Blackmail – „(1997-2013)“ (Unter Schafen Records)

Kleiner Zeitsprung ins Jahr 2006: keiner in der True-Hardcore-Clique hat Lust, meine Liebste und mich in die Schweiz nach St. Gallen zu begleiten, um die Indie-Band Blackmail zu sehen. Jahrzehnte später, spätestens nachdem jetzt die ganzen Re-Issues der Koblenzer erschienen sind, dürfte das die ein oder andere Person vermutlich rückblickend noch schwer bereuen. Denn kaum zwei Jahre später trennte sich die Band im Streit von Sänger Aydo Abay. Jedenfalls feierte ich damals schon seit Längerem die frühen Werke der Band, die Gelegenheit einer Live-Show ergab sich jedoch leider nie. Nachdem mit dem Album Aerial View auch noch innerhalb kürzester Zeit eine innige Liebe entstand und die Jungs im Zuge des Albums ausgiebig tourten, war dann endlich im Rahmen des kleinen Talhoffestivals der Zeitpunkt gekommen. An einem lauen Herbsttag kamen wir schon früh in St. Gallen an und parkten irgendwo im Nobelviertel, um den saftigen Parkgebühren zu entgehen. Einen zwanzigminütigen Fussmarsch nimmt man da gern in Kauf. Der Club war auch schnell gefunden, zu unserer Verwunderung war die Location in einem Hochhaus in der obersten Etage. Eine etwas seltsame Atmosphäre war zu spüren, die anwesenden Leute waren irgendwie anders, als wir es von unserem Hardcore-Punk-Kosmos gewohnt waren. Fast kamen Zweifel auf, ob die anwesenden Hippies, die Goa-Trance-Jünger mit den weiten Pupillen, die Handvoll Grufties und der bekiffte Typ mit dem Slipknot-Shirt auf der richtigen Veranstaltung waren oder ob wir uns gar verirrt hatten. Mit der Vorband Werle & Stankowski hatten wenigstens die Hippies ihren Spaß, denn die zwei Typen kamen barfuss auf die Bühne und machten so ’ne ruhige Mischung aus Indie, Singer-Songwriter, Pop und Elektronik.

Und dann kamen Blackmail und feuerten ein wuchtiges Set voller Hits ab, so dass wir im kaum gefüllten Mini-Club vor Freude grinsend, hüpfend und tanzend den Spaß unseres Lebens hatten. Diese vier verschrobenen Typen zogen professionell ihr Ding durch, witzig fand ich dabei Kurt Ebelhäuser, der zwischen den Songs immer wieder kryptische und satanische Botschaften ins Mikrofon murmelte. Außerdem griff er seine Gitarre größtenteils von oben, weiß der Teufel wie er seiner Gitarre trotzdem diesen geilen Sound entlockte. Dazu der fuzzy Bass von Carlos Ebelhäuser, der die aufgestellten Nackenhärchen zum Vibrieren brachte. Und als Krönung des Ganzen Aydo Abay, der ständig in Bewegung war und mit seiner Stimme den Songs die nötige Portion Melancholie verlieh. Hits wie Ken I Die, It Could Be Yours, Moonpigs, Everyone Safe, (Feel It) Day By Day, Same Sane und natürlich Today brachten uns dazu, am Ende des Konzerts klatschnass, verschwitzt und absolut glücklich durch die laue Herbstnacht zum Auto zu laufen und enthusiastisch darüber zu diskutieren, warum den Jungs eigentlich immer wieder Arroganz unterstellt wurde. Eher waren wir davon überzeugt, eine der intensivsten Indie-Rock-Shows auf internationalem Niveau gesehen zu haben. Dass der Club damals nicht restlos ausverkauft war und das Publikum eher teilnahmslos dem Sound der Jungs gegenüberstand, wundert mich eigentlich noch bis heute.

Nach dem Split mit Aydo Abay war ich richtig traurig. Und dann verlor ich die Band fast komplett aus den Augen. Kleiner Zeitsprung ins Jahr 2011: Blackmail spielen kaum zehn Gehminuten von meiner Wohnung entfernt auf dem U&D-Festival, und zwar mit dem neuen Sänger Mat Reetz. Im Vorfeld horchte ich nur mal so halblebig in das damals neu erschienene Album Anima Now! rein, so richtig wollte mich das nicht mehr packen. Und live sprang der Funke leider auch nicht über, selbst die altbekannten Gassenhauer wirkten nicht mehr wie damals in diesem seltsamen Hochhaus-Club. Nachdem ich jetzt aber aus der Neuphase der Band die beiden Stücke Deborah und Impact gehört habe, werde ich den Post-Aydo Abay-Veröffentlichungen doch noch mal eine Chance geben. Aber davor wird es endlich mal wieder Zeit in Nostalgie zu schwelgen. Die Doppel-LP kommt im aufklappbaren Gatefold-Cover und liegt schön schwer in der Hand. Insgesamt sind auf dieser Best-Of und Raritätensammlung 23 Songs zu hören. Kleiner Sprung in die Gegenwart: Das Doppelalbum bietet also einen hervorragenden Überblick über die Großartigkeit einer der wichtigsten Indie-Rock-Bands Deutschlands und dürfte für Fans und „Neuentdecker“ ebenso interessant sein. Und wenn ihr dann schon angefixt seid, dann holt euch auch noch gleich die lange vergriffenen Alben Friend Or Foe und Bliss Please, denn die wurden ebenfalls auf Unter Schafen Records neu aufgelegt. Vielen Dank dafür, das war längst überfällig!

10/10

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Caspian – „On Circles“ (Triple Crown Records)

Für Vinylliebhaber dürfte das neue Album von Caspian der absolute Oberhammer sein. Ich habe mich in das Ding auf Anhieb verliebt. Die Doppel-12inch liegt zentnerschwer in der Hand und das Gatefold-Cover ist aus dickem Plattenkarton gefertigt, ins Frontcoverartwork sind die Songtitel kreisförmig eingestanzt. Auch auf dem Backcover wurde diese Technik angewandt, hier kann man Kreise und Quadrate erfühlen. Und im kontrastreichen Gegensatz zum warmfarbigen Frontcover sieht auch das Backcover im schwarz-weiß-Druck fantastisch aus. Klappt man das Gatefold-Cover auf, so findet man im Inneren die Treppe, die auch schon auf dem Frontcover angedeutet ist. Mir kommt das Artwork so vor, als ob die Band dazu auffordern würde, endlich einzutreten, die Treppe runterzugehen und dabei festzustellen, dass es weder einen Anfang noch ein Ende geben wird (No Beginning And No End ist groß auf dem Backcover zu lesen). Um das Artwork außen noch vollständig zu beschreiben: es gibt noch einen Obi-Strip, auf welchem Bandname, Albumtitel und Songtitel zu lesen sind. Na gut, dann komme ich mal der Aufforderung der Band nach und schaue ins Innere: da warten bereits zwei transparente Vinylscheiben mit grünen Sprenkeln darauf, endlich auf den Plattenteller zu dürfen. Zwei mit verschiedenen schwarz-weiß-Fotografien bedruckte Plattenhüllen purzeln auch noch aus dem Inneren, dazu gibt es zwei zusätzliche „Textblätter“ auf Fotopapier, hier sind verschiedene Formen und Muster abgedruckt, ein Unendlichkeitssymbol ist auch noch irgendwo zu sehen. Die Muster erinnern mich irgendwie an die verschwurbelten Tanzmuster aus dem mystischen Film Suspiria.

Nach so viel Optik wird es jetzt aber endlich mal Zeit für die Musik, zu der man immer wieder dazu verleitet wird, den Plattenkarton zu streicheln, am Fotopapier zu schnuppern und das Ding hin und herzuwenden. Sobald das cineastisch anmutende Intro zum Song Wildblood ertönt, spitzt man sofort verzückt die Ohren. Ich empfehle es, dieses Album über Kopfhörer zu genießen, denn erst da kann man mit Haut und Haaren die Musik von Caspian erfahren und begreifen. Bereits dieses Intro schafft es ohne Probleme, die Neugier zu wecken und den Treppenstufen zu folgen, um in die schillernde Welt Caspians einzutauchen. Der Song beginnt mit leichten Pianoklängen und pulsierendem Bass, nach und nach kommen weitere Instrumente wie ein Flügelhorn und ein Saxophon dazu, bis man von ersten Drum-Donnerschlägen und verzerrten Distortion-Gitarren überrascht wird. Ausgedehnte Gitarrenspuren verdichten sich hypnotisch, alles wächst zu einem dichten Klangteppich heran. Es ist wie bei einer Welle, die sich langsam aufbaut, immer größer wird und dann tosend zusammenbricht, bevor nochmals einer kleinere, auslaufende Welle hinterherkommt. Auch das nachfolgende Flowers Of Delight verzaubert auf ähnliche Weise, hier schwingt ein fast schon enthusiastischer Unterton mit. Verglichen mit den Aufnahmen zum letzten Album Dust And Disquiet, das ja mit reichlich schmerzvollen und traurigen Kompositionen und Untertönen ausgestattet war, klingt On Circles insgesamt viel freundlicher und leichtfüßiger. Dass Caspian Meister im vertonen von Gefühlen sind, hört man jedenfalls auf all ihren bisherigen Releases, so ist auch On Circles wieder ein Album, das direkt aus dem Herzen zu kommen scheint. Spätestens beim Song Nostalgist merke ich persönlich, dass der Zugang zum Song noch besser funktioniert, wenn Gesang mit an Bord ist. Hier ist zudem auch noch ein Sänger zu hören, dessen Stimme ich sehr gerne höre. Caspian haben sich hierfür Kyle Durfey, den Sänger von Pianos Become The Teeth ausgeliehen, so dass zur emotionalen Instrumentierung auch noch eine reichliche Portion Melancholie beim Gesang dazu kommt. Ja, das hier sollten die Jungs ruhig häufiger machen!

Caspian waren auch auf On Circles wieder sehr experimentierfreudig, so kommen immer wieder Instrumente wie z.B. ein Cello, eine Violine und zahlreiche andere Percussions zum Einsatz. Natürlich muss hier auch die hervorragende Produktion erwähnt werden. Hört euch doch nur mal den Song Division Blues an, auch der Hall und die leiernden Töne bei Onsra faszinieren ungemein. An den leisen Stellen hört man hier jede Stecknadel fallen, auch bei den lauteren, auftürmenden und atmosphärischen Passagen kann man noch alle Instrumente vernehmen. Und wenn es knallen soll, dann aber gewaltig! Bei fast allen Songs fällt auf, dass sich die Band viel Zeit lässt, den Song aufzubauen und wieder in sich einfallen zu lassen, so dass eine Art unendliche Soundschleife entsteht, wenn man jeden Song für sich in Dauerschleife packen würde. Einzig beim Song Collapser fällt man gleich die Kellertreppe runter und wird von tosenden Gitarrenwänden und hämmernden Drums an die Wand gedrückt. Ach ja, und zum Abschluss der bezaubernden Klangreise kommt bei Circles on Circles nochmals Gesang zum Einsatz, hier erinnert mich die Stimme ein wenig an diesen Typen von Alice in Chains. Wer auf ausgefeilten Post-Rock steht, dürfte an diesem Album kaum vorbeikommen. Abschließend würde ich mir für weitere Releases wünschen, dass das Thema Gesang in Zukunft noch eine größere Rolle spielen würde.

