Der düstere Sound von Portrayal Of Guilt beherbergt diverse Elemente aus den Bereichen Screamo, Emoviolence, Blackened Hardcore, Post-Blackmetal, Post-Hardcore und Punk. Dementsprechend wird man an manchen Stellen an Bands wie Converge, Coalesce, Integrity, New Day Rising, Majority Rule oder pg.99 erinnert. Greift euch also schnell mal noch ein Scheibchen ab, bevor es keine mehr gibt!

8/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records


 

Bandsalat: Atlas, Deadends, Football Etc., Killed, No Liars, Snag, Turnover, Wrckg

Atlas – „Blush“ (Dingleberry Records) [Stream]
Neulich beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort mit errötetem Teint liebgewonnen: die belgische Band Atlas mit ihrer Hammer-Debutscheibe Blush. Wenn ihr mal wieder sehr gut gemachten Post-Hardcore mit melancholischen Emo-Tendenzen entdecken wollt, dann ist dieses neun Songs starke Album genau das Richtige für euch. Zum einen verzücken die Songs durch spannende Arrangements und reichlich Abwechslung, zum anderen lassen die satten, leidenschaftlich gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang das Herz höher schlagen. Auch die Rhythmus-Fraktion versteht ihr Handwerk. Hört euch mal das vielschichtige Missing Parts oder das treibende The Underneath an, dann wisst ihr, was ich meine. Für’s glasklare Mastering hat Brad Boatright von Audiosiege gesorgt. Da hat man Bands wie z.B. Thursday zur Full Collapse-Phase vor Augen, Hopesfall schwirren auch durch den Raum, La Dispute, Touché Amore oder The Tidal Sleep könnten auch noch als Vergleich dienen. Und Moment mal, das Ding ist auch noch über Dingleberry Records erschienen, wie geil ist das denn? Käme diese pfiffige Band aus den USA, dann würde sie wahrscheinlich durch die Decke gehen. Absoluter Geheimtipp!


Deadends – „The Essence Of Every Second “ (Fond Of Life) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Graz, das liegt in Österreich. Aber soundtechnisch bewegen sich die vier Jungs in ähnlichen Soundbereichen, wie die weitaus bekannteren Gnarwolves. Also alles abseits des Punk-Mainstreams, der in Graz mit einer brozenen Punkstatue lockt. Soll heißen: Melodischer Punkrock, der zwischen Halfpipe und Fußgängerzone noch genügend Rotzigkeit im Gepäck hat. Checkt das mal an, wenn ihr keine Tickets für die nächste Gnarwolves-Show bekommen habt.


Football, etc. – „Corner“ (Barely Regal Records) [Stream]
Vier Jahre sind seit der letzten Full Length des Emo-Trios aus Texas ins Land gezogen. Vom Sound her haben sich seitdem keine gravierenden Änderungen ergeben, die zehn Songs kombinieren Herzschmerz- Emo mit zuckersüßem Indie. Die Gitarren schrammeln wundervolle Melodien, gerade im Midtempo bekommt man immer wieder automatisch dieses rhythmische Zucken des Beines. Und über allem schwebt der gefühlvolle Gesang von Sängerin Lindsay Minton. Das klingt dann zusammen so schön plätschernd und vertraut, manchmal braucht es keinen Schnickschnack, um Gefühle zu transportieren. Hört mal Songs wie z.B. Foul oder Space an, dann wisst ihr, was ich meine. Wer Bands wie Rainer Maria oder Ohio’s Favorite mag, sollte hier mal unbedingt reinhören.


Killed – „Arsenic“ (DIY) [Free Download]
Aus Jakarta/Indonesien bekommen wir auch nicht alle Tage eine Besprechungsanfrage. Wie diese Bands wohl auf Blogs wie den unseren stoßen? Egal, jedenfalls klingt die 4-Song-EP der vier Jungs ziemlich fett. Wenn ihr auf diese Mischung aus 90er Hardcore und Metalcore abfahrt, dann solltet ihr euch das hier mal anhören. Oder schaut euch einfach das Video zum Song Darkwater an.


