lifeisafunnything-Doppel: Факел – „огни 7inch“& Hollow Jan / Факел – „Split 7inch“ (lifeisafunnything)

Факел – „огни 7inch“ (lifeisafunnything)
Habt ihr auch schon bemerkt, dass lifeisafunnything ’ne Vorliebe für farbiges Vinyl hat? Marcus macht die Welt bunt! Und er füllt sie gleichzeitig mit sagenhaft schöner Musik. Obwohl, bei dieser schnuckeligen 7inch trifft das mit der farbenfrohen Stimmung nur bedingt zu, denn die 7inch erscheint in drei etwas ausgebleichten, verwaschenen Farben: weiß, schwarz und grau marmoriert. Mein grau marmoriertes Exemplar passt jedenfalls hervorragend zur asphaltgrauen 7inch-Hülle und der dicke Foldout-Sleeve-Karton mit den aufgedruckten Texten mitsamt englischer Übersetzung und Downloadcode lässt auch keine weiteren Wünsche offen.
Факел kommen aus St. Petersburg und haben Leute von Причал/Prichal mit an Bord. Und bevor ihr jetzt vermutet, dass der Sound der Band sicherlich an den Stil von Причал/Prichal  angeglichen ist, so kann ich euch sagen: grottenfalsch getippt: Klar, Screamo und Post-Hardcore sind Elemente, die ziemlich stark vertreten sind, auch melodische und hochemotionale Momente findet man reichlich. Was jedoch ziemlich stilprägend für die Band ist, ist die Violine, die klassisch aber bestimmt in die Songs eingreift und der Band einen wiedererkennbaren Stempel aufdrückt. Verdammte Hacke, das kommt ziemlich geil rüber, v.a. bei den vertrackten Parts. Ach was, auch die ruhigen Momente profitieren davon. Man hat liebgewonnene Bands vor Augen, die ebenfalls Violinen oder Geigen eingesetzt haben. Spontan fallen mir da Cwill und ABC Diabolo ein. Ganz gelungen ist es, dass die Violine nicht dominierend gemischt ist. Sie ordnet sich unter, behält aber trotzdem an manchen Stellen die Melodieführung. Okay, an einer Stelle klingt das zwar etwas nach japanischem Computerspiel, aber ohne den Nintendo-Nerv-Faktor. Und ihr werdet es kaum glauben, ich höre auch Parallelen zu den Get Up Kids. Echt jetzt? Ja sicher, hört mal genau hin.
Stream / Bandcamp / lifeisafunnything


Hollow Jan & Факел – „Split 7inch“ (lifeisafunnything)
Von diesem kleinen Scheibchen gibt es drei Vinyl-Ausführungen: schwarz, grün, rot. Ich hab grün bekommen, sieht geil aus. Und schön bestempelte Labels, mit viel Liebe draufgebolzt. Hollow Jan waren mir bisher kein Begriff, das wird sich mit diesem Release ändern, denn der fast achtminütige Song zeigt, dass die Jungs in einem Song soviele Ideen einbauen können, wie manche Hardcore-Band auf drei Alben nicht mal gebacken bekommt. Im Verlauf des Songs kommen verschiedene Einflüsse aus Post-Rock, Emocore und Post-Hardcore zum Einsatz, dabei jagt v.a. die melancholische Schlagseite den ein oder anderen wohligen Schauer über den Rücken. Man wähnt sich in der Mitte des Songs fast in einer mystischen Welt voller Engel, in der es kein Leid und keinen Schmerz geben kann. Danach wird es zwar wieder lauter, aber wie das mit Drogen so ist, will man diesen einen Moment immer wieder haben, weshalb man danach die Nadel gleich wieder an den Anfang setzt. Hollow Jan kommen übrigens aus Südkorea und laut meiner Internet-Recherche ist die Band schon seit Jahren eine feste Größe in der asiatischen Szene. lifeisafunnything sei Dank wird die Band nun auch hierzulande ein paar wenigen Geschöpfen bekannt gemacht. Ich zumindest bin dankbar dafür und weiß dies zu schätzen.
Факел kenne ich auch erst seit kurzem, siehe oben. Diese zwei Songs machen ebenso Spaß, wie die erste EP. Man kann es kaum in Worte fassen, aber Oaken verstehen es, ihren Weltschmerz musikalisch perfekt umzusetzen. Man kann es sich ja sehr schwer vorstellen, dass eine Violine mit Hardcore und Screamo harmonieren kann, aber es gibt sie, die wenigen Ausnahmen. Subway To Sally gehören definitiv nicht dazu. ABC Diabolo und Cwill aber schon, aktuell auch Respire. Und nun auch Oaken. Gerade der zweite Song, der rockt alles weg. Die cleane Gesangslinie, danach die heiseren Screams und die galoppierenden Drums. Was mir bei Oaken am meisten gefällt: die Violine spielt eigenständige Melodien und bietet somit der Gitarre ein Gegenspiel. Und im letzten Part muss man die Gitarren wirklich fixieren, denn hier dreht die Violine voll auf, Violin Dancing sozusagen.
Stream / Факел Bandcamp / lifeisafunnything


They Sleep We Live – „Escaping The Measures Of Time“ (Koepfen Records u.a.)

