Bandsalat: Aleska, Construct, Downward, Flèche, Marathonmann, Pamplemousse, Sunstroke, Zwist

Aleska – „Construire Ou Détruire“ (DIY) [Stream]
Der intensive Post-Hardcore der französischen Band Aleska hat mir schon auf den bisherigen Veröffentlichungen außerordentlich gut gefallen, nun ist also Album Nummer zwei erschienen. Und wie zu erwarten, liefert das All-Star-Quartett (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban) auch auf Construire Ou Détruire allerfeinste Sahne ab. Insgesamt sind hier acht Songs mit einer Spielzeit von vierzig Minuten zu hören, soundtechnisch bewegen sich die Jungs im Post-Hardcore, Einflüsse aus Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore können auch vernommen werden. Die Songs sind spannend aufgebaut, das klingt alles total ausgetüftelt, stimmig und top produziert, ohne dass dabei die Intensität flöten gehen würde. Gesungen bzw. gescreamt wird übrigens in französischer Sprache. Wer Bands wie A Case Of Grenada, Shai Hulud, Envy oder We Never Learned To Live mag, sollte hier mal seine Lauscher aufsperren. Ein tolles und gelungenes Album!


Construct – „3 Song Promo“ (Plead Your Case Records) [Stream]
Hach, das hier erinnert mich so sehr an den Sound Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger! Construct kommen aus Phoenix, Arizona und machen schön schnörkellosen und nach vorne gehenden 90’s Hardcore mit moshenden und melodischen Gitarren, da denkt man sofort an Bands wie Strife, By The Grace Of God oder Verbal Assault. Passenderweise gibt es neben den zwei Eigenkompositionen eine Coverversion der Band Shield. Da wünscht man sich gern in den nächsten Moshpit! Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort hängengeblieben!


Downward – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Downwards Debutalbum bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen, dem Sound des Quartetts geschuldet war ich sofort angefixt. Die Band aus Tulsa, Oklahoma hat sich dem atmosphärischen Post-Hardcore verschrieben, Einflüsse aus Emo, Shoegaze, Dream-Pop, Post-Rock und Indie sind ebenfalls zu finden. An den neun Songs gefallen mir neben der ausgewogenen Mischung aus lauten, krachigen Passagen und leisen, verträumten und melancholischen Momenten v.a. die raue Produktion mit fuzzigen Basslines, noisigen Gitarren und diesem über den Wolken schwebenden Gesang. Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach einem Album seid, das euch auf eine intensive Klangreise mitnimmt, dann solltet ihr das hier mal gründlich auschecken. Und beim Recherchieren über den Bandbackground der Jungs bin ich doch auch gleich noch auf das New Morality Zine und dadurch auf die Band Sunstroke aufmerksam geworden, zu der ihr weiter unten was zu lesen bekommt.


Flèche – „Do Not Return Fire“ (Krod Records) [Stream]
Die Band Flèche stammt aus Paris, Do Not Return Fire ist der zweite Longplayer der vier Franzosen. Musikalisch bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Emo und Indierock, ein bisschen mathig wird es auch hin und wieder. Stellt euch vor, die Get Up Kids musizieren mit Favez, dazu gesellen sich frühe Minus The Bear, The Receiving End Of Sirens und The Sound Of Animals Fighting. Von den Gitarren her ist es schön variantenreich, der Bass hält gut dagegen, der Gesang kommt hymnisch und mit französischem Akzent, zudem gehen die Refrains ziemlich schnell ins Ohr. Insgesamt sind auf dieser soliden Emorock-Platte zwölf Songs zu hören, die v.a. Leuten gefallen wird, die schon in den Neunzigern auf der Jagd nach solchen Kapellen waren.


