Reikä – „Frangenti“ (TimTam Records)

Reikä ist finnisch und bedeutet so viel wie Loch. Wenn man das Wort durch die Bildersuchmaschine jagt, dann sieht man äußerst unappetitliche Bilder, hauptsächlich kariöse Zähne. Nun, der finnische Bandname führt ohne Vorkenntnis etwas in die Irre. Im Booklet wird nämlich deutlich, dass die vier Damen aus Italien kommen, genauer gesagt aus Neapel. Die Mädels singen auch in ihrer Landessprache. Schön wäre gewesen, wenn die Texte irgendwo im Booklet in der Übersetzung vorliegen würden, aber dafür kann man die englische Übersetzung auf der Bandcampseite von Reikä nachlesen. Die Lyrics sind sehr persönlich gehalten, sie beschreiben Gefühle wie z.B. Schmerz, Unsicherheit und Verlust. Zu dieser Melancholie passt dann auch das Artwork der CD. Wenn man das Cover der CD betrachtet, dann hat man schon eine Vorahnung, dass bei der dargebotenen Musik eine gewisse Traurigkeit vorherrschen wird.

Und diese Traurigkeit zieht sich durch die sieben Songs wie ein roter Faden. Nach einem eher schleppenden Beginn mit ordentlich schlingerndem Bass wird klar, dass hier astreiner Screamo der alten Schule geboten wird. Es sind v.a. die eigenwilligen Songarrangements und die unterschwelligen Melodien, die mich immer wieder aufhorchen lassen. Die Sängerin pendelt zwischen leidgeplagten Schmerzgeschrei und resigniert wirkenden Spoken Words. Zwischen den dissonanten Gitarren verzücken immer wieder die traurig gespielten Bassparts. Gerade wenn das chaotische Geknüppel mal einen Gang runterschaltet, dann baut sich wieder langsam eine Spannung auf, die sich alsbald mit herausgekreischtem Gekeife entlädt. Reikä machen es den Zuhörern nicht ganz einfach, denn eingängige Songstrukturen, die einen gewissen Wiedererkennungswert besitzen, sucht man im Sound der Mädels vergebens. Und das macht letztendlich auch den Reiz dieses Albums aus.

Das Release ist in Zusammenarbeit einiger DIY-Labels erschienen, ich zähle einfach mal auf: Tim Tam Records, Cheap Talks, Dischi Decenti, Controcanti, Dreamingorilla Rec, Blessedhands records, È un brutto posto dove vivere, Insonnia Lunare Records und Dischi Leuci. Hört mal rein, wenn ihr Zeugs wie Shizune, Ojne oder La Quiete mögt.

7,5/10

Facebook / Bandcamp / Tim Tam Records


 

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Koepfen Records Tape-Duo: Shun & Swirlpool

Shun – “ Nothing Quite As Heavy“ (Koepfen)
Nachdem ja mein Tapedeck vor einiger Zeit abgenippelt ist und nur noch Bandsalat produziert, muss ich jetzt die ganzen Tapes auf den Kinder-Kassettenrekordern anhören. Mit dem Ding hab ich auch meine ganzen Lieblingstapes digitalisiert, aber irgendwie nervt es ja schon, dass ich seit einiger Zeit keine Mixtapes mehr aufnehmen kann. Scheiße, da wird was passieren müssen. Okay, aber das ist eine andere Baustelle, hier soll es um Shun gehen. Shun ist eine Band aus Münster, die eigentlich so klingt, als ob sie aus den Staaten wäre. Die vier Songs pendeln irgendwo zwischen Grunge, Emo, Post-Hardcore und etwas Shoegaze, dabei schleicht sich beim ein oder anderen Riff oder beim Refrain eine Gänsehaut plus Glücksgefühl ein. Hört mal in Over Me diesen tollen Chor an, der sogar noch durch Frauengesang aufgepeppt wird! Sehr gänsehautfördernd! Und die Texte strotzen vor Selbstkritik, denk ich mal. Erinnert an manchen Stellen an die neueren Turnover, Zeugs wie Slow Bloomer, New Native oder so dürfte auch ins Gedächtnis kommen. Obwohl ich als langjähriger Ox-Leser an kleine Schriftgrößen gewöhnt bin, scheitere ich an der Mini-Schriftgröße der Texte, die im Inneren des Tapes abgedruckt sind. Scheiße, meine Augen sind völlig am Arsch. Wahrscheinlich durch das ständige ins Smartphone glotzen. Verdammt! Mir läuft der Sound der Band jedenfalls ziemlich gut rein: die Gitarren haben ein breites Spektrum: zwischen galoppierendem Tempo, ruhigen Klängen und melancholischen Melodien kann so ziemlich alles passieren. Der satte Sound setzt allem noch das Häubchen auf. Sehr geiles Release! (8/10)
Facebook / Bandcamp / Koepfen


