Solitone – „Lame De Fond“ (Dingleberry Records u.a.)

Beim Albumcover muss man gleich zweimal hinsehen und überlegen, ob man es hier eventuell mit einer Fotomontage zu tun hat. Im Vordergrund sieht man die schäumenden Stromschnellen eines reißenden Flusses, der wohl in einen anderen Fluss oder ein ruhigeres Gewässer mündet. Die naturgewaltige Idylle und die fließende Landschaft wird durch die im Hintergrund auftauchenden und bedrohlich wirkenden Fabrikschlote regelrecht verschandelt und gestört. Grau in Grau zeigt dieses Foto ein sehr düsteres Bild. Passend zum Foto und zum Bandname fällt mir ein, dass Soliton ein Begriff aus der Mathematik bzw. Physik ist und irgendwas mit Wellenbewegungen zu tun hat. Auf dem Backcover und dem Label der A-Seite ist obendrein eine Art Bandlogo zu sehen, das wohl eine Welle und eine Wolke darstellt. Von der B-Seite grinst ein schwarz-weißer Siebdruck, von dessen Motiv ich noch nicht ganz schlau werde. Aber je länger ich das Ding drehe und wende, umso überzeugter bin ich, dass der Druck einen mächtig riesigen Wellenbrecher darstellt. Jedenfalls sieht das alles schonmal rein optisch ziemlich gut aus. Neben Dingleberry Records sind übrigens mal wieder ein paar andere Labels am Release beteiligt, nämlich A Fond D’cale, Hardcore For The Losers, Voice Of The Unheard, Dreamingorilla Rec und Backwater Transmission.

Ich hatte die Band Solitone aus Bordeaux/Frankreich jedenfalls bisher noch nicht auf dem Schirm, so lange scheinen die vier Jungs auch noch gar nicht zusammen zu sein. Bisher erschien lediglich eine 7inch im Jahr 2017. Okay, sobald die Nadel aufsetzt, wird klar, dass die Franzosen soundtechnisch ähnlich düster unterwegs sind, wie es ja das Coverartwork bereits prophezeit hat. Die Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und etwas Blackened Hardcore bahnt sich dann auch -ähnlich wie ein reißender Fluss oder ein mächtiger Wellenbrecher – ihren Weg, dabei wird auf der einen Seite tosend gebolzt, während auf der anderen Seite auch mal wieder gemäßigterer und schleppend fließender Sound an die Ohrmuschel gespült wird. Vertrackte Rhythmen, mäandernde Bassläufe, fließende Gitarren und ein gequälter Sänger machen die Sache nicht fröhlicher, Schwermut und Tristesse stehen im Vordergrund. Und trotzdem lassen sich nach ein paar Durchläufen melodische Momente entdecken, die anfänglich verspürte Dissonanz schwindet allmählich. Es gibt jedenfalls viel zu entdecken, man muss die Lautstärkeregler nur ordentlich aufreißen! Geil find ich diesen gegenspielenden und eigenwilligen Bass, der an alte Emo-Bands erinnert.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Advertisements

Radium Grrrls – „Pro Choice“ (Adagio 830)

Die Schreibweise des Bandnamens gibt erste Hinweise und lässt Vermutungen aufkommen, dass die Radium Grrrls der Riot Grrrls-Bewegung neues Leben einpusten wollen. Passend dazu hat der vom Begriff Radium Girls abgewandelte Name ja auch eine historische Bedeutung mit einem politischen Hintergrund. Als Radium Girls wurden zur Zeit der Industrialisierung Fabrikarbeiterinnen bekannt, die sich aufgrund fehlender Gesundheitsbestimmungen bei der Arbeit eine Radiumvergiftung zuzogen und deshalb erkrankten. Eine Gruppe dieser Arbeiterinnen verklagte daraufhin ihren Arbeitgeber. Seither gelten die Radium Girls als Symbolfigur für die Arbeiterbewegung und auch für den Kampf um die Rechte von Frauen. Ein weiteres Indiz ist auch der EP-Titel, der auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen abzielt.

