Lord Snow – „Shadwomarks“ (Adagio830 u.a.)

Irgendwie ist die TV-Serie Game Of Thrones bisher ja komplett an mir abgeprallt. Sobald im Freundeskreis die Diskussion auf die Serie kommt, suche ich schleunigst das Weite. Auch, um etwaigen Spoilern aus dem Weg zu gehen, falls ich die Serie doch noch irgendwann mal gucken sollte (am besten, in einem Rutsch). Jedenfalls hätte ich vermutlich bis heute keinen blassen Schimmer davon, dass Lord Snow aus Chicago ihren Namen so ’ner Figur aus Game Of Thrones zu verdanken haben, wenn ich nicht einst ein Interview mit der Band auf dem leider nicht mehr fortgeführten Blog Form und Leere gelesen hätte. Zudem erfuhr man dort auch, dass die Band total auf Fantasy-Videogames abfährt. Auch ein Bereich, in dem ich mich null auskenne. Die bisherigen Releases waren z.B. nach Orten benannt, die Bezug zum Videogame Skyrim haben. Shadowmarks reiht sich in diese Tradition ein. Mit Shadowmarks werden in Skyrim nämlich Symbole bezeichnet, die von einer Diebesgilde ähnlich wie die guten alten Gaunerzinken an Gebäuden angebracht werden, um bereits ausgekundschaftete Informationen an vorbeiziehende andere Kriminelle weiterzugeben.

Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, machte ich mich auf der Plattenhülle auf die Suche nach irgendwelchen Geheimzeichen, wurde aber nicht fündig. Das Coverartwork ist ziemlich schattenreich und düster ausgefallen und passt daher bestens zum Titel der EP, die übrigens im 12inch-Format in Zusammenarbeit der Labels Adagio830 und Dog Knights Productions erschienen ist. Erst dachte ich ja, dass es sich bei Shadowmarks um ein ganzes Album handeln würde, aber letztendlich sind leider nur fünf Songs enthalten. Beide Vinylseiten sind mit diesen fünf Songs identisch gepresst, so dass es letztendlich schnurz ist, welche Seite nach oben liegt. Die Labels unterscheiden sich jeweils nur durch die aufgedruckten Logos der beiden beteiligten Plattenlabels. Im Plattenkarton findet man neben einem Downloadcode auch ein Textblatt, was ganz praktisch ist, da man das Gekeife von Bassistin und Sängerin Steph Maldonado beim besten Willen nicht verstehen kann.

Und kaum setzt die Nadel auf’s Vinyl, wird nach einem polterigen kurzen Intro bereits klar, dass Lord Snow ihrem bisherigen Sound treu geblieben sind. Die Gitarre zwirbelt chaotisch drauf los und erschafft so Töne, bei denen man nicht glauben kann, dass die von einer Gitarre stammen. Es fiept und zirpt und quitscht, der Bass knödelt ordentlich, dazu spielt sich der Drummer in Extase, insgesamt klingt alles sehr hektisch. Wie machen die das nur technisch und spielerisch? Das klingt so roh, brutal und doch so melancholisch! Richtig intensiv wird es dann, wenn die gänsehautverursachende Kreissägenstimme von Sängerin Steph Maldonado pure Verzweiflung leidet. Zusammen ergibt das ein tiefstemotionales Screamo-Massaker, wie man es von Lord Snow bisher in dieser Qualität noch nicht gehört hat! Da merkt man einfach diese langjährige Verbundenheit und Verwurzelung der Bandmitglieder in der Chicagoer Screamo-Szene heraus. Die Mitglieder sammelten vor Lord Snow bei Bands wie z.B. Suffix, The New Yorker, Lautrec, und Raw Nerve reichlich Erfahrung. Das Trio ist also mit Haut und Haaren bei der Sache, das stellt man mit offenem Mund nach dem ersten Durchlauf von Shadowmarks zweifelsohne fest. Zappelndes Chaos mit Powerviolence-Referenzen trifft auf zig Rhythmuswechsel, zwischendurch kaum erwähnenswerte Verschnaufpausen, die einzig dazu dienen, immer wieder neue Spannungsbögen aufzubauen, bis sich alles in einer wahnsinnig intensiven Screamo-Orgie entlädt. Das Ding ist die absolute Wucht!