Swirlpool – „Camomile“ (Koepfen)
Wow, das geht ja schonmal gut ins Ohr, was Swirlpool aus Regensburg da im ersten Song veranstalten, der auch gleichzeitig als Titelsong dient. Da wundert man sich, wie eine Band, die Ende 2016 gegründet wurde, bereits ein so beeindruckendes Debut vorweisen kann. Aha, im Infotext der Facebook-Seite ist nachzulesen, dass Swirlpool zur Hälfte aus der Band Dress hervorgegangen sind. Daher also die Fingerfertigkeit, Dress waren zuvor einige Jährchen aktiv und machten einen ähnlichen aber etwas ruhigeren Sound. Nun, die Gitarren schwimmen bei Swirlpool in einer dicken Hallsuppe, man kommt sich vor, als würde man durch die Lüfte schweben. Wie bei den oben besprochenen Shun kommen als Referenzen sofort Bands wie neuere Turnover, Mumrunner oder neuere Hundredth in den Sinn. Ja, Swirlpool machen ziemlich reverblastigen Dream Pop, der mit etlichen Stilrichtungen wie z.B. Grunge, Shoegaze, Emo und Post-Hardcore liebäugelt. Über allem schwebt ein verträumter und warmer Gesang, laut aufgedreht könnte man meinen, dass die Ohren mit kuscheliger Watte ausgepolstert wären. Wabernde Atmosphäre wird bei Swirlpool groß geschrieben, selbst wenn der Sound etwas entschleunigter daherkommt, setzt die Band alles auf sphärische Klangteppiche. Mit Songlängen um die fünf Minuten toben sich die vier Regensburger ziemlich aus, da tun sich dann auch v.a. in den langsameren Bereichen Abschnitte auf, in denen man fast ertrinkt. Doch bevor man sich in den Weiten der Fluten verliert, wird man von einer fetten Reverb-Gitarre und kräftig gespielten Drums und Crashbecken zurück ins Leben gespült. Bei manchen Dreampop-Bands ist ja gerade dieses eintönige vor sich hinwabern der Hauptgrund, warum es nach einiger Zeit etwas langweilig werden könnte. Nicht so bei Swirlpool. Durch abwechslungsreiches Songwriting, unvorhersehbare Rhythmuswechsel, traumhafte Melodien und unmittelbare Spannungsausbrüche bleibt der Sound interessant, so dass man die vier Songs auch in Dauerschleife packen kann. Neben dem Tape, das über Koepfen erschienen ist, sind die Songs auch als CD via Reptile Music zu haben. Und ja, Swirpool ist es mit diesen vier Songs gelungen, mich ordentlich anzufixen. Bin gespannt, was man von dieser Band in Zukunft noch hören wird! (8.5/10)
Facebook / Bandcamp / Koepfen


 

Watching Tides – „These Years Show On My Face“ (Miss The Stars Records u.a.)