Und ein Blick ins Innere bestätigt auch schon die eingangs erwähnte Vermutung. Das vermeintliche Bandfoto gaugelt zwar vor, dass hier ausschließlich vier Frauen für den Krach auf der 7inch verantwortlich wären. Spitzfindige Leute entdecken aber gleich anhand der Vornamen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die Radium Grrrls setzen sich aus drei Männern plus einer Frau am Mikro zusammen, die Mitglieder kennt man aus Bands wie z.B. Totem Skin und Livet Som Insats. Die Band mag zwar vorwiegend aus Männern bestehen, dennoch stimmen die im Feminismus verwurzelten Inhalte, die uns von Sängerin Emilia voller Wut und Selbstsicherheit um die Ohren geschmettert werden. Am Beispiel der ganzen MeToo-Debatte freut man sich natürlich, dass es Bands wie die Petrol Girls oder eben die Radium Grrrls gibt, die diese feministischen Themen in die HC-Szene holen und den teils abgestumpften Macho-Hohlbirnen gehörig was auf’s Fressbrett geben. Hey, rafft das endlich mal: es fühlt sich doch schon immer befremdlich an, wenn ganz normale Spießer anzügliche Bemerkungen schmettern, warum müsst ihr dann verdammt nochmal sowas auch tun? Auch ist es schön zu sehen, dass sich immer mehr Frauen in dieser sehr männerdominierten Szene Gehör verschaffen, sei es passiv durch den Besuch oder aktiv durch das Veranstalten von Shows, als Label- oder Fanzine-Macherinnen bis hin zum Mitwirken in einer Band. Wie sangen die 7Seconds einst: Not Just Boys Fun! Das ist auch schon immer absolut meine Meinung! Es sollte definitiv mehr Bands mit politischen und/oder feministischen Inhalten geben. Ein bisschen macht das die Welt besser. Meiner Meinung nach rüttelte die Riot Grrrls-Bewegung damals schon ein paar Leute wach, sie brachte auch teilweise ein Umdenken, weg vom Schönheitswahn. Und dennoch ist alles im Sand verlaufen. Deshalb finde ich es super, dass momentan wieder ein Wendepunkt zu kommen scheint. Gibt’s eigentlich bereits ’ne Allgirl-Beatdown-Band, die das bullenhafte Machogehabe auf HC-Shows auf den Arm nimmt? Es wäre an der Zeit dafür.

Nun, jetzt bin ich aber abgeschweift. Die Texte kommen jedenfalls ohne bildhafte Schnörkel sehr direkt um die Ecke, so dass erst gar keine Missverständnisse aufflackern. Deutlicher geht es kaum. Da wird ordentlich auf den Putz gehauen und kein Blatt vor den Mund genommen. Der Sound bewegt sich dann dementsprechend ruppig zwischen knüppeligem Oldschool Hardcore und etwas Powerviolence. Yeah, das geht voll gut nach vorne, das bockt live sicher ordentlich! Die verstrahlten Mutanten vom Cover hacken mit allen verfügbaren Extremitäten auf ihre Instrumente ein! Da kommen alte Polit-HC-Bands wie Infest, Nations On Fire oder auch die brasilianische All-Girl-Band Infect in den Sinn. Die Gitarren drehen am Rad, der Bass wirbelt wie ein aufgedrehter Derwisch, der Drummer knüppelt auch präzise wie ein Zweitakt-Motor mit Stotter-Defekt. Und die Sängerin speit ihren ganzen Hass gegen das Patriarchat ins Mikro. Und ja, dem Patriarchat müssen noch einige Zähne gezogen werden (kleine Anspielung auf das nette Backcover und die bedruckten 7inch-Labels).

8/10

Facebook / Bandcamp / Adagio 830


 

The Dry Mouths – „When The Water Smells Of Sweat“ (Tim Tam Records u.a.)