10/10

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Monplaisir – „The Agreement“ (Adagio830)

In dieses 12inch-Albumcover hab ich mich von der ersten Sekunde an direkt verliebt. Ich kann es gar nicht genau erklären, warum. Es ist das Zusammenspiel des auf vanillem Hintergrund aufgedruckten Bandschriftzugs und der im Lexikastil abgebildeten Zeichnungen eines Tukans in verschiedenen Perspektiven. Außerdem gefällt mir das schlichte Layout mit den klassisch designten Vinylsymbolen. Das Ding erscheint übrigens als Co-Release der Labels Adagio830 und Echo Canyon Records. Auch die Rückseite sieht toll aus, so im Stil der Platten aus den Sechzigern. Das Schriftdesign erinnert mich etwas an die Miami Vice-Schrift (eine kultige TV-Serie aus den 80ern, falls ein großes Fragezeichen über euch schweben sollte). Ich besaß sogar mal zwei T-Shirts mit dem Schriftzug der Serie, wahrscheinlich bringt auch das meine nostalgischen Synapsen zum Glühen. Als das Ding beim Auspacken des Bemusterungspakets aus dem Hause Adagio830 zum Vorschein kam, war ich zudem noch total neugierig, in was für ’ne musikalische Richtung die Band wohl gehen mochte, denn Monplaisir waren mir zu dem Zeitpunkt nicht bekannt, obwohl hier jemand der leider aufgelösten Emo-Band Sport mit dabei ist. Und wie es scheint, ist dies nach einer 2016er-Demo-12inch sogar das zweite offizielle Release der Band aus Lyon. Nun, die Schallplatte selbst ist ebenfalls mit klassischen Labels versehen, zudem ist ein kleines kopiertes DIN-A5 Textheftchen mit dabei, das darin abgedruckte Vorwort zur Entstehung des Albums unterstreicht letztendlich das Gefühl, das sich während des Hörens der Platte nach und nach herauskristallisiert. Der erste Eindruck: optisch und einstellungsmäßig also schon mal alles stimmig!

Und die Musik geht wie schon angedeutet in die gleiche Richtung: als die Nadel erstmals auf das Vinyl trifft und diese warmen Gitarren-Tunes aus den Lautsprechern ertönen, freut man sich auf eine intime Reise in ein verwunschenes Indie-Emo-Tal, in dem die Gitarren sanft wie Schmetterlingsflügelschläge klingen, das Schlagzeug entspannt vor sich hintaktet, der Bass verträumte Lines am Start hat und der Sänger diese Harmonie nur selten stören will. Und wenn er das dann doch mal macht, dann passt es absolut! Hört mal das geniale Tête d’Or (Le parc), dann wisst ihr, was ich meine. Was für ein geiles, melancholisches Gitarrenriff! Eigentlich war das ja jetzt nur ein frei gewähltes Beispiel, im Grunde genommen ist jeder Song des Albums dazu geeignet, die Leidenschaft, die gefühlvolle Spielfreude und das Herzblut der Bandmitglieder prunkvoll abzubilden. Queen Size Sea z.B. beginnt krachig, fast schon Dinosaur Jr-mäßig. Im Verlauf des Songs entwickelt sich das Ding noisig und läuft melancholisch und ruhig aus. Klar, dass bei dieser Art emotionaler Musik nachdenkliche und persönliche Themen in den Texten verarbeitet werden. Und das Nachlesen macht aufgrund des schnuffigen Textheftchens umso mehr gute Laune. Die schwarz-weißen Fotos erinnern mich genauso wie der Sound an diese Platten, die man so in den Neunzigern gern gehört hat und die mittlerweile richtige Meilensteine in der eigenen musikalischen Biografie geworden sind. Das klingt dann in etwa so, wie das Durchlesen vegilbter Postkarten aus längst vergangenen Zeiten, die vor langer Zeit verschollene und einst so geliebte Personen auf den Weg geschickt haben.