8/10

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Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Bandsalat: Aleska, Construct, Downward, Flèche, Marathonmann, Pamplemousse, Sunstroke, Zwist

Aleska – „Construire Ou Détruire“ (DIY) [Stream]
Der intensive Post-Hardcore der französischen Band Aleska hat mir schon auf den bisherigen Veröffentlichungen außerordentlich gut gefallen, nun ist also Album Nummer zwei erschienen. Und wie zu erwarten, liefert das All-Star-Quartett (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban) auch auf Construire Ou Détruire allerfeinste Sahne ab. Insgesamt sind hier acht Songs mit einer Spielzeit von vierzig Minuten zu hören, soundtechnisch bewegen sich die Jungs im Post-Hardcore, Einflüsse aus Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore können auch vernommen werden. Die Songs sind spannend aufgebaut, das klingt alles total ausgetüftelt, stimmig und top produziert, ohne dass dabei die Intensität flöten gehen würde. Gesungen bzw. gescreamt wird übrigens in französischer Sprache. Wer Bands wie A Case Of Grenada, Shai Hulud, Envy oder We Never Learned To Live mag, sollte hier mal seine Lauscher aufsperren. Ein tolles und gelungenes Album!


Construct – „3 Song Promo“ (Plead Your Case Records) [Stream]
Hach, das hier erinnert mich so sehr an den Sound Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger! Construct kommen aus Phoenix, Arizona und machen schön schnörkellosen und nach vorne gehenden 90’s Hardcore mit moshenden und melodischen Gitarren, da denkt man sofort an Bands wie Strife, By The Grace Of God oder Verbal Assault. Passenderweise gibt es neben den zwei Eigenkompositionen eine Coverversion der Band Shield. Da wünscht man sich gern in den nächsten Moshpit! Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort hängengeblieben!


Downward – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Downwards Debutalbum bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen, dem Sound des Quartetts geschuldet war ich sofort angefixt. Die Band aus Tulsa, Oklahoma hat sich dem atmosphärischen Post-Hardcore verschrieben, Einflüsse aus Emo, Shoegaze, Dream-Pop, Post-Rock und Indie sind ebenfalls zu finden. An den neun Songs gefallen mir neben der ausgewogenen Mischung aus lauten, krachigen Passagen und leisen, verträumten und melancholischen Momenten v.a. die raue Produktion mit fuzzigen Basslines, noisigen Gitarren und diesem über den Wolken schwebenden Gesang. Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach einem Album seid, das euch auf eine intensive Klangreise mitnimmt, dann solltet ihr das hier mal gründlich auschecken. Und beim Recherchieren über den Bandbackground der Jungs bin ich doch auch gleich noch auf das New Morality Zine und dadurch auf die Band Sunstroke aufmerksam geworden, zu der ihr weiter unten was zu lesen bekommt.


Flèche – „Do Not Return Fire“ (Krod Records) [Stream]
Die Band Flèche stammt aus Paris, Do Not Return Fire ist der zweite Longplayer der vier Franzosen. Musikalisch bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Emo und Indierock, ein bisschen mathig wird es auch hin und wieder. Stellt euch vor, die Get Up Kids musizieren mit Favez, dazu gesellen sich frühe Minus The Bear, The Receiving End Of Sirens und The Sound Of Animals Fighting. Von den Gitarren her ist es schön variantenreich, der Bass hält gut dagegen, der Gesang kommt hymnisch und mit französischem Akzent, zudem gehen die Refrains ziemlich schnell ins Ohr. Insgesamt sind auf dieser soliden Emorock-Platte zwölf Songs zu hören, die v.a. Leuten gefallen wird, die schon in den Neunzigern auf der Jagd nach solchen Kapellen waren.


Marathonmann – „Die Angst sitzt neben Dir“ (Redfield Records) [Video]
Die Münchener haben in der Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, mit dem mittlerweile vierten Album wird diese Fangemeinde sicher nochmals wachsen. Mich kriegen die Jungs aber auch mit diesem Album nicht zu fassen, auch wenn sie nachhörbar all ihre Leidenschaft in die Band stecken und mit Herzblut bei der Sache sind. Vom Instrumentalen her bin ich ja gar nicht so abgeneigt, es ist der Gesang, der mich etwas blockiert. Wenn man aber mal die persönlichen Vorlieben ausblendet und die Musik nüchtern betrachtet, dann kann man durchaus drauf kommen, was den Fans am Sound von Marathonmann so gefällt. Auf dem neuen Album werden persönliche Dinge angesprochen, so dass man sich beim Lesen der Texte oftmals selbst darin findet, mitsamt den begleitenden Ängsten und Sorgen. Die Musik selbst bewegt sich zwischen Alternative Rock und Pop-Punk, die Songarrangements klingen sehr durchdacht und vielschichtig. Es gibt durchaus auch mal etwas härtere Passagen, Marathonmann sind aber größtenteils melodisch unterwegs, die Gitarrenriffs kommen sauber um die Ecke. Ich persönlich würde mir ein paar mehr härtere Songs im Stil von Schachmatt wünschen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Meute durch die Bank alle Songs abfeiern wird, was hauptsächlich an den hymnenhaften und mitgröhltauglichen Refrains liegt. Und wer weiß, live würd‘ ich wahrscheinlich ebenfalls mit erhobener Faust ein paar der Refrains mitgröhlen, auch wenn ich nicht direkt zur Zielgruppe gehöre.


Pamplemousse – „High Strung“ (A Tant Rêver du Roi) [Stream]
Die Band Pamplemousse ist auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean beheimatet. High Strung, das zweite Album des Trios, besteht aus zehn Smashern, die sich irgendwo zwischen Noise, Rock, Garage, Punk und rotzigem Indierock bewegen. Schön dreckig und rau suppen die Gitarren aus den Lautsprechern, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug hat auch viel Wumms mit an Bord, an manchen Stellen wird es sogar mal etwas ruhiger. Irgendwie fühlt man sich an so 90er Zeugs erinnert, das auf Labels wie Touch & Go oder AmRep veröffentlicht wurde. Die Jungs haben sicher ’ne Menge Shellac, Fugazi, Girls vs Boys oder Unsane-Platten im Schrank stehen. Als Anspieltipps eignen sich das mit einem Hammerriff ausgestattete High Strung oder das etwas ruhigere und daher an Fugazi erinnernde Porcelain.


Sunstroke – „Second Floor/Seven“ (Cointoss Records) [Stream]
Oh Mann, das hier hat mich vom ersten Ton an echt mal aus den Socken gehauen! Wie bereits oben erwähnt, bin ich auf Sunstroke durch meine Recherche zur Band Downward und der Online-Seite des New Morality Zines gestoßen. Sunstroke kommen aus Philadelphia, Pennsylvania und machen mitreißenden Oldschool-Emocore und dürften etliche Dischord-Platten aus der Revolution Summer-Phase im Plattenschrank stehen haben. Geile, mit viel Gefühl gespielte Gitarren treffen auf gegenspielende Basslines, treibendes Drumming und leidenschaftlichen Gesang. Da kommen natürlich sofort Bands wie Embrace, Dag Nasty, One Last Wish oder Rain in den Sinn, auch Bands wie Bread And Circuits oder Reason To Believe sind nicht weit. Zehn Songs beamen Dich direkt zurück in die Zeit zwischen 1985 bis 1989. Sehr geil!


Zwist – „Gesammelte Werke“ (DIY) [Name Your Price Download]
Obwohl das Berliner Duo Zwist personell ein wenig unterbesetzt ist, klingt das Ergebnis aus Gitarre, Schlagzeug und Spoken Words/Geschrei eigentlich sehr vollständig. Das Duo ist im punkigen 90’s Emo/Screamo/Post-Punk unterwegs und die fehlenden Instrumente werden durch Melancholie und unvorhersehbare Songstrukturen wettgemacht. Die Gitarre kann mal wild und verzerrt matschig drauflos kreisen, aber dann kommen auch immer wieder cleane Gitarrenparts zum Zug, die sich mäandernd ins Gehör drehen. Dazu gibt es tiefgründige deutsche Texte an der Schwelle zur Poesie. Als Anspieltipp würde ich das eher eingängigere Teilnehmerurkunde oder das vielseitige Sonderbonbon empfehlen.


 

Say Anything – „Oliver Appropriate“ (Dine Alone Records)

Nach dem 2004-er Emo-Klassiker-Album Is A Real Boy hab ich Say Anything irgendwie aus den Augen verloren, so dass es eigentlich schon wieder witzig ist, dass sich die Band letztes Jahr nach 18 Jahren Bestehenszeit aufgelöst hat und das letzte Album dann auch noch prompt auf Vinyl zum Besprechen reinflattert. Nun, die Gründe der Auflösung wurden durch Sänger und Gitarrist Max Bemis in einer mehrseitigen Stellungnahme aufgeführt, wer es genauer wissen möchte, kann sich das Ding auf der Homepage der Band downloaden. Nach den Aufnahmen zum Album Is A Real Boy wurde bei Max Bemis eine bipolare Störung diagnostiziert. Damit eng verbunden sind seine anhaltenden mentalen Probleme und Depressionen, hinzu kommen Drogenabhängigkeiten, zudem macht ihm die Trennung von seiner Frau und den drei Kindern zu schaffen, darüber hinaus outete er sich kürzlich als bisexuell.

Dass sich solche Lebensumstände auch in der Musik und den Texten zum mittlerweile achten Longplayer widerspiegeln, lässt sich wohl kaum vermeiden. Was mit der Geschichte auf Is A Real Boy seinen Anfang nahm, wird nun auf Oliver Appropriate zu Ende erzählt. Der Typ auf dem Cover, der mich irgendwie an den jungen Jason Priestley (Beverly Hills 90210) erinnert, spielt nämlich auf beiden Alben eine zentrale Rolle. An der auf Oliver Appropriate erzählten Geschichte lassen sich einige Parallelen zum Leben von Max Bemis erkennen: Oliver ist Sänger einer einst erfolgreichen Indie-Punk-Band, der Glanz der alten Zeiten ist aber schon längst passé. Oliver führt ein destruktives Leben, Straight Edge ist seiner Meinung nach für Sockenschläfer, Treue ist ihm ein Fremdwort, er betrügt wo er nur kann und nutzt seine Vorteile als Mann aus, um Affären an Land zu ziehen. Nach einer Aftershowparty fühlt er sich zu einem Mann hingezogen, mit dem er dann auch im Bett landet und sich direkt verliebt. Als dieser ihn aber abweist und die Liebe nicht erwidert, rastet Oliver aus und tötet ihn. Zusammen mit der Leiche und dem Gewicht eines Steins ertränkt sich Oliver am Ende selbst. Puh! Solche Tragödien sind natürlich ein wahres Futter für eine Emoplatte.

Verpackt ist die Geschichte in ein musikalisches Emo-Gewand, das sehr catchy und eingängig klingt. Man könnte auch sagen: in der Kürze liegt die Würze, denn die Songlängen kommen im Durchschnitt auf zwei Minuten. Die Gitarren sind oftmals akustisch unterwegs, dennoch klingt das Ergebnis an manchen Stellen schön punkig. Die Hooklines machen Laune, zudem schleicht sich desöfteren eine tiefe Melancholie ein. Was positiv heraussticht, sind die manchmal auftauchenden weiblichen Vocals, zudem ist die Percussion ab und zu experimentell unterwegs, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Unter den insgesamt vierzehn Songs finden sich wirklich geniale Emo-Hymnen, die mich dann wohl doch noch dazu verleiten können, die fünf Alben zwischen Is A Real Boy und Oliver Appropriate abzuchecken. Meine persönlichen Highlights der Scheibe sind z.B. When I’m Acid, der mit übersteuerten Computerdrums ausgestattete Song It’s A Process oder das im Duett mit Eisley-Frontfrau Sherri Dupree-Bemis dargebotene The Hardest. Bleibt zu hoffen, dass es Max Bemis gelingt, seine Probleme in den Griff zu bekommen, so dass vielleicht irgendwann in der Zukunft ein Wiederbeleben Say Anythings möglich wird.