Einige von euch werden es vermutlich bereits wissen, dass Tim Tam Records eine Art Sublabel von Dingleberry Records ist. Bei Zeugs, das u.a. über Dingleberry Records erscheint, kann man sich niemals sicher sein, ob jetzt ultraheftiges Emoviolence-Geballer, Posthardcore, Instrumental-Math, Punk oder Screamo an die lärmgeplagten Ohren dringt. Dieses vom Betreiber des Labels offene Ohr behagt mir sehr, denn es gibt immer wieder Bands, die mir bisher unbekannt waren und die mich direkt aber auch indirekt angesprochen haben. Gerade beim Abspielen auf Vinyl ergeben sich neue Freundschaften mit Bands, die man sich eventuell per Digitalstream nie und nimmer angehört hätte. Und beim Sublabel Tim Tam Records ist es ähnlich. Hier ist das musikalische Spektrum auch sehr breit gefächert, da gibt es mal Emo, melancholischen Folk oder Neo-Klassik-Screamo. In welche Kategorie jetzt The Dry Mouths letztendlich fallen? Ich kann mich irgendwie nicht direkt festlegen. Jedenfalls wäre ich rein digital aufgrund der aufgelisteten Tags wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, die Band mal anzutesten, denn Desert Rock ist nicht unbedingt meine erste Wahl. Dieses doofe Schubladendenken sollte ich mir langsam aber sicher endlich mal ablegen, sonst gehen mir noch mehr gute Bands durch die Lappen.

Okay, ich hab also ’ne 12inch in der Hand, die schön farbenfroh im Konfetti-Look daherkommt. Ob der weiße Fleck ’ne Friedenstaube darstellen soll? Keine Ahnung. Aber wenn man näher hinschaut, dann erkennt man zwischen all den Farbklecksen ein Gesicht. The Dry Mouths sind jedenfalls sehr psychedelisch unterwegs, die vielen Farben im Coverartwork haben dabei sicher irgend eine Bedeutung. Aber erstmal die Basics: Das Trio The Dry Mouths wurde im Jahr 2006 gegründet und kommt aus Almeria, das liegt irgendwo in Spanien/Andalusien. When The Water Smells Of Sweat ist neben einer EP und einer Split EP bereits Album Nummer drei. An diesem Release sind die Labels Tim Tam Records, Aneurisma Records, Cosmic Tentacles, RadiX Records, Surnia Records, Spinda Records und Zona Rock Productions beteiligt.

Der Opener geht jedenfalls schonmal richtig gut ins Ohr und ja, die Gitarren klingen teilweise schon sehr nach Stoner, Grunge und Wüste. Dennoch meine ich, auch eine satte Prise Emo herauszuhören. Gerade der Gesang, die melodischen Momente und die Bandchöre sind untypisch für eine reine Stoner-Band. Beim zweiten Song Catalonian Cream kommen dann sogar entfernt Bands wie Juliana Theory, Duct Hearts, Penfold, Madee oder Mineral in den Sinn und spätestens beim melancholischen The Whip, das mit diesem gefühlvollen Gitarrenriff, unglaublich tollen Basslines und intensivem Gesang ausgestattet ist, hat mich die Band am Wickel. Die B-Seite beginnt dann etwas gediegener mit dem Titelstück, das irgendwas von ’nem Showdown aus ’nem Western hat und als Intro für die nachfolgenden zwei Stücke dient. Man fühlt sich wie auf einer Wolke, wenn man die Musik laut aufgedreht über Kopfhörer aufsaugt. Die Gitarren lullen Dich ein und bereiten Dich auf das Finale vor, das mit Beginn des sechseinhalb minütigen Instrumentals Doomental VI: Law Far Low Par eingeläutet wird. Hier wird es dann richtig experimentell, es kommen sogar Synthesizers zum Einsatz. Kann man ruhig mal antesten!

8/10

Facebook / Bandcamp / Tim Tam Records


 

CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Vlaar – „Selftitled“ (Dingleberry Records)

Das DIY-Layout und der Bandschriftzug der 12inch lassen keine Zweifel zu: Vlaar sind tief im Punk und im Crust verwurzelt. Über Vlaar findet man bisher noch nicht allzuviel in den Weiten des Internets, deshalb hier mal die Sparversion: Im aufklappbaren Plattencover kann man nachlesen, dass sich die Band aus zwei Frauen und drei Männern zusammensetzt. Dabei wird der Gesang schön klassisch gerecht zwischen den Geschlechtern aufgeteilt, auch wenn man das im Endergebnis nicht so richtig unterscheiden kann. Ich schätze mal, die tiefen Growls entstammen dem männlichen Part, wobei die gekreischten und wutschnaubenden Vocals der Sängerin zugeteilt werden könnten.