Und immer wieder kommt so ein genial emotionales Gitarrenriff um die Ecke, das einem Gänsehautschauer über den ganzen Körper jagt. Davon hat es zwar auf der A-Seite mehr, dennoch sollte man die B-Seite nicht verschmähen, wenn man zu faul zum Umdrehen ist. Pliocene ist hier zwar das wohl eingängigste Stück auf der B-Seite, aber wer es gerne episch und instrumental hat, dürfte mit dem knapp 19-minütigen Hey John (eine Ode an John Coltrane?) seine wahre Freude haben. Laut linernotes hat die Band das Ding kürzen müssen, sonst wären wir in den Genuss eines Doppelalbums gekommen. Alles in allem also ein äußerst gelungenes Album, das man keinesfalls verpassen sollte. Kleiner Anreiz für die Unentschlossenen: Sonic Youth trifft auf Slint, Appleseed Cast fusionieren mit reduzierten Rodan, dazu gesellt sich eine Portion Sport/Algernon Cadwallader. Wenn ihr euch also eine schön ausgeklügelte Variante dieser Bands zusammen mit ganz viel Leidenschaft und Herzblut vorstellen könnt, dann kommt ihr hier nicht drum herum! Und für die zuerst Skeptischen: Dranbleiben! Es lohnt sich!

9/10

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Regional Justice Center – „World Of Inconvenience“ (Adagio 830)

Regional Justice Center hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm, vielleicht geht es ja manchen von euch ähnlich, deshalb eine kurze Zusammenfassung: so wie ich das anhand meiner Internet-Recherche verstanden habe, ist RJC als One-Man-Band entstanden. Ursprünglich verarbeitete der in Seattle ansässige Ian Shelton ein paar musikalische Ideen. So wurde für World Of Inconvenience Schlagzeug, Gitarre und Vocals quasi im Alleingang ausgetüftelt, ob das dann auch alles selbst eingespielt und aufgenommen wurde, geht aus den auf die Innenhülle gedruckten Infos nicht so ganz genau hervor, zumindest agieren Regional Justice Center live wohl als Quintett.

Nun, hinter dieser 12inch steckt eine sehr persönliche Geschichte. Ians kleiner Bruder wurde bedingt durch seinen Aufenthalt im Drogenmilieu einer US-Kleinstadt in eine gewalttätige Situation verstrickt und wurde infolgedessen inhaftiert. Zum Zeitpunkt der Tat, die als Mordversuch verhandelt wird, war er 18 Jahre alt. Seit August 2016 sitzt er nun im Staatsgefängnis von Maleng in Kent, um auf die Urteilsverkündung seines anderthalb Jahre dauernden Prozesses zu warten. Dass der Alltag in US-Gefängnissen nicht gerade ein Zuckerschlecken ist, weiß man ja zur Genüge aus etlichen Hollywood-Produktionen. Jedenfalls bekam Ian als Angehöriger, der seinen Bruder regelmäßig besuchte, auch selbst tiefe Einblicke in die ausbeuterischen Strukturen und die unmenschlichen Bedingungen, denen jemand ausgesetzt ist, der einmal in die Fänge der Justiz geraten ist und im Gefängnis auf seinen Prozess wartet. Die Familienangehörigen sind im Grunde genommen machtlos und werden z.B. von Firmen wie Securus Technologies abgezogen, nur dass sie mit ihren inhaftierten Angehörigen sprechen können. Zudem werden auch sie Opfer der machtdemonstrierenden Schikanen von Gefängnisbeamten. Dass dann auch noch der Staat versucht, den Häftlingen zusätzliche Gebühren aufzubrummen, um ein Exempel zu statuieren, stößt bei den Angehörigen auf Unverständnis.