Watching Tides kommen aus Berlin, existieren seit Mitte 2015 und scheinen voller Tatendrang zu stecken. Eine erste EP namens Fences erschien bereits Ende Dezember 2015, seit Mai 2018 ist die neue EP These Years Show On My Face als 12inch über die Labels Miss The Stars, Tief in Marcellos Schuld, Tim Tam Records, Callous Records und Buddy Building Records zu haben. Zwischendurch haben die drei Jungs sieben selbstorganisierte Touren und etliche Weekender gespielt, dabei beackerten sie natürlich vorwiegend Deutschland, aber auch Polen, Tschechien, Slowakei, Großbritannien und Österreich wurden Besuche abgestattet. Dass es die Jungs in knapp drei Jahren auf über 70 Shows gebracht haben, zeugt von einem Durst, so viel wie möglich live spielen zu wollen und den DIY-Gedanken genüsslich auszuleben. Das wird auch nebenbei schön im Begleitschreiben erklärt, das dem Päckchen mit der 12inch beigefügt war. So schön, dass ich ruhig mal aus der Textpassage zitiere: Wir verstehen die DIY-Szene rund um Hardcore und Punk als Freiraum, um fern von jeglicher Form diskriminierenden Verhaltens, jedem Menschen das Ausleben von Kreativität und Kunst zu ermöglichen. Daher ist es uns wichtig, diese Freiräume zu erhalten und zu unterstützen. Das hört sich nach einer gesunden Einstellung an, damit kann ich was anfangen!

Und in Sachen Vinyl hüpft das Herz auch erstmal freudig, denn die einseitig bespielte 12inch ist durchsichtig und ist mit feinen Rauchschwaden durchzogen. Das Ding glitzert fast, wenn man es auf den Plattenteller bugsiert. Und es purzelt auch noch ein ultraschönes Textheftchen aus dem Plattencover. Sieht edel aus: Front- und Deckblatt sind schwarz und mit goldener Schrift versehen, im Inneren gibt es neben den Texten auch noch ein paar Detail-Zeichnungen im Stil des Coverartworks zu bestaunen. Die Texte sind in erster Linie sehr persönlich gehalten, sie sind nachdenklich und aus der Ich-Perspektive geschrieben, was dem Ganzen einen gewissen Emo-Touch gibt. Es tauchen verletzliche Beobachtungen auf, ein melancholischer und selbstkritischer Rückblick auf gemachte Fehler findet ebenso statt wie gesellschaftskritische Anmerkungen. Dazu passt dann auch der melodische Post-Hardcore, der mit reichlich Emocore, Punk und etwas Neo-Grunge gewürzt ist. Die Balance zwischen druckvoll, laut und leise, nach vorne gehend und emotionaler Tiefe macht den Charme der fünf Stücke aus, hier merkt man einfach, dass jede Menge Herzblut bei den Jungs in die Songs eingeflossen ist. Die Gitarren kommen so gefühlvoll um die Ecke, dazu das abwechslungsreiche Drumming und der eindringliche Gesang, der auch schonmal von melodischem Cleangesang in intensiv leidende gescreamte Vocals abdriftet. Zu loben ist obendrein das abwechslungsreiche Songwriting und die satte Produktion. Wer auf zeitlosen Post-Hardcore steht, der sollte hier schleunigst eine kleinere Band wie Watching Tides unterstützen. Also, wenn ihr auf Bands wie Basement, Lifetime, Touché Amore, Citizen oder Balance And Composure könnt, dann dürftet ihr am Sound der Berliner ebenfalls einen starken Gefallen finden. Ich feier’s jedenfalls ab!

8,5/10

Facebook / Bandcamp


 

The Get Up Kids – „Kicker“ (Big Scary Monsters)

Manche Platten haben so einen starken Ewigkeitscharakter und verströmen gleichzeitig auch Jahrzehnte nach Veröffentlichung noch den Geschmack und den Duft des Sommers. Zu dieser Kategorie zähle ich persönlich das Something To Write Home About-Album der Get Up Kids. Wahnsinn, wie oft das Ding bei mir seine Runden drehte bzw. immer noch dreht, noch etliche Runden mehr als das Debütalbum und alle nachfolgenden Releases. Zudem hat das zum Album gehörige Promo-Poster, in welchem einst ein paar beim Mailorder bestellte Platten eingewickelt waren, seit Jahren einen Ehrenplatz im heimischen Wohnzimmer erhalten. Und natürlich gibt’s zu dem Poster auch eine Geschichte. Es wurde nach Erhalt liebevoll gebügelt (!) und auf einen extra zugeschnittenen Karton gekleistert. Es war eine Katastrophe, als unser damals noch lebender Kater einmal quer mit den Krallen drüber schrammte. Keine Ahnung, warum dieses verrückte Vieh das damals machte. Zum Glück konnte ich das Poster restaurieren, trotzdem schleichen sich durch die Kratzspuren Erinnerungen an den impulsiven schwarzen Kater ein. Mittlerweile ist er leider verstorben. Der hatte einfach die pure Zerstörungswut, da konnte man schon mal von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen und fand eine komplette Familienpackung Klopapier fein säuberlich zerkleinert und in Millionen Stückchen auf jeden Raum in der Wohnung verteilt vor.