8/10

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Show Review: Leoniden & Kids N Cats am 17.11.2018 im Carinisaal/Lustenau (A)


Eine ständig wachsende Fangemeinde, unzählige Videoplays, zwei verpasste Konzerte in der näheren Umgebung, bereits jetzt schon ausverkaufte 2019er-Termine und natürlich das sagenhaft gute aktuelle Album waren Grund genug, die Leoniden endlich mal live zu begutachten. Die gerade aufgelisteten Warnzeichen könnten vermutlich ausschlaggebend dafür sein, dass die Zeiten, in welchen man die Band noch im kleinen Rahmen bzw. bei Clubshows erleben kann, wohl ziemlich bald schon vorbei sein werden. Eine Woche vor’m Konzert bekam ich dann doch Muffensausen, ob es beim gewünschten Termin überhaupt eine Abendkasse geben würde, denn die meisten Shows der laufenden Tour waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft. Also, dann lieber auf Nummer sicher gehen und schnell mal die eh viel zu wenig genutzten Möglichkeiten eines Gästelistenplatzes abchecken! Und natürlich in sparsam schwäbischer Entenklemmerei auch noch einen Platz für die Liebste abstauben! Obwohl mein Organisiationstalent doch eher zu wünschen übrig lässt, war sogar die Kinderbetreuung für den abendlichen Ausflug geklärt, die Reise ins österreichische Lustenau wurde in Angriff genommen. Bei sternenklarer Nacht mit Minusgraden standen wir pünktlich bei Türöffnung mit einer Traube an bibbernden und frierenden Menschen vor’m Carinisaal.

Keine Ahnung, ob es noch Karten an der Abendkasse gab, der kleine und kuschelig warme Club war jedenfalls in kürzester Zeit rappelvoll. Dabei fiel mir der hohe Frauenanteil unter den Anwesenden auf. Da ich seit den Neunzigern auf so gut wie keinem Indie-Konzert mehr war, wunderte ich mich dann doch etwas an den seltsamen Klamotten. Hab ich da was verpasst? Trägt man auf Indie-Konzerten keine Bandshirts mehr? Bei reinen HC/Punk-Shows ist das irgendwie anders. Nun, anstelle der Bandshirts konnten an diesem Abend Klamotten bestaunt werden, vor denen man sich bereits in den 80ern gruselte. Mit Hochwasser-Cordhosen, die fast bis Unterkante Kinn reichen, hatte man seinerzeit auf dem Schulhof gute Aussichten auf eine ordentliche Abreibung. Auch irgendwie abgefahren: einzelne Bandmitglieder der Leoniden wurden beim Gang durch’s Publikum von mehreren jüngeren weiblichen Fans abgefangen und zu einem gemeinsamen Foto genötigt. Am meisten traf es natürlich Sänger Jakob Amr, der aber immer freundlich und höflich in die Kamera grinste. Das nimmt ja fast schon Auswüchse wie bei einer Bravo-Boyband an!

Dass Klamotten nur zweitrangig sind, konnte man eindrucksvoll beim Support-Act Kids n Cats beobachten. Da ich die Band aus Wien bisher nicht kannte, hörte ich im Vorfeld mal ins Material des Quartetts rein. Irgendwie sagte mir die bizarre Mischung aus Hiphop, Electro, Indie und Weird-Pop aber nicht so zu, weshalb ich keine allzu großen Erwartungen an den Auftritt der Band hatte. Nun, so kann man sich täuschen! Zu Beginn lagen die vier Musiker erstmal geschlagene fünf Minuten auf der Bühne, alle einheitlich in schlabberige weiße Klamotten gehüllt, die an eine Mischung aus Pyjama, Judo-Mantel und Zwangsjacke erinnerten, dazu bemalte Gesichter. Dann wachte die Band abrupt auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und startete direkt mit ihrer Show – und zwar mit einem ordentlichen Schuss Post-Punk und einer abgefahrenen Performance. V.a. Sängerin Jeanne Drach verrenkte sich, hüpfte ungehalten durch die Gegend und tanzte wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen um das Feuer. Wie ich nachträglich erfuhr, bestreitet die Dame ihren Lebensunterhalt u.a. als Puppenspielerin. Auch der Rest der Band wirbelte ordentlich Staub auf. Die Bassistin, der Gitarrist und sogar der Drummer halfen stimmlich bei den Refrains mit, letzterer kommunizierte sogar öfters mit dem Publikum. Zwischen den Songs gab es Erklärungen zu den in französischer, spanischer und englischer Sprache vorgetragenen Texten. Größtenteils haben diese feministische Inhalte und drehen sich um Themen wie Gender und Selbstverwirklichung. Die Ansage, dass man/frau sich von der Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft lösen und Träume verwirklichen soll, wird dem Bühnen- und Erscheinungsbild der Band mehr als gerecht. Denn dass hier eine Menge Herzblut und Leidenschaft dabei ist, hat dieser Auftritt deutlich vermittelt. Schön auch, wie immer wieder das Publikum in die Performance mit einbezogen wurde. Bei einem Song durften z.B. verschiedene Leute aus dem Publikum Tierlaute beisteuern, die anschließend geloopt in einen Song einflossen und für einige Lacher sorgten. Fazit: kurzweiliger Auftritt, äußerst sympathische Band, läuft sicher bald auf FM4 (falls nicht schon längst geschehen). Checkt mal ein paar Videos der Band an, die sind durch die Bank alle zu empfehlen! Kids n Cats ließen übrigens bei Beendigung ihres Sets noch verlauten, dass die Leoniden angekündigt hätten, den Laden heute Abend gründlich zu zerlegen. Solche Aussagen sind manchmal gefährlich, da sie die Erwartungen des Publikums ins unermessliche steigern.

Nun, nach einer kurzen Umbaupause, in welcher die Leoniden persönlich Hand anlegten und erstmal routiniert Ordnung auf der Bühne schafften (es lagen wirklich keine Stolperfallen mehr auf der Bühne rum), starteten die Jungs mit dem Song Colourless und einer unglaublichen Power, die ab dem ersten Ton fesselte. Ich behaupte mit reinem Gewissen, dass der Funke zwischen Band und Publikum in den ersten zehn Sekunden übergesprungen ist und das Feuer über die Gesamtspielzeit von 90 Minuten lichterloh brennen ließ. Der absolute Wahnsinn! Auffallend war der bestens abgemischte glasklare Sound, da war echt jedes Instrument und jeder Ton perfekt zu hören. Und diese energiegeladene Bühnenshow: die komplette Band permanent in Bewegung, als ob sich die Jungs unentwegt gegenseitig zur Höchstleistung anstacheln würden, als ob von diesem einen Auftritt Leben und Tod abhängen würde. Wie man als Sänger bei so einer körperlichen Leistung auch noch jeden Ton treffen kann, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Und obwohl man sofort wild das Tanzbein schwingen will, ist man vom Anblick der Band fasziniert und kann den Blick gar nicht von der Bühne abwenden. Diese Typen haben so viel Freude an ihrer Musik, das kann man gar nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben! Die wollen einfach nur wie ein paar durchgedrehte Irre ihre Mucke machen und dabei maximal Spaß und Freude haben.

Aufgeputscht durch die eigene Musik, pures Adrenalin! Nach dem dritten Song bereits so zu schwitzen, dass selbst ein Handtuch nicht mehr allzuviel bringt, sagt einiges über die Ernsthaftigkeit einer Band aus. Es machte einfach tierisch gute Laune, diese vor impulsiver Leidenschaft und literweise Herzblut strotzende Band bei dem zu beobachten, was sie da auf der Bühne veranstaltete. Die grinsenden Gesichter der perfekt aufeinander eingespielten Musiker erzeugten zusammen mit den aus beiden Alben gespielten Hits und einer unaufdringlichen Lightshow auch in den Reihen des Publikums für zufrieden grinsende Gesichter. Gerade live bemerkt man den massiven HC/Punk-Background der Jungs. Der Gitarrist hat in ein paar Jahren sicher kaputte Knie, diese Kniefall-Beugen können absolut nicht gesund sein. Vielleicht erwürgt er sich aber auch vorher mit dem Gitarrengurt oder haut sich die Gitarre beim Balancieren auf dem Kopf gegen die Rübe. Und ja, an der Zerlegung des Carinisaals wurde weiter gearbeitet, einfach mal die Gitarre hüpfend gegen die niedrige Decke knallen, so dass der Putz rieselt!

Eine ausgeklügelte Idee ist auch der Bühnenaufbau der Leoniden, die zwei Keyboards/Midi-Controller sind so aufgebaut, dass sich Keyboarder Djamin und Sänger Jakob angrinsen können und dabei auch noch ständig die Plätze wechseln, so dass neben der Bewegung auf der Bühne auch mal jeder im Publikum die Chance hat, die zwei beim Paarungstanz frontal zu sehen. Und obwohl so viel Equipment rumsteht, ist trotzdem noch reichlich Platz für die coolen Moves des Bassisten. Zwischen den Songs kommunizierte die Band ausgiebig mit dem Publikum, welchem sogar wiederholt großer Dank ausgesprochen wurde. Das neue Album war zu der Zeit erst 22 Tage draußen, da darf man sich als Band dann auch mal an der Textsicherheit des Publikums freuen! Sehr sympathisch! Überhaupt legten die Jungs einen großen Wert auf Publikumsnähe, Sänger Jakob nahm ein paar sehr ausgiebige Bäder im Publikum. Zu einem dieser Ausflüge nahm er dann sogar sein Kuhglocken-Drumset mit, das er während des Auftritts mehrmals wie ein Irrer bearbeitete, einmal sogar über den Köpfen des Publikums in der Mitte des Saals. Zudem forderte er das Publikum wiederholt dazu auf, nach der Show doch noch ein bisschen zusammen abzuhängen und zu plaudern. Da wir ja noch ein Stückchen Heimfahrt vor uns hatten und zufällig in dieser sternenklaren Nacht mit dem Höhepunkt des Leonidenstroms zu rechnen war (kein Witz!), verließen wir in der Hoffnung auf ein paar Sternschnuppen nach den drei Zugaben glücklich und voller Adrenalin den Ort des Geschehens. Ich muss nicht erwähnen, dass sich auf der Heimfahrt keine Sternschnuppe blicken ließ, aber nach einem solch hammermäßigen Konzert ist das letztendlich auch ziemlich schnuppe!

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Leoniden – „Again“ (Two Piece Signs)

Mit ihrem sebstbetitelten Debütalbum konnte die Kieler Band ja bereits etliche Indierock-Fans begeistern, die Leoniden wurden daher im Jahr 2017 als Newcomer in den höchsten Tönen gelobt. Dabei wurde gern übersehen, dass die Leoniden seit ihrer Gründung als Schülerband mittlerweile auch schon bald zehn Jahre auf dem Buckel haben, lediglich Sänger Jakob Amr ist erst im Jahr 2014 zur Band gestoßen. Bis das Debütalbum 2017 dann endlich erscheinen konnte, zogen auch noch zwei weitere Jahre ins Land. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet stört es deshalb gar nicht, dass die Band innerhalb kürzester Zeit – wir sprechen von gerade mal eineinhalb Jahren Abstand – das zweite Album rauskickt. Und das auch noch, obwohl die Band nach dem 2017er-Release quasi jedes Konzert mitnahm, das sie kriegen konnte. Wenn es gut läuft, dann muss man einfach vollen Einsatz zeigen.