Vlaar kommen übrigens aus Villers Grélot, das ist eine kleine Gemeinde im Osten Frankreichs, welche in der Nähe der Stadt Besançon liegt. Man erfährt auch im Plattencover, dass die Scheibe komplett von der Aufnahme über das Mastering bis hin zum Druck des Plattencovers im DIY-Verfahren entstanden ist. Und natürlich ist es, wie so oft bei solchen DIY-Releases, nicht unüblich, dass eine Latte an Labels am Release beteiligt sind. Hier mal kurz die Labels: Dingleberry Records, Subversive Ways, Bisounours Prod, Deviance Records, Lilith Records, Tanker Records, Perce Oreille, Blackout Brigade, Tristan Manitou Records, Deaf Death Husky Rec, Crustatombe und No Way Asso.

Gibt man Vlaar in ein Übersetzungsprogramm ein, wird die Sprache als Niederländisch erkannt, Vlaar bedeutet „flach“. Dass bei Vlaar aber in französischer Sprache gesungen wird, kann man auf Anhieb nicht so richtig erkennen. Deshalb ist es hilfreich, dass die Lyrics in der Plattenhülle abgedruckt sind, selbst eine englische Übersetzung ist mit abgedruckt. Full Service! In den Texten werden Themen der Weltpolitik angesprochen, es geht um Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Fremdbestimmung, es wird gegen das Patriarchat gewettert. Untermalt wird das Ganze mit höllisch gutem Emocrust, der melodisch und kämpferisch aus den Lautsprechern poltert. Bereits nach den intro-artigen ersten Klängen ist klar, dass diese Scheibe noch etliche Runden auf dem Plattenteller drehen wird. Beginnend im schleppenden Midtempobereich und mit gefühlvoll gezockten Gitarren bleibt erstmal ein wenig Luft, sich auf das schnittige Crustgeballer gefasst zu machen, das hin und wieder durchsickert. Man hört hier förmlich die Energie und die Spielfreude der Band heraus. Da schleichen sich sogar an manchen Stellen mal richtig schnuffige Gitarrensoli ein. Und immer wieder diese melodische zweite Gitarre, die sich über die groovende und matschige erste Gitarre schiebt! Erinnert mich etwas an den Sound von Serene auf der Inward Flowering. Wahnsinn! Auch der satte Sound weiß zu gefallen, da bekommt man direkt Lust, die Band mal live zu erleben. Klar, das alles ist jetzt nichts unbedingt neues, aber das Gefühl stimmt hier einfach.

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records

Les Mauvais Jours – „Selftitled“ (Pike Records u.a.)

Ihr kennt das sicher alle: an manchen Tagen sollte man lieber zuhause im Bett bleiben. Es beginnt beim Frühstück, da fällt einem das Brot aus der Hand und landet auf der Marmeladenseite. Weil man erschrickt, schüttet man dabei auch noch den Kaffee um. Man sollte gewarnt sein und direkt wieder ins Bett gehen, um sich später telefonisch bei der Arbeit wegen Unwohlsein krank zu melden. Aber nein, man ist ja pflichtbewusst und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Das Fahrrad hat einen platten Reifen, also fährt man mit dem Auto und wird prompt geblitzt. Wäre das nicht schon alles doof genug, kassiert man auch noch ’nen Anschiss vom Chef, weil man mal wieder mit dem Auto aufgrund Parkplatzmangels in der Feuerwehrauffahrt steht. Um sich ein bisschen von den ganzen Missgeschicken zu erholen, kauft man sich in der Mittagspause ein schönes großes Eis. Tja, und ihr ahnt es schon. Schwups…gleitet auch das noch aus der Hand und glitscht mit einem schmatzenden Geräusch auf den dreckigen Boden. Das war schon als Kind ein extrem dummes Gefühl, nur da konnte man wenigstens zornig auf den Boden stampfen und dabei mitleidserregend heulen. Nun ja, manchmal hat man einfach einen schlechten Tag. Und jetzt bekomme ich endlich die Kurve zur Band Les Mauvais Jours. Diese kommt aus Straßburg/Frankreich und legt nach einer Demo eine Debut-12inch vor, die das Zeug dazu hat, Dich von Missgeschicken und der damit verbundenen miesen Laune etwas abzulenken. Les Mauvais Jours bedeutet übersetzt soviel wie „schlechte Tage“, dazu verleitete mich das auf pistazieneisfarbenen Karton gedruckte Coverartwork mit dem verunfallten Eis zu oben angeführten Ausschilderungen. An dem Release sind mal wieder einige tolle DIY-Labels und Distros beteiligt. Neben Pike Records und Dingleberry Records sind das À fond d’cale, Bad Wolf, Crapoulet, Don’t Trust The Hype Records, Fireflies Fall, Hardcore For The Losers, Pifia Records und Saddest Song Records. Das Mastering hat mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden übernommen.

