Thisismenotthinkingofyou – „Obstructive Sleep“ (Dingleberry Records u.a.)

Ursprünglich als Solo-Projekt gestartet, hat sich Thisismenotthinkingofyou-Kopf Shaun Hancock mittlerweile zwei Mitstreiter ins Boot geholt, damit das intensive Screamo-Emoviolence-Mayhem auch live stattfinden kann. Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch die Gelegenheit, dem letztjährigen Auftritt der Jungs aus Derby/UK beim Miss The Stars-Fest beizuwohnen. Wer’s wie ich verpasst hat, der kann sich hier einen ungefähren Eindruck verschaffen, wie großartig die Atmosphäre dort gewesen sein muss. Nun, diese sagenhaft hübsch aussehende 12inch wurde durch die Zusammenarbeit folgender DIY-Label ermöglicht: Dingleberry Records, Adorno Records, 3rd Planet, Middle-Man Records, Dasein Records, Friendly Otter, Grandad Records und À Fond d’Cale Prod. Die Plattenhülle besteht aus einem zusammengefalteten Blatt Papier, das dazu noch mit einer eindrucksvollen Tusche-Zeichnung besiebdruckt ist. Die Plattenlabels der A-und B-Seite sind ebenfalls mit Blumenzeichnungen verziert, sowas sieht beim Rotieren auf dem Plattenteller natürlich klasse aus.

Bei dieser ersten Full Length könnte man eigentlich fast von einer Art Diskographie sprechen, denn hier sind beinahe alle bisherigen Releases mit drauf. Auf der A-Seite sind die zuvor noch nicht erschienenen Songs der Obstructive Sleep-LP zu hören, die B-Seite beinhaltet die Songs der White Feathers EP, Control/Reform EP und Restlessness EP, so dass ihr mit insgesamt 30 Songs den Full-Service genießen könnt. Die Songtitel sind schlicht mit römischen Zahlen je Release durchnummeriert. Leider fehlt mir hier ein Textblatt, denn rein akustisch tut man sich sehr schwer, irgendwelche Textfetzen herauszuhören. Da wird einfach zu sehr gelitten, gerotzt und geheult, als dass man was verstehen könnte. Nun denn, die Musik selbst lässt jedoch erahnen, dass die Inhalte düster sein müssen.

Denn Thisismenotthinkingofyou zünden ein Screamo-Feuerwerk nach dem anderen. Die Songs sind schön kurz gehalten, selten wird die zwei-Minuten-Marke geknackt. Was gesagt werden muss, kann auch in knapp einer Minute auf den Punkt gebracht werden. Und so leben die Stücke durch die chaotischen Gitarren, die sich matschig und dissonant ihren Weg durch die wildwasserkanal-mäßigen Drums bahnen, so dass zum schieren Wahnsinn nur noch die bereits erwähnten intensiven Vocals fehlen. Wenn ihr Zeugs wie Loma Prieta, Orchid, Jeromes Dream oder Tristan Tzara bereits zum Frühstück abfeiert, dann dürftet ihr an dieser Scheibe eure wahre Freude haben. Das Ding ist ’ne Wucht!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

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New Native – „Soul Cult“ (Koepfen Records)

Manchmal kommt es ja vor, dass man ein sagenhaftes Release irgendwie verpennt. Bei der bereits 2015 erschienenen EP Soul Cult von New Native beispielsweise gab es – vermutlich aufgrund permanenten Zeitmangels meinerseits – keine Empfehlung im Rahmen eines Bandsalatbeitrags. Und das, obwohl mir die fünf Songs damals auf Anhieb gefielen und ich auch schon das Debut ganz gut fand. Und wie das so ist, geriet das Release in Vergessenheit, bis vor ein paar Wochen eine Besprechungsanfrage des bald kommenden Debutalbums der Wiener Band im Postfach aufblitzte und ich natürlich ohne groß zu überlegen zusagte. Und wie es der Teufel Zufall mal wieder so will, meldet sich ein paar Tage danach Peter von Koepfen Records, weil er eben auf unseren Seiten keine Rezi zum damaligen Release finden konnte. Die EP erschien nämlich in Zusammenarbeit der Labels Anchor Eighty Four Records, Laserlife Records und eben Koepfen Records. Waren die Exemplare damals recht schnell bei Koepfen vergriffen, konnte aktuell vom amerikanischen Label aufgestockt werden, so dass aktuell wieder ein paar Vinyls bei Koepfen verfügbar sind. Und da gute Musik ja niemals schlecht wird, freute ich mich wie verrückt über das etwas verspätet zugeschickte Exemplar. Und mit dem Erscheinen des Debutalbums könnte kaum ein besserer Zeitpunkt sein, auf diese tolle EP hinzuweisen. Vielleicht ist es ja jemandem von euch ähnlich ergangen wie mir oder ihr entdeckt New Native erst aufgrund des Debutalbums, das übrigens über Midsummer Records erscheint. Mit ein wenig Glück könnt ihr sogar noch ein EP-Exemplar bei Koepfen ergattern.