Obwohl mir das Album und die vorangegangene EP sehr gut mundete, schaffte ich es bei der letzten Tour leider nicht, einen Blick auf die Jungs zu werfen. Laut Augenzeugen war das Konzert in Ulm und auch ein Auftritt bei einem Festival in Lustenau außergewöhnlich gut. Tja, Chance verpasst, selbst schuld! Kommen wir aber mal endlich zum musikalischen Inhalt von Again. Zehn Songs sind hier in etwas knapp über einer halben Stunde zu hören. Und bereits beim ersten Durchlauf wird klar, dass die Hitdichte erneut an der Obergrenze liegt. Dazu darf man bei jedem weiteren Durchgang staunen, wie viele Töne aus den verschiedensten Quellen miteinander zu dieser homogenen Einheit zusammenschmelzen, ohne dass das Ganze auch nur ansatzweise konstruiert wirkt. Das klingt so lebendig, pulsierend und frisch! Da haben die Jungs sicher konzentriert dran gefeilt, womöglich wurde bei den Aufnahmen wie auf einem orientalischen Bazar um jeden einzelnen Ton gefeilscht. Das Grundgerüst der Songs besteht ganz klar aus Gitarre, Schlagzeug, Synthies und einem unschlagbar smoothen Bass, dabei wundert man sich immer wieder über die stimmliche Bandbreite von Sänger Jakob. Der Typ hat mal ein richtig gutes Organ, da kommt pure Emotion rüber. An manchen Stellen meint man fast, man hätte gerade den Geist von Michael Jackson erblickt. Hört mal in den dritten Song Alone rein, da sind auch die besseren Songs von Justin Timberlake nicht weit, wenn auch hier tausendmal mehr Herzblut, Leidenschaft und Inhalt drin steckt! Denn auch die Lyrics beschäftigen sich mit tiefgründigeren Dingen wie z.B. Angst, Selbstzweifel und Depressionen.

Das bereits erwähnte Grundgerüst, das durchaus eine gesunde Rock-Kante besitzt, wird durch etliche Töne komplettiert. Im Verlauf des Albums fügen sich Handclaps, Streicher, Chöre/Frauenchöre, Elektro-Spielereien und Kuhglocken-Drums gekonnt in den Gesamtsound ein, so dass dem Ganzen eine ordentliche Pop-Note anhaftet. Die smoothen Grooves klingen jedenfalls auf der heimischen Stereoanlage sehr tanzbar und funky. Das macht definitiv Lust, die Band endlich mal live zu sehen! Und Vorsicht, Spoiler: in Bälde gibt’s hier ein kleines Review zur Show in Lustenau/Österreich zu lesen. Checkt Again unbedingt mal an, das Album ist so gelungen, dass es vermutlich bald an der Spitze der deutschen Indie-Charts stehen wird.

9/10

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Island – „Feels Like Air“ (frenchkiss records)

Auf dem Cover der 12inch schwebt ein Typ im freien Fall durch die Lüfte, er hat sozusagen den Boden unter den Füßen verloren. Wie schnell so etwas mal passieren kann, wissen nicht nur die Leute, die sich in der Musikszene Londons als ernstzunehmende Musiker behaupten wollen. Nirgendwo anders ist der Konkurrenzkampf unter Musikern härter als in der britischen Metropole. Wenn man sich dann auch noch mit Britpop über die Runden schlagen will, der ja nach den Nullerjahren nicht mehr so richtig aus seinem Loch gekrochen ist, dann hat man es doppelt so schwer. Die vier aufstrebenden Boys haben bereits zwei EPs veröffentlicht, die wohl breiteren Anklang fanden und in diversen Kreisen hochgelobt wurden. Nun, in der Sache bin zumindest ich komplett unvorbelastet, mit dem Debütalbum Feels Like Air erfahre ich erstmals von der Existenz der Band.

Die Gitarren simulieren zu Beginn so etwas wie einen freien Fall. Unbekümmert schweben sie durch die Lüfte, dabei schwingt ein großer Batzen Melancholie mit. Diese Melancholie tritt noch mehr in den Vordergrund, als erstmals der rauchige Gesang einsetzt. Und ja, Feels Like Air kann in seiner Gesamtheit richtig durchdringen und berühren. Gerade auf Vinyl entsteht da eine ganz intime Stimmung. Und obwohl die Band sehr reduziert unterwegs ist, entwickeln die Songs Tiefe und Atmosphäre. Einzelne Töne wabern durch den Raum, die Gitarre flirrt ein paar Töne, das Schlagzeug begleitet unauffällig aber dennoch prägnant. Die kristallklare Produktion lässt das alles nur noch stärker wirken. Die delaylastigen Reverb-Gitarren klingen fast magisch, der reduzierte Sound zieht einen richtig in den Bann. Und über allem schwebt dieser ausdruckstarke und melancholische Gesang! Das klingt so vertraut und doch so anders.

Hätte niemals gedacht, dass mich ’ne Britpop-Band 2018 noch packen könnte, aber Island klingen äußerst vielversprechend. Wo Bands wie The Kooks in die Langeweile abdriften, legen Island noch eine Schippe Spannung und Melancholie drauf, da hat man dann so Zeugs wie Héroes del Silencio, Chris Isaak oder die deutschen Indie-Electro-Dream-Popper Wyoming im Ohr. Songs wie Ride, Try oder The Day I Die gehen sofort ins Ohr, während andere Stücke wie z.B. auch das Titelstück wiederum etwas länger brauchen, dafür aber umso intensiver einschlagen. Wenn ihr euch also mal wieder richtig gut gemachten, emotionalen Indie-Rock/Britpop reinpfeifen wollt, dann kann euch dieses Album nur wärmstens empfohlen werden!

8/10

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The Get Up Kids – „Kicker“ (Big Scary Monsters)

Manche Platten haben so einen starken Ewigkeitscharakter und verströmen gleichzeitig auch Jahrzehnte nach Veröffentlichung noch den Geschmack und den Duft des Sommers. Zu dieser Kategorie zähle ich persönlich das Something To Write Home About-Album der Get Up Kids. Wahnsinn, wie oft das Ding bei mir seine Runden drehte bzw. immer noch dreht, noch etliche Runden mehr als das Debütalbum und alle nachfolgenden Releases. Zudem hat das zum Album gehörige Promo-Poster, in welchem einst ein paar beim Mailorder bestellte Platten eingewickelt waren, seit Jahren einen Ehrenplatz im heimischen Wohnzimmer erhalten. Und natürlich gibt’s zu dem Poster auch eine Geschichte. Es wurde nach Erhalt liebevoll gebügelt (!) und auf einen extra zugeschnittenen Karton gekleistert. Es war eine Katastrophe, als unser damals noch lebender Kater einmal quer mit den Krallen drüber schrammte. Keine Ahnung, warum dieses verrückte Vieh das damals machte. Zum Glück konnte ich das Poster restaurieren, trotzdem schleichen sich durch die Kratzspuren Erinnerungen an den impulsiven schwarzen Kater ein. Mittlerweile ist er leider verstorben. Der hatte einfach die pure Zerstörungswut, da konnte man schon mal von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen und fand eine komplette Familienpackung Klopapier fein säuberlich zerkleinert und in Millionen Stückchen auf jeden Raum in der Wohnung verteilt vor.

Nun gut, nachdem die Get Up Kids das Zeitliche gesegnet hatten und ein paar Jahre später eine Reunion stattfand, war ich von dieser ein wenig enttäuscht, zumal mir die 2010er EP Simple Science etwas zu lieblos erschien und mich nicht unbedingt vom Hocker reißen konnte. Auch mit dem aktuellen Solo-Album von Matt Pryor konnte ich mich bislang nicht unbedingt anfreunden, so dass meinerseits ein wenig Skepsis gegenüber der neuen EP bestand. Diese verflüchtigte sich aber bereits bei den ersten Klängen der digitalen Promo, so dass ich einen Luftsprung machte, als ich im neulich eingetroffenen Promopaket aus dem Hause Fleet Union die EP in Form einer 12inch vorfand. Pünktlich zur Fußball-WM wurde das Ding schlicht mit Kicker betitelt. Und während die Fußball-WM für mich persönlich ungefähr das langweiligste Ereignis dieses Planeten ist, kickt mich diese EP hingegen einmal kräftig in den Allerwertesten. Es sind zwar nur vier Songs, aber die versprühen alle diesen jugendlich-melancholischen Charme, der auch auf Something To Write Home About an allen Ecken zu entdecken ist und diese Platte so besonders macht. Die Stimme von Matt Pryor hat also immer noch das Zeug dazu, dir die Nackenhärchen aufzustellen.

Das Kicker-Motiv wurde übrigens nicht wegen der WM gewählt. Die Jungs haben sich auf Tour das Warten auf den Gig mit sehr viel Tischfußball verkürzt. Angeblich soll sogar im Proberaum der Band mittlerweile so ein Tisch stehen. Spieltrieb scheint also weiterhin vorhanden zu sein, auch wenn die Get Up Kids mit der Zeit irgendwie erwachsen geworden sind. Das behaupte ich jetzt einfach mal flapsig anhand der Texte, die aus einem anderen Blickwinkel heraus das Leben der Ü40-Generation beschreiben. Ja, nicht nur ihr seid gealtert, auch die Get Up Kids sind mittlerweile alle über vierzig und haben teilweise schon Nachwuchs, da fokussieren sich die Dinge etwas anders. Was geblieben bzw. zurück ist, ist der jugendliche Leichtsinn in Bezug auf die Musik. Die Gitarren erzeugen mit ihren hymnischen bis fuzzigen Melodien richtige Glücksgefühle, dazu gesellen sich die schwurbelnden Keyboards und natürlich der einfühlsame Gesang von Matt Pryor. Und die Refrains, die sich ins Ohr drehen. Hört mal den Anfang von I’m Sorry! Da hüpft doch das Herz! Und auch die anderen Songs schlagen in die gleiche Kerbe. Das ist der Sound, den man sich für die perfekte Klassenfahrt wünscht! Die Get Up Kids sind wieder zurück!

8.5/10

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Ghost Bag & Tine Fetz – „Selftitled“ (Adagio 830)

Wenn ihr dieses schwere Kunstwerk von 12inch in euren Pfoten halten solltet, dann wird euch richtig warm ums Herz werden, während ihr gleichzeitig vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zubekommt und ihr schwitzende Handinnenflächen plus gerötete Bäckchen haben werdet. Wahnsinn! Das Gatefoldcover an sich ist schon ein Blickfang, der schlichte weiße Karton ist mit einem schwarzen Siebdruck im Graphic Novel/Comic-Stil ausgestattet. Im Inneren kommt dann die nächste Überraschung ans Tageslicht: ein geheftetes vierundvierzigseitiges Zine, gedruckt auf dicke, weiße DIN A4-Pappseiten. Umschlag und Zine sind von der Berliner Illustratorin und Graphic Novel-Künstlerin Tine Fetz gestaltet. Schön finde ich, dass bei diesem Release Musiker plus Künstlerin auf gleicher Augenhöhe stehen und der Name der Illustratorin auf dem Plattencover genannt wird. Hinter dem Name Ghost Bag verbirgt sich übrigens der Niederländer Nick Jongen, den man auch von den Bands Sleep Kit, I Am Oak und Baby Galaxy her kennt. Die Songs wurden vorwiegend in traditioneller Homerecording-Atmosphäre in Nicks Schlafzimmer in Maastricht aufgenommen und gemischt, für’s Mastering war mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden zuständig.

Die Seiten des Zines sind das Resultat einer Fernbeziehung der beiden Künstler und entstanden im Dialog. Auf der einen Seite sind die nachdenklichen Songtexte zu lesen, auf der anderen Seite sorgen die auf den ersten Blick an die Songtexte angelehnten teils düsteren schwarz-weiß-Illustrationen für reichlich Stoff zum Nachdenken. Stöbert man ein wenig im Klappcover, dann entdeckt man, dass die Zeichnungen zuerst angefertigt wurden und erst dann Musik und Songtext entstanden ist. Es werden sehr viel persönliche Erinnerungen und Erfahrungen thematisiert, das geht natürlich direkt unter die Haut. Die Vergänglichkeit scheint hier ein ebenso großes Thema zu sein, wie die Tatsache des viel zu schnellen Erwachsenwerdens bzw. Alterns, selbst ferne außerirdische Galxien werden in Betracht bezogen, vermutlich durch die Lektüre des Science Fiction-Romans Solaris von Stanislaw Lem. Auf dieses Detail stößt man, wenn man die Zeichnungen genau studiert. Die Texte leben von der Beobachtung der Umgebung, sie sind auf Details fokussiert, eben genau wie die Zeichnungen.