Immer wenn man gerade so ’nen kleinen Durchhänger hat, weil man mit Review-Anfragen zugeschüttet wird und deshalb kaum noch mit Reinhören hinterherkommt, klingelt es an der Haustür und die freundliche Postbotin überreicht ein Päckchen, dessen Inhalt sofort die Augen aufleuchten lässt. In diesem Fall ist das die erste 12inch der Bremener Screamo-Band They Sleep We Live, die schon auf der Split 7inch mit Vi som älskade varandra så mycket meine Neugier auf kommende Releases erweckte. Die Platte wurde mir von Koepfen Records zugeschickt, es sind aber auch noch die Labels Pike Records, Samegrey Records, Framecode Records, Dingleberry Records und Zegema Beach Records am Release beteiligt.

Nun, zuallererst sticht die optische Aufmachung der 12inch heraus, die ist nämlich der absolute Wahnsinn. Das Artwork im Lexika-Stil stammt von Rodrigo Almanegra, der auf diesen Seiten schon wiederholt lobend erwähnt wurde. Die gezeichneten Uhren stammen alle aus verschiedenen Epochen, zusammen mit dem EP-Titel bietet dieses Motiv natürlich ausreichend Spielraum für Interpretationen. Noch geiler wird es, nachdem man das einseitig bespielte, durchsichtige und auf der B-Seite mit einem wundervollen Siebdruck verzierte Vinyl auf dem Plattenteller bestaunen kann und die Nadel mit zittrigen Händen an den Beginn gesetzt hat. Der erste Song wird mit dem Ticken einer Uhr eingeleitet und erinnert zu Beginn ganz weit entfernt an die Anfangssequenz des Songs Hier kommt Alex von den Toten Hosen. Aber das war’s auch schon mit den Toten Hosen, denn sobald Keyboard/Orgel-artige Sounds ertönen und die flächigen Gitarren einsetzen, gipfelt der Song in einer hypnotisch wirkenden atmosphärischen Soundwand, die von rasend schnellen Blackmetal-Getrommel begleitet wird. Nach diesem wahnsinnig geilen Intro-Feuerwerk gleitet der Song ins Midtempo, allein diese schrammelige Gitarre zu Beginn zaubert eine zentimeterhohe Gänsehaut in den Nacken. Dann kommt noch Nicos unverkennbare Stimme dazu, die anklagend und wütend, aber auch melancholisch und traurig zugleich  über allem schwebt. Emotive Screamo at its best. Und auch die nachfolgenden drei Songs zeigen, wie gekonnt sich die drei Bremener zwischen Screamo, Punk, Emoviolence, Post-Hardcore, Post-Metal, Post-Rock, Emocore und Blackmetal bewegen und diese Melange durch ihre schiere Spielfreude und massig Herzblut zu einem eigenständigen Gebräu werden lassen, dem es weder an Intensität noch an langweiligen Songarrangements mangelt. Verdammt intensiv wird es dann, wenn die Band ’nen Gang zurückschaltet und im Midtempo ankommt und diese unterschwelligen Melodien den Raum füllen, wie z.B. im letzten Drittel des Songs Equilibrium oder beim Song Escaping The Measures Of Time, bei dem obendrein noch Spoken Words für eine weitere Gänsehaut sorgen. Und zwischen den Songs immer die tickende Uhr, die daran erinnert, dass man bald schon wieder die Nadel an den Anfang setzen sollte, denn nach vier Songs und knapp zwanzig Minuten ist die Zeit auch schon wieder abgelaufen. Apropos tickende Uhr: dieser Text lag mal wieder ein paar Wochen in der Pipeline, bevor er endlich online gehen sollte, so dass diese Zeile, die ihr jetzt zu lesen bekommt, noch nachträglich eingefügt wurde. Genau an dieser Stelle, weil es eben so gut passt, denn wir wären mal wieder bei der tickenden Uhr des Lebens angekommen: They Sleep We Live haben zu meinem großen Bedauern Anfang letzter Woche ihre Auflösung bekannt gegeben. Was für ein Schlamassel.