Nun gut, nachdem die Get Up Kids das Zeitliche gesegnet hatten und ein paar Jahre später eine Reunion stattfand, war ich von dieser ein wenig enttäuscht, zumal mir die 2010er EP Simple Science etwas zu lieblos erschien und mich nicht unbedingt vom Hocker reißen konnte. Auch mit dem aktuellen Solo-Album von Matt Pryor konnte ich mich bislang nicht unbedingt anfreunden, so dass meinerseits ein wenig Skepsis gegenüber der neuen EP bestand. Diese verflüchtigte sich aber bereits bei den ersten Klängen der digitalen Promo, so dass ich einen Luftsprung machte, als ich im neulich eingetroffenen Promopaket aus dem Hause Fleet Union die EP in Form einer 12inch vorfand. Pünktlich zur Fußball-WM wurde das Ding schlicht mit Kicker betitelt. Und während die Fußball-WM für mich persönlich ungefähr das langweiligste Ereignis dieses Planeten ist, kickt mich diese EP hingegen einmal kräftig in den Allerwertesten. Es sind zwar nur vier Songs, aber die versprühen alle diesen jugendlich-melancholischen Charme, der auch auf Something To Write Home About an allen Ecken zu entdecken ist und diese Platte so besonders macht. Die Stimme von Matt Pryor hat also immer noch das Zeug dazu, dir die Nackenhärchen aufzustellen.

Das Kicker-Motiv wurde übrigens nicht wegen der WM gewählt. Die Jungs haben sich auf Tour das Warten auf den Gig mit sehr viel Tischfußball verkürzt. Angeblich soll sogar im Proberaum der Band mittlerweile so ein Tisch stehen. Spieltrieb scheint also weiterhin vorhanden zu sein, auch wenn die Get Up Kids mit der Zeit irgendwie erwachsen geworden sind. Das behaupte ich jetzt einfach mal flapsig anhand der Texte, die aus einem anderen Blickwinkel heraus das Leben der Ü40-Generation beschreiben. Ja, nicht nur ihr seid gealtert, auch die Get Up Kids sind mittlerweile alle über vierzig und haben teilweise schon Nachwuchs, da fokussieren sich die Dinge etwas anders. Was geblieben bzw. zurück ist, ist der jugendliche Leichtsinn in Bezug auf die Musik. Die Gitarren erzeugen mit ihren hymnischen bis fuzzigen Melodien richtige Glücksgefühle, dazu gesellen sich die schwurbelnden Keyboards und natürlich der einfühlsame Gesang von Matt Pryor. Und die Refrains, die sich ins Ohr drehen. Hört mal den Anfang von I’m Sorry! Da hüpft doch das Herz! Und auch die anderen Songs schlagen in die gleiche Kerbe. Das ist der Sound, den man sich für die perfekte Klassenfahrt wünscht! Die Get Up Kids sind wieder zurück!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Big Scary Monsters


 

Bandsalat: Adventurer, Deeper Well, Finding Harbours, Finte, Gulfer, Mørder, Oregon Trail, Sorry! We Are Silly

Adventurer – „Sacred Grove“ (Blue Swan Records) [Stream]
Wenn ihr mal wieder eine Band sucht, die melodisch-wuchtige Gitarren mit catchy Refrains und poppigem, aber kräftigem Clean-Gesang und wenigen Schrei-Einlagen kombiniert und dabei auch noch eine gute Figur abgibt, dann solltet ihr mal das Debutalbum von Adventurer anchecken. Die drei Freunde aus Detroit/Michigan klingen stark nach einer Mischung aus Saosin, Thrice und Closure In Moscow. Die zehn Songs gehen jedenfalls runter wie Öl und lassen kein Fünkchen Langeweile aufkommen. Also, ich find’s sehr gelungen!