Diese intime Atmosphäre spiegelt sich auch im reduzierten und vor sich hinplätschernden Songwriting, das sich vor allem durch lose Strukturen kennzeichnet. Die elf Songs bewegen sich vorwiegend im langsamen Tempo und wirken hypnotisch, das Schlagzeug pumpert entspannt vor sich hin, während aus der Gitarre eine gefühlvolle Akkordfolge ertönt oder auch nur einzelne Saitenklänge im Raum schweben. Dazu dringt eine warme Stimme ans Ohr, die verträumt und gefühlvoll das fehlende Stückchen ertastet, das dem Ganzen noch mehr Raum und Atmosphäre verleiht. Die Tiefe der Songs entsteht gerade weil viele Stücke nicht unmittelbar ins Ohr gehen und sich dem gängigen Songwriting á la Anfang-Refrain-Schluss völlig quer stellen. Deshalb klingt der Sound dann auch so lebendig und unvorhersehbar, obwohl das Tempo sehr einseitig ist. Das hat auch schon bei anderen Bands sehr gut funktioniert, ich denke da an diverse Mike Kinsella-Projekte wie z.B. Owls oder Owen, es kommen mir aber auch viele 90er Indie-Bands wie Sea And Cake, Bedhead, Slint oder Troy Von Balthazar in den Sinn. Man kann sich entweder voll auf das Album mit all seinen Details konzentrieren, es funktioniert aber genauso gut als Soundtrack für ein gemütliches Sonntagsfrühstück. Auf Vinyl wirkt diese Art von Musik natürlich sehr lebendig, es ist ein wahrer Genuss!

8/10

Bandcamp / Adagio830


 

The Rememberables – „Selftitled“ (Adagio830)

Die Band The Rememberables kannte ich bisher noch nicht, dementsprechend war ich äußerst gespannt auf deren Sound, als ich die 12inch im Bemusterungspaket aus dem Hause Adagio830 vorfand. Das Albumcover mit dem kontrastreichen und blaustichigen schwarz-weiß-Foto dürfte direkt mit dem Bandnamen in Verbindung stehen, das Foto wirkt jedenfalls wie eine Wohlfühl-Szene aus einer persönlichen Erinnerung heraus, an die man sich zwar gern erinnert, die jedoch im Nachhinein betrachtet mit reichlich Schmerz verbunden ist. Aber dazu später mehr. Aus dem Inneren purzelt erstmal ein Textblatt, mit welchem man es sich gleich auf dem Sofa gemütlich machen kann, nachdem man die in edlem königsblau schimmernde Vinylscheibe aus dem schwarzen Inlay befreit und auf den Plattenteller befördert hat. Die Spannung steigt mit dem Aufsetzen der Nadel.

Und schwups, kaum setzt die Nadel auf, findet man sich ohne groß zu hadern in einer Erinnerung wieder, die irgendwo in den Neunzigern herumtorkelt und mit der man damals ganz schön viel Spaß hatte, auch wenn manche Erinnerungsfetzen nur noch schwammig in den hintersten Hirnregionen langsam zu erblassen drohen. Denn The Rememberables beamen Dich mit ihrem fuzzigen, gitarrenorientierten Sound direkt in eine Zeit, als Grunge noch ein dreckiges Image hatte und die abgeranzten Klammotten nicht bei H&M von der Stange kamen, sondern noch aus den Altkleidersäcken der Heilsarmee stammten. Also die Zeit, lange bevor man sich selbst von der Sache beschämt distanzierte und sich wieder dem wirklichen Underground zuwandt. Wohlgemerkt, das war auch noch ellenlange bevor Grunge in den allerletzten Zügen lag und Grusel-Bands wie die 4 Non Blondes oder Soul Asylum die Charts stürmten und das Poservolk angeekelt neue, aber zerrissene Jeans kaufte und auf MTV jeden Scheiß abfeierte.

Okay, aber bevor dieser Text hier noch den Eindruck erweckt, dass ihr auf ’nem Mode-Blog gelandet seid, komme ich lieber mal wieder zurück zur Musik. Dazu muss ich doch noch mal die Vergangenheitskeule rausholen, denn durch den dichten Sound werden Gehirnregionen wach gekitzelt, die lange Zeit brach lagen. Bands wie die frühen Nirvana, Smashing Pumpkins, Pavement, Weezer, Superchunk oder Dinosaur Jr. kommen natürlich als erstes in den Sinn, aber auch Zeugs wie Magna Pop (gerade ruhigere Stücke wie z.B. The Stranger, speziell die Bass-Parts) oder Swan Dive dürften der Band als Einflüsse gedient haben. Gerade auf Vinyl kommt diese Art von Musik ziemlich geil rüber, wahrscheinlich auch, weil Brad Boatright/Audiosiege dem Album diesen satten und fuzzigen Soundstempel aufgedrückt hat. Man kann das Album in einem Rutsch durchhören, dennoch möchte ich zwei Stücke als Anspieltipps empfehlen. Zu meinen Faves gehören If You Should, die Slacker-Hymne schlechthin und das groovige und gleichzeitig melancholische Walk, das im letzten Drittel ein wenig an Alice In Chains erinnert. Ach so, Ready To Run ist auch noch sehr geil. Hach, und jetzt hab ich eingangs was versprochen, das ich jetzt gar nicht einhalte. Zuverlässig wie immer. Aber vielleicht kommt ihr von selbst drauf, wenn ihr die Texte gründlich durchackert. Lieber sollte ich noch erwähnen, dass The Rememberables aus Washington DC stammen und die Jungs zuvor in den Bands Coke Bust, Walk The Plank und Sick Fix ihr Unwesen trieben, zudem kommt die Band im Mai auch für ein paar Shows nach Europa. Jedenfalls ist dieses Album ein gefundenes Fressen für alle, die mit fortgeschrittenem Alter immer noch nicht erwachsen geworden sind!

8/10

Facebook / Bandcamp / Adagio830


 

Bandsalat: Citizen, Cold Reading, Jamie 4 President, Jamie Lenman, JaaRi, Sedlmeir, Stick To Your Guns, Stinky

Citizen – „As You Please“ (Run For Cover) [Stream]
Es gab ja einige Stimmen, die das zweite Album Everybody Is Going To Heaven im Vergleich zum Debut Youth etwas zu sperrig und düster empfanden, denen dürfte das mittlerweile dritte Album der Band aus Ohio runtergehen wie Öl. Ich gehörte ja zu der Sorte, die das letzte Album kräftig abgefeiert haben, dennoch war ich bereits beim ersten Durchlauf von As You Please direkt angefixt vom eingängigen Sound der Jungs, der wieder mehr in Richtung Emo und Post-Hardcore geht. Und auch etliche Runden später ist klar: das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein. Die neogrungigen Gitarren von Everybody Is Going To Heaven sind völlig verschwunden, anstatt dessen dringen die schwermütigsten Melodiebögen hervor, die zusammen mit dem melancholischen und ausdruckstarken Gesang von Sänger Mat Kerekes zentimeterdicke Gänsehautautobahnen garantieren. Da ist dieses verletzliche und zerbrechliche in seiner Stimme, die sich aber nicht unterkriegen lässt und auch mal kraftvoll ausbrechen kann. Ich sehe hier ab und zu Parallelen zu Bands wie Knapsack oder Sensefield. Die Band hat ein unglaubliches Gespür für den optimalen Songverlauf, so dass trotz der hymnischen Eingängigkeit immer noch genügend Abwechslung und Intensität vorhanden ist und es etliches zu entdecken gibt. Die zwölf Songs vergehen wie im Flug und ehe man es sich versieht, sind auch schon wieder 50 Minuten vergangen, bevor man sich gleich noch ’ne Runde gönnt. Dieses Kurzweil erklärt sich auch durch die Vielseitigkeit und Experimentierfreude der Band. Da werden z.B. Orgeln zur Begleitung eingesetzt, ein Piano und ungewöhnliche Percussion-Effekte lassen sich ebenfalls entdecken, dort geistert eine Tremolo-Gitarre in die Höhe und selbst vor gesampleten Chorgesängen wird kein Halt gemacht. Mir liegt momentan nur die Digipack-CD vor, die zugegeben etwas sparsam gestaltet ist, v.a. vermisse ich hier ein Textheftchen. Ich spiele jedenfalls mit dem Gedanken, das Ding auf Vinyl zu holen, obwohl meine selbst gezeichneten Sterne auch nach mehrjährigem Üben immer noch so aussehen wie auf dem Cover. Dieses Album ist so unendlich schön!


Cold Reading – „Sojourner“ (KROD Records) [Stream]
Schon die Debutscheibe der Schweizer konnte bei mir ein paar Punkte sammeln, jetzt legen die vier Luzerner mit Sojourner eine vier Songs starke EP nach, die Appetit auf ein weiteres Full Length macht. Herrlich altmodisch tuckern die Songs um die Ecke, soll heißen, dass man hier viel Emo/Indie aus der Ära Ende der Neunziger und rund um die Jahrtausendwende auf die Ohren bekommt. Die Gitarren kommen zuckersüß und melancholisch, der Gesang wirkt zerbrechlich, die Drums und der Bass basteln ein starkes Grundgerüst und manchmal darf es sogar ein wenig verknittert klingen. Da kommen natürlich unweigerlich US-Emocore-Bands wie Promise Ring, The Get Up Kids, American Football und Sunny Day Real Estate in den Sinn, auch Fans von deutschen Bands wie Pride And Ego Down, Pale oder Reno Kid dürften am Sound der vier Jungs Gefallen finden. Die EP beginnt flott, wird im Verlauf immer ruhiger und zum Ende hin sogar richtig emotional leise. Gerade das sechsminütige Scratches zaubert mit seinen gefühlvollen Gitarren eine Wohlfühl-Märchenwald-Landschaft voller vertraut klingender Geräusche auf eure Ohren. Das Ding ist übrigens als CD und digitaler Download zu haben, die Vinyl-Version dürfte wohl diese Formate um Längen toppen, so ein Sound kommt auf Vinyl sicher noch um Längen authentischer rüber. Dicke Empfehlung!


Jamie 4 President – „The Heartbreak Campaign“ (BCore) [Stream]
Warum ist der Sommer schon wieder vorbei? Das fragt man sich, sobald man die ersten Töne von Jamie 4 President aus Madrid wahr nimmt und gleichzeitig mit diesem Strand-Coverartwork konfrontiert wird. Diese alltäglichen Strandsituationen mit wohlhabenden und dekadenten Touristen aus zig Ländern nerven die Einheimischen angesichts der angespannten Wirtschaftslage und der sich daraus bringenden Perspektivlosigkeit der jungen Bevölkerung sicherlich gewaltig. Vor der eigenen Haustür in den heimischen Breitengraden kennen sich diese Touristen leider nicht mehr aus. Da wissen einige nicht, dass man mit der Buslinie 3 schneller als mit dem Auto am Ziel wäre, mit dem Fahrrad käme man sogar noch eher an. Ein Glück, dass diese Leute zielorientiert den Schalter finden, an dem man neben billigen Inlandflügen auch günstige und umweltunbedenkliche Flugtickets ins Ausland erwerben kann. Okay, ich schweife ab, aber gibt es außer mir da draußen noch Leute, die Flugreisen aus umweltpolitischen Gründen konsequent ablehnen? Naja, ich hoffe doch! Beim Betrachten des Covers sind mir diese unbequemen Gedanken übrigens als erstes in den Sinn gekommen, daher müsst ihr sie hier auch lesen. Aber nun zur Musik: Die Band posiert auf ihrem Facebook-Profil gern mit Sonnenschirm, dementsprechend sonnig klingen die zehn Songs. Ihr bekommt echt schmissigen Emo mit melodischen Punktunes auf die Ohren, große Vorbilder dürften wohl die Get Up Kids, Nada Surf und die Beatles sein, die melancholischen Einflüsse kann man bei Bands wie The Cure, The Smiths und Death Cab For Cutie finden. Trotzdem dürften die zuerst erwähnten wohl der Haupteinfluss sein. Die Gitarren klingen einerseits so unbeschwert, andererseits kommt aber auch massig Melancholie durch, beim Gesang ist ähnliches zu beobachten. Das Ding ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Bcore Disc, La Agonia de Vivir, Discos Finu und Pifia Recs erschienen. Geile Sache!