Naja, wie dem auch sei…was mir neben Musik und Artwork auch noch ziemlich gefällt, sind die im Textblatt abgedruckten linernotes zu den einzelnen Songs, die deutlich Stellung beziehen. Ich habe das Gefühl, dass solche klaren Aussagen in den letzten Jahren leider immer seltener geworden sind. Neben intelligenten gesellschaftskritischen Texten gegen Ausbeutung und Unterdrückung werden auch persönliche Themen wie Verlust behandelt, zudem gefällt mir der kritische Blick auf die DIY-HC/Punk-Szene und das Hinterfragen besorgniserregender Entwicklungen innerhalb unserer Gesellschaft. Hoffen wir mal, dass die Menschen von They Sleep We Live alle neue Bands starten und ihre Message plus Herzblut dadurch vervierfacht wird, oder so…

9/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen Records


Bandsalat: Aleska, Alfred Quest, Departures, Eyelet, Faux, Grieving, The Reptilian, Trade Wind

Aleska – „Selftitled“ [Stream]
Mit ihren zwei EP’s und der 3-Way-Split mit Bears und Mariesena erfuhr die Band aus Frankreich bereits ergiebige Anerkennung, nun steht also das längst überfällige Album des All-Star-Quartetts an (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban). Den sieben Songs hört man jedenfalls an, dass hier keine Grünschnäbel zu Gange sind. Der dichte Sound flasht total, das wird einigen Emocore/Jahrtausendwenden-Post-Hardcore-Fans die Nackenhärchen aufstellen. Nach diesem schön verspielten Intro wird man nach der Hälfte des ersten Songs schonmal ordentlich an die Wand gedrückt. Was für ’ne hammergeile Produktion. Dann, gleich beim zweiten Song Du Gris Au Noir ein göttliches Riff, das alles niederwalzt. Und so wird man sich im Verlauf der fast vierzigminütigen Reise desöfteren dabei ertappen, wie man debil grinsend vor der Stereoanlage sitzt und sich mit den Fäusten auf die Brust klopft. Da kommen Oldschool-Bands wie Shai Hulud, Envy, Kidcrash, A Case Of Grenada oder Earth Crisis genauso in den Sinn wie neuere Sachen a la Underoath, Hollow Earth oder We Never Learned To Live. Die pfiffigen Songarrangements tragen ebenfalls dazu bei, dass es nicht nur fetzt, sondern auch schön abwechslungsreich bleibt. Ach so, bis auf einen Song werden alle Texte in französischer Sprache herausgekeift. Würde mal sagen, dass dieses Album das Zeug zum Meilenstein hat, ich bin jedenfalls die letzten Wochen fast schon süchtig nach diesen sieben Songs geworden.


Alfred Quest – „Midlife Wellness“ (Analog Soul) [Stream]
Im Presseinfo zu Alfred Quests Debutalbum steht geschrieben: Ein Album für Sonntage, Abende am See, für den Start des Tages. Und ja, das kann dieses Album durchaus sein, denn die zehn Songs des Berliner Quartetts besitzen durchaus einen hohen Chillfaktor, jedoch mit hohem Anspruch. Rein instrumental bestehen die Songs aus elektronischen Spielereien, sonstigen Klangschnipseln und HipHop-Samples, Kontrabass, Streicher, Gitarren, Bässe und warmer Elektronika. Keine Ahnung, ob die Entspannung auch daher spürbar immer präsent ist, weil das Album komplett in der freien Natur – nämlich in den Staketenwälder des Havelberger Landes – aufgenommen wurde. Könnt ihr euch ruhig mal zwischen all dem Krach einklinken, den ihr sonst so hört.


Departures – „Death Touches Us, From The Moment We Begin To Live“ (Holy Roar Records) [Stream]
Die Band aus Glasgow hat sich in den Jahren ihres Bestehens einen festen Platz in der britischen Hardcore-Szene erkämpft, obwohl sie sich dem Zirkus der Musikindustrie niemals angepasst hat. Nun steht also das mittlerweile dritte Album der Jungs an und man kann sagen, dass die zehn Songs den bisherigen Veröffentlichungen nochmals eins draufsetzen. Melodic Hardcore mit emotionalen Schwingungen kann man kaum besser machen.  Diese Gitarren, dieser leidende Gesang, dieses vernichtende Schlagzeug. Das hier wird Fans von More Than Life, Defeater oder Shai Hulud die Freudentränen in die Augen treiben. Als Anspieltipp eignet sich z.B. das mächtige Broken.