Deeper Well – „EP II“ (DIY) [Stream]
Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt. Die Gitarren am Anfang von Search haben mich neugierig gemacht und siehe da: dran bleiben lohnt sich manchmal. Drei eigene Songs und zwei Coverversionen sind auf dieser zweiten EP der Band aus Montreal/Kanada drauf. Und die machen Laune. Geboten wird rauer Emopunk/Post-Hardcore, der gut nach vorne geht und dabei noch schöne Melodien an Bord hat. Könnte Leuten gefallen, die sich eine Mischung aus Hot Water Music und Brand New Unit vorstellen können. V.a. die Gitarren haben’s in sich!


Finding Harbours – „From Spring To Fall“ (iwishicouldstay) [Stream]
Seit 2015 ist das Quartett aus Karlsruhe nun unterwegs, mit From Spring To Fall ist die mittlerweile zweite EP der Jungs erschienen. Die CD kommt im Pappschuber und hat eine Spielzeit von etwas über fünfzehn Minuten. Und bereits bei den ersten Durchläufen merkt man, wie eingängig und catchy die fünf Songs sind. Grob kann man die Band im Emopunk einordnen, Abstecher zum Post-Hardcore, Indie und Melodic Hardcore kommen ebenfalls vor. Mir gefallen in erster Linie die verspielten Gitarren und der harmonierende Bass, der auch manchmal in den Vordergrund rücken darf. Während die erste Gitarre eher schrammelig klingt, zockt die zweite eine entzückende Melodie drüber, dazu gesellt sich eine klare, melodische Stimme. Kommt schön melancholisch rüber, dazu passen auch die Texte ganz gut. Anhand der Aussprache des Sängers hört man durchaus deutlich, dass hier eine deutsche Band am Start ist. Und immer wieder kommen diese melodischen Passagen zum Zug, die einfach glücklich machen. Es gab mal eine deutsche Band, die ich auch heute noch absolut mag und an die mich Finding Harbours stark erinnert. Ohio’s Favorite lösten sich leider schon nach einer EP auf und auch wenn da eine Frau am Mikro stand, finde ich den Vergleich passend. Leider findet man im Netz keine Hörprobe der Band, die Homepage ist gespickt mit toten Links. Schade, dann halt noch ’ne Runde Finding Harbours, das ist auch nicht verkehrt. Müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Finte – „Ignoranz und Illusion“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band aus Hildesheim/Niedersachsen ordnet ihre Musik unter progressivem Posthardcore ein. Das trifft es eigentlich schon ganz gut. Bereits 2014 gegründet, hat das Quintett nun seine Debut-EP am Start. Auf dem Digipack, der mit einem undefinierbaren Albumartwork (Fels, Welle, Wolke?) ausgestattet ist, sind insgesamt vier Songs in etwas knapp über 20 Minuten zu hören. Lasst euch nicht vom Opener täuschen, denn hier präsentieren sich die Jungs von ihrer sonnigen Seite, hier geht es melodisch zur Sache, vom Gesang bis zur Gitarrenarbeit. Beim zweiten Song namens Mehr atmen wird es dann schon etwas chaotischer und zerfahrener. Beginnend mit fiesen Rückkopplungen groovt es ganz schön mächtig aus den Lautsprechern, zudem hat der Song einige Rhythmuswechsel und Frickelparts an Bord. Wurden die deutschen Texte im ersten Song hauptsächlich melodisch singend vorgetragen, gibt es hier fieses Geschrei und ein paar Gangshouts und Growls zu hören, die man jetzt eigentlich nicht erwartet hätte. Auch im nachfolgenden Halbwach geben sich Frickelparts und ein eingängiger Refrain die Klinke in die Hand. Im abschließenden Norwich wird es dann nochmals breit gefächert und abwechslungsreich, da hat die Band schon fast ein kleines Musiktheater geschaffen. Schade ist, dass die Gitarren etwas dünn abgemischt rüberkommen und der cleane Gesang an manchen Stellen zu sehr in den Vordergrund rückt, aber das ist eigentlich auch schon alles. Wenn ihr euch eine Mischung aus Fjort, The Hirsch Effekt, Wind und Farben und Coheed And Cambria vorstellen könnt, dann solltet ihr Finte mal antesten.