Die EP kommt im 12inch-Format, ist einseitig gepresst und sieht in der pinken Vinylfarbe und mit der hypnotisch rotierenden Label-Spirale einfach super aus. Man kann kaum den Blick abwenden, aber beim ersten Durchlauf wird trotzdem traditionell das Textblatt mitgelesen, zwischen den Songs fällt immer wieder der Blick auf’s rotierende Label. Die Lyrics pendeln zwischen (unerfüllter?) Liebe, Sehnsucht, Zweifel, Depression und einem Fünkchen unterschwelliger Hoffnung. Obwohl ich die Songs schon lange nicht mehr gehört habe, stellt sich die Wiedererkennung recht schnell ein. Genial kommen die verspielten und sehr gefühlvoll jammernden Gitarren rüber, dazu dürfte der durchaus melancholische, kraftvolle und melodische Gesang von Sänger Michael einer der markantesten Brückenpfeiler im Sound von New Native sein. Diese Gesangslinien gehen direkt ins Ohr während Dir die Gitarrenmelodien die Nackenhärchen aufstellen! Zwischen verträumten 90’s-Tunes und atmosphärischen Gitarrenparts kratzt die Band gekonnt die Kurve, so dass das Ganze nicht so angestaubt klingt. Die Frische in den Songs ist jedenfalls sehr präsent. Da hört man aus jedem Ton die Leidenschaft und das Herzblut raus, die da reingesteckt wurden.

Auch wenn man viele Parallelen zu Emo/Neo-Grunge-Bands wie Balance And Composure, Basement, Jejune, Further Seems Forever oder gar Juliana Theory entdecken kann, kommt der Sound der Jungs keineswegs abgekupfert rüber. Die fünf Songs klingen sehr authentisch und sympathisch, sind astrein arrangiert und gut durchdacht. Die top Produktion und der satte Klang könnten kaum druckvoller sein. Sehr schön! Und hier stört es mich keineswegs, dass die EP nach knapp 17 Minuten auch schon wieder vorbei ist. Denn: Erstens entfällt durch die einseitige Pressung das nervige Wenden der 12inch und zweitens kann man die Nadel direkt wieder an den Anfang setzen. Und Drittens gibt es ja noch die Aussicht auf das um die Ecke linsende Debutalbum der Österreicher. Ich bin sehr gespannt!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen Records


 

Ondt Blood – „Natur“ (Fysisk Format)

Mann, hab ich mich über das Debütalbum  „Finnmark“ von Ondt Blood gefreut. Aus meinen Unterlagen ist das Review von „Finnmark“ knapp zwei(!!!) Jahre her, gefühlt eher sechs Monate. Egal, ich hab gehofft, daß Ondt Blood da weiter machen, wo sie aufgehört haben. Im Hinterkopf hab ich das Debütalbum noch recht präsent. Ich dachte damals noch, daß es eine Ähnlichkeit zu Kvelertak gibt, daß der Sound recht abwechslungsreich war.

Beim ersten hören dachte ich noch: Oh jeh! Die tollen Chöre sind geblieben aber der Sound kommt etwas arg melodisch daher. Das klingt ja nicht schlecht aber auch etwas süß, zu süß, so süß, daß einem die Zähne wehtun können. Toll ist, daß sie abwechslungsreich geblieben sind. Durch den Gesang mit den Melodien haben sie auf jeden Fall einen Wiedererkennnungswert. Eine Prise Punk, Hardcore, Metal ist geblieben, nur eingängiger und etwas zahmer.

Laut Bandinfo waren sie im Jahr 2016 für Ihr Debütalbum für den norwegischen Grammy als „Newcomer Of The Year“ nomminiert.