Eyelet – „Nervewracker“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Erst vor ein paar Wochen stolperte ich bei meinen immer seltener werdenden Bandcamp-Surf-Eskapaden über dieses wahnsinnig geile Release der Band aus Baltimore/Maryland. Eyelet machen mitreißenden emotive Screamo mit Post-Hardcore und frickeligen Gitarren, die schön flächig daherkommen. Und der Sänger kreischt sich in Extase, hier wird gelitten was das Zeug hält. Dabei schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien in den Sound mit ein. In den ruhigeren Parts wird man deshalb immer wieder an Bands wie frühe Boy Sets Fire, At The Drive-In oder Thursday erinnert, aber auch Zeug wie State Faults oder Shai Hulud kommt in den Sinn. Unter den insgesamt zehn Songs ist wirklich kein Hänger dabei, es bleibt spannend bis zum Schluss. Diese Band ist vielleicht sowas wie ein Geheimtipp.


Faux – „Inhale“ (Through Love Records) [Stream]
Die letztjährige Debut-EP der Band aus Southhampton/UK ist gerade noch im Ohr, da folgt auch schon die zweite EP Inhale, diesmal auf dem Label Through Love Rec. Musikalisch hat sich nicht arg viel geändert, nach wie vor werden die satt produzierten Songs vom Gitarrenspiel und der markanten Stimme von Lee Male getragen. Die Songs sind insgesamt aber detaillierter und verschachtelter aufgebaut. Hinzu kommen druckvoll gespielte Drums und genehme Bassläufe wie z.B. bei Swimmingly. Ach ja, man sollte noch die eingängigen und hymnischen Chöre erwähnen, die jeden Song zu einem kleinen Highlight machen. Catchy as  fuck, wie man auf neudeutsch so schön sagt. Die Band bezeichnet ihren Stil selbst als Dirty Pop, ich würde noch etwas Emo-Rock der Nuller á la Jimmy Eat World, Favez oder neueren Sensefield hinzufügen. Auf der B-Seite der LP gibt es dann noch einen Bonus in Form von drei Songs der Patterns-EP. Ich hab so eine leise Ahnung, dass diese Band richtig groß werden könnte. So eine verdammte Ohrwurm-EP, die kommt genau richtig um noch ein bisschen Sonne zu tanken, bevor der triste Herbst Einzug nimmt.


Grieving – „Demonstrations“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese neue Band aus Cambridge/UK legt mit ihrer Debut-EP schonmal ordentlich vor. Insgesamt fünf Songs sind zu hören, dabei bewegt man sich gekonnt zwischen den Genres Post-Hardcore,  Emo – hier speziell gitarrenorientierter Midwest-Emo mit 90er-Einschlag – und etwas Indierock. Dabei kommen die Gitarren schön satt aus den Lautsprechern, auch der Schlagzeuger spielt sehr dynamisch und druckvoll. Der Sänger hat eher eine rauere Stimme, deshalb kommen Vergleiche mit Braid oder Jawbreaker in den Sinn, vom Instrumentalen her erinnert das verspielte etwas an Camber oder Leiah. Hört doch mal rein!


The Reptilian – „End Paths“ ( I.Corrupt.Records) [Stream]
Die bisherigen Releases des US-Math-Post-Punk-Trios sind auf Count Your Lucky Stars erschienen, deshalb staunte ich nicht schlecht, als eine Besprechungsanfrage vom  Kölner Label I.Corrupt.Records im Postfach landete, in welcher stolz verkündet wurde, das neue Album End Paths  veröffentlichen zu dürfen. Insgesamt acht Songs schrauben sich wie das Geflecht auf dem Albumcover in die Gehörgänge. Die Stücke kommen dynamisch, verschroben, verkopft, rasant, laid back, die Stimmung wandelt sich desöfteren. Zwischen Post-Hardcore  und Post-Punk á la Dischord mit massig Noise sind hier auch zahlreiche Querverweise auf Screamo, Punk, Indierock und Emocore zu sehen. Man stelle sich eine Mischung aus Perfect Future, Circle Takes The Square, This Town Needs Guns und Circus Lupus vor. Der Herbst kann kommen, mit dieser Platte seid ihr für die tristen Regenwettertage gewappnet.