Das Konzept hinter der Debut 12inch von Regional Justice Center setzt sich eben mit dieser Thematik auseinander, zudem wird der Sichtweise des Bruders Raum gegeben. Die aufgezeichneten Gespräche mit dem Bruder geben persönliche Einblicke in die Gedanken und Gefühle wieder. Das alles wurde in die Songtexte eingearbeitet, zudem kann man öfters mal gesamplete Sprachfetzen vernehmen. Und die vertonten Gedanken werden mit wütendem und brutalem Powerviolence, Blackened Hardcore und Grind-Geballer ausgeschmückt. Die Songs schwanken schön unter der Ein-bis-Zwei-Minuten-Marke, da werden also keine -höhö, Sparwitz- Gefangenen gemacht. Kompromisslos, wütend und voller Intensität! Es gibt wohl verschiedenfarbige Vinylversionen, mein Exemplar ist schwarz. Alle Scheiben sind aber einseitig gepresst, so dass lästiges Plattenwenden entfällt und man bei Bedarf nach noch mehr Geballer gleich nochmal die Nadel an den Anfang setzen kann. Wer auf Zeugs wie Suffer, Manhunt oder Siege steht, dürfte hier richtig sein!

Ach so, fast vergessen: Ob Regional Justice Center nun live tatsächlich aus vier Menschen besteht, könnt ihr nächsten Monat überprüfen, denn da kommen die Jungs für ein paar Auftritte nach Europa:

 

8/10

Bandcamp / Adagio830


 

Ghost Bag & Tine Fetz – „Selftitled“ (Adagio 830)

Wenn ihr dieses schwere Kunstwerk von 12inch in euren Pfoten halten solltet, dann wird euch richtig warm ums Herz werden, während ihr gleichzeitig vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zubekommt und ihr schwitzende Handinnenflächen plus gerötete Bäckchen haben werdet. Wahnsinn! Das Gatefoldcover an sich ist schon ein Blickfang, der schlichte weiße Karton ist mit einem schwarzen Siebdruck im Graphic Novel/Comic-Stil ausgestattet. Im Inneren kommt dann die nächste Überraschung ans Tageslicht: ein geheftetes vierundvierzigseitiges Zine, gedruckt auf dicke, weiße DIN A4-Pappseiten. Umschlag und Zine sind von der Berliner Illustratorin und Graphic Novel-Künstlerin Tine Fetz gestaltet. Schön finde ich, dass bei diesem Release Musiker plus Künstlerin auf gleicher Augenhöhe stehen und der Name der Illustratorin auf dem Plattencover genannt wird. Hinter dem Name Ghost Bag verbirgt sich übrigens der Niederländer Nick Jongen, den man auch von den Bands Sleep Kit, I Am Oak und Baby Galaxy her kennt. Die Songs wurden vorwiegend in traditioneller Homerecording-Atmosphäre in Nicks Schlafzimmer in Maastricht aufgenommen und gemischt, für’s Mastering war mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden zuständig.

Die Seiten des Zines sind das Resultat einer Fernbeziehung der beiden Künstler und entstanden im Dialog. Auf der einen Seite sind die nachdenklichen Songtexte zu lesen, auf der anderen Seite sorgen die auf den ersten Blick an die Songtexte angelehnten teils düsteren schwarz-weiß-Illustrationen für reichlich Stoff zum Nachdenken. Stöbert man ein wenig im Klappcover, dann entdeckt man, dass die Zeichnungen zuerst angefertigt wurden und erst dann Musik und Songtext entstanden ist. Es werden sehr viel persönliche Erinnerungen und Erfahrungen thematisiert, das geht natürlich direkt unter die Haut. Die Vergänglichkeit scheint hier ein ebenso großes Thema zu sein, wie die Tatsache des viel zu schnellen Erwachsenwerdens bzw. Alterns, selbst ferne außerirdische Galxien werden in Betracht bezogen, vermutlich durch die Lektüre des Science Fiction-Romans Solaris von Stanislaw Lem. Auf dieses Detail stößt man, wenn man die Zeichnungen genau studiert. Die Texte leben von der Beobachtung der Umgebung, sie sind auf Details fokussiert, eben genau wie die Zeichnungen.