Aber nun mal zur Musik des Quartetts, das sich übrigens aus Musikern der Bands Another Five Minutes, More Dangerous Than a Thousand Rioters und The Boring zusammensetzt. Während diese Bands in etwas krachigeren Genres ihr Unwesen treiben, hat sich Les Mauvais Jours dem melodischen Emo-Indie-Punk verschrieben. Und das, was man beim Aufsetzen der Nadel auf die Ohren bekommt, ist vom Sound her so verdammt zuckersüß wie das leckerste Eis auf diesem Planeten. Gleichzeitig schwingt aber auch eine gewisse Melancholie mit, so dass das ganze Spektrum von nachdenklich, verletzlich bis gefühlvoll abgedeckt wird, was man vor allem aufgrund der sehr persönlichen Texte merkt, die übrigens schön lesbar auf einem handlichen Textblatt aufgedruckt sind. Die Lyrics handeln hauptsächlich von verflossener Liebe, Selbsterkenntnis und Reue, vom Coming Of Age und vom Verzweifeln an der aktuellen Entwicklung der Gesellschaft.

Und dennoch klingt das Gesamtergebnis so verdammt optimistisch, man hört die Leidenschaft und Spielfreude der Band jedenfalls aus jedem Ton  heraus. Die Gitarren kitzeln die Seele, sie tanzen so verspielt und leicht wie ein Schmetterling durch die Lüfte. Auf der einen Seite spielen sie tolle Melodien, dann twinkeln sie wieder etwas und sind experimentierfreudig. Als Ergänzung dazu gibt es ein eingespieltes Rhythmus-Team mit sich einfügendem Bass und Drums, die variantenreich jedes Tempo von kraftvoll bis gefühlvoll meistern. Als Krönung kommt melodischer Gesang dazu, die mehrstimmigen und hymnischen Bandchöre dürfen auch nicht fehlen. Man fühlt sich an großartige Bands wie z.B. Weston, The Get Up Kids, I Love Your Lifestyle, Algernon Cadwallader oder Sport erinnert. Die 12inch kommt übrigens mit Download-Code, das Album lässt sich aber auch auf Bandcamp für umme downloaden. Aber ich empfehle euch wärmstens, das Ding unbedingt auf Vinyl zu holen! Diese zehn Songs machen jedenfalls extrem süchtig! Mit solchen Songs auf den Ohren kommt ihr locker durch den Frühling und den Sommer. Ich bin begeistert von dieser Platte!

9/10

Facebook / Bandcamp / Pike Records / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Bastos, Dreamwell, Jaya The Cat, Minipax, Push, Safe, Talco, Tequila And The Sunrise Gang

Bastos – „Second Favourite Person“ (DIY) [Name Your Price Download]
Second Favourite Person ist zwar schon vor einem Jahr erschienen, entdeckt habe ich das Album aber erst neulich beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen. Ich war sofort von den melodischen Gitarren und der rauhen Aufnahme angetan, der leidenschaftliche Schreigesang sollte auch noch als Pluspunkt erwähnt werden. Die Jungs kommen aus Bukarest/Rumänien, aus der dortigen Szene bekommen wir hier ja eher nicht soviel mit. Eigentlich schade. Denn wie man anhand Bastos sehen kann, gibt es auch in Rumänien Bands, die mit Haut und Haaren ihre Musik unters Volk bringen. Wenn man dem intensiven Sound der Rumänen lauscht, dann bekommt man angesichts der wuseligen Gitarren gleich mal leuchtende Augen. Geboten wird acht Mal herrlich melodischer Screamo mit reichlich Ideen, Tiefe und melancholischer Intensität. Sehr geil!