Trade Wind – „You Make Everything Disappear“ (End Hits Records) [Stream]
Mal wieder so ’ne Allstar-Band mit Leuten von Stick To Your Guns, Stray From The Path und Structures, dazu veröffentlicht man auf dem Boysetsfire-Label End Hits Records. Klammert man diese Vorschusslorbeeren mal aus und konzentriert sich rein auf die Mucke, dann wird man schnell feststellen, dass hier gar nicht so arg viel Jahrhundertwenden-Emo/Rock bzw. Post-Hardcore drin steckt, wie vermutet. Natürlich hat man beim Opener Bands wie Thrice oder Thursday im Ohr, aber zu den anfangs flächig gespielten Gitarren gesellen sich beizeiten grungige Untertöne, wie man sie von Bands wie Citizen oder Turnover gewohnt ist. Dennoch überwiegen hier die poppigen Parts, wie z.B. beim Song Lowest Form oder beim fast schon kitschigen Tatiana (I Miss You So Much). Überhaupt muss man sagen, dass die Songs im Vergleich zu den Hauptbands der Beteiligten sehr viel softer und leiser ausgefallen sind, eigentlich könnte man sagen, dass hier ganz klar der Pop-Appeal im Vordergrund steht. Ein Song wie z.B. Grey Light würde sich auch im Radio gespielt zwischen Coldplay und  Kings Of Leon behaupten. Ich bin positiv überrascht!


 

Bandsalat: At The Heart Of It, Closet Witch & Euth, Khyl, Mališa Bahat, Икар, Statues On Fire, Throatpunch City, Victor Shoes

At The Heart Of It – „You Couldn’t Stay“ (Wide Eyed Noise) [Stream]
Diese fünf Jungs kommen aus Manchester/New Hampshire und auf dieser EP sind zwei starke Post-Hardcore-Songs enthalten, die nach knapp 8-minütiger Spielzeit Lust auf mehr machen. Schade, dass da nur zwei Songs drauf sind. Die Gitarren flirren gekonnt, der Sänger schreit bzw. leidet sich in dieser typischen emotive Hardcore-Tonlage á la Touche Amore/La Dispute durch die Songs, manchmal kommen dann auch weinerliche Spoken Words zum Einsatz. Zwischen Melodic HC- und Ambient-HC-Einflüssen gibt es hier und da auch Screamo-Elemente zu entdecken. Gefällt!


Closet Witch & Euth – „Split“ (Sassbologna Records) [Name Your Price Download]
Nach dem elbenartigen und mystisch anmutenden Frauenchor-Intro gibt es auch gleich die Breitseite von der Closet Witch aus Iowa, die mit giftspeiendem Gekeife und mit der Unterstützung einer ganzen Herde wilder Orks alles niedermäht, was sich ihr in den Weg stellt. Drei Songs, das absolute Powerviolence/Emocrust-Geballer mit Grindcore- und Screamoeinflüssen. Liegt irgendwo zwischen Punch und Asshole Parade und hat ordentlich Dampf im Hintern. Euth aus Wyoming dürfen danach mit zwei Songs antreten. Zuerst denkt man, ah jetzt wird es langsamer, fast schon erinnern die langsamen Passagen an Bands wie Eyehategod oder Graveyard Rodeo, aber dann kommt dieses chaotische Mathgewitter durch. Zwischen Blackmetal, Grindcore und Mathcore kommen auch Screamo und Powerviolence-Passagen zum Einsatz. Krasses Brett.


Kÿhl – „Drittweltstrauma“ (Mustard Mustache) [Name Your Price Download]
Auch mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt: diese Band aus  Dresden kannte ich bisher noch nicht, dementsprechend verblüfft war ich vom flächendeckenden Screamo-Sound der Kapelle. Das Tape ist über das sagenhafte Berliner Label Mustard Mustache erschienen, die Songs würden sich aber auch hervorragend auf Vinyl machen. Ich bin angetan, denn Kyhl bewegen sich gekonnt zwischen Screamo/Skramz, Hardcore (Bremer Schule), Crust, Post-Core und etwas Emo, dazu kommen deutsche Texte mit Botschaft und Köpfchen. Mischt Manku Kapak und Kishote mit Franzosen-Screamo á la Aussitot Mort, dann habt ihr ’ne ungefähre Vorstellung. Oder ladet euch die sechs Songs einfach zum Name Your Price Download auf eure Platte. Lohnt sich definitiv.