„Natur“ ist ein Ausruf der Samen gegen die voranschreitende Kolonialisierung und Unterdrückung. Mit „Natur“ haben Ondt Blood  ein Album gemacht, das einerseits eine messerscharfe politische Auseinandersetzung ist UND ein abfeiern der Lebenslust. So die Bandinfo. Vermutlich ist damit der Kontrast zwischen den melodischen Teilen und den leider spärlichen vertrackteren Teilen der „alten“ Ondt Blood gemeint.

Ich geb’s zu, es funktioniert schon ganz gut. Mal ein Saxophon hier, catchy Melodien da, mal fette Gitarren eine tolle Produktion und fertig ist ein Album, was auch in den Charts laufen könnte. Vielleicht nicht bei uns, weil der Massengeschmack noch nicht soweit ist. Obwohl, irgendwo hab ich gehört daß Feine Sahne Fischfilet auch in den Charts sind, kann das aber nicht bestätigen, weil ich nur kurz danach gegoogelt hab.

Darf man eine Band kritisieren, die Ihren Sound im lauf der Zeit ändert? Jeder der sich mit einem Werk (Musik, Film, Buch, Bild, etc.) an die Öffentlichkeit begibt, muß damit rechnen, daß darüber gesprochen wird. Heutzutage wird leider gerne zu schnell und meist auch unfair etwas beurteilt. Einerseits hätte ich ein Album das eher nach „Finnmark“ geklungen hätte besser gefunden, andererseits respektiere ich die Entscheidung der Band mit diesem Sound vielleicht auch kommerziell was zu reißen.

8/10

Bandcamp / Facebook / Label

 

Farrokh Bulsara – „Nieder mit den Thujahecken“ (Ape Must Not Kill Ape Records/Markus Records)

Na, klingelt’s bei dem Bandnamen bei irgendwem? Farrokh Bulsara war der bürgerliche Name von Freddie Mercury, der es bis heute aus seinem Grab heraus schafft, mit seiner Band Queen unsere Ohren zu strapazieren. Da Musik ja Geschmacksache ist, stehe ich mit meiner Meinung zu Queen sicher ganz alleine da. Was habe ich Queen gehasst, alleine dieses affige Verhalten, bei irgendeinem Erfolgserlebnis oder Sieg den Song We Are The Champions lauthals zu grölen. Einfach nur ekelerregend. Auf der anderen Seite ist es aber trotzdem ein schönes Gefühl, dass leidenschaftliche Menschen Musik hinterlassen, die lange Zeit nach ihrem Tod das Zeug dazu hat, Freude und Glück bei den Lebenden zu erzeugen. Ob die Band Farrokh Bulsara solche Gedanken bei der Namenswahl im Hinterkopf hatte? Jedenfalls ist der Name für eine Screamo-Band sehr passend und die Musik dieser Band gefällt mir persönlich um Längen besser als das Zeugs von Queen.

Farrokh Bulsara kommen aus der Schweiz und haben zum Teil ganz schön alte Szene-Hasen mit an Bord. Bands wie Never Built Ruins oder Ghettohund sagen mir jetzt persönlich weniger, aber an das ein oder andere Konzert von Bands wie Sundowner, Profax, Fuego oder Dying In Motion erinnere ich mich gern zurück, zudem steht manches Release dieser Bands im heimischen Platten/CD-Regal. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an eine Diskussion über Hardcore im Schweizer Fernsehen (Anfang der Neunziger?), bei dem sogar Profax und die Züricher Band Fleisch auftraten. Die Bands Mr. Willis Of Ohio und The Rabbit Theory konnte ich leider nie live sehen. Und auch mit The Rabbit Theory verbindet mich eine Erinnerung, die jedoch sehr schmerzhaft ist, selbst wenn ich Gitarrist und Sänger Nino Kühnis nie persönlich getroffen habe. Nino ist nämlich im Jahr 2013 bei einem Fahrradunfall mit einem Lastkraftwagen viel zu früh aus dem Leben gerissen worden. Von seinem Tod erfuhr ich ein paar Tage später durch meine Mitarbeit bei Borderline Fuckup. In den Credits des Tapes erfährt man, dass Nieder mit den Thujahecken Nino gewidmet ist. Zudem dürften die Lyrics vom Song Am Ende lacht der Geist ebenfalls unmittelbar mit dem Tod Ninos im Zusammenhang stehen. Und da wären wir wieder bei der eingangs gesponnenen Theorie bezüglich der Hintergründe der Namenswahl. Die Leidenschaft, die Ideen, die Güte und der Optimismus von Nino lebt in Farrokh Bulsara weiter. Das ist meine Interpretation, vielleicht liege ich damit völlig falsch. Was jedoch ziemlich sicher ist: bereits beim ersten Durchlauf des Tapes habe ich einen Narren am Sound von Farrokh Bulsara gefressen.