Gulfer – „Dog Bless“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die Band aus Montreal/Kanada ist auch schon ein Weilchen unterwegs und hat schon etliche Releases rausgehauen. Dog Bless ist jedenfalls Album Nummer drei und dem Sound merkt man an, dass die Band sicher jede Gelegenheit ergreift, um live irgendwo zu zocken. Gulfer machen eine eingängige Melange aus Emo, Math-Rock, Indie und etwas Post-Hardcore. Während die Gitarren zwirbeln was das Zeug hält, haut der Drummer ordentlich drauf und der Bass knödelt eigenwillige Melodien. Größtenteils bleibt alles ziemlich catchy mit cleanem Gesang, es wird auch mal heftig geschrien und beim Song Fading zwitschert sogar mal ein Vögelchen. Insgesamt gibt’s zwölf Songs auf die Ohren, darunter sind aber drei Füll-Zwischenspiele mit Nintendo-Gedudel. Bleiben also neun Songs, die es in sich haben. Anspieltipp: Baseball oder Judy Froster.


Mørder – „Selftitled“ (JanML Records) [Stream]
Braucht ihr mal wieder so eine richtig schöne Neo-Crust-Breitseite, die obendrein ziemlich melodisch und schön satt gemastert ist? Dann hab ich für euch genau das Richtige: Mørder aus Kiel. Die Band setzt sich aus ’nem Mädel und drei Typen zusammen, die zuvor bei Bands wie Armstrong, Bonehouse, Kalk, Vladimir Harkonnen und Pathfinders of Mosh ihr Handwerk gelernt haben und bei Mørder ihre Vorliebe für Crust der Marke Tragedy oder From Ashes Rise ausleben. Die Gitarren matschen sich schön melodisch ihren Weg, die Sängerin kotzt sich die Texte von der Seele, verstehen tut man hier rein gar nix. Aber das ist angesichts des wuchtigen Sounds auch eher zweitrangig, die Message wird schon stimmen. Laut der Eintragung auf der Bandcamp-Seite behandeln die wütend rausgekreischten Lyrics wahnsinnig machende Themen aus der Mitte der Gesellschaft, denen wir machtlos ausgesetzt sind. Dazu dieses druckvolle Mastering, für das mal wieder Jack Shirley die Regler gedreht hat. Ziemlich geiler Shit! Das Ding sollte ich mir eigentlich auf Vinyl besorgen!


Oregon Trail – „h/aven“ (Czar Of Bullets) [Stream]
Nach der Split mit Sxokondo, die ich seinerzeit beim Bandcamp-Surfen entdeckte, hab ich die Band Oregon Trail komplett aus den Augen verloren. Bis ich neulich – wieder beim Bandcamp-Surfen – auf das neue Release der Band aus Neuchâtel/Schweiz stieß und mir angesichts des dichten und düsteren Post-Hardcores erstmal die Spucke wegblieb. Was ist denn mit denen zwischenzeitlich passiert? Das 2015er Album hab ich dann auch schön verpennt, aber man muss auch erwähnen, dass die Jungs damals noch mehr nach Melodic Hardcore klangen. Mittlerweile haben sie sphärisch dichte Sounds, verbittert klingende Vocals und eine bedrückende Grundstimmung ihren Songs beigegeben. Wahnsinn, der Sound kommt auf der einen Seite treibend, melodisch und kraftvoll, nur um im nächsten Moment bedrohlich und in fast nicht auszuhaltend dichten ambientmässigen Zwischenparts zu landen, so dass die anschließende Soundwalze alles plattmacht. Wenn ihr auf diesen Ebullition/Gravity-HC steht und dabei auch so ’nen Sound im laut/leise-Stil mögt, dann dürfte dieses Album ein gefundenes Fressen für euch sein!


