Bandsalat: Adventurer, Deeper Well, Finding Harbours, Finte, Gulfer, Mørder, Oregon Trail, Sorry! We Are Silly

Adventurer – „Sacred Grove“ (Blue Swan Records) [Stream]
Wenn ihr mal wieder eine Band sucht, die melodisch-wuchtige Gitarren mit catchy Refrains und poppigem, aber kräftigem Clean-Gesang und wenigen Schrei-Einlagen kombiniert und dabei auch noch eine gute Figur abgibt, dann solltet ihr mal das Debutalbum von Adventurer anchecken. Die drei Freunde aus Detroit/Michigan klingen stark nach einer Mischung aus Saosin, Thrice und Closure In Moscow. Die zehn Songs gehen jedenfalls runter wie Öl und lassen kein Fünkchen Langeweile aufkommen. Also, ich find’s sehr gelungen!


Deeper Well – „EP II“ (DIY) [Stream]
Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt. Die Gitarren am Anfang von Search haben mich neugierig gemacht und siehe da: dran bleiben lohnt sich manchmal. Drei eigene Songs und zwei Coverversionen sind auf dieser zweiten EP der Band aus Montreal/Kanada drauf. Und die machen Laune. Geboten wird rauer Emopunk/Post-Hardcore, der gut nach vorne geht und dabei noch schöne Melodien an Bord hat. Könnte Leuten gefallen, die sich eine Mischung aus Hot Water Music und Brand New Unit vorstellen können. V.a. die Gitarren haben’s in sich!


Finding Harbours – „From Spring To Fall“ (iwishicouldstay) [Stream]
Seit 2015 ist das Quartett aus Karlsruhe nun unterwegs, mit From Spring To Fall ist die mittlerweile zweite EP der Jungs erschienen. Die CD kommt im Pappschuber und hat eine Spielzeit von etwas über fünfzehn Minuten. Und bereits bei den ersten Durchläufen merkt man, wie eingängig und catchy die fünf Songs sind. Grob kann man die Band im Emopunk einordnen, Abstecher zum Post-Hardcore, Indie und Melodic Hardcore kommen ebenfalls vor. Mir gefallen in erster Linie die verspielten Gitarren und der harmonierende Bass, der auch manchmal in den Vordergrund rücken darf. Während die erste Gitarre eher schrammelig klingt, zockt die zweite eine entzückende Melodie drüber, dazu gesellt sich eine klare, melodische Stimme. Kommt schön melancholisch rüber, dazu passen auch die Texte ganz gut. Anhand der Aussprache des Sängers hört man durchaus deutlich, dass hier eine deutsche Band am Start ist. Und immer wieder kommen diese melodischen Passagen zum Zug, die einfach glücklich machen. Es gab mal eine deutsche Band, die ich auch heute noch absolut mag und an die mich Finding Harbours stark erinnert. Ohio’s Favorite lösten sich leider schon nach einer EP auf und auch wenn da eine Frau am Mikro stand, finde ich den Vergleich passend. Leider findet man im Netz keine Hörprobe der Band, die Homepage ist gespickt mit toten Links. Schade, dann halt noch ’ne Runde Finding Harbours, das ist auch nicht verkehrt. Müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Finte – „Ignoranz und Illusion“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band aus Hildesheim/Niedersachsen ordnet ihre Musik unter progressivem Posthardcore ein. Das trifft es eigentlich schon ganz gut. Bereits 2014 gegründet, hat das Quintett nun seine Debut-EP am Start. Auf dem Digipack, der mit einem undefinierbaren Albumartwork (Fels, Welle, Wolke?) ausgestattet ist, sind insgesamt vier Songs in etwas knapp über 20 Minuten zu hören. Lasst euch nicht vom Opener täuschen, denn hier präsentieren sich die Jungs von ihrer sonnigen Seite, hier geht es melodisch zur Sache, vom Gesang bis zur Gitarrenarbeit. Beim zweiten Song namens Mehr atmen wird es dann schon etwas chaotischer und zerfahrener. Beginnend mit fiesen Rückkopplungen groovt es ganz schön mächtig aus den Lautsprechern, zudem hat der Song einige Rhythmuswechsel und Frickelparts an Bord. Wurden die deutschen Texte im ersten Song hauptsächlich melodisch singend vorgetragen, gibt es hier fieses Geschrei und ein paar Gangshouts und Growls zu hören, die man jetzt eigentlich nicht erwartet hätte. Auch im nachfolgenden Halbwach geben sich Frickelparts und ein eingängiger Refrain die Klinke in die Hand. Im abschließenden Norwich wird es dann nochmals breit gefächert und abwechslungsreich, da hat die Band schon fast ein kleines Musiktheater geschaffen. Schade ist, dass die Gitarren etwas dünn abgemischt rüberkommen und der cleane Gesang an manchen Stellen zu sehr in den Vordergrund rückt, aber das ist eigentlich auch schon alles. Wenn ihr euch eine Mischung aus Fjort, The Hirsch Effekt, Wind und Farben und Coheed And Cambria vorstellen könnt, dann solltet ihr Finte mal antesten.