Das Tape kommt in klassischer DIY-Optik. Die schwarze Hülle ist mit einem schwarzen Karton ummantelt, der auf Vorder-und Rückseite weiß bedruckt ist. Die Vorderseite ist logischerweise mit einer Thuja-Detailzeichnung verziert. Die Labels der Kassette sind im ähnlichen Stil gestaltet. Auf dem eingelegten Faltblatt lassen sich alle Texte nachlesen, zudem gibt es zu jedem Song eine englische Übersetzung. Und natürlich liegt auch ein Download-Code bei, obwohl sich das Album auch kostenlos auf Bandcamp downloaden lässt. Das Tape dürfte mit einer Auflage von 100 Stück schnell vergriffen sein. Denn Farrokh Bulsara haben es musikalisch ziemlich drauf und wissen ab dem ersten Ton, wie man gefangen nehmen kann. Und die deutschen Texte schlagen in die gleiche Kerbe, sie sprechen zumindest mir aus der Seele. Hier bewegen sich die Schweizer abseits jeglichen Punk-Klischees, machen sich tiefschürfende Gedanken und bleiben dabei trotz der ganzen Hoffnungslosigkeit optimistisch. Da wird Kritik an den Zuständen in der Welt geübt, die Verrohung und Abstumpfung durch die eigene Machtlosigkeit scheint auswegslos und zermürbend. Was bleibt, ist der Appell an die menschlichen Gedanken. Und die Revolution im eigenen kleinen Umfeld. Viel mehr als Punk und Liebe braucht man nicht im Leben! Und trotzdem versteht man die vom Wohlstand geprägte Gesellschaft kaum. Gerade in einem reichen Land wie der Schweiz, in der jeder nur auf seinen eigenen Profit schaut und die Ausbeutung von Menschen schulterzuckend in Kauf nimmt, mümmeln sich die Reichen in ihren gepflegten Anwesen und verstecken sich hinter abschirmenden Schutzwällen aus Thujahecken in feudalen Villen. Eine ähnliche Problematik wird wohl in dem aktuellen Schweizer Punk-Film Lasst die Alten sterben behandelt, den ich bald mal zu gern sehen würde. Aber auch an der eigenen Szene wird gemäkelt, zudem dürften nicht nur den älteren Semestern unter uns die beschriebenen Szenen aus dem Song 1988 bekannt sein. Die Melancholie findet sich nicht nur in den Lyrics, auch die Musik jagt den einen oder anderen Gänsehaut-Schauer über den Rücken. Die Gitarren kommen so gefühlvoll rüber, dazu der gegenspielende Bass. Wow! Ach ja, es gibt auch noch ’nen Schlagzeuger, der auch mal innehalten kann aber sonst alles gibt, schrammelnde Gitarren sind ebenfalls noch mit dabei. Und on the top kommt der anklagende und leidenschaftliche Gesang sowie hyperventilierende Gangshouts dazu. Ups, schon wieder abgeschweift und zu wenig über die Musik geschrieben…aber ihr werdet Farrokh Bulsara eh abgöttisch lieben!

9/10

Bandcamp / Homepage


 

Videosammlung: Binoculers, Color Me Wednesday, Grey Hairs, The Guilt, Kamikaze Girls, Maid Of Ace, Milk Teeth, Neighborhood Brats,Rome Is Not A Town, Tricot

Das neue Album Sun Sounds des Hamburger Indie/Dream Pop-Duos Binoculers ist richtig schön geworden. Falls ihr durch das Video zum Song The Cities neugierig geworden seid, dann lohnt es sich auf alle Fälle, das Album über Bandcamp mal genauer unter die Lupe zu nehmen.