Marathonmann – „Die Angst sitzt neben Dir“ (Redfield Records) [Video]
Die Münchener haben in der Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, mit dem mittlerweile vierten Album wird diese Fangemeinde sicher nochmals wachsen. Mich kriegen die Jungs aber auch mit diesem Album nicht zu fassen, auch wenn sie nachhörbar all ihre Leidenschaft in die Band stecken und mit Herzblut bei der Sache sind. Vom Instrumentalen her bin ich ja gar nicht so abgeneigt, es ist der Gesang, der mich etwas blockiert. Wenn man aber mal die persönlichen Vorlieben ausblendet und die Musik nüchtern betrachtet, dann kann man durchaus drauf kommen, was den Fans am Sound von Marathonmann so gefällt. Auf dem neuen Album werden persönliche Dinge angesprochen, so dass man sich beim Lesen der Texte oftmals selbst darin findet, mitsamt den begleitenden Ängsten und Sorgen. Die Musik selbst bewegt sich zwischen Alternative Rock und Pop-Punk, die Songarrangements klingen sehr durchdacht und vielschichtig. Es gibt durchaus auch mal etwas härtere Passagen, Marathonmann sind aber größtenteils melodisch unterwegs, die Gitarrenriffs kommen sauber um die Ecke. Ich persönlich würde mir ein paar mehr härtere Songs im Stil von Schachmatt wünschen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Meute durch die Bank alle Songs abfeiern wird, was hauptsächlich an den hymnenhaften und mitgröhltauglichen Refrains liegt. Und wer weiß, live würd‘ ich wahrscheinlich ebenfalls mit erhobener Faust ein paar der Refrains mitgröhlen, auch wenn ich nicht direkt zur Zielgruppe gehöre.


Pamplemousse – „High Strung“ (A Tant Rêver du Roi) [Stream]
Die Band Pamplemousse ist auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean beheimatet. High Strung, das zweite Album des Trios, besteht aus zehn Smashern, die sich irgendwo zwischen Noise, Rock, Garage, Punk und rotzigem Indierock bewegen. Schön dreckig und rau suppen die Gitarren aus den Lautsprechern, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug hat auch viel Wumms mit an Bord, an manchen Stellen wird es sogar mal etwas ruhiger. Irgendwie fühlt man sich an so 90er Zeugs erinnert, das auf Labels wie Touch & Go oder AmRep veröffentlicht wurde. Die Jungs haben sicher ’ne Menge Shellac, Fugazi, Girls vs Boys oder Unsane-Platten im Schrank stehen. Als Anspieltipps eignen sich das mit einem Hammerriff ausgestattete High Strung oder das etwas ruhigere und daher an Fugazi erinnernde Porcelain.


Sunstroke – „Second Floor/Seven“ (Cointoss Records) [Stream]
Oh Mann, das hier hat mich vom ersten Ton an echt mal aus den Socken gehauen! Wie bereits oben erwähnt, bin ich auf Sunstroke durch meine Recherche zur Band Downward und der Online-Seite des New Morality Zines gestoßen. Sunstroke kommen aus Philadelphia, Pennsylvania und machen mitreißenden Oldschool-Emocore und dürften etliche Dischord-Platten aus der Revolution Summer-Phase im Plattenschrank stehen haben. Geile, mit viel Gefühl gespielte Gitarren treffen auf gegenspielende Basslines, treibendes Drumming und leidenschaftlichen Gesang. Da kommen natürlich sofort Bands wie Embrace, Dag Nasty, One Last Wish oder Rain in den Sinn, auch Bands wie Bread And Circuits oder Reason To Believe sind nicht weit. Zehn Songs beamen Dich direkt zurück in die Zeit zwischen 1985 bis 1989. Sehr geil!


Zwist – „Gesammelte Werke“ (DIY) [Name Your Price Download]
Obwohl das Berliner Duo Zwist personell ein wenig unterbesetzt ist, klingt das Ergebnis aus Gitarre, Schlagzeug und Spoken Words/Geschrei eigentlich sehr vollständig. Das Duo ist im punkigen 90’s Emo/Screamo/Post-Punk unterwegs und die fehlenden Instrumente werden durch Melancholie und unvorhersehbare Songstrukturen wettgemacht. Die Gitarre kann mal wild und verzerrt matschig drauflos kreisen, aber dann kommen auch immer wieder cleane Gitarrenparts zum Zug, die sich mäandernd ins Gehör drehen. Dazu gibt es tiefgründige deutsche Texte an der Schwelle zur Poesie. Als Anspieltipp würde ich das eher eingängigere Teilnehmerurkunde oder das vielseitige Sonderbonbon empfehlen.


 

Ingrina – „Etter Lys“ (A Tant Rever Du Roi u.a.)