Mališa Bahat – „Moments We’re Lost In“ (DIY) [Name Your Price Download]
Französischer Screamo aus Kroatien, so steht es in der Bandinfo geschrieben. Braucht man dazu noch irgendwas? Eigentlich nicht, denn diese sechs Songs erfüllen genau das, was uns an Franzosen-Screamo so sehr gefällt. Hinzu kommen fette, New Day Rising-mäßige Einflüsse. Schrammelige, tiefemotional gespielte Gitarren, die obendrein sehr mächtig und unterschwellig melodiös kommen, dazu ein Schlagzeuger, der jedes Tempo kräftig und hart rannimmt. Und ein Sänger, der seine Stimmbänder herzzerreißend schwingen lässt. Intensiv as fuck! Die Band existiert erst seit 2015 und steht eigentlich erst am Anfang und dann so ’ne Bombe. Ich bin begeistert.


Икар – „\\\\\\“ (DIY) [Freier Download]
Beim Bandcampsurfen stößt man auf solche Bands wie dieser hier, ist dann verzweifelt, da die Mucke super gefällt und man aber keine weiteren Infos über die Band recherchiert bekommt, weil alle Suchanfragen mit kyrillischen Buchstaben auf zwielichtige Seiten im Internet führen, so dass man fast schon meint, sich im Darknet zu befinden. Scheiße aber auch.  Ich würd das hier mal als emotive Screamo mit ganz viel Spielfreude und Herzblut bezeichnen. Und das Beste: das Ding gibt’s for free…


Statues On Fire – „No Tomorrow“ (Rookie Records) [Stream]
Das 2014-er Debutalbum Phoenix der Band aus São Paulo schlug nicht nur in Brasilien hohe Wellen. Auch hierzulande wurde die Mischung aus melodischem Punk mit metallastigen Gitarren positiv aufgenommen, nicht zuletzt, weil hier Mitglieder der in Punkkreisen beliebten Band Nitrominds mitwirken. Nun, auf No Tomorrow erwarten euch zehn Songs, die um einiges besser produziert als das Debut klingen. Zu den Texten kann ich nicht viel sagen, da diese der Promo-CD leider nicht beigelegen haben, aber laut Presseinfo geht’s um alltägliches, um zunehmende Probleme wie Korruption, einhergehende Elitenbildung und dem rasant gebremsten wirtschaftlichen Aufstieg des einstigen Schwellenlandes. Aber kommen wir zum musikalischen: Schon der Opener Lay On Others gibt die Richtung vor, in die es geht. Melodische Gitarren, pumpende Basslines und nach einem Midtempo-Auftakt wird das Melodic HC-Punk-Gaspedal durchgedrückt, die Chöre erinnern dabei an Bands wie Satanic Surfers oder Propagandhi, bevor ein Strike Anywhere-artiger Abgehpart die Sache abrundet. Und immer wieder diese melodisch gezockten Gitarren, die auch ein wenig an Bands wie Ignite erinnern. Aber auch die Metalparts und groovy Midtempozwischenspiele wie beim Titelstück wissen zu gefallen, zudem verhindern diese, dass die Band nicht ausschließlich in die Melodycore-Ecke gepackt wird. Stellt euch eine Mischung aus The Marshes, Brand New Unit, Bridge To Solace, AFI zur The Art Of Drowning-Phase und Samiam (hört mal die Chöre bei My Shoes Are Tight) vor, dann habt ihr’s ungefähr. Bevor noch mehr Namedropping folgt, solltet ihr euch von der Sache selbst ein Bild machen, denn dieses Album weiß nach einigen Durchläufen sehr zu gefallen. Sehr cool!


Throatpunch City – „Two Thousand And Punch: A Face Odyssey“ (DIY) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, aber bei der Covergestaltung der Band aus dem Süden Englands wäre es besser gewesen, mal einen anderen Stil zu wählen. Ich gebe zu, dass ich ein Albumcover-Artwork-Opfer bin. Normalerweise hätte ich in diese EP hier niemals reingehört, da sie mich optisch einfach nicht angesprochen hat. Weiß auch gar nicht, warum ich es trotzdem gemacht hab. Aber egal, denn diese drei Songs wissen schon zu gefallen, wenn man auf Bands wie Saosin, Coheed And Cambria, Circa Survive oder Q And Not U steht. Klar, die Kopfstimme des Sängers nervt ein wenig, wenn sie theatralisch wird, aber das instrumentale Geschehen macht das wieder wett. Progressiv, verschwurbelt und frickelig, aber trotzdem melodisch. Zippt euch das Ding mal schnell!


Victor Shoes – „You’ll Get Better At It“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Schönen gitarrenorientierten Emopunk/Midwest-Emo gibt es von diesem Trio aus Minnesota auf die Kopfhörer. Insgesamt vier Songs zwischen Algernon Cadwallader, I Love Your Lifestyle, Grey AM und  Mid Carson July. Genau das richtige für laue Sommernächte am Baggersee. Passt nur auf, dass ihr beim alkoholbedingten Baden nicht so endet, wie die Actionfigur auf dem Cover!