Zu den anderen Videos

Bandsalat: Beardless, Chiller, King Slender, Laerm, Mainström, Probably Not, Rome Asleep, Sciatic Nerve

Beardless – „Holy Moly!“ (Fond Of Life Records) [Stream]
Heiliger Bimbam, lasst euch bloß nicht durch das Loony-Tunes-mäßige Coverartwork, Bandname und Albumtitel in die Irre führen! Das Bandmaskottchen, das euch vom Cover her frech anglotzt, soll wohl einen haarlosen Nacktmull darstellen. Rein optisch anhand des Digipacks eingeschätzt, vermutete ich anfangs, dass hinter Beardless irgend so ’ne 0815-Funpunk-Band stecken würde. Bekommt man aber die ersten Klänge vor den Latz geknallt, dann reibt man sich erstmal ungläubig die Augen. Die drei bartlosen Milchgesichter klingen so gar nicht nach Trio, hier wird zuckerfeiner und hochmelodischer Punkrock gespielt, der sich eher nach einem super eingespielten Quartett und überhaupt gar nicht deutsch sondern sehr amerikanisch anhört. Seit sechs Jahren ist die Osnabrücker Band unterwegs, hat dabei schon zahlreiche Shows gespielt und zwei EP’s veröffentlicht. Bei den zehn Songs von Holy Moly! hat man ab der ersten Sekunde den Eindruck, dass den Jungs ihr emotionaler Punkrock tierischen Spaß bereitet. Die Gitarren flutschen wie die Hölle, der Schlagzeuger hält die Punkrockbude zusammen, der Basser entfernt sich auch mal von der Gitarre und spielt eigenständige Knödel-Melodien. Und dann ist da der alles andere als in den Bart genuschelte und kräftig gesungene raue Gesang und die hymnischen Bandchöre, die alles so dermaßen catchy machen, dass man sofort Lust bekommt, sich mit einem Bier bewaffnet in den Pit zu stürzen. Hitverdächtige Songs gibt es jedenfalls am laufenden Schnürchen. Als Anspieltipps eignet sich das extrem geile Rust, das sogar noch mit Streichern (?) aufgepeppt wurde oder das arschtretende und hymnische I Don’t Care. Geil auch, dass dem Digipack ein Textheftchen beigefügt ist, auf welchem sich die teils sehr persönlichen und intelligenten Lyrics nachlesen lassen. Holy Moly! überzeugt durch einen satten Sound, dass die Songs live eingespielt wurden (außer Gesang und zweite Gitarre) ist ebenfalls von Vorteil, denn die Songs klingen dadurch sehr lebendig. Das Album gibt’s neben dem Digipack als Digital-Release, als Schmankerl gibt es Vinyl in drei verschiedenen Varianten. Das Ding hier wird bei mir definitiv in Zukunft öfter laufen! Und bevor ihr so ’ne ausgelutschte Scheibe wie die letzte Hot Water Music abfeiert, solltet ihr das hier mal anchecken!


Chiller – „Selfitled“ (Rockstar Records) [Stream]
Diese kanadische Punkband setzt sich aus Leuten der Bands Feral Trash, BlackTower und Mother’s Children zusammen und beschert uns mit ihrem Debutalbum insgesamt acht Songs, die schön melodisch, aber dennoch düster und melancholisch klingen. Die Stücke gehen sofort ins Ohr und verzücken mit tollen melodischen Gitarren und teils mehrstimmigem female/male-Gesang. Und dann immer wieder diese knödelnden Gitarren, diese hymnischen Chöre und diese ausgebrannte und unterschwellige Auswegslosigkeit als Grundstimmung. Geiles Debut!


King Slender – „Selftitled“ (Killer Tofu Records/Zegema Beach Records) [Stream]
Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde auf diesen Seiten das Demo dieses Quartetts aus Philadelphia angepriesen. Nun also gibt es eine erste EP, die als 7inch (Killer Tofu Records) oder als Tape (Zegema Beach Records) erhältlich ist. Was mir am Sound der Jungs so gefällt, ist die treibende Kraft und die rohe Grundstimmung, die aber immer wieder durch unterschwellige Gitarrenmelodien aufgelockert wird. Die rausgerotzte aber dennoch leidende Stimme ist auch noch so eine Art Markenzeichen der Band. Die nach vorn gehende Mischung aus Emotive Hardcore, Punk, Screamo und Post-Hardcore ist live sicher eindrucksvoll. Die Bandmitglieder waren zuvor bei den Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen aktiv, diese Banderfahrung kommt nun bei King Slender ans Licht. Hört mal die verträumten Gitarren im letzten Drittel bei Forever Circling. Da ist man direkt enttäuscht, als nach kurzweiligen vier Songs die EP auch schon wieder vorbei ist.