Jamie Lenman – „Devolver“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem die UK-Band Reuben Geschichte war und deren Frontmann Jamie Lenman im Jahr 2013 das Doppelalbum Muscle Memory veröffentlichte, das noch stark von Country und Thrash-Metal dominiert wurde, ist auf den elf Songs des Zweitlings Devolver nicht mehr allzuviel von diesen Einflüssen zu hören. Eher klingt das Ganze nach einer Mischung aus Post-Hardcore (Personal), Industrial, Alternative-Rock (Hardbeat, Mississippi) und College-Emorock (I Don’t Know Anything). Die Songs kommen direkt zum Punkt, neben elektronischen Spielereien knallen hier v.a. die gewaltigen Riffs, aber auch in den ruhigeren Momenten, wenn es ganz schön eingängig und tanzbar wird – wie z.B. bei Body Popping -überzeugt der Sound auf ganzer Linie. Die Songs sind durchdacht arrangiert und irgendwie geht das alles ziemlich schnell ins Ohr. Wenn ihr euch eine Kollaboration aus den Nine Inch Nails, The Used, den Beatsteaks, Queens Of The Stone Age, Incubus und den Red Hot Chili Peppers vorstellen könnt, dann horcht doch hier mal rein.


JaaRi – „A New Years Story“ (Dreiklang) [Video]
Nach einer Demo-EP und einer Studio-EP gibt es nun die mittlerweile dritte EP dieser Band aus Berlin, die ihre bisherigen Releases in DIY-Eigenregie veröffentlichte. Mit A New Years Story sind die zwei Jungs und das Mädel am Bass nun beim Berliner Indie-Label Dreiklang gelandet, die darauf befindlichen vier Songs, die insgesamt 15 Minuten dauern, erzählen laut dem nett geschriebenen Infotext eine 24-stündige Geschichte an einem Silvesterabend/Neujahrsmorgen. Also wieder mal eine Art Konzept-EP. Die vier Stationen kennt man eigentlich auch von normalen Wochenenden, aber an Silvester ist dieser Ablauf natürlich weitaus beklemmender als im Alltag. Diese Situation hat sicher jeder von euch schon zig-fach erlebt: die Fahrt zur Party (9:23 PM), die Eskalation auf der Sause (1:37 AM), die nebulöse Rückfahrt (6:29 PM) und die unweigerliche post-alkoholische Depression (9:16 PM), eventuell sogar von unendlichem Liebeskummer oder unheimlicher Scham begleitet. Naja, irgendwie fehlt mir zur Vervollständigung des Abends noch der Filmriss und die krampfhaft herbeigesehnte Erinnerung an die vielen fehlenden Stunden. Bevor ich schlecht draufkomme, holt mich das Trio musikalisch wieder runter von meiner im Anlauf lauernden Depression. Schön sperrig geht die Reise los, vom Sound her hätte diese Band auch auf’s legendäre Swing Deluxe-Label gepasst, gerade der erste Song ist das fehlende Glied auf dem Achtung Autobahn-Sampler: Zwischen Bands wie The Cherryville, Maggat, Hidalgo, Soave und Milemarker hätten JaaRi mit ihrem Washington DC-angehauchten Post-Emo-Punk hervorragend gepunktet. Vom Text des Openers inspiriert googlete ich gleich die Fahrtzeit von Lichtenberg nach Neukölln. Hmm. Während man mit dem Auto am schnellsten ist, braucht man zu Fuß am längsten, die U-Bahn braucht noch ein paar Minuten mehr als ein Trip mit dem Fahrrad. Na dann, Kopfhörer draufsetzen und sich beim Fußmarsch auf die nächste Neukölln-Party auf acht Durchläufe der EP freuen.


Sedlmeir – „Fluchtpunkt Risiko“ (Rookie Records) [Stream]
Auch auf dem mittlerweile sechsten Longplayer des saarländischen Schlagerpunk-Solokünstlers Sedlmeir gibt es jede Menge Satire, schwarzen Humor und Sarkasmus, die Texte sind jedenfalls wieder toll geworden. Musikalisch verpackt ist das Ganze in einem Mischmasch aus Punk, Lo-Fi-Trash, Indie, Rock und Noise, dabei fehlt es keinesfalls an Pop. Das Gespür von eingängigen Melodien ist neben der Texterei jedenfalls eines der Haupttalente des Alleinunterhalters. Songs wie Ein guter Tag zum Stehen oder Oberklasse Unterschicht brennen sich bereits beim ersten Durchlauf in die Gehörgänge ein. Liegt irgendwo zwischen Bela B, Tocotronic und The White Stripes. Könnte mir vorstellen, dass eine Live-Show von Sedlmeir sicher ganz unterhaltsam ist. Seit Mitte Oktober bis Ende Dezember tingelt der Saarländer jedenfalls durch die Cafés und Bars der Republik.


Stick To Your Guns – „True View“ (End Hits Records) [Stream]
Hach, ich wage selbst aus dem CD-Blickwinkel zu behaupten, dass das Albumartwork ja wohl richtig hübsch ist. Das würd ich gern in 12inch-Größe begutachten! Auch im Textheftchen gefallen mir die im Eric Drooker-Stil angefertigten Zeichnungen. Stick To Your Guns sind nun auch schon 14 Jahre unterwegs, bisher hab ich mich jedoch mit der Band aus Orange County noch nicht so richtig befasst, obwohl ich die Jungs live ziemlich energievoll und intensiv in Erinnerung habe. Das ist jetzt vielleicht nicht so glücklich ausgedrückt, denn ich meinte damit, dass ich noch nie etwas über das Schaffen der Band niedergeschrieben habe, die bisherigen Veröffentlichungen sind mir aber durchaus bekannt. Daher kann ich auch ganz ohne Skrupel behaupten, dass True View bisher das ausgereifteste Release der Kalifornier ist. Zwischen Melodic Hardcore, Modern Hardcore und Metalcore passen auch immer wieder hochmelodische Gitarrenriffs, die ihren Ursprung in OC-Bands wie Uniform Choice oder Ignite haben. Dennoch klingt das hier alles viel moderner und fetter, da hat man dann eher Bands wie Boy Sets Fire, Comeback Kid oder frühe Death By Stereo im Ohr. Geil und voller Energie! The Better Days Before Me ist jedenfalls eines meiner Lieblingsstücke in der Schaffensphase von Stick To Your Guns. Und bevor ihr nur noch wie blöde vor eurer heimischen Hi-Fi-Anlage in circles moved, solltet ihr noch wissen, dass es in den Lyrics diesmal weniger um Politik und Gesellschaft geht. Vielmehr werden hier inklusive Selbsterkenntnis Fehler aufgearbeitet, die immense Einflüsse auf zwischenmenschliche Beziehungen nahmen. Hört euch das an und macht es im real life irgendwie besser!


Stinky – „From Dead-End Street“ (Riot Bike Records) [Stream]
Die Gitarren! So geil! Eigentlich kratzt man sich nach dem ersten Durchlauf am Kopf und denkt sich so…naja, eigentlich nichts weltbewegend Neues! Trotzdem bolzt es ganz schön nach vorn. Die Gitarren fetzen, die Drums hämmern sich ins Gehirn, die Kreischvocals von Sängerin Claire bringen den Rest. Nun, auf der zweiten Full Length merkt man im Vergleich zum Debut der Franzosen, dass alles etwas roher geworden ist, trotzdem kommen immer wieder diese melodischen Gitarren um die Ecke, die man auch von Bands wie z.B. Comeback Kid oder Nine Eleven her kennt. Man hört den Aufnahmen an, dass die Band mittlerweile gut auf sich eingespielt ist, bei mehr als 300 Gigs in fünfzehn verschiedenen Ländern innerhalb von zehn Jahren kann man schon von Umtriebigkeit sprechen, zumal die Band in ihrer Laufbahn mit einigen Besetzungswechseln zu kämpfen hatte. Als Anspieltipp empfehle ich den Song Otherside, der bietet eigentlich einen guten Überblick über die Bandbreite des Quintetts – da hat man diese moshenden Gitarren, die melodischen Parts kommen auch zum Zug und die Bandchöre dürfen ebenfalls nicht fehlen. Auf Konserve könnten die zwölf Songs auf Dauer jedoch ein wenig eintönig werden, aber live geht das hier sicher voll auf’s Fressbrett!


 

Robot – „Vedgdbol“ (Impression Recordings)

Meine Neugier auf Robot wurde durch eine nette e-Mail-Anfrage geweckt. Beim ersten Höreindruck per Stream war ich mir aufgrund des etwas genrefremden Sounds noch ein klein wenig unschlüssig und ließ deshalb die Mail im Posteingang ein paar Tage reifen, bis ich erneut eine Hörprobe nahm. Und plötzlich juckte es mich gewaltig in den Fingern, so dass ich ohne einen dritten Anlauf das in Aussicht gestellte Vinylexemplar anforderte, das auch prompt ein paar Tage später per Post ins Haus flatterte. Und wie befürchtet, entfaltet die Musik auf Vinyl erst so richtig ihre volle Schönheit.

Das geht los beim Gatefold-Cover, das mit diesem wie von Kinderhand gekritzelten Darth Vader-Roboter und dem falsch geschriebenen Wort Vedgdbol (Vegetable) verziert ist. Kann man fast nicht glauben, ein richtiges lo-fi-Artwork! Klappt man das Cover auf, so findet man im Kontrast zum schwarz-weißen Cover im Inneren eine bunte Ansammlung von Gemüse, das durch wirre Verkabelung wie der komplizierte Schaltkreis einer raffinierten Robotermaschine miteinander verbunden ist. Hier sind auch die Texte zu den Songs abgedruckt. In einem dem Presseinfo beigefügten Interview mit Robbie Moore, dem songwriterischen Kopf von Robot, erfährt man, dass die Zeichnung auf dem Frontcover tatsächlich Robbies sechsjähriger Sohn kreiert hat. Er wird auf dem Backcover sogar namentlich als Illustrator aufgeführt. Die Gemüseinstallation im Innencover wurde von Robbies Ehefrau Elsa Quarsell fotografiert. Da könnte man ja fast schon von einem Familienalbum sprechen, wenn Bobby nicht auch noch eine Reihe internationaler Supermusiker um sich geschart hätte (z.B. Knox Chandler – Siouxsie & The Banshees, Taylor Savvy – Gonzales, Bonaparte und noch etliche mehr). Überhaupt, Bobby Moore hat als Klangkünstler bisher schon mit einigen namhaften Leuten zusammengearbeitet (u.a. Babyshambles). Aktuell ist er vor ein paar Jahren mitsamt seiner Familie von London nach Berlin gezogen und betreibt dort nun ein eigenes Tonstudio, sein Label Impression Recordings wurde ebenfalls in Berlin gegründet.