Diese intime Atmosphäre spiegelt sich auch im reduzierten und vor sich hinplätschernden Songwriting, das sich vor allem durch lose Strukturen kennzeichnet. Die elf Songs bewegen sich vorwiegend im langsamen Tempo und wirken hypnotisch, das Schlagzeug pumpert entspannt vor sich hin, während aus der Gitarre eine gefühlvolle Akkordfolge ertönt oder auch nur einzelne Saitenklänge im Raum schweben. Dazu dringt eine warme Stimme ans Ohr, die verträumt und gefühlvoll das fehlende Stückchen ertastet, das dem Ganzen noch mehr Raum und Atmosphäre verleiht. Die Tiefe der Songs entsteht gerade weil viele Stücke nicht unmittelbar ins Ohr gehen und sich dem gängigen Songwriting á la Anfang-Refrain-Schluss völlig quer stellen. Deshalb klingt der Sound dann auch so lebendig und unvorhersehbar, obwohl das Tempo sehr einseitig ist. Das hat auch schon bei anderen Bands sehr gut funktioniert, ich denke da an diverse Mike Kinsella-Projekte wie z.B. Owls oder Owen, es kommen mir aber auch viele 90er Indie-Bands wie Sea And Cake, Bedhead, Slint oder Troy Von Balthazar in den Sinn. Man kann sich entweder voll auf das Album mit all seinen Details konzentrieren, es funktioniert aber genauso gut als Soundtrack für ein gemütliches Sonntagsfrühstück. Auf Vinyl wirkt diese Art von Musik natürlich sehr lebendig, es ist ein wahrer Genuss!

8/10

Bandcamp / Adagio830


 

The Rememberables – „Selftitled“ (Adagio830)

Die Band The Rememberables kannte ich bisher noch nicht, dementsprechend war ich äußerst gespannt auf deren Sound, als ich die 12inch im Bemusterungspaket aus dem Hause Adagio830 vorfand. Das Albumcover mit dem kontrastreichen und blaustichigen schwarz-weiß-Foto dürfte direkt mit dem Bandnamen in Verbindung stehen, das Foto wirkt jedenfalls wie eine Wohlfühl-Szene aus einer persönlichen Erinnerung heraus, an die man sich zwar gern erinnert, die jedoch im Nachhinein betrachtet mit reichlich Schmerz verbunden ist. Aber dazu später mehr. Aus dem Inneren purzelt erstmal ein Textblatt, mit welchem man es sich gleich auf dem Sofa gemütlich machen kann, nachdem man die in edlem königsblau schimmernde Vinylscheibe aus dem schwarzen Inlay befreit und auf den Plattenteller befördert hat. Die Spannung steigt mit dem Aufsetzen der Nadel.

Und schwups, kaum setzt die Nadel auf, findet man sich ohne groß zu hadern in einer Erinnerung wieder, die irgendwo in den Neunzigern herumtorkelt und mit der man damals ganz schön viel Spaß hatte, auch wenn manche Erinnerungsfetzen nur noch schwammig in den hintersten Hirnregionen langsam zu erblassen drohen. Denn The Rememberables beamen Dich mit ihrem fuzzigen, gitarrenorientierten Sound direkt in eine Zeit, als Grunge noch ein dreckiges Image hatte und die abgeranzten Klammotten nicht bei H&M von der Stange kamen, sondern noch aus den Altkleidersäcken der Heilsarmee stammten. Also die Zeit, lange bevor man sich selbst von der Sache beschämt distanzierte und sich wieder dem wirklichen Underground zuwandt. Wohlgemerkt, das war auch noch ellenlange bevor Grunge in den allerletzten Zügen lag und Grusel-Bands wie die 4 Non Blondes oder Soul Asylum die Charts stürmten und das Poservolk angeekelt neue, aber zerrissene Jeans kaufte und auf MTV jeden Scheiß abfeierte.