Es kommt nicht alle Tage vor, dass analoge Post aus Frankreich ins Haus flattert. Wenn man dann auf die Postmarke dieses schweren und liebevoll verpackten Päckchens guckt, dann reibt man sich mal schnell ungläubig die Augen. Wahnsinn, da ist es aber jemandem sehr ernst, seine Musik an interessierte Menschen zu bringen. Das zeugt von einem gesunden DIY-Spirit mit ’ner Menge Herzblut, absolut irre! Das Ding aufgerissen, blitzt auch schon eine wunderbar aufgemachte und schwer in der Hand liegende Doppel-12inch auf. Das Gatefoldcover ist auf der Frontseite mit einem äußerst hübschen Siebdruck versehen. Wenn mich nicht alles täuscht, dann dürfte es sich um eine Art Kupferstich handeln. Das ganze Artwork ist in schwarz-weißer Optik gestaltet und kommt mit seiner Untergangsthematik ein wenig düster rüber. Im Kontrast dazu erfahre ich durch ein Übersetzungsprogramm, dass Etter Lys auf Norwegisch in etwa “durch Licht“ bedeutet.

Wurde noch bei der Besprechungsanfrage zum EP-Vorgänger etwas wortkarg mit Infos gegeizt, so packt die Band für das Debütalbum etwas mehr Infos in die Anfrage-Mail. Man erfährt z.B., dass die Band aus zwei Schlagzeugern, drei Gitarristen und einem Bassisten besteht. Zudem wird erklärt, dass es sich bei Etter Lys um eine Art Konzeptalbum handelt. Das Album wurde nach der letztjährigen EP und zahlreichen Shows in Frankreich und Europa in Angriff genommen, dabei entschlossen sich die Jungs zu längeren Songarrangements, so dass die sechs Songs letztendlich auf eine beachtliche Spielzeit von 50 Minuten gekommen sind. Etter Lys ist textlich auf eine Novelle aufgebaut, es geht um Themen wie Kolonialismus, Hochwasser und über die Tatsache, dass letzten Endes eh alles den Bach runterzugehen droht. Neben der Vinylversion ist das Album auf Tape und CD erschienen, übrigens in Zusammenarbeit der Labels A Tant Rever Du Roi, Tokyo Jupiter Records , Vox Project, I love Limoges Records, No Way Asso, Medication Time, HC4LZS, Bus Stop Press, Trace In Maze und Ideal Crash.

Die Eröffnung zum ersten Song namens Black Hole erinnert mich ein wenig an die South Of Heaven-Platte von Slayer. Schleppende Drums, gespenstische Gitarren, ein Bass mit Aussage. Aber dann wird es ganz anders. Wo Tom Araya hasserfüllt rumbrüllt, kommen bei Ingrina verspielte Post-Rock/Post-Hardcore-Gitarren ins Spiel, dazu gesellt sich leidender und schmerzvoller Gesang mit einer gesunden Portion Melancholie. Die dichte Soundwand, die sich schleichend ihren Weg bahnt wird zwischendurch zurückgefahren, es kommen atmosphärische, ruhigere Klänge zum Einsatz. Dadurch entsteht im letzten Drittel des Songs nochmals ein Spannungsbogen zwischen laut und leise. Matschige Sludge-Gitarren treffen auf Delay-Gitarren. Beim zweiten Song der A-Seite wird es episch aber nicht weniger spannend. Etwas über zehn Minuten dauert die Reise durch ein verwunschenes Tal. Wie ein unberechenbarer Fluss plätschert der Sound aus den Lautsprechern, gerade auf Vinyl ist das ein wahrer Genuss. Auch wenn im Moment das Wasser gediegen und ruhig plätschert, könnte man hinter der nächsten Flussbiegung von gefährlichen Stromschnellen überrascht werden.

Auch auf der B-Seite geht es abwechslungsreich zur Sache. Und immer wieder diese fast gar orchestralen Soundscapes, diese verträumten Melodien, die düstere Grundstimmung, diese dichte Schwere und das Fünkchen Hoffnung, das es doch noch zu geben scheint. Und so nach und nach erkennt man, dass die Songs alle aufeinander aufbauen und sich ineinander verweben. Spätestens beim Aufsetzen der Nadel auf der zweiten Scheibe merkt man, dass Etter Lys wirklich am Stück genossen werden sollte, denn das Album ist als Gesamtkunstwerk zu betrachten. Auf der B-Seite wird es noch ein letztes Mal richtig episch, Surrender bringt es auf eine Spielzeit von etwas über fünfzehn Minuten und fasst nochmals die bereits geschilderten Eindrücke zusammen. Dem Untergang geweiht lauscht man den letzten Klängen und kommt sich vor wie im Kino, wenn man völlig geplättet von einem Endzeit-Film ohne Happy End beim Abspann noch sitzen bleibt, bis die Leinwand schwarz ist und kein Ton mehr aus den Lautsprechern zu hören ist. Ja, ein harter Brocken, aber absolut zu empfehlen!

8/10

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