Laerm – „Restless“ (DIY) [Stream]
Bisher, so scheint es, haben die Schweizer Punks von Laerm das Albumformat gemieden wie die Pest, seit Gründung im Jahr 2001 veröffentlichten die Jungs lieber im EP-Format. Und das taten und tun die vier Badener mit Vorliebe im Alleingang bzw. mit der Unterstützung von Freunden, DIY wird hier groß geschrieben. Restless ist also das Debutalbum der Jungs und was die Soundqualität angeht, so dürften diese zwölf Songs in der gesamten Bandlaufbahn qualitativ mit zum Besten zählen. Die Songs sind allesamt druckvoll abgemischt, die Gitarren kommen sauber, der Bass wirbelt auch schön fluffig vor sich hin, der Gesang kommt klar und deutlich. Lediglich die Snare klingt etwas zu hell. Vom Sound her bekommt ihr schön punkigen und melodischen Punkrock mit Mitgröhlpassagen auf die Ohren, der Gesang erinnert mich an manchen Stellen an Jesse von Yuppicide (Shinebox-Phase). Dass Laerm eine Band ist, die mit Haut und Haaren sehr gerne live zockt, merkt man den energiereich aufgebauten Songs jedenfalls sofort an. Vermutlich juckt es den Jungs permanent in den Fingern und sie schnappen sich jeden Auftritt, den sie kriegen können. Und wahrscheinlich klebt der Boden nach einer Show mit den Jungs, denn bei so ’nem Sound wird mit Vorliebe das ein oder andere Bier verschüttet. Das Album kommt übrigens in ’nem hübsch gestalteten Digipack, der sogar noch ein kleines Text-CD-Heftchen stecken hat.


Mainström – „Cut“ (DIY) [Stream]
Ursprünglich hat die Stuttgarter Punk-Band Mainström im Jahr 2010 als Trio mit zweistimmigem Frauengesang begonnen. Seither wurden zwei EP’s veröffentlicht und etliche Konzerte gespielt, zwischendurch fand auch mal ein Wechsel am Bass statt. Nach einem Jahr Pause kommt die Band nun mit einer neuen EP um die Ecke, die sicher nicht ohne Hintergedanken schlichtweg Cut betitelt wurde. Ein neuer Abschnitt im Leben der Band? Könnte sein, denn bei Malström hat sich erneut das Besetzungskarussell gedreht. Die Band wurde zum Quartett aufgestockt, beim Gesang übernimmt nun Sängerin Angie den Hauptteil, während die Chöre von den Jungs der Band beigesteuert werden. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben. Die vier Songs beamen Dich ab dem ersten Ton an direkt zurück in eine Zeit so um die Neunziger herum, als dieser melodische US-Skatepunk mit Bands wie NOFX, Pennywise, Face To Face oder 88 Fingers Louie populär war, so dass überall auf der Welt Klone enstanden und Labels wie z.B. Burning Heart traumhafte Umsätze verbuchen konnten. Tonnenweise Bands, die alle irgendwie gleich klangen. Eigentlich ähnlich wie heutzutage im Melodic Hardcore. Der Unterschied aber ist, dass es diese Melodic Hardcore-Bands aktuell einfacher haben, sich Gehör zu verschaffen. Einer Band wie Mainström, die in einem verwaisten Subgenre ihr Unwesen treibt und da vermutlich teilweise mit mehr Herzblut und Freude als so manch abgefeierte Melodic HC-Band dran ist, bleibt da leider nicht so viel Aufmerksamkeit. Schade, denn die Songs sind sehr gut gemacht. Die Gitarren kommen mit tollen Melodien, die Vocals sind hymnisch, der Drummer rödelt sich einen ab und die Texte behandeln persönliche Themen wie Zukunftsängste und Selbstzweifel. Musikalisch erinnert das gerade aufgrund des weiblichen Gesangs ziemlich an die Bambix oder an die spanische Band Zinc. Jedenfalls ist der Spaß an der Sache hier deutlich herauszuhören, zudem spricht eine selbstreleaste Digipack-CD Bände. Nettes Gimmick auch: jedes Bandmitglied hat mit ’nem Edding unter seinem Bandfoto unterschrieben. Lediglich das Lost&Found-mäßige Artwork kommt ein wenig befremdlich rüber, aber wahrscheinlich ist das sogar so gewollt.