Gulfer – „Dog Bless“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die Band aus Montreal/Kanada ist auch schon ein Weilchen unterwegs und hat schon etliche Releases rausgehauen. Dog Bless ist jedenfalls Album Nummer drei und dem Sound merkt man an, dass die Band sicher jede Gelegenheit ergreift, um live irgendwo zu zocken. Gulfer machen eine eingängige Melange aus Emo, Math-Rock, Indie und etwas Post-Hardcore. Während die Gitarren zwirbeln was das Zeug hält, haut der Drummer ordentlich drauf und der Bass knödelt eigenwillige Melodien. Größtenteils bleibt alles ziemlich catchy mit cleanem Gesang, es wird auch mal heftig geschrien und beim Song Fading zwitschert sogar mal ein Vögelchen. Insgesamt gibt’s zwölf Songs auf die Ohren, darunter sind aber drei Füll-Zwischenspiele mit Nintendo-Gedudel. Bleiben also neun Songs, die es in sich haben. Anspieltipp: Baseball oder Judy Froster.


Mørder – „Selftitled“ (JanML Records) [Stream]
Braucht ihr mal wieder so eine richtig schöne Neo-Crust-Breitseite, die obendrein ziemlich melodisch und schön satt gemastert ist? Dann hab ich für euch genau das Richtige: Mørder aus Kiel. Die Band setzt sich aus ’nem Mädel und drei Typen zusammen, die zuvor bei Bands wie Armstrong, Bonehouse, Kalk, Vladimir Harkonnen und Pathfinders of Mosh ihr Handwerk gelernt haben und bei Mørder ihre Vorliebe für Crust der Marke Tragedy oder From Ashes Rise ausleben. Die Gitarren matschen sich schön melodisch ihren Weg, die Sängerin kotzt sich die Texte von der Seele, verstehen tut man hier rein gar nix. Aber das ist angesichts des wuchtigen Sounds auch eher zweitrangig, die Message wird schon stimmen. Laut der Eintragung auf der Bandcamp-Seite behandeln die wütend rausgekreischten Lyrics wahnsinnig machende Themen aus der Mitte der Gesellschaft, denen wir machtlos ausgesetzt sind. Dazu dieses druckvolle Mastering, für das mal wieder Jack Shirley die Regler gedreht hat. Ziemlich geiler Shit! Das Ding sollte ich mir eigentlich auf Vinyl besorgen!