Okay, aber bevor dieser Text hier noch den Eindruck erweckt, dass ihr auf ’nem Mode-Blog gelandet seid, komme ich lieber mal wieder zurück zur Musik. Dazu muss ich doch noch mal die Vergangenheitskeule rausholen, denn durch den dichten Sound werden Gehirnregionen wach gekitzelt, die lange Zeit brach lagen. Bands wie die frühen Nirvana, Smashing Pumpkins, Pavement, Weezer, Superchunk oder Dinosaur Jr. kommen natürlich als erstes in den Sinn, aber auch Zeugs wie Magna Pop (gerade ruhigere Stücke wie z.B. The Stranger, speziell die Bass-Parts) oder Swan Dive dürften der Band als Einflüsse gedient haben. Gerade auf Vinyl kommt diese Art von Musik ziemlich geil rüber, wahrscheinlich auch, weil Brad Boatright/Audiosiege dem Album diesen satten und fuzzigen Soundstempel aufgedrückt hat. Man kann das Album in einem Rutsch durchhören, dennoch möchte ich zwei Stücke als Anspieltipps empfehlen. Zu meinen Faves gehören If You Should, die Slacker-Hymne schlechthin und das groovige und gleichzeitig melancholische Walk, das im letzten Drittel ein wenig an Alice In Chains erinnert. Ach so, Ready To Run ist auch noch sehr geil. Hach, und jetzt hab ich eingangs was versprochen, das ich jetzt gar nicht einhalte. Zuverlässig wie immer. Aber vielleicht kommt ihr von selbst drauf, wenn ihr die Texte gründlich durchackert. Lieber sollte ich noch erwähnen, dass The Rememberables aus Washington DC stammen und die Jungs zuvor in den Bands Coke Bust, Walk The Plank und Sick Fix ihr Unwesen trieben, zudem kommt die Band im Mai auch für ein paar Shows nach Europa. Jedenfalls ist dieses Album ein gefundenes Fressen für alle, die mit fortgeschrittenem Alter immer noch nicht erwachsen geworden sind!

8/10

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Sport – „Slow“ (Adagio830)

Zu diesem Album hätte ich eigentlich schon längst was schreiben wollen, das gesetzte Bandcamp-Lesezeichen glotzte mich beim Durchscrollen des Browserordners immer mal wieder an. Jedoch konnte ich mir aufgrund der Flut an physischen Bemusterungsexemplaren nie die erforderliche Zeit nehmen, die für dieses grandiose Album angemessen gewesen wäre, um ein paar gebührende Zeilen zu schreiben. Vor ein paar Wochen dann säuberte ich mal wieder den Lesezeichenordner, indem ich alle 2016 erschienenen und unbesprochenen Alben einfach gnadenlos und schweren Herzens löschte, darunter auch dieses. Zudem tröstete mich der Gedanke, dass ein Großteil von euch das Ding sicher eh im Plattenschrank stehen hat, da Slow durchweg überall positive Kritiken bekam.

Und als ob es eine höhere Macht geben würde, wurde mir das Album neulich doch noch zugespielt, das kleine Juwel war nämlich Bestandteil eines Plattenpakets aus dem Hause Adagio 830. Unweigerlich musste ich aufgrund der oben beschriebenen Ereignisse schmunzelnd an diese Hitchcock-Komödie mit dem Titel „Immer Ärger mit Harry“ bzw. dessen Remake „Immer Ärger mit Bernie“ denken, denn da versuchen verschiedene Leute, eine Leiche verschwinden zu lassen, die aber immer wieder wie bei einem Jojo-Effekt ausgebuddelt wird, so dass das Entsorgungsproblem erneut vorhanden ist. Nun, entgegen der unangenehmen Vorkommnisse im Film erfreue ich mich, dass doch noch eine Besprechung dieses Albums möglich wurde.