Dreamwell – „The Distance Grows Fonder“ (DIY) [Stream]
Hätte ich diese Band jemals entdeckt, wenn ich mich rein als Konsument durch die Weiten des Internets bewegt hätte? Schwer zu sagen. Wahrscheinlich eher nicht. Glücklicherweise stoße ich aufgrund meiner Schreiberei hier oftmals auf ziemlich nette Zeitgenossen, die mir aufgrund meiner einschlägig veranlagten Reviews immer wieder auch ihre musikalischen Leckerbissen präsentieren und dabei helfen, noch mehr geile Bands zu entdecken, als ich eigentlich verkraften kann. Tausend Herzchen dafür <3! Dreamwell aus Boston und Umgebung fahren ein richtig geiles Hardcore-Emo-Brett. Schön rauh abgemischt, alle Instrumente haben ihren gerechten Platz, dazu ein Sänger, der richtig abgefuckt und verzweifelt klingt. Und dann diese Gitarren, die alles geben und gefühlvoll auf der einen Seite und moshend auf der anderen Seite für reichlich Gänsehaut sorgen. Wahnsinnsrelease! Diese Band müsst ihr im Auge behalten!


Jaya The Cat – „A Good Day For The Damned“ (Destiny Records) [Stream]
Auch wenn ich mich für „Festival-Mucke“ nicht so sehr begeistern kann, fand ich Jaya The Cat ganz geil, als ich sie mal gesehen habe. Eine tolle Live-Band jedenfalls. In einem der letzten Uncle M-Päckchen war dann das neue Album der Amsterdamer Band dabei, das gammelte jetzt eigentlich ziemlich lange Zeit auf dem Schreibtisch rum, bevor ich das Ding zur Eröffnung der Balkon-Saison dann doch mal auflegte. Und wie zu erwarten, bei ein paar gepflegten Bieren wippen dann doch mal die Beinchen mit. Die Mischung aus Reggae, Punk und etwas Ska klingt dann so, als wenn The Clash mit den rockigen Beatsteaks jammen würden. Kann man sich bei wärmeren Temperaturen schon mal reinpfeifen!


Minipax – „liebehassfriedenkrieg“ (Subzine Records) [Stream]
Die Band aus dem südbayerischen und österreichischen Raum bezeichnet ihren ziemlich glattpolierten Deutschpunk an der Schwelle zum Deutsch-Rock/Pop als „Antifadeutschpop“. Nun, das kommt in erster Linie daher, dass die Jungs kein Blatt vor den Mund nehmen und sich in ihren deutschen Texten klar gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Nationalismus stellen, dabei verzichten sie auf plumpe Parolen und packen das ganze mit Köpfchen an. In der aktuellen Situation im Land ist das natürlich sehr begrüßenswert. Es wäre schön, wenn es mehr Bands wie Minipax geben könnte, die ohrwurmtauglichem Punkrock eine solche Message mitgeben. Vom Sound her klingt das dann nach etwas flotteren Kettcar/But Alive und auch wenn manche Gitarrenparts schon zig mal woanders gehört wurden und ziemlich einfach gestrickt sind, verzücken die Jungs dennoch das ein oder andere Mal mit schmissigen Melodien. Trotzdem fehlt mir hier die nötige Portion Dreck, die saubere Produktion kommt mir zu steril rüber. Die Band ist live sicher nett anzusehen, aber auf Konserve haut mich so ein Sound anno 2018 leider nicht mehr so richtig vom Hocker.