Probably Not – „The Same Pain“ (Circle House Records) [Name Your Price Download]
Bei Probably Not handelt es sich um eine relativ neue UK-Band, deren Mitglieder zuvor in den mir nicht bekannten Bands Splitsville, Honey Pot und Skeleton Frames zockten. Auf ihrem Debutrelease, das sowohl digital als auch als Tape erschienen ist, präsentiert das Trio fünf Songs, die mit einer Spielzeit von etwas knapp unter zehn Minuten verdammt kurzweilig ausgefallen sind. Angesichts des intensiven Mischmaschs aus Post-Hardcore, Screamo, Emo, Punk und emotive Hardcore drückt man nach Durchlauf der EP jedenfalls gerne nochmals auf Play. Hier bekommt jedes Instrument seinen gebührenden Platz: der Bass darf ungehindert poltern, die Gitarren suchen sich schlängelnd dazwischen ihren Weg und können auch mal aufbrausender werden. Der Schlagzeuger hat verschiedene Techniken drauf, vom vertrackten Drumming bis zum Wirbeln alles dabei und die Vocals pendeln zwischen Schreien und Heulen in einer Stimmlage, die Verzweiflung, Zerissenheit und Wut transportiert. Emotional und energiereich zugleich. Wer das letzte Dad Thighs-Release abgefeiert hat, der sollte hier mal ein Ohr riskieren. Sehr geil!


Rome Asleep – „Selftitled 7inch“ (1000milesintomyheart) [Stream]
Dieses feine Scheibchen hier hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber ihr wisst ja: gute Musik hat kein Verfallsdatum. Nun, das Ding wurde mir zusammen mit der Uwaga/WuZeTian-Split 7inch zugeschickt, eben weil es auf dem bandeigenen Label von WuZeTian veröffentlicht wurde und wohl noch ein paar Exemplare vorrätig sind. Da es für die Mottenkiste als Klassiker aus ehemaligen Zeiten noch nicht so ganz reicht – das Ding kam 2009 raus – kommen also hier ein paar Zeilen. Rome Asleep war ein Quartett aus Mannheim, neben dieser 7inch veröffentlichte die Band auch noch ein Album in Eigenregie , das es übrigens ebenfalls in sich hat, zudem könnt ihr das Ding auf Bandcamp für lau ergattern. Die Jungs machen mitreißenden Post-Hardcore, der schön experimentell und tanzbar vor sich hinzappelt, eine gute Portion Noise kommt auch noch obendrauf. Auf der Labelseite werden Bands wie At The Drive-In, Swing Kids, Pitchfork, Blood Brothers und The Rapture als Vergleiche genannt. Nun, das ist absolut nicht gelogen, die drei Songs haben alles, was das Post-Hardcore-Herz begehrt. Zudem zeigen sie, dass die Band energievolle Live-Power gehabt hat, vielleicht hatte ja irgendwer von euch das Glück, sie zu ihrer aktiven Phase irgendwo zu sehen. Habe lange im Oberstübchen gekramt, ich meine, ich hätte die Band auch mal irgendwo gesehen, bin mir aber nicht mehr ganz so sicher. Wer also mit dem Sound von den Jungs was anfangen kann und das 7inch-Format liebt, der kann mit ein wenig Glück noch so ein Scheibchen bei 1000milesintomyheart bestellen.


Sciatic Nerve – „Selftitled“ (Gunner Records) [Stream]
Mal wieder so ’ne Allstar-Band mit Leuten von Swingin’ Utters, Nothington, Western Addiction und Cobra Skulls. Und was soll sich sagen, das Debutalbum der Jungs mit insgesamt 12 Songs hat ordentlich Wind im Darm! Man hört jedenfalls auf Anhieb, dass die Beteiligten hier mit Spaß und Freude zocken. Wenn ihr euch eine Mischung aus Kid Dynamite, Descendents, Refused und Black Flag vorstellen könnt, dann solltet ihr da mal reinlauschen. Mir läuft’s jedenfalls ganz genehm rein!