Das Presseinfo ist jedenfalls gespickt mit etlichen Informationen zu Robot. Anfang des Jahres erschien das Solo-Debutalbum namens 33.(3), auf welchem Robbie Moore alle Instrumente im Alleingang einspielte. Weil in diesem Album jede Menge Arbeit und Zeit steckte, wollte Moore auf Vedgdbol spontanere Stimmungen einfangen, so dass er an einem einzigen Wochenende (!) zahlreiche musikalische Ideen festhielt und diese dann aber entgegen seiner bisherigen Vorgehensweise nicht alleine, sondern mit einer All-Star-Band in Live-Sessions im eigenen Studio zu fertigen Songs heranreifen ließ. Hört man das Ergebnis an, dann kann man den zwölf Stücken attestieren, dass dieses Vorhaben präzise umgesetzt wurde.

Die A-Seite beginnt mit einem Feuerwerk an Catchyness, jeder einzelne Song ein verdammter Hit. Meine persönlichen Faves sind der Opener There’s A Crack In My Bell, das ohrwurmartige Anybody Else (But You) – zu dem übrigens auch ein von Monty-Python-Cartoons inspiriertes Musikvideo existiert, siehe unten – und das etwas ruhigere Being Double. Das Songwriting erinnert desöfteren an die Beatles, der Sound pendelt gekonnt zwischen Indie-Garage-Pop und psychedelischen Sixties-Surf-Mucke, ein wahrer Film-Soundtrack für irgendeinen Retro-Sixties-Kinofilm. Die B-Seite hat ebenfalls massig Hits mit an Bord. Nachdem das an David Bowie erinnernde progressive Mousetrap den kühlsten Punkt der Scheibe darstellt, wird es mit Talking To Myself wieder heller, bevor man im Song Seasick sogar einen 13-köpfigen Chor zu hören bekommt. Keine Ahnung, ob mich die Scheibe in der ebenfalls erhältlichen CD-Version genauso mitgerissen hätte, wie das durch den warmen Vinylsound geschehen ist. Aber ich wage zu behaupten, dass man diese Art Musik auf Vinyl am intensivsten erleben kann! Ein tolles Album!

8/10

Facebook / Impression Recordings


 

Bandsalat: Bängks, Beast Jesus, CBRS, Grand-Pop, Hyenas, Landlines, Vena Amoris, We Are H

Bängks – „Mirror“ (lala Schallplatten) [Stream]
Ha, mit Infos wie „die Mitglieder spielten schon in Bands wie Tupamaros, Lockjaw oder Nixion Golden mit“ kann man mich natürlich locken, auch wenn Bängks jetzt nicht so sehr in die Tupamaros-Ecke gehen, sondern eher noch etwas softer bzw. indielastiger als Lockjaw oder Nixion Golden klingen, trotzdem sind die Emo-Referenzen nicht von der Hand zu weisen, beim Opener hat man z.B. Bands wie neuere Thursday im Sinn. Die Gitarren umschmeicheln Dich spielerisch, die gegenspielenden Basslines kommen auch super auf den Punkt, dazu brennen sich die eindringlichen Gesangsmelodien unweigerlich in den Gehörgang. Und wenn dann im letzten Drittel von All My Life auch noch ein bisschen vertracktes Drumming zu hören ist, dann kommt der Punkbackground wieder in den Sinn, bevor es mit Passing Lines richtig geil poppig wird, so dass man an Acts wie Naomi oder The Whitest Boy Alive erinnert wird. Und nach dem vierten Song gibt es noch drei Remixe, zwei davon eben vom Song Passing Lines. Wenn Electro-Zeugs, dann sowas! Sehr schön!


Beast Jesus – „Eros Obfuscate“ (Diagnostic Records) [Name Your Price Download]
Das Albumartwork ignoriere ich jetzt mal ebenso, wie die fast zweiminütige Anfangssequenz, mit der man auch bei einem weiteren Teil von „Der Hobbit“ Bilder des Auenlands untermalen könnte. Was anschließend in den restlichen 14 verbleibenden Minuten des Songs passiert, lässt jedoch interessiert aufhorchen. Der Song beseht aus mehreren Teilen, da wird man von verträumtem Post-Rock fortgetragen, nur um im nächsten Moment von wildgewordenen Frickel-Math-Core und Blackmetal-Parts mit Screamo-Gekeife an die Wand gedrückt zu werden. Aber lange nicht genug, denn es kommen noch hochmelodische Shoegazer-Gitarren zum Vorschein und ein Noisegewitter darf natürlich auch nicht fehlen. Ihr fragt euch, ob so ein Mischmasch der Genres miteinander harmonieren kann? Durchaus! Überzeugt euch selbst und hört mal rein, was die Band aus Manila so draufhat.


CBRS – „Selftitled“ (Palma Records) [Stream]
Bandcamp-Surfen macht manchmal so richtig Spaß, v.a., wenn man solche Releases wie dieses hier entdeckt. CBRS kommen aus Ecuador und nach einer eher unspektakulären Demo dürften die fünf Songs dieser EP genau den Geschmack etlicher Screamo-Shoegazer treffen. Die Gitarren schwirren um die Ohren, der Sänger schreit sich den Hals blutig, zudem ist noch ein fähiger Schlagzeuger mit an Bord. Was will man mehr. Zwischen vertäumter Leere und emotionaler Schwere kommen Melodien ans Tageslicht, die das Zeug dazu haben, Dich in den Wahnsinn zu treiben.


Grand-Pop – „Eight Nights“ (Discos Finu) [Name Your Price Download]
Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist diese Veröffentlichung eigentlich an acht Abenden in den Jahren 2012-2013 entstanden. Damals trafen sich drei Freunde aus Bristol/UK, um ein wenig Songwriting zu betreiben, so dass das Grundgerüst der acht Songs schonmal stand. Nach einem kleinen Zeitsprung von drei Jahren trafen sich unsere drei Freunde wieder, um die acht Songs aufzunehmen. Die Songs wurden an acht Abenden zwischen den Jahren 2015 und 2016 eingespielt, so dass sich der Albumtitel langsam erklärt. Wahnsinn, nur acht Abende. Und das ist auch der Grund, warum sich Eight Nights so verdammt frisch und authentisch anhört. Geboten wird emotionaler Punkrock mit dezenten Midwest-Emo, Pop-Punk und College-Rock-Einflüssen, der einen auf Anhieb am Schlawittchen packen kann. Als Anspieltipps eignen sich besonders das midtempolastige Nervous Nelly oder das vertrackt bis treibend abgehende High Hopes. Dürfte Leuten gefallen, die auch Weezer, Superchunk und The Promise Ring-Platten im Schrank stehen haben.


Hyenas – „Deadweight“ (Pelagic Records) [Stream]
Die Hyenas aus Nürnberg haben mich live schon wiederholt ziemlich vom Hocker gehauen, v.a. der Schlagzeuger hat echt ’nen Sparren ab. Der Typ verprügelt sein Drumset mit einem verdammt irren Blick, das muss man einfach mal gesehen haben. Die vier Jungs bolzen auf diesen elf Songs eine groovige Mischung aus Hardcore, Metal, Post-HC, Noise und Punk runter, dabei dominiert vertracktes Gehacke und brachiale Disharmonie, Melodien finden sich selten, auch wenn ab und zu wie z.B. bei Verminious auch mal ein fast eingängiger Refrain die Sache etwas auflockert oder bei Displaced sogar mal auf das Schlagzeug verzichtet wird. Die Songs sind schön dick gemastert und nach ein paar Durchläufen kommt auch so ein gewisser Wiedererkennungseffekt ans Tageslicht, aber irgendwie fehlt hier etwas die Abwechslung, zudem packen mich die Songs auf Albumlänge bei weitem nicht so, wie eine dieser energiegeladenen Shows, welchen ich schon beiwohnen durfte und die ich euch dringend als Ausgehtipp empfehlen kann, falls die Jungs mal bei euch um die Ecke zocken sollten.


Landlines – „Blue“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die niederländische Band Landlines hat bereits eine Demo, ein Album und eine Split draußen, jetzt folgt mit Blue eine 4-Song-EP. Die Jungs sind seit 2012 unterwegs und vielleicht hat sie ja irgendjemand von euch bereits live gesehen, denn sie tourten immer wieder ausgiebig durch Europa. Vom Sound her wird rauer, aber melodischer Punkrock mit etwas Emo rausgehauen, da kommen natürlich Bands wie Leatherface, Hot Water Music oder Samiam in den Sinn. Live ist das sicherlich ganz nett anzuschauen. Schaut doch mal das Video zu Rock Bottom an und zippt euch kurz die 4-Song-EP auf die Festplatte.


Vena Amoris – „Lucidity“ (DIY) [Name Your Price Download]
Beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort angefixt gewesen: diese EP der noch ziemlich frischen Band Vena Amoris aus Dundee/UK bringt euch vier Songs zu Ohren, die schön sphärisch zwischen Post-Hardcore und Post-Rock wandeln. Irgendwie scheinen die vier Jungs in ihrer eigenen Traumwelt zu leben, denn der Sound hat irgendwas eigenbrötlerisches an sich. Gerade bei Silver erwartet man dieses Schlagzeuggehacke im letzten Drittel des Songs überhaupt nicht. Einzig der Sound könnte etwas besser abgemischt sein, das Schlagzeug klingt ein wenig schwach auf der Brust. Der Sänger beherrscht übrigens perfekt diesen Heulgesang, vermutlich werden als Referenzen hier auch deshalb die Deftones genannt. Und mit Thrice, Hopesfall und Rinoa werden weitere Bands erwähnt, deren Fans auch die Musik von Vena Amoris mögen könnten. Hört mal rein!


We Are H – „Through heights and depths I told you behold the stars will follow“ (DIY) [Stream]
Die Debut-EP dieser neuen Band aus Leverkusen kann man schwer in Schubladen einordnen, denn die drei Herren machen einen eigensinnigen Sound, der sich aus verschiedenen Genres bedient. Die Einflüsse reichen dabei von Punk über Hardcore, von Post-HC/Post-Punk über Noise und von Stop’n’Go-HC bis zu Metal, selten schleichen sich auch Post-Rock-Klänge in den Sound ein. Dabei kann es durchaus sein, dass man völlig unerwartet von einem stampfenden und böse keifenden Mosh-Part überrascht wird. Und nicht nur die Musik ist stimmig, auch das Artwork ist mit einem richtigen Kunstwerk ausgestattet, das würde natürlich in 12inch-Format sicher noch mehr wirken.


 

Cumin – „Naivität“ (DIY)

Wer gerne kocht, ist sicher schon mal mit dem Begriff Cumin in Berührung gekommen. Cumin – zu deutsch Kreuzkümmel –  ist nämlich ein typisches Gewürz, das man in der indischen bzw. asiatischen Küche häufig verwendet, das pfeffert man z.B. gerne in großen Mengen in den lecker zubereiteten Kichererbseneintopf rein. Nun, ob die Band Cumin ihre Musik ausschließlich mit einer einzigen Kräuterpflanze würzt, das wage ich zu bezweifeln. Und ob ihr nach dem ersten Genuss der Mucke der Band aus Feldkirch/Österreich gleich angefixt seid und Nachschlag auf den Teller packt, das kommt ganz darauf an, ob ihr experimentierfreudigem Sound gegenüber offen seid.