 

Bandsalat: A Saving Whisper, Bymyside, Celestica, December Youth, Eleanora, Knola, Monte Ida, Tvivler

A Saving Whisper – „Neverlandscapes“  (midsummer records) [Stream]
Lange Zeit war es ruhig um die Band aus Nürnberg, die sich seit Bandgründung im Jahr 2007  schnell einen Namen in der Szene erspielte, was v.a. den zwei EPs und zahlreichen Shows geschuldet war. Kurz nach Erscheinen der zweiten EP im Jahr 2011 zogen sich die Jungs zurück, um am Material dieses Albums zu werkeln. Nun, ich würde sagen, die Arbeit hat sich gelohnt, denn Neverlandscapes ist ein intensives und gelungenes Album geworden, welches zu keiner Sekunde langweilig wird. Die Jungs gehen viel experimenteller als bisher ans Werk.  Soll heißen: die Post-Hardcore-Anteile wurden deutlich in die Höhe geschraubt, zudem wird durch die  dynamischen Wechsel mehr Spannung erzeugt. Laut Presseinfo wurden die Songs bewusst ohne Click aufgenommen, um ein Statement gegen die überproduzierten Szene-Veröffentlichungen der letzten Jahre zu setzen. Elf Songs in knapp 43 Minuten, das muss man erstmal hinbekommen, ohne gröbere Ausfälle. Das Album kommt in seiner Gesamtheit sehr sphärisch und düster daher, trotzdem stellt es einen kleinen Lichtblick dar. Wer auf Zeugs wie Being As An Ocean oder Underoath kann, sollte das mal anchecken. Als Anspieltipp empfehle ich Misled Leader. Tolle Chorgesänge sind das.


Bymyside – „Affogare, risalire, ricadere“ (entes anomicos u.a.) [Name Your Price Download]
Emotive Screamo aus Italien, genauer gesagt aus Cesena. Und ja, hier wird gelitten und gekreischt, was das Zeug hält. Freunde von klassischem italienischem und französischem Screamo dürften hier dran ihre wahre Freude haben. Die Gitarren sägen kräftig, es kommen aber immer wieder unterschwellige Melodien an die Oberfläche, die einen durchdrehen lassen. Gekreischt wird in der Landessprache. Geil kommen auch die sphärischen, ruhigeren Gitarrenklänge, die hin und wieder eingesetzt werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch das Interlude-artige Aurora. Geht ungefähr in Richtung Ojne, alle Daumen nach oben.


Celestica – „How to Speak With Gravity“ (DIY)  [Name Your Price Download]
Die Drums am Anfang des Openers und auch etliche Gitarrenpassagen im Verlauf des selbst releasten Debuts erinnern mich in irgendeiner Art und Weise an At The Drive-In. Und siehe da, in der Begleit-e-Mail werden als Einflüsse neben Bands wie Refused und Crime In Stereo eben auch ATDI erwähnt. Die Band aus Götheborg klingt auf den zehn Songs schön hektisch, hier ist vor allem das arhythmisch gespielte Schlagzeug und der knödelnde Bass zu nennen, die Gitarren rocken auch die Bude, nur beim Gesang würde ich mir etwas mehr Abwechslung wünschen. Textlich geht’s um Feminismus, Freundschaft, Veganismus und Psychische Erkrankungen in unserer kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Für das satte Mastering ist mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden verantwortlich. Für’s Mixtape empfehle ich In Lieu Of Love.


December Youth – „Relive“ (Midsummer Records) [Stream]
Direkt beim ersten Durchlauf stampfen die Beinchen munter im Takt, das ist schonmal ein gutes Zeichen. Und das hat auch seinen Grund. Das Debutalbum von December Youth aus Düsseldorf dröhnt druckvoll und drastisch, dabei darf es dann aber auch ab und an dramatisch werden, durchdachte Melodien dürfen dabei keinesfalls fehlen, die Drums dreschen auch doll durch.  Klar, dass man bei anderen Melodic Hardcore-Bands schon ähnliches gehört hat, das ist kein Geheimnis. Und trotzdem bleibt man hängen und ist fasziniert von den ausgefeilten Post-Hardcore-Passagen, den ausgeklügelten und liebevoll gespielten Gitarren, auch der Gesang kommt ziemlich authentisch rüber, obwohl er an manchen Stellen etwas eintönig klingt und das Ganze in einem besseren Licht dastehen würde, wenn hier ein wenig Abwechslung mit drin sein würde (wie z.B. bei Night Train Talks zu Beginn oder im Mittelteil bei diesem genialen Chor). Jedenfalls steckt hier viel Liebe und Herzblut drin, das sieht man auf Anhieb, allein die lesenswerten Lyrics sollte man sich mal zu Gemüte führen. Diese elf Songs müsst ihr euch unbedingt reinziehen, wenn ihr auf Zeug wie I Saw Daylight, Rainmaker, Thursday oder Serene steht. Und ja, bei  dem bereits erwähnten Night Train Talks (The Angst In Us) kann man schonmal an manchen Stellen eine Gänsehaut bekommen.