Sorry! We Are Silly – „Connection Lost“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ignoriert mal schnell den seltsamen Bandnamen. Wenn ihr das gleich hinbekommt, dann geht es ziemlich flott, dass man der Band aus der Lombardei/Italien ein Ohr abgewinnt. Die Jungs haben es jedenfalls drauf, emotional mitreißenden Post-Hardcore/Punk mit Indie und Grunge-Einflüssen zu machen. Fünf Songs könnt ihr euch hier zum Name Your Price Download ziehen. Die Gitarren pendeln zwischen matschig und veträumt verspielt, hört euch nur mal den geilen Song Crooked Nose an! Klar, das ist richtig Neunziger alles, aber absolut sympathisch!


 

See You Space Cowboy & Second Grade Knife Fight – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Dieses feine Scheibchen hier wird wie geschnitten Brot weggehen, denn See You Space Cowboy haben sich in ihrer kurzen Bestehenszeit schon eine riesige Fanbase erspielt und auch Second Grade Knife Fight sind bei Leuten mit extremem Musikgeschmack sehr beliebt. Zudem dürfte anhand der am Release beteiligten Labels klar sein, dass hier eine Menge Liebe drin steckt. Neben Dingleberry Records und Miss The Stars Records ist das Release über Zegema Beach Records, Dark Trail Records, Longrail Records, R.I.P In Peace und Rakkerpak Records erschienen.

See You Space Cowboy legen auf der A-Seite in etwas weniger als 5 Minuten alles in Schutt und Asche. Falls ihr es noch nicht wissen solltet: bei See You Space Cowboy wirken Leute mit, die man von Bands wie Letters To Catalonia, Recluse, René Descartes, Flowers Taped To Pens oder Meryl Streaker her kennt. Nun, die Band wütet sich durch insgesamt vier Songs und agiert dabei wie eine besessene und extrem risikobereite Wandergruppe, die alle Warnungen vor Gefahrenstellen bei Benutzung des Wanderpfades ignoriert, immer irre blickend das mächtige Ziel vor Augen. Auch die körperliche Anstrengung bewegt sich dabei am Limit, was natürlich noch zusätzliches Adrenalin freisetzt. Ich habe bisher erst ein paar Live-Videos der Band gesehen, aber die zeigen bereits, wie energiegeladen so eine Show wohl sein muss. Wie muss die Bude wohl brennen, wenn man mit der Band zusammen in einem Raum verweilt? Während sich die Typen an ihren Instrumenten bis zur Erschöpfung verausgaben, schleudert Dir die Sängerin wutschnaubend ihre Lyrics ins Gesicht. Das klingt dann, als ob sie unter einem nervösen Reizhusten leidet, der immerfort am Nervenkostüm zerrt. Auch die rotierenden dissonanten Gitarrenläufe, das hektische und stets wechselnde Getrommel und die vielen chugga chugga Breakdowns verbreiten einiges an Chaos. Und wenn man sich nach ein paar Durchläufen der A-Seite erschöpft und hyperventilierend eine kleine Verschnaufpause wünscht, dann hat man sich geschnitten.

Denn die fünf Songs der B-Seite schenken sich im Vergleich zur A-Seite nicht viel. Im Gegenteil, sie klingen noch nervöser, noch abgefuckter. Störgeräusche, Industriestaubsauger-Gitarren, wildes Geknüppel und übergeschnapptes Kreisch/Grunz/Keifgeheul machen die B-Seite zu einem flammenden Inferno. Kaum zu glauben, dass es sich bei Secondgradeknifefight um ein Soloprojekt handeln soll. Ob die Soundsamples zwischen den Songs ein bisschen Entspannung bringen? Zumindest für einen kleinen Bruchteil…bis dich das psychotische Cybergrind-Massaker wieder mit voller Wucht auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Die Drums hören sich nach Drumcomputer an, was dem Ganzen noch etwas an Kälte einhaucht. Würde ich jemals bei der Weltmeisterschaft der Sportholzfäller mitwirken, dann würde ich mit Karohemd und dieser 7inch auf den Ohren ein paar dicke Holzstämme zu Hackschnitzel dreschen.