Denn das Trio geht sehr experimentell vor, da werden Post-Punk-Einflüsse genauso verarbeitet wie krachiger Noise und etwas Math, zudem schimmert immer wieder ein enormer Rock-Anteil durch, Post-Hardcore, Jazz und Noise-Core-Elemente sind auch zu verorten. Das klingt dann im Gesamtbild sehr psychedelisch und fuzzy, als ob die Jungs auch ab und an mal einer Cumin-Kräuterzigarette nicht abgeneigt wären. Die Gitarre-Bass-Fraktion scheint sich jedenfalls schön groovig zusammen mit dem Drummer in Extase zu spielen, bis diese verschwurbelten und vertrackten Rhythmen sich wieder auflösen und man sich in einer hypnotisierenden Gitarrenmelodie wiederfindet. Nach einem experimentellen Auftakt mit Störgeräuschen, den man auch in einem deutschsprachigen Undergroundfilm zur Soundtrack-Untermalung verwenden könnte, geht es mit Kill Me direkt groovy und tanzbar mit einer schönen lo-fi-Bass-Gitarrenmelodie los, bevor es dann lauter wird und anschließend die Gitarren fast in Karate-Manier vor sich hinjazzen und fuzzen und manchmal frickeln sie sogar wie blöde. Diesem Song merkt man dann auch am ehesten die geistige Verwandschaft mit einer Band wie z.B. Fugazi an, auch die ersten Sachen von den ebenfalls aus Österreich stammenden und längst verblichenen Kurort kommen im Verlauf der Scheibe in den Sinn.

Wie eingangs schon erwähnt, entfalten die Songs erst nach ein paar Durchläufen ihre Magie. Gerade auf Vinyl macht es bei solchen Platten Spaß, sich nach und nach an die Songs heranzuschleichen und nebenbei über das ästhetische Foto auf dem Cover zu sinnieren. Während manche Stücke schwer zugänglich sind und mehr Durchläufe brauchen, bis es klick macht (Bergamotte, Spröde Haut oder Schweine z.B.), gibt es aber auch Songs, die sofort ins Ohr gehen, gerade Kill Me, Verschwendung und In Motion gehören da wohl dazu, deshalb empfehle ich mal diese Stücke, um sich an die Band ranzutasten. Naivität ist übrigens auf einer Berghütte aufgenommen worden, das kann man sich beim Hören der weiß marmorierten 12inch und beim Durchstöbern des Textblattes dann auch so richtig gut vorstellen, zudem laden die teils deutschen, teils englischen Texte zum Rätseln ein, so dass die etwas über eine halbe Stunde dauernde Spielzeit optimal ausgenützt werden kann.  Die Jungs waren übrigens die Tage zusammen mit der österreichischen Band Ortiz unterwegs,  welche an anderer Stelle auch schon erwähnt wurde. Interessante Band, checkt das unbedingt mal an!

7,5/10

Facebook / Bandcamp


The Blue Period – „Summer 2013 10inch“ (time as a color)

Das Artwork im Windows-PC-Fensterlook wärmt Erinnerungen an eine Zeit auf, in welcher man erstmals von der mp3-Datei erfuhr und fortan das Tapetrading , das immer mit ellenlanger Beschriftungsarbeit verbunden war, ad acta legte. Ich erinnere mich nur allzu gut, wie genervt ich war, wenn der gesamte Freundeskreis die Scum von Napalm Death, die Our Culture Is Boring von 7 Minutes Of Nausea und die Dirty Rotten  von DRI überspielt haben wollte. Diese drei Scheibchen passten nämlich locker auf eine 60er, für die Songtitel brauchte man jedoch etwas mehr Platz,  als auf  die Tapehüllen jemals draufgepasst hätte. Nun, mit dem Aufkommen der mp3-Datei genügte eine Hardcopy vom CD-Laufwerk und ein Drucker und schon war man innerhalb von 5 Minuten fertig, ohne den ganzen Mist auch nur anhören zu müssen. Hätte ich in der Hochphase von mp3-Tauschdateien und Soulseek eine EP wie diese hier im mp3-Format bekommen, wäre sie sehr wahrscheinlich ungerechterweise sofort in den Untiefen der Festplatte versunken, denn in digitaler Form kann es leicht passieren, dass man der Musik von The Blue Period nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die ihr gebührt. Denn diese entfaltet erst  so richtig ihre magische Wirkung, wenn man das Vinyl aus der Hülle friemelt und es sich mit dem Textblatt in der Hand auf dem Boden liegend gemütlich macht. Ach so, bei den Aufnahmen handelt es sich um ein Re-Release des 2013er-Demos der Band aus Nottingham, welches neu remastered wurde. Die 10inch ist über Wolf Town DIY, strictly no capital letters und time as a color zu haben. Und die Texte sind ebenfalls in der Windows-Optik aufgemacht, ich brech ab. So eine exzellente Idee!

Die A-Seite beginnt etwas verschroben. Zum einen hat man erst den Eindruck, dass es holpert und poltert, aber mit jedem weiteren Durchlauf stellt sich heraus, dass viel mehr dahinter steckt. Man verliebt sich nach und nach weiter in diese Platte. Vor allem funktioniert der minimalistische Sound, wenn draußen totales Sudelwetter ist und es regnerisch und stürmisch ist. Da kann man es sich bei einem Tässchen Tee gemütlich machen und den Klängen lauschen, die da aus den Lautsprechern knistern. Da wabert beim Opener gleich ein Keyboard-Ton zu den sonderbaren Gitarren aus den Boxen, der etwas an eine Violine erinnert, dazu kommen die abwechselnd männlich und weiblich gesungenen Vocals, die zwischen der Schrägheit von Bands wie Joan Of Arc oder Owen und 125, Rue Monmartre pendeln. Und bereits beim zweiten Song Carpool  verliebe ich mich direkt in die Gitarren und den kantig knödelnden Bass. Wenn der Begriff Hard-Art-Emo-Pop noch nicht von irgendwelchen Pop-Akademie-Koksern erfunden wurde, dann würde diese Musikrichtung hervorragend auf den Sound der britischen Band passen. Tief sitzende Emotionen werden im Laufe der vier Songs freigesetzt, bis die 10inch auch schon wieder mit dem Song The Slow Pass beendet wird. Dieser letzte Song hört sich streckenweise ein wenig nach The Notwist zur Shrink oder 12-Phase an und gegen Ende hin wird dann doch noch demonstriert, wie Wut bei The Blue Period umgesetzt wird. Schönes Scheibchen!

8/10

Facebook / Bandcamp / time as a color


Get Dead – „Tall Cans And Loose Ends“ (Gunner Records)

Cover Alternative. Indie. Folk. Punk. So steht’s in der Bandinfo. Mich hat das erstmal etwas abgeschreckt. Das sind nicht die Begriffe um mich hinter dem Ofen hervorzulocken. Vielleicht liegt es daran, daß ich mich darum nie groß geschert habe. Ich weiß es gibt großartige Folksängerinnen und Folksänger. Alternative und Indie kann alles und nichts bedeuten. Die Begriffe sind glaube ich zu weitläufig. Und schließlich Punk. JETZT wird es interessant! Denn wer hier noch weiter liest wird belohnt! Die 2007 gegründete Band (U.S.A., San Francisco) klingt gar nicht so, wie manches Vorurteil das man bei den einleitenden Wörtern vielleicht haben mag. Weiterlesen

Citizen – „Everybody Is Going To Heaven“ (Run For Cover Records)

Klangen Citizen auf ihrem Debutalbum Youth noch nach sommerlichem Emo-Grunge, so zeigen sie auf ihrem neuen Album, dass sie auch eine düstere, fast dunkle Seite haben. Lediglich zwei Songs (Stain und Ring Of Chain) verzücken auf Anhieb mit den gewohnt poppig bis hymnischen Refrains, das muss aber nicht heißen, dass es den restlichen acht Songs an Melodie fehlen würde. Melancholische und nachdenkliche Passagen brennen sich bei jedem weiteren Durchlauf tiefer in die Gehörgänge ein, so dass die Dissonanz und Kälte, die man anfangs empfindet, relativ schnell verflogen ist und trotzdem ein gewisser Ohrwurmcharakter zum Vorschein kommt. Gefühlvoll gespielte Gitarren, melodische Bassbegleitung, in den richtigen Momenten zurückgenommenes Drumming und experimentelle Störgeräusche verschmelzen gekonnt zu einem interessanten Soundgebräu, das von besonderen Momenten nur so strotzt. Hervorragend gefällt mir die vielseitige Stimme von Sänger Mat Kerekes, der sich problemlos zwischen Flüstern, Geschrei und melancholischen Parts bewegt. Fans von Bands wie z.B. Turnover, neueren Thrice, Brand New oder Basement können bedenkenlos zugreifen, denn Everybody Is Going To Heaven ist ein richtiges Hammeralbum.

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Stream (Spin)

Citizen „Stain“ from Max Moore on Vimeo.


The Hunters – „Art Electric“ (Coffeebreath And Heartache)

the huntersNie zuvor hab ich diese Band jemals wahr genommen, auch wenn die Jungs bereits seit 2008 unterwegs sind. Keine Ahnung, ob es am Bandnamen lag, der beim „Überfliegen“ von Texten Ähnlichkeiten mit „The Hooters“ aufweist, zudem erweckt der Name eher Assoziationen an irgendwelche käsigen Bands aus dem Indiebereich. Nach dem ersten Hördurchlauf dieses Albums musste ich jedenfalls feststellen, dass es endlich mal Zeit wird, meine engstirnigen Vorurteile gegenüber schlechten Bandnamen abzulegen.

Denn The Hunters aus Québec/Kanada packen mich ziemlich mit ihrem melodischen Punkrock, der auch ab und an mal in Indie/Alternative und Emo-Gefilde abdriftet. Obwohl das erstmal alles ziemlich glattgebügelt klingt, sehe ich Parallelen zu Bands wie z.B. Sense Field, Jimmy Eat World, softeren Audio Karate oder härteren Last Days Of April bzw. Leiah, der Schrei-Gesang erinnert dann zeitweise sogar an die Sachen der 90er NYHC-Band Bad Trip, manche Indie-Tunes lassen wiederum an Bands wie The Thrills, Placebo oder Athlete denken. Mannometer, jetzt reicht’s aber mit Bandvergleichen. Nun, der Promo-CD aus dem Hause Flix  lag leider weder das Albumartwork (auf dem kleinen schwarz-weiß Bildchen lässt sich nicht allzuviel erkennen) noch ein Textblatt bei, dafür gab’s ’nen Promozettel, den ich mir aber nicht aufmerksam genug durchgelesen habe, weil er in englischer Sprache verfasst war. Aber ich versuch mal, die wichtigsten Infos in einem Satz zusammenzufassen:  Vier leidenschaftliche Musiker haben bisher zigtausende Kilometer zurückgelegt und haben neben einigen beschissenen Shows überwiegend tolle Auftritte abgeliefert, zudem wird auch auf das 2012er Album Promises  hingewiesen, welches ich mir mittlerweile auch angehört und für gut befunden habe. Ach so, bei Art Electric  handelt es sich um eine LP-Neuauflage, ursprünglich erschien die Platte bereits im Jahr 2014 auf dem DIY Label Black Numbers.

Mit einer knapp 40-minütigen Spielzeit und 13 Songs wird Art Electric  kaum langweilig. Wenn ich persönlich das Ding produziert hätte, dann hätte ich Song Nr. 8 entweder gleich weggelassen, ganz ans Ende gestellt oder diese nervige Mundharmonika-Passage mitsamt der furchtbaren Gaslight Anthem-Sologitarre der nächsten Band auf’s Auge gedrückt, die für ihr erstes Demo das Studio gleich im Anschluss gebucht hat. Okay, das war jetzt zugegebenermaßen ein wenig fies, aber beim 12. Song kommt diese saudumme Mundharmonika nochmal, daher kann ich darüber nicht hinwegsehen. Aber das sind auch schon die einzigen Ausfälle, alles andere passt und weiß exzellent zu gefallen. Vinyl erscheint übrigens in limitierter Auflage auf dem Bielefelder DIY-Label Coffeebreath And Heartache.

7,5/10

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