Oregon Trail – „h/aven“ (Czar Of Bullets) [Stream]
Nach der Split mit Sxokondo, die ich seinerzeit beim Bandcamp-Surfen entdeckte, hab ich die Band Oregon Trail komplett aus den Augen verloren. Bis ich neulich – wieder beim Bandcamp-Surfen – auf das neue Release der Band aus Neuchâtel/Schweiz stieß und mir angesichts des dichten und düsteren Post-Hardcores erstmal die Spucke wegblieb. Was ist denn mit denen zwischenzeitlich passiert? Das 2015er Album hab ich dann auch schön verpennt, aber man muss auch erwähnen, dass die Jungs damals noch mehr nach Melodic Hardcore klangen. Mittlerweile haben sie sphärisch dichte Sounds, verbittert klingende Vocals und eine bedrückende Grundstimmung ihren Songs beigegeben. Wahnsinn, der Sound kommt auf der einen Seite treibend, melodisch und kraftvoll, nur um im nächsten Moment bedrohlich und in fast nicht auszuhaltend dichten ambientmässigen Zwischenparts zu landen, so dass die anschließende Soundwalze alles plattmacht. Wenn ihr auf diesen Ebullition/Gravity-HC steht und dabei auch so ’nen Sound im laut/leise-Stil mögt, dann dürfte dieses Album ein gefundenes Fressen für euch sein!


Sorry! We Are Silly – „Connection Lost“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ignoriert mal schnell den seltsamen Bandnamen. Wenn ihr das gleich hinbekommt, dann geht es ziemlich flott, dass man der Band aus der Lombardei/Italien ein Ohr abgewinnt. Die Jungs haben es jedenfalls drauf, emotional mitreißenden Post-Hardcore/Punk mit Indie und Grunge-Einflüssen zu machen. Fünf Songs könnt ihr euch hier zum Name Your Price Download ziehen. Die Gitarren pendeln zwischen matschig und veträumt verspielt, hört euch nur mal den geilen Song Crooked Nose an! Klar, das ist richtig Neunziger alles, aber absolut sympathisch!


 

City Of Caterpillar – „Driving Spain Up A Wall“ (Adagio 830)

Es war so um die Jahrtausendwende herum, als ich erstmals auf die Band City Of Caterpillar aufmerksam wurde. Damals bezog ich meine Plattentipps noch aus analogen Quellen, mit Vorliebe las ich US-Fanzines wie z.B. Law Of Inertia oder das Status-Zine und lernte dabei Juwelen wie Sharks Keep Moving, Threadbare, The National Acrobat, The Casket Lottery oder eben City Of Caterpillar kennen. Praktisch war damals natürlich, dass diesen Zines CD-Sampler beilagen, auf denen man die interviewten Bands auch noch hören konnte. Wer sich das nicht ausmalen kann: stellt euch einfach vor, dass ihr auf Bandcamp ’nen Sampler downloadet und den die nächsten paar Wochen rauf und runter hört, weil euer Datenvolumen aufgebraucht ist oder was auch immer. Was hab ich damals CD-Cover gebastelt, während ich den unzählig geilen Bands lauschte. Der unstillbare Hunger nach neuer und v.a. ansprechender Musik war danach bis zur nächsten Bestellung beim Mailorder zwar für’s erste befriedigt, von Übersättigung sprach damals aber noch niemand. Und eigentlich ist es angesichts der heutigen Entwicklung ja eher erstaunlich, dass eine Band mit einer Lebensdauer von gerade mal etwas knapp über zwei Jahren solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Zudem dürften nicht wenige der Bands aus dem aktuellen Screamo- bzw. Post-Hardcore-Bereich von der Band aus Richmond beeinflusst worden sein.

Dass City Of Caterpillar sich wieder zusammengefunden haben, hab ich neulich beim Stöbern in den OX-Reviews erfahren. Da wurde nämlich genau diese Platte hier besprochen, zudem bekam man in der Rezi die Info, dass die Band sogar im Jahr 2017 in Europa unterwegs war. Scheiße abermals, dass ich Lusche immer noch den Weg zum Fluff scheue, denn da konnte man sich ein Bild machen, ob diese Reunion mal nicht für’n Eimer war. Und so, wie es aussieht, ist sie das keinesfalls (wie man auf diesem Videomitschnitt hier vom Fluff Festival sehen kann).