Push – For Sale By Owner (Dog Knights) [Stream]
Woah, das hier wär mal wieder total an mir vorbeigegangen. Muss wieder definitiv mehr surfen und weniger Zeugs aus dem E-Mail-Postfach anchecken, bei dem ich von vornherein weiß, dass es eh absolut nix für mich ist. Eher mal die Tipps der lieben Leserschaft abarbeiten und dabei ungläubig die Augen reiben. Wahnsinn, schon wieder eine Band, deren Sound mir absolut auf den Leib gezimmert ist. Midwest-Emocore mit ganz viel 90er Vibe, so läßt sich die Mucke der Band aus Portland und San Diego ungefähr beschreiben. Die Band besteht wohl nur aus zwei Leuten, nichtsdestotrotz zieht die intensive und melancholische Grundstimmung auf Anhieb in den Bann. Die Gitarren haben zwischen laut und leise ganz schöne Melodien an Bord, dazu der zerbrechliche Gesang und die teils druckvoll gespielten Drums, einfach Zucker! Acht Songs sind hier zu hören. Intensiv, ausdrucksstark und verdammt kurzweilig!


Safe – „Stay Strong“ (backbite records) [Stream]
Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat die Band Safe schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Safe startete vor ca. 15 Jahren als Studioprojekt in Italien, bei welchem Sänger Dharmavit ein paar Mitmusiker um sich scharte, um seine eigenen Songs einzuspielen. Eine EP und ein Album erschien auf diese Weise. Zum Zeitpunkt, als das Album Ride A New Season erschien, fand sich dann doch eine feste Besetzung, so dass auch Shows gespielt werden konnten, unter anderem kam die Band damals auch für einige Shows nach Deutschland. Die Band-Odyssee ging danach direkt weiter, denn mittlerweile lebt Sänger Dharmavit in Deutschland, so dass wieder neue Mitmusiker gefunden werden mussten. Und das Ergebnis sind diese drei Songs, die als 7inch auf Backbite Records erscheinen. Vom Artwork her und beim Krishna-Intro musste ich direkt an Shelter denken und zeitlich gesehen passt das ganz gut, denn ihr bekommt herrlich oldschooligen Hardcore auf die Ohren. Schön melodisch, schön schnell. Die Gitarren und der gegenspielende Bass erinnern an Bands, in denen Joe D. Foster Gitarre zockte. Ganz frühe Ignite, Speak, The Killing Flame z.B., aber auch Zeugs wie Dag Nasty oder Mouth Piece kommt in den Sinn. Macht jedenfalls Spaß!


Talco – „And The Winner Isn’t“ (Long Beach Records) [Stream]
Was will man machen, wenn man im letzten Promo-Paket neben der angeforderten CD auch noch was anderes mitgeschickt bekommt, das musikalisch nicht ganz auf einer Wellenlänge liegt und die Zeit eine Besprechung eigentlich gar nicht zulässt? Hmm, trotzdem besprechen aus schlechtem Gewissen oder jemand suchen, der das für einen übernimmt. Und weil es absolut niemanden in meinem Freundeskreis gibt, der sich für Ska-Punk begeistert, versuch ich halt selbst mein Glück. Ich könnte mir denken, dass Talco mir live besser gefallen würden, als auf Konserve. Jedenfalls ist das alles sehr gut gemacht, aber halt absolut nicht meins, v.a. der theatralische Gesang geht mir nach kurzer Zeit auf die Nerven. Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.


Tequila & The Sunrise Gang – „Of Pals And Hearts“ (Uncle M) [Stream]
Hach, dieser hübsch aussehende Digipack hier lag auch in einem der letzten Uncle M-Päckchen und eigentlich ist das auch gar nicht so meine Musik, aber die zwölf Songs machen richtig Laune, wenn man sich bei schönstem Sonnenschein mit dieser Musik auf den Ohren ein paar Biere in den Schädel dreht. Die acht Jungs räumen live sicher das ein oder andere Festival ab, das ist ganz schön tanzbar. Die Kieler kombinieren Reggae, Punk, Ska und etwas Alternative miteinander, dabei klingen sie an manchen Stellen etwas nach Rage Against The Machine (hört euch z.B. mal Replacement an, das ist ja schon ein ganz freches RATM-Rip-Off), an anderen Stellen fühle ich mich an Sublime erinnert. Jedenfalls grooven die Songs ganz schön los und der Sänger hat echt ein vielseitiges Organ, das mich das ein oder andere Mal an Arnim von den Beatsteaks erinnert.