Eleanora – „Allure“ (Consouling Sounds) [Stream]
Das Ding muss man laut aufgedreht – Kopfhörer oder Anlage, egal – anhören, dabei entfaltet der apokalyptische Sound noch mehr Tiefe und Brachialität. Die Gitarren kommen extrem fett rüber, dazu die kraftvoll gespielten Drums und der blutgurgelnde Sänger, sehr schön. Und bevor man es mit der Angst zu tun bekommt, schleichen sich längere und ruhige Parts dazwischen, die auch nicht gerade zum Schunkeln und Fröhlichsein animieren. Vier Songs in fast 45 Minuten zeigen schon, wohin diese Reise geht. Zwischen hektischem Screamo, brutalem Sludge-Hardcore bis hin zu leiseren Post-Hardcoreklängen entsteht so ein intensives Brett, das gleichzeitig hochemotional zu überzeugen weiß. Die Gitarren erinnern mich irgendwie an Serene/Children Of Fall, da sie immer schön flächige Melodiebögen transportieren. Die Belgier haben mit Allure jedenfalls ein atmosphärisches Album geschaffen das gleichzeitig ein richtig intensives Brett ist. Das Ding hätte ich gerne auf Vinyl.


Knola – „To The Rhythm“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Das Debutalbum des Trios aus den Staaten dürfte jeden begeistern, der sich auf Midwest-Emo mit leichten Indieeinflüssen einlassen kann. Die neun Songs plätschern schön slackermäßig dahin, da werden Erinnerungen an die ersten Youth Group-Sachen wach, American Football schaut um die Ecke, Dinosaur Jr. geben sich ein Duett mit Pavement, The Cherryville und Perfect Future treffen auf The City On Film. Diese Gitarren, das Drumming, der eigenwillige Bass und dazu dieser zerbrechliche, etwas nasale Gesang. Großartig! Diese intensive Platte müsst ihr euch unbedingt anhören, wie gerne würde ich mir diese Songs auf Vinyl gönnen!


Monte Ida – „Corinth“ (DIY) [Freier Download]
Mitreißenden Screamo bekommt ihr auf der zweiten EP des Trios aus Rennes/Frankreich zu hören. Die Gitarren schrauben sich flächig zwirbelnd in bester Franzosen-Screamo-Manier ins Gehör, dazu sind sie dennoch unterschwellig melodiös. Harmonisch disharmonisch sozusagen. Dazu passt dann das hektische crashbeckenbetonte Getrommel und der heiser schreiende und leidende Sänger wie die Faust auf’s Auge. Allerdings schreit dieser nicht auf Französisch sondern in Englisch. Und sieh an, die super Produktion ist mal wieder auf Jack Shirleys Mist im Atomic Garden gewachsen. Vier Songs, alle sehr intensiv und fantastisch, zieht’s euch rein.


Tvivler – „Negativ psykologi #2“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es ist noch nicht lange her, da feierte ich im Rahmen einer Bandsalatrunde die Debut-EP dieser neuen Band aus Kopenhagen/Dänemark ab, die sich übrigens aus Mitgliedern der Bands Lack, Town Portal und Obstacles zusammensetzt. Nun ist vor Kurzem die zweite EP der insgesamt dreiteiligen EP-Reihe der Jungs erschienen, und diese hat es wie das Debut ebenfalls in sich. Vier Songs, zappelnd, wild, intensiv. Der Sound hört sich so aufgekratzt an, als ob jeder der vier Musiker mit beiden Beinen in einem Ameisenhaufen stehen würde. Die Lyrics werden in der Landessprache vorgetragen. Neben den damals bereits erwähnten Books Lie, Bear Vs Shark, Lack und Children Of Fall kommen mir diesmal auch noch At The Drive-In in den Sinn. Ich bin gespannt auf EP Nr.3.