 

 

They Sleep We Live & Piri Reis – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

So langsam erkenne ich von Weitem, wenn Rodrigo Almanegras Tuschefeder mal wieder dazu beigetragen hat, dass man ein schön bedrucktes Coverartwork vor sich hat. Nach ausgiebiger Betrachtung von Front- und Backcover versichere ich mich kurz und hole das aufklappbare Cover aus der Hülle…und ja, da steht’s geschrieben, mal wieder ein Volltreffer. Müsste ich das Kunstwerk auf dem Frontcover unter der Berücksichtigung des Backcovers interpretieren, dann würde mir als erstes das Sprichwort „frei wie ein Vogel“ in den Sinn kommen. Der Schlüssel, das Käfig, die zwei frei flatternden Vögel. Auch wenn das Sprichwort häufig eingesetzt wird, um das Gefühl „frei und unabhängig sein“ auszudrücken, hat das Adjektiv „vogelfrei“ auch eine andere Bedeutung. Wer früher als vogelfrei deklariert wurde, war rechtlos und geächtet und durfte sogar straflos umgebracht werden. Ob diese Doppeldeutigkeit eines Ausdrucks hinter dem Coverartwork steht? Könnte sein. Die andere Sache, die mir als zweites in den Sinn kam, ist die zeichnerische Darstellung des deutschen Volkslieds „Die Vogelhochzeit“, das von der Vermählung einer männlichen Drossel und einer weiblichen Amsel handelt. Die Drossel steht symbolisch für Piri Reis, die Amsel für They Sleep We Live. Oder andersrum. Je länger ich das Cover betrachte, umso mehr abgedrehteres Zeug fällt mir ein.

Also klatsche ich erstmal die 7inch auf den Plattenteller. Scheiße, die falsche Seite erwischt, denn das Ding ist wirklich nur einseitig gepresst. Verdammt, das bedeutet auch, dass es ziemlich kurz werden wird. Und gerade, weil man beide Bands schon kennt und weiß, dass in beiden Fällen optimal abgeliefert wird, ist man deshalb etwas angepisst. Aber hilft ja alles nix, also richtige Seite aufgeklatscht und Textblatt in die Pfoten. Entgegen der Erwartungen vom Cover (They Sleep We Live wurden ja eigentlich zuerst genannt), pfeffern Piri Reis mit ihrem pfiffigen und hochemotionalen Screamo direkt los. Scheiße, ist das geil! Das erste Stück Lend Me Your Life, Mine Is Kaput ist so schnell vorbei, wie es angefangen hat. Da hat man gar keine Zeit, sich drauf einzustellen. Könnte deshalb abkotzen, aber ich frage mich irgendwie gleichzeitig (gerade auch weil ich den Song geil finde), warum ich mich darüber künstlich aufrege. Schließlich ist der Songtitel ’ne ernst gemeinte Aussage. Aber wahrscheinlich ist es das fortgeschrittene Alter, das mich so rasend macht. Klar, als Kind empfand man die Schulferien unendlich lange, aber als Jugendlicher hatte man schon bei zweisekündigen Napalm Death Songs das Gefühl, dass man während des Hörens schon um Jahre gealtert ist. Mit dem anschließenden Song Meranduk Ke Laut, Merekah Ke Danau krieg ich dann doch noch mein Piri Reis-Erlebnis der Extraklasse. Die herzzerreißend leidenden Vocals der Sängerin, die melancholisch und hochemotional runtergezockten Gitarrenriffs und das lebendige Drumming, das alles kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Hört das an! Hoffentlich kann ich das irgendwann live sehen.

They Sleep We Live sind leider schon wieder Geschichte, dennoch freue ich mich wie ein Schneekönig über diesen letzten verbliebenen Song, der so intensiv und stürmisch an den Gehörknospen nagt und gleichzeitig zeigt, was wir in Zukunft von dieser Band noch zu hören bekommen hätten, wenn sie doch nur weitergemacht hätten! Naja, manchmal ist es halt so. Man kann ja froh sein, dass die Jungs wieder mit neuen und vielversprechenden Bands am Start sind und dieses letzte Vermächtnis auf Vinyl archiviert wurde. Der Song wischt jedenfalls in etwas knapp über zwei Minuten einmal komplett Deine Wohnung durch! Was für eine Intensität! Ich bin sprachlos. Die Linernotes tun ihr übriges, gerade auch deshalb, weil ich darin viele Parallelen zu bereits erlebten Zeiten Ende der Achtziger erkenne. Traurig, aber absolut wahr! Und diese Orgel, die passt da sehr gut rein, ist mal was anderes. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, Pike Records, Time As A Color, Koepfen, React With Protest, Don’t Care Records, Zegema Beach Records, Framecode Records. Dieses Scheibchen hat das Zeug zum zukünftigen Klassiker!

9,5/10

Bandcamp / Piri Reis / They Sleep We Live / Dingleberry Records