Und dann ist da im Adagio-Bemusterungspaket diese dicke, schwere 12inch mit den vielen Buchstaben drauf. Nach dem Entschlüsseln des Worträtsel-mäßigen Artworks reibe ich mir erstmal ungläubig die Augen, denn das hier ist die Band, die ich immer mit der gefräßigen Raupe Nimmersatt in Verbindung brachte. Schwarzgelbe Raupe, roter Kopf, grünes Blatt. Frisst sich durch ein C, wandert unbeirrt weiter, bis sie beim R angelangt ist, dabei dürfte die ultradicke Plattenhülle der gefräßigen Raupe das geringste Hindernis sein. Klopft man auf den Karton, nachdem man das ebenfalls sehr schwere und in eine schwarze Hülle verpackte Vinyl samt Text-Poster aus dem Karton gefriemelt hat, purzelt doch glatt auch noch ’n Download-Code aus der Plattenhülle. Das Textposter ist wirklich groß, keine Ahnung wie die DIN-Bezeichnung lautet. Aber das Buchstabenmuster vom Cover zeichnet sich ab, wenn man das Textblatt gegen das Licht hält. Und man erfährt mal wieder, dass dieser satte Sound durch die magischen Hände von Jack Shirley entstanden ist. Ach so: auf der A-Seite bekommt ihr den epischen Song Driving Spain Up A Wall zu hören, der eigentlich noch aus der Schlussphase der Band stammt und damals nur live präsentiert wurde.

Auf Vinyl wirkt das neu aufgenommene Stück natürlich umso besser. Das ruhig gehaltene Intro erzeugt mystische Spannung, die wabernden und fast heulenden Gitarren im Anschluss haben was von ’ner Violine. Und dann, als man richtig eingelullt vom hypnotischen, rhythmischen Sound ist, setzt endlich nach fast der Hälfte des knapp elfminütigen Songs doch noch Gesang ein. Und das geschieht in alter Washington-DC-Manier. Verdammte Hacke, das hier müsst ihr euch auf Vinyl geben, das ist so intensiv, das bringt die Augen zum Glänzen! Kann man irgendwo zwischen Ambient und explosiver Apokalypse einordnen. Auf der B-Seite kommt dann noch ein im Jahr 2002 aufgenommender und bisher unveröffentlichter Song zum Zug, bei dem mich v.a die Bass-Parts ab der Hälfte des Songs in den Bann ziehen. Wow, hinter dieser Reunion dürften keine finanziellen Hintergedanken stecken, hier hört man die Spielfreude deutlich raus. Holt euch das Ding, falls ihr es noch nicht haben solltet.

9/10

Bandcamp / Adagio 830 / Bisaufsmesser


 

Arrowhead – „Maunder“ (lifeisafunnything)

Ist euch schonmal der Begriff „Diderot-Effekt“ unter die Ohren gekommen? Nun, unter einem Diderot-Effekt versteht man folgende Situation: der Kauf eines bestimmten Gegenstandes zieht einen weiteren Kauf nach sich. Kennt ihr alle. Man kauft sich eine braune Hose und plötzlich passt die lila Jacke nicht mehr farblich dazu, weshalb man dazu gezwungen ist, eine neue zu kaufen. Oder ein anderes Beispiel: man kauft sich diese hübsch aussehende 12inch von Arrowhead, deren Vinylfarbe so unheimlich schön Warnwesten-orange leuchtet, obwohl man aber gar keinen Plattenspieler besitzt. Auch wenn der 12inch ein Download-Code beiliegt, kommt ihr um den Kauf eines Plattenspielers nicht herum. Denn diese drei neuen Songs der Band aus Boston/Massachusetts entfalten erst mit dem Aufsetzen der Nadel so richtig ihre ganz besondere Magie.