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records / Miss The Stars Records


 

Frana – „Awkwardwards“ (Antena Krzyku u.a.)

Zum Zeitpunkt des Erstkontakts mit der italienischen Post-Hardcore-Band Frana wohnten bzw. pendelten die vier Bandmitglieder noch zwischen München und Mailand, mittlerweile scheint die Band wieder komplett in Mailand zu residieren. Doch das hindert die sympathischen Italiener keineswegs daran, mir regelmäßig ihre neuesten Tonträger zukommen zu lassen. Diesmal, nach der einseitig bespielten Debut-12inch EP und der Split 7inch mit Opiliones haben sie mir also ihren ersten Longplayer von Italien aus geschickt. Die 12inch kommt in einer farbenfrohen Verpackung im Graffiti/Comic-Stil. Bei näherer Betrachtung des Kunstwerks bekommt man auf Anhieb eine Idee, was ausgedrückt werden soll. Bekanntermaßen sind wir seit den Achtzigern unaufhörlich auf dem besten Wege direkt in den Abgrund. Die Dinosaurier sind längst Geschichte, den Rest werden wir mit Sicherheit auch noch vernichten. Die Polkappen werden wir persönlich abschmelzen, während wir mit Karacho, ausgezeichnetem und ablenkendem Entertainment, reichlich Bier und fettigem Fast Food ins wohlverdiente Verderben schlittern. Und das tun wir mit wenig Geschick und etwas unbeholfen, so prophezeit es uns zumindest der Albumtitel Awkwardwards.

Das Album erscheint in Zusammenarbeit der Labels Antena Krzyku, Vollmer Industries, VioletDam Records, Entes Anomicos, Oh! Dear Recordings, Brigante Records und Hidden Hands Records. Passend zum Untergangsszenario des Covers dreht sich das Album auf dem Plattenteller mit den bedruckten Labels wie ein Sog, der alles in den Abgrund mitreißt, das Mittelloch ist sozusagen der Abfluss. Und kaum ertönt die Musik, hat man auch schon das handliche, aufklappbare Textblatt in den Pfoten. Denn auf den vergangenen Releases machten alleine die ausgefallenen Songtitel neugierig auf die Textinhalte. Und diese sind ähnlich vielschichtig und originell wie die begleitende Musik des Quartetts. Zwischen bildhafter Poesie und bitterer Erkenntnis passen auch zynische und sarkastische Einsprengsel, verrückte Gedankengänge und düstere Szenarien inklusive. Nach wie vor ist das Quartett schön sperrig unterwegs, die Melange aus Noise, Post-Hardcore, Post-Punk und Emocore groovt jedenfalls wieder ohne Ende. Insgesamt sind elf Songs enthalten. Und bis auf das ruhige und bedächtige letzte Stück Wrinkly hands in heavy water strotzt hier jeder Song vor zappeliger Energie.

Die Gitarren kommen schön verzerrt um die Ecke, der Bass knödelt eigenwillig und groovt ohne Ende, dazu das vertrackte Drumming und die noisigen Ausbrüche, der Gesang mal klagend, mal leidend, mal sprechend. Außer Kontrolle, unvorhersehbar, impulsiv, explosiv, spannungsgeladen, voller Adrenalin und mit jeder Menge Spielfreude vorgetragen. So könnte man den Sound der Italiener kurz und knapp beschreiben. Trotz der Sperrigkeit kommen aber auch immer wieder tolle Refrains und eingängige Gesangslinien wie z.B. beim Panpo, The Destroyer ans Tageslicht. Und sperrige, dissonante Klangerlebnisse mit predigenden Spoken Words wie z.B. bei Lonely Performer. Da fällt spontan so Zeugs wie Dischord, These Arms Are Snakes-Sachen ein, Drive Like Jehu ist natürlich auch immer präsent, dazu gesellen sich noch so Bands wie Frodus, Lack, Craving, Deadverse und Halo Of Flies, die The Ionic Spell LP der spanischen Band Standstill kommt auch noch in den Sinn. Eine Wucht von Platte!

8,5/10

Facebook / Bandcamp