Die Franzosen spielten sich mit ihrer intensiven Mischung aus Punk, Midwest-Emo und Indie ja bereits mit den beiden Full Length-Alben Colors (2012) und Bon Voyage (2014) in die Herzen zahlreicher Emo-Fans, so dass sogar das längst vergriffene Demotape aus dem Jahr 2011 als schnuckelige 7inch im Jahr 2014 re-released wurde. Und mit Slow wird der Sound, den man von den bisherigen Releases gewohnt war, konsequent weitergeführt, so dass es nicht verwunderlich ist, dass das Album in Zusammenarbeit mehrerer renommierter DIY-Labels erschien. Beteiligt sind neben Adagio830 noch die Labels Pike Records, Guerilla Asso, Dog Knights Productions, Inhumano Discos, La Agonia De Vivir, DTTH, No Routine Records, La Tete d’Ampoule, Unlock Yourself und Hardcore For The Losers.

Und packt man die Scheibe dann feierlich auf den Plattenteller, bekommt man sie da nur sehr schwer wieder runter. Ich liebe diesen warmen Vinylsound, zudem gibt es doch nix schöneres, als es sich warm eingemummelt mit der Plattenhülle auf dem Sofa gemütlich zu machen und bei den ersten Durchläufen ausgiebig die Texte zu studieren. Diese habe ich bisher bei den Digital-Hörrunden nämlich eher beiläufig wahrgenommen. Ähnlich intensiv und melancholisch wie die Musik der Band aus Lyon behandeln diese sehr persönliche Themen wie Vergänglichkeit, Freundschaft, Coming Of Age und anderen Kram, der den zuckersüßen Herbstblues nur nochmals unterstreicht. Die bildhafte Sprache lässt dabei immer noch genügend Spielraum für Interpretationen.

Auf der einen Seite ziehen mich die charmanten und einlullenden Gitarren bei den bedächtigen Passagen in den Bann, auf der anderen Seite gibt es aber immer noch die richtige Schippe Dreck, die das Ganze nicht allzu weichgespült erscheinen lässt. Ihr wisst schon, dieser für die Band typische Gitarrensound, der euch mit diesen Algernon-Cadwallader-Twinkle-Gitarren schwindlig spielt. Dazu noch die abwechslungsreich gespielten Drums und natürlich der durchdringende und teils hymnische Gesang, der hierzu passt, wie die Faust auf’s Auge. Während es auf der A-Seite flotter zugeht, klingt die B-Seite behutsamer. Hier kann man hören, wie sich Leidenschaft und literweise Herzblut anhört. Das hier sind neun Songs für die Ewigkeit. Ich bin jedenfalls unendlich dankbar, dass dieses Schmuckstück doch noch Teil meiner Plattensammlung geworden ist. Denn im Gegensatz zum Digital-Download, der leider wie so oft längst im Festplattennirvana versunken ist, wird Slow in Zukunft sicher noch etliche Male den Weg auf den Plattenteller finden.

9/10

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Ruined Families – „Education“ (Adagio830)

Dieses feine Album hab ich euch schon Anfang des Jahres in einer Bandsalat-Runde vorgestellt, damals anhand der digitalen Version. Daher machte ich fast ’nen Luftsprung, als ich Education im zugeschickten Plattenpaket von Adagio 830 entdeckte. Schön schwer liegt der dicke Plattenkarton in der Hand, aus dem Inneren kommt ein stabiles Inlay zum Vorschein. Auf diesem sind die Texte zu lesen, zudem kann man einige Fotokollagen betrachten, die in Anlehnung an das Albumcover arrangiert sind. Bei den kunstvollen Fotografien in schwarz-weiß-Optik steht das Thema Bildung (Education) und der daraus resultierende permanente Fortschritt im Vordergrund. Fischt man dann das Vinyl aus dem Karton, wird man von der knallroten Farbe im Kontrast zur Resterscheinung fast geblendet. Es gibt wohl aber auch noch eine andere Ausgabe mit schwarzem Vinyl.