Wenn der Schreiber dieser Zeilen irgendwas von „diese Pfeilspitze trifft förmlich mitten ins Herz“ oder „ein Traum in schwarz-weiß“ faselt, dann solltet ihr das verdammt nochmal sehr ernst nehmen…aber von vorn: als ich einst beim Bandcamp-Surfen auf die Bostoner Band und ihr Album A Collection Of What You’ve Lost aufmerksam wurde, konnte ich noch nicht ahnen, dass eines meiner Lieblings-Labels einige Zeit später eine Split-12inch der Jungs veröffentlichen würde. Besagtes Split-Release mit der Band Forever Losing Sleep hinterließ mit nur einem einzigen – aber hochintensiven Song – den dringenden Wunsch nach mehr. Dieser Wunsch wird mit Maunder mehr als erfüllt. Und ähnlich wie beim Diderot-Effekt hänge ich nun in so einer Art Schlaufe, der Heißhunger auf neue Songs ist jedenfalls erneut geweckt.

Drei Songs, 19 Minuten Spielzeit. Klassisches Artwork, drei düstere schwarz-weiß-Fotografien. Darunter sind diese sehr persönlichen Texte abgedruckt. Jedes Wort scheint auf der Waage des Lebens. Auffallend ist, dass die Songs analog zu den Fotos im Verlauf der Spielzeit immer düsterer werden. Die Songarragements strotzen vor Vielseitigkeit, so dass die Zeit wie im Nu vergeht, obwohl größtenteils im Midtempo musiziert wird. Nun, Hearth beginnt fast fröhlich mit diesen unverzerrten Gitarren und dem treibenden Schlagzeugspiel, bis man sich im Verlauf des Songs in einem Strudel voller Melancholie und Verzweiflung wiederfindet. Auch das nachfolgende Magnifying Glass hat seine Momente der Auswegslosigkeit und bewegt sich leise schlingernd in Richtung Abgrund. Anfangs noch optimistisch und sphärisch, baut der Song eine gewisse Spannung auf und wechselt fast schleichend und unbemerkt die Position, wie eine Sanddüne, Sandkorn um Sandkorn. Bis zum eingangs erwähnten Abgrund, der mit dem Wechsel auf die B-Seite und dem Beginn des achtminütigen Songs Fault Lines auswegslos seinen weiteren Verlauf nimmt. Hier dringen seelische Schmerzen aus dem dunklen Dickicht ans graue Tageslicht, hier ertönen Klangfelder, die wie traurige Erzählungen scheinen. Von der Stimmung her erinnert mich das an so Bands wie ganz frühe Eyehategod oder Graveyard Rodeo, so düster ist das. Aber natürlich ist Arrowhead vom Sludge meilenweit entfernt. Auf Maunder bekommt man es eher mit intensivem Post-Hardcore, Ambient, Post-Rock und Emocore zu tun. Und das vom allerfeinsten und abseits von jeglichen angesagten Trends! Das hier dürfte Fans von We Never Learned To Live, Envy, La Dispute oder The Saddest Landscape hellauf begeistern. Haltet euch also ran, die EP dürfte mit einer Auflage von 200 Stück schnell vergriffen sein!

9/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Cirrus minor​ & ​The Fourth Is Bearded – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Wieder mal zwei französische Bands, die mir absolut nichts sagen aber bereits seit einiger Zeit unterwegs sind. Liegt wahrscheinlich daran, dass beide Bands ohne Gesang auskommen. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid: die Musik beider Bands überzeugt auch ohne Gesang auf ganzer Linie, zudem ist das äußere Erscheinungsbild der 12inch vorzüglich anzusehen. Das Halfcut-Cover ist besiebdruckt, und zwar in Silber, so dass man sogar Glitzer an den Griffeln hat, wenn man das Ding aus der Schutz-Plastikhülle rausnimmt und dran schnuppern will. Aus dem Inneren flattert dann ein Downloadcode-Kärtchen und ein pinkes „Textblatt“ entgegen, auf welchem von beiden Bands in französischer Sprache abgedruckte Thankslisten zu lesen sind, zudem sind hier auch die beteiligten Labels aufgelistet: Dingleberry Records, Les disques du Hangar 221 und Emergence Records.