No Liars – „Selftitled“ (Toska Tapes) [Stream]
Diese relativ neue kanadische Band aus Victoria macht ziemlich eingängigen Post-Hardcore, der seine Vorbilder irgendwo um die Jahrtausendwende herum in Bands wie z.B. At The Drive-In, Refused, Alexisonfire oder Strike Anywhere hat. Mit diesem Sound wären die Jungs damals sicher bekannter geworden, aber was solls. Die vier Songs sind jedenfalls sehr gelungen und verdammt kurzweilig, der kräftige hymnenhafte Gesang und die satten Gitarren harmonieren bestens, da merkt man, dass hier Leute Spaß bei der Sache haben. Schaut euch doch mal das Video zum Song Catalyst an und überzeugt euch selbst!


Snag – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ich liebe ja kurze und knackige Anfragen ohne nähere Infos. Ein Soundlink genügt mir eigentlich, um mir ein Bild zu machen. Klick auf Play, oft ist nach 3 Sekunden Spielzeit und einsetzendem Gesang klar: Papierkorb oder Besprechung. Snag aus Milwaukee gehören zur zweiten Sorte, auch wenn es nicht auf Anhieb richtig zündet. Aber die Grundstimmung passt. Die polternde Aufnahme mit dem knarzigen Bass und dem schepperigen, viel zu dünn aufgenommenen Schlagzeug und den ab und an auftauchenden lo-fi-Gitarren kommt direkt an. Sehr charmant. Spätestens wenn der Gesang einsetzt, freut man sich irgendwie. Überschlagende Vocals á la Algernon Cadwallader, frühe Piebald sind auch nicht weit, Midwest-Emo mochte ich schon immer. Und die Texte sind auch schön!


Turnover – „Good Nature“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das bunte Dschungelcover offenbart schon eine vielseitige Farbenpracht und eine im Einklang mit der Natur stehende Artenvielfalt und macht neugierig auf die elf neuen Songs, die sich auf dem Nachfolger des vielseits abgefeierten 2015er-Album Peripheral Vision der Band aus Virginia befinden. Auf dem Außencover ist die Flora und Fauna des Dschungels zu bewundern, im Inneren des Digipacks sieht man dann die kleineren Bewohner des Dschungels, die Insekten. Zuallererst fällt auf, dass die verhallten Dreampop-Melodien noch stärker in den Vordergrund gerückt und die Emo-Anteile fast gänzlich verschwunden sind, trotzdem bleibt alles auf einer emotional intensiven Ebene. Die Gitarren spielen die zuckersüssesten Melodien, der warme Gesang von Austin Getz jagt einem zusätzlich an einer Tour wohlige Schauer über den Rücken. Man kann sagen, dass diese Platte wahnsinnig glücklich macht. Stellt euch einen Spätsommertag vor, an dem es nicht allzu heiß ist und ihr mit den Klängen von Good Nature im Ohr an einem menschenleeren Strand die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Sommers auf eurer Haut tanzen spürt. Entspannung pur, zufriedenes Grinsen! Das Album läuft bei mir seit Wochen rauf und runter und auch wenn sich dann und wann eine gewisse Eintönigkeit bemerkbar macht, da die Songs irgendwie doch alle sehr ähnlich klingen, ist mir die Scheibe schon jetzt ans Herz gewachsen. Songs wie Super Natural, Sunshine Type, What Got In The Way, Nightlight Girl oder Breeze gehören zu dem Besten, was Turnover bisher veröffentlicht haben. Stellt euch eine Mischung aus Real Estate (zu Zeiten des Atlas-Albums), Athlete (der sommerliche Vibe), Last Days Of April (die Melancholie), Day Wave, Jimmy Eat World und den Beach Boys (das entspannte Surfer-Leben) vor und lasst euch zu den Klängen von Good Nature die Sonne aus dem Arsch scheinen.


Wrckg – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Hach, ich mag eigentlich diese Vokal-hassenden Bandnamen überhaupt nicht. Spätestens seit dieser Hipster-Scheiß von Nazis kopiert und ohne strafrechtliche Folgen bleibt, sollte man in unseren Kreisen Abstand von dieser Unsitte nehmen. Wrckg steht vermutlich für Wreckage, könnte aber auch genausogut Werockgo oder Wearecakeog bedeuten. Aber ich schweife ab. Jedenfalls ballern die Niederländer eine solide Mischung aus mitreißendem Melodic Hardcore und etwas metallastigen Düster-Hardcore raus. Die Gitarren fetzen richtig geil, der Schlagzeuger holt auch alles aus seinem Kit und der Sänger gröhlt schön melodisch drüber. Kommt schön heavy, sehr fett abgemischt. Hört doch mal rein, wenn ihr auf Zeugs wie Landscapes etc. steht.