Dass ich die Platte jetzt in meine Sammlung stellen darf, ist eigentlich gar nicht so selbstverständlich. Das Plattenpaket von Adagio 830 brachte nämlich einige schlaflose Nächte mit sich, und das bereits im Vorfeld. Es kommt ja glücklicherweise nicht sehr oft vor, dass Paketsendungen verloren gehen, aber die „erste“ Lieferung des Pakets kam leider niemals an, der Status in der Sendungsverfolgung blieb konstant bei „Die Sendung wurde im Start-Paketzentrum bearbeitet“. Bis ein Nachforschungsauftrag gestellt werden konnte, dauerte es auch wieder ein paar Wochen, so dass man irgendwann davon ausgehen konnte, dass das Paket verloren gegangen sein musste. An dieser Stelle erneut tausend Dank an Adagio830, dass abermals ein Paket geschnürt wurde. Was für eine Odyssee! Und irgendwie verschafft mir diese Geschichte jetzt eine perfekte Überleitung zur griechischen Mythologie und damit zu Ruined Families, zudem mache ich es mir etwas einfach, indem ich große Teile aus dem ursprünglich geschriebenen Review per Copy & Paste bei mir selbst stibitze und noch ein wenig ausschmücke. Denn das trifft die Sache perfekt, zudem haben die großen griechischen Philosophen auch ständig irgendwo abgeschrieben.

Zugegeben, Athen und Griechenland verbindet man in Gedanken ja immer eher mit der antiken Architektur und Mythologie, aber heute beschäftigen wir uns doch lieber mal mit der dortigen HC/Punk bzw. Screamo-Szene, die zwar nicht so ausgeprägt zu sein scheint, aber wohl dennoch sehr gut funktioniert. Ruined Families z.B. existieren jetzt auch schon wieder sieben Jahre und mit den bisherigen Veröffentlichungen (zwei LP’s und eine 7inch) eroberten sich die fünf Jungs einen festen Platz in der europäischen Screamo-Szene. Mit Education bolzt die Band insgesamt zehn Songs in knapp 18 Minuten runter, so dass Wissenschaftler ihre Theorie über das Zerbröseln der Akropolis nochmals überdenken sollten. Von der Wut auf die Zustände in Griechenland und der restlichen Welt angetrieben, stecken die fünf Jungs eine Menge Frustration und Intensität in ihre Songs. Die Gitarren rotieren messerscharf, der Schlagzeuger beherrscht jedes Tempo perfekt, da wird zerhackt und chaotisch und arhythmisch im Blastbeat-Modus geholzt, der Sänger packt all seine angestaute Wut in seine Stimme. Würde mich nicht wundern, wenn er live mit Wutschaum-Sabber vor dem Mund rumkreischt. Die Mischung aus Screamo, Emoviolence, schnellem Hardcore und Punk mit unterschwelligen Melodien dürfte v.a. für Fans von Bands wie z.B. Union of Uranus, Reversal of Man, Orchid und Born Against interessant sein. Mein absolutes Lieblingsstück ist dann das zweiminütige Wholecar, da gefallen mir halt einfach diese melancholisch gespielten Gitarren. Überhaupt fällt auf, dass Ruined Families auf diesem Release im Vergleich zu dem bisher erschienenen Zeugs viel zugänglicher unterwegs sind und einiges an unterschwelligen Melodien am Start haben. Das klingt dann gleich viel runder, wenn nicht nur permanent die düstere Crust-Schiene runtergerasselt wird. Zudem entfaltet sich der Sound auf Vinyl nochmals ganz anders.

Und jetzt – mit den vorliegenden Texten – erschließt sich auch der Kontrast der Bilder im Layout des Albums. Der Zwiespalt zwischen Bildung, Fortschritt, Wissenschaft und Technik ist allgegenwärtig. Jede neue Erfindung kann noch so praktisch sein, gerät sie jedoch in die Hände der falschen Leute, kann sie zur Bedrohung werden. Und dass selbst in einer gebildeten Gesellschaft anno 2017 immer noch Kriege, Gewalt und Fremdenhass allgegenwärtig sind, sagt alles über den kaputten Zustand unserer Welt aus.

8/10

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