Die A-Seite  wird von dem Quintett Cirrus Minor in Beschlag genommen. Die Band stammt aus Evreux, einer kleineren französischen Stadt in der Normandie und bevor Cirrus Minor im Jahr 2013 das Licht der Welt erblickte, spielten die Mitglieder in Bands wie Scold For Wandering, As We Bleed, Alceste, No Junk Food und Mura Hachigu. Vielleicht klingelt es jetzt ja bei irgendwem, ich zumindest kenne außer Alceste und As We Bleed weder die anderen genannten Bands, noch ist mir Cirrus Minor jemals unter die Ohren gekommen. Die zwei Songs der Franzosen bringen es jedenfalls zusammen auf eine Spielzeit auf über zwanzig Minuten, so dass sich jeder Song bei einer Laufzeit von zehn Minuten einpendelt. Spätestens jetzt wird klar, dass wir es hier vermutlich mit einer instrumentalen Post-Rock/Post-Hardcore-Band zu tun haben. Und ja, in der Tat, außer ein paar gespenstischen Spoken Words-Einlagen gibt es auf dieser 12inch nur sehr gut abgemischte Instrumente zu hören, die sich zusammen teils mystisch, teils sphärisch, dann auch wieder hämmernd und explosiv anhören, so dass man sich wie ein zeitreisender Mensch fühlt, der verwundert die Klangwelten der verschiedenen Epochen entdeckt und sich dabei manchmal fürchtet, aber sich gleichzeitig auch wohl und geborgen fühlt. Flirrige Gitarren treffen auf verträumt gespielte Passagen, bis in einer wuchtigen Eruption auch mal runtergestimmte Gitarren und crashbeckenbetonte Drums die Post-Hardcore-Seite markieren. Das hier entfaltet erst auf Vinyl die ganze Macht!

The Fourth Is Bearded kommen aus Le Havre und wurden im Jahr 2011 gegründet. Mitglieder der Band spielten zuvor in Bands wie Taïga und  Liquid TV zudem sind einige Mitglieder auch noch bei Dog and Pony Show aktiv. Wie auch schon bei Cirrus Minor schwebt ein großes Fragezeichen über meiner Gehirnregion, die für die Speicherung von Bandnamen+Musik zuständig ist. Aber was solls. The Fourth Is Bearded scheinen trotz ihrer düsteren und traurigen Musik ziemlich lustige Typen zu sein, anders kann ich mir den Bandnamen nicht erklären. Stellt euch mal die ganzen französisch-sprachigen Leute an, die auf ein Konzert der Jungs gehen und dann von nichtsahnenden Dritten gefragt werden, wie denn nun die tolle Band da auf der Bühne heißt. Die bekommen nämlich mit Sicherheit ziemlich viel Feuchtigkeit ab, denn Lautstärke+Alkohol+die französische Aussprache des Bandnamens birgt die Gefahr eines Spucketröpfcheninfernos, haha. Nun, The Fourth Is Bearded dominieren die B-Seite mit nur einem einzigen Song, der aber knapp 15 Minuten auf den Plattenteller bringt. Das Stück beginnt sehr melancholisch, man wird regelrecht in den Bann gezogen. Ziemlich hypnotisch schraubt sich diese melancholische Stimmung hoch, bis sogar noch Schlagzeug und Bass mit einsetzen und das ganze gipfelt, indem überraschend plötzlich Gröhl-Vocals auftauchen, die sogar bis zum Ende des Songs erhalten bleiben. Auch wenn bei The Fourth Is Bearded Gesang dabei ist, gefallen mir bei diesem Release Cirrus Minor in Sachen Abwechslungsreichlichkeit ’ne Ecke besser.

Cirrus Minor Bandcamp [Stream] / The Fourth Is Bearded Bandcamp